»Aber dich selbst, du kleines, unvernünftiges Kind,« sagte die Mutter,

»das mir lieber ist als goldene Nüsse.«

»Schauerlich war es und beinahe prächtig,« sagte Emma.

»Lasse mir das Bild nicht vor die Augen, Vater, ich bitte dich -- -- was

hätte werden können!« sagte die Mutter.

»Sie lagen unter Reisigbündeln,« antwortete der Vater, »aber lasse uns

in das Haus gehen, ich werde dir alles erzählen, gib ihnen trockene

Kleider und etwas zu essen, daß ihr Blut wieder in gleichmäßige Bewegung

komme.«

»So kommt, ihr Kinder,« sagte die Mutter.

Sie wendete sich, um durch den Garten in das Haus zu gehen. Die Kinder

schlossen sich an. Sie führte alle drei, soweit dies möglich ist, an der

Hand. Dann folgte die Großmutter und der Vater, dann die Knechte.

Als man zu dem Haupteingange des Hauses gekommen war, wandte sich der

Vater zu den Knechten um, dankte ihnen, entließ sie, sagte, sie sollten

das, was sie tragen, an die rechte Stelle tun, sollen sich umkleiden,

sollen alle Arbeit ruhen lassen, und er werde ihnen ein Glas Wein zu

ihrem Abendessen senden.

»Und ich danke euch auch,« sagte die Mutter, die mit den Kindern bei

den Worten ihres Gatten vor dem Hause stehengeblieben war und sich

umwendete, »ich danke euch auch und werde es euch gewiß vergelten.«

»Es ist nicht nötig,« sagte der Altknecht, »wir haben nichts Besonderes

getan, als was unsere Schuldigkeit gewesen ist.«

Die Knechte fingen nun an sich zu zerstreuen.

Als sie auseinandergegangen waren, und man die Aussicht auf den Weg

hatte, auf dem man hergekommen war, sah man das braune Mädchen in

einiger Entfernung im Garten stehen.

Man hatte es bei dem ersten Anblicke des Vaters und bei seinem Empfange,

da man von den Knechten umstanden war, nicht beachtet, man hatte es im

Nachhausegehen, da die Knechte gerade hinter dem Vater, den Kindern und

der Großmutter gingen, nicht gesehen und hatte geglaubt, daß es nach

seiner Art schon längstens umgekehrt sein werde. Als die Kinder es

sahen, ließen sie von den Händen der Mutter los, hatten große Freude,

daß das fremde Kind in ihrem Garten stehe, liefen zu ihm hin und

sprachen zu ihm.

Die Mutter aber sagte: »Wer ist denn das?«

Der Vater sagte ihr, daß es das braune Mädchen von dem hohen Nußberge

sei und erzählte ihr, was es heute zu dem Schutze der Großmutter und der

Kinder getan habe.

Dann wendete er sich zu der Gruppe der Kinder und sagte: »Komme her, du

liebes Kind, wir werden dir sehr viel Gutes tun.«

Das Mädchen zog sich bei diesen Worten langsam von den Kindern zurück,

und da es ein Stückchen entfernt war, fing es zu laufen an, es lief

durch den Garten zurück, es lief um die Glashäuser herum und in dem

nächsten Augenblicke sah man es schon in der Sandlehne emporlaufen.

Die Kinder gingen wieder zu ihren Eltern zurück.

»Schade, daß das Kind nicht näher kommt und so scheu ist,« sagte der

Vater.

»Ich fange das Ding,« sagte ein Knecht.

Alle drei Kinder taten auf diese Aeußerung einen Angstschrei der

Abwehrung.

»Lasse das,« sagte der Vater, »das Mädchen hat meiner Mutter und meinen

Kindern heute den größten Dienst erwiesen. Darf man es überhaupt nicht

rauh behandeln, so darf man es jetzt um so weniger, so lange es sich

nicht schädlich erweist. Wir werden es schon auszukundschaften und zu

finden wissen, dann muß es gut behandelt werden, daß es Zutrauen

gewinnt, und wir werden die Art schon finden, wie wir das Kind belohnen

und ihm sein Leben vielleicht nützlicher machen können, als es jetzt

ahnt.«

Indessen war das Mädchen schon wie ein Hirsch auf die höchste Höhe

gekommen, war noch einen Augenblick in den Klippen sichtbar und war dann

verschwunden.

