Seitenwänden aber das glatte, grünliche Eis sichtbar war; es lagen Hügel
da, die wie zusammengeschobener Schaum aussahen, an deren Seiten es aber
matt nach einwärts flimmerte und glänzte, als wären Balken und Stangen
von Edelsteinen durcheinandergeworfen worden; es lagen ferner gerundete
Kugeln da, die ganz mit Schnee umhüllt waren; es standen Platten und
andere Körper auch schief und gerade aufwärts, so hoch wie der Kirchturm
in Gschaid oder wie Häuser. In einigen waren Höhlen eingefressen, durch
die man mit einem Arme durchfahren konnte, mit einem Kopfe, mit einem
Körper, mit einem ganzen großen Wagen voll Heu. Alle diese Stücke waren
zusammen- oder emporgedrängt und starrten, so daß sie oft Dächer
bildeten oder Überhänge, über deren Ränder sich der Schnee herüberlegte
und herabgriff wie lange, weiße Tatzen. Selbst ein großer, schreckhaft
schwarzer Stein, wie ein Haus, lag unter dem Eise und war emporgestellt,
daß er auf der Spitze stand, daß kein Schnee an seinen Seiten liegen
bleiben konnte. Und nicht dieser Stein allein -- noch mehrere und
größere staken in dem Eise, die man erst später sah, und die wie eine
Trümmermauer an ihm hingingen.
»Da muß recht viel Wasser gewesen sein, weil so viel Eis ist,« sagte
Sanna.
»Nein, das ist von keinem Wasser,« antwortete der Bruder, »das ist das
Eis des Berges, das immer oben ist, weil es so eingerichtet ist.«
»Ja, Konrad,« sagte Sanna.
»Wir sind jetzt bis zu dem Eise gekommen,« sagte der Knabe, »wir sind
auf dem Berge, Sanna, weißt du, den man von unserm Garten aus im
Sonnenscheine so weiß sieht. Merke gut auf, was ich dir sagen werde.
Erinnerst du dich noch, wie wir oft nachmittags in dem Garten saßen, wie
es recht schön war, wie die Bienen um uns summten, die Linden dufteten,
und die Sonne von dem Himmel schien?«
»Ja, Konrad, ich erinnere mich.«
»Da sahen wir auch den Berg. Wir sahen, wie er so blau war, so blau wie
das sanfte Firmament, wir sahen den Schnee, der oben ist, wenn auch bei
uns Sommer war, eine Hitze herrschte, und die Getreide reif wurden.«
»Ja, Konrad.«
»Und unten, wo der Schnee aufhört, da sieht man allerlei Farben, wenn
man genau schaut, grün, blau, weißlich -- das ist das Eis, das unten nur
so klein ausschaut, weil man sehr weit entfernt ist, und das, wie der
Vater sagte, nicht weggeht bis an das Ende der Welt. Und da habe ich oft
gesehen, daß unterhalb des Eises die blaue Farbe noch fortgeht; das
werden Steine sein, dachte ich, oder es wird Erde und Weidegrund sein,
und dann fangen die Wälder an, die gehen herab und immer weiter herab,
man sieht auch allerlei Felsen in ihnen, dann folgen die Wiesen, die
schon grün sind, und dann die grünen Laubwälder, und dann kommen unsere
Wiesen und Felder, die in dem Tale von Gschaid sind. Siehst du nun,
Sanna, weil wir jetzt bei dem Eise sind, so werden wir über die blaue
Farbe hinabgehen, dann durch die Wälder, in denen die Felsen sind, dann
über die Wiesen, und dann durch die grünen Laubwälder, und dann werden
wir in dem Tale von Gschaid sein und recht leicht unser Dorf finden.«
»Ja, Konrad,« sagte das Mädchen.
Die Kinder gingen nun in das Eis hinein, wo es zugänglich war.
Sie waren winzig kleine wandelnde Punkte in diesen ungeheuren Stücken.
