in Schauendorf bemerkt, daß der arme Pfarrer immer heimlich die
Handkrausen seines Hemdes in die Rockärmel zurückschiebe, als hätte er
sich ihrer zu schämen. Dasselbe tat er auch jetzt immer. Ich machte
daher genauere Beobachtungen und kam darauf, daß er sich seiner
Handkrausen keineswegs zu schämen habe, sondern daß er, wie mich auch
andere Einblicke in seine Kleidung belehrten, die feinste und schönste
Wäsche trug, welche ich jemals auf Erden gesehen hatte. Diese Wäsche war
auch immer in der untadelhaftesten Weiße und Reinheit, wie man es nach
dem Zustande seiner Kleider nie vermutet hätte. Er mußte also auf die
Besorgung dieses Teiles die größte Sorgfalt verwenden. Da er nie davon
sprach, schwieg ich auch darüber, wie sich wohl von selber versteht.
Unter diesem Verkehre ging ein Teil des Sommers dahin.
Eines Tages war in den Steinen eine besondere Hitze. Die Sonne hatte
zwar den ganzen Tag nicht ausgeschienen, aber dennoch hatte sie den
matten Schleier, der den ganzen Himmel bedeckte, so weit durchdrungen,
daß man ihr blasses Bild immer sehen konnte, daß um alle Gegenstände
des Steinlandes ein wesenloses Licht lag, dem kein Schatten beigegeben
war, und daß die Blätter der wenigen Gewächse, die zu sehen waren,
herabhingen; denn obgleich kaum ein halbes Sonnenlicht durch die
Nebelschichte der Kuppel drang, war doch eine Hitze, als wären drei
Tropensonnen am heitern Himmel und brennten alle drei nieder. Wir hatten
sehr viel gelitten, so daß ich meine Leute kurz nach zwei Uhr entließ.
Ich setzte mich unter einen Steinüberhang, der eine Art Höhle bildete,
in welcher es bedeutend kühler war als draußen in der freien Luft. Ich
verzehrte dort mein Mittagsmahl, trank meinen eingekühlten Wein und las
dann. Gegen Abend wurde die Wolkenschicht nicht zerrissen, wie es doch
an solchen Tagen sehr häufig geschieht, sie wurde auch nicht dichter,
sondern lag in derselben gleichmäßigen Art wie den ganzen Tag über dem
Himmel. Ich ging daher spät aus der Höhle; denn so wie die Schleierdecke
am Himmel sich nicht geändert hatte, so war die Hitze auch kaum minder
geworden, und man hatte in der Nacht keinen Tau zu erwarten. Ich
wandelte sehr langsam durch die Hügel dahin, da sah ich den Pfarrer in
den Sandlehnen daherkommen und den Himmel betrachten. Wir näherten uns
und grüßten uns. Er fragte mich, wo wir heute gearbeitet hätten, und ich
sagte es ihm. Ich erzählte ihm auch, daß ich in der Höhle gelesen habe,
und zeigte ihm das Buch. Hierauf gingen wir miteinander in dem Sande
weiter.
Nach einer Weile sagte er: »Es wird nicht mehr möglich sein, daß Sie die
Hochstraße erreichen.«
»Wieso?« fragte ich.
»Weil das Gewitter ausbrechen wird,« antwortete er.
Ich sah nach dem Himmel. Die Wolkendecke war eher dichter geworden, und
auf allen kahlen Steinflächen, die wir sehen konnten, lag ein sehr
sonderbares, bleifarbenes Licht.
