Ich packte meinen Koffer, nahm von dem Pfarrer, von dem Schullehrer, von

Sabine, von dem Mietsmann und seiner Tochter und von andern Leuten

Abschied, ließ den Koffer in die Hochstraße bringen, ging zu Fuß dahin,

bestellte mir Postpferde, und da diese angelangt waren, fuhr ich von dem

Schauplatz meiner bisherigen Tätigkeit fort.

Eines sehr seltsamen Gefühles muß ich Erwähnung tun, das ich damals

hatte. Es ergriff mich nämlich beinahe eine tiefe Wehmut, als ich von

der Gegend schied, welche mir, da ich sie zum ersten Male betreten

hatte, abscheulich erschienen war. Wie ich immer mehr und mehr in die

bewohnteren Teile hinauskam, mußte ich mich in meinem Wagen umkehren und

nach den Steinen zurückschauen, deren Lichter so sanft und matt

schimmerten, und in deren Vertiefungen die schönen blauen Schatten

waren, wo ich so lange verweilt hatte, während ich jetzt zu grünenden

Wiesen, zu geteilten Feldern und unter hohe, strebende Bäume hinausfuhr.

Nach fünf Jahren ergriff ich eine Gelegenheit, die mich in die Nähe

brachte, das Steinkar wieder zu besuchen. Ich fand den Pfarrer in

demselben zuweilen herumgehen, wie früher, oder gelegentlich auf einem

der Steine sitzen und herumschauen. Seine klaren, blauen Augen waren die

nämlichen geblieben.

Ich zeigte ihm die Briefe, die ich von ihm empfangen und die ich

aufbewahrt hatte. Er bedankte sich sehr schön, daß ich auf jeden der

Briefe ihm eine Antwort gesendet hätte, er freue sich der Briefe und

lese oft in denselben. Er zeigte sie mir, da wir in seinem Stübchen

wieder an dem fichtenen Tische beisammen saßen.

Die Zirder floß mit ihrem himmelblauen Bande durch die Steine, diese

hatten die graue Farbe, und der Sand lagerte zu ihren Füßen. Die grünen

Streifen und die wenigen Gesträuche waren wie immer. In der Hochstraße

war der Wirt, die Wirtin und fast auch ihre Kinder wie früher, ja die

alten Gäste schienen an den Tischen zu sitzen, so sehr bleiben die

Menschen die nämlichen, die in jenen Gegenden den Verkehr über die

Anhöhe treiben.

Nach diesem Besuche in jener Gegend führte mich weder ein Geschäft mehr

dahin, noch fand ich Zeit, aus freiem Antriebe wieder einmal das Kar zu

besuchen. Viele Jahre gingen vorüber, und der Wunsch des Pfarrers, daß

ihn Gott seines Zweckes willen lange leben lassen möchte, schien in

Erfüllung gehen zu wollen. Alle Jahre bekam ich mehrere Briefe von ihm,

die ich regelmäßig beantwortete, und die regelmäßig im nächsten Jahre

wieder anlangten. Nur eins glaubte ich zu bemerken, daß die Buchstaben

nämlich etwas zeigten, als zittere die Hand.

Nach langen Jahren kam einmal ein Brief von dem Schullehrer. In

demselben schrieb er, daß der Pfarrer erkrankt sei, daß er von mir rede,

und daß er gesagt habe: »Wenn er es wüßte, daß ich krank bin!« Er nehme

sich daher die Erlaubnis, mir dieses zu melden, weil er doch nicht

erkennen könne, ob es nicht zu etwas gut sei, und er bitte mich deshalb

um Verzeihung, daß er so zudringlich gewesen.

Ich antwortete ihm, daß ich seinen Brief als keine Zudringlichkeit

ansehen könne, sondern daß er mir einen Dienst damit erwiesen habe,

indem ich an dem Pfarrer im Kar großen Anteil nehme. Ich bitte ihn, er

möge mir öfter über das Befinden des Pfarrers schreiben, und wenn es

schlechter würde, mir dieses sogleich anzeigen. Und sollte Gott wider

Vermuten schnell etwas Menschliches über ihn verhängen, so solle er mir

auch dieses ohne geringstes Versäumen melden.

