Außer diesem Berge stehen an derselben Mittagseite noch andere, aber

keiner ist so hoch, wenn sie sich auch früh im Herbste mit Schnee

bedecken und ihn bis tief in den Frühling hinein behalten. Der Sommer

aber nimmt denselben immer weg, und die Felsen glänzen freundlich im

Sonnenscheine, und die tiefer gelegenen Wälder zeigen ihr sanftes Grün

von breiten, blauen Schatten durchschnitten, die so schön sind, daß man

sich in seinem Leben nicht satt daran sehen kann.

An den andern Seiten des Tales, nämlich von Mitternacht, Morgen und

Abend her, sind die Berge langgestreckt und niederer, manche Felder und

Wiesen steigen ziemlich hoch hinauf, und oberhalb ihrer sieht man

verschiedene Waldblößen, Alpenhütten und dergleichen, bis sie an ihrem

Rande mit feingezacktem Walde am Himmel hingehen, welche Auszackung eben

ihre geringe Höhe anzeigt, während die mittäglichen Berge, obwohl sie

noch großartigere Wälder hegen, doch mit einem ganz glatten Rande an dem

glänzenden Himmel hinstreichen.

Wenn man so ziemlich mitten in dem Tale steht, so hat man die

Empfindung, als ginge nirgends ein Weg in dieses Becken hinein und

keiner daraus hinaus; allein diejenigen, welche öfter im Gebirge gewesen

sind, kennen diese Täuschung gar wohl: in der Tat führen nicht nur

verschiedene Wege, und darunter sogar manche durch die Verschiebung der

Berge fast auf ebenem Boden in die nördlichen Flächen hinaus, sondern

gegen Mittag, wo das Tal durch steilrechte Mauern fast geschlossen

scheint, geht sogar ein Weg über den obenbenannten Hals.

Das Dörflein heißt Gschaid, und der Schneeberg, der auf seine Häuser

herabschaut, heißt Gars.

Jenseit des Halses liegt ein viel schöneres und blühenderes Tal, als das

von Gschaid ist, und es führt von der Unglückssäule der gebahnte Weg

hinab. Es hat an seinem Eingange einen stattlichen Marktflecken,

Millsdorf, der sehr groß ist, verschiedene Werke hat und in manchen

Häusern städtische Gewerbe und Nahrung treibt. Die Bewohner sind viel

wohlhabender als die in Gschaid, und obwohl nur drei Wegstunden zwischen

den beiden Tälern liegen, was für die an große Entfernungen gewöhnten

und Mühseligkeiten liebenden Gebirgsbewohner eine unbedeutende

Kleinigkeit ist, so sind doch Sitten und Gewohnheiten in den beiden

Tälern so verschieden, selbst der äußere Anblick derselben ist so

ungleich, als ob eine große Anzahl Meilen zwischen ihnen läge. Das ist

in Gebirgen sehr oft der Fall und hängt nicht nur von der verschiedenen

Lage der Täler gegen die Sonne ab, die sie oft mehr oder weniger

begünstigt, sondern auch von dem Geiste der Bewohner, der durch gewisse

Beschäftigungen nach dieser oder jener Richtung gezogen wird. Darin

stimmen aber alle überein, daß sie an Herkömmlichkeiten und Väterweise

hängen, großen Verkehr leicht entbehren, ihr Tal außerordentlich lieben

und ohne dasselbe kaum leben können.

Es vergehen oft Monate, oft fast ein Jahr, ehe ein Bewohner von Gschaid

in das jenseitige Tal hinüberkommt und den großen Marktflecken Millsdorf

besucht. Die Millsdorfer halten es ebenso, obwohl sie ihrerseits doch

Verkehr mit dem Lande draußen pflegen und daher nicht so abgeschieden

sind wie die Gschaider. Es geht sogar ein Weg, der eine Straße heißen

könnte, längs ihres Tales, und mancher Reisende und mancher Wanderer

geht hindurch, ohne nur im geringsten zu ahnen, daß mitternachtwärts

seines Weges jenseits des hohen, herabblickenden Schneebergs noch ein

Tal sei, in dem viele Häuser zerstreut sind, und in dem das Dörflein mit

dem spitzigen Kirchturme steht.

