Da ich nun öfter zu dem Pfarrer kam, so wurde ich es so gewöhnt, abends

ein wenig auf dem Stuhle neben seinem Bette zu sitzen und mit ihm zu

plaudern, daß ich es nach und nach alle Tage tat. Ich ging nach meiner

Tagesarbeit aus dem Steinkar über die Wiese in den Pfarrhof und

verrichtete meine Hausarbeit später bei Licht in meiner Hütte. Ich

konnte es um so leichter tun, da ich jetzt ziemlich nahe an dem

Pfarrhofe wohnte, was in der Hochstraße bei weitem nicht der Fall

gewesen war. Ich war aber nicht der einzige, der sich des Pfarrers

annahm. Die alte Sabine, seine Aushelferin, kam nicht nur öfter in die

Wohnung des Pfarrers herüber, als es eigentlich ihre Schuldigkeit

gewesen wäre, sondern sie brachte die meiste Zeit, die sie von ihrem

eigenen Hauswesen, das nur ihre einzige Person betraf, absparen konnte,

in dem Pfarrhofe zu und verrichtete die kleinen Dienste, die bei einem

Kranken notwendig waren. Außer dieser alten Frau kam auch noch ein

junges Mädchen, die Tochter des Mannes, welcher in dem ersten Stockwerke

des Pfarrhofes zur Miete war. Das Mädchen war bedeutend schön, es

brachte dem Pfarrer entweder eine Suppe oder irgend etwas anderes, oder

es erkundigte sich um sein Befinden, oder es hinterbrachte die Frage des

Vaters, ob er dem Pfarrer in irgendeinem Stücke beistehen könne. Der

Pfarrer hielt sich immer sehr stille, wenn das Mädchen in das Zimmer

trat, er regte sich unter seiner Hülle nicht und zog die Decke bis an

sein Kinn empor.

Auch der Schullehrer kam oft herüber, und auch ein paar Amtsbrüder aus

der Nachbarschaft waren eingetroffen, um sich nach dem Befinden des

Pfarrers zu erkundigen.

War es nun die Krankheit, welche den Mann weicher stimmte, oder war es

der tägliche Umgang, der uns näher brachte: wir wurden seit der

Krankheit des Pfarrers viel besser miteinander bekannt. Er sprach mehr

und teilte sich mehr mit. Ich saß an dem fichtenen Tische, der an seinem

Bette stand, und kam pünktlich alle Tage an die Stelle. Da er nicht

ausgehen konnte und nicht in das Steinkar kam, so mußte ich die

Veränderungen, die dort vorkamen, berichten. Er fragte mich, ob die

Brombeeren an dem Kulterloche schon zu reifen begännen, ob der Rasen

gegen die Zirderhöhe, welchen der Frühling immer sehr schön grün färbe,

schon im Vergelben und Ausdorren begriffen sei, ob die Hagebutten schon

reiften, ob das Verwittern des Kalksteins vorwärts gehe, ob die in die

Zirder gefallenen Stücke sich vermehrten und der Sand sich

vervielfältigte, und dergleichen mehr. Ich sagte es ihm, ich erzählte

ihm auch andere Dinge, ich sagte ihm, wo wir gearbeitet hätten, wie weit

wir vorgerückt wären und wo wir morgen beginnen würden. Ich erklärte ihm

hierbei manches, was ihm in unsern Arbeiten dunkel war. Auch las ich ihm

zuweilen etwas vor, namentlich aus den Zeitungen, die ich mir

wöchentlich zweimal durch einen Boten in das Steinkar hereinbringen

ließ.

Eines Tages, da die Krankheit sich schon bedeutend zum Bessern wendete,

sagte er, er hätte eine Bitte an mich.

Als ich ihm erwiderte, daß ich ihm gerne jeden Dienst erweise, der nur

immer in meiner Macht stehe, daß er nur sagen solle, was er wolle, ich

würde es gewiß tun, antwortete er: »Ich muß Ihnen, ehe ich meine Bitte

ausspreche, erst etwas erzählen. Bemerken Sie wohl, ich erzähle es

nicht, weil es wichtig ist, sondern damit Sie sehen, wie alles so

gekommen ist, was jetzt ist, und damit Sie vielleicht geneigter werden,

meine Bitte zu erfüllen. Sie sind immer sehr gut gegen mich gewesen, und

Sie sind sogar neulich, wie ich erfahren habe, in die Stadt

hinausgefahren, um einen Arzt über meine Zustände zu befragen. Dies gibt

mir nun den Mut, mich an Sie zu wenden.

