und von dem Hofe unter die Einfahrt, welche durch das Tor geschlossen
war, und in der Seitenmauer der Einfahrt zeigte sich eine Tür. Die Tür
wurde geöffnet. Hinter ihr ging eine Treppe in die Tiefe hinunter. Als
dort gelegen wurde die Wohnung des Pförtners angegeben.
Da wir die Treppe hinuntergestiegen waren und die Wohnung betreten
hatten, sahen wir, daß dieselbe nur aus einem einzigen Zimmer bestehe.
Neben einer Leiter, die gegen das Fenster emporlehnte, lag der alte,
tote Mann. Er hatte ein gelbes Molldonröcklein und blaßblaue Beinkleider
an. Als ihn die Männer aufgehoben und auf ein Bett, das das seinige
schien, gelegt hatten, sah ich aus den Zügen, daß es wirklich der
nämliche Mann sei, dem ich das Buch gegeben hatte. Man hatte anfangs die
Absicht gehabt, Versuche zu machen, ihn ins Leben zurückzurufen, aber
beim Anfassen hatte man schon empfunden, daß er kalt sei, und bei
näherer Beschauung zeigte sich auch, daß er unzweifelhaft tot sei.
Wann mußte er denn gestorben sein?
Sonst war niemand in dem Zimmer als das Mädchen mit dem großen Haupte.
Es saß tief zurück auf einem weißen, unangestrichenen Stuhle und sah von
fern zu, was man mit dem Mann beginne. Auf einem Schirme, der vor einem
Bette stand, das ich für das des Mädchens hielt, saß die Dohle, denn
eine solche, kein Rabe war es gewesen, was Alfred hatte fangen wollen.
Der Vogel nickte mit dem Kopfe und sprach schier Laute, die aber
unverständlich, verstümmelt und kaum menschenähnlich waren. Auf dem
Tische, der nicht weit von dem Sitze des Mädchens stand, sah ich die
Flöte liegen.
Ich wollte, während die Männer die Leiche besahen und auf dem Bette in
eine anständige Lage zu bringen suchten, das Mädchen ansprechen, wollte
es zutraulich machen und es dann mit mir nehmen, um es aus der traurigen
Umgebung zu bringen. Ich näherte mich und sprach es an, wobei ich die
höflichste, aber einfachste Sprache versuchte. Das Mädchen antwortete
mir zu meinem Erstaunen in der reinsten Schriftsprache: aber was es
sagte, war kaum zu verstehen. Die Gedanken waren so seltsam, so von
allem, was sich immer und täglich in unserm Umgange ausspricht,
verschieden, daß man das Ganze für blödsinnig hätte halten können, wenn
es nicht zum Teile wieder sehr verständig gewesen wäre.
Ich hatte zufällig in meinem Mantel einige Stücke Zuckerbäckerei und
etwas Obst. Ich nahm ein Stückchen Backwerk heraus und bot es dem
Mädchen an. Es langte danach, aß es und zeigte in den Zügen des großen
Antlitzes einen augenfälligen Schein von Freude. Ich versuchte bei
dieser Gelegenheit auch, ob ich aus den Zügen herauslesen könnte, wie
alt das Mädchen sein möge; aber es war mir wegen der ungewöhnlichen
Bildung des Hauptes und des Angesichtes nicht möglich. Es konnte
sechzehn Jahre alt sein, es konnte aber auch zwanzig Jahre alt sein.
Ich gab ihm nun noch ein zweites Stück, dann ein drittes und dann
mehrere.
Ich werde den Sinn dessen, was es sagte, ungefähr in unserer Sprache
oder Sprechweise geben, weil man die Gedankenfolge des Mädchens nicht
verstehen würde, und weil ich auch nicht imstande wäre, die Dinge so
genau aus dem Gedächtnisse zu wiederholen, wie es dieselben gesagt
hatte.
Ich fragte es, ob es solche Speisen gern äße, wenn es dieselben hätte,
ob sie gut seien.