Unter den Gewerben des Dorfes, welche bestimmt sind, den Bedarf des

Tales zu decken, ist auch das eines Schusters, das nirgends entbehrt

werden kann, wo die Menschen nicht in ihrem Urzustande sind. Die

Gschaider aber sind so weit über diesem Stande, daß sie recht gute und

tüchtige Gebirgsfußbekleidung brauchen. Der Schuster ist mit einer

kleinen Ausnahme der einzige im Tale. Sein Haus steht auf dem Platze in

Gschaid, wo überhaupt die besseren stehen, und schaut mit seinen grauen

Mauern, weißen Fenstersimsen und grün angestrichenen Fensterläden auf

die vier Linden hinaus. Es hat im Erdgeschosse die Arbeitsstube, die

Gesellenstube, eine größere und kleinere Wohnstube, ein

Verkaufsstübchen, nebst Küche und Speisekammer und allen zugehörigen

Gelassen; im ersten Stockwerke, oder eigentlich im Raume des Giebels,

hat es die Oberstube oder eigentliche Prunkstube. Zwei Prachtbetten,

schöne, geglättete Kästen mit Kleidern stehen da, dann ein

Gläserkästchen mit Geschirren, ein Tisch mit eingelegter Arbeit,

gepolsterte Sessel, ein Mauerkästchen mit den Ersparnissen, dann hängen

an den Wänden Heiligenbilder, zwei schöne Sackuhren, gewonnene Preise im

Schießen, und endlich sind auch Scheibengewehre und Jagdbüchsen nebst

ihrem Zubehöre in einem eigenen, mit Glastafeln versehenen Kasten

aufgehängt. An das Schusterhaus ist ein kleineres Häuschen, nur durch

den Einfahrtsschwibbogen getrennt, angebaut, welches genau dieselbe

Bauart hat und zum Schusterhause wie ein Teil zum Ganzen gehört. Es hat

nur eine Stube mit den dazu gehörigen Wohnteilen. Es hat die Bestimmung,

dem Hausbesitzer, sobald er das Anwesen seinem Sohne oder Nachfolger

übergeben hat, als sogenanntes Ausnahmestübchen zu dienen, in welchem er

mit seinem Weibe so lange haust, bis beide gestorben sind, die Stube

wieder leer steht und auf einen neuen Bewohner wartet. Das Schusterhaus

hat nach rückwärts Stall und Scheune; denn jeder Talbewohner ist, selbst

wenn er ein Gewerbe treibt, auch Landbebauer und zieht hieraus seine

gute und nachhaltige Nahrung. Hinter diesen Gebäuden ist endlich der

Garten, der fast bei keinem besseren Hause in Gschaid fehlt, und von dem

sie ihre Gemüse, ihr Obst und für festliche Gelegenheiten ihre Blumen

ziehen. Wie oft im Gebirge, so ist auch in Gschaid die Bienenzucht in

diesen Gärten sehr verbreitet.

Die kleine Ausnahme, deren oben Erwähnung geschah, und die

Nebenbuhlerschaft der Alleinherrlichkeit des Schusters ist ein anderer

Schuster, der alte Tobias, der aber eigentlich kein Nebenbuhler ist,

weil er nur mehr flickt, hierin viel zu tun hat und es sich nicht im

entferntesten beikommen läßt, mit dem vornehmen Platzschuster in einen

Wettstreit einzugehen, insbesondere, da der Platzschuster ihn häufig mit

Lederflecken, Sohlenabschnitten und dergleichen Dingen unentgeltlich

versieht. Der alte Tobias sitzt im Sommer am Ende des Dörfchens unter

Hollunderbüschen und arbeitet. Er ist umringt von Schuhen und

Bundschuhen, die aber sämtlich alt, grau, kotig und zerrissen sind.

Stiefel mit langen Röhren sind nicht da, weil sie im Dorfe und in der

Gegend nicht getragen werden; nur zwei Personen haben solche, der

Pfarrer und der Schullehrer, welche aber beides, flicken und neue Ware

machen, nur bei dem Platzschuster lassen. Im Winter sitzt der alte

Tobias in seinem Stübchen hinter den Hollunderstauden und hat warm

geheizt, weil das Holz in Gschaid nicht teuer ist.