Wie sie so unter die Überhänge hineinsahen, gleichsam als gäbe ihnen ein
Trieb ein, ein Obdach zu suchen, gelangten sie in einen Graben, in einen
breiten, tiefgefurchten Graben, der gerade aus dem Eise hervorging. Er
sah aus wie das Bett eines Stromes, der aber jetzt ausgetrocknet und
überall mit frischem Schnee bedeckt war. Wo er aus dem Eise hervorkam,
ging er gerade unter einem Kellergewölbe heraus, das recht schön aus Eis
über ihn gespannt war. Die Kinder gingen in dem Graben fort und gingen
in das Gewölbe hinein und immer tiefer hinein. Es war ganz trocken, und
unter ihren Füßen hatten sie glattes Eis. In der ganzen Höhlung aber war
es blau, so blau, wie gar nichts in der Welt ist, viel tiefer und viel
schöner blau als das Firmament, gleichsam wie himmelblau gefärbtes Glas,
durch welches lichter Schein hineinsinkt. Es waren dickere und dünnere
Bogen, es hingen Zacken, Spitzen und Troddeln herab, der Gang wäre noch
tiefer zurückgegangen, sie wußten nicht, wie tief, aber sie gingen nicht
mehr weiter. Es wäre auch sehr gut in der Höhle gewesen, es war warm, es
fiel kein Schnee, aber es war so schreckhaft blau, die Kinder fürchteten
sich und gingen wieder hinaus. Sie gingen eine Weile in dem Graben fort
und kletterten dann über seinen Rand hinaus.
Sie gingen an dem Eise hin, sofern es möglich war, durch das Getrümmer
und zwischen den Platten durchzudringen.
»Wir werden jetzt da noch hinübergehen und dann von dem Eise abwärts
laufen,« sagte Konrad.
»Ja,« sagte Sanna und klammerte sich an ihn an.
Sie schlugen von dem Eise eine Richtung durch den Schnee abwärts ein,
die sie in das Tal führen sollte. Aber sie kamen nicht weit hinab. Ein
neuer Strom von Eis, gleichsam ein riesenhaft aufgetürmter und
aufgewölbter Wall, lag quer durch den weichen Schnee und griff gleichsam
mit Armen rechts und links um sie herum. Unter der weißen Decke, die ihn
verhüllte, glimmerte es seitwärts grünlich und bläulich und dunkel und
schwarz und selbst gelblich und rötlich heraus. Sie konnten es nun auf
weitere Strecken sehen, weil das ungeheure und unermüdliche Schneien
sich gemildert hatte und nur mehr wie an gewöhnlichen Schneetagen vom
Himmel fiel. Mit dem Starkmute der Unwissenheit kletterten sie in das
Eis hinein, um den vorgeschobenen Strom desselben zu überschreiten und
dann jenseits weiter hinabzukommen. Sie schoben sich in die
Zwischenräume hinein, sie setzten den Fuß auf jedes Körperstück, das mit
einer weißen Schneehaube versehen war, war es Fels oder Eis, sie nahmen
die Hände zu Hilfe, krochen, wo sie nicht gehen konnten, und arbeiteten
sich mit ihren leichten Körpern hinauf, bis sie die Seite des Walles
überwunden hatten und oben waren.
Jenseits wollten sie wieder hinabklettern.
Aber es gab kein Jenseits.
Soweit die Augen der Kinder reichen konnten, war lauter Eis. Es standen
Spitzen und Unebenheiten und Schollen empor wie lauter furchtbares,
überschneites Eis. Statt ein Wall zu sein, über den man hinübergehen
könnte, und der dann wieder von Schnee abgelöst würde, wie sie sich
unten dachten, stiegen aus der Wölbung neue Wände von Eis empor,
geborsten und geklüftet, mit unzähligen blauen, geschlängelten Linien
versehen, und hinter ihnen waren wieder solche Wände, und hinter diesen
wieder solche, bis der Schneefall das Weitere mit seinem Grau verdeckte.
»Sanna, da können wir nicht gehen,« sagte der Knabe.
»Nein,« antwortete die Schwester.