»Ja, gut,« sagte es, »gib mir noch mehr.«
»Ich werde dir mehr geben,« antwortete ich, »wenn du mit mir gehst und
in einer anderen Stube bleibst, bis es Nacht wird und bis es wieder Tag
wird. Dann werde ich dich wieder in diese deine Stube zurückführen. Ich
habe hier keine solchen süßen Dinge mehr, aber in der Stube, in welche
du mit mir gehen sollst, sind viele.«
»Ich gehe mit dir,« sagte es, »aber wenn der Tag kommt, gehen wir wieder
zu uns her.«
»Ja, dann gehen wir wieder in diese Stube,« sagte ich.
Ich gab dem Mädchen nun auch einen Apfel von einer besseren Gattung. Es
aß ihn mit dem Zeichen, daß er ihm angenehm sei.
Ich fragte das Mädchen auch, ob es keine Mutter habe, oder ob keine
Geschwister am Leben seien.
Es habe keine Mutter, antwortete es, und es sei immer nur bei dem Vater
allein gewesen. Den Begriff Geschwister schien es gar nicht zu kennen.
Ich fragte es hierauf, wie denn der Vater gestorben sei.
»Er ist auf die Leiter gestiegen,« antwortete es, »die zu unserm Fenster
hinaufführt. Ich weiß nicht, was er tun wollte, und da ist er
herabgefallen und ist liegen geblieben. Ich wartete, bis er wieder
gesund werden würde; aber er ist nicht mehr gesund geworden. Er war tot.
Da eine Nacht und ein Tag vergangen waren, sagte ich es der Frau, die
immer nicht weit von unserm Pförtlein sitzt. Seitdem sind die Leute
gekommen.«
Ich teilte den Männern die Nachricht mit und sagte, daß ich das Mädchen
in mein Haus führen und einstweilen dasselbe verpflegen würde. Die
Behörden, welche die Sachen leiten, könnten das Mädchen immer bei mir
finden, wenn sie dasselbe zurückfordern sollten. Ich würde auch die
Begebenheit meinen Freunden und Bekannten anzeigen, daß wir eine
Sammlung von Geld machen, damit man den Mann anständig begraben könne.
Die Männer wendeten dagegen nichts ein.
Sie waren unterdessen mit der Leiche fertig geworden. Es hatte sich
gezeigt, daß der arme Mann aus was immer für einer Ursache gefallen sein
müsse, und zwar, wie der Anschein zeige und das Mädchen aussage, von der
Leiter, die gegen das Fenster lehnte, und daß er sich hierbei die Wirbel
des Genickes verletzt haben müsse, was den Tod augenblicklich zur Folge
gehabt habe. Man bedeutete mir, daß den Gesetzen zufolge eine
gerichtliche Zergliederung statthaben müsse, und daß es daher um so
erwünschter erscheine, wenn das Mädchen aus der Wohnung entfernt würde.
Die Aussage der Obstfrau und des Lehrlings waren zu Papier gebracht
worden, und man erklärte ihnen, daß nichts im Wege stehe, daß sie sich
entfernen könnten.
Ich trat noch ein wenig zu der Leiche. Sie lag jetzt in ihren Kleidern
auf dem Bette. Die Züge waren wenig verändert und waren fast so wie an
jenem Vormittag, als der Mann in dem Hofe des Perronschen Hauses vor mir
gestanden war und mir das Buch abgedrungen hatte. Die blauen Augen waren
geschlossen, und da ihre etwas auffällige Unruhe durch die Lider bedeckt
war, so hatte die Miene sogar einen Ausdruck von Milde. Das mochten auch
die andern fühlen; denn man stand einen Augenblick schweigend um das
Bett herum und betrachtete den Mann. Endlich entfernten sich der
Lehrling und die Obstfrau aus dem Zimmer. Ich trat auch von dem Anblicke
hinweg.
Ich näherte mich dem Mädchen und sagte ihm, daß ich es jetzt mit mir
führen würde und daß es mir folgen möge, wie es früher gesagt habe.
Das Mädchen erwiderte, daß es schon mit mir gehe und daß wir, wenn
wieder der Tag kommen würde, auch wieder in die Stube zurückkehren
sollen.
Ich antwortete, das werde ganz gewiß geschehen.
