Die Summe, welche nach der Versteigerung der Geräte und andern Dinge,

die der Rentherr in seiner Wohnung auf dem Sankt-Peters-Platze

zurückgelassen hatte, und nach der Bezahlung der Schuld an den

Hausbesitzer noch übriggeblieben und in die Verwahrung der Gerichte

gegeben worden war, wurde meinem Gatten für das Mädchen eingehändigt.

Sie war durch die Zinsen während einer Reihe von Jahren nicht

unbeträchtlich angewachsen.

Von der Lebensweise und den Schicksalen des Verstorbenen seit seiner

Abreise von Wien konnte mein Gatte nichts Bestimmtes erfahren. Nur, da

er alle Wege zur Ermittlung des Lebenslaufes des Verstorbenen und

infolgedessen zur Ermittlung des Schicksales des Vermögens des Mädchens

einschlug, war das eine zu seiner Kenntnis gekommen, daß ein Mann,

dessen Beschreibung ganz auf den Verstorbenen paßte, in den Vorstädten,

welche sehr weit von der Wohnung des Verstorbenen entfernt waren, oft

gesehen worden war, daß er mit seiner Flöte in Gasthäusern, in Gärten

und an öffentlichen Orten erschienen war und dort für kleine Gaben

gespielt habe. Aus Küchen habe er gern Speisen, die man ihm schenkte, in

seinem Topfe fortgetragen. Daß er in der Nähe seiner Wohnung gespielt

habe, konnte man nicht erfahren.

Von dem Verwalter des Perronschen Hauses erfuhr mein Gatte, daß der

Verstorbene zu irgendeiner Zeit -- er wisse es selbst nicht mehr genau,

wann es gewesen -- unentgeltlich in die unterirdische Wohnung

aufgenommen worden sei, um Pförtnerdienste zu verrichten, obwohl bis

dahin die Inwohner Schlüssel zu dem roten Pförtchen gehabt hatten, die

sie auch fernerhin noch behielten. Überhaupt konnte von dem Verwalter

des Perronschen Hauses nicht viel in Erfahrung gebracht werden, da er

sich der Verfallenheit des Hauses wegen wenig um dasselbe kümmerte und

von dem Besitzer auch nicht dazu angehalten wurde.

Eines Tages brachte mein Gatte einen großen Stoß von Schriften in mein

Zimmer und reichte sie mir. Ich sah sie an, blätterte sie durch und sah,

daß es die Ausarbeitungen und schriftlichen Aufsätze des Mädchens waren.

Ich nahm mir nun, wenn ich Zeit hatte, die Mühe, den größten Teil dieser

Papiere zu durchlesen. Was soll ich davon sagen? Ich würde sie

Dichtungen nennen, wenn Gedanken in ihnen gewesen wären, oder wenn man

Grund, Ursprung und Verlauf des Ausgesprochenen hätte enträtseln können.

Von einem Verständnisse, was Tod, was Umirren in der Welt und sich aus

Verzweiflung das Leben nehmen heiße, war keine Spur vorhanden, und doch

war dieses alles der trübselige Inhalt der Ausarbeitungen. Der Ausdruck

war klar und bündig, der Satzbau richtig und gut, und die Worte, obwohl

sinnlos, waren erhaben.

Ich nahm von diesem Umstande Veranlassung, aus Dichtern oder andern

Schriftstellern Sätze mit bestimmter, gehobener Betonung vorzutragen.

Das Mädchen merkte hoch auf. Bald sagte es selber solche Dinge her, und

später trug es mit einer Art Schaustellung Teile aus den besten und

herrlichsten Schriften unseres Volkes vor. Wenn man aber näher in das

Werk einging, von dem es eine Stelle gesagt hatte, und nach dessen

Inhalt, Bedeutung und Gestalt forschte, verstand es nicht, was man

wollte. Auch war in der Verlassenschaft kein einziges der betreffenden

Bücher vorhanden. Das Aufsagen solcher Stellen war ein Reiz für das

Mädchen, dem es sich schwärmerisch hingab. Wir kamen dahinter, daß die

leisen Worte, die es zur Dohle sagte, ähnliche Dinge enthielten, so wie

die Weisen, die es der Flöte des Vaters abzulocken suchte, in demselben

Geiste erschienen.

