Erfahrung gebracht hatte, wer der Knabe sei und wohin er gehöre, wurde
er samt dem Mädchen in die Pechbrennerhütte zu dem Oheime gebracht. Der
Oheim ging in den Wald hinauf und verbrannte vor Entsetzen die
Waldhütte, in welcher der tote Pechbrenner mit seinem Weibe lag. Auch
das Mädchen wurde von seinen Verwandten ausgekundschaftet und in der
Pechbrennerhütte abgeholt. Siehst du, es ist in jenen Zeiten auch in
andern Teilen der Wälder die Pest ausgebrochen, und es sind viele
Menschen an ihr gestorben; aber es kamen wieder andere Tage, und die
Gesundheit war wieder in unsern Gegenden. Der Knabe blieb nun bei dem
Oheime in der Hütte, wurde dort größer und größer, und sie betrieben das
Geschäft des Brennens von Wagenschmiere, Terpentin und andern Dingen.
Als schon viele Jahre vergangen waren, als der Knabe schon beinahe ein
Mann geworden war, kam einmal ein Wägelchen vor die Pechbrennerhütte
gefahren. In dem Wägelchen saß eine schöne Jungfrau, die ein weißes
Kleid und ein schwarzes Mäntelchen anhatte und an der Brust ein
Brombeersträußlein trug. Sie hatte die Wangen, die Augen und die feinen
Haare des Waldmädchens. Sie war gekommen, den Knaben zu sehen, der sie
gerettet und aus dem Walde geführt hatte. Sie und der alte Vetter, der
sie begleitete, baten den Jüngling, er möchte mit ihnen in das Schloß
des Mädchens gehen und dort leben. Der Jüngling, der das Mädchen auch
recht liebte, ging mit. Er lernte dort allerlei Dinge, wurde immer
geschickter und wurde endlich der Gemahl des Mädchens, das er zur Zeit
der Pest in dem Walde gefunden hatte. Siehst du, da bekam er ein Schloß,
er bekam Felder, Wiesen, Wälder, Wirtschaften und Gesinde, und wie er
schon in der Jugend verständig und aufmerksam gewesen war, so vermehrte
und verbesserte er alles und wurde von seinen Untergebenen, von seinen
Nachbarn und Freunden und von seinem Weibe geachtet und geliebt. Er
starb als ein angesehener Mann, der im ganzen Lande geehrt war. Wie
verschieden die Schicksale der Menschen sind! Seinen Oheim hat er oft
eingeladen, zu kommen, bei ihm zu wohnen und zu leben; dieser aber blieb
in der Pechbrennerhütte und trieb das Brenngeschäft fort und fort, und
als der Wald immer kleiner wurde, als die Felder und Wiesen bis zu
seiner Hütte vorgerückt waren, ging er tiefer in das Gehölz und trieb
dort das Brennen der Wagenschmiere weiter. Seine Nachkommen, die er
erhielt, als er in den Ehestand getreten war, blieben bei der nämlichen
Beschäftigung, und von ihm stammt der alte Andreas ab, der auch nur ein
Wagenschmierfuhrmann ist und nichts kann, als im Lande mit seinem
schwarzen Fasse herumziehen und törichten Knaben, die es nicht besser
verstehen, die Füße mit Wagenschmiere anstreichen.«
Mit diesen Worten hörte der Großvater zu erzählen auf. Wir blieben aber
noch immer auf dem Steine sitzen. Der Mond hatte immer heller und heller
geschienen, die Wolken hatten sich immer länger und länger gestreckt,
und ich schaute stets auf den schwarzen Vogelbeerbaum des Nachbars.
Da streckte sich das Antlitz der Großmutter aus der Tür heraus, und sie
fragte, ob wir denn nicht zum Essen gehen wollten. Wir gingen nun in die
Stube der Großeltern, die Großmutter tat ein schönes, aus braun- und
weißgestreiftem Pflaumenholze verfertigtes Hängetischchen von der Wand
herab, überdeckte es mit weißen Linnen, gab uns Teller und Eßgeräte und
stellte ein Huhn mit Reis auf. Da wir aßen, sagte sie mit böser Miene,
daß der Großvater noch törichter und unbesonnener sei als der Enkel,
weil er zum Waschen von Wagenschmierfüßen eine grünglasierte Schüssel
genommen habe, so daß man sie jetzt aus Ekel zu nichts mehr verwenden
könne.
