trockener geworden und wich den Tritten noch besser aus. Sie wateten
rüstig fort. Ihre Glieder wurden sogar geschmeidiger und stärker, da sie
gingen. Allein, sie kamen an keinen Rand und sahen nicht hinunter.
Schneefeld entwickelte sich aus Schneefeld, und am Saume eines jeden
stand alle Male wieder der Himmel.
Sie gingen desungeachtet fort.
Da kamen sie wieder in das Eis. Sie wußten nicht, wie das Eis daher
gekommen sei, aber unter den Füßen empfanden sie den glatten Boden, und
waren gleich nicht die fürchterlichen Trümmer, wie an jenem Rande, an
dem sie die Nacht zugebracht hatten, so sahen sie doch, daß sie auf
glattem Eise fortgingen, sie sahen hie und da Stücke, die immer mehr
wurden, die sich näher an sie drängten, und die sie wieder zu klettern
zwangen.
Aber sie verfolgten doch ihre Richtung.
Sie kletterten neuerdings an Blöcken empor. Da standen sie wieder auf
dem Eisfelde. Heute bei der hellen Sonne konnten sie erst erblicken, was
es ist. Es war ungeheuer groß, und jenseits standen wieder schwarze
Felsen empor, es ragte gleichsam Welle hinter Welle auf, das beschneite
Eis war gedrängt, gequollen, emporgehoben, gleichsam als schöbe es sich
nach vorwärts und flösse gegen die Brust der Kinder heran. In dem Weiß
sahen sie unzählige vorwärtsgehende, geschlängelte blaue Linien. Zwischen
jenen Stellen, wo die Eiskörper gleichsam wie aneinandergeschmettert
starrten, gingen auch Linien wie Wege, aber sie waren weiß und waren
Streifen, wo sich fester Eisboden vorfand, oder die Stücke doch gar
nicht so sehr verschoben waren. In diese Pfade gingen die Kinder hinein,
weil sie doch einen Teil des Eises überschreiten wollten, um an den
Bergrand zu gelangen und endlich einmal hinunterzusehen. Sie sagten kein
Wörtlein. Das Mädchen folgte dem Knaben. Aber es war auch heute wieder
Eis, lauter Eis. Wo sie hinübergelangen wollten, wurde es gleichsam
immer breiter und breiter. Da schlugen sie ihre Richtung aufgebend den
Rückweg ein. Wo sie nicht gehen konnten, griffen sie sich durch die
Mengen des Schnees hindurch, der oft dicht vor ihrem Auge wegbrach und
den sehr blauen Streifen einer Erdspalte zeigte, wo doch früher alles
weiß gewesen war; aber sie kümmerten sich nicht darum, sie arbeiteten
sich fort, bis sie wieder irgendwo aus dem Eise herauskamen.
»Sanna,« sagte der Knabe, »wir werden gar nicht mehr in das Eis
hineingehen, weil wir in demselben nicht fortkommen. Und weil wir schon
in unser Tal gar nicht hinabsehen können, so werden wir gerade über den
Berg hinabgehen. Wir müssen in ein Tal kommen, dort werden wir den
Leuten sagen, daß wir aus Gschaid sind, die werden uns einen Wegweiser
nach Hause mitgeben.«
»Ja, Konrad,« sagte das Mädchen.
So begannen sie nun in dem Schnee nach jener Richtung abwärts zu gehen,
welche sich ihnen eben darbot. Der Knabe führte das Mädchen an der Hand.
Allein, nachdem sie eine Weile abwärts gegangen waren, hörte in dieser
Richtung das Gehänge auf, und der Schnee stieg wieder empor. Also
änderten die Kinder die Richtung und gingen nach der Länge einer Mulde
hinab. Aber da fanden sie wieder Eis. Sie stiegen also an der Seite der
Mulde empor, um nach einer andern Richtung ein Abwärts zu suchen. Es
führte sie eine Fläche hinab, allein die wurde nach und nach so steil,
daß sie kaum noch einen Fuß einsetzen konnten und abwärts zu gleiten
fürchteten. Sie klommen also wieder empor, um wieder einen andern Weg
nach abwärts zu suchen. Nachdem sie lange im Schnee emporgeklommen und
dann auf einem ebenen Rücken fortgelaufen waren, war es wie früher:
entweder ging der Schnee so steil ab, daß sie gestürzt wären, oder er
stieg wieder hinan, daß sie auf den Berggipfel zu kommen fürchteten. Und
so ging es immer fort.
