Die Großmutter ging mit ihnen hinauf. Sie gingen wohl öfter, ohne das

braune Mädchen zu erblicken, aber einmal, als sie ihre Körbchen mit

Nüssen gefüllt hatten und an der Haselwurzel saßen, kam das Mädchen

wieder aus den Gebüschen, blieb wieder stehen und sah auf Blondköpfchen

hin. Es mochte wohl hinsehen, da es selber nicht die langen, blonden

Locken, sondern kurz abgeschnittene, schwarze Haare hatte. Als man es

nach einer Weile freundlich anredete, wich es nur ein wenig zurück,

lächelte, zeigte wunderbare, weiße Zähne, antwortete aber nicht. Die

Kinder blieben länger sitzen, die Großmutter sprach allerlei, und das

braune Mädchen stand und sah zu. Da man fortging, lief es nicht so eilig

davon wie die zwei ersten Male, sondern ging auch langsam auf einem

Wege, der den Kindern nahe war, den Berg hinunter und konnte einige Male

in den Gebüschen gesehen werden. Es hatte immer die nämlichen Kleider

an, die es das erste Mal angehabt hatte.

Der Vater erlaubte den Kindern gern, daß sie auf den hohen Nußberg

gingen, sagte aber, daß sie dem fremden Kinde nichts zuleide tun

sollten. Wenn sie oben waren, kam das Kind, blieb an dem Rande der

Gebüsche stehen und sah zu. Es lächelte recht freundlich, wenn man zu

ihm sprach, antwortete aber nicht. Wenn man fortging, ging es hinterher

bis an das Ende der Gebüsche.

Einmal erschien es auch mit einer weißen, abgeschälten Haselrute, wie

die Kinder hatten, und hielt die Rute hoch empor.

Ein anderes Mal, da die Kinder herabgingen und es hinter ihnen ging, und

die Kinder etwas langsamer gingen, näherte es sich ihnen immer mehr und

berührte endlich Blondköpfchen mit der Rute.

Nach und nach legte es sich auch in das Gras, wenn die Großmutter

erzählte, es stützte den braunen Arm auf den Ellbogen, das Haupt auf die

Hand und richtete die schwarzen Augen auf die Großmutter. Es verstand

die Worte, weil es in dem Angesicht die Empfindungen ausdrückte. Die

Kinder hatten es recht lieb.

Sie brachten ihm Spielzeug und Äpfel, legten sie zu ihm in das Gras, und

es nahm dieselben und steckte sie zu sich.

Da es nach und nach tief in den Herbst gegangen war, da keine Nüsse mehr

an den Zweigen hingen, da die Zweige sich schon mit Gelb färbten, die

geackerten Felder der Ferne schon das Grün der Wintersaaten angenommen

hatten, und die Tage kurz waren, daß man bald nach Hause gehen

mußte, war einmal ein gar heißer, schöner Herbsttag, wie kaum seit

Menschengedenken einer gewesen sein mochte. Die Kinder saßen wieder auf

dem hohen Nußberge, das braune Mädchen saß in dem Grase, und die

Großmutter saß auf einem Steine.

Es war ihnen wohl, in der späten, warmen Sonne sitzen zu können. Die

Züge der alten Frau waren beleuchtet, die Steine glänzten, an den Zacken

und Hervorragungen hingen gespannte silberne Fäden, und die roten Bänder

des braunen Mädchens schimmerten, wenn sie die Sonne an einer Stelle

traf, und sie hingen herab wie glühende Streifen.

Die Großmutter erzählte wieder von einer schönen Gräfin, die auf dem

Walle gestanden war und sich allein gegen die Bauern im Bauernkriege

verteidigte, als dieselben mit Gabeln, Dreschflegeln, Morgensternen und

andern Dingen das Schloß erbrechen und anzünden wollten, bis endlich von

fernen Landen ihr Mann kam und wie ein Sturmwind die Aufrührer

zerschmetterte und vertilgte.

An dem Himmel, da sie sprach, standen Wolken, die eine Wand machten und

mit den Bergen verschmolzen, daß alles in einem lieblichen Dufte war,

und die Stoppelfelder noch heller und glänzender schimmerten und

leuchteten.