An den Pfarrer schrieb ich auch zu seiner Beruhigung, daß ich von seiner

Erkrankung gehört habe, daß ich den Schullehrer gebeten habe, er möge

mir über sein Befinden öfter schreiben; ich ersuchte ihn, daß er sich

nicht selber anstrengen möchte, an mich zu schreiben, daß er sich ein

Bett in das Stübchen machen lassen solle, und daß sich, wie es ja auch

in früheren Jahren geschehen sei, sein Unwohlsein in kurzer Zeit wieder

heben könnte. Mein Beruf gestatte für den Augenblick keinen Besuch.

Er antwortete mir desungeachtet in einigen Zeilen, daß er sehr, sehr alt

sei, daß er geduldig harre und sich nicht fürchte.

Da der Schullehrer zwei Briefe geschrieben hatte, in denen er sagte, daß

mit dem Pfarrer keine Veränderung vorgegangen sei, kam ein dritter, der

meldete, daß derselbe nach Empfang der heiligen Sterbesakramente

verschieden sei.

Ich machte mir Vorwürfe, setzte jetzt alles beiseite und machte mich

reisefertig. Ich zog das versiegelte Papier aus meinem Schreine hervor,

ich nahm auch die Briefe des Pfarrers mit, die zur Erweisung der

Handschrift dienen könnten, und begab mich auf den Weg nach Karsberg.

Als ich daselbst angekommen war, erhielt ich die Auskunft, daß ein

Testament des Pfarrers in dem Schlosse gerichtlich niedergelegt worden

sei, daß man ein zweites in seiner Verlassenschaft gefunden habe, und

daß ich mich in zwei Tagen in dem Schlosse einfinden solle, um mein

Testament vorzuzeigen, worauf die Öffnung und Prüfung der Testamente

statthaben würde.

Ich begab mich während dieser zwei Tage in das Kar. Der Schullehrer

erzählte mir über die letzten Tage des Pfarrers. Er sei ruhig in seiner

Krankheit gelegen, wie in jener, da ich ihn so oft besucht habe. Er habe

wieder keine Arznei genommen, bis der Pfarrer aus der Wenn, ein Nachbar

des Pfarrers im Kar, welcher ihm die Sterbesakramente gereicht hatte,

ihm dargetan hätte, daß er auch irdische Mittel gebrauchen und es Gott

überlassen müsse, ob sie wirkten oder nicht. Von dem Augenblicke an nahm

er alles, was man ihm gab, und ließ alles mit sich tun, was man tun

wollte. Er lag wieder in seinem Stübchen, wo man ihm wieder aus den

Wolldecken ein Bett gemacht hatte. Sabine war immer bei ihm. Als es zum

Sterben kam, machte er keine besondere Vorbereitung, sondern er lag wie

alle Tage. Man konnte nicht annehmen, ob er es wisse, daß er jetzt

sterbe oder nicht. Er war wie gewöhnlich und redete gewöhnliche Worte.

Endlich schlief er sanft ein, und es war vorüber.

Man entkleidete ihn, um ihn für die Bahre anzuziehen. Man legte ihm die

schönste seiner Wäsche an. Dann zog man ihm sein fadenscheiniges Kleid

an und über das Kleid den Priesterchorrock. So wurde er auf der Bahre

ausgestellt. Die Leute kamen sehr zahlreich, um ihn anzuschauen; denn

sie hatten so etwas nie gesehen; er war der erste Pfarrer gewesen, der

in dem Kar gestorben war. Er lag mit seinen weißen Haaren da, sein

Angesicht war mild, nur viel blässer als sonst, und die blauen Augen

waren von den Lidern gedeckt. Mehrere seiner Amtsbrüder kamen, ihn zur

Erde zu bestatten. Bei der Einsenkung haben viele der herbeigekommenen

Menschen geweint.