»Daß ein Gewitter kommen wird,« sagte ich, »war wohl den ganzen Tag zu
erwarten, allein wie bald die Dunstschicht sich verdichten, erkühlen,
den Wind und die Elektrizität erzeugen und sich herabschütteln wird,
kann man, glaube ich, nicht ermessen.«
»Man kann es wohl nicht genau sagen,« antwortete er, »allein ich habe
siebenundzwanzig Jahre in der Gegend gelebt, habe Erfahrungen gesammelt
und nach ihnen wird das Gewitter eher ausbrechen als man denkt, und wird
sehr stark sein. Ich glaube daher, daß es das beste wäre, wenn Sie mit
mir in meinen Pfarrhof gingen und die Nacht heute dort zubrächten. Der
Pfarrhof ist so nahe, daß wir ihn noch leicht erreichen, wenn wir auch
das Gewitter schon deutlich an dem Himmel sehen; dort sind Sie sicher
und können morgen an Ihre Geschäfte gehen, sobald es Ihnen beliebt.«
Ich erwiderte, daß es desungeachtet nicht unmöglich sei, daß aus der
Dunstschicht sich auch nur ein Landregen entwickle. In diesem Falle sei
ich geborgen; ich habe ein Mäntelchen aus Wachstaffet bei mir, das dürfe
ich nur aus der Tasche ziehen und umhängen, und der Regen könnte mir
nichts anhaben. Ja, wenn ich auch ohne diesen Schutz wäre, so sei ich in
meinem Amte schon so oft vom Regen durchnäßt worden, daß ich, um ein
derartiges Ereignis zu vermeiden, nicht jemandem zur Last sein und
Unordnung in sein Hauswesen bringen möchte. Sollte aber wirklich ein
Gewitter bevorstehen, das Platzregen oder Hagel oder gar einen
Wolkenbruch bringen könnte, dann nähme ich sein Anerbieten dankbar an
und bitte um einen Unterstand für die Nacht, aber ich mache die
Bedingung, daß es wirklich nichts weiter sei als ein Unterstand, daß er
sich in seinem Hause nicht beirren lasse und sich weiter keine Last
auferlege, als daß er mir ein Plätzchen unter Dach und Fach gäbe; denn
ich bedürfe nichts als eines solches Plätzchen. Übrigens führe unser Weg
noch ein gutes Stück auf demselben gemeinschaftlichen Pfade fort, da
könnten wir die Frage verschieben, indessen den Himmel betrachten und
zuletzt nach der Gestalt der Sache entscheiden.
Er willigte ein und sagte, daß, wenn ich bei ihm bliebe, ich nicht zu
fürchten hätte, daß er sich eine Last auflege; ich wisse, daß es bei ihm
einfach sei, und es werde keine andere Anstalt gemacht werden, als die
notwendig sei, daß ich die Nacht bei ihm zubringen könnte.
Nachdem wir diesen Vertrag geschlossen hatten, gingen wir auf unserm
Wege weiter. Wir gingen sehr langsam, teils der Hitze wegen, teils weil
es von jeher schon so unsere Gewohnheit war.
Plötzlich flog ein schwacher Schein um uns, unter dem die Felsen
erröteten.
Es war der erste Blitz gewesen, der aber stumm war und dem kein Donner
folgte.
Wir gingen weiter. Nach einer Weile folgten mehrere Blitze, und da der
Abend bereits ziemlich dunkel geworden war, und da die Wolkenschicht
auch einen dämmernden Einfluß ausübte, stand unter jedem Blitze der
Kalkstein in rosenroter Farbe vor uns.
Als wir zu der Stelle gelangt waren, an welcher unsere Wege sich
teilten, blieb der Pfarrer stehen und sah mich an. Ich gab zu, daß ein
Gewitter komme, und sagte, daß ich mit ihm in seinen Pfarrhof gehen
wolle.
Wir schlugen also den Weg in das Kar ein und gingen über den sanften
Steinabhang in die Wiese hinunter.
Als wir bei dem Pfarrhofe angelangt waren, setzten wir uns noch ein
wenig auf das hölzerne Bänklein, das vor dem Hause stand. Das Gewitter
hatte sich nun vollständig entwickelt und stand als dunkle Mauer an dem
Himmel. Nach einer Weile entstanden auf der gleichmäßigen,
dunkelfarbigen Gewitterwand weiße, laufende Nebel, die in langen,
wulstigen Streifen die untern Teile der Wolkenwand säumten. Dort war
also vielleicht schon Sturm, während bei uns sich noch kein Gräschen und
kein Laub rührte. Solche laufende, gedunsene Nebel sind bei Gewittern
oft schlimme Anzeichen; sie verkünden immer Windausbrüche, oft Hagel und
Wasserstürze. Den Blitzen folgten nun auch schon deutliche Donner.
Endlich gingen wir in das Haus.
