Wenn nun nicht mehr der Vater und Mutter allein im Winter wegfuhren,

sondern auch die Kindlein, hatte die Großmutter nun mehr zu sorgen, sie

hatte für viere zu fürchten, und wenn sie kamen, fanden sie die Gelasse

für viere noch wohnlicher eingerichtet.

Die Kindlein wuchsen empor. Sie hatten einen unschuldigen Mund, rote

Wänglein, große Augen und eine reine Stirn, und das eine hatte um

dieselbe die blonden, seidenweichen Locken des Vaters, das andere die

schwarzen der Mutter.

Großmutter war ihre Gespielin, sie lockte sie in ihr Gemach, sie

siedelte sich mit ihnen im Garten an, in der schattigen Laube am Stamme

des Apfelbaumes oder in den Glashäusern oder an der Lehne des Sandes.

Da sie schon größer waren, da sie mit den Füßlein über Hügel und Täler

gehen konnten, da die Körperchen schlanker und behender emporzielten,

gingen sie mit Großmutter auf den hohen Nußberg. Wenn der Hafer

bleichte, und das Korn und die Gerste in der Scheune zur Ruhe war, dann

färbten sich die Haselnüsse mit braunen oder rosenfarbenen Wänglein.

Die Kinder hatten beide Strohhüte auf, sie hatten Kleider, aus deren

Ärmeln die Arme hervorgingen, sie hatten weiße Höschen und hatten

Schuhe, die so stark waren, daß sie das Gerölle des Berges nicht

empfanden. An der Hand trugen sie ein Körblein, in der andern eine weiße

Rute mit einem Haken, daß sie die Haselzweige herabbeugen konnten. Die

Rute war selber von einem Haselstrauche genommen und war abgeschält

worden. Sie gingen unter den Obstbäumen hin, sie gingen hinter den

Glashäusern in der Sandlehne empor, sie hielten sich mit den Händchen an

dem Geländer, und sie rasteten auf den Sitzen. Wenn sie in den Felsen

hinaufgekommen waren, saßen sie auf einem Bänklein oder auf einem Stücke

Stein, nahmen eine Stecknadel aus den Bändern ihres Hutes oder baten die

Großmutter um ein spitziges Messerlein, das sie in ihrer Armtasche

hatte, und gruben die kleinen feinen Blättchen und Flinserchen aus den

Steinen, die da staken und so funkelten und glänzten. Sie taten

dieselben in ein Papierchen und hoben sie im Schürzensäckchen oder in

der Armtasche der Großmutter auf. Die Großmutter wartete auf sie oder

half ihnen oder erzählte Geschichten. Wenn sie noch höher hinaufkamen,

da war wieder die Erde, und auf ihr war das Heidekraut und die Gräser

und Kräuter, und da stand auch ein Wacholderstrauch oder der Strunk

einer Birke, oder eine Distel. Und bei denselben saßen sie wieder nieder

und ruhten wieder. Sie waren die einzigen weißen Punkte, und um sie

waren die Hügel, die von den lichten Stoppeln der Ernte glänzten oder

von den gepflügten Feldern brannten oder von dem Grün der Gewächse, die

man nach der Ernte gebaut hatte, mannigfach gefärbt waren, da lagen die

Täler, die Wiesen mit dem zweiten Grün, oder ein glänzendes Wasser, es

erklommen die Wäldchen die Gipfel der Hügel, ein Erdbruch leuchtete, ein

Häuschen oder ein Gemäuer von Höfen schimmerte, und weit, weit draußen

lagen die blauen Berge, die mit den schwachen Felsen durchwirkt waren

und die kleinen Täfelchen von Schnee zeigten.

Da sie einmal in dem dürren Grase saßen und die hohen Halme wankten,

erzählte die Großmutter folgende Geschichte: »Wo dort hinter dem

spitzigen Walde die weißen Wolken ziehen, liegt das Hagenbucher Haus.