Der Platzschuster ist, ehe er das Haus angetreten hat, ein

Gemsenwildschütze gewesen und hat überhaupt in seiner Jugend, wie die

Gschaider sagen, nicht gut getan. Er war in der Schule immer einer der

besten Schüler gewesen, hatte dann von seinem Vater das Handwerk

gelernt, ist auf Wanderung gegangen und ist endlich wieder

zurückgekehrt. Statt, wie es sich für einen Gewerbsmann ziemt, und wie

sein Vater es zeitlebens getan, einen schwarzen Hut zu tragen, tat er

einen grünen auf, steckte noch alle bestehenden Federn darauf und

stolzierte mit ihm und mit dem kürzesten Lodenrocke, den es im Tale gab,

herum, während sein Vater immer einen Rock von dunkler, womöglich

schwarzer Farbe hatte, der auch, weil er einem Gewerbsmanne angehörte,

immer sehr weit herabgeschnitten sein mußte. Der junge Schuster war auf

allen Tanzplätzen und Kegelbahnen zu sehen. Wenn ihm jemand eine gute

Lehre gab, so pfiff er ein Liedlein. Er ging mit seinem Scheibengewehre

zu allen Schießen der Nachbarschaft und brachte manchmal einen Preis

nach Hause, was er für einen großen Sieg hielt. Der Preis bestand

meistens aus Münzen, die künstlich gefaßt waren, und zu deren Gewinnung

der Schuster mehr gleiche Münzen ausgeben mußte, als der Preis enthielt,

besonders da er wenig haushälterisch mit dem Gelde war. Er ging auf alle

Jagden, die in der Gegend abgehalten wurden, und hatte sich den Namen

eines guten Schützen erworben. Er ging aber auch manchmal allein mit

seiner Doppelbüchse und mit Steigeisen fort, und einmal sagte man, daß

er eine schwere Wunde im Kopfe erhalten habe.

In Millsdorf war ein Färber, welcher gleich am Anfange des

Marktfleckens, wenn man auf dem Wege von Gschaid hinüberkam, ein sehr

ansehnliches Gewerbe hatte, mit vielen Leuten, und sogar, was im Tale

etwas Unerhörtes war, mit Maschinen arbeitete. Außerdem besaß er noch

eine ausgebreitete Feldwirtschaft. Zu der Tochter dieses reichen Färbers

ging der Schuster über das Gebirge, um sie zu gewinnen. Sie war wegen

ihrer Schönheit weit und breit berühmt, aber auch wegen ihrer

Eingezogenheit, Sittsamkeit und Häuslichkeit belobt. Dennoch, hieß es,

soll der Schuster ihre Aufmerksamkeit erregt haben. Der Färber ließ ihn

nicht in sein Haus kommen; und hatte die schöne Tochter schon früher

keine öffentlichen Plätze und Lustbarkeiten besucht und war selten außer

dem Hause ihrer Eltern zu sehen gewesen: so ging sie jetzt schon gar

nirgends mehr hin als in die Kirche oder in ihrem Garten oder in den

Räumen des Hauses herum.

Einige Zeit nach dem Tode seiner Eltern, durch welchen ihm das Haus

derselben zugefallen war, das er nun allein bewohnte, änderte sich der

Schuster gänzlich. So wie er früher getollt hatte, so saß er jetzt in

seiner Stube und hämmerte Tag und Nacht an seinen Sohlen. Er setzte

prahlend einen Preis darauf, wenn es jemand gäbe, der bessere Schuhe und

Fußbekleidungen machen könne. Er nahm keine andern Arbeiter als die

besten und trillte sie noch sehr herum, wenn sie in seiner Werkstätte

arbeiteten, daß sie ihm folgten und die Sache so einrichteten, wie er

befahl. Wirklich brachte er es jetzt auch dahin, daß nicht nur das ganze

Dorf Gschaid, das zum größten Teil die Schusterarbeit aus benachbarten

Tälern bezogen hatte, bei ihm arbeiten ließ, daß das ganze Tal bei ihm

arbeiten ließ und daß endlich sogar einzelne von Millsdorf und andern

Tälern hereinkamen und sich ihre Fußbekleidungen von dem Schuster in

Gschaid machen ließen. Sogar in die Ebene hinaus verbreitete sich sein

Ruhm, daß manche, die in die Gebirge gehen wollten, sich die Schuhe dazu

von ihm machen ließen.