Da wollten sie die Richtung suchen, in der sie gekommen waren, und zur
roten Unglückssäule hinabgehen. Weil es nicht schneit, und der Himmel so
hell ist, so würden sie, dachte der Knabe, die Stelle schon erkennen, wo
die Säule sein solle, und würden von dort nach Gschaid hinabgehen
können.
Der Knabe sagte diesen Gedanken dem Schwesterchen, und diese folgte.
Allein auch der Weg auf den Hals hinab war nicht zu finden.
So klar die Sonne schien, so schön die Schneehöhen dastanden, und die
Schneefelder dalagen, so konnten sie doch die Gegenden nicht erkennen,
durch die sie gestern heraufgegangen waren. Gestern war alles durch den
fürchterlichen Schneefall verhängt gewesen, daß sie kaum einige Schritte
von sich gesehen hatten, und da war alles ein einziges Weiß und Grau
durcheinander gewesen. Nur die Felsen hatten sie gesehen, an denen und
zwischen denen sie gegangen waren: allein auch heute hatten sie bereits
viele Felsen gesehen, die alle den nämlichen Anschein gehabt hatten, wie
die gestern gesehenen. Heute ließen sie frische Spuren in dem Schnee
zurück; aber gestern sind alle Spuren von dem fallenden Schnee verdeckt
worden. Auch aus dem bloßen Anblick konnten sie nicht erraten, welche
Gegend auf den Hals führe, da alle Gegenden gleich waren. Schnee, lauter
Schnee. Sie gingen aber doch immer fort und meinten, es zu erringen. Sie
wichen den steilen Abstürzen aus und kletterten keine steilen Anhöhen
hinauf.
Auch heute blieben sie öfter stehen, um zu horchen; aber sie vernahmen
auch heute nichts, nicht den geringsten Laut. Zu sehen war auch nichts
als der Schnee, der helle weiße Schnee, aus dem hie und da die schwarzen
Hörner und die schwarzen Steinrippen emporstanden.
Endlich war es dem Knaben, als sähe er auf einem fernen, schiefen
Schneefelde ein hüpfendes Feuer. Es tauchte auf, es tauchte nieder.
Jetzt sahen sie es, jetzt sahen sie es nicht. Sie blieben stehen und
blickten unverwandt auf jene Gegend hin. Das Feuer hüpfte immer fort,
und es schien, als ob es näher käme; denn sie sahen es größer und sahen
das Hüpfen deutlicher. Es verschwand nicht mehr so oft und nicht mehr
auf so lange Zeit wie früher. Nach einer Weile vernahmen sie in der
stillen blauen Luft schwach, sehr schwach etwas wie einen lange
anhaltenden Ton aus einem Hirtenhorne. Wie aus Instinkt schrieen beide
Kinder laut. Nach einer Zeit hörten sie den Ton wieder. Sie schrieen
wieder und blieben auf der nämlichen Stelle stehen. Das Feuer näherte
sich auch. Der Ton wurde zum dritten Male vernommen, und dieses Mal
deutlicher. Die Kinder antworteten wieder durch lautes Schreien. Nach
einer geraumen Weile erkannten sie auch das Feuer. Es war kein Feuer, es
war eine rote Fahne, die geschwungen wurde. Zugleich ertönte das
Hirtenhorn näher, und die Kinder antworteten.
»Sanna,« rief der Knabe, »da kommen Leute aus Gschaid, ich kenne die
Fahne, es ist die rote Fahne, welche der fremde Herr, der mit dem jungen
Eschenjäger den Gars bestiegen hatte, auf dem Gipfel aufpflanzte, daß
sie der Herr Pfarrer mit dem Fernrohre sähe, was als Zeichen gälte, daß
sie oben seien, und welche Fahne damals der fremde Herr dem Herrn
Pfarrer geschenkt hat. Du warst noch ein recht kleines Kind.«
»Ja, Konrad.«
Nach einer Zeit sahen die Kinder auch die Menschen, die bei der Fahne
waren, kleine schwarze Stellen, die sich zu bewegen schienen. Der Ruf
des Hornes wiederholte sich von Zeit zu Zeit und kam immer näher. Die
Kinder antworteten jedesmal.
