dunkle Vorhänge an den Fenstern; es standen weiche Ruhesitze von
demselben Stoffe darin, es stand ein schöner, großer Tisch da, der immer
auf das glänzendste vom Staube reingehalten war und auf seiner Platte
einige Bücher oder Zeichnungen oder gelegentlich irgendein anderes Ding
trug. An den Fensterpfeilern waren Spiegel, unter denen schmale
Pfeilertische standen, auf welchen sich einige schöne Dinge von Silber
oder Porzellan befanden. An einem Fenster stand ein sehr feines
Arbeitstischchen, auf dem schöne Linnen, zarte Stoffe und andere
Arbeitsdinge lagen und davor ein knappes, in die Fenstervertiefung
passendes Stühlchen stand. An dem zweiten Fenster war der Stickrahmen
mit einem gleichen Stühlchen, und an der kurzen Seitenwand des dritten
stand der Schreibtisch, auf dessen reiner, grüner Fläche sich die Mappe,
das Tintengefäß und geordnete Schreibgeräte zeigten. Um den Tisch wie im
Halbkreise standen hohe dunkle und zum Teil breitblätterige Pflanzen.
Die große Wanduhr hatte kein Schlagwerk und ging so sanft, daß man sie
kaum hörte. Übrigens war im Hintergrunde des Zimmers noch ein
Fachgestelle mit Gläsern und Seidenvorhängen, daß die Frau verschiedene
Dinge in die Fächer hineinstellen und die Seide davor zusammenziehen
konnte.
Das zweite, kleinere Zimmer hatte schneeweiße, in dichte Falten gelegte
Fenstervorhänge; in der Nähe der Fenster stand ein Tisch, aber nicht
zum Darauflegen schöner Sachen, sondern zu häuslichen Zwecken bestimmt.
Dann war ein großes Ruhebett, verschiedene Sessel und Schemel. Im
Hintergrunde stand das weiße Bett der Frau, von weißen Vorhängen
umhüllt; an demselben war ein Nachttischchen mit einem Leuchter, mit
einer Glocke, mit Büchern, Zündzeug und andern Dingen. In der Nähe
dieses Bettes stand auf einem Gestelle ein vergoldeter Engel, welcher
die Flügel um die Schultern zusammengefaltet hielt, mit der einen Hand
sich stützte, die andere aber sanft ausstreckte und mit den Fingern die
Spitze eines weißen Vorhanges hielt, der in reichen Falten in der
Gestalt eines Zeltes auseinander- und niederging. Unter diesem Zelte
stand auf einem Tische ein feiner Korb; in dem Korbe war ein feines
Bettchen, und in dem Bettchen war das Kind der beiden Eheleute, das
Mädchen, bei dem sie öfter standen und die winzigen roten Lippen und die
rosigen Wangen und die geschlossenen Äuglein betrachteten. Zum Schlusse
war noch ein sehr schön gemaltes großes Bild in dem Zimmer, die heilige
Mutter mit dem Kinde vorstellend. Es war mit einer Faltung von dunklem
Sammet umgeben.
Die Frau waltete in ihrem Zimmer; sie besorgte alles Nötige, was das
Kindlein brauchte, beschäftigte sich mit Arbeit, mit Lesen, mit Sticken,
mit Besorgung des Hauswesens und andern Dingen dieser Art. Sie verkehrte
nicht sehr viel mit der Außenwelt, so wie auch nicht häufig Frauen zu
ihr zum Besuche kamen.