Ich erkundigte mich nun auch um den Mietmann im ersten Stockwerke. Er

kam selbst in das Vorhaus des Pfarrhofes herunter, in dem ich mich

befand, und sprach mit mir. Er hatte fast keine Haare mehr und trug

daher ein schwarzes Käppchen auf seinem Haupte. Ich fragte nach seiner

schönen Tochter, die damals, als sie in meiner Gegenwart öfter in das

Krankenzimmer des Pfarrers gekommen war, ein junges, rasches Mädchen

gewesen war. Sie war in der Hauptstadt verheiratet und war Mutter von

beinahe erwachsenen Kindern. Auch diese war in den letzten Tagen des

Pfarrers nicht um ihn gewesen. Der Mietmann sagte mir, daß er jetzt wohl

zu seiner Tochter werde ziehen müssen, da er bei der Wiederbesetzung der

Pfarre gewiß seine Wohnung verlieren und im Kar keine andere finden

werde.

Die alte Sabine war die einzige, die sich nicht geändert hatte; sie sah

gerade so aus wie damals, als sie bei meiner ersten Anwesenheit den

Pfarrer in seiner Krankheit gepflegt hatte. Niemand wußte, wie alt sie

sei, und sie wußte es selbst nicht. Ich mußte deshalb in dem Vorhause

des Pfarrhofes stehen bleiben, weil das Stüblein und das neben dem

Vorhause befindliche Gewölbe versiegelt waren. Die einzige hölzerne

Bank, die Schlafstätte des Pfarrers, stand an ihrer Stelle, und niemand

hatte an sie gedacht. Die Bibel aber lag nicht mehr auf der Bank; man

sagte, sie sei in das Stüblein gebracht worden.

Als die zwei Tage vorüber waren, die man als Frist zur Eröffnung des

Testaments anberaumt hatte, begab ich mich nach Karsberg und verfügte

mich zur festgesetzten Stunde in den Gerichtssaal. Es waren mehrere

Menschen zusammengekommen, und es waren die Vorstände der Pfarrgemeinde

und die Zeugen geladen worden. Die zwei Testamente und das Verzeichnis

der Verlassenschaft des Pfarrers lagen auf dem Tische. Man wies mir

meine Bescheinigung über den Empfang des Testamentes des Pfarrers vor,

die in der Verlassenschaft gefunden worden war, und forderte mich zur

Vorzeigung des Testamentes auf. Ich überreichte es. Man untersuchte

Schrift und Siegel und erkannte die Richtigkeit des Testamentes an.

Nach herkömmlicher Art wurde nun das gerichtlich niedergelegte Testament

zuerst eröffnet und gelesen. Dann folgte das von mir übergebene. Es

lautete Wort für Wort wie das erste. Endlich wurde das in der Wohnung

des Pfarrers vorgefundene eröffnet, und es lautete ebenfalls Wort für

Wort wie die beiden ersten. Die Zeitangabe und die Unterschrift war in

allen drei Urkunden dieselbe. Sofort wurden alle drei Testamente als ein

einziges, in drei Abschriften vorhandenes Testament erklärt.

Der Inhalt des Testamentes aber überraschte alle.

Die Worte des Pfarrers, wenn man den Eingang hinwegläßt, in dem er die

Hilfe Gottes anruft, die Verfügung unter seinen Schutz stellt und

erklärt, daß er bei vollkommnem Gebrauche seines Verstandes und Willens

sei, lauten so:

»Wie ein jeder Mensch außer seinem Amte und Berufe noch etwas finden

oder suchen soll, das er zu verrichten hat, damit er alles tue, was er

in seinem Leben zu tun hat, so habe auch ich etwas gefunden, was ich

neben meiner Seelsorge verrichten muß: ich muß die Gefahr der Kinder der

Steinhäuser und Karhäuser aufheben. Die Zirder schwillt oft an und kann

dann ein reißendes Wasser sein, das in Schnelle daherkommt, wie es ja in

den ersten Jahren meiner Pfarre zweimal durch Wolkenbrüche alle Stege

und Brücken weggenommen hat. Die Ufer sind niedrig, und das am Kar ist

noch niedriger als das Steinhäuser Ufer. Da sind drei Fälle möglich:

entweder ist das Karufer überschwemmt, oder es ist auch das Steinhäuser

Ufer überschwemmt, oder es wird sogar der Steg hinweggetragen. Die

Kinder aus den Steinhäusern und Karhäusern müssen aber über den Steg ins

Kar in die Schule gehen. Wenn nun das Karufer überschwemmt ist und sie

von dem Stege in das Wasser gehen, so können manche in eine Grube oder

in eine Vertiefung geraten und dort verunglücken; denn das kotige Wasser

der Überschwemmung läßt den Boden nicht sehen; oder es kann das Wasser,

während die Kinder in ihm waten, so schnell steigen, daß sie das

Trockene nicht mehr erreichen können und alle verloren sind; oder sie

können noch von dem Steinhäuser Ufer auf den Steg kommen, können das

Wasser auf dem Karufer zu tief finden, können sich durch Beratschlagen

oder Zaudern so lange aufhalten, daß indessen auch das Steinhäuser Ufer

mit zu tiefem Wasser bedeckt wird; dann ist der Steg eine Insel, die

Kinder stehen auf ihm und können mit ihm fortgeschwemmt werden. Und wenn

auch dieses alles nicht geschieht, so gehen sie mit ihren Füßlein im

Winter in das Schneewasser, das auch Eisschollen hat, und fügen ihrer

Gesundheit großen Schaden zu.

»Damit diese Gefahr in der Zukunft aufhöre, habe ich zu sparen begonnen

und verordne, wie folgt: Von der Geldsumme, welche nach meinem Tode als

mein Eigentum gefunden wird, vermehrt um die Geldsumme, welche aus dem

Verkaufe meiner hinterlassenen Habe entsteht, soll in der Mitte der

Schulkinder der Steinhäuser und Karhäuser ein Schulhaus gebaut werden;

dann soll ein solcher Teil der Geldsumme auf Zinsen angelegt werden, daß

durch das Erträgnis die Lehrer der Schule erhalten werden können; ferner

soll noch ein Teil nutzbringend gemacht werden, daß aus den Zinsen die

jährliche Vergütung des Schadens entrichtet werden könne, welchen der

Schullehrer im Kar durch den Abgang der Kinder erleidet, und endlich,

wenn noch etwas übrig bleibt, so soll es meiner Dienerin Sabine gehören.

»Ich habe drei gleiche Testamente geschrieben, daß sie sicherer seien,

und wenn noch was immer für eine Verfügung oder Meinung in meinem

Nachlasse sollte gefunden werden, welche nicht den Inhalt und Jahres-

und Monatstag dieser Testamente trägt, so soll sie ungültig sein.

»Damit aber in der Zeit schon die Gefahr vermindert werde, gehe ich alle

Tage auf die Wiese am Karufer und sehe, ob keine Graben, Gruben und

Vertiefungen sind, und stecke eine Stange dazu. Den Eigentümer der Wiese

bitte ich, daß er entstandene Gruben und Vertiefungen so bald ausebnen

lasse, als es angeht, und er hat meine Bitten immer erfüllt. Ich gehe

hinaus, wenn die Wiese überschwemmt ist, und suche den Kindern zu

helfen. Ich lerne das Wetter kennen, um eine Überschwemmung voraussehen

zu können und die Kinder zu warnen. Ich entferne mich nicht weit von dem

Kar, um keine Versäumnis zu begehen. Und so werde ich es auch in der

Zukunft immer tun.«

Diesen Testamenten war die Geldrechnung bis zu dem Zeitpunkte ihrer

Abfassung beigelegt. Die Rechnung, die von dieser Zeit an bis gegen die

Sterbetage des Pfarrers lief, fand man in seinen Schriften. Die

Rechnungen waren mit großer Genauigkeit gemacht. Man ersah auch aus

ihnen, wie sorgsam der Pfarrer im Sparen war. Die kleinsten Beträge,

selbst Pfennige, wurden zugelegt und neue Quellen, die unscheinbarsten,

eröffnet, daraus ein kleines Fädlein floß.

Zur Versteigerung des Nachlasses des Pfarrers wurde der fünfte Tag nach

Eröffnung des Testamentes bestimmt.