Der Tag neigte sich schon gegen den Abend, und man war nicht ohne

Besorgnis um das Kind, besonders, da die Großmutter erzählt hatte, daß

es an dem rechten Arm blute. Aber der Himmel war lichter, ein

schweigender Nebel stand an demselben, und es war kein Regen mehr zu

befürchten. Man mußte der Ansicht des Vaters beipflichten, daß das

Mädchen am besten aufgehoben sei, wenn man es seinem eigenen Ermessen

überlasse, daß es ein Waldgeschöpf sei, dem Berge und Hügel nichts

anhaben, und daß ihm, wenn man es suchen oder beobachten ließe, ein

größeres Ungemach zustieße, als ihm so bevorstehen könne.

Man ging nun in das Haus. Die Mutter hatte die Kinder in ein an der

Morgenseite des Hauses gelegenes, gut erhaltenes und gut verwahrtes

Zimmer gebracht, das sie auf die Nachricht des vorausgeschickten

Knechtes in Anbetracht der eingetretenen Kälte sogar schwach hatte

heizen lassen. Dort wurden die Kinder entkleidet, auf wenige Augenblicke

in ein warmes Bad getan und hierauf mit wohlgetrockneten und

durchwärmten Kleidern angetan. Weil sie durch die vorangegangene

Begebenheit aufgeregt waren, so gingen sie trotz der Müdigkeit selbst

beim Kerzenschein und, als sie das Abendmahl eingenommen hatten, noch

nicht zu Bette; und als die Großmutter sich umgekleidet hatte und wieder

zu ihnen hereinkam, saßen sie um den Tisch und knackten mit ihren drei

Nußknackern die Nüsse auf, die sie noch vorrätig hatten und die ihnen

die Großmutter gegeben hatte. Sie erzählten auch von dem Gewitter und

erzählten so, daß man sah, daß sie auch nicht die entfernteste Ahnung

von der Gefahr hatten, in der sie geschwebt waren. Sie nahmen die

Reisigbündel als etwas an, das sich von selber verstehe und das so da

sei, wie im Winter das warme Haus, daß sie nicht erfrieren.