Es folgte mir nun ganz willig. Wir stiegen die Treppe hinan, ich nahm es
bei der Hand, wir gingen über den Hof durch den Gang und bei dem roten
Pförtchen auf die Gasse hinaus. Auf der Gasse standen noch immer Leute,
die sich im Gegenteil eher vermehrt hatten. Eine dichte Gruppe umgab die
Obstfrau und den Lehrling, die erzählten, was sie im Innern des Hauses
gesehen und erfahren hatten. Ich beeilte meine Schritte, um mich und das
Mädchen aus der Menge zu bringen und den Betrachtungen und
Verwunderungen zu entziehen, die durch den Anblick des ungewöhnlichen
Hauptes des Mädchens angeregt worden waren.
Ich führte es in meine Wohnung.
Dort gab ich ihm eine ordentliche Speise zu essen, da ich vermuten
konnte, daß es seit gestern zu keinem regelmäßigen Essen werde gekommen
sein. Es mußte auch so gewesen sein; denn das Mädchen aß mit sichtlichem
Vergnügen und es schien sehr erquickt zu werden. Es sagte mir
nachträglich, daß es alles Brot gegessen habe, was in der Wohnung
gewesen sei.
Wir hatten ein nach dem Garten gelegenes Gemach, das von einer alten
Kinderwärterin, die schon bei meinen Eltern im Dienste gewesen war und
dann meine Kinder gepflegt hatte, so lange bewohnt gewesen war, bis
endlich ihre Tochter geheiratet hatte, zu der sie dann ging, um bei ihr
zu leben und allenfalls auch an ihren Kindern zu tun, was sie so lange
an fremden getan hatte. Seit jener Zeit stand das Gemach leer; aber die
Geräte waren in demselben geblieben. Ich ließ es nun für das
mitgebrachte Mädchen zusammenrichten. Ich ließ ein Bett machen und das
Stübchen recht warm beheizen. Dann führte ich das Mädchen in dasselbe
zurück. Ich hatte Sorge getragen, daß das Mädchen keinem meiner
Dienstleute zu Gesicht gekommen war, damit sie es nicht etwa durch
unvernünftiges Anstaunen oder gar Ausrufen einschüchterten. Darum hatte
ich ihm die Speisen in unser Speisezimmer, in dem es war, ehe es in das
Rückstübchen geführt werden konnte, selber gebracht und hatte den Befehl
gegeben, daß niemand in das Speisezimmer eintreten dürfe.
Wir hatten eine ältliche Magd, die seit unserer Verehelichung schon bei
uns gewesen war, die eine große Anhänglichkeit an uns und unsere Kinder
hatte und eine Art Vorrecht genoß, bei Familienangelegenheiten oder bei
andern wichtigen Sachen ein Wort mitzureden. Diese Magd rief ich, setzte
ihr den Fall mit dem fremden Mädchen auseinander und bat sie, daß sie
bei dem Mädchen in dem Stübchen bleiben, daß sie mit ihm freundlich
reden, ihm beistehen und ihm den Aufenthalt angenehm machen solle. Sie
versprach, alles dieses zu tun. Ich sorgte auch für Wäsche, wenn bei dem
fremden Mädchen hierin etwas notwendig sein sollte. Auch gab ich ihm in
dem Stübchen noch Zuckerwerk und Obst, um mein Versprechen, das ich
gegeben hatte, zu lösen.
Ich sagte dem Mädchen, daß ich mich jetzt entfernen müsse, weil ich
andere Dinge zu tun hätte, daß die Magd bei ihm bleiben, und daß ich
schon wiederkommen würde, um nachzusehen, wie es sich befinde.
Das Mädchen schien dies alles vollkommen zu begreifen.
Ich ging in mein Arbeitszimmer, setzte mich nieder und schrieb an
mehrere meiner Bekannten und Freunde, um sie um Beihilfe anzugehen.
Als am Abend mein Gatte nach Hause kam, erzählte ich ihm alles, was
vorgefallen war und was ich getan hatte, und fragte ihn, ob es recht
gewesen sei.
