Der unermeßliche Regen der Nacht hatte die Kalksteinhügel glatt gewaschen,

und sie standen weiß und glänzend unter dem Blau des Himmels und unter

den Strahlen der Sonne da. Wie sie hintereinander zurückwichen, wiesen

sie in zarten Abstufungen ihre gebrochenen Glanzfarben in Grau,

Gelblich, Rötlich, Rosenfarbig, und dazwischen lagen die länglichen,

nach rückwärts immer schöneren, luftblauen Schatten. Die Wiese vor

dem Pfarrhofe war frisch und grün, die Linde, die ihre älteren und

schwächeren Blätter durch den Sturm verloren hatte, stand neugeboren da,

und die andern Bäume und die Büsche um den Pfarrhof hoben ihre nassen

glänzenden Äste und Zweige gegen die Sonne. Nur in der Nähe des Steges

war auch ein anderes, minder angenehmes Schauspiel des Gewitters. Die

Zirder war ausgetreten und setzte einen Teil der Wiese, von der ich

gesagt habe, daß sie um ein wenig höher liegt als das Flußbett, unter

Wasser. Der hohe Steg senkte sich mit seinem abwärtsgehenden Teile

unmittelbar in dieses Wasser. Allein, wenn man von dem Schaden absieht,

den die Überschwemmung durch Anführung von Sand auf der Wiese verursacht

haben mochte, so war auch diese Erscheinung schön. Die große Wasserfläche

glänzte unter den Strahlen der Sonne, sie machte zu dem Grün der Wiese

und dem Grau der Steine den dritten stimmenden und schimmernden Klang,

und der Steg stand abenteuerlich wie eine dunkle Linie über dem

silbernen Spiegel.

Der Pfarrer zeigte mir mehrere Stellen sehr entfernter Gegenden, die man

sonst nicht sehen konnte, die aber heute deutlich in der gereinigten

Luft wie klare Bilder zu erblicken waren.

Nachdem wir eine kleine Zeit das Morgenschauspiel, das die Augen

unwillkürlich auf sich gezogen hatte, betrachtet hatten, brachte der

Pfarrer kalte Milch und schwarzes Brot zum Frühmahle. Wir verzehrten

beides, und ich schickte mich dann zum Fortgehen an. Ich nahm mein Fach

und meine Tasche mit den Lederriemen über die Schulter, nahm meinen Stab

von der Ecke neben dem gelben Schreine, nahm meinen weißen Wanderhut und

sagte dem Pfarrer herzlichen Dank für meine Beherbergung während des

starken Gewitters.

»Wenn es nur nicht zu schlecht gewesen ist,« sagte er.

»Nein, nein, Euer Ehrwürden,« erwiderte ich, »es war alles lieb und gut

von Ihnen; ich bedaure nur, daß ich Ihnen Störung und Unruhe verursacht

habe; ich werde künftig genau auf das Wetter und den Himmel sehen, daß

meine Unvorsichtigkeit nicht wieder ein andrer büßen muß.«

»Ich habe gegeben, was ich gehabt habe,« sagte er.

»Und ich wünsche sehr, einen Gegendienst leisten zu können,« erwiderte

ich.

»Menschen leben nebeneinander und können sich manchen Gefallen tun,«

sagte er.

Mit diesen Worten waren wir in das Vorhaus hinausgelangt.

»Ich muß Ihnen noch meine dritte Stube zeigen,« sagte er; »hier habe ich

ein Gemach, in welchem ich mich aus- und ankleide, daß mich niemand

sieht, und in welchem ich noch mancherlei Sachen bewahrt habe.«

Mit diesen Worten führte er mich aus dem Vorhause in ein Seitenzimmer

oder eigentlich in ein Gewölbe, dessen Tür ich früher nicht beachtet

hatte. In dem Gewölbe waren wieder sehr schlechte Geräte. Ein großer,

weicher, stehender Schrein, in dem Kleider und andere solche Dinge,

wahrscheinlich auch die Wolldecken meines Lagers, aufbewahrt wurden, ein

paar Stühle und ein Brett, auf dem schwarze Brote lagen und ein Topf mit

Milch stand: das war die ganze Gerätschaft. Als wir wieder aus dem

Zimmer herausgetreten waren, schloß er es zu, wir nahmen Abschied und

versprachen, uns bald wiederzusehen.