»Da werden wir wieder umkehren und anderswo hinabzukommen suchen.«
»Ja, Konrad.«
Die Kinder suchten nun von dem Eiswalle wieder da hinabzukommen, wo sie
hinaufgeklettert waren, aber sie kamen nicht hinab. Es war lauter Eis,
als hätten sie die Richtung, in der sie gekommen waren, verfehlt. Sie
wandten sich hierhin und dorthin und konnten aus dem Eise nicht
herauskommen, als wären sie von ihm umschlungen. Sie kletterten abwärts
und kamen wieder in Eis. Endlich, da der Knabe die Richtung immer
verfolgte, in der sie nach seiner Meinung gekommen waren, gelangten sie
in zerstreutere Trümmer, aber sie waren auch größer und furchtbarer, wie
sie gern am Rande des Eises zu sein pflegen, und die Kinder gelangten
kriechend und kletternd hinaus. An dem Eissaume waren ungeheure Steine,
sie waren gehäuft, wie sie die Kinder ihr Leben lang nicht gesehen
hatten. Viele waren in Weiß gehüllt, viele zeigten die unteren schiefen
Wände sehr glatt und fein geschliffen, als wären sie darauf geschoben
worden, viele waren wie Hütten und Dächer gegeneinandergestellt, viele
lagen aufeinander wie ungeschlachte Knollen. Nicht weit von dem
Standorte der Kinder standen mehrere mit den Köpfen gegeneinander
gelehnt, und über sie lagen breite, gelagerte Blöcke wie ein Dach. Es
war ein Häuschen, das gebildet war, das gegen vorn offen, rückwärts und
an den Seiten aber geschützt war. Im Innern war es trocken, da der
steilrechte Schneefall keine einzige Flocke hineingetragen hatte. Die
Kinder waren recht froh, daß sie nicht mehr in dem Eise waren und auf
ihrer Erde standen.
Aber es war auch endlich finster geworden.
»Sanna,« sagte der Knabe, »wir können nicht mehr hinabgehen, weil es
Nacht geworden ist, und weil wir fallen oder gar in eine Grube geraten
könnten. Wir werden da unter die Steine hineingehen, wo es so trocken
und so warm ist, und da werden wir warten. Die Sonne geht bald wieder
auf, dann laufen wir hinunter. Weine nicht, ich bitte dich recht schön,
weine nicht, ich gebe dir alle Dinge zu essen, welche uns die Großmutter
mitgegeben hat.«
Sie weinte auch nicht, sondern, nachdem sie beide unter das steinerne
Überdach hineingegangen waren, wo sie nicht nur bequem sitzen, sondern
auch stehen und herumgehen konnten, setzte sie sich recht dicht an ihn
und war mäuschenstille.
»Die Mutter,« sagte Konrad, »wird nicht böse sein, wir werden ihr von
dem vielen Schnee erzählen, der uns aufgehalten hat, und sie wird nichts
sagen; der Vater auch nicht. Wenn uns kalt wird -- weißt du -- dann mußt
du mit den Händen an deinen Leib schlagen, wie die Holzhauer getan
haben, und dann wird dir wärmer werden.«
»Ja, Konrad,« sagte das Mädchen.
Sanna war nicht gar so untröstlich, daß sie heute nicht mehr über den
Berg hinabgingen und nach Hause liefen, wie er etwa glauben mochte; denn
die unermeßliche Anstrengung, von der die Kinder nicht einmal gewußt
hatten, wie groß sie gewesen sei, ließ ihnen das Sitzen süß, unsäglich
süß erscheinen, und sie gaben sich hin.
Jetzt machte sich aber auch der Hunger geltend. Beide nahmen fast zu
gleicher Zeit ihre Brote aus den Taschen und aßen sie. Sie aßen auch die
Dinge -- kleine Stückchen Kuchen, Mandeln und Nüsse und andere
Kleinigkeiten --, die die Großmutter ihnen in die Tasche gesteckt hatte.
»Sanna, jetzt müssen wir aber auch den Schnee von unsern Kleidern tun,«
sagte der Knabe, »daß wir nicht naß werden.«
»Ja, Konrad,« erwiderte Sanna.
Die Kinder gingen aus ihrem Häuschen, und zuerst reinigte Konrad das
Schwesterlein vom Schnee. Er nahm die Kleiderzipfel, schüttelte sie,
nahm ihr den Hut ab, den er ihr aufgesetzt hatte, entleerte ihn von
Schnee, und was noch zurückgeblieben war, das stäubte er mit einem Tuche
ab. Dann entledigte er auch sich, so gut es ging, des auf ihm liegenden
Schnees.