Der Großvater lächelte und sagte: »So zerbrechen wir die Schüssel, daß
sie nicht einmal aus Unachtsamkeit doch genommen wird, und kaufen eine
neue; es ist doch besser, als wenn der Schelm länger in der Angst
geblieben wäre. Du nimmst dich ja auch um ihn an.«
Bei diesen Worten zeigte er gegen den Ofen, wo in einem kleinen Wännchen
meine Pechhöschen eingeweicht waren.
Als wir gegessen hatten, sagte der Großvater, daß ich nun schlafen gehen
solle, und er geleitete mich selber in meine Schlafkammer. Als wir durch
das Vorhaus gingen, wo ich in solche Strafe gekommen war, zwitscherten
die jungen Schwalben leise in ihrem Neste wie schlaftrunken, in der
großen Stube brannte ein Lämpchen auf dem Tische, das alle
Samstagsnächte zu Ehren der heiligen Jungfrau brannte, in dem
Schlafgemache der Eltern lag der Vater in dem Bette, hatte ein Licht
neben sich und las, wie er gewöhnlich zu tun pflegte; die Mutter war
nicht zu Hause, weil sie bei einer kranken Muhme war. Da wir den Vater
gegrüßt hatten, und er freundlich geantwortet hatte, gingen wir in das
Schlafzimmer der Kinder. Die Schwester und die kleinen Brüderchen
schlummerten schon. Der Großvater half mir mich entkleiden, und er blieb
bei mir, bis ich gebetet und das Deckchen über mich gezogen hatte. Dann
ging er fort. Aber ich konnte nicht schlafen, sondern dachte immer an
die Geschichte, die mir der Großvater erzählt hatte, ich dachte an
diesen Umstand und an jenen, und es fiel mir mehreres ein, um was ich
fragen müsse. Endlich machte doch die Müdigkeit ihr Recht geltend, und
der Schlaf senkte sich auf die Augen. Als ich noch im halben
Entschlummern war, sah ich bei dem Scheine des Lichtes, das aus dem
Schlafzimmer der Eltern hereinfiel, daß die Mutter hereinging, ohne daß
ich mich zu vollem Bewußtsein emporrichten konnte. Sie ging zu dem
Gefäße des Weihbrunnens, netzte sich die Finger, ging zu mir, bespritzte
mich und machte mir das Kreuzzeichen auf Stirn, Mund und Brust; ich
erkannte, daß alles verziehen sei, und schlief nun plötzlich mit
Versöhnungsfreuden, ich kann sagen beseligt, ein.
Aber der erste Schlaf ist doch kein ruhiger gewesen. Ich hatte viele
Sachen bei mir, Tote, Sterbende, Pestkranke, Drillingsföhren, das
Waldmädchen, den Machtbauer, des Nachbars Vogelbeerbaum, und der alte
Andreas strich mir schon wieder die Füße an. Aber der Verlauf des
Schlafes muß gut gewesen sein; denn als man mich erweckte, schien die
Sonne durch die Fenster herein, es war ein lieblicher Sonntag, alles war
festlich, wir bekamen nach dem Gebete Festtagsfrühstück, bekamen die
Festtagskleider, und als ich auf die Gasse ging, war alles rein, frisch
und klar, die Dinge der Nacht waren dahin, und der Vogelbeerbaum des
Nachbars war nicht halb so groß als gestern. Wir erhielten unsere
Gebetbücher und gingen in die Kirche, wo wir den Vater und Großvater auf
ihren Plätzen in dem Bürgerstuhle sahen.
Seitdem sind viele Jahre vergangen, der Stein liegt noch vor dem
Vaterhause, aber jetzt spielen die Kinder der Schwester darauf, und oft
mag das Mütterlein auf ihm sitzen und nach den Weltgegenden ausschauen,
in welche ihre Söhne zerstreut sind.
Wie es aber auch seltsame Dinge in der Welt gibt, die ganze Geschichte
des Großvaters weiß ich, ja durch lange Jahre, wenn man von schönen
Mädchen redete, fielen mir immer die feinen Haare des Waldmädchens ein:
aber von den Pechspuren, die alles einleiteten, weiß ich nichts mehr, ob
sie durch Waschen oder durch Abhobeln weggegangen sind, und oft, wenn
ich eine Heimreise beabsichtigte, nahm ich mir vor, die Mutter zu
fragen; aber auch das vergaß ich jedesmal wieder.