Ich trat in die kühle, reine Luft und auf die nasse Wiese hinaus. Ich

hatte wohl noch den Gedanken, wie es sonderbar sei, daß wir immer nur in

dem Erdgeschosse gewesen seien und daß ich doch in der Nacht und am

Morgen deutlich Tritte oberhalb unser in dem Pfarrhof vernommen hatte;

allein ich ließ mich den Gedanken nicht weiter anfechten und schritt

vorwärts.

Ich ging nicht auf meinem eigentlichen Wege, sondern ich schlug die

Richtung gegen die Zirder ein. Wenn man ein Land vermißt, wenn man viele

Jahre lang Länder und ihre Gestalten auf Papier zeichnet, so nimmt man

auch Anteil an der Beschaffenheit der Länder und gewinnt sie lieb. Ich

ging gegen die Zirder, weil ich sehen wollte, welche Wirkungen ihr

Austritt hervorgebracht hatte und welche Veränderungen er in der

unmittelbaren Nähe eingeleitet haben möge. Als ich eine Weile vor dem

Wasser stand und sein Walten betrachtete, ohne daß ich eben andre

Wirkungen als den bloßen Austritt wahrnehmen konnte, so erlebte ich

plötzlich ein Schauspiel, welches ich bisher noch nicht gehabt hatte,

und bekam eine Gesellschaft, die mir bisher in dem Steinlande nicht

zuteil geworden war. Außer meinen Arbeitern, mit denen ich so bekannt

war, und die mit mir so bekannt waren, daß wir uns wechselweise wie

Werkzeuge vorkommen mußten, hatte ich nur einige Menschen in meinem

Gasthause, manchen Wanderer auf dem Wege und den armen Pfarrer in den

Gesteinen gesehen. Jetzt sollte es anders werden. Als ich hinblickte,

sah ich von dem jenseitigen Ufer, welches höher und nicht überschwemmt

war, einen lustigen, fröhlichen Knaben über den Steg daherlaufen. Als er

gegen das Ende des Steges kam, welches sich in das Überschwemmungswasser

der Zirder hinabsenkte, kauerte er sich nieder, und soviel ich durch

mein Handfernrohr wahrnehmen konnte, nestelte er sich die Schuhriemen

auf und zog Schuhe und Strümpfe aus. Allein nachdem er beides ausgezogen

hatte, ging er nicht in das Wasser herab, wie ich vermutet hatte,

sondern blieb an der Stelle. Gleich darauf kam ein zweiter Knabe und tat

dasselbe. Dann kam ein barfüßiger, der auch stehen blieb, dann mehrere

andre. Endlich kam ein ganzer Schwarm Kinder über den Steg gelaufen, und

als sie gegen das Ende desselben gekommen waren, duckten sie sich

nieder, gleichsam wie ein Schwarm Vögel, der durch die Luft geflogen

kommt und an einer kleinen Stelle einfällt, und ich konnte unschwer

wahrnehmen, daß sie sämtlich damit beschäftigt waren, Schuhe und

Strümpfe auszuziehen.

