Da die Sonne schon sehr warm schien, da man schon begann, die

Sommerfrucht in die geeggte Erde zu säen, da es schon trocken war, und

in der Frühlingssonne die Flimmer der Steine und Felder funkelten,

begehrten die Kinder auf den hohen Nußberg. Die Großmutter legte ihnen

wärmere Kleider an, als sie sonst im Sommer hatten, tat selbst wärmere

Gewänder an und führte sie auf den hohen Nußberg. Sie hatten ihre

Haselruten mit den Haken nicht mit, wie sie dieselben überhaupt nie

mitnahmen, als wenn die Nüsse reif waren. Sie trugen nur ihre Körbchen

am Arme. Sie gingen über die Sandlehne empor, sie gingen durch die

Felsen und den Wald. Als sie über die graue Heide gingen, lief ihnen das

braune Mädchen von weitem entgegen. Sie freuten sich, sie jubelten, sie

liebkosten sich, und Braunköpfchen schlang seine zwei Ärmlein um den

Nacken des braunen Mädchens und hielt ihn fest.

Aber nicht bloß an den Kindern war, während sie abwesend gewesen waren,

eine Veränderung vorgegangen, sondern auch das braune Mädchen hatte sich

verändert. So wie man bei ihnen die Säume der Kleider hatte auflassen

müssen, daß sie ihnen wieder recht wären, so waren dem braunen Mädchen

seine grünen Höschen zu kurz geworden; es war größer und schlanker

geworden und ließ seine nackten Arme dicht an seinem Körper hinabhängen.

Die vielen schwarzen Haare, die ihm immer abgeschoren waren, trug es

jetzt nicht mehr so, sondern es hatte auch Locken bis auf den Nacken

hinab, wie sie die Kinder bisher gehabt hatten.

Sie gingen auf den Nußberg, sie gingen weit und breit herum, sie sahen

alle Stellen und sahen auf die Berge des Landes hinaus.

Auf der Erde war noch kein neues Gras, aber sie war trocken; an den

zerschlagenen Ästen war kein Laublein, aber die reine Luft war um sie,

und die Sonne schien hold auf sie hernieder.

Als die Kinder nach Hause gingen, ging das fremde Mädchen bis zu den

Glashäusern mit ihnen und lief dann zurück.

Die Kinder kamen nun wie immer oft auf den hohen Nußberg, und das fremde

Mädchen erschien häufig.

Nach und nach lockte die Sonne die grüne Farbe auf die Erde. Die Wiesen

wurden grün, und die Unzahl der gelben, weißen, roten, blauen Blümlein

mischte sich darunter. Die Felder wurden grün, weil die junge Saat

hervorsproßte und die hellgrüne Farbe zeigte, und weil die Wintersaat

weiter wuchs und die dunkelgrüne beigesellte. Der Vater hatte viele

Pflanzen und Gewächse kommen lassen, und sie standen jetzt neben den

noch erhaltenen in den Glashäusern, und es war, als ob nie ein Schaden

angerichtet worden wäre. An den verstümmelten Bäumen wuchsen zahlreiche

kleine Zweige hervor, die so schön waren und so lebhaft wuchsen, als

wäre das Abschlagen der Zweige kein Unglück gewesen, sondern als hätte

ein weiser Gärtner dieselben beschnitten, daß sie nur desto besser

emportrieben. An den Zweiglein, die der Vater vielen abgeschnittenen

Ästen eingepfropft und die er mit Pflastern verbunden hatte, prangten

zwei oder vier große Blätter. Im Walde, im Gestrüppe oberhalb der

Sandlehne, ja sogar auf der grauen Heidemulde war alles tätig. Die

Zweige sproßten als müßten sie eine Versäumnis einbringen, sie drängten

sich und strebten empor. Endlich, da die Erde weithin grün war, da die

Zweige sich verlängert hatten, kamen auch Blüten, sie kamen später und

waren weniger als in andern Jahren, aber sie waren da und waren fast

noch zutraulicher und lieblicher als in früheren Zeiten.