Der Schneefall hatte zu dieser Stunde ganz aufgehört. Die Kinder spürten
keine Flocke.
Sie gingen wieder in die Steinhütte und setzten sich nieder. Das
Aufstehen hatte ihnen ihre Müdigkeit erst recht gezeigt, und sie freuten
sich auf das Sitzen. Konrad legte die Tasche aus Kalbfell ab. Er nahm
das Tuch heraus, in welches die Großmutter eine Schachtel und mehrere
Papierpäckchen gewickelt hatte, und tat es zu größerer Wärme um seine
Schultern. Auch die zwei Weißbrote nahm er aus dem Ränzchen und reichte
sie beide an Sanna. Das Kind aß begierig. Es aß eines der Brote und von
dem zweiten auch noch einen Teil. Den Rest reichte es aber Konrad, da es
sah, daß er nicht aß. Er nahm es und verzehrte es.
Von da an saßen die Kinder und schauten.
Soweit sie in die Dämmerung zu sehen vermochten, lag überall der
flimmernde Schnee hinab, dessen einzelne winzige Täfelchen hie und da in
der Finsternis seltsam zu funkeln begannen, als hätte er bei Tag das
Licht eingesogen und gäbe es jetzt von sich.
Die Nacht brach mit der in großen Höhen gewöhnlichen Schnelligkeit
herein. Bald war es ringsherum finster, nur der Schnee fuhr fort, mit
seinem bleichen Lichte zu leuchten. Der Schneefall hatte nicht nur
aufgehört, sondern der Schleier an dem Himmel fing auch an, sich zu
verdünnen und zu verteilen; denn die Kinder sahen ein Sternlein blitzen.
Weil der Schnee wirklich gleichsam ein Licht von sich gab, und weil von
den Wolken kein Schleier mehr herabhing, so konnten die Kinder von ihrer
Höhle aus die Schneehügel sehen, wie sie sich in Linien von dem dunkeln
Himmel abschnitten. Weil es in der Höhle viel wärmer war, als es an
jedem andern Platze im ganzen Tage gewesen war, so ruhten die Kinder eng
aneinandersitzend und vergaßen sogar die Finsternis zu fürchten. Bald
vermehrten sich auch die Sterne, jetzt kam hier einer zum Vorschein,
jetzt dort, bis es schien, als wäre am ganzen Himmel keine Wolke mehr.
Das war der Zeitpunkt, in welchem man in den Tälern die Lichter
anzuzünden pflegt. Zuerst wird eines angezündet und auf den Tisch
gestellt, um die Stube zu erleuchten, oder es brennt auch nur ein Span,
oder es brennt das Feuer auf der Leuchte, und es erhellen sich alle
Fenster von bewohnten Stuben und glänzen in die Schneenacht hinaus; --
aber heute erst -- am heiligen Abende -- da wurden viel mehr angezündet,
um die Gaben zu beleuchten, welche für die Kinder auf den Tischen lagen
oder an den Bäumen hingen, es wurden wohl unzählige angezündet; denn
beinahe in jedem Hause, in jeder Hütte, jedem Zimmer war eines oder
mehrere Kinder, denen der heilige Christ etwas gebracht hatte, und wozu
man Lichter stellen mußte. Der Knabe hatte geglaubt, daß man sehr bald
von dem Berge hinabkommen könne, und doch, von den vielen Lichtern, die
heute in dem Tale brannten, kam nicht ein einziges zu ihnen herauf; sie
sahen nichts als den blassen Schnee und den dunkeln Himmel, alles andere
war ihnen in die unsichtbare Ferne hinabgerückt. In allen Tälern bekamen
die Kinder in dieser Stunde die Geschenke des heiligen Christ: nur die
zwei saßen oben am Rande des Eises, und die vorzüglichsten Geschenke,
die sie heute hätten bekommen sollen, lagen in versiegelten Päckchen in
der Kalbfelltasche im Hintergrunde der Höhle.