Zu derselben Zeit, da dieses Ehepaar auf dem Sankt-Peters-Platze wohnte,
lebte in Wien auch ein anderer Mann, der von sich reden machte. Er war
ein glänzender Künstler, ein Schauspieler, und bildete damals das
Entzücken der Welt. Mancher alte Mann unserer Zeit, der ihn noch in
seiner Blüte gekannt hat, gerät in Begeisterung, wenn er von ihm
spricht, und erzählt, wie er diese oder jene Rolle aufgefaßt und
dargestellt habe, und gewöhnlich ist der Schluß solcher Reden, daß man
jetzt dergleichen Künstler nicht mehr habe, und daß alles, was die neue
Zeit bringe, keinen Vergleich mit dem aushalten könne, was die Väter in
dieser Art gesehen haben. Manche von uns, die sich jetzt dem höheren
Alter nähern, mögen jenen Schauspieler noch gekannt und mögen Leistungen
von ihm gesehen haben, aber wahrscheinlich haben sie ihn nicht in der
Mitte seines Ruhmes, sondern erst, da derselbe schon von dem Gipfel
abwärts ging, gekannt, obwohl er seinen Glanz sehr lange und fast bis in
das Greisenalter hinein behauptet hat. Der Mann namens Dall war
vorzüglich im Trauerspiele berühmt, obwohl er auch in andern Fächern,
namentlich im Schauspiel, mit ungewöhnlichem Erfolge auftrat. Es haben
sich noch Erzählungen von einzelnen Augenblicken erhalten, in denen er
die Zuschauer bis zum äußersten hinriß, zur äußersten Begeisterung oder
zum äußersten Schauer, so daß sie nicht mehr im Theater, sondern in der
Wirklichkeit zu sein meinten und mit Bangen den weiteren Verlauf der
Dinge erwarteten. Besonders soll seine Darstellung hoher Personen von
einer solchen Würde und Majestät gewesen sein, daß seither nicht mehr
dem Ähnliches auf der Bühne zum Vorschein gekommen sei. Ein sehr
gründlicher Kenner solcher Dinge sagte einst, daß Dall seine Rollen
nicht durch künstliches Nachsinnen oder durch Vorbereitungen und
Einübungen sich zurechtgelegt, sondern daß er sich in dieselben, wenn
sie seinem Wesen zusagten, hineingelebt habe, daß er sich dann auf seine
Persönlichkeit verließ, die ihm im rechten Augenblicke eingab, was er zu
tun habe, und daß er auf diese Weise nicht die Rollen spielte, sondern
das in ihnen Geschilderte wirklich war. Daraus erklärt sich, daß, wenn
er sich der Lage grenzenlos hingab, er im Augenblicke Dinge tat, die
nicht nur ihn selber überraschten, sondern auch die Zuschauer
überraschten und ungeheure Erfolge hervorbrachten. Daraus erklärt sich
aber auch, daß, wenn er in eine Rolle sich nicht hineinzuleben
vermochte, er sie gar nicht, nicht einmal schlecht, darstellen konnte.
Darum übernahm er solche Rollen nie und war durch kein Zureden und durch
kein noch so eindringliches Beweisen dazu zu bewegen.
Aus dem Gesagten erklärt sich aber auch das Wesen und die Lebensweise
Dalls außer dem Theater. Er hatte ein sehr einnehmendes Äußere, war in
seinen Bewegungen leicht und gefällig und trug seinen Körper als den
Ausdruck eines lebhaften und beweglichen Geistes, der sich durch dieses
Werkzeug sehr deutlich aussprach. Er war heiter, suchte seine Freude, wo
er sie fand, und liebte die gesellige Laune, daher man, wenn er hinter
einem Glase guten Weines bei plaudernden Freunden saß und selber
plauderte, unmöglich glauben konnte, daß das derselbe Mann sei, der
unsere Seele in seinen großartigen Darstellungen zu den tiefsten
Erschütterungen, zu Angst und Entsetzen und zu Freude und Entzücken
treiben konnte. Aber gerade weil er das war, was er spielte, und weil er
dafür in seinem Körper den treffendsten Ausdruck fand, so stellten sich
die Gefühle, die in seinem feurigen Geiste entstanden, auf der
Oberfläche seines Körpers feurig dar, sei es in Bewegung, in Ausdruck,
in Stimme, und rissen hin. Darum war er der Liebling der Gesellschaft;
er belebte sie und gab ihr Empfindungen. Man suchte ihn und bestrebte
sich, ihn zu fesseln. Er bewegte sich in den mannigfachsten Kreisen und
lernte daraus die leichte und geebnete Freiheit seines Benehmens; aber
er wurde von keinem derselben gebannt: wie er sich im Spiele von seinem
Geiste leiten ließ, so führte ihn derselbe auch unter Menschen, daß er
mit ihnen lebe und empfinde, er führte ihn in die Natur, daß er sie
anschaue und fühle; aber er entführte ihn auch wieder von den Menschen,
wenn seinem Geiste nichts mehr zur Bewegung gegeben wurde, und er
entführte ihn von der Natur, wenn ihre sanfte Sprache aufhörte ihn zu
erregen, und wenn er gewaltigere Eindrücke und tieferen Wechsel suchte.
Er lebte daher in Zuständen und verließ sie, wie es ihm beliebte.
