Zeit des Frühlingsanbruches --, als mein Gatte bereits in der Stadt war,
die Kinder aber sich in der Schule befanden, ließ ich mich von der
einschmeichelnden Luft bewegen, die Fenster zu öffnen, um die Wohnung zu
lüften, und bei dieser Gelegenheit, wie das immer so folgt, auch ein
wenig Staub abzuwischen, aufzuräumen und dergleichen. Wir hörten in
unserer Wohnung gern das Kirchenglöcklein des Krankenhauses, wenn es zur
Messe rief, und ich ging nicht selten, wenn ich eben danach angekleidet
war, hinüber, meine Andacht zu verrichten. Eben tönte auch wieder das
Glöcklein durch die Lüfte, als ich bei einem Fenster unsers schönsten
Zimmers gegen die Straße hinaussah und ein Abwischtuch ausschwang. Ich
hatte aber außer dem Klingen des Glöckleins auch noch einen andern
Eindruck, der mich bewog, noch ein Weilchen an dem Fenster zu bleiben.
Da ich nämlich hinuntersah, was denn für Leute gingen, erblickte ich ein
seltsames Paar. Ein Mann, nach dem Rücken zu schließen, den er mir
zukehrte, schon ziemlich bejahrt, mit einem dünnen, gelben
Moldonröckchen, blaßblauen Beinkleidern, großen Schuhen und einem
kleinen, runden Hütchen angetan, ging auf der Straße dahin; er führte
ein Mädchen, das ebenso seltsam gekleidet war in einem braunen Überwurf,
der ihr fast wie eine Toga um die Schultern lag. Das Mädchen hatte aber
einen so großen Kopf, daß es zum Erschrecken gereichte, und daß man
immer nach demselben hinsah. Beide gingen mäßig schnell ihres Weges,
aber beide so unbeholfen und ungeschickt, daß man sogleich sah, daß sie
Wien nicht gewohnt seien, und daß sie sich nicht so zu bewegen
verstünden wie die andern Menschen. Aber bei aller Unbeholfenheit und
Ungeschicklichkeit war der Mann doch noch beflissen, das Mädchen zu
leiten, mit ihm den fahrenden Wagen auszuweichen und es vor dem
Zusammenstoße mit Personen zu hüten. Sie schlugen gerade den Weg ein,
der zu dem Kirchlein führte, von dem eben das Glöcklein tönte.
Von Neugierde getrieben und weil ich dachte, daß der Mann etwa das
Mädchen in die Messe führe, beschloß ich, auch dahin zu gehen, meine
Andacht zu verrichten und nebenbei auch etwas Näheres von den beiden zu
erfahren oder sie zu betrachten. Ich kleidete mich schnell an, warf ein
Tuch um, setzte den Hut auf und ging fort. Ich bog in das kleine Gäßchen
ein, das von unserer Hauptstraße um die Ecke der Soldatenarzneischule
herum gegen die Gegend des Kirchleins führt, wohin ich die zwei Menschen
hatte einlenken gesehen; allein ich erblickte sie nicht in dem Gäßchen.
Ich ging dasselbe entlang, ging durch den Schwibbogen, der dasselbe
damals noch schloß, wendete ich um die Häuserecke und wandelte bis zur
Kirche; aber ich sah sie nirgends. Auch in der Kirche, in der wenig
Menschen waren, erblickte ich sie nicht. Ich verrichtete nun meine
gewöhnliche Andacht, vertiefte mich in dieselbe, und da die Messe
vorüber war und ich mich zum Fortgehen rüstete, sah ich noch einmal
ringsherum, um ihnen Hilfe anzubieten, wenn sie deren vielleicht
bedürfen; allein ich hatte mich geirrt, das Paar war wirklich nicht in
der Kirche. Ich verfügte mich nun wieder nach Hause.