Als man die Großmutter fragte, ob sie das Gewitter nicht hätte kommen

gesehen, antwortete sie: »Ich habe die Wolken nicht für ein Gewitter

gehalten, und da es zu regnen anfing, war es zu spät, den Wald zu

erreichen.«

Auf die Frage, ob sie die Wolken als Hagelwolken erkannt habe,

antwortete sie: »Ich habe wohl eine kleine Vermutung gehabt, daß aus den

Wolken Hagel kommen könnte; aber ich habe eine so dichte Haselstaude

ausgesucht, daß ein gewöhnlicher Hagel nicht durchgedrungen wäre. Nur

das braune Mädchen hat die Reisigbündel herbeigetragen.«

»Ich will den Anblick und das Bild dessen, was sich hätte zutragen

können, wenn die Bündel früher nach Hause geführt worden wären, in den

Hintergrund und in die Ferne rücken,« sagte der Vater zu der Mutter, »da

die Kinder den hohen Nußberg so lieben, da die Großmutter sie gern dahin

begleitet, und da es hart wäre, ihnen diese Freude zu rauben, so werde

ich ein Stückchen Landes dort kaufen und werde auf demselben ein

winziges, kleines Häuschen zum Schutze bauen. Wenn es auch fast gewiß

ist, daß die Kinder schon erwachsene Personen, ja vielleicht schon

Greise sein werden, ehe sich ein Hagelwetter wiederholt, wie das heutige

war, ja wenn auch in mehreren Menschenaltern, wie zu vermuten ist, kein

solches mehr kommen wird, so wie in den vergangenen Menschenaltern

keines verzeichnet ist, das so entsetzlich gewesen wäre, so würden in

deinem und meinem Gemüte doch immer Hagelwolken heraufsteigen, so oft

die Kinder auf dem hohen Nußberge wären. Bei einer Ueberraschung finden

sie in dem Häuschen Schutz, und wenn sie auf dem Heimwege ein Gewitter

sehen, so gibt auch der Wald die notdürftige Unterkunft, und wir dürfen

beruhigt sein, wenn sie auf jenem Wege gehen, besonders wenn man fleißig

auf die Wolken und den Himmel blickt.«

»Es ist häufig geblickt worden,« erwiderte die Großmutter, »aber wenn

Gott zur Rettung kleiner Engel ein sichtbares Wunder tun will, daß wir

uns daran erbauen, so hilft alle menschliche Vorsicht nichts. Ich habe

in siebenzig Jahren alle Wolken gesehen, die in diesem Lande sind; aber

wenn es heute nicht wie ein Nebel ausgesehen hat, der in dem Herbste

blau auf allen fernen Wäldern liegt, an den Rändern weiß funkelt, gegen

abend in die Täler und auf das Land heruntersteigt und morgens doch

wieder weggeht und die helle Sonne scheinen läßt: so will ich eine sehr

harte Strafe hier und dort erdulden. Und sind in dieser Zeit des Jahres

schon öfter Gewitter gewesen? Ein altes Wort sagt: Um das Fest der

Geburt der heiligen Jungfrau ziehen die Wetter heim, und heute ist es

sechs Wochen nach jenem Feste. Dein alter Vater wird sich in der

Ewigkeit wundern, wenn er es weiß oder wenn ich komme und es ihm sage,

daß nach Gallus ein so großes, außerordentliches Gewitter gewesen sei,

und daß es die Bäume und die Häuser zerschlagen habe. Es ist ein Wunder,

wie Gott in dem Haupte des braunen, wilden Kindes die Gedanken weckte,

daß es die Wolken sah und daß es die Bündel herbeitrug.«

»Ihr habt recht, teure Mutter,« antwortete der Vater, »es war das nicht

zu erwarten, was gekommen ist. Kein Mensch konnte erraten, was geschehen

würde, und es ist ein Glück, daß sich alles so gewendet hat. Wir waren

in dem Garten, die Knechte arbeiteten in den nächsten Gemarken, als es

donnerte. Da die ersten Hagelkörner fielen, konnten die Knechte nur

verwundert in die Scheune springen und wir in das Haus, und als es mit

Getose niederging, die Fenster, die Mauern und das Dach zerschlagen

wurde, fiel die Mutter ohnmächtig auf den Teppich des Fußbodens.«

»Der Mensch ist eine Blume,« sagte die Großmutter, »zuerst ist er ein

Veilchen, dann eine Rose, dann eine Nelke, bis er eine Zeitlose wird.

Und wer eine Zeitlose werden soll, der kann nicht als ein Veilchen

zugrunde gehen, darum war die dunkle Blume da, daß die lichten leben.«

»Nur die Annahme, daß es fast gewiß sei, daß ihr alle den dichten Wald

als Schutz gesucht habt und hinter einem dicken Stamme desselben

geborgen seid,« sagte der Vater, »konnte der Mutter und mir Trost geben

und die Verzweiflung abhalten.«

»Es wäre die dichte Haselstaude hinreichend gewesen,« antwortete die

Mutter, »aber weil sie nicht hinreichend war, waren die Bündel da, und

es war die Hand schon bestimmt gewesen, welche sie einst schneiden

mußte.«

»Als wir euch in dem Walde nicht errufen konnten,« sagte der Vater, »da

faßte auch mich das Entsetzen.«

»Ich sage dir ja,« erwiderte die Mutter, »daß die Hand schon bestimmt

war die Bündel zu tragen, so wie einmal der Fuß schon bestimmt war, daß

er durch den Wald zwischen Jericho und Jerusalem gehe, damit der

verwundete und geschlagene Mann, der dort lag, gepflegt und geheilt

werde.«

»Amen, teure Schwiegermutter,« sagte die Frau, »das ist ein

trostreicher, herzlindernder Glaube.«

»Gib dich ihm hin und du wirst dein Leben lang gut fahren,« antwortete

die alte Frau.