Einmal in der Fülle des Frühlings, da alles blühte und duftete und sich

das menschliche Herz erfreute, da die Kinder von dem hohen Nußberge nach

Hause gingen, das braune Mädchen sie begleitete, und man bis zu den

Glashäusern gekommen war, hatte Blondköpfchen mit ernsten Augen die Hand

des braunen Mädchens gefaßt. Braunköpfchen hatte es am Arme genommen.

Blondköpfchen sah dem braunen Mädchen in das Angesicht und sagte: »Komme

mit, komme mit.«

Braunköpfchen sagte auch: »Komme mit, komme mit.«

Das braune Mädchen sah die Kinder an und tat einen Schritt vorwärts.

Braunköpfchen war außerordentlich erfreut, es ging einen Schritt voraus

und sagte lockend: »Komme mit, komme mit.«

Das braune Mädchen ging zögernd nach. Es ging von den Glashäusern gegen

die Bäume vorwärts, es ging auf dem Kieswege durch das Grün des Gartens,

es ging über den Sandplatz vor dem Hause, es ging über die Treppe empor

und stand auf dem Teppiche des Besuchzimmers.

Es war in dem Zimmer niemand zugegen. Die Großmutter ging gleich, da man

die Treppe emporgekommen war, in ein anderes Gemach.

Das fremde Mädchen stand und öffnete seine großen Augen noch mehr und

schaute auf den Spiegel an der Wand, auf die Uhr, auf den Schrein, auf

welchem schöne Gefäße standen, auf Tische und Stühle und Sessel und auf

den wunderbaren Teppich.

Die Kinder liefen und brachten süße Milch in einer Schale und brachten

feines Weizenbrot und silberne Löfflein. Das fremde Kind trank die Milch

aus der Schale, nahm ein Stückchen Brot in die Hand, biß davon ab und

verzehrte es so.

Die Kinder brachten ihre Spielzeuge und zeigten sie. Das braune Kind

wußte damit nichts anzufangen. Die Kinder brachten auch ihre Nußknacker,

ihre schöneren Kleider und ihre Bänder.

Endlich kam auch die Mutter in einem feinen weißen Anzuge und trug

gezuckerte, eingemachte Früchte auf einer Tasse und bot dem fremden

Mädchen davon an.

Das braune Mädchen wich zurück, bis es mit dem Rücken aufrecht an der

Wand stand. Es rührte keine Hand, es blickte die Früchte an und ließ die

Arme an dem Körper herabhängen.

Da wendete sich die Mutter wieder um und ging, ohne weiter ein Wort zu

reden, aus dem Zimmer.

Die Kinder traten zu dem fremden Mädchen, liebkosten es, es gab die

Liebkosungen zurück, und nachdem dies ein Weilchen gedauert hatte,

nachdem man geredet, nachdem das fremde Kind geantwortet hatte, und da

es die Augen immer auf die Tür geheftet hielt, liefen alle zur Tür

hinaus, liefen über die Treppe hinab, liefen durch den Garten, und

hinter den Glashäusern lief das fremde Mädchen dann allein über die

Sandlehne empor.

So wie es an diesem Tage gewesen war, war es wieder einmal an einem

andern. Da die Kinder auf dem Nußberge gewesen waren, da das fremde

Mädchen zu ihnen gekommen war, da man nach Hause gegangen und bei den

Glashäusern angekommen war, hielt Braunköpfchen das fremde Mädchen an

dem Arme, zog es nach sich und bat, daß es mitgehen möchte. Das braune

Mädchen ließ sich ziehen, es folgte dem Knaben willig, man ging durch

den Garten, man ging über die Treppen, und man ging dieses Mal in das

Spielzimmer der Kinder. Dort ließ sich das braune Mädchen gar bewegen,

sich niederzusetzen. Es saß an der Seite des Knaben, es ließ sich von

ihm Kuchen, gedörrte Pflaumen, Milch, Butter und Honig geben. Als man

gegessen hatte, als man einen Kreisel gezeigt, und als man einen

Federball versucht und ein Bilderbuch aufgeschlagen hatte, ging man

wieder fort, die Kinder begleiteten das braune Mädchen bis an die

Glashäuser, küßten und herzten es dort wie immer, nahmen Abschied und

ließen es über die Sandlehne emporgehen.