Es war seit diesem Vorfalle eine bedeutende Zeit vergangen, und ich
hatte ihn längst vergessen, als ich mit meinem Gatten einmal in einer
sehr schönen Nacht von der Stadt nach Hause ging. Wir waren in dem
Theater in der Hofburg gewesen, und da die Nacht gar so schön und heiter
war, so bestimmte uns dieser Umstand, das Anerbieten eines Freundes, der
mit uns der Vorstellung beigewohnt hatte, anzunehmen und, bevor wir nach
Hause gingen, noch ein wenig bei seiner Familie einzutreten. Wie es zu
geschehen pflegt, man sprach dort von dem Stücke, man stritt hinüber und
herüber, man brachte Erfrischungen, und es wurde Mitternacht, ehe wir
aufbrachen. Wir lehnten den Antrag unseres Freundes, uns seinen Wagen zu
geben, ab und sagten, es wäre ein Raub an dieser schönen Nacht, wenn wir
in dem Wagen säßen und den freien Raum, der zwischen der Stadt und der
Vorstadt ist, durchflögen, statt ihn langsam zu durchwandeln und seine
freie, erhellte Schönheit zu genießen. Man widersprach uns nicht mehr,
und wir machten uns zu Fuß auf.
Als wir aus dem Tore hinaustraten und die Stadt hinter uns ließen,
empfing uns der heitere große Grasplatz mit seinen vielen Bäumen, und
eine wirklich herrliche Mondnacht stand über dem Raume. Ein ungeheurer
Himmel, wie aus einem Edelsteine gegossen, war über der großen Rundsicht
der Vorstädte, nicht ein einziges Wölklein war an ihm, und von seinem
Gipfel schien das Rund des Mondes lichtausgießend nieder. Wir wandelten
an der Reihe der Bäume, die den Fahrweg säumten, dahin; mancher einzelne
Wanderer und manches Paar begegneten uns. Weil die Nacht so duftend und
beinahe südlich war, machten wir den Weg über den freien Raum noch
einmal hin und zurück, so daß wir endlich beinahe die letzten auf dem
Platze waren. Wir wendeten uns nun auch, um nach Hause zu gehen. Als wir
an der Häuserreihe unserer Vorstadt hin gingen und uns kein Mensch mehr
begegnete, merkten wir, daß wir doch nicht die einzigen waren, welche
von dieser schönen Mondnacht angezogen wurden, sondern daß auch noch ein
anderer von ihren Strahlen in seinem Herzen erregt war; denn wir hörten
in der allgemeinen Stille, die nur durch unsere Tritte und durch manchen
fernen Ruf einer Nachtigall unterbrochen wurde, ein seltsames
Flötenspiel. Wir hörten es anfangs ganz leise, dann, da wir weiterkamen,
lauter. Wir blieben ein wenig stehen, um zu horchen. Wenn es ein
gewöhnliches Flötenspiel gewesen wäre, würden wir wahrscheinlich bald
weitergegangen sein; denn es ist nichts Seltenes, daß man auch noch spät
in der Nacht aus irgendeinem Hause unserer Stadt Musik hört; aber das
Flötenspiel war so sonderbar, daß wir länger stehen blieben. Es war
nicht ein ausgezeichnetes Spiel, es war nicht ganz stümperhaft, aber was
die Aufmerksamkeit so erregte, war, daß es von allem abwich, was man
gewöhnlich Musik nennt, und wie man sie lernt. Es hatte keine uns
bekannte Weise zum Gegenstande; wahrscheinlich sprach der Spieler seine
eigenen Gedanken aus, und wenn es auch nicht seine eigenen Gedanken
waren, so gab er doch jedenfalls so viel hinzu, daß man es als solche
betrachten konnte. Was am meisten reizte, war, daß, wenn er einen Gang
angenommen und das Ohr verleitet hatte mitzugehen, immer etwas anderes
kam, als was man erwartete und das Recht hatte zu erwarten, so daß man
stets von vorn anfangen und mitgehen mußte und endlich in eine
Verwirrung geriet, die man beinahe irrsinnig hätte nennen können. Und
dennoch war trotz des Unzusammenhanges eine Trauer und eine Klage und
noch etwas Fremdartiges in dem Spiele, als erzählte der Spieler in
ungefügen Mitteln seinen Kummer. Man war beinahe gerührt.