Die Kinder waren unterdessen in ihrem Geplauder fortgefahren, sie sagten

allerlei zu den Erwachsenen und unter sich und verstanden nichts von dem

ernsthaften Gespräche, das ihretwillen stattgefunden hatte.

Als es später geworden war, als doch schon der Sand in die schönen

Äuglein zu kommen anfing, wurden sie zu Bette gebracht. Blondköpfchen

hatte sein Schlafgemach neben dem der Eltern, Braunköpfchen hatte es auf

der entgegengesetzten Seite, und Schwarzköpfchen hatte sich noch von der

Großmutter nicht trennen können; es schlief in dem Gemache derselben und

entschlummerte, wenn das Auge der alten Frau sein Bett behütete, und

erwachte, wenn dasselbe Auge auf seine Lider schaute und ihr Öffnen

erwartete. Die zwei ersten Kinder wurden in ihre Schlafkämmerlein

geführt, Schwarzköpfchen wurde von der Großmutter auf den Arm genommen

und, nachdem man gute Nacht gesagt hatte, über den Gang in die

gemeinschaftliche Schlafstube getragen. Was die beiden Eltern vor dem

Bilde des Gekreuzigten gebetet haben, weiß niemand, weil es nur ein

eheliches Geheimnis ist, wenn sie ihre Freude oder ihren Schmerz vor

Gott ausschütten.

Am andern Morgen war ein kühler Tag. Wolkenhaufen zogen beständig von

der Gegend des Sonnenunterganges nach der des Sonnenaufganges, und wenn

man oft meinte, die Sonne werde jetzt durchbrechen, die Wolken sich

zerteilen und dem blauen Himmel Platz machen, so entstanden wieder neue,

deckten wieder die früher lichteren Stellen und zogen wieder gegen

Morgen. Es regnete aber nicht. Die ungeheuren Mengen von Schloßen,

welche auf die Gegend niedergefallen waren, verbrauchten Wärme, die

Kälte verdichtete daher beständig die in der Luft befindlichen Dünste

und erzeugte die unaufhörlichen Wolken.

Das erste, was der Vater am Morgen vernehmen ließ, war, daß er das

Innere der Glashäuser reinigen ließ. Die Schloßen wurden mit Schaufeln

auf Karren getan und in eine Grube gefahren, aus der einst Steine

gebrochen worden waren, und die der Vater wieder dadurch ausfüllen

wollte, daß er alle festen Abfälle des Hauses, wie Geschirrtrümmer, oder

des Feldes, wie ausgelesene Steine, in dieselbe werfen ließ. Der Hagel

wurde dorthin geführt, weil nirgends ein passender Ort für ihn war. Die

Gewächse, von denen man hoffen konnte, daß sie noch zu retten sein

könnten, wurden ausgelesen, die übrigen und die Scherben der Töpfe

wurden in obbesagte Grube gebracht. Auch wurden Knechte auf den Boden

des Hauses geschickt, um den Schaden dort zu untersuchen, und andere

mußten in Verbindung mit Mägden das Reisig von den zerschlagenen

Obstbäumen aus dem Garten wegräumen. Ein Bote wurde nach dem

Glasarbeiter geschickt. Der Vater besah die Bäume, ob manchen von ihnen

noch zu helfen sei. Wenn dieses wäre, so müßte bald dazu geschritten

werden, weil sonst der Herbst zu weit vorrückte, und die Kälte die

Wiederbelebungskraft der Bäume nicht wirksam werden ließe.

Die Kinder gingen in der Kühle mit der Großmutter in die Luft. Die

ungeheuer vielen kleinen Glastäfelchen, die an der Abendseite des Hauses

lagen, waren wie die kleinen, flimmernden Täfelchen, welche sie gern aus

den Steinen der Sandlehne und aus andern auslösten. Die Bäume des

Gartens erkannten sie aus den Stumpfen nicht und konnten sich nicht

erinnern, was der Stamm einst getragen habe. Im Freien sahen sie, wie

Menschen damit beschäftigt waren, die noch immer hie und da liegenden

Schloßenhaufen von den Vertiefungen der Felder wegzuschaffen. An dem

Wiesenbache, der zurückgetreten war, dessen Wasser sich aber noch immer

nicht geklärt hatte, sahen sie, daß die Weidenruten zerschlagen und

weggeschwemmt waren, daß sich Schlamm und Steine auf den Wiesenrändern

befanden, und daß tote Fische dalagen, die das Weiße des Bauches

emporzeigten.