Endlich sahen sie über den Schneeabhang gegen sich her mehrere Männer
mit ihren Stöcken herabfahren, die die Fahne in ihrer Mitte hatten. Da
sie näherkamen, erkannten sie dieselben. Es war der Hirt Philipp mit dem
Horne, seine zwei Söhne, dann der junge Eschenjäger und mehrere Bewohner
von Gschaid.
»Gebenedeiet sei Gott,« schrie Philipp, »da seid ihr ja. Der ganze Berg
ist voll Leute. Laufe doch einer gleich in die Sideralpe hinab und läute
die Glocke, daß die dort hören, daß wir sie gefunden haben, und einer
muß auf den Krebsstein gehen und die Fahne dort aufpflanzen, daß sie
dieselbe in dem Tale sehen und die Böller abschießen, damit die es
wissen, die im Millsdorfer Walde suchen, und damit sie in Gschaid die
Rauchfeuer anzünden, die in der Luft gesehen werden, und alle, die noch
auf dem Berge sind, in die Sideralpe hinab bedeuten. Das sind
Weihnachten!«
»Ich laufe in die Alpe hinab,« sagte einer.
»Ich trage die Fahne auf den Krebsstein,« sagte ein anderer.
»Und wir werden die Kinder in die Sideralpe hinabbringen, so gut wir es
vermögen, und so gut uns Gott helfe,« sagte Philipp.
Ein Sohn Philipps schlug den Weg nach abwärts ein, und der andere ging
mit der Fahne durch den Schnee dahin.
Der Eschenjäger nahm das Mädchen bei der Hand, der Hirt Philipp den
Knaben. Die andern halfen, wie sie konnten. So begann man den Weg. Er
ging in Windungen. Bald gingen sie nach einer Richtung, bald schlugen
sie die entgegengesetzte ein, bald gingen sie abwärts, bald aufwärts.
Immer ging es durch Schnee, immer durch Schnee, und die Gegend blieb
sich beständig gleich. Über sehr schiefe Flächen taten sie Steigeisen an
die Füße und trugen die Kinder. Endlich nach langer Zeit hörten sie ein
Glöckchen, das sanft und fein zu ihnen heraufkam und das erste Zeichen
war, das ihnen die niederen Gegenden wieder zusandten. Sie mußten
wirklich sehr tief herabgekommen sein; denn sie sahen ein Schneehaupt
recht hoch und recht blau über sich ragen. Das Glöcklein aber, das sie
hörten, war das der Sideralpe, das geläutet wurde, weil dort die
Zusammenkunft verabredet war. Da sie noch weiter kamen, hörten sie auch
schwach in die stille Luft die Böllerschüsse herauf, die infolge der
ausgesteckten Fahne abgefeuert wurden, und sahen dann in die Luft feine
Rauchsäulen aufsteigen.
Da sie nach einer Weile über eine sanfte, schiefe Fläche abgingen,
erblickten sie die Sideralphütte. Sie gingen auf sie zu. In der Hütte
brannte ein Feuer, die Mutter der Kinder war da, und mit einem
furchtbaren Schrei sank sie in den Schnee zurück, als sie die Kinder mit
dem Eschenjäger kommen sah.
Dann lief sie herzu, betrachtete sie überall, wollte ihnen zu essen
geben, wollte sie wärmen, wollte sie in vorhandenes Heu legen; aber bald
überzeugte sie sich, daß die Kinder durch die Freude stärker seien, als
sie gedacht hatte, daß sie nur einiger warmer Speisen bedurften, die sie
bekamen, und daß sie nur ein wenig ausruhen mußten, was ihnen ebenfalls
zuteil werden sollte.
Da nach einer Zeit der Ruhe wieder eine Gruppe Männer über die
Schneefläche herabkam, während das Hüttenglöcklein immer fortläutete,
liefen die Kinder selber mit den andern hinaus, um zu sehen, wer es sei.