»Ich bin der Sohn eines wohlhabenden Gerbers in unserer Hauptstadt. Mein

Urgroßvater war ein Findling aus Schwaben und wanderte mit dem Stabe in

der Hand in unsere Stadt ein. Er lernte das Gerbergewerbe aus Güte

mildtätiger Menschen, er besuchte dann mehrere Werkstätten, um in ihnen

zu arbeiten, er ging in verschiedene Länder, um sich mit seinen Händen

sein Brot zu verdienen und dann die Art kennenzulernen, wie überall das

Geschäft betrieben wird. Unterrichtet kehrte er wieder in unsere Stadt

zurück und arbeitete in einer ansehnlichen Lederei. Dort zeichnete er

sich durch seine Kenntnisse aus, er ward endlich Werkführer, und der

Herr des Gewerbes vertraute ihm mehrere Geschäfte an und übertrug ihm

die Ausführung mancher Versuche zu neuen Bereitungen. Dabei versuchte

sich der Urgroßvater in kleinen Handelsgeschäften, er kaufte mit

geringen Mitteln Rohstoffe und verkaufte sie wieder. So erwarb er sich

ein kleines Vermögen. Da er schon an Jahren zunahm, kaufte er sich in

der entfernten Vorstadt einen großen Garten, an den noch unbenützte

Gründe stießen. Er baute auf diesem Grunde eine Werkstätte und ein

Häuschen, heiratete ein armes Mädchen und trieb nun als eigener Herr

sein Gewerbe und seine Handelschaft. Er brachte es vorwärts und starb

als ein geachteter, bei den Geschäftsleuten angesehener Mann. Er hatte

einen einzigen Sohn, meinen Großvater.

»Der Großvater trieb das Geschäft seines Vaters fort. Er dehnte es noch

weiter aus. Er baute ein großes Haus am Rande des Gartens, daß die

Fenster dahin gingen, wo in Zukunft eine Straße mit Häusern sein würde.

Rückwärts des Hauses baute er die Werkstätten und Aufbewahrungsplätze.

Der Großvater war überhaupt ein Freund des Bauens. Er baute außer dem

Hause noch einen großen Hof, der zu weiteren Werkstätten und zu

verschiedenen Teilen unseres Geschäftes benützt wurde. Die öden Gründe

neben unserm Garten verkaufte er, und weil die Stadt einen großen

Aufschwung nahm, so waren diese Gründe sehr teuer. Den Garten umgab er

mit einer Mauer, die wieder regelmäßige Unterbrechungen mit Eisengittern

hatte. Er brachte das Geschäft sehr empor und legte die großen

Kaufgewölbe an, in welchen die Waren, die wir selbst erzeugten, und die,

mit welchen wir Handelschaft trieben, niedergelegt wurden. Der Großvater

hatte wieder nur einen Sohn, der das Gewerbe weiterführte, meinen und

meines Bruders Vater.

»Der Vater baute nun noch die Trockenböden auf das Stockwerk der

Werkstätte, er baute an das Haus einen kleinen Flügel gegen den Garten

und baute ein Gewächshaus. Zu seiner Zeit war schon vor den Fenstern des

Hauptgebäudes eine Straße entstanden, welche mit Häusern gesäumt, mit

Steinen gepflastert und von Gehenden und Fahrenden besetzt war. Ich

erinnere mich noch aus meiner Kindheit, daß unser Haus sehr groß und

geräumig war, daß es viele Höfe und Fächer hatte, die zur Betreibung des

Gewerbes dienten. Am liebsten erinnere ich mich noch des schönen

Gartens, in dem Bäume und Blumen, Kräuter und Gemüse standen. In den

Räumen der Gebäude und der Höfe gingen die von ihrer Arbeit in ihren

Leinenkleidern fast gelbbraun gefärbten Gesellen herum, in dem großen

Gewölbe zu ebener Erde und in den zwei kleinen daranstoßenden lagen

Lederballen aufgetürmt, auf den Stangen des Trockenbodens hingen Häute,

und in den großen Austeilzimmern wurden sie gesondert und geordnet. In

dem Verkaufsgewölbe lagen sie zierlich in den Fächern. Im Rinderstalle

standen Kühe, im Pferdestalle waren sechs Pferde und in dem

Wagenbehältnis Kutschen und Wagen; ich erinnere mich sogar noch auf den

großen, schwarzen Hund Hassan, der im großen Hofe war und bei dem Tore

desselben jedermann hineinließ, aber niemand hinaus.