Die Kinder blieben auf dem Berge. Sie spielten und hatten dem fremden

Mädchen liebliche Dinge mitgebracht.

Die Wolken aber wurden nach und nach immer deutlicher und an ihren

oberen Rändern waren sie von der Sonne beschienen und glänzten, als ob

geschmolzenes Silber herabflösse.

Die Hitze wurde immer größer, und weil man in ihr im Herbste müder wird

als im Sommer, so blieben sie noch immer auf dem Berge sitzen.

Die Großmutter schaute nach den Wolken. Wenn es Sommer gewesen wäre,

würde sie gedacht haben, daß ein Gewitter kommen könnte; aber in dieser

Jahreszeit war das nicht möglich, und es war daran nicht zu denken. Das

braune Mädchen sah auch nach den Wolken.

Wenn im üblen Falle ein leichter Herbststaubregen käme, dachte die

Großmutter, so macht das nichts, da die Kinder gewohnt seien, naß zu

werden, und da dies ihrer Gesundheit eher zuträglich ist.

Aber bald sollte sie anders denken. Man hörte aus den Wolken schwach

donnern.

Man wartete noch ein Weilchen, und der Donner wiederholte sich.

Die Großmutter überlegte nun, was zu tun sei. Zwischen dem hohen

Nußberge und dem Hofe ihres Sohnes war kein Haus und keine Hütte, man

konnte also nirgends eine Unterkunft finden. In dem Walde könnten wohl

die Bäume einen Schutz vor dem Regen gewähren, aber dafür waren sie

desto gefährlicher wegen des Blitzes und man durfte dort keine Zuflucht

suchen. Ob sie mit den Kindern noch vor Ausbruch des Gewitters nach

Hause kommen könnte, war zweifelhaft. Aber sie dachte, wenn auch das

Gewitter erschiene, so könne es auf keinen Fall in der späten Jahreszeit

stark sein, der Regen werde nicht in Strömen herabfließen wie im Sommer,

und so würde er leicht zu überstehen sein.

Indessen hatte sich die Gestalt der Wolken verändert. Sie bildeten eine

dunkle Wand und auf dem Grunde dieser Wand zeigten sich weißliche,

leichte Flocken, die dahinzogen. Es wurden auch schon Blitze in den

Wolken gesehen, aber die Donner, die ihnen folgten, waren noch so fern,

als wären sie hinter den Bergen. Die Sonne schien noch immer auf den

hohen Nußberg und die umringende Gegend.

Die Kinder fürchteten sich nicht. Sie hatten schon starke Gewitter

gesehen, wie sie in ihrem Hügellande vorkommen, und da Vater und Mutter

ihre Geschäfte ruhig forttaten, so waren ihnen Gewitter nicht

entsetzlich.

Das braune Mädchen war in der Nähe der Stelle, auf welcher sie gesessen

waren, hin und her gegangen. Es hatte unter manche Haselbüsche

hineingesehen, es hatte unter Wurzelgeflechte geblickt oder in kleinere

Erdhöhlungen geschaut.

Die Wolken hatten nach und nach die Sonne verschlungen. Die vielen

Haseln auf dem Berge lagen im Schatten, die anstoßende Gegend war im

Schatten, und nur noch die fernen Stoppeln gegen Morgen waren beleuchtet

und schimmerten.

»Ich weiß nicht, liebe Kinder,« sagte die Großmutter, »ob es nun auch

wirklich wahr ist, was meine Mutter oft erzählt hat, daß die heilige

Mutter Maria, als sie zu ihrer Base Elisabeth über das Gebirge ging,

unter einer Haselstaude untergestanden sei, und daß deshalb der Blitz

niemals in eine Haselstaude schlage; aber wir wollen uns doch eine

dichte Haselstaude suchen, deren Zweige gegen Morgen hängen und ein

Überdach bilden, und deren Stämme gegen Abend stehen und den von daher

kommenden Regen abhalten. Unter derselben wollen wir sitzen, so lange

der Regen dauert, daß er uns nicht so schaden kann, und daß wir nicht zu

naß werden. Dann gehen wir nach Hause.«

»Ja, so tun wir, Großmutter,« riefen die Kinder, »so tun wir.«

Sie gingen nun daran, eine solche Staude zu suchen.