Der Schuster war es, der einstige Alpensteiger, mit Alpenstock und
Steigeisen, begleitet von seinen Freunden und Kameraden.
»Sebastian, da sind sie,« schrie das Weib.
Er aber war stumm, zitterte und lief auf sie zu. Dann rührte er die
Lippen, als wollte er etwas sagen, sagte aber nichts, riß die Kinder an
sich und hielt sie lange. Dann wandte er sich gegen sein Weib, schloß es
an sich und rief: »Sanna, Sanna!«
Nach einer Weile nahm er den Hut, der ihm in den Schnee gefallen war,
auf, trat unter die Männer und wollte reden. Er sagte aber nur:
»Nachbarn, Freunde, ich danke euch.«
Da man noch gewartet hatte, bis die Kinder sich zur Beruhigung erholt
hatten, sagte er: »Wenn wir alle beisammen sind, so können wir in Gottes
Namen aufbrechen.«
»Es sind wohl noch nicht alle,« sagte der Hirt Philipp, »aber die noch
abgehen, wissen aus dem Rauche, daß wir die Kinder haben, und sie werden
schon nach Hause gehen, wenn sie die Alphütte leer finden.«
Man machte sich zum Aufbruch bereit.
Man war von der Sideralphütte gar nicht weit von Gschaid entfernt, aus
dessen Fenstern man im Sommer recht gut die grüne Matte sehen konnte,
auf der die graue Hütte mit dem kleinen Glockentürmlein stand; aber es
war unterhalb eine fallrechte Wand, die viele Klafter hoch hinabging,
und auf der man im Sommer nur mit Steigeisen, im Winter gar nicht
hinabkommen konnte. Man mußte daher den Umweg zum Halse machen, um von
der Unglückssäule aus nach Gschaid hinabzukommen. Auf dem Wege gelangte
man über die Siderwiese, die noch näher an Gschaid ist, so daß man die
Fenster des Dörfleins zu erblicken meinte.
Als man über diese Wiese ging, tönte hell und deutlich das Glöcklein der
Gschaider Kirche herauf, die Wandlung des heiligen Hochamtes verkündend.
Der Pfarrer hatte wegen der allgemeinen Bewegung, die am Morgen in
Gschaid war, die Abhaltung des Hochamtes verschoben, da er dachte, daß
die Kinder zum Vorschein kommen würden. Allein endlich, da noch immer
keine Nachricht eintraf, mußte die heilige Handlung doch vollzogen
werden.
Als das Wandlungsglöcklein tönte, sanken alle, die über die Siderwiese
gingen, auf die Knie in den Schnee und beteten. Als der Klang des
Glöckleins aus war, standen sie auf und gingen weiter.
Der Schuster trug meistens das Mädchen und ließ sich von ihm alles
erzählen.
Als sie schon gegen den Wald des Halses kamen, trafen sie Spuren, von
denen der Schuster sagte: »Das sind keine Fußstapfen von Schuhen meiner
Arbeit.«
Die Sache klärte sich bald auf. Wahrscheinlich durch die vielen Stimmen,
die auf dem Platze tönten, angelockt, kam wieder eine Abteilung Männer
auf die Herabgehenden zu. Es war der aus Angst aschenhaft entfärbte
Färber, der an der Spitze seiner Knechte, seiner Gesellen und mehrerer
Millsdorfer bergab kam.
»Sie sind über das Gletschereis und über die Schründe gegangen, ohne es
zu wissen,« rief der Schuster seinem Schwiegervater zu.