Kalkstein.
Ich erzähle hier eine Geschichte, die uns einmal ein Freund erzählt hat,
in der nichts Ungewöhnliches vorkömmt, und die ich doch nicht habe
vergessen können. Unter zehn Zuhörern werden neun den Mann, der in der
Geschichte vorkommt, tadeln, der zehnte wird oft an ihn denken. Die
Gelegenheit zu der Geschichte kam von einem Streite, der sich in der
Gesellschaft von uns Freunden darüber entspann, wie die Geistesgaben an
einem Menschen verteilt sein können. Einige behaupteten, es könne ein
Mensch mit einer gewissen Gabe außerordentlich bedacht sein und die
andern doch nur in einem geringen Maße besitzen. Man wies dabei auf die
sogenannten Virtuosen hin. Andere sagten, die Gaben der Seele seien
immer im gleichen Maße vorhanden, entweder alle gleich groß oder gleich
mittelmäßig oder gleich klein, nur hänge es von dem Geschicke ab, welche
Gabe vorzüglich ausgebildet wurde, und dies rufe den Anschein einer
Ungleichheit hervor. Raphael hätte unter andern Jugendeindrücken und
Zeitverhältnissen statt eines großen Malers ein großer Feldherr werden
können. Wieder andere meinten, wo die Vernunft als das übersinnliche
Vermögen und als das höchste Vermögen des Menschen überhaupt in großer
Fülle vorhanden sei, da seien es auch die übrigen, untergeordneten
Fähigkeiten. Das Umgekehrte gelte jedoch nicht; es könne eine niedere
Fähigkeit besonders hervorragen, die höhern aber nicht. Wohl aber, wenn
was immer für eine Begabung, sie sei selber hoch oder niedrig, bedeutend
ist, müssen es auch die ihr untergeordneten sein. Als Grund gaben sie
an, daß die niedere Fähigkeit immer die Dienerin der höheren sei, und
daß es ein Widersinn wäre, die höhere gebietende Gabe zu besitzen und
die niedere dienende nicht. Endlich waren noch einige, die sagten, Gott
habe die Menschen erschaffen, wie er sie erschaffen habe, man könnte
nicht wissen, wie er die Gaben verteilt habe und könne darüber nicht
hadern, weil es ungewiß sei, was in der Zukunft in dieser Beziehung noch
zum Vorscheine kommen könne. Da erzählte mein Freund seine Geschichte.
Ihr wißt alle, sagte er, daß ich mich schon seit vielen Jahren mit der
Meßkunst beschäftige, daß ich in Staatsdiensten bin, und daß ich mit
Aufträgen dieser Art von der Regierung bald hierhin, bald dorthin
gesendet wurde. Da habe ich verschiedene Landesteile und verschiedene
Menschen kennengelernt. Einmal war ich in der kleinen Stadt Wengen und
hatte die Aussicht, noch recht lange dort bleiben zu müssen, weil sich
die Geschäfte in die Länge zogen und noch dazu mehrten. Da kam ich öfter
in das nahegelegene Dorf Schauendorf und lernte dessen Pfarrer kennen,
einen vortrefflichen Mann, der die Obstbaumzucht eingeführt und gemacht
hatte, daß das Dorf, das früher mit Hecken, Dickicht und Geniste umgeben
war, jetzt einem Garten glich und in einer Fülle freundlicher Obstbäume
dalag. Einmal war ich von ihm zu einer Kirchenfeierlichkeit geladen, und
ich sagte, daß ich später kommen würde, da ich einige notwendige
Arbeiten abzutun hätte. Als ich mit meinen Arbeiten fertig war, begab
ich mich auf den Weg nach Schauendorf. Ich ging über die Feldhöhen hin,
ich ging durch die Obstbäume, und da ich mich dem Pfarrhofe näherte, sah
ich, daß das Mittagsmahl bereits begonnen haben müsse. In dem Garten,
der, wie bei vielen katholischen Pfarrhöfen, vor dem Hause lag, war kein
Mensch, die gegen den Garten gehenden Fenster waren offen, in der Küche,
in die mir ein Einblick gegönnt war, waren die Mägde um das Feuer
vollauf beschäftigt, und aus der Stube drang einzelnes Klappern der
Teller und Klirren der Eßgeräte. Da ich eintrat, sah ich die Gäste um
den Tisch sitzen und ein unberührtes Gedeck für mich aufbewahrt. Der
Pfarrer führte mich zu demselben hin und nötigte mich zum Sitzen. Er
sagte, er wolle mir die anwesenden Mitglieder nicht vorstellen und ihren
Namen nicht nennen, einige seien mir ohnehin bekannt, andere würde ich
im Verlaufe des Essens schon kennenlernen, und die übrigen würde er mir,
wenn wir aufgestanden wären, nennen. Ich setzte mich also nieder, und
was der Pfarrer vorausgesagt hatte, geschah. Ich wurde mit manchem
Anwesenden bekannt, von manchem erfuhr ich Namen und Verhältnisse, und
da die Gerichte sich ablösten, und der Wein die Zungen öffnete, war
manche junge Bekanntschaft schon wie eine alte. Nur ein einziger Gast
war nicht zu erkennen. Lächelnd und freundlich saß er da, er hörte
aufmerksam alles an, er wandte immer das Angesicht der Gegend, wo eifrig
gesprochen wurde, zu, als ob ihn eine Pflicht dazu antriebe, seine
Mienen gaben allen Redenden recht, und wenn an einem andern Orte das
Gespräch wieder lebhafter wurde, wandte er sich dorthin und hörte zu.