Das braune Mädchen aber schoß in die Gebüsche und lief davon.

Nach einem Weilchen kam es wieder und trug ein Reisigbündel in den

Händen, wie man sie aus dünnern und dickern Zweigen und Stäben macht,

aufschichtet, trocken werden läßt und gegen den Winter zum Brennen nach

Hause bringt.

Es lief nun wieder fort und brachte zwei Bündel. Und so fuhr es mit

großer Schnelligkeit fort, daß die braunblassen Wangen glühten und der

Schweiß von der Stirne rann.

Während das braune Mädchen die Bündel trug, und die Kinder und die

Großmutter eine Haselstaude suchten, waren die Wolken, die früher so

langsam gewesen waren, nun viel schneller näher gekommen, und der Donner

rollte klarer und deutlicher.

Das braune Mädchen hörte endlich mit dem Herbeitragen von Bündeln auf

und begann aus denselben gleichsam ein Häuschen zu bauen. Es suchte eine

Stelle aus, die gegen Abend mit dichten Haseln umstanden war, stellte

Bündel gleichsam als Säulen auf, legte quer darüber Stangen und Stäbe,

die es von dem Bündelstoße herbeigetragen hatte, bedeckte dieselben

wieder mit Bündeln und häufte immer mehr und mehr Bündel auf, daß im

Innern eine Höhlung war, die Unterstand bot.

Da es fertig war und da die Großmutter und die Kinder auch bereits eine

taugliche Haselstaude gefunden hatten, unter derselben saßen und auf das

Gewitter warteten, ging es zu ihnen hin und sagte etwas, das sie nicht

verstanden. Darauf machte es ein Zeichen, weil es die Sache nicht mit

Worten sagen konnte: es hielt die linke Hand flach auf, hob die rechte

hoch, machte eine Faust und ließ dieselbe auf die geöffnete Hand

niederfallen. Dann schaute es auf die Großmutter und zeigte auf die

Wolken.

Die Großmutter ging unter der Haselstaude hervor und stellte sich auf

einen Platz, wo sie die Wolken sehen konnte. Dieselben waren grünlich

und fast weißlich licht, aber trotz dieses Lichtes war unter ihnen auf

den Hügeln eine Finsternis, als wolle die Nacht anbrechen. So wogten sie

näher, und bei der Stille des Nußberges hörte man in ihnen ein Murmeln,

als ob tausend Kessel sötten.

»Heiliger Himmel, Hagel!« schrie die Großmutter.

Sie begriff nun sogleich, was das Mädchen wollte, sie begriff die

Kenntnis und Vorsicht des braunen Mädchens, die es mit den Reisigbündeln

gezeigt hatte, sie lief gegen die Haselstaude, riß die Kinder hervor,

bedeutete ihnen zu folgen, das fremde Mädchen lief voran, die Großmutter

eilte mit den Kindern hinterher, sie kamen zu den Bündeln, das Mädchen

zeigte, daß man hineinkriechen sollte, Sigismund wurde zuerst hineingetan,

dann folgte Clementia, dann folgten Emma und die Großmutter nebeneinander,

und am äußersten Rande schmiegte sich das braune Mädchen an und hielt

die blonden Locken Emmas in der Hand.

Die Kinder hatten kaum Zeit gehabt, sich unter die Bündel zu legen,

und eben wollten sie lauschen, was geschehen würde, als sie in den

Haselstauden einen Schall vernahmen, als würde ein Stein durch das Laub

geworfen. Sie hörten später das noch einmal, dann nichts mehr. Endlich

sahen sie wie ein weißes, blinkendes Geschoß einen Hagelkern vor ihrem

Bündelhause auf das Gras niederfallen, sie sahen ihn hoch emporspringen

und wieder niederfallen und weiterkollern. Dasselbe geschah in der Nähe

mit einem zweiten. Im Augenblicke kam auch der Sturm, er faßte die

Büsche, daß sie rauschten, ließ einen Atemzug lang nach, daß alles

totenstill stand, dann faßte er die Büsche neuerdings, legte sie um,

daß das Weiße der Blätter sichtbar wurde, und jagte den Hagel auf sie

nieder, daß es wie weiße, herabsausende Blitze war. Es schlug auf das

Laub, es schlug gegen das Holz, es schlug gegen die Erde, die Körner

schlugen gegeneinander, daß ein Gebrülle wurde, daß man die Blitze sah,

welche den Nußberg entflammten, aber keinen Donner zu hören vermochte.