Der Hagenbucher war ein strenger Mann, und es konnte kein Dienstbote

bei ihm aushalten, und kein Knecht und keine Magd konnte die Arbeit

verrichten, die das große Haus verlangte. Sie gingen immer davon oder

er schickte sie fort. Einmal erschien eine große Magd mit braunem

Angesichte und starken Armen und sagte, sie wolle ihm dienen, wenn er

ihr nur die Nahrung gäbe und manchmal ein Tuch auf einen Rock und ein

Linnen auf ein Hemd. Der Bauer dachte, er könne es versuchen. Die braune

Magd waltete und wirtschaftete nun, als ob zwei gekommen wären, und aß

doch nur für eine und lernte immer besser schaffen und arbeiten. Der

Bauer dachte, er habe es getroffen, und die Magd war Jahre in dem Hause.

Einmal, da der Bauer zwei Ochsen zu verkaufen hatte, und da er sie in

einem Joche den Gallbruner Wald hinunter nach Rohrach auf den Viehmarkt

getrieben und verkauft hatte, nahm er das ledige Joch auf seine

Schultern und ging durch den Wald nach Hause zurück. Da hörte er eine

Stimme, die rief: 'Jochträger, Jochträger, sag' der Sture Mure, die

Rauh-Rinde sei tot -- Jochträger, Jochträger, sag' der Sture Mure, die

Rauh-Rinde sei tot.' Der Bauer sah unter die Bäume, er konnte aber

nichts sehen und erblicken, und da fürchtete er sich und fing so schnell

zu gehen an, als er konnte, und kam nach Hause, da ihm der Schweiß über

die Stirne rann. Als er beim Abendessen die Sache erzählte, heulte das

große Mädchen, lief davon und wurde niemals wieder gesehen.«

Ein anderes Mal erzählte die Großmutter: »Sehet, ihr Kinder, wo der

Gallbruner Wald aufhört, da geht ein fahles Ding empor, das sind die

Karesberge, und dort sind die Karesberger Häuser auf dem Grase und

zwischen den Steinen.