Selber aber sprach er kein Wort. Er saß ziemlich weit unten, und seine
schwarze Gestalt ragte über das weiße Linnengedecke der Tafel empor, und
obwohl er nicht groß war, so richtete er sich nie vollends auf, als
hielte er das für unschicklich. Er hatte den Anzug eines armen
Landgeistlichen. Sein Rock war sehr abgetragen, die Fäden waren daran
sichtbar, er glänzte an manchen Stellen und an andern hatte er die
schwarze Farbe verloren und war rötlich oder fahl. Die Knöpfe daran
waren von starkem Bein. Die schwarze Weste war sehr lang und hatte
ebenfalls beinerne Knöpfe. Die zwei winzig kleinen Läppchen von weißer
Farbe -- das einzige Weiße, das er an sich hatte --, die über sein
schwarzes Halstuch herabhingen, bezeugten seine Würde. Bei den Ärmeln
gingen, wie er so saß, manchmal ein ganz klein wenig eine Art
Handkrausen hervor, die er immer bemüht war wieder heimlich
zurückzuschieben. Vielleicht waren sie in einem Zustande, daß er sich
ihrer ein wenig hätte schämen müssen. Ich sah, daß er von keiner Speise
viel nahm, und dem Aufwärter, der sie darreichte, immer höflich dankte.
Als der Nachtisch kam, nippte er kaum von dem besseren Weine, nahm von
dem Zuckerwerke nur kleine Stückchen und legte nichts auf seinen Teller
heraus, wie doch die andern taten, um nach der Sitte ihren Angehörigen
eine kleine Erinnerung zu bringen.
Dieser Eigenheiten willen fiel mir der Mann auf.
Als das Mahl vorüber war und die Gäste sich erhoben hatten, konnte ich
auch den übrigen Teil seines Körpers betrachten. Die Beinkleider waren
von demselben Stoffe und in demselben Zustande wie der Rock, sie
reichten bis unter die Knie und waren dort durch Schnallen
zusammengehalten. Dann folgten schwarze Strümpfe, die aber fast grau
waren. Die Füße standen in weiten Schuhen, die große Schnallen hatten.
Sie waren von starkem Leder und hatten dicke Sohlen. So angezogen stand
der Mann, als sich Gruppen zu Gesprächen gebildet hatten, fast allein
da, und sein Rücken berührte beinahe den Fensterpfeiler. Sein
körperliches Aussehen stimmte zu seinem Anzuge. Er hatte ein längliches,
sanftes, fast eingeschüchtertes Angesicht mit sehr schönen, klaren,
blauen Augen. Die braunen Haare gingen schlicht gegen hinten zusammen,
es zogen sich schon weiße Fäden durch sie, die anzeigten, daß er sich
bereits den fünfzig Jahren nähere, oder daß er Sorge und Kummer gehabt
haben müsse.