Das Laub wurde herabgeschlagen, die Zweige wurden herabgeschlagen, die

Äste wurden abgebrochen, der Rasen wurde gefurcht, als wären eiserne

Eggenzähne über ihn gegangen. Die Hagelkörner waren so groß, daß sie

einen erwachsenen Menschen hätten töten können. Sie zerschlugen auch

die Haseln, die hinter den Bündeln waren, daß man ihren Schlag auf die

Bündel vernahm.

Und auf den ganzen Berg und auf die Täler fiel es so nieder. Was

Widerstand leistete, wurde zermalmt, was fest war, wurde zerschmettert,

was Leben hatte, wurde getötet. Nur weiche Dinge widerstanden, wie die

durch die Schloßen zerstampfte Erde und die Reisigbündel. Wie weiße

Pfeile fuhr das Eis in der finstern Luft gegen die schwarze Erde, daß

man ihre Dinge nicht mehr erkennen konnte.

Was die Kinder fühlten, weiß man nicht, sie wußten es selber nicht.

Sie lagen enge aneinandergedrückt und drückten sich noch immer enger

aneinander, die Bündel waren bereits durch den Hagelfall niedergesunken

und lagen auf den Kindern, und die Großmutter sah, daß bei jedem

heftigeren Schlag, den eine Schloße gegen die Bündel tat, ihre leichten

Körperchen zuckten. Die Großmutter betete. Die Kinder schwiegen, und das

braune Mädchen rührte sich nicht.

Die Stumpfen der Haselnußstauden, die hinter den Bündeln waren, machten,

daß der Wind nicht in die Bündel fahren und sie auseinanderwerfen konnte.

Nach längerer Zeit hörte es ein wenig auf, daß man den Donner wieder

hören konnte, der jetzt als ein mildes Rollen erschien. Die Schloßen

fielen dichter, waren aber kleiner, und endlich kam ein Regen, der ein

Wolkenbruch war. Er fiel nicht wie gewöhnlich in Tropfen oder Schnüren,

sondern es war, als ob ganze Tücher von Wasser niedergingen. Dasselbe

drang durch die Fugen und Zwischenräume der Bündel auf die Kinder

hinein.

Nach und nach milderte es sich, der Wind wurde leichter, und der Donner

war entfernter zu hören. Das braune Mädchen kroch aus den Bündeln

hervor, stand auf und sah mit den schwarzen Augen unter die Bündel

hinein.

Die Großmutter stand auch auf und sah nach dem Himmel. Die Wolken hatten

sich gegen Aufgang gezogen, dort war es finster, und man hörte das

Niederfallen des Wassers und Eises herüber. Aber auf den Bergen gegen

Untergang war es lichter, lichtere graue Wolken zogen herüber und

zeigten, daß der Hagel nicht mehr zurückkehren werde.

Die Großmutter zog nun zuerst Blondköpfchen hervor, dann Schwarzköpfchen,

dann Braunköpfchen.

Die nassen Kinder gingen unter den Bündeln hervor, und die Kleider

klebten an ihren Körpern. Das braune Mädchen hatte auch sein schönes

Gewand verdorben, es war naß und beschmutzt an seinem Körper. Das

Mädchen blutete an dem nackten rechten Arme. Weil es sich nicht ganz

unter das Reisig hatte hineinlegen können, so war es von einem Eisstücke

gestreift und geritzt worden. Da die Kinder hinzugingen, um es zu

betrachten, da die Großmutter es untersuchen wollte, wandte es sich ab

und machte eine Bewegung, als ob es sagen wollte, daß die Sache keiner

Mühe wert sei.

Man richtete sich zum Fortgehen.