»Unser Vater war ein großer, starker Mann, der in den weitläufigen

Räumen des Hauses herumging, alles besah und alles anordnete. Er ging

fast nie aus dem Hause, außer wenn er Geschäfte hatte oder in die Kirche

ging; und wenn er zu Hause war und nicht eben bei der Arbeit nachsah, so

saß er an dem Schreibtische und schrieb. Öfter wurde er auch in dem

Garten gesehen, wie er mit den Händen auf dem Rücken dahinging, oder wie

er so dastand und auf einen Baum hinaufsah, oder wie er die Wolken

betrachtete. Er hatte eine Freude an der Obstzucht, hatte einen eigenen

Gärtner hierfür genommen und hatte Pfropfreiser aus allen Gegenden

Europas verschrieben. Er war gegen seine Leute sehr gut, er hielt sie

ausreichend, sah, daß einem jeden sein Teil werde, daß er aber auch tue,

was ihm obliege. Wenn einer krank war, ging er selber zu seinem Bette,

fragte ihn, wie er sich befinde, und reichte ihm oft selber die Arznei.

Er hatte im Hause nur den allgemeinen Namen Vater. Dem Prunke war er

abgeneigt, daß er eher zu schlicht und unscheinbar daherging als zu

ansehnlich, seine Wohnung war einfach, und wenn er in einem Wagen

ausfuhr, so mußte es ein sehr bürgerlich aussehender sein.

»Wir waren zwei Brüder, Zwillinge, und die Mutter hatte bei unserer

Geburt ihr Leben verloren. Der Vater hatte sie sehr hoch geehrt und

daher keine Frau mehr genommen; denn er hat sie nie vergessen können.

Weil auf der Gasse zuviel Lärm war, wurden wir in den hintern Flügel

gegen den Garten getan, den der Vater an das Haus angebaut hatte. Es war

eine große Stube, in der wir waren, die Fenster gingen gegen den Garten

hinaus, die Stube war durch einen langen Gang von der übrigen Wohnung

getrennt, und damit wir nicht bei jedem Ausgange durch den vordern Teil

des Hauses gehen mußten, ließ der Vater in dem Gartenflügel eine Treppe

bauen, auf welcher man unmittelbar in den Garten und von ihm ins Freie

gelangen konnte.

»Nach dem Tode der Mutter hatte der Vater die Leitung des Hauswesens

einer Dienerin anvertraut, welche schon bei der Mutter, ehe sie Braut

wurde, in Diensten gestanden und gleichsam ihre Erzieherin gewesen war.

Die Mutter hatte sie auf ihrem Totenbette dem Vater empfohlen. Sie hieß

Luise. Sie führte über alles die Leitung und Aufsicht, was die Speise

und den Trank betraf, was sich auf die Wäsche, auf die Geschirre, auf

die Geräte des Hauses, auf Reinigung der Treppen und Stuben, auf

Beheizung und Lüftung bezog, kurz über alles, was das innere Hauswesen

anbelangt. Sie stand an der Spitze der Mägde. Sie besorgte auch die

Bedürfnisse von uns beiden Knaben.

»Da wir größer geworden waren, bekamen wir einen Lehrer, der bei uns in

dem Hause wohnte. Es wurden ihm zwei schöne Zimmer hergerichtet, die

sich neben unserer Stube befanden und mit dieser Stube den ganzen

hinteren Teil des Flügels ausmachten, der den Namen Gartenflügel führte.

Wir lernten von ihm, was alle Kinder zu Anfang ihres Lernens vornehmen

müssen: Buchstaben kennen, Lesen, Rechnen, Schreiben. Der Bruder war

viel geschickter als ich, er konnte sich die Buchstaben merken, er

konnte sie zu Silben verbinden, er konnte deutlich und in Absätzen

lesen, ihm kam in der Rechnung immer die rechte Zahl, und seine

Buchstaben standen in der Schrift gleich und auf der nämlichen Linie.