Dieser Mann nun war mit dem Rentherrn bekannt, und man konnte sagen, daß
er vielleicht in nichts so beständig war als in dieser Bekanntschaft. Er
ging sehr gern, wenn er in was immer für Umgebungen gewesen war, auf den
Sankt-Peters-Platz, stieg die vier Treppen empor, läutete an der Glocke
des Eisengitters, ließ sich von der ältlichen Magd öffnen und ging durch
das Vorzimmer in die Heldenstube des Rentherrn. Da saß er und plauderte
mit dem Rentherrn über die vielen verschiedenen Dinge, die dieser trieb.
Ja vielleicht kam er gerade deshalb so gern in die Gesellschaft des
Rentherrn, weil es da so Mannigfaltiges gab. Besonders war es die Kunst,
die Dall in allen ihren Gestalten, ja selbst Abarten anzog. Darum wurden
die Verse des Rentherrn besprochen, er mußte auf einer seiner zwei
Geigen spielen, er mußte auf der Flöte blasen, er mußte das eine oder
das andere Musikstück auf dem Flügel vortragen, oder man saß an der
Staffelei und sprach über die Farben eines Bildes oder über die Linien
einer Zeichnung. Gerade in dem letzteren war Dall am erfahrensten und
war selber ein bedeutender Zeichner. Zu den Pappgestalten des Rentherrn
gab er Länge und Breite, er gab Beziehungen und Verhältnisse an.
In bezug auf die an die Wände geklebten Bildnisse berühmter Männer legte
er sich auf das niederste Ruhebett und musterte die untere Reihe durch.
Der Rentherr mußte ihm bei jedem erzählen, was er von ihm wußte, und
wenn beide nichts Ausreichendes von einem Manne sagen konnten, als daß
er berühmt sei, so suchten sie Bücher hervor und forschten so lange, bis
sie Befriedigendes fanden. Dann legte er sich auf die höheren
Ruhebetten, dann saß er auf dem nächsten, dann stand er, und endlich
befand er sich auf den verschiedenen Stufen der Leiter. Bei dieser
Gelegenheit lernte er die Bequemlichkeit solcher Ruhebetten kennen, und
der Rentherr mußte ihm einen großen Rollsessel machen lassen, der eine
gepolsterte Rücklehne und gute Seitenarme hatte.
In diesem Rollsessel saß er gern, wenn er kam, und man überließ sich der
Plauderei.
Auf diese Weise verging eine geraume Zeit.
Endlich fing Dall ein Liebesverhältnis mit der Frau des Rentherrn an und
setzte es eine Weile fort. Die Frau selber sagte es endlich in ihrer
Angst dem Manne.
Dall mußte davon gewußt haben oder er mußte es an dem Gewissen der Frau
gemerkt haben, daß sie ihrem Manne das Verhältnis mit seinem Freunde
bekennen würde. Denn er kam in diesen Tagen nicht, obwohl er sonst in
der letzten Zeit häufiger in die Wohnung am Sankt-Peters-Platze gekommen
war, als es in der früheren Zeit der Fall gewesen war.
Der Rentherr war in einer außerordentlichen Wut, er wollte zu Dall
rennen, ihm Vorwürfe machen, ihn ermorden; aber auch in seiner Wohnung
war Dall nicht zu finden, er spielte auch in jener Zeit nicht im
Theater, und man wußte nicht, wo er war. Der Rentherr gab sich Mühe,
Dall aufzufinden, er ging alle Tage zu verschiedenen Zeiten in dessen
Wohnung, aber er fand ihn niemals, und die Leute sagten, Dall habe eine
kleine Erholungsreise gemacht. Dasselbe war auch in der Stadt in allen
Kreisen bekannt, und man sagte, der Künstler werde wohl bald wieder
zurückkehren und die Welt mit seinem Glanze erfreuen. Der Rentherr aber
ließ sich nicht irremachen, er fuhr fort, Dall zu suchen. Er suchte ihn
in allen Teilen der Stadt, er suchte ihn an öffentlichen Plätzen, in der
Kirche, an Vergnügungsorten, auf Spaziergängen, er suchte ihn neuerdings
in seiner Wohnung. Der Gesuchte war nirgends zu finden.
So trieb es der Rentherr eine geraume Weile fort. Plötzlich aber wurde
er sehr stille. Seine Freunde sahen, daß die Unruhe, die ihn in der
letzten Zeit befallen hatte, verschwunden war. Er saß ruhig und sinnend.
Da ging er zu seinem Weibe und sagte, sie habe an Dall fallen müssen,
warum habe er ihn ins Haus geführt; sie habe ihm das Herz gegeben, wie
er es Tausenden an einem Schauspielabende aus dem Leibe nehme.