»Zu den Karesbergern kam einmal ein Wichtelchen und sagte, es wolle

ihnen die Ziegen hüten, sie dürften ihm keinen Lohn geben; aber abends,

wenn die Ziegen im Stalle wären, müßten sie ihm ein weißes Brot auf den

hohlen Stein legen, der außerhalb der Karesberge ist, und es werde es

sich holen. Die Karesberger willigten ein, und das Wichtelchen wurde bei

ihnen Geißer. Die Ziegen liefen des Morgens fort, sie liefen auf die

Weide hinaus und holten sich das Futter, sie kamen mittags mit den

gefüllten Eutern und liefen wieder fort, und kamen am Abende mit

gefüllten Eutern und gediehen und wurden immer schöner und vermehrten

sich, sowohl weiße als schwarze, sowohl scheckige als braune. Die

Karesberger freuten sich und legten das weiße Brot, das sie eigens

backen ließen, auf den Stein. Da dachten sie, sie müßten dem Geißer eine

Freude machen, und ließen ihm ein rotes Röcklein machen. Sie legten das

Röcklein abends auf den Stein, da die Ziegen schon zu Hause waren. Das

Wichtelchen legte das rote Röcklein an und sprang damit, es sprang wie

toll vor Freude unter den grauen Steinen, sie sahen es immer weiter

abwärts springen wie ein Feuer, das auf dem grünen Rasen hüpft, und da

der andere Morgen gekommen war, und die Ziegen auf die Weide liefen, war

das Wichtelchen nicht da, und es kam gar nie wieder zum Vorscheine.«

So erzählte die Großmutter, und wenn sie aufgehört hatte, so standen sie

auf und gingen wieder weiter. Sie gingen an den Gebüschen der Schlehen

und Erlen dahin: da waren die Käfer, die Fliegen, die Schmetterlinge um

sie, es war der Ton der Ammer zu hören oder das Zwitschern des

Zaunkönigs und Goldhähnchens. Sie sahen weit herum und sahen den

Hühnergeier in der Luft schweben. Dann kamen sie zu den weißen Birken,

die die schönen Stämme haben, von denen sich die weißen Häutchen lösen

und die braune feine Rinde zeigen, und sie kamen endlich zu den Eichen,

die die dunklen, starren Blätter und die knorrigen, starken Äste haben,

und sie kamen zuletzt in den Nadelwald, wo die Föhren sausen, die

Fichten mit den herabhängenden grünen Haaren stehen, und die Tannen die

flachzeiligen, glänzenden Nadeln auseinanderbreiten. Am Rande des Waldes

sahen sie zurück, um das Haus und den Garten zu sehen. Diese lagen

winzig unter ihnen, und die Scheiben der Glashäuser glänzten wie die

Täfelchen, die sie mit einer Stecknadel oder mit dem spitzigen

Messerlein der Großmutter aus dem Steine gebrochen hatten.

Dann gingen sie in den Wald, wo es dunkel war, wo die Beeren und

Schwämme standen, die Moossteine lagen, und ein Vogel durch die Stämme

und Zweige schoß. Sie pflückten keine Beeren, weil sie nicht Zeit

hatten, und weil schon der Sommer so weit vorgerückt war, daß die

Heidelbeere nicht mehr gut war, die Himbeere schon aufgehört hatte, die

Brombeere noch nicht reif war und die Erdbeere auf dem Erdbeerenberge

stand. Sie gingen auf dem sandigen Wege fort, den der Vater an vielen

Stellen hatte ausbessern lassen. Und als sie bei dem Holze vorbei waren,

das im Sommer geschlagen worden war, und noch ein Weilchen auf dem

Sandwege gegangen waren, kamen sie wieder aus dem Walde hinaus.

Sie sahen nun einen grauen Rasen vor sich, auf dem viele Steine lagen,

dann war ein Tal, und dann stand der hohe Nußberg empor.

Da gingen sie nun auf dem Rasen abwärts, der eine Mulde hatte, in dem

ein Wässerlein floß. Sie gingen zwischen den grauen Steinen, auf denen

ein verdorrtes Reis oder eine Feder lag, oder die Bachstelze hüpfte und

mit den Steuerfedern den Takt schlug. Und als sie zu dem Bächlein

gekommen waren, in welchem die grauen, flinken Fischlein schwimmen, und

um welches die blauen, schönen Wasserjungfern flattern, und als sie über

den breiten Stein gegangen waren, den ihnen der Vater als Brücke über

das Bächlein hatte legen lassen, kamen sie gegen den hohen Nußberg

empor.

Sie gingen auf den Nußberg, der ringsherum rund ist, der eine Spitze

hat, an dessen Fuße die Steine liegen, der die vielen Gebüsche trägt

-- die Krüppelbirke, die Erle, die Esche und die vielen, vielen

Haselnußstauden -- und der weit herumsieht auf die Felder, auf denen

fremde Menschen ackern, und auf weitere unbekannte Gegenden.

Großmutter hatte Schwarzköpfchen an der Hand. Blondköpfchen ging allein

und sprang über die Steine. Da sie zu dem Nußberge kamen, gingen sie

unter das Gehege hinein, die Großmutter bückte sich, Blondköpfchen

bückte sich auch, es bückte sich sogar Schwarzköpfchen, und sie kamen

zu den Gebüschen der Nüsse. Da waren nun sie und viele andere Dinge auf

dem Berge. Es waren die rötlichen Mäuslein, die auch Nüsse fressen,

die unter den Wurzeln die trockenen Gänge bohren, in welche sie die

Sämereien des Berges und andere Dinge zu Mahlzeiten tragen, in welche

sie Halme und Heu für die Nester der Jungen tragen, und in welchen sie

die Nüsse mit den Zähnen benagen, um zu dem süßen, kräftigen Kerne zu

gelangen -- da war der flüchtige Häher, der mit den Flügeln, in die er

die blaugestreiften Täfelchen eingesetzt hat, durch die Äste dahinflog

-- da war das Eichhörnchen, das über den Rasen schlüpfte und auf einem

hohen dicken Aste hielt, die Vorderpfoten an den Mund nahm und emsig

nagte, -- und wer weiß, was noch da war, seine Freude und Lust auf dem

hohen Nußberge zu suchen, was Flügel hat, oder wie die Wiesel und

Iltisse in der Sandgrube lief.