»Das ist sonderbar,« sagte mein Gatte, »der muß das Flötenspiel auf
einem eigentümlichen Wege gelernt haben; er stimmt richtig an, er fährt
nicht fort, er verhaftet die Sache, er kann mit dem Hauche nicht
aushalten, er überstürzt ihn und reißt ihn ab und hat doch eine Gattung
Herz darin.«
Wir konnten auch nicht ergründen, woher das Spiel kam; fast hätten wir
geglaubt, daß es aus dem alten Perronschen Hause klinge, in dessen Nähe
wir uns befanden; aber das Haus war im Begriffe abgetragen zu werden, es
war schon nur mehr sehr wenig bewohnt, und die Töne klangen durchaus
nicht, als kämen sie von irgendeinem Fenster herab.
Als wir noch ein Weilchen gestanden waren, gingen wir weiter, das
seltsame Flötenspiel wurde hinter uns undeutlich, endlich hörten wir es
gar nicht mehr; wir kamen nach Hause und begaben uns neben unsern
Kindern, die schon mehr als die Hälfte ihres erquickenden Schlafes
ausgeschlafen hatten, zur Ruhe.
Nach dieser Begebenheit verging wieder eine geraume Zeit.
Wer schon länger in unserer Stadt lebt, wird sich noch des alten
Perronschen Hauses erinnern. Wer überhaupt etwa fünfzehn bis zwanzig
Jahre her Wien kennt, der wird wissen, daß diese Stadt in beständigem
Umwandeln begriffen und daß sie trotz ihres Alters eine neue Stadt ist;
denn die Häuser werden immer nach neuer Art und zu dem Zwecke der
Benützung umgebaut; alte, unveränderliche Denkmale, wie etwa die Kirche
von Sankt Stephan, gibt es zu wenige, als daß sie der Stadt ein
allgemeines Aussehen aufdrücken könnten, und so sieht sie immer wie eine
von gestern aus. Das alte Perronsche Haus stand an der Hauptstraße der
Vorstadt, in welcher wir wohnten, und war nicht gar weit von unserer
Wohnung entfernt. Es hatte noch die Eigentümlichkeit, welche die
jetzigen jungen Bewohner der Hauptstadt nicht mehr kennen, daß es
unterirdische Wohnungen hatte. Die Fenster solcher Wohnungen gingen
gewöhnlich dicht an dem Pflaster der Straßen heraus. Sie waren nicht
sehr groß, hatten starke eiserne Stäbe, hinter denen sich gewöhnlich
noch ein dichtes, eisernes Drahtgitter befand, das, wenn der Bewohner
nicht besonders reinlichkeitliebend war, mit dem hingeschleuderten und
getrockneten Kote der Straße bedeckt war und einen traurigen Anblick
gewährte. Das Perronsche Haus war auch ohnedem schon ein sehr altes
Haus; es sah schwarz aus und hatte Verzierungen aus sehr alten Zeiten.
Es ging nur mit seiner schmäleren Seite auf die Straße; mit den größeren
Räumen ging es gegen einen Garten zurück. Es hatte ein kleines
Pförtlein, das mit dunkelroter, fast schwarz gewordener Farbe
angestrichen und mit vielen metallenen Nägeln beschlagen war, deren
Stoff man nicht mehr erkennen konnte, weil sich die breiten Köpfe mit
Schwärze überzogen hatten. Es war wohl neben dem Pförtchen ein größeres
Haustor, aber dasselbe war seit undenklichen Zeiten nicht mehr benützt
worden; es war geschlossen, es war voll Straßenkot und Staub und hatte
zwei Querbalken, die mit eisernen Klammern an der Mauer befestigt waren.