Bei mir war das anders. Die Buchstabennamen wollten mir nicht einfallen,

dann konnte ich die Silbe nicht sagen, die sie mir vorstellten, und beim

Lesen waren die großen Wörter sehr schwer, und es war eine Pein, wenn

sehr lange kein Beistrich erschien. In der Rechnung befolgte ich die

Regeln, aber es standen am Ende meistens ganz andere Zahlen da, als

herauskommen mußten. Bei dem Schreiben hielt ich die Feder sehr genau,

sah fest auf die Linie, fuhr gleichmäßig auf und nieder, und doch

standen die Buchstaben nicht gleich, sie senkten sich unter die Linie,

sie sahen nach verschiedenen Richtungen, und die Feder konnte keinen

Haarstrich machen. Der Lehrer war sehr eifrig, der Bruder zeigte mir

auch vieles, bis ich die Sache machen konnte. Wir hatten in der Stube

einen großen eichenen Tisch, auf welchem wir lernten. An jeder der zwei

Langseiten des Tisches waren mehrere Fächer angebracht, die

herauszuziehen waren, wovon die eine Reihe dem Bruder diente, seine

Schulsachen hineinzulegen, die andere mir. In jeder der hintern Ecke der

Stube stand ein Bett und neben dem Bette ein Nachttischchen. Die Tür

unseres Zimmers stand nachts in das Schlafzimmer des Lehrers offen.

»Wir gingen sehr häufig in den Garten und beschäftigten uns dort. Wir

fuhren oft mit unseren Schimmeln durch die Stadt, wir fuhren auch auf

das Land oder sonst irgendwo herum, und der Lehrer saß immer bei uns in

dem Wagen. Wir gingen mit ihm auch aus, wir gingen entweder auf einer

Bastei der Stadtmauer oder in einer Allee spazieren, und wenn etwas

Besonderes in der Stadt ankam, das sehenswürdig war, und es der Vater

erlaubte, so gingen wir mit ihm hin, es zu sehen.

»Als wir in den Gegenständen der unteren Schulen gut unterrichtet waren,

kamen die Gegenstände der lateinischen Schule an die Reihe, und der

Lehrer sagte uns, daß wir aus ihnen vor dem Direktor und vor den

Professoren werden Prüfungen ablegen müssen. Wir lernten die lateinische

und griechische Sprache, wir lernten die Naturgeschichte und

Erdbeschreibung, das Rechnen, die schriftlichen Aufsätze und andere

Dinge. In der Religion wurden wir von dem würdigen Kaplane unserer

Pfarrkirche in unserm Hause unterrichtet, und der Vater ging uns in

religiösen und sittlichen Dingen mit einem guten Beispiel voran. Aber

wie es in dem früheren Unterrichte gewesen war, so war es hier auch

wieder. Der Bruder lernte alles recht gut, er machte seine Aufgaben gut,

er konnte das Lateinische und Griechische deutsch sagen, er konnte die

Buchstabenrechnungen machen, und seine Briefe und Aufsätze waren, als

hätte sie ein erwachsener Mensch geschrieben. Ich konnte das nicht. Ich

war zwar auch recht fleißig, und im Anfange eines jeden Dinges ging es

nicht übel, ich verstand es und konnte es sagen und machen; aber wenn

wir weiter vorrückten, entstand eine Verwirrung, die Sachen kreuzten

sich, ich konnte mich nicht zurechtfinden und hatte keine Einsicht. In

den Übertragungen aus der deutschen Sprache befolgte ich alle Regeln

sehr genau, aber da waren immer bei einem Worte mehrere Regeln, die sich

widersprachen, und wenn die Arbeit fertig war, so war sie voll Fehler.

