»und alles in einem feurigen Rauche schwebte, würde ich dir die Stelle
zeigen können, von der ich jetzt reden werde, und die in unsere
Erzählung gehört. Sie ist viele Wegestunden von hier, sie ist uns gerade
gegenüber, wo die Sonne untersinkt, und dort sind erst die rechten
Wälder. Dort stehen die Tannen und Fichten, es stehen die Erlen und
Ahorne, die Buchen und andere Bäume wie die Könige, und das Volk der
Gebüsche und das dichte Gedränge der Gräser und Kräuter, der Blumen, der
Beeren und Moose stehen unter ihnen. Die Quellen gehen von allen Höhen
herab und rauschen und murmeln und erzählen, was sie immer erzählt
haben, sie gehen über Kiesel wie leichtes Glas und vereinigen sich zu
Bächen, um hinaus in die Länder zu kommen, oben singen die Vögel, es
leuchten die weißen Wolken, die Regen stürzen nieder, und wenn es Nacht
wird, scheint der Mond auf alles, daß es wie ein genetztes Tuch aus
silbernen Fäden ist. In diesem Walde ist ein sehr dunkler See, hinter
ihm ist eine graue Felsenwand, die sich in ihm spiegelt, an seinen
Seiten stehen dunkle Bäume, die in das Wasser schauen, und vorne sind
Himbeer- und Brombeergehege, die einen Verhau machen. An der Felsenwand
liegt ein weißes Gewirre herabgestürzter Bäume, aus den Brombeeren steht
mancher weiße Stamm empor, der von dem Blitz zerstört ist, und schaut
auf den See, große graue Steine liegen hundert Jahre herum, und die
Vögel und das Gewild kommen zu dem See, um zu trinken.«
»Das ist der See, Großvater, den ich im Heraufgehen genannt habe,« sagte
ich, »die Großmutter hat uns von seinem Wasser erzählt, und den
seltsamen Fischen, die darin sind, und wenn ein weißes Wölklein über ihm
steht, so kömmt ein Gewitter.«
»Und wenn ein weißes Wölklein über ihm steht,« fuhr der Großvater fort,
»und sonst heiterer Himmel ist, so gesellen sich immer mehrere dazu, es
wird ein Wolkenheer, und das löst sich von dem Walde los und zieht zu
uns mit dem Gewitter heraus, das uns den schweren Regen bringt und auch
öfter den Hagel. Am Rande dieses Waldes, wo heutzutage schon Felder
sind, wo aber dazumal noch dichtes Gehölze war, befand sich zur Zeit der
Pest eine Pechbrennerhütte. In derselben wohnte der Mann, von dem ich
dir erzählen will. Mein Großvater hat sie noch gekannt, und er hat
gesagt, daß man zeitweilig von dem Walde den Rauch habe aufsteigen
sehen, wie du heute die Rauchfäden hast aufsteigen gesehen, da wir
heraufgegangen sind.«
»Ja, Großvater,« sagte ich.
»Dieser Pechbrenner,« fuhr er fort, »wollte sich in der Pest der
allgemeinen Heimsuchung entziehen, die Gott über die Menschen verhängt
hatte. Er wollte in den höchsten Wald hinaufgehen, wo nie ein Besuch von
Menschen hinkömmt, wo nie eine Luft von Menschen hinkömmt, wo alles
anders ist als unten, und wo er gesund zu bleiben gedachte. Wenn aber
doch einer zu ihm gelangte, so wollte er ihn eher mit einem Schürbaume
erschlagen, als daß er ihn näherkommen und die Seuche bringen ließe.
Wenn aber die Krankheit lange vorüber wäre, dann wollte er wieder
zurückkehren und weiterleben. Als daher die schwarzen Schubkarrenführer,
die von ihm die Wagenschmiere holten, die Kunde brachten, daß in den
angrenzenden Ländern schon die Pest entstanden sei, machte er sich auf
und ging in den hohen Wald hinauf. Er ging aber noch weiter, als wo der
See ist, er ging dahin, wo der Wald noch ist, wie er bei der Schöpfung
gewesen war, wo noch keine Menschen gearbeitet haben, wo kein Baum
umbricht, als wenn er vom Blitze getroffen ist, oder von dem Winde
umgestürzt wird; dann bleibt er liegen, und aus seinem Leibe wachsen
neue Bäumchen und Kräuter empor; die Stämme stehen in die Höhe, und
zwischen ihnen sind die unangesehenen und unangetasteten Blumen und
Gräser und Kräuter.«
Während der Großvater dieses sagte, war die Sonne untergegangen. Der
feurige Rauch war plötzlich verschwunden, der Himmel, an welchem keine
einzige Wolke stand, war ein goldener Grund geworden, wie man in alten
Gemälden sieht, und der Wald ging nun deutlich und dunkelblau in diesem
Grunde dahin.