Er sagte, daß alles recht gewesen sei, er billigte alles und schloß sich
selber der Sache an. Er schrieb auch noch einige Briefe; dann nahm er
einen Wagen, um persönlich noch zu mehreren Freunden zu fahren. Als er
spät in der Nacht nach Hause kam, brachte er gute Zusicherungen, und es
waren auch freundliche Antworten auf mehrere Briefe noch an demselben
Abend eingegangen. Wir legten uns zufrieden schlafen.
Am andern Morgen ging mein Gatte mit mir in die unterirdische Wohnung.
Die gerichtliche Zergliederung hatte stattgefunden. Das Rückenmark war
an einer Stelle, wo der feinste Sitz des Lebens zu sein scheint, durch
Quetschung der Nackenwirbel verletzt worden, und dadurch ist der Tod
erfolgt. Die Leiche war bereits in einem Sarge und war bereitet,
beerdigt werden zu können. Wir machten Anzeige an die Kirche, um die Art
der Beerdigung einzuleiten. Während mein Gatte noch mehrere
Vorbereitungen machte, ging ich nach Hause, um das fremde Mädchen zu
veranlassen, daß es in meiner Wohnung bleibe, bis die Beerdigung vorüber
wäre.
Es war schon erwacht und angezogen. Es verlangte nach Hause. Ich sagte
ihm, daß ich jetzt nicht Zeit habe, daß mehrere Dinge zu verrichten
wären, und daß ich nach deren Beendigung gewiß kommen und daß ich es
dann selber wieder in seine Wohnung zurückführen würde. Es fügte sich in
diese Dinge, es erhielt ein Frühstück, und die Magd, welche ihm
beigegeben worden war, blieb bei ihm.
Der Professor Andorf war herübergekommen; er hatte die Sache erfahren.
Andere Freunde, an die wir geschrieben hatten, waren gekommen, um den
Fall persönlich zu sehen. Viele Menschen hatten sich wieder an dem roten
Pförtchen gesammelt. Es waren größtenteils Personen aus den niederen
Ständen, welche die Neugierde und eine Art dumpfer Teilnahme, die dieser
Gattung eigen ist, herbeigeführt hatte; dann, wie es in einer großen
Stadt geschieht, waren die Vorübergehenden stehengeblieben, hatten
gefragt, was es gäbe, und hatten sich nach Erhaltung der Antwort, wenn
es ihre Zeit nur ein wenig erlaubte, an die Wartenden angeschlossen.
Gegen Ende des Vormittags erschien der Priester; die Leiche wurde
eingesegnet, wurde dann in die Kirche gebracht, erhielt dort wieder die
gebräuchlichen Gebete und wurde dann auf den Kirchhof geführt. Wir
hatten die Beerdigung auf einfache Weise veranstaltet, damit von dem
gesammelten Gelde etwas für das hinterlassene Mädchen erübrigt werden
könnte. Nach der Wegführung der Leiche hatten sich alle Menschen von dem
roten Pförtchen entfernt.
Ich hielt es nun an der Zeit, das Mädchen wieder in seine unterirdische
Wohnung zu führen. Ich sah deutlich ein, daß ich mir nur durch genaues
Worthalten Zutrauen zu erwerben imstande wäre; denn das Mädchen hatte
unter andern merkwürdigen Eigenschaften auch die, daß es den Worten
eines andern blind glaubte. Ich ging daher in das Hinterstübchen, sagte,
daß ich die Dinge, die mich früher gehindert hätten, verrichtet habe,
und daß ich jetzt das Mädchen wieder in seine Wohnung führen wolle. Es
stand heiter von dem Stuhle auf und folgte mir.
Als wir in die unterirdische Stube gekommen waren, fragte es nach dem
Vater. Ich war in Verlegenheit; denn ich hatte gedacht, daß es wisse,
daß der Vater tot sei -- denn es hatte selbst das Wort gebraucht -- und
daß es daher wissen werde, wohin er gebracht worden sei, wenn es
denselben nicht mehr in der Wohnung finden würde. Ich sagte daher, daß
es ja wisse, daß der Vater gestorben sei, daß es ja selber gesagt habe,
daß er nicht mehr gesund geworden, sondern tot sei, und daß er daher
nach dem Gebrauche unserer Religion begraben worden sei.