Indessen war der Sommer vorgerückt. Der hohe Nußberg hatte sich über und

über mit grünen Zweigen bedeckt. Wie es in dem Garten des Vaters gewesen

war, so geschah es auch hier. Die zerschlagenen Stämme der Haseln, der

Birken, der Eschen, der Erlen suchten durch ihren steigenden Saft die

verlorenen Äste zu ersetzen und trieben Zweige, die schnell wuchsen,

dick wurden und Blätter hatten, deren Größe und dunkle Farbe nie vorher

auf dem Nußberge gesehen worden war. Die wenigen Äste, welche von früher

übriggeblieben waren, bedeckten sich mit Nüssen, die in dicken Knöpfen

und enge geschart an den Zweigen saßen, als müßten diese die Pflicht der

verlorengegangenen Äste übernehmen und soviel Nüsse, als sie nur immer

könnten, auf die Welt bringen. Dieselben waren noch grünlich und

weißlich, fingen aber bereits an, sich mit einem sanften, roten Hauche

zu färben.

In der Zeit war auch das Schutzhäuschen des Vaters fertig geworden. Er

hatte ein Stückchen Landes gekauft, das an der Morgenseite des Berges

gelegen war, woher am seltensten ein Gewitter zu kommen pflegte. Er

hatte das Häuschen so gebaut, daß es gegen Mittag und Abend ein Fenster

mit eisernen Fensterläden hatte, und daß gegen Morgen die Tür war. Im

Innern stand an der Mitternachtseite ein Bänklein an der Wand, davor ein

Tischlein war. Es befanden sich noch Stühle und Schemel in dem Häuschen.

Die Kinder waren öfter, wenn sie auf dem Nußberge waren, zu der Stelle

gegangen, an der man arbeitete, und hatten zugeschaut. Auch das braune

Mädchen stand dabei und betrachtete, was da wurde.

Es war von außen nicht angestrichen oder angeworfen worden, sondern

sah so aus, wie die Steine oder die Steinhaufen aussehen, die auf dem

Nußberge liegen. Das Dach war mit dunkelbrauner Farbe gemalt. Im Innern

hatte es der Vater sehr schön grün machen und hatte in jeder Ecke ein

Sträußlein von wilden Rosen, von Kamillen und Zyanen malen lassen. Da

es fertig war, begleitete einmal der Vater die Kinder auf den hohen

Nußberg, um das Häuschen einzuweihen. Sie traten hinein. Die Kinder

waren außerordentlich erfreut, als sie das nette Zimmerchen und alle die

netten Dinge sahen. Die Großmutter hatte in ihrer Tasche eine Flasche

mit Milch, Kuchen, in einer Dose Butter und andere Dinge nebst dem

Tischgeräte mitgebracht. Sie deckte wie das wohltätige Weiblein den

Knappen Rolands ein weißes Tuch über das Tischlein, das so glänzte wie

die Blüten des Kirschbaumes, sie legte an jedem Sitze ein Tellerchen auf

das Tischlein, sie tat auf das Tellerchen ebenfalls ein weißes Tüchlein

und legte ein Löffelchen, Messerlein und Gabel zu jedem Teller. Dann tat

sie aus der Flasche Milch in das Milchtöpflein und legte einen silbernen

Schöpfer dazu, dann tat sie den reinen Honig auf die weißen Tassen, daß

er wie Gold in denselben stand, dann legte sie Butter auf einen Teller

und gab zu jedem Sitze ein feines weißes Brot. Die Kinder aßen nun in

ihrem Hause, und der Vater war ihr Gast. Da gegessen war, wurden die

Reste wieder weggeräumt und eingepackt. Die Kinder freuten sich über

dieses Vesperbrot sehr. Das braune Mädchen war an diesem Tage nicht

gekommen, und der Vater wunderte sich, warum denn das Mädchen immer

nicht komme, wenn er auf dem hohen Nußberge sei.