Mein Gatte forschte auch der Mutter des Mädchens nach. Seine Absicht

war, dem Mädchen seine natürliche und erste Verwandte und Stütze zu

verschaffen, dann aber auch, von der erkundeten Mutter Angaben zu

erfahren, aus denen sich über die Lage des Vermögens etwas entnehmen

ließe. Mein Gatte forschte anfangs vorsichtig auf dem Wege der Ämter,

dann mit der größten Schonung teils durch einzelne Personen, teils durch

öffentliche Blätter; aber wie genau auch diese Forschungen angestellt

wurden, wie viele Briefe geschrieben, wie viele Aufträge erteilt, wie

viele Antworten eingegangen waren: von der Frau ist keine Auskunft

angelangt; niemand hatte bis auf den Tag etwas von ihr gehört, sie ist

auch nie wieder zurückgekommen.

Von den früheren Schicksalen des Mädchens ist uns durch seine Aussagen

nie etwas bekanntgeworden.

Wir hatten unsern Hausarzt, den Freund meines Gatten, zu uns bitten

lassen, daß er den körperlichen Zustand des Mädchens untersuche, da das

auffallend große Haupt auf etwas Ungewöhnliches schließen lasse. Er

meinte, daß in dumpfen Aufenthaltsorten und etwa durch Wahnsinn des

Vaters dieses Wuchern hervorgerufen worden sei, daß sich Auftreibungen

und Drüsenleiden eingestellt haben. Der Gebrauch von Jodbädern würde in

beiden Richtungen vielleicht gute Dienste tun. Da ich nun im Frühling

ohnehin in die Gegend, wo sich das Bad befindet, eine Reise zu dem

Bruder meines Gatten vorhatte, um mehrere Wochen bei ihm zuzubringen, so

beschloß ich, das Mädchen mitzunehmen. Ich hoffte von der guten Luft und

der Reise nicht minder gute Wirkungen als von dem Bade. Das Haupt wurde

in der Tat nach einem zweimonatigen Aufenthalte auf dem Lande und nach

dem vorgeschriebenen Gebrauche des Bades etwas kleiner und gebildeter,

und die Züge des Angesichtes wurden geschmeidiger, klarer und

sprechender.

Wir unterrichteten das Mädchen auch in den gewöhnlichen Dingen und

suchten es zu den unentbehrlichsten Verrichtungen des Lebens anzuleiten.

Wir suchten ihm Geschmack an Verfertigung von allerlei weiblichen

Handarbeiten beizubringen und endlich durch Gespräche und durch Lesen

einfacher Bücher, hauptsächlich aber durch Umgang jene wilde und

zerrissene, ja fast unheimliche Unterweisung in einfache,

übereinstimmende und verstandene Gedanken umzuwandeln und ein Verstehen

der Dinge der Welt anzubahnen. Wie schwer das war, geht schon aus der

Tatsache hervor, daß Monate vergehen mußten, ehe es ertragen konnte, daß

Alfred mit der Dohle sprach oder gar mit ihr spielte, gelegentlich auch

die Flöte des Vaters anrührte.

Als wir es endlich wagen konnten, mieteten wir dem Mädchen in unserer

Nähe ein Zimmer, in dem es wohnte. Die Frau, welche das Zimmer

vermietete, nahm sich um das Mädchen an, ein Priester unterwies es in

der Religion, wir kamen sehr oft zu ihm hinüber, und so gestaltete es

sich milder, seine körperliche Beschaffenheit wurde nachträglich auch

besser, so daß es sich in den Lauf der Dinge schicken konnte, daß ihm

mein Gatte, nachdem es die Volljährigkeit erreicht hatte, die Urkunden

über seine gerichtlich anliegende Summe und über das, was bei der

Beerdigung des Vaters übriggeblieben war, einhändigen konnte, und daß es

endlich sogar Teppiche, Decken und dergleichen Dinge anfertigte, von

denen es im Vereine mit den Zinsen aus seinem kleinen Vermögen lebte,

was um so eher möglich wurde, als ihm die Leute, gerührt durch seine

Schicksale, die fertigen Stücke immer gern abkauften. --

So erzählte die Frau, und das Mädchen lebte so in den folgenden Jahren

fort.