Es standen die grünen Äste zu dem blauen Himmel empor, und Blätter

und Nüsse starrten an ihnen, bald einzeln, bald zwei, bald drei, bald

zu großen Knöpfen vereinigt, und hatten blasse oder grünliche oder

bräunliche oder rötliche Wangen. Die Kinder langten mit den Händlein in

die Zweige oder sie faßten dieselben mit dem Haken und zogen sie nieder,

um die Nüsse zu pflücken. Und wenn sie sich geirrt und einen tauben

Zweig herabgebogen hatten, ließen sie ihn gleich wieder los und suchten

nach einem andern. So waren sie emsig und fleißig. Und wenn die Äste zu

hoch waren oder wenn sie stark waren, daß sie durch die Kraft der Kinder

nicht gebogen werden konnten, so half die Großmutter, sie langte den

Zweig herunter und hielt ihn so lange, bis die Hände der Kinder die

Nüsse gefunden und gepflückt hatten. Sie führte sie auch in Gegenden, wo

die Zweige recht gefüllt waren und von Nüssen an Nüssen prangten. Wenn

dann die Kinder recht viel gelesen hatten, wenn sie ihre Körblein voll

hatten, wenn sie auch in ihre Täschlein noch gesteckt, ja sogar in ihre

Tüchlein gebunden hatten, so blieben sie noch auf dem Berge, sie gingen

herum, sie gingen auf den Gipfel empor und setzten sich an einer dicken

und veralteten Haselwurzel, die sehr einladend war, nieder und

verweilten in der weiten, glänzenden Luft.

Die Großmutter sagte ihnen, da sei es auch gewesen, wo das Hähnlein und

das Hühnlein auf den Nußberg gegangen seien, wo das Hühnlein so viel

gedurstet, und das Hähnlein ihm Wasser gebracht habe, und wo auch noch

andere Dinge geschehen seien. Sie zeigte ihnen dann herum und sagte

ihnen die wunderlichen Namen der Berge, sie nannte manches Feld, das zu

erblicken war, und erklärte die weißen Pünktlein, die kaum zu sehen

waren und ein Haus oder eine Ortschaft bedeuteten. Und wenn gar reine,

schöne Himmelsferne war, und die Gebirge deutlich standen, enträtselte

sie die seltsamen Spitzen, die hinaufragten, und erzählte von manchem

Rücken, der sich dehnte, und wenn schwache Wolken über dem Gebirge

waren, so sagte sie, sie gleichen wirklichen Palästen oder Städten oder

Ländern oder Dingen, die niemand kennt. Und gegen Mitternacht sahen sie

auf den Gallbruner Wald und die Karesberge und dahinter auf den Streifen

des Sesselwaldes, über dem oft eine lange, matte Wolke war, die nicht so

schön glänzte wie die gegen Mittag über dem Gebirge.

Und wenn sie recht viel in das Land gesehen hatten, erzählte ihnen die

Großmutter auch von den Männern, die in demselben gelebt hatten, von den

Rittern, die herumgeritten, von den schönen Frauen und Mädchen, die auf

Zelter gesessen seien, von den Schäfern mit den klugen Schafen und von

den Fischern und von den Jägern.

Dann gingen sie zurück. Sie ordneten die zerdrückten Kleidchen, nahmen

Korb und Rute und gingen auf dem nämlichen Wege hinab, auf dem sie

gekommen waren.

Sie gingen an den Haselstauden abwärts, sie gingen über die Steine, sie

gingen über das Bächlein mit den grauen Fischlein und den blauen

Wasserjungfern, sie gingen über den Rasen, sie gingen durch den Wald,

sie gingen in dem Felsen in dem Gebüsche und in die Sandlehne nieder und

kamen von den Glashäusern auf dem Rasen gegen den Hof vorwärts, wo die

Mutter oft in ihrem schönen Gewande und mit dem Sonnenschirme wandelte

und ihnen entgegenging.