Als sie damit fertig waren, ging ein Knabe über den Steg herab und

behutsam in das Wasser. Ihm folgten die andern. Sie nahmen auf ihre

Höschen keine Rücksicht, sondern gingen damit tief in das Wasser, und

die Röckchen der Mädchen schwammen um ihre Füße herum. Zu meinem

Erstaunen erblickte ich jetzt auch mitten im Wasser eine größere

schwarze Gestalt, die niemand anders als der arme Pfarrer im Kar war. Er

stand bis an die Hüften im Wasser. Ich hatte ihn früher nicht gesehen

und auch nicht wahrgenommen, wie er hineingekommen war, weil ich mit

meinen Augen immer weiter hin gegen den Steg geblickt hatte und sie erst

jetzt mehr nach vorn richtete, wie die Kinder gegen meinen Standpunkt

heranschritten. Alle Kinder gingen gegen den Pfarrer zu, und nachdem sie

eine Weile bei ihm verweilt und mit ihm gesprochen hatten, traten sie

den Weg gegen das Ufer an, an dem ich stand. Da sie ungleich vorsichtig

auftraten, so zerstreuten sie sich im Hergehen durch das Wasser,

erschienen wie schwarze Punkte auf der glänzenden Fläche und kamen

einzeln bei mir an. Da ich sah, daß keine Gefahr in dem überall seichten

Überschwemmungswasser vorhanden sei, blieb ich auf meiner Stelle stehen

und ließ sie ankommen. Die Kinder kamen heran und blieben bei mir

stehen. Sie sahen mich anfangs mit trotzigen und scheuen Angesichtern

an; aber da ich von Jugend auf ein Kinderfreund gewesen bin, da ich

stets die Kinder als Knospen der Menschheit außerordentlich geliebt habe

und seit meiner Verehelichung selbst mit einer Anzahl davon gesegnet

worden bin, da zuletzt auch keine Art von Geschöpfen so schnell erkennt,

wer ihnen gut ist, und auf diesem Boden ebenso schnell Vertrauen gewinnt

als Kinder: so war ich bald von einem Kreise plaudernder und rühriger

Kinder umringt, die sich bemühten, Fragen zu geben und Fragen zu

beantworten. Es war leicht zu erraten, auf welchem Wege sie sich

befanden, da sie sämtlich an ledernen oder leinenen Bändern ihre

Schultaschen um die Schultern gehängt hatten. Weil aber auch ich meine

Tasche und mein Fach an einem ledernen Riemen um meine Schultern trug,

so mochte es ein lächerlicher Anblick gewesen sein, mich gleichsam wie

ein großes Schulkind unter den kleinen stehen zu sehen. Einige bückten

sich und waren bemüht, ihre Schuhe und Strümpfe wieder anzuziehen,

andere hielten sie noch in den Händen, sahen zu mir auf und redeten mit

mir.

Ich fragte sie, woher sie kämen, und erhielt zur Antwort, daß sie aus

den Karhäusern und Steinhäusern seien und daß sie in die Schule in das

Kar gehen.

Als ich sie fragte, warum sie auf dem Stege zusammen gewartet hätten und

nicht einzeln, wie sie gekommen wären, in das Wasser gestiegen seien,

sagten sie, weil die Eltern befohlen hätten, sie sollten sehr vorsichtig

sein und nicht allein, sondern alle zusammen in das Wasser gehen, wenn

ein solches jenseits des Steges der Zirderwiese sei.

»Wenn aber das Wasser auf der Wiese so tief wäre, daß es über das Haupt

eines großen Menschen hinausginge?« fragte ich.

»So kehren wir wieder um,« antworteten sie.

»Wenn aber erst das Wasser mit Gewalt daherkäme, wenn ihr bereits über

den Steg gegangen wäret und euch auf der Wiese befändet, was tätet ihr

dann?«

»Das wissen wir nicht.«

Ich fragte sie, wie lange sie von den Steinhäusern und Karhäusern

hierher brauchten, und erhielt die Antwort: eine Stunde. So weit mochten

auch die genannten Häuser wirklich entfernt sein. Sie liegen jenseits

der Zirder in einem ebenso unfruchtbaren Boden wie das Kar, aber ihre

Bewohner treiben viele Geschäfte, namentlich brennen sie Kalk aus ihren

Steinen und verführen ihn weit.

Ich fragte sie, ob ihnen die Eltern auch aufgetragen hätten, die Schuhe

und Strümpfe zu schonen, erhielt die Antwort Ja, und bewunderte die

Unfolgerichtigkeit, indem sie die trockenen Schuhe und Strümpfe in den

Händen hielten und mit bitterlich nassen Höschen und Röckchen vor mir

standen.

Ich fragte, was sie in dem Winter täten.

»Da gehen wir auch herüber,« sagten sie.