Ebenso ging es bei den Übertragungen in das Deutsche. Es standen in dem

lateinischen oder griechischen Buche immer so fremde Worte, die sich

nicht fügen wollten, und wenn ich sie in dem Wörterbuche aufschlug,

waren sie nicht darin, und die Regeln, die wir in unserer Sprachlehre

lernten, waren in den griechischen und lateinischen Büchern nicht

befolgt. Am besten ging es noch in zwei Nebengegenständen, die der Vater

zu lernen befohlen hatte, weil wir sie in unserer Zukunft brauchen

könnten, in der französischen und italienischen Sprache, für welche in

jeder Woche zweimal ein Lehrer in das Haus kam. Der Bruder und unser

Lehrer nahmen sich meiner sehr an und suchten mir beizustehen. Aber da

die Prüfungen kamen, genügte ich nicht, und meine Zeugnisse waren nicht

gut.

»So vergingen mehrere Jahre. Da die Zeit vorüber war, welche der Vater

zur Erlernung dieser Dinge bestimmt hatte, sagte er, daß wir jetzt unser

Gewerbe lernen müßten, das er uns nach seinem Tode übergeben würde, und

das wir gemeinsam so ehrenwert und ansehnlich fortzuführen hätten, wie

es unsere Vorfahren getan hätten. Er sagte, wir müßten auf die nämliche

Weise unterrichtet werden wie unsere Voreltern, damit wir auf die

nämliche Weise zu handeln verstünden wie sie. Wir müßten alle Handgriffe

und Kenntnisse unseres Geschäftes von unten hinauf lernen, wir müßten

zuerst arbeiten können wie jeder gute und der beste Arbeiter in unserm

Handwerke, damit wir den Arbeiter und die Arbeit beurteilen könnten,

damit wir wüßten, wie die Arbeiter behandelt werden sollen, und damit

wir von den Arbeitern geachtet würden. Dann erst sollten wir zur

Erlernung der weiteren in der Handelschaft nötigen Dinge übergehen.

»Der Vater wollte, daß wir auch so leben sollten, wie unsere Arbeiter

lebten, daß wir ihre Lage verstünden und ihnen nicht fremd wären. Er

wollte daher, daß wir mit ihnen essen, wohnen und schlafen sollten.

Unser bisheriger Lehrer verließ uns, indem er jedem von uns ein Buch zum

Andenken hinterließ, wir zogen aus der Studierstube fort und gingen in

die Arbeiterwohnung hinüber.

»Der Vater hatte den besten Gesellen unseres Geschäftes, der zugleich

Werkführer war, zu unserm Lehrmeister bestimmt und uns überhaupt seiner

Aufsicht übergeben. Wir bekamen jeder unsern Platz in seiner Werkstätte,

waren mit dem Handwerkzeuge versehen und mußten beginnen, wie jeder

Lehrling. Zum Speisen kamen wir an den nämlichen Tisch, an dem alle

unsere Arbeiter saßen, aber wir kamen an die untersten Plätze, wo sich

die Lehrlinge befanden. Als Schlafgemach hatten wir auch das der

Lehrlinge, an welches das Schlafzimmer des Werkführers stieß, der der

einzige war, welcher ein eigenes Zimmer zum Schlafen hatte. Deshalb

mußte er immer nicht nur ein sehr geschickter Arbeiter sein, sondern

auch durch Rechtlichkeit, Sitte und Lebenswandel sich auszeichnen. Ein

anderer wurde in unserm Hause zu dieser Stelle gar nicht genommen. Er

hatte die besondere Aufsicht über die Lehrlinge, weil diese noch einer

Erziehung bedurften. Zum Lager erhielten wir ein Bett wie die Lehrlinge

und zur Bekleidung hatten wir das Kleid aller unserer Arbeiter.

»So begann die Sache. Aber auch hier war es genau wieder so, wie es in

allen vorhergegangenen Dingen gewesen war. Der Bruder arbeitete schnell

und seine Arbeitsstücke waren schön. Ich machte es genau so, wie der

Lehrmeister es angab, aber meine Stücke wurden nicht so, wie sie sein

mußten und wurden nicht so schön wie die meines Bruders. Ich war aber

außerordentlich fleißig. Des Abends saßen wir oft in der großen

Gesprächstube der Arbeiter und hörten ihren Reden zu. Es kamen auch böse

Beispiele von Arbeitern vor, aber sie sollten uns nicht verlocken,

sondern sie sollten uns befestigen und einen Abscheu einflößen. Der

Vater sagte, wer leben soll, muß das Leben kennen, das Gute und das Böse

davon, muß aber von dem letzteren nicht angegriffen, sondern gestärkt

werden. An solchen Abenden holte ich den Arbeitern gern Dinge, um welche

sie mich schickten, Wein, Käse und andere Gegenstände. Sie hatten mich

deshalb auch sehr lieb.