Der große Künstler ist schon längst tot, der Professor Andorf ist tot,

die Frau wohnt schon lange nicht mehr in der Vorstadt, das Perronsche

Haus besteht nicht mehr, eine glänzende Häuserreihe steht jetzt an

dessen und der nachbarlichen Häuser Stelle, und das junge Geschlecht

weiß nicht, was dort gestanden war, und was sich dort zugetragen hatte.

Bergkristall.

Unsere Kirche feiert verschiedene Feste, welche zum Herzen dringen. Man

kann sich kaum etwas Lieblicheres denken als Pfingsten und kaum etwas

Ernsteres und Heiligeres als Ostern. Das Traurige und Schwermütige der

Karwoche und darauf das Feierliche des Sonntags begleiten uns durch

das Leben. Eines der schönsten Feste feiert die Kirche fast mitten im

Winter, wo beinahe die längsten Nächte und kürzesten Tage sind, wo die

Sonne am schiefsten gegen unsere Gefilde steht und Schnee alle Fluren

deckt: das Fest der Weihnacht. Wie in vielen Ländern der Tag vor dem

Geburtsfeste des Herrn der Christabend heißt, so heißt er bei uns

der heilige Abend, der darauf folgende Tag der heilige Tag und die

dazwischenliegende Nacht die Weihnacht. Die katholische Kirche

begeht den Christtag als den Tag der Geburt des Heilandes mit ihrer

allergrößten kirchlichen Feier; in den meisten Gegenden wird schon

die Mitternachtstunde als die Geburtsstunde des Herrn mit prangender

Nachtfeier geheiligt, zu der die Glocken durch die stille, finstere,

winterliche Mitternachtluft laden, zu der die Bewohner mit Lichtern oder

auf dunkeln, wohlbekannten Pfaden aus schneeigen Bergen an bereiften

Wäldern vorbei und durch knarrende Obstgärten zu der Kirche eilen, aus

der die feierlichen Töne kommen, und die aus der Mitte des in beeiste

Bäume gehüllten Dorfes mit den langen, beleuchteten Fenstern emporragt.

Mit dem Kirchenfeste ist auch ein häusliches verbunden. Es hat sich fast

in allen christlichen Ländern verbreitet, daß man den Kindern die Ankunft

des Christkindleins -- auch eines Kindes, des wunderbarsten, das je auf

der Welt war -- als ein heiteres, glänzendes, feierliches Ding zeigt,

das durch das ganze Leben fortwirkt und manchmal noch spät im Alter bei

trüben, schwermütigen oder rührenden Erinnerungen gleichsam als Rückblick

in die einstige Zeit mit den bunten, schimmernden Fittigen durch den

öden, traurigen und ausgeleerten Nachthimmel fliegt. Man pflegt den

Kindern die Geschenke zu geben, die das heilige Christkindlein gebracht

hat, um ihnen Freude zu machen. Das tut man gewöhnlich am heiligen

Abende, wenn die tiefe Dämmerung eingetreten ist. Man zündet Lichter,

und meistens sehr viele an, die oft mit den kleinen Kerzlein auf den

schönen, grünen Ästen eines Tannen- oder Fichtenbäumchens schweben, das

mitten in der Stube steht. Die Kinder dürfen nicht eher kommen, als bis

das Zeichen gegeben wird, daß der heilige Christ zugegen gewesen ist und

die Geschenke, die er mitgebracht, hinterlassen hat. Dann geht die Tür

auf, die Kleinen dürfen hinein, und bei dem herrlichen, schimmernden

Lichterglanze sehen sie Dinge auf dem Baume hängen oder auf dem Tische

herumgebreitet, die alle Vorstellungen ihrer Einbildungskraft weit

übertreffen, die sie sich nicht anzurühren getrauen, und die sie

endlich, wenn sie sie bekommen haben, den ganzen Abend in ihren Ärmchen

herumgetragen und mit sich in das Bett nehmen. Wenn sie dann zuweilen in

ihre Träume hinein die Glockentöne der Mitternacht hören, durch welche

die Großen in die Kirche zur Andacht gerufen werden, dann mag es ihnen

sein, als zögen jetzt die Englein durch den Himmel, oder als kehre der

heilige Christ nach Hause, welcher nunmehr bei allen Kindern gewesen ist

und jedem von ihnen ein herrliches Geschenk hinterbracht hat.