»Siehe, Kind, jetzt können wir die Stelle sehen, von der ich rede,«
sagte der Großvater, »blicke da gerade gegen den Wald, und da wirst du
eine tiefere blaue Färbung sehen; das ist das Becken, in welchem der See
ist. Ich weiß nicht, ob du es siehst.«
»Ich sehe es,« antwortete ich, »ich sehe auch die schwachen grauen
Streifen, welche die Seewand bedeuten.«
»Da hast du schärfere Augen als ich,« erwiderte der Großvater; »jetzt
gehe mit den Augen von der Seewand rechts und gegen den Rand empor, dann
hast du jene höheren großen Waldungen. Es soll ein Fels dort sein, der
wie ein Hut überhängende Krempen hat und wie ein kleiner Auswuchs an dem
Waldrande zu sehen ist.«
»Großvater, ich sehe den kleinen Auswuchs.«
»Er heißt der Hutfels und ist noch weit oberhalb des Sees im Hochwalde,
wo kaum ein Mensch gewesen ist. An dem See soll aber schon eine hölzerne
Wohnung gestanden sein. Der Ritter von Wittinghausen hat sie als
Zufluchtsort für seine zwei Töchter im Schwedenkriege erbaut. Seine Burg
ist damals verbrannt worden, die Ruinen stehen noch wie ein blauer
Würfel aus dem Thomaswalde empor.«
»Ich kenne die Ruine, Großvater.«
»Das Haus war hinter dem See, wo die Wand es beschützte, und ein alter
Jäger hat die Mädchen bewacht. Heutzutage ist von alledem keine Spur
mehr vorhanden. Von diesem See ging der Pechbrenner bis zum Hutfels
hinan und suchte sich einen geeigneten Platz aus. Er war aber nicht
allein, sondern es waren sein Weib und seine Kinder mit ihm, es waren
seine Brüder, Vettern, Muhmen und Knechte mit, er hatte sein Vieh und
seine Geräte mitgenommen. Er hatte auch allerlei Sämereien und Getreide
mitgeführt, um in der aufgelockerten Erde anbauen zu können, daß er sich
Vorrat für die künftigen Zeiten sammle. Nun baute man die Hütten für
Menschen und Tiere, man baute die Öfen zum Brennen der Ware, und man
säte die Samen in die aufgegrabenen Felder. Unter den Leuten im Walde
war auch ein Bruder des Pechbrenners, der nicht in dem Walde bleiben,
sondern wieder zu der Hütte zurückkehren wollte. Da sagte der
Pechbrenner, daß er ihnen ein Zeichen geben solle, wenn die Pest
ausgebrochen sei. Er solle auf dem Hausberge in der Mittagsstunde eine
Rauchsäule aufsteigen lassen, solle dieselbe eine Stunde gleichartig
dauern lassen und solle dann das Feuer dämpfen, daß sie aufhöre.
Dies solle er zur Gewißheit drei Tage hintereinander tun, daß die
Waldbewohner daran ein Zeichen erkennen, das ihnen gegeben worden sei.
Wenn aber die Seuche aufgehört habe, solle er ihnen auch eine Nachricht
geben, daß sie hinabgehen könnten und die Krankheit nicht bekämen. Er
solle eine Rauchsäule um die Mittagsstunde von dem Hausberge aufsteigen
lassen, solle sie eine Stunde gleichartig erhalten und dann das Feuer
löschen. Dies solle er vier Tage hintereinander tun, aber an jedem Tage
eine Stunde später; an diesem besonderen Vorgange würden sie erkennen,
daß nun alle Gefahr vorüber sei. Wenn er aber erkranke, so solle er den
Auftrag einem Freunde oder Bekannten als Testament hinterlassen, und
dieser ihn wieder einem Freunde oder Bekannten, so daß einmal einer eine
Rauchsäule errege und von dem Pechbrenner eine Belohnung zu erwarten
habe. Kennst du den Hausberg?«
»Ja, Großvater,« antwortete ich, »es ist der schwarze, spitzige Wald,
der hinter Pernek emporsteigt, und auf dessen Gipfel ein Felsklumpen
ist.«
»Ja,« sagte der Großvater, »der ist es. Es sollen einmal drei Brüder
gelebt haben, einer auf der Alpe, einer auf dem Hausberge und einer auf
dem Thomaswalde. Sie sollen sich Zeichen gegeben haben, wenn einem eine
Gefahr drohte, bei Tage einen Rauch, bei Nacht ein Feuer, daß es gesehen
würde, und daß die andern zu Hilfe kämen. Ich weiß nicht, ob die Brüder
gelebt haben. In dem hohen Walde wohnten nun die Ausgewanderten fort,
und als die Pest in unsern Gegenden ausgebrochen war, stieg um die
Mittagsstunde eine Rauchsäule von dem Hausberge empor, dauerte eine
Stunde gleichartig fort und hörte dann auf. Dies geschah drei Tage
hintereinander, und die Leute in dem Walde wußten, was sich begeben
hatte. -- Aber siehe, wie es schon kühl geworden ist, und wie bereits
der Tau auf die Gräser fällt; komm, ich werde dir dein Jäckchen
zumachen, daß du nicht frierst, und werde dir dann die Geschichte
weitererzählen.«
Wir waren während der Erzählung des Großvaters in die Dürrschnäbel
gekommen, wir waren an der Drillingsföhre vorübergegangen und unter den
dunklen Stämmen auf dem fast farblosen Grase bis zu den Feldern von
Oberplan gekommen. Der Großvater legte seinen Stock auf den Boden,
beugte sich zu mir herab, nestelte mir das Halstuch fester, richtete mir
das Westchen zurecht und knöpfte mir das Jäckchen zu. Hierauf knöpfte er
sich auch seinen Rock zu, nahm seinen Stab, und wir gingen weiter.