Dann bekamen sie ein Essen, weil sie sehr hungerte. Sie hatten zwei

Nußknacker, Blondköpfchen einen größeren und ernsteren, Schwarzköpfchen

einen kleineren und närrischeren, der einen drolligen Mund hatte und

fürchterliche Augen machte. In die Mäuler der Nußknacker taten sie die

Nüsse, die sie gebracht und von den grünen Hülsen befreit hatten,

drückten mit dem Zünglein und zerbrachen die Nüsse, indem die Knacker

gewaltig die Kinnladen zusammentaten und erschreckliche Gesichter

erzeugten. Sie gaben von den Kernen und von den Nüssen dem Vater und der

Mutter und auch der Großmutter, die selten Nüsse von dem hohen Nußberge

mitbrachte, und dann immer nur wenige, die sie stets auf das Tischlein

der Kinder legte, so wie sie auch die geschenkten ihnen immer wieder

zurückschenkte.

Als Blondköpfchen schon recht groß geworden war und zu lernen anfing,

als Schwarzköpfchen auch schon lernte, und ein freundlicher Lehrer aus

der Stadt gekommen war und mit ihnen auf einem Tische in der Kinderstube

die schönen Bücher aufmachte und die Dinge in denselben deutete: wurde

auch ein Brüderlein geboren, Sigismund. Und wie Blondköpfchen der Vater,

Schwarzköpfchen die Mutter war, so war Sigismund Vater und Mutter, er

war Blondköpfchen und Schwarzköpfchen; denn wie sich seine Haare zu

entwickeln begannen, so wurden sie anfangs licht und bildeten sich dann

zu braunen Ringeln, die Augen waren nicht blau oder schwarz, sondern

braun.

Jetzt konnten sie nicht mehr mit der Großmutter auf den hohen Nußberg

gehen, weil sie bei dem kleinen Brüderlein bleiben mußten. Mit jemand

andern durften sie nicht gehen und mußten bei dem Hause verweilen. Da

gingen sie nun in dem Garten herum, schauten die Obstbäume an, oder sie

waren in den Glashäusern und betrachteten die Blumen.

Als aber das Brüderlein zweimal in dem Winter im großen Wagen mit in die

Stadt gefahren und zweimal im Sommer wiedergekommen war, so war es schon

so stark geworden, daß es mit den Schwesterlein und mit der Großmutter

herumgehen konnte. Sie gingen durch die Felder, sie gingen in den Wald

und übten die Füße. Dann gingen sie auch wieder auf den hohen Nußberg.

Die Schwesterlein hatten weiße Kleider an, sie hatten gelbe Strohhüte

auf, von denen der eine sich mit Blondköpfchens Locken unkenntlich

vermischte, der andere sich von Schwarzköpfchens Haupte wie im Schein

abhob, sie hatten rote Bänder an den Hüten und Kleidern, sie trugen

Körblein an dem Arme und die weiße Haselrute mit dem Haken in der Hand.

Der Knabe hatte weiße Höslein, ein blaues Jäckchen, auch ein

Strohhütchen auf den braunen Locken und eine kleinere weiße Rute mit

einem Haken. Statt des Körbleins hatte er ein Täschchen von gelbem Leder

an grünen Bändern über seine Schultern hängen. Sie gingen viel

langsamer, sie rasteten öfter, und die Schwesterlein zeigten dem Bruder

viele Dinge an dem Wege, die sie schon kannten, und zeigten auch, wie

schnell sie gehen könnten, wenn sie wollten, indem sie auf dem Rasen

hüpften, auf den Steinen hüpften, vorwärts und wieder rückwärts liefen.

Sie gingen durch die Sandlehne, das Gestrüppe, durch die Felsen, den

Wald, über die graue Mulde und den hohen Nußberg hinan. Sie pflückten

sich die Nüsse in ihre Körblein, das Brüderlein langte auch mit seinem

kleinen Häklein, und alle halfen zusammen, bis es auch sein Täschchen

voll hatte.