Der Pfarrer sagte, daß es seine Gewohnheit sei, bei nächtlichen
Gewittern ein Kerzenlicht auf den Tisch zu stellen und bei dem Lichte
ruhig sitzen zu bleiben, solange das Gewitter dauere. Bei Tage sitze er
ohne Licht bei dem Tische. Er fragte mich, ob er auch heute seiner Sitte
treu bleiben dürfe. Ich erinnerte ihn an sein Versprechen, sich
meinetwegen nicht die geringste Last aufzulegen. Er führte mich also
durch das Vorhaus in das bekannte Stüblein und sagte, daß ich meine
Sachen ablegen möchte.
Ich trug gewöhnlich an einem ledernen Riemen ein Fach über der Schulter,
in welchem Werkzeuge zum Zeichnen, Zeichnungen und zum Teil auch
Meßwerkzeuge waren. Neben dem Fache war eine Tasche befestigt, in der
sich meine kalten Speisen, mein Wein, mein Trinkglas und meine
Vorrichtung zum Einkühlen des Weines befanden. Diese Dinge legte ich ab
und hing sie über die Lehne eines in einer Ecke stehenden Stuhles.
Meinen langen Meßstab lehnte ich an einen der gelben Schreine.
Der Pfarrer war indessen hinausgegangen und kam nun mit einem Lichte in
der Hand herein. Es war ein Talglicht, welches in einem messingenen
Leuchter stak. Er stellte den Leuchter auf den Tisch und legte eine
messingene Lichtschere dazu. Dann setzten wir uns beide an den Tisch,
blieben sitzen und erwarteten das Gewitter.
Dasselbe schien nicht mehr lange ausbleiben zu wollen. Als der Pfarrer
das Licht gebracht hatte, war die wenige Helle, die von draußen noch
durch die Fenster hereingekommen war, verschwunden, die Fenster standen
wie schwarze Tafeln da, und die völlige Nacht war hereingebrochen. Die
Blitze waren schärfer und erleuchteten trotz des Kerzenlichts bei jedem
Aufflammen die Winkel des Stübleins. Die Donner wurden ernster und
dringender. So blieb es eine lange Weile. Endlich kam der erste Stoß des
Gewitterwindes. Der Baum, welcher vor dem Hause stand, schauerte einen
Augenblick leise, wie von einem kurz abgebrochenen Lüftchen getroffen,
dann war es wieder still. Über ein Kleines kam das Schauern abermals,
jedoch länger und tiefer. Nach einem kurzen Zeitraume geschah ein
starker Stoß, alle Blätter rauschten, die Äste mochten zittern, nach der
Art zu urteilen, wie wir den Schall herein vernahmen, und nun hörte das
Tönen gar nicht mehr auf. Der Baum des Hauses, die Hecken um dasselbe
und alle Gebüsche und Bäume der Nachbarschaft waren in einem einzigen
Brausen befangen, das nur abwechselnd abnahm und schwoll. Dazwischen
schallten die Donner. Sie schallten immer schneller und immer heller.
Doch war das Gewitter noch nicht da. Zwischen Blitz und Donner war noch
eine Zeit, und die Blitze, so hell sie waren, waren doch keine
Schlangen, sondern nur ein ausgebreitetes, allgemeines Aufleuchten.
Endlich schlugen die ersten Tropfen an die Fenster. Sie schlugen stark
und einzeln gegen das Glas, aber bald kamen Genossen, und in kurzem
strömte der Regen in Fülle herunter. Er wuchs schnell, gleichsam
rauschend und jagend, und wurde endlich dergestalt, daß man meinte,
ganze zusammenhängende Wassermengen fielen auf das Haus hernieder, das
Haus dröhne unter dem Gewichte, und man empfinde das Dröhnen und Ächzen
herein. Kaum das Rollen des Donners konnte man vor dem Strömen des
Wassers hören, das Strömen des Wassers wurde ein zweites Donnern. Das
Gewitter war endlich über unserm Haupte. Die Blitze fuhren wie feurige
Schnüre hernieder, und den Blitzen folgten schnell und heiser die
Donner, die jetzt alles andere Brüllen besiegten und in ihren tieferen
Enden und Ausläufen das Fensterglas erzittern und klirren machten.
Ich war nun froh, daß ich dem Rate des Pfarrers gefolgt hatte. Ich hatte
selten ein solches Gewitter erlebt. Der Pfarrer saß ruhig und einfach an
dem Tische des Stübleins, und das Licht der Talgkerze beleuchtete seine
Gestalt.