Die Schneewolken waren ringsum hinter die Berge hinabgesunken, und ein
ganz dunkelblaues, fast schwarzes Gewölbe spannte sich um die Kinder
voll von dichten, brennenden Sternen, und mitten durch diese Sterne war
ein schimmerndes, breites, milchiges Band gewoben, das sie wohl auch
unten im Tale, aber nie so deutlich gesehen hatten. Die Nacht rückte
vor. Die Kinder wußten nicht, daß die Sterne gegen Westen rücken und
weiterwandeln, sonst hätten sie an ihrem Vorschreiten den Stand der
Nacht erkennen können; aber es kamen neue und gingen die alten, sie aber
glaubten, es seien immer dieselben. Es wurde von dem Scheine der Sterne
auch lichter um die Kinder; aber sie sahen kein Tal, keine Gegend,
sondern überall nur Weiß -- lauter Weiß. Bloß ein dunkles Horn, ein
dunkles Haupt, ein dunkler Arm wurde sichtbar und ragte dort und hier
aus dem Schimmer empor. Der Mond war nirgends am Himmel zu erblicken,
vielleicht war er schon früh mit der Sonne untergegangen oder er ist
noch nicht erschienen.
Als eine lange Zeit vergangen war, sagte der Knabe: »Sanna, du mußt
nicht schlafen; denn weißt du, wie der Vater gesagt hat, wenn man im
Gebirge schläft, muß man erfrieren, so wie der alte Eschenjäger auch
geschlafen hat und vier Monate tot auf dem Steine gesessen ist, ohne daß
jemand gewußt hatte, wo er sei.«
»Nein, ich werde nicht schlafen,« sagte das Mädchen matt.
Konrad hatte es an dem Zipfel des Kleides geschüttelt, um es zu jenen
Worten zu erwecken.
Nun war es wieder stille.
Nach einer Zeit empfand der Knabe ein sanftes Drücken gegen seinen Arm,
das immer schwerer wurde. Sanna war eingeschlafen und war gegen ihn
herübergesunken.
»Sanna, schlafe nicht, ich bitte dich, schlafe nicht,« sagte er.
»Nein,« lallte sie schlaftrunken, »ich schlafe nicht.«
Er rückte weiter von ihr, um sie in Bewegung zu bringen, allein sie sank
um und hätte auf der Erde liegend fortgeschlafen. Er nahm sie an der
Schulter und rüttelte sie. Da er sich dabei selber etwas stärker
bewegte, merkte er, daß ihn friere, und daß sein Arm schwerer sei. Er
erschrak und sprang auf. Er ergriff die Schwester, schüttelte sie
stärker und sagte: »Sanna, stehe ein wenig auf, wir wollen eine Zeit
stehen, daß es besser wird.«
»Mich friert nicht, Konrad,« antwortete sie.
»Ja, ja, es friert dich, Sanna, stehe auf,« rief er.
»Die Pelzjacke ist warm,« sagte sie.
»Ich werde dir emporhelfen,« sagte er.
»Nein,« erwiderte sie und war still.
Da fiel dem Knaben etwas anderes ein. Die Großmutter hatte gesagt: Nur
ein Schlückchen wärmt den Magen so, daß es den Körper in den kältesten
Wintertagen nicht frieren kann.
Er nahm das Kalbfellränzchen, öffnete es und griff so lange, bis er das
Fläschchen fand, in welchem die Großmutter der Mutter einen schwarzen
Kaffeabsud schicken wollte. Er nahm das Fläschchen heraus, tat den
Verband weg und öffnete mit Anstrengung den Kork. Dann bückte er sich zu
Sanna und sagte: »Da ist der Kaffee, den die Großmutter der Mutter
schickt, koste ihn ein wenig, er wird dir warm machen. Die Mutter gibt
ihn uns, wenn sie nur weiß, wozu wir ihn nötig gehabt haben.«
Das Mädchen, dessen Natur zur Ruhe zog, antwortete: »Mich friert nicht.«
»Nimm nur etwas,« sagte der Knabe, »dann darfst du schlafen.«
Diese Aussicht verlockte Sanna, sie bewältigte sich so weit, daß sie
fast das eingegossene Getränk verschluckte. Hierauf trank der Knabe auch
etwas.