Die Kinder gingen nun dem Häuschen zulieb auf den Berg. Sie waren immer

in demselben, und wenn das braune Mädchen kam, mußte es mit in das

Häuschen gehen, auf einem Stühlchen sitzen und mit ihnen tafeln. Es

waren in der Zwischenzeit die Erdbeeren gekommen, und wenn die Kinder in

ihre Birkenrindentäschchen im Wald und an Rainen und oberhalb der

Sandlehne Erdbeeren gelesen hatten, so tat die Großmutter sie im

Häuschen auf einen der Teller, die in der Tischlade aufbewahrt wurden,

und man verzehrte vergnügt das Nachmittagsmahl.

Aber die Freude an dem Häuschen wurde nach und nach geringer. Die Kinder

gingen stets weniger hinein, und als eine Zeit vergangen war, schien es

gar nicht mehr da zu stehen. Sie saßen wieder an ihrer alten, dicken

Haselwurzel, und wenn sie nicht dasaßen, so gingen sie herum, waren in

den Gebüschen, lasen verschiedene Dinge und Steinchen zusammen und

sprachen mit der Großmutter.

Wenn das braune Mädchen kam, ging man früher als gewöhnlich nach Hause,

weil das Mädchen mitging, weil es mit den Kindern in ihre Stube ging und

dort bei ihnen war und aß und sprach und gegen Abend wieder fortzog.

Die Mutter ging bei solchem Anlasse öfter durch das Zimmer, aber sie

näherte sich dem braunen Mädchen nicht und sprach nicht zu ihm. Sie

hatte ein blasses Kleidchen angetan, wie Schwarzköpfchen eines anhatte,

ihre Locken waren in den Nacken gekämmt, wie Schwarzköpfchen hatte, so

daß sie ihm in allem glich und ein großes Schwarzköpfchen war. In dieser

Weise brachte sie einmal auf einem Teller viele große, schöne Erdbeeren,

die in dem Walde und auf der Heide nicht wachsen, sondern die der Vater

in eigenen Beeten, auf welche im Frühling Glas gelegt wird, zog. Die

Mutter hatte früher auf alle Plätze der Kinder an dem Tische Tellerchen

legen lassen. Sie ging zu dem Tellerchen Blondköpfchens, tat mit einem

Löffel Erdbeeren auf dasselbe, und Blondköpfchen begann zu essen.

Sie ging zu dem Tellerchen Schwarzköpfchens, tat Erdbeeren darauf,

und Schwarzköpfchen fing an zu essen. Sie ging zu dem Tellerchen

Braunköpfchens, tat Erdbeeren darauf, und Braunköpfchen aß sie. Sie ging

zu dem Tellerchen des braunen Mädchens, legte Erdbeeren darauf, und das

braune Mädchen begann zu essen. Dann ging sie wieder zur Tür hinaus.

Ein anderes Mal kam sie wieder, war wieder ein Schwarzköpfchen, brachte

allerlei Dinge und war unter den Kindern. So tat sie nun öfter, bis

das braune Mädchen auch mit ihr redete, sich immer mehr an das Haus

gewöhnte, mit den Kindern in der Stube spielte und mit ihnen auch im

Garten war. Da bekam es von der Mutter auch ein Kleid, welches wie das

frühere war, nur daß es viel schöner war, und daß es Ärmel hatte, die

bis zu den Ellenbogen herabgingen.

Der Vater bekümmerte sich jetzt wieder um die Herkunft des braunen

Mädchens. Er fragte Nachbarn und Bekannte, sie wußten gar nichts von

ihm. Er beschloß nun, die Landleute, die armen Häusler, die Holzhauer,

die Pechbrenner, die Waldhüttler zu fragen. Er ging deshalb auf den Berg

der Ahorne, der hinter der Grenze seiner Besitztümer emporsteigt, und

wo eine Hütte mit zwei alten Leuten war, die einen jungen Sohn hatten,

der Fässer und Bottiche machte und viel in die Wälder kam. Sie wußten

nichts. Er ging an dem Steingehege aufwärts und fragte bei den Hütten

der Steinbrecher. Das Kind wird wohl von weiter oben sein, war die

Antwort. Er ging weiter hinauf und fragte. Das Mädchen könne zu

den Heideleuten gehören, sagten sie. Er fragte an der Heide, sie

antworteten, das Mädchen komme etwa von den Moorhütten herab. Er fragte

an den Mooren. Sie wußten dort nichts. Er kam nun zu den hohen Wäldern.