Zuletzt geschah ein Schlag, als ob er das ganze Haus aus seinen Fugen
heben und niederstürzen wollte, und gleich darauf wieder einer. Dann war
ein Weilchen Anhalten, wie es oft bei solchen Erscheinungen der Fall
ist, der Regen zuckte einen Augenblick ab, als ob er erschrocken wäre,
selbst der Wind hielt inne. Aber es wurde bald wieder wie früher; allein
die Hauptmacht war doch gebrochen, und alles ging gleichmäßiger fort.
Nach und nach milderte sich das Gewitter, der Sturm war nurmehr ein
gleichartiger Wind, der Regen war schwächer, die Blitze leuchteten
blässer und der Donner rollte matter, gleichsam landauswärts gehend.
Als endlich das Regnen nur ein einfaches Niederrinnen war und das
Blitzen ein Nachleuchten, stand der Pfarrer auf und sagte: »Es ist
vorüber.«
Er zündete sich ein Stümpfchen Licht an und ging hinaus. Nach einer
Weile kam er wieder herein und trug auf einem Eßbrette mehrere Dinge,
die zu dem Abendmahle bestimmt waren. Er setzte von dem Eßbrett ein
Krüglein mit Milch auf den Tisch und goß aus demselben zwei Gläser voll.
Dann setzte er auf einem grünglasierten Schüsselchen Erdbeeren auf, und
auf einem Teller mehrere Stücke schwarzen Brotes. Als Bestecke legte er
auf jeden Platz ein Messer und ein kleines Löffelchen; dann trug er das
Eßbrett wieder hinaus.
Als er hereingekommen war, sagte er: »Das ist unser Abendmahl, lassen
Sie es sich genügen.«
Er trat zu dem Tisch, faltete die Hände und sprach bei sich einen Segen,
ich tat desgleichen, und nun setzten wir uns zu unserm Abendessen
nieder. Die Milch tranken wir aus den Gläsern, von dem schwarzen Brote
schnitten wir uns Stückchen mit dem Messer und aßen die Erdbeeren mit
dem Löffelchen. Da wir fertig waren, sprach er wieder mit gefalteten
Händen ein Dankgebet, holte das Eßbrett und trug die Reste wieder fort.
Ich hatte in meiner Tasche noch Teile von meinem Mittagsmahle und in
meiner Flasche noch Wein. Ich sagte daher: »Wenn Euer Ehrwürden
erlauben, so nehme ich die Überbleibsel meines heutigen Mittagessens aus
meinem Ränzchen heraus, weil sie sonst verderben würden.«
»Tun Sie nur nach Ihrem Gefallen,« antwortete er.
Ich nahm daher meine Tasche und sagte: »Da sehen Euer Ehrwürden auch
zugleich, wie ich bei meinem Wanderleben Tafel halte, und wie mein
Trink- und Eßgeschirr beschaffen ist.«
»Sie müssen wissen,« fuhr ich fort, »daß, so sehr man das Wasser und
insbesondere das Gebirgswasser lobt, und so nützlich und herrlich dieser
Stoff auch in dem großen Haushalte der Natur ist, dennoch, wenn man
tagelang auf offenem Felde im Sonnenscheine arbeitet, oder in heißen
Steinen und heißem Sande herumgeht oder in Klippen klettert, ein Trunk
Wein mit Wasser ungleich mehr labt und Kraft gibt, als das lautere,
auserlesenste Wasser der Welt. Das lernte ich bei meinem Amte bald
kennen und versah mich daher stets bei allen meinen Reisen mit Wein.