Die Großmutter nahm die zwei Körbchen der Mädchen und das Ledertäschchen

des Knaben, band alles mit einem nassen Tuche zusammen und trug es

selber, damit die Kinder leichter wären, damit sie sich beim Fortgehen

an sie anhalten und ihre Kleidchen aufheben konnten. Sie hielt sie bei

sich, daß sie nicht auf der nassen Erde und in den Hagelkörnern

ausgleiten und fallen könnten. Das braune Mädchen ging mit ihnen.

Die Kinder sahen, wie der Wind das dürre Gras, die Blätter und andere

Dinge in die Stämme der Haseln hineingeblasen hatte, sie sahen, wie

keine Büsche mehr auf dem Berge standen, sondern nur lauter dicke

Strünke, sie sahen, wie schier kein Gras war, sondern nur beinahe

schwarze Erde, die mit dem Wasser einen Brei machte. Und wo die Erde

nicht zu sehen war, dort lagen lauter weiße Haufen von Schloßen, wie im

Frühling die Schneelehnen liegen, wenn er auf den sonnigen Stellen schon

weggeschmolzen war. Wenn die Kinder eine Schloße anrührten, war sie sehr

kalt, und wenn sie dieselbe genau ansahen, war sie so schön wie eine

Glaskugel und hatte im Innern eine kleine Flocke von Schnee. Auf allen

Seiten des Berges rannen die Wasser des Regens nieder.

Die Großmutter gab sehr acht, daß die Kinder nicht gleiteten.

Der Regen hatte aufgehört, und es fiel nur mehr ein nasser Staub von dem

Himmel.

Sie kamen an den Rand des hohen Nußberges, und das braune Mädchen ging

dieses Mal mit ihnen auf den grauen Rasen hinaus.

Aber es war kein grauer Rasen mehr. Er war zerschlagen worden und war

schwarze Erde, so wie die Steine, die durch den Regen naß geworden

waren, schwarz erschienen. Da lagen große, weiße Strecken von Hagel.

Als sie zu dem Bächlein gekommen waren, war kein Bächlein da, in welchem

die grauen Fischlein schwimmen und um welches die Wasserjungfern

flattern, sondern es war ein großes, schmutziges Wasser, auf welchem

Hölzer und viele, viele grüne Blätter und Gräser schwammen, die von dem

Hagel zerschlagen worden waren. Es standen sonst immer kleine Gesträuche

an dem Bache, die im Sommer rote Blüten hatten und dann, wenn die Blüten

abgefallen waren, schöne, weiße Kätzchen bekamen. Von diesen Gesträuchen

schauten die Spitzen aus dem Wasser.

Die Großmutter ging zu dem kleinen, steinernen Brücklein, allein

dasselbe war nicht zu sehen, und man konnte die Stelle nicht erkennen,

an welcher es sei.

Da die Großmutter zauderte und sich bemühte, den Platz des Brückleins

aufzufinden, zeigte das braune Mädchen auf eine Stelle, und als man noch

immer zögerte, ging es ruhig und entschlossen gegen das Wasser. Es ging

in dasselbe hinein, ging durch dasselbe hindurch und ging wieder zurück,

gleichsam um den sichtbaren Beweis zu geben, daß man hindurchgelangen

könne. Weil ihm das Wasser nur gegen die Hüften reichte, sah man

deutlich, daß es auf dem Brücklein gehe.

Da es zurückgekommen war, bückte es sich sanft und freundlich gegen

Sigismund und streckte ihm die Arme entgegen. Der Knabe verstand die

Bewegung, er ließ die Hand der Großmutter los und begab sich in den

Schutz des braunen Mädchens. Dieses nahm ihn auf den Arm, er schlug

beide Ärmchen um den Hals desselben, und es trug ihn fest und sicher

schreitend auf das jenseitige Ufer.

Die Großmutter hatte Schwarzköpfchen auf den Arm genommen, hatte

Blondköpfchen fest an der Hand gefaßt und ging hinter dem braunen

Mädchen. Sie empfand bald an den Füßen, daß sie das Brücklein unter sich

habe und kam auch an das andere Ufer.

Als das fremde Mädchen Sigismund, und die Großmutter Schwarzköpfchen auf

die Erde gestellt hatten, mußten sie weitergehen. Sie sahen auf das

Wasser zurück. Die Spitzen der Gesträucher waren nicht mehr zu sehen,

und das Wasser war viel breiter geworden. Es eilte mit dem Holze, mit

dem Laube und mit den fremden, schwarzen Dingen, die auf ihm schwammen,

dahin.