Am Tage zuvor war es wie Sommer gewesen, jetzt war tiefer Herbst

eingetreten.

Nachmittags ging der Vater zu dem eine halbe Stunde Wegs entfernten

Pfarrer hinüber, dessen Pfarrhaus neben der kleinen Pfarrkirche war, und

fragte ihn wegen des braunen Mädchens.

Der Pfarrer wußte nichts. Es war kein Ding dieser Art in die Pfarr- oder

Schulbücher eingetragen und war auch nie unter den Pfarrkindern zu sehen

gewesen.

Der Vater ging nun zu dem Jäger, der oft durch Felder, Wälder und Fluren

strich und alle Dinge derselben kennen mußte.

Allein auch dieser wußte nichts.

Es seien Banden gewesen, sagte er, aber sie seien immer in den höheren

Bergen, die gegen Bayern hinüberziehen, gewesen und hätten sich längs

des Saumes aufgehalten, an dem sie durch die Länder gewandert sind. Sein

Nachbar aus den jenseitigen Gegenden wisse auch nichts.

Der Vater kehrte unverrichteter Dinge wieder heim.

Die folgenden Tage waren ebenso kalt und unfreundlich wie der

vergangene. Immer kamen Wolken, selten waren Sonnenblicke, und der Wind

wehte zwar nicht stark, aber rauh. Auf den Dächern waren die Arbeiter

und hämmerten die Latten und Schindeln fest oder setzten die Ziegel ein.

Die Glasarbeiter, die anfangs durch die viele Arbeit verhindert waren,

kamen endlich doch, und es wurde ihnen zur Herstellung aller Fenster

des Hauses und der Gewächshäuser der große Saal eingeräumt. Die

Maurer arbeiteten an der Außenseite des Hauses, damit noch alles in

vollkommenen Stand gesetzt würde, ehe die kalte Zeit käme und die

meisten Hausbewohner fortzögen. Der Vater war mit Beihilfe von Arbeitern

beschäftigt, die verwundeten Bäume zu verbinden oder die Stämme zu

überstreichen. Die Mägde mußten die Plätze vor dem Hause reinigen.

Endlich, da lange die Nachwehen des Gewitters angehalten hatten, kamen

noch tief im Herbste schönere Tage, die im Verhältnisse zur Jahreszeit

sehr warm genannt werden konnten.

Der Vater munterte die Kinder selber auf, auf den hohen Nußberg zu

gehen. Er sagte, er werde mitgehen, um etwa das braune Mädchen zu sehen.

Er möchte sich ihm gern dankbar beweisen.

Die Kinder gingen mit der Großmutter wie immer auf den hohen Nußberg.

Der Vater begleitete sie.

Sie gingen durch den Saum der Stumpfen hinein, die traurig dastanden und

die wohl den ganzen Winter so bleiben würden.

Das braune Mädchen sahen sie nicht.

Sie gingen bis zu dem Gipfel, sie gingen zu der alten, dicken

Haselwurzel, sie gingen endlich zur Stelle, wo sie Schutz vor dem Hagel

gefunden hatten. Die Reisigbündel lagen noch da. Der Vater schlug vor,

die Bündel mit vereinten Kräften auf den Platz zurückzutragen, von dem

sie genommen worden waren. Er fand den Platz nach einigem Suchen, und

man schaffte die Bündel wieder zu denen, von denen sie genommen worden

waren. Blondköpfchen konnte ein ganzes tragen und Schwarzköpfchen und

Braunköpfchen trugen eins miteinander, bei dem auch die Großmutter half.