Da wir von dem Gerichtshause fortgingen, sagte der Mietmann des Pfarrers

unter Tränen zu mir: »O, wie habe ich den Mann verkannt, ich hielt ihn

beinahe für geizig; da hat ihn meine Tochter viel besser gekannt, sie

hat den Pfarrer immer sehr lieb gehabt. Ich muß ihr die Begebenheit

sogleich schreiben.«

Der Schullehrer im Kar segnete den Pfarrer, der immer so gut gegen ihn

gewesen sei, und der sich so gern in der Schule aufgehalten habe.

Auch die andern Leute erfuhren den Inhalt des Testamentes.

Nur die einzigen, die es am nächsten anging, die Kinder in den

Steinhäusern und Karhäusern, wußten nichts davon, oder wenn sie es auch

erfuhren, so verstanden sie es nicht und wußten nicht, was ihnen

zugedacht worden sei.

Weil ich auch bei der Versteigerung gegenwärtig sein wollte, so ging ich

wieder in das Kar zurück und beschloß die vier Tage dazu anzuwenden, um

manche Plätze im Steinkar und andern Gegenden zu besuchen, wo ich

einstens gearbeitet hatte. Es war alles unverändert, als ob diese Gegend

zu ihrem Merkmale der Einfachheit auch das der Unveränderlichkeit

erhalten hätte.

Da der fünfte Tag herangekommen war, wurden die Siegel von den Türen der

Pfarrerswohnung abgenommen und die hinterlassenen Stücke des Pfarrers

versteigert. Es hatten sich viele Menschen eingefunden, und die

Versteigerung war in Hinsicht des Testamentes eine merkwürdige geworden.

Es trugen sich auffallende Begebenheiten bei derselben zu. Ein Pfarrer

kaufte einen unter den Kleidern des Verstorbenen gefundenen Rock, der

das Schlechteste war, was man unter nicht zerrissenen Kleidern finden

kann, um einen ansehnlichen Kaufschilling. Die Gemeinde des Kar erstand

die Bibel, um sie in ihre Kirche zu stiften. Selbst die hölzerne Bank,

die man nicht einmal eingesperrt hatte, fand einen Käufer.

Auch ich erwarb etwas in der Versteigerung, nämlich das kleine aus Holz

geschnitzte Kruzifix von Nürnberg und sämtliche noch übrigen, so schönen

und feinen Leinentücher und Tischtücher. Ich und meine Gattin besitzen

die Sachen noch bis auf den heutigen Tag und haben die Wäsche sehr

selten gebraucht. Wir bewahren sie als ein Denkmal auf, daß der arme

Pfarrer diese Dinge aus einem tiefen, dauernden und zarten Gefühle

behalten und nie benutzt hat. Zuweilen läßt meine Gattin die Linnen

durchwaschen und glätten; dann ergötzt sie sich an der unbeschreiblichen

Schönheit und Reinheit, und dann werden die zusammengelegten Stücke mit

den alten ausgebleichten, rotseidenen Bändchen, die noch vorhanden sind,

umbunden und wieder in den Schrein gelegt. --

Nun stellt sich die Frage, was die Wirkung von all diesen Dingen gewesen

sei.

Die Summe, welche der Pfarrer erspart hatte, und die, welche aus der

Versteigerung seines Nachlasses gelöst worden war, waren

zusammengenommen viel zu klein, als daß eine Schule daraus hätte

gegründet werden können. Sie waren zu klein, um nur ein mittleres Haus,

wie sie in jener Gegend gebräuchlich sind, zu bauen, geschweige denn ein

Schulhaus, mit den Lehrzimmern und den Lehrerswohnungen, ferner das

Gehalt der Lehrer festzustellen und den früheren Lehrer zu entschädigen.

Es lag das in der Natur des Pfarrers, der die Weltdinge nicht verstand

und dreimal beraubt werden mußte, bis er das ersparte Geld auf Zinsen

anlegte.