Wir hatten damals einen Freund, der es auch in allen folgenden Zeiten
geblieben ist. Es war der Professor Andorf. Er war unvermählt, war ein
heiterer, freundlicher Mann, voll geistiger Anlagen, er hatte ein
warmes, empfindendes Herz und war für alles Gute und Schöne empfänglich.
Er kam sehr oft zu uns, war mit meinem Manne in gelehrten Verbindungen,
und es wurde öfter etwas Schönes vorgelesen oder Musik gemacht oder
traulich von verschiedenen Dingen gesprochen. Dieser Professor Andorf
wohnte in dem Perronschen Hause; er wohnte nicht einmal auf die Gasse
heraus, sondern in dem Hofe. Er hatte freiwillig diese Wohnung gewählt,
weil sie für seine Beschäftigungen, die im Lesen, Schreiben oder etwas
Klavierspielen bestanden, sehr ruhig war; und obwohl er ein heiterer,
geselliger Mann war, hatte er doch gerade diese Wohnung gewählt, weil es
seinen dichtenden Kräften, die sich nicht sowohl im Hervorbringen als
vielmehr im Empfangen äußerten, zusagte, das allmähliche Versinken,
Vergehen, Verkommen zu beobachten und zu betrachten, wie die Vögel und
andere Tiere nach und nach von dem Mauerwerke Besitz nahmen, aus dem
sich die Menschen zurückgezogen hatten; es gehe ihm in der Welt nichts
darüber, pflegte er zu sagen, an einem Regentage an seinem Fenster zu
stehen und das Wasser von den Disteln, dem Huflattich und den anderen
Pflanzen, die in dem Hofe stehen, niederträufeln und die Nässe sich in
den alten Mauern herabziehen zu sehen.
Einmal sagte mein Gatte, da er schon angezogen war und eben in sein Amt
gehen wollte: »Da ist ein Buch, es gehört dem Professor Andorf, es ist
sehr wichtig, mir ist daran gelegen, daß es nicht in fremde Hände komme;
sei so gut, schlage es in ein Papier ein, siegle das Papier zu und
schicke das Buch durch jemand Zuverlässigen an den Professor. Ich hatte
nicht mehr Zeit, das Geschäft selber zu besorgen, und wende mich daher
an dich.«
Er legte das Buch auf mein Nähtischchen; ich sagte ihm zu, daß ich
seinen Auftrag vollziehen würde, und er ging fort, um sich an seine
Dienstgeschäfte zu begeben.
Da mir aber im Laufe des Vormittags einfiel, daß ich ohnedem in die
Stadt gehen müsse, und daß ich da an dem Perronschen Hause vorübergehe,
so dachte ich, daß ich bei dieser Gelegenheit das Buch selber abgeben
könnte, so könne es ganz gewiß in keine unrechten Hände kommen. Ich
beschloß, also so zu tun. Da die Zeit gekommen war, kleidete ich mich
an, tat das Buch in meine Arbeitstasche, die ich gern am Arme
mitzutragen pflege, und machte mich auf den Weg. Als ich zu dem
Perronschen Hause gekommen war, drückte ich auf die Klinke des kleinen,
roten Pförtchens. Ich war nie in dem Hause gewesen. Die Klinke gab
leicht nach, und das Pförtchen öffnete sich. Als ich aber in dem Gange
stand, der sich hinter dem Pförtchen öffnete, sah ich mich vergeblich
nach einer Stube oder Wohnung um, in der ein Pförtner oder dergleichen
wäre, der mir Auskunft geben könnte. Ich ging also in dem Gange weiter,
der mir keine Treppe in die höheren Stockwerke zeigte, und gelangte in
den Hof. Derselbe war mit großen, aber zum Teile schon zerbrochenen
Steinen gepflastert. Ich sah da die Pflanzen des Professors Andorf
stehen, die ihn bei dem Regen mit ihrem triefenden Wasser ergötzten, ich
sah aber auch bei allen Fugen der Steine das Gras herausstehen, das
schön und unzertreten wuchs. An den Mauern, die den Hof bildeten, sah
ich mehrere Tore, die zu Stallungen oder Wagenbehältern führen mochten,
aber die Tore wurden nie geöffnet, was ihr ausgewittertes, vertrocknetes
und zum Teil zerfallenes Aussehen, das hohe Gras zu ihren Füßen und die
braunverrosteten Angeln bewiesen. Es waren auch drei Mündungen, die zu
Treppen führten, aber die Mündungen sahen unwirtlich aus, und die
Treppen schienen nicht betreten zu werden. Unter den erblindeten oder
bläulich schillernden oder teils mit hölzernen Läden verschlossenen
Fenstern sah ich auch einige mit reinem Glase, hinter denen weiße
Vorhänge waren. Ich schloß, daß diese zu der Wohnung des Professors
gehören mochten, wußte aber nicht, wie ich zu dieser Wohnung
hinangelangen könnte.