»Wenn wir in einer Werkstätte unterrichtet waren und die Sachen machen

konnten, kamen wir in eine andere, bis wir endlich freigesprochen wurden

und als Lehrlinge in die Handelschaft traten. Als wir auch da fertig

waren, kamen wir in die Schreibstube zu den Schreibereien unseres

Geschäftes.

»Da endlich nach geraumer Zeit unsere Lehrjahre vorüber waren, kamen wir

in das Zimmer der Söhne vom Hause und erhielten die einfachen Kleider,

wie sie unser Vater zu tragen pflegte.

»Nicht lange nach der Zeit der Vollendung der Lehre, und da der Bruder

schon überall zu den Geschäften beigezogen wurde, erkrankte der Vater.

Er erkrankte nicht so ernstlich, daß eine Gefahr zu befürchten gewesen

wäre, so wie er auch nicht in dem Bette liegen mußte, aber seine starke

Gestalt nahm ab, sie wurde leichter, er ging viel in dem Hause und in

dem Garten herum und nahm sich nicht mehr so um die Geschäfte an, wie es

früher seine Gewohnheit und seine Freude gewesen war.

»Der Bruder nahm sich um die Führung des Gewerbes an, ich brauchte mich

nicht einzumischen, und der Vater blieb endlich den größten Teil des

Tages, wenn er nicht eben in dem Garten war, in seinem Wohnzimmer.

»Um jene Zeit tat ich die Bitte, daß man erlauben möge, daß ich wieder

unsere alte Studierstube beziehen und dort wohnen dürfe. Man gewährte

die Bitte, und ich schaffte meine Habseligkeiten durch den langen Gang

in die Stube. Weil der Vater in dem Geschäfte keine Anordnungen und

keine Befehle erteilte, und weil mir der Bruder keine Arbeit auftrug,

hatte ich Muße, zu tun, was ich wollte. Da man mir damals, als ich in

unsern Lehrgegenständen keine genügenden Zeugnisse erhalten hatte,

keinen Vorwurf gemacht hatte, so beschloß ich, jetzt alles nachzuholen

und alles so zu lernen, wie es sich gebührte. Ich nahm ein Buch aus der

Lade, setzte mich dazu und las den Anfang. Ich verstand alles und lernte

es und merkte es mir. Am andern Tage wiederholte ich das, was ich an den

vorigen Tagen gelernt hatte, versuchte, ob ich es noch wisse, und lernte

ein neues Stück dazu. Ich gab mir nur weniges zur Aufgabe, aber ich

suchte es zu verstehen und es gründlich in meinem Gedächtnisse

aufzubewahren. Ich gab mir auch Aufgaben zur Ausarbeitung und sie

gelangen. Ich suchte die Aufgaben hervor, welche uns damals von unserm

Lehrer gegeben worden waren, machte sie noch einmal und machte jetzt

keinen Fehler. Wie ich es mit dem einen Buche gemacht hatte, machte ich

es auch mit den andern. Ich lernte sehr fleißig, und nach und nach war

ich schier den ganzen Tag in der Stube beschäftigt. Wenn ich eine freie

Zeit hatte, so saß ich gern nieder, nahm das Buch in die Hand, welches

mir mein Lehrer zum Angedenken gegeben hatte, und dachte an den Mann,

der damals bei uns gewesen war.