Als alles geschehen war, blieb man noch lange auf dem Berge, man ging zu

dieser und jener Stelle und wartete. Aber das braune Mädchen erschien

nicht. Da ging man nach Hause.

Der Vater ging ein zweites Mal mit den Kindern auf den hohen Nußberg, er

zeigte ihnen die Stelle, wo er das Schutzhäuschen bauen wollte, und

wartete; aber das braune Mädchen kam auch dieses Mal nicht.

Und so ging er mehrere Male; aber das braune Mädchen war nicht zu sehen.

Da gingen die Kinder allein auf den hohen Nußberg und die Großmutter

ging mit ihnen.

Die Sonne schien warm, der Himmel war blau, das Heidebächlein war klar,

die grauen, flinken Fischlein spielten darin, und da die Kinder zu der

Grenze des Geheges kamen, lief das braune Mädchen durch die laub- und

zweigelosen Stumpfen der Haseln, Birken und Eschen daher und gesellte

sich zu den Kindern. Alle schauten sich mit freudigen Augen an, und da

die Kinder hingingen und den Arm des Mädchens und seine Bänder

berührten, da nahm es Blondköpfchens Haare in die Hände und drückte sie

fest, und nahm dann Schwarzköpfchens Locken und hielt sie.

Braunköpfchen, das mehr Mut bekommen hatte, weil es von dem braunen

Mädchen getragen worden war, nahm dessen Finger und hielt ihn, und das

braune Mädchen ließ es geschehen, es nahm dessen Hand und ließ es auch

geschehen. Es ging mit ihnen auf den hohen Nußberg empor, und sie

schauten ins Weite und Breite, und die Großmutter erzählte. Es redete

Worte und die Kinder verstanden sie. Sie gaben ihm Kuchen, Brot und was

sie sonst mitgebracht hatten. Das Mädchen hatte ihnen nichts zu geben

und hielt die leeren Hände hin.

Das braune Mädchen hatte denselben Anzug, den es immer gehabt hatte,

aber er war in jenem Gewitter sehr verdorben worden, er war unrein und

verknittert.

Die Großmutter erzählte ihnen von den Bäumen, die von dem Berge

herabgefallen waren und doch nicht aufgehört hatten zu leben -- dann

erzählte sie ihnen von den Königen mit den drei Sesseln -- dann von dem

Weizen, der nicht hatte blühen können -- dann sprach sie von den fernen

Ländern, deren hohe Gebirge man gar nicht mehr sehen könne -- und

endlich von den unbeschlagenen Wägen und Ackerwerkzeugen, mit denen man

vor Zeiten die Felder bestellt hatte.

Hierauf traten sie den Rückweg nach Hause an.

Die Sonne schien auch im Herabgehen warm, der Himmel war blau, die

Schatten waren lang, weil es schon tief in den Herbst ging, die Gräser

wurden gelb, und die grauen flinken Fischlein in dem klaren Bächlein der

Mulde spielten so lustig wie im Sommer.

Das braune Mädchen war mit ihnen gegangen. Es war mit ihnen den hohen

Nußberg herabgegangen, es war mit ihnen über das Bächlein gegangen und

ging mit ihnen über den grauen Rasen, durch den Wald, durch die Klippen

und über die Sandlehne herab. Und da man zu den Glashäusern des Gartens

gekommen war, da sagte es anmutige Worte und lief dann wieder über die

Sandlehne empor und ward nicht mehr gesehen.

Die Kinder erzählten den Eltern, daß das braune Mädchen nun dagewesen

und daß es mit ihnen gegangen sei.

Sie gingen nun, so oft es möglich war, auf den hohen Nußberg, das fremde

Mädchen kam immer und sie spielten und kosten. Sie brachten dem braunen

Mädchen schöne Sachen. Das braune Mädchen brachte ihnen auch bunte

Steine, es brachte ihnen verspätete Brombeeren, es trug in seinem Wamse

Haselnüsse herbei, die es im Sommer gesammelt hatte, oder brachte ihnen

die gefleckte Feder eines Geiers oder die schwarze eines Raben.