Aber nur guter Wein ist es, der gute Dienste leistet. Ich hatte mir
daher auch auf die Hochstraße einen reinen guten Wein kommen lassen und
nehme täglich einen Teil mit in meine Steinhügel.«
Der arme Pfarrer sah mir zu, wie ich meine Vorrichtungen
auseinanderpackte. Er betrachtete die kleinen blechernen Tellerchen,
deren mehrere in eine unbedeutende flache Scheibe zusammenzupacken
waren. Ich stellte die Tellerchen auf den Tisch. Dazu tat ich von meinem
Fache Messer und Gabeln. Dann schnitt ich Scheibchen von feinem, weißem
Weizenbrote, das ich wöchentlich zweimal kommen ließ, dann Scheibchen
von Schinken, von kaltem Braten und Käse. Das breitete ich auf den
Tellern aus. Hierauf bat ich um eine Flasche Wasser; denn das allein,
sagte ich, führe ich nicht mit mir, da ich es in der Natur überall
finden müsse. Als er in einem Kruge Wasser gebracht hatte, legte ich
meine Trinkvorrichtungen auseinander. Ich tat die Flasche, die noch halb
voll Wein war, heraus, ich stellte die zwei Gläser -- eines habe ich
immer zum Vorrate -- auf den Tisch, und dann zeigte ich ihm, wie ich den
Wein kühle. Das Glas wird in ein Fach von sehr lockerem Stoffe gestellt,
der Stoff mit einer sehr dünnen Flüssigkeit, die Äther heißt, und die
ich in einem Fläschchen immer mitführe, befeuchtet, welche Flüssigkeit
sehr schnell und heftig verdünstet und dabei eine Kälte erzeugt, daß der
Wein frischer wird, als wenn er eben von dem Keller käme, ja als ob er
sogar in Eis stünde. Da ich auf diese Weise zwei Gläser Wein
aufgefrischt, mit Wasser vermischt und eins auf seinen Platz gestellt
hatte, lud ich ihn ein, mit mir zu speisen.
Er nahm, gleichsam um meiner Einladung die Ehre anzutun, ein winziges
bißchen von den Dingen, nippte an dem Glase und war nicht mehr zu
bewegen, etwas weiteres zu nehmen.
Ich aß von den aufgestellten Speisen nun auch nur sehr weniges und
packte dann alles wieder zusammen, indem ich mich der Unhöflichkeit, die
ich eigentlich in der Übereilung begangen hatte, schämte.
Ich tat schnell einen Blick in das Angesicht des Pfarrers; aber es
sprach nicht der kleinste Zug von Unfreundlichkeit aus.
Da der Tisch leer war, saßen wir noch eine Zeit bei der Talgkerze und
sprachen. Dann schritt der Pfarrer daran, mein Bett zu bereiten. Er trug
eine große wollene Decke herein, legte sie vierfach zusammen und tat sie
auf die Bank, die an der Mauer stand. Aus einer ähnlichen Decke machte
er ein Kissen. Dann öffnete er einen der gelben Schreine, nahm ein
Leintuch von außerordentlicher Schönheit, Feinheit und Weiße heraus, tat
es auseinander und breitete es über mein Lager. Als ich bei dem
schwachen Scheine der Kerze die ungemeine Trefflichkeit des
Linnenstückes gesehen und dann unwillkürlich meine Augen auf ihn
gewendet hatte, errötete er in seinem Angesichte.
Als Hülle für meinen Körper legte er eine dritte Wolldecke auf das
Lager.
»Das ist Ihr Bett, so gut ich es machen kann,« sagte er, »Sie dürfen nur
sagen, wenn Sie bereit sind, die Ruhe zu suchen.«
»Das überlasse ich Euer Ehrwürden,« antwortete ich, »wann Sie zum
Schlafen Ihre Zeit haben, richten Sie sich nach derselben. Ich bin an
keine Stunde gebunden, meine Lebensweise bringt es mit sich, daß ich
bald kurz, bald lang schlafe, bald früher, bald später mein Lager
suche.«
»Auch ich bin keiner Zeit untertan,« erwiderte er, »und kann den
Schlummer nach meinen Pflichten einrichten; aber da es wegen des
Gewitters heute später geworden ist als sonst, da Sie morgen gewiß sehr
bald aufstehen und wahrscheinlich in die Hochstraße gehen werden, um
manches zu holen, so dächte ich, wäre Ruhe das beste, und wir sollten
sie suchen.«
»Ich stimme Ihnen vollständig bei, Herr Pfarrer,« sagte ich.
Nach diesem Gespräche verließ er das Stüblein und ich dachte, er habe
sich nach seiner Schlafkammer begeben. Ich entkleidete mich daher,
soweit ich es immer gewohnt bin, und legte mich auf mein Bett. Eben
wollte ich das Licht, das ich auf einen Stuhl neben meinem Bette
gestellt hatte, auslöschen, als der Pfarrer wieder hereintrat. Er hatte
sich umgekleidet und trug jetzt grauwollene Strümpfe, grauwollene
Beinkleider und eine grauwollene Jacke. Schuhe hatte er nicht, sondern
er ging auf den Strümpfen. So trat er in das Stüblein.