Nach kurzer Zeit suchte er aus einem Winkel ein spanisches Rohr hervor,
das einen schwarzen Beinknopf hatte, wie die an seinen Kleidern waren,
näherte sich dem Hausherrn und begann Abschied zu nehmen. Der Hausherr
fragte ihn, ob er denn schon gehen wolle, worauf er antwortete, es sei
für ihn schon Zeit, er habe vier Stunden nach seinem Pfarrhofe zu gehen,
und seine Füße seien nicht mehr so gut wie in jüngeren Jahren. Der
Pfarrer hielt ihn nicht auf. Er empfahl sich allseitig, ging zur Tür
hinaus, und gleich darauf sahen wir ihn durch die Kornfelder
dahinwandeln, den Hügel, der das Dorf gegen Sonnenuntergang begrenzte,
hinansteigen und dort gleichsam in die glänzende Nachmittagsluft
verschwinden.
Ich fragte, wer der Mann wäre, und erfuhr, daß er in einer armen Gegend
Pfarrer sei, daß er schon sehr lange dort sei, daß er nicht weg verlange
und daß er selten das Haus verlasse, außer bei einer sehr dringenden
Veranlassung. --
Es waren seit jenem Gastmahle viele Jahre vergangen, und ich hatte den
Mann vollständig vergessen, als mich mein Beruf einmal in eine
fürchterliche Gegend rief. Nicht daß Wildnisse, Schlünde, Abgründe,
Felsen und stürzende Wässer dort gewesen wären -- das alles zieht mich
eigentlich an --, sondern es waren nur sehr viele kleine Hügel da, jeder
Hügel bestand aus nacktem, grauem Kalksteine, der aber nicht, wie es oft
bei diesem Gesteine der Fall ist, zerrissen war oder steil abfiel,
sondern in rundlichen, breiten Gestalten auseinanderging und an seinem
Fuße eine lange, gestreckte Sandbank um sich herum hatte. Durch diese
Hügel ging in großen Windungen ein kleiner Fluß namens Zirder. Das
Wasser des Flusses, das in der grauen und gelben Farbe des Steines und
Sandes durch den Widerschein des Himmels oft dunkelblau erschien, dann
die schmalen grünen Streifen, die oft am Saume des Wassers hingingen,
und die andern einzelnen Rasenflecke, die in dem Gesteine hier und da
lagen, bildeten die ganze Abwechslung und Erquickung in dieser Gegend.
Ich wohnte in einem Gasthofe, der in einem etwas besseren und darum sehr
entfernten Teile der Gegend lag. Es ging dort eine Straße über eine
Anhöhe und führte, wie das in manchen Gegenden der Fall ist, den Namen
Hochstraße, welchen Namen auch der Gasthof hatte. Um nicht durch Hin-
und Hergehen zu viele Zeit zu verlieren, nahm ich mir immer kalte
Speisen und Wein auf meinen Arbeitsplatz mit und aß erst am Abende mein
Mittagsmahl. Einige meiner Leute wohnten auch in dem Gasthofe, die
andern richteten sich ein, wie es ging, und bauten sich kleine hölzerne
Hüttchen in dem Steinlande.
Die Gegend namens Steinkar, obwohl sie im Grunde nicht außerordentlich
abgelegen ist, wird doch wenigen Menschen bekannt sein, weil keine
Veranlassung ist, dorthin zu reisen.
Eines Abends, als ich von meinen Arbeiten allein nach Hause ging, weil
ich meine Leute vorausgeschickt hatte, sah ich meinen armen Pfarrer auf
einem Sandhaufen sitzen. Er hatte seine großen Schuhe fast in den Sand
vergraben, und auf den Schößen seines Rockes lag Sand. Ich erkannte ihn
in dem Augenblicke. Er war ungefähr so gekleidet wie damals, als ich
ihn zum ersten Male gesehen hatte. Seine Haare waren jetzt viel grauer,
als hätten sie sich beeilt, diese Farbe anzunehmen, sein längliches
Angesicht hatte deutliche Falten bekommen, und nur die Augen waren blau
und klar wie früher. An seiner Seite lehnte das Rohr mit dem schwarzen
Beinknopfe.
Ich hielt in meinem Gange inne, trat näher zu ihm und grüßte ihn.
Er hatte keinen Gruß erwartet, daher stand er eilfertig auf und bedankte
sich. In seinen Mienen war keine Spur vorhanden, daß er mich erkenne; es
konnte auch nicht sein; denn bei jenem Gastmahle hat er mich gewiß viel
weniger betrachtet, als ich ihn. Er blieb nun so vor mir stehen und sah
mich an. Ich sagte daher, um ein Gespräch einzuleiten: »Euer Ehrwürden
werden mich nicht mehr kennen.«
»Ich bin nicht der Ehre teilhaftig,« antwortete er.