Der ungemein starke Auszug wirkte sogleich, und zwar um so heftiger, da
die Kinder in ihrem Leben keinen Kaffee gekostet hatten. Statt zu
schlafen, wurde Sanna nun lebhafter und sagte selber, daß sie friere,
daß es aber von innen recht warm sei und auch schon in die Hände und
Füße gehe. Die Kinder redeten sogar eine Weile miteinander.
So tranken sie trotz der Bitterkeit immer wieder von dem Getränk, sobald
die Wirkung nachzulassen begann, und steigerten ihre unschuldigen Nerven
zu einem Fieber, das imstande war, den zum Schlummer ziehenden Gewichten
entgegenzuwirken.
Es war nun Mitternacht gekommen. Weil sie noch so jung waren und an
jedem heiligen Abend in höchstem Drange der Freude erst sehr spät
entschlummerten, wenn sie nämlich der körperliche Drang übermannt hatte,
so hatten sie nie das mitternächtliche Läuten der Glocken, nie die Orgel
der Kirche gehört, wenn das Fest gefeiert wurde, obwohl sie nahe an der
Kirche wohnten. In diesem Augenblicke der heutigen Nacht wurde nun mit
allen Glocken geläutet, es läuteten die Glocken in Millsdorf, es
läuteten die Glocken in Gschaid, und hinter dem Berge war noch ein
Kirchlein mit drei hellen, klingenden Glocken, die läuteten. In den
fernen Ländern draußen waren unzählige Kirchen und Glocken, und mit
allen wurde zu dieser Zeit geläutet, von Dorf zu Dorf ging die Tonwelle,
ja man konnte wohl zuweilen von einem Dorfe zum andern durch die
blätterlosen Zweige das Läuten hören: nur zu den Kindern herauf kam kein
Laut, hier wurde nichts vernommen; denn hier war nichts zu verkündigen.
In den Talkrümmen gingen jetzt an den Berghängen die Lichter der
Laternen hin, und von manchem Hofe tönte das Hausglöcklein, um die Leute
zu erinnern; aber dieses konnte um so weniger heraufgesehen und gehört
werden, es glänzen nur die Sterne, und sie leuchteten und funkelten
ruhig fort.
Wenn auch Konrad sich das Schicksal des erfrorenen Eschenjägers vor
Augen hielt, wenn auch die Kinder das Fläschchen mit dem schwarzen
Kaffee fast ausgeleert hatten, wodurch sie ihr Blut zu größerer
Tätigkeit brachten, aber gerade dadurch eine folgende Ermattung
herbeizogen: so würden sie den Schlaf nicht haben überwinden können,
dessen verführende Süßigkeit alle Gründe überwiegt, wenn nicht die Natur
in ihrer Größe ihnen beigestanden wäre und in ihrem Innern eine Kraft
aufgerufen hätte, welche imstande war, dem Schlaf zu widerstehen.
In der ungeheuern Stille, die herrschte, in der Stille, in der sich kein
Schneespitzchen zu rühren schien, hörten die Kinder dreimal das Krachen
des Eises. Was das Starrste scheint und doch das Regsamste und
Lebendigste ist, der Gletscher, hatte die Töne hervorgebracht. Dreimal
hörten sie hinter sich den Schall, der entsetzlich war, als ob die Erde
entzweigesprungen wäre, der sich nach allen Richtungen im Eise
verbreitete und gleichsam durch alle Äderchen des Eises lief. Die Kinder
blieben mit offenen Augen sitzen und schauten in die Sterne hinaus.
Auch für die Augen begann sich etwas zu entwickeln. Wie die Kinder so
saßen, erblühte am Himmel vor ihnen ein bleiches Licht mitten unter den
Sternen und spannte einen schwachen Bogen durch dieselben. Es hatte
einen grünlichen Schimmer, der sich sachte nach unten zog. Aber der
Bogen wurde immer heller und heller, bis sich die Sterne vor ihm
zurückzogen und erblaßten. Auch in andere Gegenden des Himmels sandte er
einen Schein, der schimmergrün sachte und lebendig unter die Sterne
floß. Dann standen Garben verschiedenen Lichtes auf der Höhe des Bogens
wie Zacken einer Krone und brannten. Es floß hell durch die benachbarten
Himmelsgegenden, es sprühte leise und ging in sanftem Zucken durch lange
Räume. Hatte sich nun der Gewitterstoff des Himmels durch den unerhörten
Schneefall so gespannt, daß er in diesen stummen, herrlichen Strömen des
Lichtes ausfloß, oder war es eine andere Ursache der unergründlichen
Natur: nach und nach wurde er schwächer und immer schwächer, die Garben
erloschen zuerst, bis es allmählich und unmerklich immer geringer wurde,
und wieder nichts am Himmel war als die tausend und tausend einfachen
Sterne.