»Wenn aber Schneewasser auf der Wiese ist?«

»Da ziehen wir die Schuhe nicht aus, sondern gehen mit ihnen durch.«

»Und wenn der Steg eisig ist?«

»Da müssen wir achtgeben.«

»Und wenn außerordentliches Schneegestöber ist?«

»Das macht nichts.«

»Und wenn ungeheuer viel Schnee liegt und kein Weg ist?«

»Dann bleiben wir zu Hause.«

In diesem Augenblicke kam der Pfarrer mit den letzten Kindern gegen mich

heran. Es war auch Zeit, denn die Kinder waren bereits so zutraulich

geworden, daß mir ein winzig kleiner Knabe, der den Grund und Anfang

aller Wissenschaften auf einem kleinen Papptäfelchen trug, seine

Buchstaben aufsagen wollte.

Da mich der Pfarrer in der Mitte der Kinder ansichtig wurde, grüßte er

sehr freundlich und sagte, das sei schön von mir, daß ich auch zur Hilfe

herbeigeeilt wäre.

Ich erschrak über diese Zumutung, sagte aber gleich, ich sei eben nicht

zur Hilfe herbeigeeilt, da ich nicht gewußt hätte, daß Kinder über den

Steg kommen würden, aber wenn Hilfe nötig geworden wäre, so würde ich

sie auch gewiß geleistet haben.

Bei dieser Gelegenheit, als ich ihn so unter den Kindern stehen sah,

bemerkte ich, daß er bei weitem tiefer im Wasser gewesen sein müsse als

die Kinder; denn er war bis über die Hüften naß, und dies hätte bei

manchem Kinde beinahe an den Hals gereicht. Ich begriff den Widerspruch

nicht und fragte ihn deshalb. Er sagte, das sei leicht zu erklären. Der

Wennerbauer, dem das überschwemmte Stück Wiese gehöre, auf dem er eben

im Wasser gestanden sei, habe vorgestern Steine aus der Wiese graben und

wegführen lassen. Die Grube sei geblieben. Da er nun heute die Wiese

gegen die Zirder mit Wasser überdeckt gesehen hätte, habe er geglaubt,

daß der Weg der Kinder etwa nahe an dieser Grube vorbeigehen und daß

eines in derselben verunglücken könnte. Deshalb habe er sich zu der

Grube stellen wollen, um alle Gefahr zu verhindern. Da sie aber

abschüssig war, sei er selber in die Grube geglitten, und einmal darin

stehend, sei er auch darin stehen geblieben. Eines der kleineren Kinder

hätte in der Grube sogar ertrinken können, so tief sei sie gegraben

worden. Man müsse Sorge tragen, daß die Wiese wieder abgeebnet werde;

denn das Wasser bei Überschwemmungen sei trüb und lasse die Tiefe und

Ungleichheit des Bodens unter sich nicht bemerken.

Die nassen Kinder drängten sich um den nassen Pfarrer, sie küßten ihm

die Hand, sie redeten mit ihm, er redete mit ihnen, oder sie standen da

und sahen zutraulich zu ihm hinauf.

Er aber sagte endlich, sie sollten jetzt die nassen Röckchen auswinden,

das Wasser aus allen Kleidern drücken oder abstreifen, und wer Schuhe

und Strümpfe habe, solle sie anziehen, dann sollen sie gehen, daß sie

sich nicht erkühlen, sie sollen sich in die Sonne stellen, daß sie eher

trocken würden, und sollen dann in die Schule gehen und dort sehr

sittsam sein.

»Ja, das werden wir tun,« sagten sie.

Sie folgten der Weisung auch sogleich, sie duckten oder kauerten sich

nieder, sie wanden die Röckchen aus, sie drückten das Wasser aus den

Füßen der Höschen oder sie drängten und streiften es aus Falten und

Läppchen, und ich sah, daß sie darin eine große Geschicklichkeit hatten.