Er richtete das Haus sehr schön zusammen, und in dem Warengewölbe

glänzten auf den Brettern die Schuhe, Bundstiefel und Stiefel; und wenn

am Sonntag die ganze Bevölkerung des Tales hereinkam und man bei den

vier Linden des Platzes stand, ging man gern zu dem Schusterhause hin

und sah durch die Gläser in die Warenstube, wo die Käufer und Besteller

waren.

Nach seiner Vorliebe zu den Bergen machte er auch jetzt die

Gebirgsbundschuhe am besten. Er pflegte in der Wirtsstube zu sagen: es

gäbe keinen, der ihm einen fremden Gebirgsbundschuh zeigen könne, der

sich mit einem der seinigen vergleichen lasse. »Sie wissen es nicht,«

pflegte er beizufügen, »sie haben es in ihrem Leben nicht erfahren, wie

ein solcher Schuh sein muß, daß der gestirnte Himmel der Nägel recht auf

der Sohle sitze und das gebührende Eisen enthalte, daß der Schuh außen

hart sei, damit kein Geröllstein, wie scharf er auch sei, empfunden

werde, und daß er sich von innen doch weich und zärtlich wie ein

Handschuh an die Füße lege.«

Der Schuster hatte sich ein sehr großes Buch machen lassen, in welches

er alle verfertigte Ware eintrug, die Namen derer beifügte, die den

Stoff geliefert und die Ware gekauft hatten, und eine kurze Bemerkung

über die Güte des Erzeugnisses beischrieb. Die gleichartigen

Fußbekleidungen hatten ihre fortlaufenden Zahlen, und das Buch lag in

der großen Lade seines Gewölbes.