In diesem Augenblick hörte ich leise Tritte hinter mir und vernahm eine
nicht unangenehme, etwas feine Männerstimme, die sagte: »Wünschen Sie
etwas?«
Ich wendete mich um und sah ein Männchen hinter mir stehen, das
spärliche graue Haare auf dem Haupte und einen schlichten Ausdruck in
dem Angesichte hatte. Es war nicht eigentlich angekleidet; denn es hatte
nur linnene Beinkleider an, eine ähnliche Jacke, auf dem Kopfe nichts
und an den Füßen Pantoffeln.
»Ich suche den Herrn Professor Andorf,« sagte ich.
»Was wünschen Sie denn von dem Herrn Professor Andorf?« erwiderte er.
»Kann ich vielleicht eine Botschaft oder eine Übergabe bestellen? Der
Herr Professor ist nicht zu Hause.«
Ich sah den Mann näher an. Er hatte ein längliches Angesicht und blaue
Augen. Seine Miene stieß nicht ab.
»Ich hätte ein Buch zu übergeben,« sagte ich, »das nur in seine Hände
gehört; aber da er nicht zu Hause ist, so kann das Buch auch ein anderes
Mal zu ihm kommen, mein Gatte kann es ein anderes Mal herüberschicken.«
»Ich bin der Pförtner des Hauses,« erwiderte er, »Sie können mir das
Buch schon anvertrauen; wenn Sie es aber vorziehen, es ihm selbst zu
übergeben oder durch jemand Ihrer Leute übergeben zu lassen, so treffen
Sie den Professor täglich bis neun Uhr früh und meistens auch zwischen
vier Uhr und sechs Uhr nachmittags.«
Da ich unschlüssig zauderte und ihn ansah, sagte er: »Verehrte Frau,
geben Sie mir das Buch; ich werde es behutsam anfassen, daß es nicht
schmutzig werde, ich werde nicht in dasselbe hineinsehen und werde es
sogleich, wenn der Herr Professor Andorf nach Hause kommt, in seine
Hände geben.«
Ich sah ihn wieder an. Das Anständige in seiner Stellung fiel mir auf.
Seine Worte waren in dem wenigen, was er mir sagte, sehr gewählt, wie
man es in der besseren Gesellschaft findet; nur seine blauen Augen
hatten etwas Unstetes, als blickten sie immer hin und her. Ich hatte
nicht den Mut, ihn durch Mißtrauen zu kränken, ich nestelte meine
Arbeitstasche auf, zog das Buch hervor und gab es in seine Hände. Ich
hatte es in kein Papier eingeschlagen, weil ich es selber zu übergeben
gedachte. Er bemerkte den Umstand gleich und sagte: »Ich werde das Buch
in ein Papier einwickeln, werde es so liegen lassen, bis der Herr
Professor kommt, und werde es ihm so übergeben.«
»Ja, tun Sie das,« sagte ich, und mit diesen Worten schied ich aus dem
Hause.