Die Holzhauer und Pechbrenner sagten, es gäbe allerlei Leute. Und wenn

er das Mädchen beschrieb, so sagten sie insgesamt, sie hätten es schon

gesehen, und wenn sie das Mädchen beschrieben, so beschrieb es der eine

so, der andere anders, ein jeder auf seine Weise. Der Vater kehrte

wieder nach Hause.

Wenn die Mutter das Mädchen selber leise fragte, so war es still und

sagte nichts. Die Kinder fragten nie. So verging nun die Zeit.

Das Mädchen kam jetzt auch zuweilen allein zu dem Hause. Wenn man an

einem Morgen die Lehnen der Fenster öffnete, stand es naß in dem

betauten Grase des Gartens und wartete.

Wenn die Kinder lernen mußten, stand es dabei und sah zu. Plötzlich

konnte es einmal die Buchstaben sagen und konnte dann lesen. Es wurde

öfter um das Gelernte gefragt und zu weiterem Lernen veranlaßt.

Wenn die Großmutter mit den Kindern fortging, hing es sich so gut an die

Schürze derselben wie die andern Kinder und ging mit. Einmal über die

Nacht in dem Hause zu bleiben und sich in ein Bettlein zu legen, konnte

es nicht bewogen werden.

Und wie der Sommer immer vorrückte, wie das Getreide reifte und in die

Scheunen gesammelt wurde, und wie der Hafer goldig dastand, die leichten

Fäden zitterten, und die Hülse den weißen Schnabel aufsperrte, was immer

auch die Zeit der Reife der Haselnüsse ist, so gingen die Kinder im

Sonnenscheine mit ihren Haselruten auf den hohen Nußberg. Sie gingen

nachmittags, wenn sie ihre Aufgaben gelernt und ihre Schriften

geschrieben hatten. Das braune Mädchen hatte einen langen Stab, an dem

ein gut gerichteter Haken war. Sie gingen über die Sandlehne empor, sie

gingen durch die Felsen, durch das Gestrüppe und Geniste, sie gingen

durch den Wald, über die graue Heide und durch die grauen Steine, wo

wieder das Bächlein so lieb wie immer war, die Fischlein spielten, die

Wasserjungfern flogen, und die roten Blumen standen, die ein Samenhaus

voll weißer Wolle machen würden, sie gingen über das Steingerölle in das

Gehege der Nüsse. Sie mußten heuer sehr mühsam suchen, um die wenigen

Stellen zu finden, an denen jetzt Nüsse waren, sie riefen einander, wenn

sie sie fanden, und sie langten mit ihren Haken nach den bedeckten

Zweigen, und das braune Mädchen schwang sich empor und zog mit seinem

Stabe die höchsten Äste herab, daß Braunköpfchen die Nüsse sammeln und

in seine lederne Tasche tun konnte. Dann suchte man noch die lieben

Stellen des Nußberges, wo allerlei Dinge im Gesteine, im Sande und im

Gebüsche waren, und saß dann noch wie gewöhnlich an der alten Wurzel.

Und wie der Hafer endlich von den Feldern verschwunden war, wie die

Haselstauden sich entfärbten, und die Blätter sich runzelten und

rollten, wie auf den Hügeln die weißen Flecke der Stoppeln sich in

braune verwandelten, wie auf den Feldern nichts mehr als die Kartoffeln,

der Kohl und die Rüben, wie kein Apfel und keine Birne mehr in den

Zweigen der Bäume war, ja wie die Blätter schon von diesen Bäumen

abfielen, wie die Blumen, die der Vater vor dem Hause in Töpfen stehen

hatte, wieder in die Glashäuser gesammelt wurden, wie die blauen

Wacholderbeeren an den Wacholdersträuchern immer blauer wurden und die

grünen schwollen und sich mit einem Taue überzogen, wie wieder der

Fadensommer spann, und die Großmutter immer trauriger wurde und immer

zärtlicher die Locken aller Kinder streichelte: so wußten sie, daß die

Zeit da sei, daß sie bald scheiden mußten, daß der traurige Herbst und

die Nebel die Gegend bedecken werden, und daß sie lange nicht werden

beisammen sein können.