Es stutzte eine Weile, dann sagte es: »Er wird gar nicht mehr kommen?«
Ich hatte nicht den Mut, ja zu sagen, und ich hatte nicht den Mut, das
Mädchen durch Täuschung zu trösten, sondern blieb mitten in meiner
Halbheit von Zugeben.
Es sagte nach einer Weile wieder fragend: »Er wird gar nicht mehr
kommen?«
Nun hatte ich den Mut nicht mehr, unwahr zu sein, sondern ich sagte dem
Mädchen, daß der Vater tot sei, daß er sich nie mehr regen könne, daß er
von uns unter die Erde getan worden sei, wie man es mit allen Toten tue,
und daß er dort in Ruhe liegenbleiben werde.
Da fing es heftig zu weinen an; ich suchte es zu trösten, aber meine
Worte verfingen nichts, es weinte fort, bis es sich selber nach und nach
ein wenig sänftigte. Ich fragte es, da es stiller geworden war, ob es
wieder mit mir in meine Wohnung gehen wollte, ich würde es, sobald es
wollte, abermals hierher zurückführen. Da die Wohnung leer war, machte
das Mädchen wenig Widerstand, und ich führte es in das Stübchen, in dem
es geschlafen hatte. Nach einer Weile gingen wir wieder in die
unterirdische Wohnung. Und so wiederholte ich das Verfahren im Laufe des
Tages mehrere Male, teils um das Mädchen zu beschäftigen, teils um es an
eine Veränderung seiner Lage zu gewöhnen und ihm den Schein von Freiheit
zu lassen, damit es nicht durch Empfindung eines Zwanges widersetzlich
und unbehandelbar würde.
Ich gab ihm auch Speisen, von denen ich vermutete, daß sie ihm zusagen
könnten.
Gegen Abend, da wir in der unterirdischen Stube waren, schlug ich vor,
daß es wieder in dem Stübchen schlafen solle, in welchem es in der
vorigen Nacht geschlafen habe; es sei dort warm, es sei ein gutes Bett,
es sei die freundliche Magd dort und es sei ein Abendmahl bereitet.
Es sagte, daß es mitgehe, wenn es die Dohle mitnehmen dürfe.
Ich erlaubte es gern.
Es näherte sich der Dohle, gab ihr seltsamliche, unverständliche Namen
und suchte sie zu haschen. Die Dohle duckte sich auf dem Schirme und
ließ sich mit beiden Händchen des Mädchens nehmen. So trug es dieselbe
fort, so kamen wir in mein Hinterstübchen. Ich setzte das Mädchen in
einen geräumigen Armstuhl nahe an den Ofen, ich rief die Magd herbei,
daß sie Gesellschaft leiste, sorgte für ein Abendmahl und begab mich
nach den Anstrengungen des Tages in mein Zimmer.
Die Sachen waren in der Wohnung des Pförtners versiegelt und das
Bewegliche in Beschlag genommen worden. Nur den Schlüssel zur Stubentür
ließ man mir, damit ich öfter mit der hinterlassenen Tochter die Stube
besuchen könnte. Meinen Gatten hatte man gefragt, ob er die
Vormundschaft über das Mädchen übernehmen wolle, und er hatte
eingewilligt.
Ich wußte nicht, was ich mit dem Mädchen tun sollte. Wir beschlossen
daher, dasselbe so lange bei uns zu behalten, bis meinem Manne alle
Papiere und etwaigen andern Dinge des Verstorbenen eingehändigt würden,
woraus man dann die Verhältnisse des Verstorbenen würde entnehmen und
wissen können, was mit dem Mädchen weiter zu geschehen hätte.