Wenn die schöne Färberstochter von Millsdorf auch nicht aus der Eltern

Hause kam, wenn sie auch weder Freunde noch Verwandte besuchte, so

konnte es der Schuster von Gschaid doch so machen, daß sie ihn von ferne

sah, wenn sie in die Kirche ging, wenn sie in dem Garten war und wenn

sie aus den Fenstern ihres Zimmers auf die Matten blickte. Wegen dieses

unausgesetzten Sehens hatte es die Färberin durch langes, inständiges

und ausdauerndes Flehen für ihre Tochter dahingebracht, daß der

halsstarrige Färber nachgab, und daß der Schuster, weil er denn nun doch

besser geworden, die schöne reiche Millsdorferin als Eheweib nach

Gschaid führte. Aber der Färber war desungeachtet auch ein Mann, der

seinen Kopf hatte. Ein rechter Mensch, sagte er, müsse sein Gewerbe

treiben, daß es blühe und vorwärts komme, er müsse daher sein Weib,

seine Kinder, sich und sein Gesinde ernähren, Hof und Haus im Stande des

Glanzes halten und sich noch ein Erkleckliches erübrigen, welches

letztere doch allein imstande sei, ihm Ansehen und Ehre in der Welt zu

geben; darum erhalte seine Tochter nichts als eine vortreffliche

Ausstattung, das andere ist Sache des Ehemanns, daß er es mache und für

alle Zukunft es besorge. Die Färberei in Millsdorf und die

Landwirtschaft auf dem Färberhause sei für sich ein ansehnliches und

ehrenwertes Gewerbe, das seiner Ehre willen bestehen, und wozu alles,

was da sei, als Grundstock dienen müsse, daher er nichts weggebe. Wenn

einmal er und sein Eheweib, die Färberin, tot seien, dann gehöre

Färberei und Landwirtschaft in Millsdorf ihrer einzigen Tochter, nämlich

der Schusterin in Gschaid, und Schuster und Schusterin könnten dann

damit tun, was sie wollten: aber alles dieses nur, wenn die Erben es

wert wären, das Erbe zu empfangen; wären sie es nicht wert, so ginge das

Erbe auf die Kinder derselben, und wenn keine vorhanden wären, mit der

Ausnahme des lediglichen Pflichtteiles auf andere Verwandte über. Der

Schuster verlangte auch nichts, er zeigte im Stolze, daß es ihm nur um

die schöne Färberstochter in Millsdorf zu tun gewesen, und daß er sie

schon ernähren und erhalten könne, wie sie zu Hause ernährt und erhalten

worden ist. Er kleidete sie als sein Eheweib nicht nur schöner als alle

Gschaiderinnen und alle Bewohnerinnen des Tales, sondern auch schöner,

als sie sich je zu Hause getragen hatte, und Speise, Trank und übrige

Behandlung mußte besser und rücksichtsvoller sein, als sie das gleiche

im väterlichen Hause genossen hatte. Und um dem Schwiegervater zu

trotzen, kaufte er mit erübrigten Summen nach und nach immer mehr

Grundstücke so ein, daß er einen tüchtigen Besitz beisammen hatte.

Weil die Bewohner von Gschaid so selten aus ihrem Tale kommen und nicht

einmal oft nach Millsdorf hinübergehen, von dem sie durch Bergrücken und

durch Sitten geschieden sind, weil ferner ihnen gar kein Fall vorkömmt,

daß ein Mann sein Tal verläßt und sich in dem benachbarten ansiedelt

(Ansiedlungen in großen Entfernungen kommen öfter vor), weil endlich

auch kein Weib oder Mädchen gern von einem Tale in ein anderes

auswandert, außer in dem ziemlich seltenen Falle, wenn sie der Liebe

folgt und als Eheweib und zu dem Ehemann in ein anderes Tal kömmt: so

geschah es, daß die schöne Färberstochter von Millsdorf, da sie

Schusterin in Gschaid geworden war, doch immer von allen Gschaidern als

Fremde angesehen wurde, und wenn man ihr auch nichts Übles antat, ja

wenn man sie ihres schönen Wesens und ihrer Sitten wegen sogar liebte,

doch immer etwas vorhanden war, das wie Scheu oder, wenn man will, wie

Rücksicht aussah und nicht zu dem Innigen und Gleichartigen kommen ließ,

wie Gschaiderinnen gegen Gschaiderinnen, Gschaider gegen Gschaider

hatten. Es war so, ließ sich nicht abstellen und wurde durch die bessere

Tracht und durch das erleichterte häusliche Leben der Schusterin noch

vermehrt.

Sie hatte ihrem Manne nach dem ersten Jahre einen Sohn und in einigen

Jahren darauf ein Töchterlein geboren. Sie glaubte aber, daß er die

Kinder nicht so liebe, wie sie sich vorstellte, daß es sein solle, und

wie sie sich bewußt war, daß sie dieselben liebe; denn sein Angesicht

war meistens ernsthaft und mit seinen Arbeiten beschäftigt. Er spielte

und tändelte selten mit den Kindern und sprach stets ruhig mit ihnen,

gleichsam so, wie man mit Erwachsenen spricht. Was Nahrung und Kleidung

und andere äußerliche Dinge anbelangte, hielt er die Kinder untadelig.