Als diese Zeit gekommen, als der letzte Tag vergangen war, an dem sie

noch beisammen sein konnten, nahmen sie, da das braune Mädchen fortging,

Abschied, sie umhalsten es und weinten, und Braunköpfchen schenkte dem

fremden Mädchen seine Bilderbücher und seine Trompete.

Und sie fuhren wieder fort, da die Großmutter voll Kümmernis bei dem

Wagen stand, da die Knechte und Mägde bei dem Wagen waren, da der Vater

noch mit weinenden Augen die faltenreichen Wangen der Großmutter küßte,

ihre Hand küßte, wie er auch noch in seinen Mannestagen tat, in den

Wagen stieg, und die Pferde die Räder in Bewegung setzten.

Es verging der lange Winter, und das Schneegestöber, das das Haus, den

Garten, die Glashäuser, die Sandlehne, den Wald, die Felder, den hohen

Nußberg, alle Berge und Wohnungen der Menschen eingehüllt hatte, hörte

auf, die Sonne kam wieder, die harten Winde gingen in mildere Lüfte

über, und der Vater, die Mutter und die Kinder kehrten wieder in ihr

Haus auf dem Lande zurück.

Sie fanden alles, wie sie es verlassen hatten. Die Großmutter war

gesund, alle Knechte und Mägde waren gesund, und alle Tiere des Hauses

lebten und waren fröhlich.

Das braune Mädchen war wieder größer geworden, und die schönen,

schwarzen Haare gingen noch in größerer Fülle und noch dichter auf den

Nacken herab. Die Kinder liefen ihm entgegen, als es in das Haus kam,

sie begrüßten es und gaben ihm die vielen Sachen, die sie ihm aus der

Stadt mitgebracht hatten.

Es ging nun das Leben auf dem Lande wieder an, sie waren beisammen, sie

lernten, sie arbeiteten, und da, wie es im vergangenen Jahre war, die

Gräser auf den Wiesen und Rainen sproßten, da die Schwalben kamen und

mit ihren braunen Kehlchen und dem weißen Bauche tief an dem Wege

dahinfuhren und wieder hoch in die Lüfte schossen, da das Rotkehlchen in

dem Gebüsche saß, mit dem Vorderleibe nickte und seine Stimme schmettern

ließ, da alle Bäume mit Blüten bedeckt waren, kleine Laubbüschel

bekamen, und nichts mehr von dem Unglücke des Hagels zu erblicken war,

da die Felder grün waren und die weißen Wolken darauf niederleuchteten:

da ging man wieder herum und ergötzte sich, wie man sich in früheren

Zeiten ergötzt hatte.

Das braune Mädchen war nun auch nicht scheu, wenn der Vater bei den

Kindern war, und es wich vor den Knechten und Mägden nicht zurück,

welche im Hause, im Garten und auf den Feldern herumgingen und

arbeiteten.

Da auf diese Weise der Sommer sehr weit vorgerückt war, da eines Tages

die Sonne schon gegen Untergang neigte, da die Kinder von ihrer

Wanderung heimgekehrt waren, ihr Vesperbrot gegessen hatten, das fremde

Mädchen schon fortgegangen war, und die Kinder mit der Mutter allein in

der Stube gegen den Garten hinaus saßen, weil der Vater verreist war:

geschah es, daß Blondköpfchen wiederholt sagte, es rieche etwas

unangenehm, als würden widrige Gegenstände verbrannt. Man sah überall

nach. Auf dem Herde war kein Feuer, in den Kaminen war auch keines, da

man in der Hitze des hohen Sommers keines brauchte. Auf den Feuerstellen

der Dienstmädchen war ebenfalls kein Feuer, an dem sie etwa Eisen zum

Glätten gehitzt oder irgend Wäsche oder dergleichen gesotten hätten. Man

schaute aus den Fenstern, alles lag ruhig und freundlich da, und nicht

einmal ein Rauch ging aus nahen und fernen Schornsteinen empor.