Als sie an der dicken, veralteten Haselwurzel saßen, erzählte die

Großmutter wieder eine Geschichte. Sie sagte: »Bei dem Sesselwalde, an

seinem steilen Mittagsfalle, war einstens auch ein Wald, aber er war

nicht dicht, es standen Birken und Ahorne auf dem Rasen. Da war ein

Schäfer, der die Schafe in das Gehölz führte, daß sie auf dem Rasen

weideten, und daß sie ihm Milch und Wolle gaben. Da kam aus dem

Sesselwalde ein schwarzer Mann herunter, der sagte, daß in der

Harthöhle, wo das Silber rinne, das blutige Licht sei. Der Schäfer wußte

nicht, wer der Mann sei und was das Silber und das blutige Licht sei,

und konnte ihn auch nicht fragen, weil er gleich fortging. Aber er

wartete, bis er wiederkäme. Allein der Mann kam nicht mehr. Da der

Schäfer eines Tages ein verlorenes Lamm suchte, ging er dem Bache

entgegen, wo er herabfließt, daß er die springenden Wellen in den Augen

hatte. Da er das Lamm immer wieder weiter oben blöken hörte, ging er

fort und fort. Er ging so weit hinauf, daß der Wald schon sehr dick

war, daß der Bach über Steine und Kugeln floß, und daß an den beiden

Seiten harte Felsenwände standen. Da sah er aus einem Steine Wasser

herausfließen und herabfallen, als ob lauter silberne Bänder und Fransen

über die Steine herabgebreitet wären. Da stieg er an dem Steine empor

und suchte sich an dem glatten Felsen mit Füßen und Händen zu halten.

Als er oben war, sah er, daß das Wasser aus einer Höhle herausrinne,

und daß die Höhle sehr glänzend hart sei, als wäre sie aus einem

kunstreichen Steine gehauen worden. Er ging in die Höhle hinein. Sie

wurde immer enger und wurde immer finsterer, und das Wässerlein floß aus

ihr hervor. Da sah er es plötzlich in einem Winkel leuchten, als ob ein

roter blutiger Tropfen dort läge. Er ging näher, und es leuchtete fort.

Da gab es ihm ein, er solle die Hand ausstrecken und den Tropfen nehmen.

Er nahm den Tropfen, aber es war ein kalter, rauher Stein, den er in der

Hand spürte, und der Stein war so groß, daß er ihn kaum mit der Hand

fassen konnte. Er trug den Stein hervor, bis er an das Tageslicht kam,

und da sah er, daß es ein Feldstein war, wie man Tausende findet, und

daß aus dem Feldsteine ein rotes Äuglein hervorschaue, wie wenn es

von den Lidern der harten Steinrinde bedeckt wäre und nur rosenfarben

blinzen könne. Wenn man den Stein drehte, warf er Funken auf die Dinge.

Der Schäfer stieg eilig die Felsenwand herab, er ging den fließenden

Bach entlang und sputete sich, bis er zu seiner Herde kam. Das Lamm, das

er verloren und nicht gefunden hatte, war zu Hause und trank an seiner

Mutter. Er wickelte den Stein in ein Tuch und bewahrte ihn sorgsam. Da

kam einmal ein Hochbauer, und er verkaufte ihm den Stein um fünf Schafe.

Und der Hochbauer verkaufte ihn einem Arzt um ein Pferd, und der Arzt

verkaufte ihn einem Lombarden um hundert Goldstücke, und der Lombarde

ließ ihn von dem gemeinen Gesteine befreien und schleifen, und jetzt

tragen ihn Fürsten und Könige in ihren Kronen, er ist sehr groß und

leuchtend und ist ein Karfunkel oder ein anderer roter Stein, sie

beneiden sich darum, und wenn sie das Land erobern, wird der Stein

sorgsam fortgetragen, als ob man eine eroberte Stadt in einem

Schächtelchen davontrüge.«

Zu einem andern Male sagte die Großmutter: »In unsern Wässern, die braun

und glänzend sind, weil sie den Eisenstaub aus den Bergen führen, ist

nicht bloß das Eisen enthalten, es glänzt der Sand, als ob er lauter

Gold wäre, und wenn man ihn nimmt und wenn man ihn mit Wasser vorsichtig

abschwemmt, so bleiben kleine Blättchen und Körner zurück, die eitel und

wirkliches Gold sind. In früheren Jahren haben seltsame Menschen, die

weit von der Ferne gekommen sind, das Gold in unsern Bächen gewaschen

und sind reich von dannen gezogen; es haben dann auch mehrere von uns in

den Wässern gewaschen und manches gefunden; aber jetzt ist es wieder

vergessen worden, und niemand achtet das Wasser weiter, als daß er sein

Vieh darin tränkt. Dann liegen noch köstlichere Sachen in demselben.