Wenn dann der folgende Tag, der Christtag, kommt, so ist er ihnen so

feierlich, wenn sie früh morgens mit ihren schönsten Kleidern angetan

in der warmen Stube stehen, wenn der Vater und die Mutter sich zum

Kirchgange schmücken, wenn zu Mittag ein feierliches Mahl ist, ein

besseres als in jedem Tage des ganzen Jahres, und wenn nachmittags oder

gegen den Abend hin Freunde und Bekannte kommen, auf den Stühlen und

Bänken herumsitzen, miteinander reden und behaglich durch die Fenster in

die Wintergegend hinausschauen können, wo entweder die langsamen Flocken

niederfallen, oder ein trübender Nebel um die Berge steht, oder

die blutrote, kalte Sonne hinabsinkt. An verschiedenen Stellen der

Stube, entweder auf einem Stühlchen oder auf der Bank oder auf dem

Fensterbrettchen, liegen die zauberischen, nun aber schon bekannteren

und vertrauteren Geschenke von gestern abend herum.

Hierauf vergeht der lange Winter, es kommt der Frühling und der

unendlich dauernde Sommer -- und wenn die Mutter wieder vom heiligen

Christ erzählt, daß nun bald sein Festtag sein wird, und daß er auch

diesmal herabkommen werde, ist es den Kindern, als sei seit seinem

letzten Erscheinen eine ewige Zeit vergangen, und als liege die damalige

Freude in einer weiten, nebelgrauen Ferne.

Weil dieses Fest solange nachhält, weil sein Abglanz so hoch in das

Alter hinaufreicht, so stehen wir so gern dabei, wenn Kinder dasselbe

begehen und sich darüber freuen. --

In den hohen Gebirgen unsers Vaterlandes steht ein Dörfchen mit einem

kleinen, aber sehr spitzigen Kirchturme, der mit seiner roten Farbe, mit

welcher die Schindeln bemalt sind, aus dem Grün vieler Obstbäume

hervorragt und wegen derselben roten Farbe in dem duftigen und blauen

Dämmern der Berge weithin ersichtlich ist. Das Dörfchen liegt gerade

mitten in einem ziemlich weiten Tale, das fast wie ein länglicher Kreis

gestaltet ist. Es enthält außer der Kirche eine Schule, ein Gemeindehaus

und noch mehrere stattliche Häuser, die einen Platz gestalten, auf

welchem vier Linden stehen, die ein steinernes Kreuz in ihrer Mitte

haben. Diese Häuser sind nicht bloße Landwirtschaftshäuser, sondern sie

bergen auch noch diejenigen Handwerke in ihrem Schoße, die dem

menschlichen Geschlechte unentbehrlich sind und die bestimmt sind, den

Gebirgsbewohnern ihren einzigen Bedarf an Kunsterzeugnissen zu decken.

Im Tale und an den Bergen herum sind noch sehr viele zerstreute Hütten,

wie das in Gebirgsgegenden sehr oft der Fall ist, welche alle nicht nur

zur Kirche und Schule gehören, sondern auch jenen Handwerken, von denen

gesprochen wurde, durch Abnahme der Erzeugnisse ihren Zoll entrichten.

Es gehören sogar noch weitere Hütten zu dem Dörfchen, die man von dem

Tale aus gar nicht sehen kann, die noch tiefer in den Gebirgen stecken,

deren Bewohner selten zu ihren Gemeindemitbrüdern herauskommen und die

im Winter oft ihre Toten aufbewahren müssen, um sie nach dem

Wegschmelzen des Schnees zum Begräbnisse bringen zu können. Der größte

Herr, den die Dörfler im Laufe des Jahres zu sehen bekommen, ist der

Pfarrer. Sie verehren ihn sehr, und es geschieht gewöhnlich, daß

derselbe durch längeren Aufenthalt im Dörfchen ein der Einsamkeit

gewöhnter Mann wird, daß er nicht ungern bleibt und einfach fortlebt.