Die Mutter sprach mit den Kindern über die Sache, und man wunderte

sich, wie solche Eindrücke in die Sinne kommen können, Blondköpfchen

verteidigte sich, andere griffen es an, und wie man so redete, geschah

draußen ein Schrei, es geschahen sogleich mehrere, und wie alle an die

Fenster liefen, um zu sehen, was es gäbe, stieg ein dicker, qualmender

Rauchknäuel als schwarze, finstere Säule von dem Scheuerdache empor, er

wirbelte schnell, und gleich darauf schoß die blitzende Flamme zu ihm

hinauf, und während die Kinder und die Mutter noch schauten, lief es

geschäftig und prasselnd, als ob die Sommerhitze alles vorbereitet

hätte, in lichten kleinen Flämmchen von der Scheuer längs des

Dachfirstes der Stallungen und Wagenbehälter gegen das Haus hervor, mit

eins geschah ein Knall, wie wenn ein auf glühende Kohlen gelegtes Papier

plötzlich seiner ganzen Fläche nach Feuer fängt, und das ganze Dach der

Ställe und Wagenbehälter stand unter einer einzigen breiten, nach

aufwärts gehenden Flamme, das Scheuerdach aber war ein Körper von Glut

und von Flamme. Knechte und Mägde rannten unten herum und schrien, und

das Fichtenholz der Sparren und Latten krachte furchtbar unter dem

Feuer.

»Kinder! um mich!« schrie die Mutter.

»Mutter, Mutter, Großmutter, Sigismund, Clementia, Emma!« schrien die

Kinder.

Sie schossen in das Zimmer zurück, sie ergriffen Dinge, sie zu retten,

und wußten nicht, was sie taten. Sie nahmen eine Puppe, einen Lappen

oder sonst etwas, das ihnen in die Hände kam, ob es Wert hatte oder

nicht. Die Mutter hatte schnell einen Schreibtisch geöffnet, der in der

Nebenstube stand, hatte ein Kästchen aus demselben genommen, stürzte

wieder in die Stube zurück, raffte die Kinder, die mit Verschiedenem

beladen waren, zusammen und führte sie die Vordertreppe, die von dem

Feuer weggewendet war, hinunter ins Freie. Da sie die Haustür hinter

sich hatten, hörten sie erst recht das Brüllen, Wehen und Krachen der

furchtbaren Macht, die hinter ihnen auf der andern Seite des Hauses in

ihrem Eigentume herrschte. Die stille Luft drückte den Rauch nieder, der

sich an der Abendseite des Hauses lagerte, und durch den die

untergehende Sonne wie eine blutige Scheibe schien. Viele Leute, man

konnte nicht unterscheiden, ob es eigene oder schon herzugelaufene

waren, drängten sich wild durcheinander.

Die Mutter führte die Kinder nach der Morgenseite des Gartens. Da die

Hitze den nach aufwärts strebenden Wind erzeugt hatte, und derselbe die

feurigen Lappen, die aus brennenden Schindeln, aus Stroh, Heu oder

Linnen und Gewändern der Leute herstammten, wie frevelnde Geister in die

Luft hinauf und auseinander schleuderte, so mußte die Mutter die Kinder

vor dem fallenden Feuer zu sichern suchen, damit sich ihre Kleidchen

nicht entzündeten. Sie führte daher dieselben unter dichten Bäumen und

Gebüschen weg. Sie führte sie in die äußerste Laube an der Morgenseite

des Gartens, vor der zwei reiche Linden standen, die sogar jeden Funken

abhielten, der etwa in dieser Richtung hätte fallen können.

»Kinder, bleibt nun hier, entfernt euch ja nicht,« sagte die Mutter,

»was ihr auch hören mögt. Hier geschieht euch nichts, ich muß fort, ich

komme aber bald wieder. Bewahrt indessen das Kästchen.«

»Ja,« sagten die Kinder, »wir werden bleiben.«

Bunte Steine: Ein Festgeschenk · 第 20 / 25 段