»Sie haben sich schon zur Ruhe gelegt,« sagte er; »ich bin gekommen,
Ihnen eine gute Nacht zu sagen und dann auch den Schlaf zu suchen. Also
schlummern Sie wohl, wie es auf dem Bette möglich ist.«
»Ich werde gut schlafen,« erwiderte ich; »und wünsche Ihnen ein
Gleiches.«
Nach diesen Worten ging er zu dem Weihbrunnenkessel, der unter dem
kleinen, schön geschnitzten Kruzifixe hing, besprengte sich mit Tropfen
des Wassers und verließ das Stüblein.
Ich sah bei dem Lichte meiner Kerze, wie er in dem geräumigen Vorhause
sich auf die hölzerne Bank, die in der Nische stand, legte und die Bibel
sich als Kissen unter das Haupt tat.
Als ich dieses gesehen hatte, sprang ich von meinem Lager auf, ging in
den Nachtkleidern in das Vorhaus hinaus und sagte: »Mit nichten, Euer
Ehrwürden, so ist es nicht gemeint, Sie dürfen nicht auf dieser nackten
Bank schlafen, während Sie mir das bessere Bett einräumen. Ich bin
gewohnt, auf allen Lagern zu schlafen, selbst im Freien unter einem
Baume; lassen Sie mich diese Bank benützen und begeben Sie sich in das
Bett, das Sie mir abtreten wollten.«
»Nein, lieber Herr,« antwortete er, »ich habe Ihnen kein Bett
abgetreten; wo das Ihrige ist, wird sonst nie eines gemacht, und wo ich
jetzt liege, schlafe ich alle Nächte.«
»Auf dieser harten Bank und mit diesem Buche als Kissen schlafen Sie
alle Nächte?« fragte ich.
»Wie Sie durch Ihren Stand an alle Lager gewöhnt sind, selbst an eines
im Freien,« erwiderte er, »so bin ich auch durch meinen Stand gewohnt,
auf dieser Bank zu schlafen und dieses Buch als Kissen zu haben.«
»Ist das wirklich möglich?« fragte ich.
»Ja, es ist so,« antwortete er, »ich sage keine Lüge. Ich hätte mir ja
auch auf dieser Bank ein Bett machen können, wie ich Ihnen eines auf der
Ihrigen gemacht habe; allein ich habe schon seit sehr langer Zeit her
angefangen, in diesen Kleidern und auf dieser Bank hier, wie Sie mich
sehen, zu schlafen, und tue es auch heute.« Da ich noch immer
mißtrauisch zögerte, sagte er: »Sie können in Ihrem Herzen ganz beruhigt
sein, ganz beruhigt.«
Ich wendete gegen dieses nichts mehr ein; namentlich war der Grund, daß
er sich ja auch ein Bett hätte machen können, überzeugend.
Nach einer Weile, während welcher ich noch immer dagestanden war, sagte
ich: »Wenn es eine alte Gewohnheit ist, hochwürdiger Herr, so habe ich
freilich nichts mehr einzuwenden; aber Sie werden es auch begreifen, daß
ich anfänglich dagegen sprach, weil man gewöhnlich überall ein
gebettetes Lager hat.«
»Ja, man hat es,« sagte er, »und gewöhnt sich daran, und meint, es müsse
so sein. Aber es kann auch anders sein. An alles gewöhnt sich der
Mensch, und die Gewohnheit wird dann sehr leicht, sehr leicht.«
Nach diesen Worten ging ich wieder, nachdem ich ihm zum zweiten Male
eine gute Nacht gewünscht hatte, in mein Stüblein und legte mich wieder
in mein Bett. Ich erinnerte mich nun auch, daß ich wirklich nie ein Bett
gesehen habe, sooft ich früher in der Behausung des Pfarrers gewesen
war. Ich dachte noch eine Zeitlang an die Sache und konnte nicht umhin,
die äußerste Feinheit des Linnens des Pfarrers sehr wohltätig an meinem
Körper zu empfinden. Nach einer kurzen Zeit lieferte der Pfarrer den
tatsächlichen Beweis, daß er an sein Lager gewohnt sei; denn ich hörte
aus dem sanften, regelmäßigen Atmen, daß er bereits in tiefen Schlummer
gesunken sei.