Wenigstens hat man seit Menschengedenken nicht erlebt, daß der Pfarrer

des Dörfchens ein auswärtssüchtiger oder seines Standes unwürdiger Mann

gewesen wäre.

Es gehen keine Straßen durch das Tal; sie haben ihre zweigleisigen Wege,

auf denen sie ihre Felderzeugnisse mit einspännigen Wäglein nach Hause

bringen; es kommen daher wenig Menschen in das Tal, unter diesen

manchmal ein einsamer Fußreisender, der ein Liebhaber der Natur ist,

eine Weile in der bemalten Oberstube des Wirtes wohnt und die Berge

betrachtet, oder gar ein Maler, der den kleinen spitzen Kirchturm und

die schönen Gipfel der Felsen in seine Mappe zeichnet. Daher bilden die

Bewohner eine eigene Welt, sie kennen einander alle mit Namen und mit

den einzelnen Geschichten von Großvater und Urgroßvater her, trauern

alle, wenn einer stirbt, wissen, wie er heißt, wenn einer geboren wird,

haben eine Sprache, die von der der Ebene draußen abweicht, haben ihre

Streitigkeiten, die sie schlichten, stehen einander bei und laufen

zusammen, wenn sich etwas Außergewöhnliches begibt.

Sie sind sehr stetig, und es bleibt immer beim alten. Wenn ein Stein aus

einer Mauer fällt, wird derselbe wieder hineingesetzt, die neuen Häuser

werden wie die alten gebaut, die schadhaften Dächer werden mit gleichen

Schindeln ausgebessert, und wenn in einem Hause scheckige Kühe sind, so

werden immer solche Kälber aufgezogen, und die Farbe bleibt bei dem

Hause.