Wenn man eine Muschel findet und sie die rechte ist, so liegt in ihr

eine Perle, die so kostbar ist, daß man sie durchbohrt und, mit mehreren

vereinigt an einer Schnur gefaßt, den schönen Frauen als sanften Schmuck

um den Hals tut oder Heiligenbilder umwindet und heilige Gefäße

einfaßt.«

Wenn die Kinder und die Großmutter lange gesessen waren, standen sie

wieder auf und gingen nach Hause.

Aber auch auf andere Stellen gingen die Kinder mit der Großmutter, sie

gingen auf die Wiesen, wo die Schmalz- und Butterblumen waren und

besonders die Vergißmeinnicht, die wie klare Fischäuglein aus den Wellen

schauen und auf einem Gefäße mit Wasser lange auf dem Tische der Mutter

blühen. Sie gingen auf den Erdbeerenberg, wo die würzigen Erdbeeren

standen, die kleiner, aber besser waren, als die der Vater an der

Sandlehne zog. Sie gingen in die Felder, wo der brennende Mohn, die

blauen Kornblumen und die hellgelben Frauenschühlein blühten.

Für sich allein standen die Kinder gern am Bache, wo er sanft fließt und

allerlei krause Linien zieht und blickten auf den Sand, der wohl wie

Gold war, wenn die Sonne durch das Wasser auf ihn schien, und der

glänzende Blättchen und Körner zeigte. Wenn sie aber mit einem

Schäufelchen Sand herausholten und gut wuschen und schwemmten, so waren

die Blättchen Katzensilber, und die Körner waren schneeweiße Stückchen

von Kiesel. Muscheln waren wenige zu sehen, und wenn sie eine fanden, so

waren sie im Innern glatt und es war keine Perle darin.

Als Blondköpfchen und Schwarzköpfchen schon schöner und wunderbarer

geworden waren, als Sigismund schon groß geworden war, und sie wieder

einmal auf dem hohen Nußberg an der dicken, veralteten Haselwurzel

saßen, kam aus dem Gebüsche ein fremdes, braunes Kind heraus. Es war ein

Mädchen, es war fast so groß und noch schlanker als Blondköpfchen, hatte

nackte Arme, die es an der Seite herabhängen ließ, hatte einen nackten

Hals und hatte ein grünes Wams und grüne Höschen an, an welchem viele

rote Bänder waren. In dem Angesichte hatte es schwarze Augen. Es blieb

an dem Gebüsche der Haseln stehen und sah auf die Großmutter und auf die

Kinder. Die Großmutter sagte nichts und fuhr fort zu reden. Die Kinder

aber sahen auf das Mädchen. Als Großmutter geendet hatte, redete sie das

Mädchen an und sagte:

»Wer bist du denn?«

Das Mädchen aber antwortete nicht, es sprang in die Gebüsche und lief

davon, daß man die Zweige sich rühren sah. Die Großmutter und die Kinder

gingen von dem hohen Nußberge, ohne weiter von dem Mädchen etwas zu

sehen oder zu hören.

Als sie wieder einmal an der dicken, veralteten Haselwurzel saßen und

die Großmutter redete, kam das braune Mädchen wieder, trat wieder aus

den Gebüschen, blieb stehen und sah die Kinder an. Als man es fragte,

lief es nicht davon wie das erste Mal, zog sich aber gegen das Gebüsch

zurück, daß die Blätter seine nackten Arme deckten, und sah auf die

Kinder. Da man sich erhob, um wegzugehen, lief es wieder über den hohen

Nußberg hinunter.

Die Kinder verlangten nun öfter nach dem hohen Nußberge, um das braune

Mädchen zu sehen.

Bunte Steine: Ein Festgeschenk · 第 17 / 25 段