»Da sind sie ja -- da sind sie ja -- Gott sei Dank,« antwortete der
Färber, »ich weiß es schon, daß sie oben waren, als dein Bote in der
Nacht zu uns kam, und wir mit Lichtern den ganzen Wald durchsucht und
nichts gefunden hatten -- und als dann das Morgengrau anbrach, bemerkte
ich an dem Wege, der von der roten Unglückssäule links gegen den
Schneeberg hinanführt, daß dort, wo man eben von der Säule weggeht, hin
und wieder mehrere Reiserchen und Rütchen geknickt sind, wie Kinder gern
tun, wo sie eines Weges gehen -- da wußte ich es -- die Richtung ließ
sie nicht mehr aus, weil sie in der Höhlung gingen, weil sie zwischen
den Felsen gingen, und weil sie dann auf dem Grat gingen, der rechts und
links so steil ist, daß sie nicht hinabkommen konnten. Sie mußten
hinauf. Ich schickte nach dieser Beobachtung gleich nach Gschaid, aber
der Holzknecht Michael, der hinüberging, sagte bei der Rückkunft, da er
uns fast am Eise oben traf, daß ihr sie schon habt, weshalb wir wieder
heruntergingen.«
»Ja,« sagte Michael, »ich habe es gesagt, weil die rote Fahne schon auf
dem Krebssteine steckt, und die Gschaider dieses als Zeichen erkannten,
das verabredet worden war. Ich sagte euch, daß auf diesem Wege da alle
herabkommen müssen, weil man über die Wand nicht gehen kann.«
»Und knie nieder und danke Gott auf den Knien, mein Schwiegersohn,« fuhr
der Färber fort, »daß kein Wind gegangen ist. Hundert Jahre werden
wieder vergehen, daß ein so wunderbarer Schneefall niederfällt, und daß
er gerade niederfällt, wie nasse Schnüre von einer Stange hängen. Wäre
ein Wind gegangen, so wären die Kinder verloren gewesen.«
»Ja, danken wir Gott, danken wir Gott,« sagte der Schuster.
Der Färber, der seit der Ehe seiner Tochter nie in Gschaid gewesen war,
beschloß, die Leute nach Gschaid zu begleiten.
Da man schon gegen die rote Unglückssäule zu kam, wo der Holzweg begann,
wartete ein Schlitten, den der Schuster auf alle Fälle dahinbestellt
hatte. Man tat die Mutter und die Kinder hinein, versah sie hinreichend
mit Decken und Pelzen, die im Schlitten waren, und ließ sie nach Gschaid
vorausfahren.
Die andern folgten und kamen am Nachmittage in Gschaid an.
Die, welche noch auf dem Berge gewesen waren und erst durch den Rauch
das Rückzugszeichen erfahren hatten, fanden sich auch nach und nach ein.
Der letzte, welcher erst am Abende kam, war der Sohn des Hirten Philipp,
der die rote Fahne auf den Krebsstein getragen und sie dort aufgepflanzt
hatte. In Gschaid wartete die Großmutter, welche herübergefahren war.
»Nie, nie,« rief sie aus, »dürfen die Kinder in ihrem ganzen Leben mehr
im Winter über den Hals gehen.«
Die Kinder waren von dem Getriebe betäubt. Sie hatten noch etwas zu
essen bekommen, und man hatte sie in das Bett gebracht. Spät gegen
Abend, da sie sich ein wenig erholt hatten, da einige Nachbarn und
Freunde sich in der Stube eingefunden hatten und dort von dem Ereignisse
redeten, die Mutter aber in der Kammer an dem Bettchen Sannas saß und
sie streichelte, sagte das Mädchen: »Mutter, ich habe heut nachts, als
wir auf dem Berge saßen, den heiligen Christ gesehen.«
»O, du mein geduldiges, du mein liebes, du mein herziges Kind,«
antwortete die Mutter, »er hat dir auch Gaben gesendet, die du bald
bekommen wirst.«
Die Schachteln waren ausgepackt worden, die Lichter waren angezündet,
die Tür in die Stube wurde geöffnet, und die Kinder sahen von dem Bette
auf den verspäteten helleuchtenden freundlichen Christbaum hinaus.
Trotz der Erschöpfung mußte man sie noch ein wenig ankleiden, daß sie
hinausgingen, die Gaben empfingen, bewunderten und endlich mit ihnen
entschliefen.
In dem Wirtshause in Gschaid war es an diesem Abend lebhafter als je.
Alle, die nicht in der Kirche gewesen waren, waren jetzt dort, und die
andern auch. Jeder erzählte, was er gesehen und gehört, was er getan,
was er geraten, und was für Begegnisse und Gefahren er erlebt hatte.
Besonders aber wurde hervorgehoben, wie man alles hätte anders und
besser machen können.