Sie gingen nun auf dem Rasen aufwärts gegen den Wald. Sie mußten den

weißen Haufen von Schloßen ausweichen, sie mußten den Wässern

ausweichen, die in den Vertiefungen standen, und sie mußten den Bächen

ausweichen, die überall herabflossen. Daher mußten sie öfter von einem

Steine auf den andern springen, um fortzukommen, und öfter durch ein

fließendes Wässerlein gehen. Die Großmutter ließ ihre eigenen Gewänder

dem Wasser und dem Schmutze der Erde preis, um die Kinder zu wahren und

zu helfen, daß die Kleinen leichter fortkommen könnten. Das braune

Mädchen ging mit.

Als sie in die Nähe des Waldes kamen, sahen sie aus demselben Männer

heraustreten und über den Rasen herabeilen. Da dieselben gegen sie

herankamen, erkannten sie den Vater, der an der Spitze aller seiner

Knechte und Männer daherkam. Sie trugen Stangen, Stricke und trockene

Kleider.

Als der Vater näher kam, rief er: »Da sind ja die Kinder, Gott sei

gedankt, sie leben! Mutter, wo habt ihr sie denn geborgen?«

»Unter Bündeln dürren Reisigs,« antwortete die Großmutter.

Schwarzköpfchen und Braunköpfchen gingen in ihrem durch und durch nassen

Anzuge zu ihm hin, wie sie es am Morgen vor ihrem Frühmale zu tun

gewohnt waren, und küßten ihm die Hand. Blondköpfchen blieb stehen, weil

es schon begriff, daß das sich hier nicht schicke.

Der Vater nahm die Kinder zu sich auf, küßte sie auf die Wangen,

untersuchte sie und sagte: »Ihr armen Dinger!«

Das fremde Mädchen stand in der Ferne, wie es sonst an dem Rande der

Haselbüsche zu stehen gewohnt war, aufrecht und steif.

»Mutter,« sagte der Vater, »wir haben geglaubt, daß ihr in dem Walde

hinter einem dicken Stamme oder hinter einem Holzstoße werdet Sicherheit

gesucht haben. Darum gingen wir gleich nach dem Hagel in den Wald, wir

hatten trockene Kleider in einem Bündel mit, um die Kinder anzukleiden,

und suchten auch an allen Stellen neben dem Wege und riefen nach euch.

Da wir euch nicht fanden und da keine Stimme antwortete, sandte ich

schnell einige Knechte um Stangen und Stricke zurück, weil ich dachte,

ihr könntet etwa jenseits des Baches sein, der bei solchen Anlässen

immer sehr anschwillt, und wir könnten die Werkzeuge zum Durchdringen

des Wassers brauchen. Da die Knechte gekommen waren, gingen wir weiter.

Ich hatte große Angst, aber ich hatte auch große Hoffnung zu euch, liebe

Mutter, daß ihr werdet eine Stelle gefunden haben, euch alle zu

sichern.«

»Ich werde dir gleich erzählen, wie es gekommen ist,« sagte die Mutter,

»aber laß uns weitergehen. Die Kinder können hier nicht umgekleidet

werden, und in den nassen Kleidern dürfen sie nicht stehenbleiben. Wenn

sie gehen, wird ihnen wärmer, und die Nässe schadet nicht.«

»Und auch Ihr seid durchnäßt, liebe Mutter,« sagte der Vater.

»Ich bin ein Weib aus den alten Bergen unsres Landes,« antwortete die

Großmutter, »mir schadet die Nässe nicht. Ich bin naß geworden, mein

Kind, da ich kaum einige Jahre zählte, ich bin durchnäßt gewesen, da ich

ein Mädchen war, und wie oft habe ich tagelang nasse Kleider gehabt, da

ich schaffen mußte, weil du noch klein warst und der Vater schon

kränkelte. Aber schicke sogleich einen Knecht ab, daß er laufe, was er

kann, und die arme Frau zu Hause beruhige, die um die Kinder in Angst

vergehen wird.«

Der Vater tat es sogleich. Die Knechte waren bisher in einem dichten

Kreise um den Vater, die Kinder und die Großmutter gestanden. Nachdem

einer abgeschickt worden war, setzte man sich in Bewegung. Der Vater,

die Kinder und die Großmutter gingen voran, dann folgten die Knechte.