In der ersten Zeit der Ehe kam die Färberin öfter nach Gschaid, und die

jungen Eheleute besuchten auch Millsdorf zuweilen bei Kirchweihen oder

andern festlichen Gelegenheiten. Als aber die Kinder auf der Welt waren,

war die Sache anders geworden. Wenn schon Mütter ihre Kinder lieben und

sich nach ihnen sehnen, so ist dieses von Großmüttern öfter in noch

höherem Grade der Fall; sie verlangen zuweilen mit wahrlich krankhafter

Sehnsucht nach ihren Enkeln. Die Färberin kam sehr oft nach Gschaid

herüber, um die Kinder zu sehen, ihnen Geschenke zu bringen, eine Weile

dazubleiben und dann mit guten Ermahnungen zu scheiden. Da aber das

Alter und die Gesundheitsumstände der Färberin die öfteren Fahrten nicht

mehr so möglich machten, und der Färber aus dieser Ursache Einsprache

tat, wurde auf etwas anderes gesonnen, die Sache wurde umgekehrt, und

die Kinder kamen jetzt zur Großmutter. Die Mutter brachte sie selber

öfter in einem Wagen, öfter aber wurden sie, da sie noch im zarten Alter

waren, eingemummt einer Magd mitgegeben, die sie in einem Fuhrwerke über

den Hals brachte. Als sie aber größer waren, gingen sie zu Fuß entweder

mit der Mutter oder mit einer Magd nach Millsdorf, ja, da der Knabe

geschickt, stark und klug geworden war, ließ man ihn allein den

bekannten Weg über den Hals gehen, und wenn es sehr schön war und er

bat, erlaubte man auch, daß ihn die kleine Schwester begleite. Dies ist

bei den Gschaidern gebräuchlich, weil sie an starkes Fußgehen gewöhnt

sind, und die Eltern überhaupt, namentlich aber ein Mann wie der

Schuster, es gern sehen und eine Freude daran haben, wenn ihre Kinder

tüchtig werden.

So geschah es, daß die zwei Kinder den Weg über den Hals öfter

zurücklegten als die übrigen Dörfler zusammengenommen, und da schon ihre

Mutter in Gschaid immer gewissermaßen wie eine Fremde behandelt wurde,

so wurden durch diesen Umstand auch die Kinder fremd, sie waren kaum

Gschaider und gehörten halb nach Millsdorf hinüber.

Der Knabe Konrad hatte schon das ernste Wesen seines Vaters, und das

Mädchen Susanna, nach ihrer Mutter so genannt, oder, wie man es zur

Abkürzung nannte, Sanna, hatte viel Glauben zu seinen Kenntnissen,

seiner Einsicht und seiner Macht und gab sich unbedingt unter seine

Leitung, gerade so wie die Mutter sich unbedingt unter die Leitung des

Vaters gab, dem sie alle Einsicht und Geschicklichkeit zutraute.

An schönen Tagen konnte man morgens die Kinder durch das Tal gegen

Mittag wandern sehen, über die Wiese gehen und dort anlangen, wo der

Wald des Halses gegen sie herschaut. Sie näherten sich dem Walde, gingen

auf seinem Wege allgemach über die Erhöhung hinan und kamen, ehe der

Mittag eingetreten war, auf den offenen Wiesen auf der anderen Seite

gegen Millsdorf hinunter. Konrad zeigte Sanna die Wiesen, die dem

Großvater gehörten, dann gingen sie durch seine Felder, auf denen er ihr

die Getreidearten erklärte, dann sahen sie auf Stangen unter dem

Vorsprunge des Daches die langen Tücher zum Trocknen herabhängen, die

sich im Winde schlängelten oder närrische Gesichter machten, dann hörten

sie seine Walkmühle und seinen Lohstampf, die er an seinem Bache für

Tuchmacher und Gerber angelegt hatte, dann bogen sie noch um eine Ecke

der Felder und gingen in kurzem durch die Hintertür in den Garten der

Färberei, wo sie von der Großmutter empfangen wurden. Diese ahnte immer,

wenn die Kinder kamen, sah zu den Fenstern aus und erkannte sie von

weitem, wenn Sannas rotes Tuch recht in der Sonne leuchtete.

Sie führte die Kinder dann durch die Waschstube und Presse in das

Zimmer, ließ sie niedersetzen, ließ nicht zu, daß sie Halstücher oder

Jäckchen lüfteten, damit sie sich nicht verkühlten, und behielt sie beim

Essen da. Nach dem Essen durften sie sich lüften, spielen, durften in

den Räumen des großväterlichen Hauses herumgehen oder sonst tun, was sie

wollten, wenn es nur nicht unschicklich oder verboten war. Der Färber,

welcher immer bei dem Essen war, fragte sie um ihre Schulgegenstände aus

und schärfte ihnen besonders ein, was sie lernen sollten. Nachmittags

wurden sie von der Großmutter schon ehe die Zeit kam, zum Aufbruche

getrieben, daß sie ja nicht zu spät kämen. Obgleich der Färber keine

Mitgift gegeben hatte und vor seinem Tode von seinem Vermögen nichts

wegzugeben gelobt hatte, glaubte sich die Färberin an diese Dinge doch

nicht so strenge gebunden, und sie gab den Kindern nicht allein während

ihrer Anwesenheit allerlei, worunter nicht selten ein Münzstück und

zuweilen gar von ansehnlichem Werte war, sondern sie band ihnen auch

immer zwei Bündelchen zusammen, in denen sich Dinge befanden, von denen

sie glaubte, daß sie notwendig wären oder daß sie den Kindern Freude

machen könnten. Und wenn oft die nämlichen Dinge im Schusterhause in

Gschaid ohnedem in aller Trefflichkeit vorhanden waren, so gab sie die

Großmutter in der Freude des Gebens doch, und die Kinder trugen sie als

etwas Besonderes nach Hause. So geschah es nun, daß die Kinder am

heiligen Abende schon unwissend die Geschenke in Schachteln gut

versiegelt und verwahrt nach Hause trugen, die ihnen in der Nacht

einbeschert werden sollten.