Auch war die Sache nicht so bedeutend, denn sie hatten alle entweder

ungebleichte oder rot- oder blaugestreifte leinene Kleidchen an, die

bald trocken werden würden und denen man kaum ansehen würde, daß sie naß

gewesen seien; und in Hinsicht der Gesundheit, dachte ich, würde der

jugendliche Körper leicht die Feuchtigkeit überwinden. Da sie mit dem

Auspressen des Wassers fertig waren, gingen sie an das Anziehen der

Schuhe und Strümpfe. Als sie auch dieses Geschäft beendigt hatten, nahm

der Pfarrer wieder von mir Abschied, dankte mir noch einmal, daß ich

hierhergekommen sei, und begab sich mit den Kindern auf den Weg in das

Kar.

Ich rief den Kindern zu, sie sollten recht fleißig sein, sie riefen

zurück: »Ja, ja!« und gingen mit dem Pfarrer davon.

Ich sah die Gestalt des Pfarrers unter dem Kinderhaufen über die nasse

Wiese der Karschule zugehen, wendete mich dann auch und schlug den Weg

in meine Steine ein. Ich wollte nicht mehr in die Hochstraße gehen,

sondern gleich meine Leute und meinen Arbeitsplatz aufsuchen, teils weil

ich keine Zeit zu verlieren hatte, teils weil ich ohnedem noch mit den

Resten von Lebensmitteln versehen war, die der Pfarrer gestern abend

verschmäht hatte. Auch wollte ich meine Leute beruhigen, die gewiß

erfahren haben würden, daß ich in der Nacht nicht in der Hochstraße

gewesen sei, und deshalb meinetwillen besorgt sein könnten.

Als ich in die Höhe der Kalksteinhügel hinaufstieg, dachte ich an die

Kinder. Wie groß doch die Unerfahrenheit und Unschuld ist! Sie gehen auf

das Ansehen der Eltern dahin, wo sie den Tod haben können; denn die

Gefahr ist bei den Überschwemmungen der Zirder sehr groß und kann bei

der Unwissenheit der Kinder unberechenbar groß werden. Aber sie kennen

den Tod nicht. Wenn sie auch seinen Namen auf den Lippen führen, so

kennen sie seine Wesenheit nicht, und ihr emporstrebendes Leben hat

keine Empfindung von Vernichtung. Wenn sie selbst in den Tod gerieten,

würden sie es nicht wissen, und sie würden eher sterben, ehe sie es

erführen.

Als ich so dachte, hörte ich das Glöcklein von dem Turme der Karkirche

in meine Steine hineinklingen, das eben zu der Morgenmesse rief, die der

Pfarrer abhalten und der die Kinder beiwohnen würden.