Das Ereignis hatte einen Abschnitt in die Geschichte von Gschaid
gebracht, es hat auf lange den Stoff zu Gesprächen gegeben, und man wird
noch nach Jahren davon reden, wenn man den Berg an heitern Tagen
besonders deutlich sieht, oder wenn man den Fremden von seinen
Merkwürdigkeiten erzählt.
Die Kinder waren von dem Tage an erst recht das Eigentum des Dorfes
geworden, sie wurden von nun an nicht mehr als Auswärtige, sondern als
Eingeborene betrachtet, die man sich von dem Berge herabgeholt hatte.
Auch ihre Mutter Sanna war nun eine Eingeborene von Gschaid.
Die Kinder aber werden den Berg nicht vergessen und werden ihn jetzt
noch ernster betrachten, wenn sie in dem Garten sind, wenn wie in der
Vergangenheit die Sonne sehr schön scheint, der Lindenbaum duftet, die
Bienen summen, und er so schön und so blau wie das sanfte Firmament auf
sie herniederschaut.
Katzensilber.
In einem abgelegenen, aber sehr schönen Teile unseres Vaterlandes steht
ein stattlicher Hof. Er steht auf einem kleinen Hügel und ist auf einer
Seite von seinen Feldern und seinen Wiesen, und auf der andern von
seinem kleinen Walde umgeben. Man sollte eigentlich auch einen Garten
hierher rechnen; aber es würde doch eine unrechte Benennung sein; denn
Gärten der Art, wie sie in allen Ländern im Brauche sind, gibt es in
jenem hochgelegenen, mit Hügeln und Waldesspitzen besetzten Landesteile
nicht, weil die Stürme des Winters und die Fröste des Frühlings und des
Herbstes allen jenen Gewächsen übel mitspielen, die man vorzugsweise in
Gärten hegt; aber der Besitzer des Hofes hat gegen eine Sandlehne hin,
die steil abfällt und in den warmen Lagen die Sonnenstrahlen recht heiß
zurückwirft, Bäume gepflanzt, die auf weichem, schönem Rasen stehen, vor
den Abend-, Mitternacht- und Morgenwinden geschützt sind, durch die höhere
und eingeschlossene Lage vor dem Reife bewahrt werden und auf ihrem warmen
Platze so schnell gewachsen sind, daß sie auf ihren Edelreisern, die
ihnen eingesetzt worden und zu bedeutenden Ästen gediehen sind, jährlich
die großen schwarzen Kirschen, die Weichseln, die Birnen und die
rotwangigen Äpfel tragen. Von den kleineren Gewächsen, als Johannisbeeren,
Stachelbeeren, Erdbeeren, rede ich nicht. Sogar Pfirsiche und Aprikosen
reifen an einer an der Sandlehne aufgeführten Mauer dann, wenn sich ein
heißer Sommer ereignet, und wenn man das Zuhüllen durch eine Rohrmappe
an kühlen Frühlingsabenden nicht vergessen hat. Seine Blumen hegt der
Besitzer in verschiedenen gläsernen Häusern, stellt sie an schönen Tagen
und in den warmen Sommermonaten auf die hölzernen Gestelle vor dem Hause
oder in die Fenster. Selbst in den Zimmern sieht man die schönsten auf
dazu eingerichteten Tischen stehen. Diejenigen, welche für die Luft und
das Wetter des Landes eingerichtet sind, stehen in dem freien Grunde.
Wenn man über die Sandlehne emporgegangen ist, steigt noch ein Felsen
auf, der dem Berge Festigkeit gibt, dessen Geschiebe nicht gegen den
Garten absinken läßt und zur Vermehrung der Wärme nicht wenig beiträgt.
Der Besitzer des Hofes hat einen Weg mit festem Geländer durch die
Sandlehne und um den Felsen empor anlegen lassen, weil man von dort
recht schön auf das Haus, auf den Garten und auf die Landschaft
niedersieht. Er hat an einigen Stellen Bänkchen anbringen lassen, daß
man da sitzen und die Dinge mit Ruhe betrachten kann. Hinter dem Felsen
gegen mitternachtwärts geht Gebüsch, dann folgen noch auf dem immer
ansteigenden Boden einzelne Eichen und Birken, dann der Nadelwald, der
den Gipfel einnimmt und das Schauspiel beschließt.