»Aber ich habe die Ehre gehabt,« sagte ich, auf den Ton seiner
Höflichkeit eingehend, »mit Euer Ehrwürden an ein und derselben Tafel zu
speisen.«
»Ich kann mich nicht mehr erinnern,« erwiderte er.
»Euer Ehrwürden sind doch derselbe Mann,« sagte ich, »der einmal vor
mehreren Jahren auf einem Kirchenfeste bei dem Pfarrer zu Schauendorf
war und nach dem Speisen der erste fortging, weil er, wie er sagte, vier
Stunden bis zu seinem Pfarrhofe zu gehen hätte?«
»Ja, ich bin derselbe Mann,« antwortete er, »ich bin vor acht Jahren zu
der hundertjährigen Jubelfeier der Kircheneinweihung nach Schauendorf
gegangen, weil es sich gebührt hat, ich bin bei dem Mittagsessen
geblieben, weil mich der Pfarrer eingeladen hat, und bin der erste nach
dem Essen fortgegangen, weil ich vier Stunden nach Hause zurückzulegen
hatte. Ich bin seither nicht mehr nach Schauendorf gekommen.«
»Nun, an jener Tafel bin ich auch gesessen,« sagte ich, »und habe Euer
Ehrwürden heute sogleich erkannt.«
»Das ist zu verwundern -- nach so vielen Jahren,« sagte er.
»Mein Beruf bringt es mit sich,« erwiderte ich, »daß ich mit vielen
Menschen verkehre und sie mir merke, und da habe ich denn im Merken eine
solche Fertigkeit erlangt, daß ich auch Menschen wiedererkenne, die ich
vor Jahren und auch nur ein einziges Mal gesehen habe. Und in dieser
abscheulichen Gegend haben wir uns wiedergefunden.«
»Sie ist, wie sie Gott erschaffen hat,« antwortete er, »es wachsen hier
nicht so viele Bäume wie in Schauendorf, aber manches Mal ist sie auch
so schön, und zuweilen ist sie schöner als alle andern in der Welt.«
Ich fragte ihn, ob er in der Gegend ansässig sei, und er antwortete,
daß er siebenundzwanzig Jahre Pfarrer in dem Kar sei. Ich erzählte ihm,
daß ich hierher gesendet worden sei, um die Gegend zu vermessen, daß
ich die Hügel und Täler aufnehme, um sie auf dem Papier verkleinert
darzustellen, und daß ich in der Hochstraße draußen wohne. Als ich ihn
fragte, ob er oft hierherkomme, erwiderte er: »Ich gehe gern heraus, um
meine Füße zu üben, und sitze dann auf einem Steine, um die Dinge zu
betrachten.«
Wir waren während dieses Gespräches ins Gehen gekommen, er ging an
meiner Seite, und wir redeten noch von manchen gleichgültigen Dingen,
vom Wetter, von der Jahreszeit, wie diese Steine besonders geeignet
seien, die Sonnenstrahlen einzusaugen, und von anderm.
Waren seine Kleider schon bei jenem Gastmahle schlecht gewesen, so waren
sie jetzt womöglich noch schlechter. Ich konnte mich nicht erinnern,
seinen Hut damals gesehen zu haben; jetzt aber mußte ich wiederholt auf
ihn hinblicken; denn es war nicht ein einziges Härchen auf ihm.
Als wir an die Stelle gelangt waren, wo sein Weg sich von dem meinigen
trennte und zu seinem Pfarrhofe in das Kar hinabführte, nahmen wir
Abschied und sprachen die Hoffnung aus, daß wir uns nun öfter treffen
würden.
Ich ging auf meinem Wege nach der Hochstraße dahin und dachte immer an
den Pfarrer. Die ungemeine Armut, wie ich sie noch niemals bei einem
Menschen oberhalb des Bettlerstandes angetroffen habe, namentlich nicht
bei solchen, die andern als Muster der Reinlichkeit und Ordnung
vorzuleuchten haben, schwebte mir beständig vor. Zwar war der Pfarrer
beinahe ängstlich reinlich, aber gerade diese Reinlichkeit hob die Armut
noch peinlicher hervor und zeigte die Lockerheit der Fäden, das
Unhaltbare und Wesenlose dieser Kleidung. Ich sah noch auf die Hügel,
welche nur mit Stein bedeckt waren, ich sah noch auf die Täler, in
welchen sich nur die langen Sandbänke dahinzogen, und ging dann in
meinen Gasthof, um den Ziegenbraten zu verzehren, den sie mir dort öfter
vorsetzten.