Selber gegen Freunde, denen aus leisen Vermutungen, die in der Stadt
herumgingen, die Sache im allgemeinen bekannt wurde, äußerte er sich
bewußt oder unbewußt in einem Sinne, daß sie eine Gemütslage in ihm
vermuten mußten, wie die eben geschilderte war.
Auch Dall mußte in seiner Entfernung von dem Stande der Sache Nachricht
erhalten haben, und er mußte wissen, daß der Rentherr ruhig sei; denn da
sich nichts Besonderes ereignete und die Dinge ihren Gang zu gehen
schienen, war Dall wieder in der Stadt und wurde wieder auf der Bühne
gesehen.
Eines Tages verschwand die Frau des Rentherrn. Sie war ausgegangen, wie
sie gewöhnlich auszugehen pflegte, und war nicht wiedergekommen.
Der Rentherr hatte gewartet, er hatte bis in die Nacht gewartet; aber da
sie nicht erschien, hatte er gedacht, es könne sie ein Unglück betroffen
haben, und er fuhr in einem Mietwagen zu allen Bekannten und Freunden
und fragte, ob sie seine Gattin nicht gesehen hätten; aber niemand wußte
eine Auskunft zu geben. Am andern Tage zeigte er die Sache bei den
Behörden an; er forderte den Schutz der Ämter und er bekümmerte sich um
alle Verunglückten oder Aufgefundenen. Aber auch die Ämter fanden
nichts, und unter den Verunglückten, die sich vorfanden, war sie nicht,
und unter den Aufgefundenen, die sich als heimatlos auswiesen, war sie
nicht.
Da dachte der Rentherr, Dall könne sie irgendwohin geführt haben und
halte sie dort verborgen. Er ging zu Dall und forderte von ihm, daß er
ihm sage, wo sein Weib sei, und daß er ihm dasselbe zurückgebe. Dall
beteuerte, er wisse nichts von der Frau, er habe sie seit seinem letzten
Besuch in der Wohnung auf dem Sankt-Peters-Platze nicht mehr gesehen; er
gehe von seiner Wohnung nicht viel aus, und zwar nur in das Theater und
wieder zurück.
Der Rentherr ging nach Hause.
Nach einiger Zeit kam er wieder zu Dall, kniete vor ihm nieder, faltete
die Hände und bat ihn um sein Weib. Dall erwiderte wieder, er wisse von
dem Weibe gar nichts, dasselbe habe sich nicht mit seinem Willen
entfernt, er kenne dessen Aufenthalt nicht und könne es nicht
zurückgeben.
Der Rentherr entfernte sich wieder.
Nach einigen Tagen kam er abermals, kniete abermals nieder und bat mit
gefalteten Händen um sein Weib. Dall schwor, daß er nicht wisse, wo die
Frau sei, und daß er sie nicht zurückgeben könne.
Der Rentherr kam nach einigen Tagen noch einmal, tat dasselbe und bekam
dieselbe Antwort. Dann kam er nicht mehr. Er verabschiedete seine Magd,
er nahm das kleine Kindlein aus dem Bette, er nahm es auf den Arm, ging
aus seiner Wohnung, sperrte hinter sich zu und ging fort.
Wenn Freunde zu dem Rentherrn kamen, um ihn zu besuchen, so hörten sie
von den Leuten in dem Hause, der Rentherr sei fort, er müsse eine Reise
angetreten haben; denn er habe das Kindlein mitgenommen und habe, obwohl
es Sommer war, den Mantel angehabt.
So stand die Wohnung in dem vierten Stockwerke des Hauses auf dem
Sankt-Peters-Platze leer, und das eiserne Gitter auf dem Gange war
geschlossen.
Als ein halbes Jahr vergangen war und weder der Rentherr zurückgekehrt
war noch auch jemand die Miete für die Wohnung bezahlt hatte, zeigte der
Besitzer des Hauses den Vorfall bei der Obrigkeit an. Man ließ mehrere
Freunde des Abwesenden kommen und fragte sie, ob sie dessen Aufenthalt
wüßten; allein keiner wußte ihn. Man ließ nach und nach alle kommen, von
denen man wußte, daß sie mit dem Rentherrn in Beziehung gewesen seien;
aber kein einziger konnte eine Auskunft geben. Auf das Anraten des
Gerichtes, und weil ihn sein eigenes Wohlwollen gegen den Rentherrn dazu
trieb, entschloß sich der Hausbesitzer, noch eine Zeit zu warten, ob der
Rentherr nicht etwa von selber zurückkehren würde. Nach der Aussage der
Bewohner des Hauses und des Pförtners desselben hatte der Rentherr nicht
das kleinste von seiner Wohnung fortbringen lassen; ja man erinnerte
sich nicht einmal genau, ob er bei seiner Abreise einen Koffer gehabt
habe oder nicht. Da man nun wußte, daß viele und kostbare Sachen in der
Wohnung seien, so war es wahrscheinlich, daß der Rentherr nur verreist
sei, daß ihn irgendein Zufall getroffen haben müsse, der ihn hindere,
zurückzukehren oder eine Nachricht zu geben, und daß er schon
wiederkommen werde.