Wenn die Kinder nach Hause gingen, so ging das braune Mädchen immer mit

ihnen bis zu den Glashäusern, man hielt sich bei den Händen und

scherzte. Bei den Glashäusern liebkosten sie sich, und das fremde

Mädchen lief dann immer über die Sandlehne zurück.

Wenn es Nacht war und wenn die Kinder an dem Tische mit den Lichtern

saßen, da sprachen sie von dem fremden Mädchen und stritten, wer es

lieber habe.

Die Großmutter erzählte den Eltern von dem braunen Mädchen, und Vater

und Mutter achteten auf das, was sie sagte, und merkten es sich in ihrem

Sinne gar wohl.

Es wurde immer später und später im Jahre. Die Fäden, die auf dem Rasen

und zwischen dem Wacholder gesponnen hatten, waren verschwunden, die

Beeren der Moore, die in dem Sumpfgrase oder neben der schwarzen Erde so

rot und weiß geglänzt hatten, waren vergangen, die späte Preißelbeere,

die unter dem Schutze eines Steines oder eines Baumes von dem Hagel

verschont worden war, war dahin, ihr Kraut und das kräftige der

Heidelbeere war ein dürres Stengelbüschlein, der Wald wurde sehr

durchsichtig, die Berge waren rot, an den Morgen lag der weiße Reif auf

der Gegend, oder es war der lange Nebel da, und die Sonne, die spät kam,

konnte ihn kaum zerstreuen, die Hügelgipfel etwas blicken lassen und

dann untergehen; oder es kamen die frostigen Wolken, schütteten den

Regen in kleinen Tröpflein herunter, und wenn sie vergingen, war der

hohe, ferne Wald weiß bestäubt.

Da wurde eines Tages der große Wagen herausgeschoben, er wurde gepackt,

alles Nötige hineingetan, und in Mäntel und warme Kleider gehüllt

stiegen der Vater und die Mutter ein, es stiegen die Kinder ein und

fuhren davon.

Die Kinder weinten, als ob ihnen ein tiefer Schmerz und ein tiefer

Kummer angetan worden wäre.

Erst als sie schon weit gefahren waren, als sie schon durch Dörfer,

Marktflecken und Städte gekommen waren und Wälder und Flüsse gesehen

hatten, milderte sich die Trauer, sie sprachen und redeten

untereinander, bis sie in die große Stadt einfuhren, die hohen Häuser

mit den glänzenden Fenstern dastanden, dicht gedrängt die schön

gekleideten Menschen gingen, prächtige Wagen fuhren, und vor den

Verkaufsläden die schönen Waren und Kleinodien unter Glastafeln

funkelten. --

Da die weißen Hüllen über die Berge und Täler vergangen waren, da der

Himmel wieder öfter blau lächelte, als er trüb verhüllt war, da die

Sonne schon höher stieg und kräftiger niederleuchtete, kam der Wagen

wieder gegen den Hof in dem Hügellande gefahren, und Vater und Mutter

und die Kinder stiegen aus.

Es war noch kein Gräslein, es war kein Blättchen, die Felder waren

nackt, nur die Wintersaaten, die sich schon regten, legten grüne Tafeln

auf die braune Erde, und an manchem Morgen war es noch ein wenig

gefroren, daß der Weg zähe war, und an dem Rande vom Wässerlein

Eisspitzen glänzten: aber die Sonne schien sehr freundlich, sie siegte

alle Tage mehr und füllte alle Tage schöner die Zimmer der Kinder und

der Großmutter auf dem ländlichen Hofe mit Licht und Wärme.

Als man die Kleider der Stadt eingepackt hatte, als man die Kleider des

Landes aus den Kästen des Hauses hervorgetan hatte, fand sich, daß

manches geändert werden mußte. Die Säume der Kleider der Mädchen mußten

aufgelassen werden, daß die Kleider tiefer reichten, die Jacken von

Braunköpfchen mußten erweitert werden, und die Strohhütchen von

Blondköpfchen, von Schwarzköpfchen und von Braunköpfchen mußten weggetan

und es mußte um neue geschrieben werden.

Bunte Steine: Ein Festgeschenk · 第 19 / 25 段