Der Vater führte Blondköpfchen und Braunköpfchen an der Hand, die

Großmutter Schwarzköpfchen. Sie erzählte ihm nun, was sich auf dem

Nußberge begeben hatte und wie sie bis zu der Stelle gelangt seien, an

der er sie gefunden habe.

»Aber du bist ja selber ganz naß,« schloß sie.

»Weil wir während des Wolkenbruches in den Wald hinaufgegangen sind,«

antwortete er, »da nur einmal der Hagel nachgelassen hatte.«

Sie kamen nun in den Wald und hier sah es zum Erschrecken aus.

Wie man eine Streu aus Tannenreisern macht, wenn in einem Jahre wegen

Dürre oder andern Unglücksfällen die Halme nicht geraten, so lagen auf

dem ganzen Boden die Tannenzweige gehäuft, mancher starke Ast lag

mehrere Male getroffen und also gebrochen darunter, an den Stämmen waren

Risse der Rinde sichtbar, daß hie und da das weiße Holz hervorstand, und

durch den Wald war ein feiner Harzgeruch verbreitet, wie er ist, wenn

Nadelholz gesägt oder gespalten wird. Die Schloßen lagen mit der

Tannenstreu untermischt und von ihr bedeckt und hauchten eine unsägliche

Kälte unter den Stämmen aus, welche im Freien draußen nicht so empfunden

worden war. Der Vater und die Knechte mußten den Weg suchen, weil er mit

Streu bedeckt und nicht zu sehen war.

Aus dem Walde kam man wieder in das Freie und ging bis zu den Felsen

nieder, von denen aus man das Haus und die Felder sehen konnte.

Der Garten war verschwunden, nur einzelne Stämme mit verstümmelten Armen

standen empor. Das Grün war dahin, und die Felder jenseits des Gartens

sahen aus, als wären sie schlecht geeggt worden.

Der Vater ging mit den Kindern in der Sandlehne nieder.

Da sahen sie, daß alle Fenster der Glashäuser zerstört waren und daß im

Innern an der Stelle, wo die Blumen in Töpfen und Kübeln gestanden

waren, weiße Haufen von Schloßen lagen. Die Fenster des Hauses, welche

gegen Abend schauten, waren zertrümmert, die Ziegeldächer und die

Schindeldächer waren zerschlagen, daß sie teils wie ein Sieb aussahen,

teils große, ausgebrochene Stellen hatten, durch die das innere Bauholz

hervorsah. Die Verzierungen und der Anwurf der Mauern waren an der

Wetterseite heruntergeschlagen, daß die Mauern nicht etwa wie neu, ehe

der Anwurf geschieht, sondern wie mit Hämmern ausgeschlagen dastanden.

Als sie gegen das Ende der Sandlehne kamen, sahen sie eine weiße Gestalt

durch den ehemaligen Garten eilen, durch nasses Gras, durch Schloßen,

über die herabgestürzten Baumäste laufen und ihnen an der Ecke der

Glashäuser begegnen.

Es war die Mutter.

Sie lief gegen die Kinder und sah sie an.

Auf den Wangen der Kinder war durch das Gehen ein schöner, rosiger Hauch

erblüht und ihre Haare lagen wohl naß und zusammengeklebt, aber

wunderschön um ihr Antlitz.

»Vater, Vater,« schrie sie, »du hast sie mir gebracht.«

»Ja, ohne Makel, ohne Beschädigung,« erwiderte er.

»Mein Gott, mein Gott, du bist gütig, daß du mir sie gegeben hast. O

Clementia, o Emma, o Sigismund!« rief die Frau.

Sie riß die Kinder an sich, sie drückte sie, herzte sie und hatte alle

drei in ihren Armen.

»Mutter, wir haben keine Nüsse gebracht,« sagte der Knabe.

Bunte Steine: Ein Festgeschenk · 第 18 / 25 段