Ich fragte nicht um den Pfarrer, um keine rohe Antwort zu bekommen.
Von nun an kam ich öfter mit dem Pfarrer zusammen. Da ich den ganzen Tag
in dem Steinkar war und abends noch öfter in demselben herumschlenderte,
um verschiedene Richtungen und Abteilungen kennenzulernen, da er auch
zuweilen herauskam, so konnte es nicht fehlen, daß wir uns trafen. Wir
kamen auch einige Male zu Gesprächen. Er schien nicht ungern mit mir
zusammenzutreffen, und ich sah es auch gerne, wenn ich mit ihm
zusammenkam. Wir gingen später öfter miteinander in den Steinen herum
oder saßen auf einem und betrachteten die andern. Er zeigte mir manches
Tierchen, manche Pflanze, die der Gegend eigentümlich waren, er zeigte
mir die Besonderheiten der Gegend und machte mich auf die
Verschiedenheiten mancher Steinhügel aufmerksam, die der sorgfältigste
Beobachter für ganz gleichgebildet angesehen haben würde. Ich erzählte
ihm von meinen Reisen, zeigte ihm unsere Werkzeuge und erklärte ihm bei
Gelegenheit unserer Arbeiten manchmal deren Gebrauch.
Ich kam nach der Zeit auch einige Male mit ihm in seinen Pfarrhof
hinunter. Wo das stärkste Gestein sich ein wenig auflöst, gingen wir
über eine sanftere Abdachung gegen das Kar hinab. An dem Rande der
Gesteine lag eine Wiese, es standen mehrere Bäume darauf, unter ihnen
eine schöne, große Linde, und hinter der Linde stand der Pfarrhof. Er
war damals ein weißes Gebäude mit einem Stockwerke, das sich von dem
freundlicheren Grün der Wiese, von den Bäumen und von dem Grau der
Steine schön abhob. Das Dach war mit Schindeln gedeckt. Die Dachfenster
waren mit Türchen versehen, und die Fenster des Hauses waren mit grünen
Flügelbalken zu schließen. Weiter zurück, wo die Landschaft einen Winkel
macht, stand gleichsam in die Felsen versteckt die Kirche mit dem rot
angestrichenen Kirchturmdache. In einem andern Teile des Kar stand in
einem dürftigen Garten die Schule. Diese drei einzigen Gebäude waren das
ganze Kar. Die übrigen Behausungen waren in der Gegend zerstreut. An
manchem Stein gleichsam angeklebt lag eine Hütte mit einem Gärtchen mit
Kartoffeln ober Ziegenfutter. Weit draußen gegen das Land hin lag auch
ein fruchtbarerer Teil, der zu der Gemeinde gehörte und der auch Acker-,
Wiesen- und Kleegrund hatte.
Im Angesichte der Fenster des Pfarrhofes ging am Rande der Wiese die
Zirder vorüber, und über den Fluß führte ein hoher Steg, der sich gegen
die Wiese herabsenkte. Die Wiesenfläche war nicht viel höher als das
Flußbett. Dieses Bild des hohen Steges über den einsamen Fluß war nebst
der Steingegend das einzige, das man von dem Pfarrhofe sehen konnte.
Wenn ich mit dem Pfarrer in sein Haus ging, führte er mich nie in das
obere Stockwerk, sondern er geleitete mich stets durch ein geräumiges
Vorhaus in ein kleines Stüblein. Das Vorhaus war ganz leer; nur in einer
Mauervertiefung, die sehr breit, aber seicht war, stand eine lange
hölzerne Bank. Auf der Bank lag immer, so oft ich den Vorhof besuchte,
eine Bibel, ein großes, in starkes Leder gebundenes Buch. In dem
Stüblein war nur ein weicher, unangestrichener Tisch, um ihn einige
Sessel derselben Art, dann an der Wand eine hölzerne Bank und zwei gelb
angestrichene Schreine. Sonst war nichts vorhanden, man müßte nur ein
kleines, sehr schön aus Birnholz geschnitztes mittelalterliches Kruzifix
hierher rechnen, das über dem ebenfalls kleinen Weihbrunnenkessel an dem
Türpfosten hing.