Um das Haus liegen, wie es in jenem Lande immer vorkommt, in näheren und
ferneren Kreisen Hügel, die mit Feldern und Wiesen bedeckt sind, manches
Bauernhaus, manchen Meierhof zeigen und auf dem Gipfel jedesmal den Wald
tragen, der wie nach einem verabredeten Gesetze alle Gipfel jenes
hügeligen Landes besetzt. Zwischen den Hügeln, die oft, ohne daß man es
ahnt, in steile Schluchten abfallen, gehen Bäche, ja zuweilen Gießbäche,
über welche Stege und in abgelegenen Teilen gar nur Baumstämme führen.
Regelmäßige Brücken haben nur die Fahrwege, wo sie über einen solchen
Bach gehen müssen. Das ganze Land geht gegen Mitternacht immer mehr
empor, bis die größeren, düsteren, weitgedehnten Wälder kommen, die den
Beginn der böhmischen Länder bezeichnen. Gegen mittag sieht man die
freundliche blaue Kette der Hochgebirge an dem Himmel dahinstreichen.
Der Besitzer des Hofes war einmal als ein sehr junger Mensch in die Welt
gegangen und hatte viele Dinge erfahren und viele Menschen
kennengelernt. Als er herangereift, als ihm der Vater gestorben war und
er von ihm und zwei unverehelichten Oheimen eine hinreichende Habe
geerbt hatte, ging er mit der Erbschaft und dem, was er sich selber
erworben hatte, auf beständig in das Land seiner Geburt zurück, das er
früher nur zuweilen besucht hatte, und baute dort die Gebäude des
Vaterhauses um und noch so viel daran, bis der liebliche Hof dastand.
Dann holte er sich aus der entfernten Hauptstadt ein sehr schönes
Mädchen und wurde mit demselben in der kleinen Pfarrkirche eingesegnet.
Er wollte lieber in der traulichen Einöde seiner Heimat als beständig
unter dem Geräusche der vielen und fremden Menschen der Hauptstadt
leben. Wenn es aber Winter wurde, dann ging er mit der Gattin in ihre
Geburtsstadt, um eine Weile dort zu sein und zu sehen, was die Menschen
indessen wieder gefördert, was auf geistigem Felde sich zugetragen und
im Zusammenleben sich geändert hat. Mit der Rückkehr der Sonne kam er
wieder auf seinen Hof.
Auf demselben lebte auch seine Mutter, welche nie aus ihrer Heimat
entfernt gewesen war, nur die nächsten Orte kannte und bloß ein einziges
Mal in der Hauptstadt des Landes gewesen war. Sie nahm die Tochter
liebreich auf, und es war reizend, wenn die schöne junge Gattin neben
der ältlichen Frau ging, die die Tracht des Landes trug. Während des
Aufenthaltes der Eheleute in der Hauptstadt hütete sie den Hof und
besorgte und ordnete alles. Wenn sie kommen sollten, sandte sie den
Knecht mit den Pferden entgegen und sah ihm nach, wenn der Wagen den
Hügel hinabfuhr.
Sogleich ging der tätige Sohn wieder an die unterbrochene Arbeit.
Anlagen wurden erweitert, neue begonnen, das Haus verbessert und
verschönert, und die Geschäfte des Feldes geführt. Man sah ihn unter
seinem Gesinde und unter seinen Leuten.
Nach zwei Jahren schickte der Himmel einen Zuwachs der Familie, es
erschien das Töchterlein Emma. Gatte und Gattin, die bisher Sohn und
Tochter geheißen hatten, wurden jetzt Vater und Mutter, und die Mutter
wurde Großmutter.
Sie nahm das Kindlein und lehrte die Tochter manche Dinge, wie es zu
behandeln sei.
Als dem Mädchen die Härlein auf dem Haupte sich zu ringeln begannen und
in schöner blonder Farbe herabfielen, erschien das zweite, dunkle
Schwesterlein Clementine, dessen Haupt schon bei der Geburt beschattet
war, und an dem sich bald die schwarzen Ringlein bildeten.