Die Kinder sagten keines zu dem andern ein Wort, sie blieben fort und
fort sitzen und schauten mit offenen Augen in den Himmel.
Es geschah nun nichts Besonderes mehr. Die Sterne glänzten, funkelten
und zitterten, nur manche schießende Schnuppe fuhr durch sie.
Endlich, nachdem die Sterne lange allein geschienen hatten, und nie ein
Stückchen Mond an dem Himmel zu erblicken gewesen war, geschah etwas
anderes. Es fing der Himmel an, heller zu werden, langsam heller, aber
doch zu erkennen; es wurde seine Farbe sichtbar, die bleichsten Sterne
erloschen und die andern standen nicht mehr so dicht. Endlich wichen
auch die stärkeren, und der Schnee vor den Höhen wurde deutlicher
sichtbar. Zuletzt färbte sich eine Himmelsgegend gelb, und ein
Wolkenstreifen, der in derselben war, wurde zu einem leuchtenden Faden
entzündet. Alle Dinge waren klar zu sehen, und die entfernten
Schneehügel zeichneten sich scharf in die Luft.
»Sanna, der Tag bricht an,« sagte der Knabe.
»Ja, Konrad,« antwortete das Mädchen.
»Wenn es nur noch ein bißchen heller wird, dann gehen wir aus der Höhle
und laufen über den Berg hinunter.«
Es wurde heller, an dem ganzen Himmel war kein Stern mehr sichtbar, und
alle Gegenstände standen in der Morgendämmerung da.
»Nun, jetzt gehen wir,« sagte der Knabe.
»Ja, wir gehen,« antwortete Sanna.
Die Kinder standen auf und versuchten ihre erst heute recht müden
Glieder. Obwohl sie nicht geschlafen hatten, waren sie doch durch den
Morgen gestärkt, wie das immer so ist. Der Knabe hing sich das
Kalbfellränzchen um und machte das Pelzjäckchen an Sanna fester zu. Dann
führte er sie aus der Höhle.
Weil sie nach ihrer Meinung nur über den Berg hinabzulaufen hatten,
dachten sie an kein Essen und untersuchten das Ränzchen nicht, ob noch
Weißbrot oder andere Eßwaren darinnen seien.
Von dem Berge wollte nun Konrad, weil der Himmel ganz heiter war, in die
Täler hinabschauen, um das Gschaider Tal zu erkennen und in dasselbe
hinunterzugehen. Aber er sah gar keine Täler. Es war nicht, als ob sie
sich auf einem Berge befänden, von dem man hinabsieht, sondern in einer
fremden, seltsamen Gegend, in der lauter unbekannte Gegenstände sind.
Sie sahen heute auch in größerer Entfernung furchtbare Felsen aus dem
Schnee emporstehen, die sie gestern nicht gesehen hatten, sie sahen das
Eis, sie sahen Hügel und Schneelehnen emporstarren, und hinter diesen
war entweder der Himmel oder es ragte die blaue Spitze eines sehr fernen
Berges am Schneerande hervor.
In diesem Augenblicke ging die Sonne auf.
Eine riesengroße, blutrote Scheibe erhob sich an dem Schneesaume in den
Himmel, und in dem Augenblicke errötete der Schnee um die Kinder, als
wäre er mit Millionen Rosen überstreut worden. Die Kuppen und die Hörner
warfen sehr lange, grünliche Schatten längs des Schnees.
»Sanna, wir werden jetzt da weiter vorwärtsgehen bis wir an den Rand des
Berges kommen, und hinuntersehen,« sagte der Knabe.