Da ich nun auch ruhig war, da alles in dem Pfarrhause totenstille war,
da der Wind aufgehört hatte, der Regen kaum nur leise zu vernehmen war
und die Blitze wie verloren nur mehr selten mit mattem Scheine das
Fenster berührten, senkte sich auf meine Augen der Schlummer, und
nachdem ich die Kerze ausgelöscht hatte, vernahm ich noch einige Male
das Fallen eines Tropfens an das Fenster, dann war mir's, als ob daran
der schwache Aufblick eines Leuchtens geschähe, und dann war nichts
mehr.
Ich schlief sehr gut, erwachte spät, und es war schon völliger Tag, als
ich die Augen öffnete. Es war, als ob es ein zartes Geräusch gewesen
wäre, das mein völliges Aufwachen veranlaßt hatte. Als ich die Augen
vollkommen öffnete und herumsah, erblickte ich in dem Vorhause den
Pfarrer in seinen grauen Nachtkleidern, wie er eben beschäftigt war,
meine Kleider mit einer Bürste vom Staube zu reinigen. Ich erhob mich
schnell von meinem Lager, ging hinaus und störte ihn in seinem Beginnen,
indem ich sagte, das dürfe nicht sein, so etwas könne ich von ihm nicht
annehmen, es liege nicht in seinem Stande, es mache der Staub nichts,
und wenn ich ihn fortwollte, so könnte ich ihn ja selber mit einer
Bürste schnell abstreifen.
»Es liegt nicht in meinem Stande als Priester, aber es liegt in meinem
Stande als Gastfreund,« sagte er; »ich habe nur eine einzige alte
Dienerin, die nicht in dem Hause wohnt: sie kommt zu gewissen Stunden,
um meine kleinen Dienste zu verrichten, und ist heute noch nicht da.«
»Nein, nein, das tut nichts,« antwortete ich, »ich erinnere Sie an Ihr
Versprechen, sich keine Last aufzulegen.«
»Ich lege mir keine Last auf,« erwiderte er, »und es ist schon bald
gut.«
Mit diesen Worten tat er noch ein paar Striche mit der Bürste auf dem
Rocke und ließ sich dann beides, Bürste und Kleider, nehmen. Er ging aus
dem Vorhause in ein anderes, mir bis dahin unbekanntes Gemach. Ich
kleidete mich indessen an. Nach einer Zeit kam auch er vollständig
angekleidet herein. Er hatte die alten, schwarzen Kleider an, die er am
Tage und alle vorhergehenden Tage angehabt hatte. Wir traten an das
Fenster. Der Schauplatz hatte sich vollkommen geändert. Es war ein
durchaus schöner Tag, und die Sonne erhob sich strahlend in einem
unermeßlichen Blau. Was doch so ein Gewitter ist! Das Zarteste, das
Weichste der Natur ist es, wodurch ein solcher Aufruhr veranlaßt wird.
Die feinen, unsichtbaren Dünste des Himmels, die in der Hitze des Tages
oder in der Hitze mehrerer Tage unschädlich in dem unermeßlichen Raume
aufgehängt sind, mehren sich immer, bis die Luft an der Erde so erhitzt
und verdünnt ist, daß die oberen Lasten derselben niedersinken, daß die
tieferen Dünste durch sie erkühlt werden, oder daß sie auch von einem
andern kalten Hauch angeweht werden, wodurch sie sich sogleich zu
Nebelballen bilden, das elektrische Feuer erzeugen und den Sturm
wachrufen, neue Kälte bewirken, neue Nebel erregen, sodann mit dem
Sturme daherfahren und ihre Mengen, die zusammenschießen, sei es in Eis,
sei es in geschlossenen Tropfen, auf die Erde niederschütten. Und haben
sie sie niedergeschüttet und hat die Luft sich gemischt, so steht sie
bald wieder in ihrer Reinheit und Klarheit oft schon am andern Tage da,
um wieder die Dünste aufzunehmen, die in der Hitze erzeugt werden,
wieder allmählich dasselbe Spiel zu beginnen und so die Abwechslung von
Regen und Sonnenschein zu bewirken, welche die Freude und das Gedeihen
von Menschen, Tieren und Gewächsen ist.