Gegen Mittag sieht man von dem Dorfe einen Schneeberg, der mit seinen

glänzenden Hörnern fast oberhalb der Hausdächer zu sein scheint, aber in

der Tat doch nicht so nahe ist. Er sieht das ganze Jahr, Sommer und

Winter, mit seinen vorstehenden Felsen und mit seinen weißen Flächen in

das Tal herab. Als das Auffallendste, was sie in ihrer Umgebung haben,

ist der Berg der Gegenstand der Betrachtung der Bewohner, und er ist der

Mittelpunkt vieler Geschichten geworden. Es lebt kein Mann und Greis in

dem Dorfe, der nicht von den Zacken und Spitzen des Berges, von seinen

Eisspalten und Höhlen, von seinen Wässern und Geröllströmen etwas zu

erzählen wüßte, was er entweder selbst erfahren oder von andern erzählen

gehört hat. Dieser Berg ist auch der Stolz des Dorfes, als hätten sie

ihn selber gemacht, und es ist nicht so ganz entschieden, wenn man auch

die Biederkeit und Wahrheitsliebe der Talbewohner hoch anschlägt, ob sie

nicht zuweilen zur Ehre und zum Ruhme des Berges lügen. Der Berg gibt

den Bewohnern außerdem, daß er ihre Merkwürdigkeit ist, auch wirklichen

Nutzen; denn wenn eine Gesellschaft von Gebirgsreisenden hereinkommt, um

von dem Tale aus den Berg zu besteigen, so dienen die Bewohner des

Dorfes als Führer, und einmal Führer gewesen zu sein, dieses und jenes

erlebt zu haben, diese und jene Stelle zu kennen, ist eine Auszeichnung

die jeder gern von sich darlegt. Sie reden oft davon, wenn sie in der

Wirtsstube beieinander sitzen und erzählen ihre Wagnisse und ihre

wunderbaren Erfahrungen und versäumen aber auch nie zu sagen, was dieser

oder jener Reisende gesprochen habe, und was sie von ihm als Lohn für

ihre Bemühungen empfangen hätten. Dann sendet der Berg von seinen

Schneeflächen die Wasser ab, welche einen See in seinen Hochwäldern

speisen und den Bach erzeugen, der lustig durch das Tal strömt, die

Brettersäge, die Mahlmühle und andere kleine Werke treibt, das Dorf

reinigt und das Vieh tränkt. Von den Wäldern des Berges kommt das Holz,

und sie halten die Lawinen auf. Durch die innern Gänge und Lockerheiten

der Höhen sinken die Wasser durch, die dann in Adern durch das Tal gehen

und in Brünnlein und Quellen hervorkommen, daraus die Menschen trinken

und ihr herrliches, oft belobtes Wasser dem Fremden reichen. Allein an

letzteren Nutzen denken sie nicht und meinen, das sei immer so gewesen.

Wenn man auf die Jahresgeschichte des Berges sieht, so sind im Winter

die zwei Zacken seines Gipfels, die sie Hörner heißen, schneeweiß und

stehen, wenn sie an hellen Tagen sichtbar sind, blendend in der finstern

Bläue der Luft; alle Bergfelder, die um diese Gipfel herumlagern, sind

dann weiß; alle Abhänge sind so; selbst die steilrechten Wände, die die

Bewohner Mauern heißen, sind mit einem angeflogenen weißen Reife bedeckt

und mit zartem Eise wie mit einem Firnisse belegt, so daß die ganze

Masse wie ein Zauberpalast aus dem bereiften Grau der Wälderlast

emporragt, welche schwer um ihre Füße herum ausgebreitet ist. Im Sommer,

wo Sonne und warmer Wind den Schnee von den Steilseiten wegnimmt, ragen

die Hörner nach dem Ausdrucke der Bewohner schwarz in den Himmel und

haben nur schöne weiße Äderchen und Sprenkel auf ihrem Rücken, in der

Tat aber sind sie zart fernblau, und was sie Äderchen und Sprenkeln

heißen, das ist nicht weiß, sondern hat das schöne Milchblau des fernen

Schnees gegen das dunklere der Felsen. Die Bergfelder um die Hörner aber

verlieren, wenn es recht heiß ist, an ihren höheren Teilen wohl den Firn

nicht, der gerade dann recht weiß auf das Grün der Talbäume herabsieht,

aber es weicht von ihren unteren Teilen der Winterschnee, der nur einen

Flaum machte, und es wird das unbestimmte Schillern von Bläulich und

Grünlich sichtbar, das das Geschiebe von Eis ist, das dann bloßliegt und

auf die Bewohner unten hinabgrüßt. Am Rande dieses Schillerns, wo es von

ferne wie ein Saum von Edelsteinsplittern aussieht, ist es in der Nähe

ein Gemenge wilder, riesenhafter Blöcke, Platten und Trümmer, die sich

drängen und verwirrt ineinandergeschoben sind. Wenn ein Sommer gar heiß

und lang ist, werden die Eisfelder weit hinauf entblößt, und dann schaut

eine viel größere Fläche von Grün und Blau in das Tal, manche Kuppen und

Räume werden entkleidet, die man sonst nur weiß erblickt hatte, der

schmutzige Saum des Eises wird sichtbar, wo es Felsen, Erde und Schlamm

schiebt, und viel reichlichere Wasser als sonst fließen in das Tal. Dies

geht fort, bis es nach und nach wieder Herbst wird, das Wasser sich

verringert, zu einer Zeit einmal ein grauer Landregen die ganze Ebene

des Tales bedeckt, worauf, wenn sich die Nebel von den Höhen wieder

lösen, der Berg seine weiche Hülle abermals umgetan hat, und alle

Felsen, Kegel und Zacken in weißem Kleide dastehen. So spinnt es sich

ein Jahr um das andere mit geringen Abwechslungen ab und wird sich

fortspinnen, solange die Natur so bleibt und auf den Bergen Schnee und

in den Tälern Menschen sind. Die Bewohner des Tales heißen die geringen

Veränderungen große, bemerken sie wohl und berechnen an ihnen den

Fortschritt des Jahres. Sie bezeichnen an den Entblößungen die Hitze und

die Ausnahmen der Sommer.