Aber kaum war ich auf der Gasse, so bemächtigte sich meiner eine Unruhe.
Etwa zwanzig Schritte von dem roten Pförtlein an der Mauer des nächsten
Hauses saß gern eine Obstfrau. Sie saß jeden Tag da, wenn nicht gar ein
zu abscheuliches Wetter war; denn an gewöhnlichen Regentagen hatte sie
einen breiten Schirm über ihr Warenlager ausgebreitet. Ich kannte die
Frau sehr gut und hatte oft schon für die Kinder von ihr Obst gekauft.
Zu dieser Frau ging ich hin. Ich fragte sie, ob sie den Pförtner des
Perronschen Hauses kenne. Sie sagte, daß sie ihn kenne, daß er ein
ordentlicher Mann sei, daß, wenn er ausgehe, er gewiß immer vor Anbruch
der Nacht nach Hause komme. Man könne ihm nichts nachsagen, er sei sehr
still. Übrigens sei es schon daran, daß man das Perronsche Haus umbauen
müsse; es wohnen schon nicht mehr viele Leute darinnen, vornehme schon
gar nicht, wenn man den Herrn Professor Andorf ausnehme, wie ich ja
selber sehr gut wisse, und in wenig Jahren werde gar niemand mehr darin
wohnen wollen. Wenn Herr Perron nicht immer in fremden Ländern wäre, so
würde er wissen, wie es mit dem Hause stehe, daß es ihm nicht viel
eintrage, und daß er besser fahren würde, wenn er es niederrisse und ein
anderes an dessen Stelle aufbaute.
Ich kaufte von der Frau einiges Obst, tat es in meine Tasche und setzte
meinen Weg in die Stadt fort.
Als mein Gatte nach Hause gekommen war und wir bei dem Mittagessen
saßen, drückte mich das Gewissen, und ich sagte ihm, was ich getan habe:
aber er nach seiner ihm von jeher innewohnenden Güte und Milde beruhigte
mich und sagte, ich hätte vollkommen recht getan; er selber, wenn er das
Buch hinübergetragen hätte und ihm das gleiche begegnet wäre, hätte
nicht anders gehandelt. Das Buch würde schon in die rechten Hände
kommen. Desungeachtet fragte ich den Professor, als er das erstemal nach
dieser Begebenheit zu uns kam, ob er das Buch erhalten habe; ich hätte
es in die Hände des Pförtners des Perronschen Hauses gegeben.
»Das Buch habe ich erhalten,« sagte der Professor, »aber ich habe
geglaubt, daß Sie es mir durch jenen alten Mann überschickt haben. Daß
wir im Perronschen Hause einen Pförtner besitzen, habe ich gar nicht
gewußt, und wenn wir einen haben, so muß er der stillste Pförtner der
Welt sein; denn ich habe nie etwas von ihm vernommen. Ich habe einen
Schlüssel, durch den ich mir das Pförtchen öffne, wenn ich so spät nach
Hause komme, daß es schon verschlossen ist. Übrigens tut es mir leid,
daß ich nicht zu Hause gewesen bin, da Sie in das Perronsche Haus
gekommen sind, daß ich Sie hätte empfangen und Ihnen die vorkommenden
Merkwürdigkeiten des Hauses hätte zeigen können.«
Wieder war seit diesem Vorfalle eine bedeutende Zeit vergangen, als sich
ein neues Merkmal zutrug. Unser ältester Sohn Alfred kam einmal von der
Schule nach Hause. Er lief die Treppe heran, er stürzte in die Stube und
rief: »Mutter, ich habe ihm nichts getan; Mutter, ich habe ihm nichts
getan.«
»Alfred,« sagte ich, »was ist dir denn?«
»Mutter, du weißt das Perronsche Haus,« erwiderte er; »da ging ich auf
dem breiten Pflaster des Weges für die Fußgänger, und da sah ich einen
Raben auf dem Pflaster sitzen, der sich nicht fürchtete, der nicht
fliegen zu können schien, und der vor mir, da ich mich näherte, herging.