Sehr schwer war es, das Mädchen von dem unterirdischen Gewölbe zu
entwöhnen. Es hing mit einer Hartnäckigkeit an dem Gemache, die
unbegreiflich war. Nur durch den öfteren Besuch der unterirdischen
Wohnung, den ich mit ihm anstellte, durch zutrauliches Reden über
gleichgültige Dinge und endlich durch sorgfältige Pflege, die ihm
wohltat, gewöhnte ich es nach und nach an sein neues Stübchen. Ich gab
ihm gute Wäsche und ließ ihm Kleider von unsern Mägden verfertigen, die
ihm gut standen, in denen es sich wohlbefand und durch die es nicht mehr
so auffiel. Fast noch mehr als alles andere scheute es die freie Luft,
und wenn ich es ein wenig in den winterlichen Garten hinunter brachte,
benahm es sich linkisch und starrte die entlaubten Zweige an. In den
ersten Tagen kam niemand zu ihm als ich und die ältliche Magd; nach und
nach gewöhnte es sich aber auch an den Anblick von andern aus unserer
Familie, und jedem Mitgliede derselben war eingeschärft, das Mädchen
freundlich zu behandeln und es etwa nicht durch auffälliges Betrachten
zu erschrecken.
Ich begann nach und nach zu untersuchen, was es denn gelernt habe.
Allein so gut gewählt und rein seine Worte waren, die es sprach, so gut
sie gesetzt waren, wenn auch die Gedanken oft schwer erraten werden
konnten, so wenig hatte es eine Vorstellung oder eine Kenntnis von der
geringsten weiblichen Arbeit. Nicht einmal von dem Waschen und Reinigen
eines Lappens, von dem Zusammennähen zweier Flecke hatte es einen
Begriff. Der Vater mußte alles das außer dem Hause besorgt haben. Dafür
sprach es oft, für uns unverständlich, mit der Dohle; wir trafen es
zuweilen leise singend an, und es konnte auf der Flöte des Vaters, die
wir ihm hatten verschaffen müssen, ein wenig spielen.
Als es eine bedeutende Anhänglichkeit an mich gewonnen hatte, veranlaßte
ich es, von seiner Vergangenheit zu sprechen. Allein entweder hatte es
alles Frühere vergessen oder es hatten die unmittelbar zuletzt
vergangenen Dinge eine solche Gewalt über sein Gedächtnis ausgeübt, daß
es sich an das, was vorher war, nicht mehr erinnerte. Es erzählte nur
immer von dem unterirdischen Gemache.
»Der Vater,« sagte es, »ging fort, nahm die Flöte mit und kam oft erst
zur Zeit, da die Lichter brannten, zurück. Er brachte in einem Topfe
Speisen, die wir in dem kleinen Ofen wärmten und dann aßen. Oft legte
ich auch Holzspäne in den Ofen, wenn er nicht da war, und machte mir
eine Speise warm, die in einem Topfe auf dem Gestelle stand; denn es
blieb zuweilen viel übrig. Ein anderes Mal hatte ich nichts als Brot,
welches ich aß. Zuweilen blieb er auch zu Hause. Er lehrte mich
mancherlei Dinge und erzählte viel. Er sperrte immer zu, wenn er
fortging. Wenn ich fragte, was ich für eine Aufgabe habe, während er
nicht da sei, antwortete er: Beschreibe den Augenblick, wenn ich tot auf
der Bahre liegen werde, und wenn sie mich begraben; und wenn ich dann
sagte: Vater, das habe ich ja schon oft beschrieben, antwortete er: So
beschreibe, wie deine Mutter von ihrem Herzen gepeinigt herumirrt, wie
sie sich nicht zurückgetraut, und wie sie in der Verzweiflung ihrem
Leben ein Ende macht. Wenn ich sagte: Vater, das habe ich auch schon oft
beschrieben, antwortete er: So beschreibe es noch einmal. Wenn ich dann
mit der Aufgabe, wie der Vater tot auf der Bahre liegt, und wie die
Mutter in der Welt umherirrt und in der Verzweiflung ihrem Leben ein
Ende macht, fertig war, stieg ich auf die Leiter und schaute durch die
Drahtlöcher des Fensters hinaus. Da sah ich die Säume von Frauenkleidern
vorbeigehen, sah die Stiefel von Männern, sah schöne Spitzen von Röcken
oder die vier Füße eines Hundes. Was an den jenseitigen Häusern vorging,
war nicht deutlich.«
Als ich das Mädchen fragte, wo es die Ausarbeitungen der Aufgaben habe,
antwortete es, daß der Vater dieselben alle gesammelt habe, und daß sie
irgendwo aufbewahrt seien. Etwas weniges sei da. Mit diesen Worten ging
es zu einem Kleiderkasten, in welchem es seine Kleider hatte, tat aus
dem Sacke eines alten, abgelegten Rockes einige verknitterte Papiere
heraus und reichte sie mir. Ich faltete sie auseinander. Sie waren teils
mit Tinte, teils mit Bleifeder geschrieben und häufig durch Kreuze und
andere Zeichen ausgestrichen. Es war nicht viel daraus zu entnehmen.