Was nun noch die Besteigung des Berges betrifft, so geschieht dieselbe

von dem Tale aus. Man geht nach der Mittagsrichtung zu auf einem guten,

schönen Wege, der über einen sogenannten Hals in ein anderes Tal führt.

Hals heißen sie einen mäßig hohen Bergrücken, der zwei größere und

bedeutendere Gebirge miteinander verbindet und über den man zwischen

den Gebirgen von einem Tale in ein anderes gelangen kann. Auf dem Halse,

der den Schneeberg mit einem gegenüberliegenden großen Gebirgszuge

verbindet, ist lauter Tannenwald. Etwa auf der größten Erhöhung

desselben, wo nach und nach sich der Weg in das jenseitige Tal

hinabzusenken beginnt, steht eine sogenannte Unglückssäule. Es ist

einmal ein Bäcker, welcher Brot in seinem Korbe über den Hals trug, an

jener Stelle tot gefunden worden. Man hat den toten Bäcker mit dem Korbe

und mit den umringenden Tannenbäumen auf ein Bild gemalt, darunter eine

Erklärung und eine Bitte um ein Gebet geschrieben, das Bild auf eine

rot angestrichene hölzerne Säule getan und die Säule an der Stelle des

Unglücks aufgerichtet. Bei dieser Säule biegt man von dem Wege ab und

geht auf der Länge des Halses fort, statt über seine Breite in das

jenseitige Tal hinüberzuwandern. Die Tannen bilden dort einen Durchlaß,

als ob eine Straße zwischen ihnen hinginge. Es führt auch manchmal ein

Weg in dieser Richtung hin, der dazu dient, das Holz von den höheren

Gegenden zu der Unglückssäule herabzubringen, der aber dann wieder mit

Gras verwächst. Wenn man auf diesem Wege fortgeht, der sachte bergan

führt, so gelangt man endlich auf eine freie, von Bäumen entblößte

Stelle. Dieselbe ist dürrer Heideboden, hat nicht einmal einen Strauch,

sondern ist mit schwachem Heidekraute, mit trockenen Moosen und mit

Dürrbodenpflanzen bewachsen. Die Stelle wird immer steiler, und man geht

lange hinan; man geht aber immer in einer Rinne, gleichsam wie in einem

aufgerundeten Graben hinan, was den Nutzen hat, daß man auf der großen,

baumlosen und überall gleichen Stelle nicht leicht irren kann. Nach

einer Zeit erscheinen Felsen, die wie Kirchen gerade aus dem Grasboden

aufsteigen und zwischen deren Mauern man längere Zeit hinangehen kann.

Dann erscheinen wieder kahle, fast pflanzenlose Rücken, die bereits in

die Lufträume der höheren Gegenden ragen und gerade zu dem Eise führen.

Zu beiden Seiten dieses Weges sind steile Wände, und durch diesen Damm

hängt der Schneeberg mit dem Halse zusammen. Um das Eis zu überwinden,

geht man eine geraume Zeit an der Grenze desselben, wo es von den Felsen

umstanden ist, dahin, bis man zu dem ältern Firn gelangt, der die

Eisspalten überbaut und in den meisten Zeiten des Jahres den Wanderer

trägt. An der höchsten Stelle des Firns erheben sich die zwei Hörner aus

dem Schnee, wovon eines das höhere, mithin die Spitze des Berges ist.

Diese Kuppen sind sehr schwer zu erklimmen; da sie mit einem oft

breiteren, oft engeren Schneegraben -- dem Firnschrunde -- umgeben sind,

der übersprungen werden muß, und da ihre steilrechten Wände nur kleine

Absätze haben, in welche der Fuß eingesetzt werden muß, so begnügen sich

die meisten Besteiger des Berges damit, bis zu dem Firnschrunde gelangt

zu sein und dort die Rundsicht, soweit sie nicht durch das Horn verdeckt

ist, zu genießen. Die den Gipfel besteigen wollen, müssen dies mit Hilfe

von Steigeisen, Stricken und Klammern tun.

Bunte Steine: Ein Festgeschenk · 第 12 / 25 段