Allein da bereits zwei Jahre vergangen waren, und da der Rentherr weder
selbst zurückgekehrt war noch auch eine Nachricht von sich gegeben
hatte, ließ man ihn amtlich durch die Zeitungen auffordern, daß er von
sich Nachricht zu geben und sich auszusprechen hätte, ob er seine
dermalige Wohnung auf dem Sankt-Peters-Platze noch ferner behalten und
die Miete gesetzmäßig berichten würde. Wenn in einer gegebenen Frist
keine Nachricht einginge, so würde man seine Wohnung als aufgekündet
betrachten, würde seine Zurücklassenschaft versteigern, davon die
angelaufene Miete bezahlen und den etwaigen Rest in gerichtliche
Verwahrung nehmen.
Allein auch die Frist verstrich, ohne daß der Rentherr kam oder eine
Nachricht eintraf oder jemand erschien, der sich um die Wohnung annahm.
Da schritt man zur amtlichen Öffnung derselben.
Ein Schlosser mußte das Schloß des eisernen Gitters öffnen. Die ältliche
Magd erschien nicht mehr, die Leute in das Vorzimmer und in die Stube
des Rentherrn zu geleiten; ihr Küchenfenster war nicht glatt und rein
wie ehedem, sondern es war voll Staub und hing voll Spinngeweben. In der
Küche war alles wie nach dem Gebrauche; die Magd hatte vor ihrem
Weggange alles noch gereinigt und an seinen Platz gestellt; nur war
jedes Ding voll Staub, und die hölzernen Küferarbeiten waren zerfallen,
und die Reifen lagen um sie. In dem Vorzimmer waren die großen Kästen
mit Kleidern gefüllt; von den wollenen flog eine Wolke Motten auf, die
andern waren unversehrt. Es hingen auch die Sachen der Frau da und
darunter schöne seidene Gewänder. In dem Speisekasten befanden sich die
Eßgeräte und das Silbergeschirr.
Da man das Zimmer des Rentherrn eröffnet hatte, fand sich alles, wie es
sonst gewesen war. Der Flügel stand eröffnet, die zwei Geigen waren da,
die Fächer mit den Flöten; nur eine Flöte fehlte. Auf der Staffelei war
ein angefangenes Bild, auf dem Schreibtische lagen Bücher und Schriften,
und das Bett war mit seiner feinen Decke überzogen. Die berühmten Männer
waren bestaubt und von der eingeschlossenen Luft vergelbt. Die
Ruhebetten standen umher, aber sie waren lange nicht gerollt worden. Der
große Armsessel des Schauspielers stand mitten in dem Zimmer.
In der Wohnung der Frau war schier keine Veränderung; es standen die
Geräte in der alten Ordnung, und es lagen die alten Sachen auf ihnen;
aber die kleinen Veränderungen, die doch vor sich gegangen waren,
zeigten, wie es hier anders geworden sei. Die schweren Vorhänge hingen
ruhig herab, da sie doch sonst bei den geöffneten Fenstern sich leicht
bewegt hatten, die Blumen und Pflanzen standen als verdorrte Reiser, die
Uhr mit dem sanften Gange hatte auch diesen nicht, das Pendel hing
stille, und sie zeigte unabänderlich auf dieselbe Stunde. Die Linnen und
andern Arbeiten lagen wohl auf den Tischen, aber sie zeigten keine
anfassende Hand und trauerten unter dem Staube. In dem Seitengemache
hingen die weißen Vorhänge in den vielen Falten hernieder, aber in den
Falten war der leichte, schnell rieselnde Staub; die heilige Mutter
schaute von dem Bilde nieder, die rote Umhüllung war grau; der
vergoldete Engel hielt die Spitze des Linnenzeltes, aber auf dem Linnen
lag der Staub, und unter ihnen war der leere Korb, und in ihm nicht mehr
das rosige Angesicht des Kindes.