Ich befragte es über Gott, über die Schöpfung der Welt und über andere
religiöse Gegenstände. Es sagte die betreffenden Stellen aus dem
Katechismus sehr geläufig auf und blickte mit den ruhigen und
ausdruckslosen Augen umher. Ich suchte zu ergründen, ob es den
religiösen Handlungen unserer Kirche beigewohnt habe, und brachte
heraus, daß es wiederholt die Kirche mit dem Vater besucht habe, daß es
dort aber nie eine Musik, das heißt ein Flötenspiel, wie es sich
ausdrückte, gehört noch mit jemand gesprochen habe. Es mußte also
höchstens bei stillen Messen gewesen sein.
Endlich wurde meinem Gatten die Vormundschaft übertragen und ihm die
gerichtlich vorgefundene und aufgezeichnete Verlassenschaft gegen
Bescheinigung übergeben. Aus den Papieren, die er sogleich sorgfältig
untersuchte, ging hervor, daß der Verstorbene niemand anders war als
jener Rentherr, der einmal abgereist und sodann spurlos verschwunden
war. Wir hatten die Geschichte jenes Mannes nur so im allgemeinen gewußt
und sie schon längst wieder vergessen. Jetzt wurde sie aufs neue aus der
Erinnerung hervorgeholt und von manchem, der es wissen konnte, das
nähere einzelne erforscht.
Das Mädchen mit dem großen Haupte und den breiten Zügen war also das
rosige Kind gewesen, das unter dem Gezelte geschlafen hatte, dessen
Spitze der vergoldete Engel mit seinen Fingern gehalten hatte, dessen
Falten rings um das Bettchen auseinandergegangen waren, und das die
Eltern mit Wonne betrachtet hatten.
Von Eigentum hatten sich nur einige schlechte Geräte, einige alte
Kleider und die Betten vorgefunden. Von Barschaft war ein kleiner Sack,
mit Kupfermünzen gefüllt, vorhanden. Weiter gar nichts.
Mein Gatte forschte unter den Papieren nach einer Aufklärung über den
Vermögensstand des Verstorbenen; denn ein solcher mußte doch vorhanden
gewesen sein; denn alle, die befragt worden waren, erinnerten sich
nicht, daß der Rentherr, als er das Haus auf dem Sankt-Peters-Platze
bewohnt hatte, in irgendeinem Amte gestanden sei, noch daß er
irgendeinen Erwerb getrieben habe, und dennoch habe er anständig und
wohlhabend gelebt. Er mußte daher von irgendeinem Anliegen Bezüge
genossen haben. Aber in den gesamten Schriften und den kleinsten
Zettelchen war nicht das Geringste zu finden. Mein Gatte ging nun in
Wien zu allen Ämtern, die mit Geld oder irgend andern Werten auch nur
von fern zu tun hatten, und fragte an; aber nirgends konnte eine
Auskunft erhalten werden. Er besuchte nun nach und nach alle
Geschäftsführer, Stellvertreter, Anwälte und wie diese Männer alle
heißen; aber bei keinem konnte er etwas in Erfahrung bringen. Endlich
griff er zu dem Mittel, den Fall in den Zeitungen bekanntzugeben,
inwiefern er sich auf die Vermögensfrage bezog, und jedermann zur
Mitteilung aufzufordern, der etwa Kenntnis haben könnte; aber es
erfolgte keine Antwort. Das Vermögen des armen Mädchens, wenn noch eines
vorhanden war, mußte also verlorengegeben werden.