»In der Stube war alles geblieben, wie es einst gewesen war. Der große

eichene Tisch stand noch in der Mitte, er hatte noch die Male, die wir

entweder absichtlich mit dem Messer oder zufällig mit andern Werkzeugen

in sein Holz gebracht hatten, er zeigte noch die vertrockneten

Tintenbäche, welche entstanden waren, wenn mit dem Tintengefäß ein

Unglück geschehen war und wenn mit allem Waschen und Reiben keine

Abhilfe mehr gebracht werden konnte. Ich zog die Fächer heraus. Da lagen

noch in den meinigen meine Lehrbücher mit dem Rötel- oder

Bleifederzeichen in ihrem Innern, wie weit wir zu lernen hätten; es

lagen noch die Papierhefte darinnen, in welchen die Ausarbeitungen

unserer Aufgaben geschrieben waren, und es leuchteten die mit roter

Tinte gemachten Striche des Lehrers hervor, die unsere Fehler

bedeuteten; es lagen noch die veralteten, bestaubten Federn und

Bleistifte darinnen. Ebenso war es in den Fächern des Bruders. Auch in

ihnen lagen seine alten Lerngeräte in bester Ordnung beisammen. Ich

lernte jetzt an demselben Tische meine Aufgaben, an welchem ich sie vor

ziemlich vielen Jahren gelernt hatte. Ich schlief in dem nämlichen Bette

und hatte das Nachttischchen mit dem Licht daneben. Das Bett des Bruders

aber blieb leer und war immer zugedeckt. In den zwei Zimmern, in welchen

damals der Lehrer gewohnt hatte, hatte ich einige Kästen mit Kleidern

und andern Sachen; sonst waren sie auch unbewohnt und hatten nur noch

die alten Geräte. So war ich der einzige Bewohner des hintern

Gartenflügels, und dieser Zustand dauerte mehrere Jahre.

»Plötzlich starb unser Vater. Mein Schreck war fürchterlich. Kein Mensch

hatte geglaubt, daß es so nahe sei und daß es überhaupt eine Gefahr

geben könnte. Er hatte sich zwar in der letzten Zeit immer mehr

zurückgezogen, seine Gestalt war etwas verfallen, auch brachte er oft

mehrere Tage in dem Bette zu; allein wir hatten uns an diesen Zustand so

gewöhnt, daß er uns zuletzt auch als ein regelmäßiger erschien. Jeder

Hausbewohner sah ihn als den Vater an; der Vater gehörte so notwendig zu

dem Hause, daß man sich seinen Abgang nicht denken konnte, und ich habe

mir wirklich nie gedacht, daß er sterben könnte und daß er so krank sei.

In dem ersten Augenblick war alles in Verwirrung, dann aber wurden die

Leichenvorbereitungen gemacht. Mit seinem Leichenzuge gingen alle Armen

des Stadtbezirkes, es gingen die Männer seines Geschäftes mit, seine

Freunde, viele Fremde, die Arbeiter seines Hauses und seine zwei Söhne.

Es wurden sehr viele Tränen geweint, wie man um wenige Menschen des

Landes weint, und die Leute sagten, daß ein vortrefflicher Mann, ein

auserlesener Bürger und ein ehrenvoller Geschäftsmann begraben worden

sei. Nach einigen Tagen wurde das Testament eröffnet und in demselben

stand, daß wir beiden Brüder als Erben eingesetzt seien und uns das

Geschäft gemeinschaftlich zugefallen sei.

»Der Bruder sagte mir nach einiger Zeit, daß die ganze Last des

Geschäftes nun auf unsern Schultern liege, und ich eröffnete ihm nun

hierbei, daß ich das Lateinische, Griechische, die Naturgeschichte, die

Erdbeschreibung und die Rechenkunst, worin ich damals, als wir

unterrichtet wurden, geringe Fortschritte gemacht hatte, nachgelernt

hätte, und daß ich jetzt beinahe vollkommen in diesen Dingen bewandert

wäre. Er aber antwortete mir, daß Lateinisch, Griechisch und die übrigen

Fächer zu unserm Berufe nicht geradehin notwendig seien, und daß ich zu

spät diese Mühe verwendet hätte. Ich erwiderte ihm, daß ich, so wie ich

diese Lernfächer nachgelernt hätte, ich auch alle die Arbeiten und

Kenntnisse, die zu unserm Geschäfte unmittelbar notwendig wären,

allmählich nachlernen würde. Hierauf sagte er wieder, daß, wenn das

Geschäft auf mich warten müßte, ich zu einer Zeit fertig werden würde,

wenn es bereits zugrunde gegangen wäre. Er versprach aber, daß er sich

so annehmen werde, wie es in seinen Kräften möglich sei, und daß er mir

überlasse zu tun, wie es mir gefalle, daß ich Einsicht nehmen könne, daß

ich mithelfen könne, daß ich noch lernen könne, und daß mein Teil mir

aber in jedem Falle unverkümmert bewahrt werden solle.

Bunte Steine: Ein Festgeschenk · 第 6 / 25 段