Weil die Großmutter die Kinder immer schon vor der Zeit zum Fortgehen

drängte, damit sie nicht zu spät nach Hause kämen, so erzielte sie

hierdurch, daß die Kinder gerade auf dem Wege bald an dieser, bald an

jener Stelle sich aufhielten. Sie saßen gern an dem Haselnußgehege, das

auf dem Halse ist, und schlugen mit Steinen Nüsse auf oder spielten,

wenn keine Nüsse waren, mit Blättern oder mit Hölzlein oder mit den

weichen, braunen Zäpfchen, die im ersten Frühjahre von den Zweigen der

Nadelbäume herabfielen. Manchmal erzählte Konrad dem Schwesterchen

Geschichten, oder wenn sie zu der roten Unglückssäule kamen, führte er

sie ein Stück auf dem Seitenwege links gegen die Höhen hinan und sagte

ihr, daß man da auf den Schneeberg gelange, daß dort Felsen und Steine

seien, daß die Gemsen herumspringen und große Vögel fliegen. Er führte

sie oft über den Wald hinaus, sie betrachteten dann den dürren Rasen und

die kleinen Sträucher der Heidekräuter; aber er führte sie wieder zurück

und brachte sie immer vor der Abenddämmerung nach Hause, was ihm stets

Lob eintrug.

Einmal war am heiligen Abende, da die erste Morgendämmerung in dem Tale

von Gschaid in Helle übergegangen war, ein dünner trockener Schleier

über den ganzen Himmel gebreitet, so daß man die ohnedem schiefe und

ferne Sonne im Südosten nur als einen undeutlichen roten Fleck sah;

überdies war an diesem Tage eine milde, beinahe laulichte Luft

unbeweglich im ganzen Tale und auch an dem Himmel, wie die unveränderte

und ruhige Gestalt der Wolken zeigte. Da sagte die Schustersfrau zu

ihren Kindern: »Weil ein so angenehmer Tag ist, weil es so lange nicht

geregnet hat und die Wege fest sind, und weil es auch der Vater gestern

unter der Bedingung erlaubt hat, wenn der heutige Tag dazu geeignet ist,

so dürft ihr zur Großmutter nach Millsdorf gehen; aber ihr müßt den

Vater noch vorher fragen.«

Die Kinder, welche noch in ihren Nachtkleidchen dastanden, liefen in die

Nebenstube, in welcher der Vater mit einem Kunden sprach, und baten um

die Wiederholung der gestrigen Erlaubnis, weil ein so schöner Tag sei.

Sie wurde ihnen erteilt, und sie liefen wieder zur Mutter zurück.

Die Schustersfrau zog nun ihre Kinder vorsorglich an, oder eigentlich,

sie zog das Mädchen mit dichten, gut verwahrenden Kleidern an; denn der

Knabe begann sich selber anzukleiden und stand viel früher fertig da,

als die Mutter mit dem Mädchen hatte ins reine kommen können. Als sie

dieses Geschäft vollendet hatte, sagte sie: »Konrad, gib mir wohl acht:

weil ich dir das Mädchen mitgehen lasse, so müsset ihr beizeiten

fortgehen, ihr müsset an keinem Platze stehen bleiben, und wenn ihr bei

der Großmutter gegessen habt, so müsset ihr gleich wieder umkehren und

nach Hause trachten; denn die Tage sind jetzt sehr kurz, und die Sonne

geht gar bald unter.«

»Ich weiß es schon, Mutter,« sagte Konrad.

»Und siehe gut auf Sanna, daß sie nicht fällt oder sich erhitzt.«

»Ja, Mutter.«

Bunte Steine: Ein Festgeschenk · 第 13 / 25 段