Aber wie das Böse stets in sich selber zwecklos ist und im Weltplane

keine Wirkung hat, das Gute aber Früchte trägt, wenn es auch mit

mangelhaften Mitteln begonnen wird, so war es auch hier: »Gott bedurfte

zur Krönung dieses Werkes des Pfarrers nicht.« Als die Sache mit dem

Testamente und dessen Unzulänglichkeit bekannt wurde, traten gleich die

Wohlhabenden und Reichen in dem Umkreise zusammen und unterschrieben in

kurzem eine Summe, die hinlänglich schien, alle Absichten des Pfarrers

vollziehen zu können. Und sollte noch etwas nötig sein, so erklärte

jeder, daß er eine Nachzahlung leisten würde. Ich habe auch mein

Scherflein dazu beigetragen.

War ich das erstemal mit Wehmut von der Gegend geschieden, so flossen

jetzt Tränen aus meinen Augen, als ich die einsamen Steine verließ. --

Jetzt, da ich rede, steht die Schule längst in den Steinhäusern und

Karhäusern; sie steht in der Mitte der Schulkinder auf einem gesunden

und luftigen Platze. Der Lehrer wohnt mit seiner Familie und dem

Gehilfen in dem Gebäude; der Lehrer im Kar erhält seine jährliche

Entschädigung, und selbst Sabine ist noch mit einem Teile bedacht

worden. Sie wollte ihn aber nicht und bestimmte ihn im vorhinein für die

Tochter des Schullehrers, die sie immer lieb hatte.

Das einzige Kreuz, das für einen Pfarrer in dem Kirchhofe des Kar steht,

steht auf dem Hügel des Gründers dieser Dinge. Es mag manchmal ein Gebet

dabei verrichtet werden, und mancher wird mit einem Gefühle davor

stehen, das dem Pfarrer nicht gewidmet worden ist, da er noch lebte.

Turmalin.

Der Turmalin ist dunkel, und was da erzählt wird ist sehr dunkel. Es hat

sich in vergangenen Zeiten zugetragen wie sich das, was in den ersten

zwei Stücken erzählt worden ist, in vergangenen Zeiten zugetragen hat.

Es ist darin wie in einem traurigen Briefe zu entnehmen, wie weit der

Mensch kommt, wenn er das Licht seiner Vernunft trübt, die Dinge nicht

mehr versteht, von dem innern Gesetze, das ihn unabwendbar zu dem

Rechten führt, läßt, sich unbedingt der Innigkeit seiner Freuden und

Schmerzen hingibt, den Halt verliert und in Zustände gerät, die wir uns

kaum zu enträtseln wissen.

In der Stadt Wien wohnte vor manchen Jahren ein wunderlicher Mensch, wie

in solchen großen Städten verschiedene Arten von Menschen wohnen und

sich mit den verschiedensten Dingen beschäftigen. Der Mensch, von dem

wir hier reden, war ein Mann von ungefähr vierzig Jahren und wohnte auf

dem Sankt-Peters-Platze in dem vierten Geschosse eines Hauses. Zu seiner

Wohnung führte ein Gang, der mit einem eisernen Gitter verschlossen war,

an welchem ein Glockenzug herniederhing, an dem man läuten konnte,

worauf eine ältliche Magd erschien, welche öffnete und den Weg zu ihrem

Herrn hinein zeigte. Wenn man durch das Gitter eingetreten war, setzte

sich der Gang noch fort; rechts hatte er eine Tür, die in die Küche

führte, in welcher die Magd war, und deren einziges Fenster auf den Gang

herausging; links hatte er ein fortlaufendes eisernes Geländer und den

offenen Hof. Sein Ende stieß an die Tür zur Wohnung. Wenn man die braune

Tür öffnete, kam man in ein Vorzimmer, welches ziemlich dunkel war und

in welchem sich die großen Kästen befanden, die die Kleider enthielten.