Ich ging tiefer in die Steine hinein und fand meine Leute, die sich

freuten, mich zu sehen, und die mir Lebensmittel gebracht hatten. --

Da ich lange in der Gegend verweilte, konnte ich es nicht vermeiden,

auch aus dem Munde der Menschen manches über den Pfarrer zu hören. Da

erfuhr ich, daß es wirklich wahr sei, woran ich vermöge seiner Aussage

ohnehin nicht mehr gezweifelt hatte, daß er schon seit vielen Jahren in

seinem Vorhause auf der hölzernen Bank schlafe und die Bibel unter dem

Kopfe habe; daß er hierbei im Sommer nur die grauen Wollkleider anhabe

und im Winter sich auch einer Decke bediene. Seine Kleider trage er so

lange und erhalte sie so beisammen, daß sich niemand erinnern könne,

wann er sich einmal neue angeschafft hätte. Das obere Stockwerk seines

Pfarrhofes habe er vermietet. Es sei ein Mann gekommen, der in einem

Amte gestanden, dann in den Ruhestand versetzt worden war, und der sein

Gehalt nun in der Gegend verzehre, in welcher er geboren worden sei. Er

habe den Umstand, daß der Pfarrer seine Zimmer vermiete, benützt, um

sich mit seiner Tochter da einzumieten, daß er immer den Schauplatz vor

Augen habe, in dem er seine Kindheit zugebracht hatte. Es war mir diese

Tatsache wieder ein Beweis, wie süß uns nach den Worten des Dichters der

Geburtsboden zieht und seiner nicht vergessen läßt, daß hier ein Mann

eine Gegend als ein Labsal und als eine Erheiterung seines Alters

aufsucht, aus der jeder andere fortzukommen trachten würde. Der Pfarrer,

sagte man, esse zum Frühmahle und am Abend nur ein Stück schwarzen

Brotes und sein Mittagessen bereite ihm seine Dienerin Sabine, welche es

in ihrer Wohnung koche und es ihm in den Pfarrhof bringe. Es bestehe

häufig aus warmer Milch oder einer Suppe oder im Sommer selbst aus

kalten Dingen. Wenn er krank sei, lasse er keinen Arzt und keine Arznei

kommen, sondern liege und enthalte sich der Speisen, bis er gesund

werde. Von den Einkünften seiner Miete und seines Amtes tue er Gutes,

und zwar an Leuten, die er sorgsam aussuche. Er habe keine Verwandten

und Bekannten. Seit den Jahren, seit denen er da sei, sei niemand bei

ihm auf Besuch gewesen. Alle seine Vorgänger seien nur kurze Zeit

Pfarrer in dem Kar gewesen und seien dann fortgekommen; er aber sei

schon lange da, und es habe den Anschein, daß er bis zu seinem

Lebensende dableiben werde. Er gehe auch nicht auf Besuche in die

Nachbarschaft, ja, er gehe nicht viel mit Menschen um, und wenn er nicht

in seinen Amtsgeschäften oder in der Schule sei, so lese er in seinem

Stüblein oder er gehe über die Wiese in das Steinkar, gehe dort im Sande

herum oder sitze dort einsam mit seinen Gedanken.

Es hatte sich in der Gegend der Ruf verbreitet, daß er wegen seiner

Lebensweise Geld habe, und er ist deshalb schon dreimal beraubt worden.

Ich konnte von diesen Dingen weder wissen, was wahr sei, noch was nicht

wahr sei. Sooft ich zu ihm kam, sah ich die ruhigen, klaren blauen

Augen, das einfache Wesen und die bittere, ungeheuchelte Armut. Was

seine Vergangenheit gewesen sei, in das drang ich nicht ein und mochte

nicht eindringen.

Ich hatte auch mehrere Predigten von ihm gehört. Sie waren einfach

christlich, und wenn auch von seiten der Beredsamkeit manches

einzuwenden gewesen wäre, so waren sie doch klar und ruhig, und es war

eine solche Güte in ihnen, daß sie in das Herz gingen.

Die Zeit meiner Arbeiten in jener Gegend zog sich in die Länge. Die

Steinnester jener unwirtlichen Landschaften setzten uns solche

Hindernisse entgegen, daß wir Aussicht hatten, doppelt so viel Zeit zu

brauchen, als auf einem gleichen Flächenraum einer gezähmten und

fruchtbaren Gegend. Dazu kam noch, daß uns von den Behörden gleichsam

eine Frist gesetzt wurde, in der wir fertig sein sollten, indem wir die

Bestimmung bekamen, zu einer gewissen Zeit in einem andern Teile des

Reiches beschäftigt zu werden. Ich wollte mir die Schande nicht antun,

mich saumselig finden zu lassen. Ich bot daher alles auf, das Geschäft

in einen lebhaften Gang zu bringen. Ich verließ die Hochstraße, ich ließ

mir in dem Teile des Steinkars, in dem wir arbeiteten, eine Bretterhütte

als Wohnung aufschlagen, ich wohnte dort und ließ mir mit meinen Leuten

gemeinschaftlich an einem Feuer kochen. Ich zog auch alle Leute zu mir,

daß sie auf dem Arbeitsschauplatze oder in der Nähe in errichteten

Hüttchen wohnten, und ich nahm noch mehrere fremde Menschen als

Handlanger auf, um nun alles recht tüchtig und lebendig zu fördern.