»Siehst du, mein liebes Kind,« fuhr er fort, »es hat aber alles nichts
geholfen, und es war nur eine Versuchung Gottes. Da die Büsche des
Waldes ihre Blüten bekommen hatten, weiße und rote, wie die Natur will,
da aus den Blüten Beeren geworden waren, da die Dinge, welche der
Pechbrenner in Walderde gebaut hatte, aufgegangen und gewachsen waren,
da die Gerste die goldenen Barthaare bekommen hatte, da das Korn schon
weißlich wurde, da die Haferflocken an den kleinen Fädlein hingen, und
das Kartoffelkraut seine grünen Kugeln und bläulichen Blüten trug: waren
alle Leute des Pechbrenners, er selber und seine Frau bis auf einen
einzigen kleinen Knaben, den Sohn des Pechbrenners, gestorben. Der
Pechbrenner und sein Weib waren die letzten gewesen, und da die
Überlebenden immer die Toten begraben hatten, der Pechbrenner und sein
Weib aber niemand hinter sich hatten, und der Knabe zu schwach war, sie
zu begraben, blieben sie als Tote in ihrer Hütte liegen. Der Knabe war
nun allein in dem fürchterlichen, großen Walde. Er ließ die Tiere aus,
welche in den Ställen waren, weil er sie nicht füttern konnte, er
dachte, daß sie an den Gräsern des Waldes eine Nahrung finden würden,
und dann lief er selber von der Hütte weg, weil er den toten Mann und
das tote Weib entsetzlich fürchtete. Er ging auf eine freie Stelle des
Waldes, und da war jetzt überall niemand, niemand als der Tod. Wenn er
in der Mitte von Blumen und Gesträuchen niederkniete und betete oder
wenn er um Vater und Mutter und um die andern Leute weinte und jammerte,
und wenn er da wieder aufstand, so war nichts um ihn als die Blumen und
Gesträuche und das Vieh, welches unter die Bäume des Waldes hinein
weidete und mit den Glocken läutete. Siehst du, so war es mit dem
Knaben, der vielleicht gerade so groß war wie du. Aber siehe, die
Pechbrennerknaben sind nicht wie die in den Marktflecken oder in den
Städten, sie sind schon unterrichteter in den Dingen der Natur, sie
wachsen in dem Walde auf, sie können mit dem Feuer umgehen, sie fürchten
die Gewitter nicht und haben wenig Kleider, im Sommer keine Schuhe und
auf dem Haupte statt eines Hutes die berußten Haare. Am Abend nahm der
Knabe Stahl, Stein und Schwamm aus seiner Tasche und machte sich ein
Feuer; das in den Öfen der Pechbrenner war längst ausgegangen und
erloschen. Als ihn hungerte, grub er mit der Hand Kartoffeln aus, die
unter den emporwachsenden Reben waren, und briet sie in der Glut des
Feuers. Zu trinken gaben ihm Quellen und Bäche. Am andern Tage suchte er
einen Ausweg aus dem Walde. Er wußte nicht mehr, wie sie in den Wald
hinaufgekommen waren. Er ging auf die höchste Stelle des Berges, er
kletterte auf einen Baum und spähte, aber er sah nichts als Wald und
lauter Wald. Er gedachte nun zu immer höhern und höhern Stellen des
Waldes zu gehen, bis er einmal hinaussähe und das Ende des Waldes
erblickte. Zur Nahrung nahm er jetzt auch noch die Körner der Gerste und
des Kornes, welche er samt den Ähren auf einem Steine über dem Feuer
röstete, wodurch sich die Haare und Hülsen verbrannten, oder er löste
die rohen, zarten Kornkörner aus den Hülsen oder er schälte Rüben, die
in den Kohlbeeten wuchsen. In den Nächten hüllte er sich in Blätter und
Zweige und deckte sich mit Reisig. Die Tiere, welche er ausgelassen
hatte, waren fortgegangen, entweder weil sie sich in dem Walde verirrt
hatten oder weil sie auch die Totenhütte scheuten und von ihr flohen; er
hörte das Läuten nicht mehr, und sie kamen nicht zum Vorscheine. Eines
Tages, da er die Tiere suchte, fand er auf einem Hügel, auf welchem