Es diente auch zum Speisen. Von diesem Vorzimmer kam man in das Zimmer

des Herrn. Es war aber eigentlich ein sehr großes Zimmer und ein kleines

Nebenzimmer. In dem Zimmer waren alle Wände ganz vollständig mit

Blättern von Bildnissen berühmter Männer beklebt. Es war kein Stückchen

auch nur handgroß, das von der ursprünglichen Wand zu sehen gewesen

wäre. Damit er, oder gelegentlich auch ein Freund, wenn einer kam,

diejenigen Männer, die ganz nahe oder hart an dem Fußboden sich

befanden, betrachten konnte, hatte er ledergepolsterte Ruhebetten von

verschiedener Höhe und mit Rollfüßen versehen machen lassen. Das

niederste war eine Hand hoch. Man konnte sie zu was immer für Männern

rollen, sich darauf niederlegen und die Männer betrachten. Für die hoch

und höher hängenden hatte er doppelgestellige Rolleitern, deren Räder

mit grünem Tuche überzogen waren, welche Leitern man in jede Gegend

rollen, und von deren Stufen aus man verschiedene Standpunkte gewinnen

konnte. Überhaupt hatten alle Dinge in der Stube Rollen, daß man sie

leicht von einer Stelle zu der andern bewegen konnte, um im Anschauen

der Bildnisse nicht beirrt zu sein. In Hinsicht des Ruhmes der Männer

war es dem Besitzer einerlei, welcher Lebensbeschäftigung sie angehört

hatten und durch welche ihnen der Ruhm zuteil geworden war; er hatte sie

womöglich alle.

In dem Zimmer stand auch ein sehr großer Flügel, auf dessen Pulte viele

Notenhefte lagen, und auf dem er gern spielte. Es waren auch zwei Fächer

auf zwei Gestellen, in welchen sich Geigen befanden, auf welchen er

ebenfalls spielte. Auf einem Tische war ein Fach mit zwei Flöten, die er

zu seinem eigenen Vergnügen und zu seiner Vervollkommnung in dieser

Kunst behandelte. An einem der Fenster stand eine Staffelei mit einem

Malerkasten, woran er Bilder in Öl malte. In dem Nebenzimmer hatte er

einen großen Schreibtisch, auf welchem er eine Menge Papiere liegen

hatte, Gedichte machte, Erzählungen schrieb, und neben welchem sein

Bücherkasten stand, wenn er etwa ein Buch herausnehmen und sich mit

Lesen ergötzen wollte. In diesem Zimmer stand auch sein Bett, und in dem

Hintergrunde des Gemaches war eine Vorrichtung, in welcher er in Pappe

arbeiten konnte und Fächer, Behältnisse, Schirme und andere Kunstsachen

verfertigte.

Diesen Mann hießen sie im Hause den Rentherrn; die meisten aber wußten

nicht, ob er den Namen habe, weil er von einer Rente lebte oder weil er

in einem Rentamte angestellt war. Dies letztere aber konnte nicht der

Fall sein, weil er sonst zu bestimmten Zeiten hätte in sein Amt gehen

müssen, er aber zu den verschiedensten Zeiten und oft ganze Tage lang zu

Hause war und in den mannigfaltigen Geschäften, die er sich aufgeladen

hatte, herumarbeitete. Außerdem ging er in das Kaffeehaus, um den

Schachspielern zuzuschauen, oder er ging in der Stadt herum, um die

verschiedenen Dinge zu betrachten, die da zu sehen sind, oder er

besuchte ein Gasthauskränzchen, zu dem sich regelmäßig an bestimmten

Tagen einige Freunde zusammenfanden. Er mußte also offenbar eine kleine

Rente haben, von welcher er dieses Leben führen konnte.

Dieser Mann hatte eine wunderschöne Frau von etwa dreißig Jahren, die

ihm ein Kindlein, ein Mädchen, geboren hatte. Die Frau bewohnte ein

Gemach, das an das große Zimmer ihres Mannes stieß, ebenfalls so groß

war und ebenfalls ein kleineres Seitengemach hatte. Man konnte aus dem

Zimmer des Mannes in das der Frau gelangen, man konnte aber auch aus dem

Vorzimmer durch einen kleinen heimlichen Gang dahin kommen; denn die

vier Zimmer der Wohnung lagen in einer Reihe quer gegen die Richtung des

äußeren Ganges. Der kleine Gang war darum nützlich, weil die Frau, wenn

Freunde bei ihrem Manne waren, unbeirrt und die Männer nicht störend in

das Vorzimmer und von da in die Küche hinausgehen konnte.

Bunte Steine: Ein Festgeschenk · 第 8 / 25 段