Das Amt nahm alle Gegenstände dadurch in Empfang, daß es dieselben in
ein Buch verzeichnete. Dann wurden sie in zwei Zimmer zusammengestellt,
daß man sie besser übersehen und überwachen könnte. Hierauf wurde die
Wohnung wieder verschlossen und versiegelt.
Unter den vorgefundenen Sachen war nichts, was von dem Aufenthalte und
den weiteren Verhältnissen des Rentherrn hätte Kunde geben können. Auch
kein Geld wurde gefunden; man vermutete, daß er alles bare auf die Reise
mitgenommen habe.
Der Tag der Versteigerung wurde anberaumt, und als diese vor sich
gegangen war, wurde ein Teil des Erlöses dem Besitzer des Hauses als
angewachsener Mietbetrag samt dessen Zinsen gegeben, der Rest für den
abwesenden Rentherrn von dem Amte in Verwahrung genommen. Die Helden
waren sämtlich von den Wänden abgelöst worden, die Wohnung in dem
vierten Stockwerke im Hause auf dem Sankt-Peters-Platze stand leer, und
auf einem an dem Tore desselben angeschlagenen Zettel war zu lesen, daß
sie an einen neuen Mieter zu vergeben sei.
Die Sache hatte in Wien großes Aufsehen gemacht; man hatte mehr oder
minder eine Ahnung von dem wahren Sachverhalte und redete eine geraume
Zeit davon. Einmal ging die Sage, der Rentherr sei in den böhmischen
Wäldern, wohne dort in einer Höhle, halte das Kind in derselben
verborgen, gehe unter Tags aus, um sich den Lebensunterhalt zu erwerben,
und kehre abends wieder in die Höhle zurück. Aber es kamen andere
Ereignisse der großen Stadt, wie sich überhaupt die Dinge in solchen
Orten drängen; man redete von etwas anderem, und nach kurzem war der
Rentherr und seine Begebenheit vergessen.
Es war seit der Zeit, in welcher sich das zugetragen hatte, was oben
erzählt worden ist, eine Reihe von Jahren vergangen. Die Erzählung rührt
von einer Freundin her, welche den Künstler recht gut gekannt hat, und
welche das genauere Verhältnis desselben zur Familie des Rentherrn von
seinen Freunden erfahren hatte. Denn sie selber war zur Zeit, da die
Begebenheit sich zugetragen hatte, noch zu jung gewesen, um viel von ihr
berührt zu werden. Wir lassen nun aus ihrem Munde das Weitere folgen.
Vor ziemlich langer Zeit, erzählte sie, als ich mit meinem Gatten
erst einige Jahre vermählt war, hatten wir eine sehr angenehme und
freundliche Vorstadtwohnung. Mein Gatte konnte recht leicht den kleinen
Weg in die Stadt, in welche ihn täglich seine Amtsgeschäfte riefen,
zurücklegen; ich kam nicht oft hinein, weil ich mit meiner Häuslichkeit
sehr viel beschäftigt war, weil mir damals die kleinen Kinder viel zu
tun gaben, weil ich mich ihrer Pflege sehr gern widmete, und wenn ich
doch in die Stadt mußte, so war, wenn es schön war, der Weg nur ein
Spaziergang, und am Ende kostete bei schlechtem Wetter ein Wagen auch
nicht gar viel. Für die Kinder aber war die luftige und freie Wohnung,
zu welcher auch ein geräumiger Garten gehörte, von entschiedenem
Vorteile, und ein bedeutender Arzt, der Freund meines Mannes, widerriet,
als der letztere einmal die Wohnung aufgeben wollte, ihm diesen Vorsatz
auf das eindringlichste. Die Fenster eines Teils der Wohnung gingen auf
den Garten und über ihn weg auf andere Gärten und endlich auf die nahen
Weinberge und Waldhügel der Umgebung. Hier war hauptsächlich ich mit den
Kindern. Die vorderen Fenster sahen auf die breite, gerade und schöne
Hauptstraße der Vorstadt, in welcher ein angenehmes, nicht zu bewegtes
Leben herrschte, Kaufbuden und Warenstände waren und Wagen fuhren und
Menschen gingen. In diesem Teile der Wohnung war unser Gesellschaftszimmer,
noch ein schönes Zimmer und das Arbeitsgemach meines Mannes. Die
Entfernung zwischen der Stadt und dem Lande war so gleich und so kurz,
daß wir zu keinem einen großen Weg zurückzulegen hatten.