Ich duckte mich ein wenig, sprach zu ihm, langte nach ihm, und er ließ
sich fangen. Mutter, ich habe ihm nichts getan, ich habe ihn nur
gestreichelt. Da sah bei den Erdfenstern des Perronschen Hauses ein
fürchterlich großes Angesicht heraus und schrie: 'Laß, laß!'
»Ich blickte nach dem Kopfe hin; er hatte starre Augen, war sehr blaß
und war erschreckend groß. Ich ließ den Raben aus, richtete mich empor
und lief nach Hause. Mutter, ich habe ihm wirklich nichts getan, ich
habe ihn bloß streicheln wollen.«
»Ich weiß, Alfred, ich weiß,« sagte ich; »lege deinen Schulsack ab, gehe
in die Kinderstube, da wirst du dein Nachmittagbrot bekommen und schlage
dir den Raben aus dem Sinn, es liegt nichts an ihm.«
Der Knabe küßte mir die Hand und ging leichten Gemütes in die
Kinderstube.
Aber mein Gemüt war nicht so leicht, es war nachdenklich geworden. Mir
fiel nun das vor vieler Zeit gesehene Paar ein, dem ich einmal in der
Richtung nach der Kirche des Krankenhauses nachgegangen bin. Das Mädchen
hatte auch damals einen nach des Knaben Ausdruck fürchterlich großen
Kopf gehabt. Ich fing nun an, die Begebenheiten zu verbinden. Wenn der
von Alfred gesehene Kopf der nämliche gewesen ist, den ich an jenem
Mädchen wahrgenommen hatte, so muß das Mädchen in einer unterirdischen
Wohnung des Perronschen Hauses wohnen. Wenn ich nun an den Pförtner des
Perronschen Hauses dachte, dem ich das Buch für den Professor Andorf
gegeben hatte, so dürfte derselbe, wie mir jetzt vorkam, ungefähr die
Gestalt und Größe des Mannes haben, den ich mit dem Mädchen über die
Straße gehen gesehen hatte. Dann war der Pförtner vielleicht der Vater
des Mädchens.
Mir fiel auch noch einmal auf, wie ordentlich, ja anständig sich damals
der Pförtner benommen hatte, als er mir das Buch für den Professor
Andorf abgenötigt hatte, wie ausgewählt und gut seine Sprache gewesen
sei, so daß es den Anschein hat, als sei hier etwas Besonderes im
Spiele. Dies steigerte meine Teilnahme noch mehr, und ich nahm mir vor,
gelegentlich dem Pförtner des Perronschen Hauses nachzuforschen und,
wenn etwa eine Hilfe notwendig sein sollte, sie nach den kleinen
Mitteln, die mir zu diesem Zwecke gegeben waren, zu leisten.
Die Zeit, in welcher Alfred die Begegnung mit dem Raben gehabt hatte,
war im Spätherbst gewesen. In dem sehr milden Winter, der darauf folgte,
ging ich oft mit meinem Gatten in die Stadt. Wir gingen zum Teil zu
Freunden, zum Teil besuchten wir auch das Theater, von dem ich damals
eine sehr große Freundin gewesen war. Wenn wir in der Nacht nach Hause
gingen, hörten wir noch einige Male das seltsame Flötenspiel, das wir in
jener Mondnacht gehört hatten, und wir vernahmen jetzt deutlich, daß es
aus den unterirdischen Wohnungen des Perronschen Hauses kam.
Die Gelegenheit aber, mit dem Pförtner des Perronschen Hauses bekannt zu
werden, war nicht leicht zu finden. Zuerst wollte ich nicht zudringlich
sein, dann war der Professor Andorf so wenig mit dem Pförtner des Hauses
bekannt, daß er nicht einmal gewußt hatte, daß das Haus einen Pförtner
habe, und endlich kam überhaupt niemand in das Perronsche Haus, durch
den eine Verbindung hätte eingeleitet werden können. Es verging ein Teil
des Winters, ohne daß ich mein Vorhaben ins Werk setzen konnte.