Da ging es nun an ein Hämmern, Messen, Pflöckeschlagen, Kettenziehen, an

ein Aufstellen der Meßtische, an ein Absehen durch die Gläser, an ein

Bestimmen der Linien, Winkelmessen, Rechnen und dergleichen. Wir rückten

durch die Steinhügel vor, und unsere Zeichen verbreiteten sich auf dem

Kalkgebiete. Da es eine Auszeichnung war, diesen schwierigen Erdwinkel

aufzunehmen, so war ich stolz darauf, es recht schön und ansehnlich zu

tun, und arbeitete oft noch bis tief in die Nacht hinein in meiner

Hütte. Ich zeichnete manche Blätter doppelt und verwarf die minder

gelungenen. Der Stoff wurde sachgemäß eingereiht.

Daß mir bei diesen Arbeiten der Pfarrer in den Hintergrund trat, ist

begreiflich. Allein da ich ihn einmal schon längere Zeit nicht im

Steinkar sah, wurde ich unruhig. Ich war gewöhnt, seine schwarze Gestalt

in den Steinen zu sehen, von weitem sichtbar, weil er der einzige dunkle

Punkt in der graulich dämmernden oder unter dem Strahle der

hinabsinkenden Sonne rötlich beleuchteten Kalkflur war. Ich fragte

deshalb nach ihm und erfuhr, daß er krank sei. Sogleich beschloß ich,

ihn zu besuchen. Ich benützte die erste freie Zeit dazu, oder vielmehr,

ich machte mir den ersten Abend frei und ging zu ihm.

Ich fand ihn nicht auf seinem gewöhnlichen Lager in dem Vorhause,

sondern in dem Stüblein auf der hölzernen Bank, auf welcher er mir in

der Gewitternacht ein Bett gemacht hatte. Man hatte ihm die Wolldecken

unter den Leib gegeben, die ich damals gehabt hatte, und er hatte es

zugelassen, weil er krank war. Man hatte ihm auch eine Hülle gegeben, um

seinen Körper zudecken zu können, und man hatte den fichtenen Tisch an

sein Bett gerückt, daß er Bücher darauf legen und andere Dinge darauf

stellen konnte.

So fand ich ihn.

Er lag ruhig dahin und war auch jetzt nicht zu bewegen gewesen, einen

Arzt oder eine Arznei anzunehmen, selbst nicht die einfachsten Mittel

zuzulassen, die man ihm in sein Zimmer brachte. Er hatte den seltsamen

Grund, daß es eher eine Versuchung Gottes sei, eingreifen zu wollen, da

Gott die Krankheit sende, da Gott sie entferne oder den beschlossenen

Tod folgen lasse. Endlich glaubte er auch nicht so sehr an die gute

Wirkung der Arzneien und an das Geschick der Ärzte.

Da er mich sah, zeigte er eine sehr heitere Miene, es war offenbar, daß

er darüber erfreut war, daß ich gekommen sei. Ich sagte ihm, daß er

verzeihen möge, daß ich erst jetzt komme, ich hätte es nicht gewußt, daß

er krank sei, ich wäre wegen der vielen Arbeiten nicht von meiner Hütte

in dem Steinkar herausgekommen, ich hätte ihn aber vermißt, hätte ihm

nachgefragt und sei nun gekommen.

»Das ist schön, das ist recht schön,« sagte er.

Ich versprach, daß ich nun schon öfter kommen werde.

Ich erkannte bei näheren Fragen über seinen Zustand, daß seine Krankheit

weniger eine bedenkliche als vielmehr eine längere sein dürfte, und ging

daher mit Beruhigung weg. Desungeachtet fuhr ich eines Tages mit

hereinbestellten Postpferden in die Stadt hinaus und beriet mich mit

einem mir bekannten Arzte daselbst, indem ich ihm alle Zustände, die ich

dem Pfarrer in mehreren Besuchen abgefragt hatte, darlegte. Er gab mir

die Versicherung, daß ich recht gesehen hätte, daß das Übel kein

gefährliches sei, daß die Natur da mehr tun könne als der Mensch und daß

der Pfarrer in etwas längerer Zeit schon genesen werde.

Bunte Steine: Ein Festgeschenk · 第 5 / 25 段