Einmal war ich damit beschäftigt, unsere schöneren Zimmer ein wenig zu
ordnen. Wir hatten am Tage vorher eine Gesellschaft bei uns gehabt, und
es war manches in Unordnung geraten. Da hörte ich von der Gasse herauf
ein Gesumme und Gebrause, und da ich ein Fenster öffnete und
hinabschaute, sah ich mehrere Menschen an dem Pförtchen des Perronschen
Hauses stehen und sah, daß noch immer mehrere hinzugingen und sich zu
ihnen gesellten. Ich rief eines meiner Dienstmädchen und schickte
dasselbe hinab, um fragen zu lassen, was es denn gäbe.
Das Mädchen kam nach einer Weile zurück und sagte, der Pförtner des
Perronschen Hauses habe sich erschlagen. Ich warf sogleich einen Mantel
um, ging hinab und ging gegen das Perronsche Haus. Ich wollte mich aber
mit den Leuten, die vor dem roten Pförtchen standen, in kein Gespräch
einlassen, sondern ging zu der mir bekannten Obstfrau, die bei ihrem
Stande saß, und fragte: »Was ist es denn gewesen, und wie kann sich denn
ein Mensch selber erschlagen?«
»Es hat sich niemand erschlagen,« antwortete die Frau, »es ist nur der
Pförtner des Perronschen Hauses gestorben. Vor einer Viertelstunde, da
eben niemand an dieser Seite der Häuser ging, kam das Mädchen, seine
Tochter, aus der Wohnung zu mir und sagte mir heimlich, daß der Vater
tot sei. Dann ging es gleich wieder in das Perronsche Haus zurück. Ich
aber rief den Lehrling des Schusters da herüber, sagte es ihm und sagte,
daß er auf das Stadthaus gehen und dort die Meldung von dem machen möge,
was mir das Mädchen gesagt habe. Der Lehrling wird es auf dem Wege den
Leuten vertraut haben, darum sind sie schon gekommen. Aber von dem
Stadthause muß auch bald jemand da sein, ein Amtmann, ein Arzt, ein
Beschauer, ein Geschworener oder wer es sein mag.«
Während der Rede der Frau hatten sich noch mehr Menschen angesammelt; es
ging aber niemand von ihnen durch das rote Pförtchen hinein, entweder
aus Achtung vor dem Toten, der im Innern lag, oder aus Scheu vor dem
seltsamen Perronschen Hause.
Endlich kamen auch die von dem Amte Abgeordneten, den Befund
aufzunehmen.
»Diese Frau hat es mir gesagt,« sagte der Lehrling, der auf die Obstfrau
zeigte.
Die Obstfrau mußte mit den Amtsabgeordneten gehen. Sie tat es gern,
nachdem sie zuvor ein großes, weißes Tuch auf ihren Obstkram gebreitet
hatte. Ich nannte mich den Amtsleuten und bat, mich mit in die Wohnung
zu nehmen, weil ich im Sinn habe zu helfen, wenn dort etwas nottun
sollte. Man gestand es gern zu. Der Lehrling, als in der Anzeige
beteiligt, mußte ebenfalls mit.
Als wir zu dem Pförtchen gelangt waren, drängte sich alles nach
demselben, aber die Männer des Amtes sagten, daß niemand, der nicht zu
dem Amte gehöre oder von demselben aufgefordert sei, in das Innere des
Hauses dürfe. Hierauf wurden zwei Diener der öffentlichen Sicherheit zu
beiden Seiten des Pförtchens gestellt, das Pförtchen wurde geöffnet, wir
gingen hinein; die Sicherheitsdiener stellten sich dann in die Mündung
des Pförtchens und ließen niemand mehr hinein.