Brombeeren und Steine waren, mitten in einem Brombeergestrüppe ein
kleines Mädchen liegen. Dem Knaben klopfte das Herz außerordentlich, er
ging näher, das Mädchen lebte, aber es hatte die Krankheit und lag ohne
Bewußtsein da. Er ging noch näher, das Mädchen hatte weiße Kleider und
ein schwarzes Mäntelchen an, es hatte wirre Haare und lag so ungefüg in
dem Gestrüpp, als wäre es hineingeworfen worden. Er rief, aber er bekam
keine Antwort, er nahm das Mädchen bei der Hand, aber die Hand konnte
nichts fassen und war ohne Leben. Er lief in das Tal, schöpfte mit
seinem alten Hute, den er aus der Hütte mitgenommen hatte, Wasser,
brachte es zu dem Mädchen zurück und befeuchtete ihm die Lippen. Dies
tat er nun öfter. Er wußte nicht, womit dem Kinde zu helfen wäre, und
wenn er es auch gewußt hätte, so hätte er nichts gehabt, um es ihm zu
geben. Weil er durch das verworrene Gestrüpp nicht leicht zu dem Platze
gelangen konnte, auf welchem das Mädchen lag, so nahm er nun einen
großen Stein, legte ihn auf die kriechenden Ranken der Brombeeren und
wiederholte das so lange, bis er die Brombeeren bedeckt hatte, bis sie
niedergehalten wurden, und die Steine ein Pflaster bildeten. Auf dieses
Pflaster kniete er nieder, rückte das Kind, sah es an, strich ihm die
Haare zurecht, und weil er keinen Kamm hatte, so wischte er die nassen
Locken mit seinen Händen ab, daß sie wieder schönen, feinen,
menschlichen Haaren glichen. Weil er aber das Mädchen nicht heben
konnte, um es auf einen besseren Platz zu tragen, so lief er auf den
Hügel, riß dort das dürre Gras ab, riß die Halme ab, die hoch an dem
Gesteine wuchsen, sammelte das trockene Laub, das von dem vorigen
Herbste übrig war, und das entweder unter Gestrüppen hing oder von dem
Winde in Steinklüfte zusammengeweht worden war, und tat alles auf einen
Haufen. Da es genug war, trug er es zu dem Mädchen und machte ihm ein
weicheres Lager. Er tat die Dinge an jene Stellen unter ihrem Körper, wo
sie am meisten not taten. Dann schnitt er mit seinem Messer Zweige von
den Gesträuchen, steckte sie um das Kind in die Erde, band sie an den
Spitzen mit Gras und Halmen zusammen und legte noch leichte Äste darauf,
daß sie ein Dach bildeten. Auf den Körper des Mädchens legte er Zweige
und bedeckte sie mit breitblättrigen Kräutern, zum Beispiel mit
Huflattig, daß sie eine Decke bildeten. Für sich holte er dann Nahrung
aus den Feldern des toten Vaters. Bei der Nacht machte er ein Feuer aus
zusammengetragenem Holze und Moder. So saß er bei Tage bei dem
bewußtlosen Kinde, hütete es und schützte es vor Tieren und Fliegen, bei
Nacht unterhielt er ein glänzendes Feuer. Siehe, das Kind starb aber
nicht, sondern die Krankheit besserte sich immer mehr und mehr, die
Wänglein wurden wieder lieblicher und schöner, die Lippen bekamen die
Rosenfarbe und waren nicht mehr so bleich und gelblich, und die Äuglein
öffneten sich und schauten herum. Es fing auch an zu essen, es aß die
Erdbeeren, die noch zu finden waren, es aß Himbeeren, die schon reiften,
es aß die Kerne der Haselnüsse, die zwar nicht reif, aber süß und weich
waren, es aß endlich sogar das weiße Mehl der gebratenen Kartoffeln und
die zarten Körner des Kornes, was ihm alles der Knabe brachte und
reichte; und wenn es schlief, so lief er auf den Hügel und erkletterte
einen Felsen, um überall herumzuspähen; auch suchte er wieder die Tiere,
weil die Milch jetzt recht gut gewesen wäre. Aber er konnte nichts
erspähen und konnte die Tiere nicht finden. Da das Mädchen schon stärker
war und mithelfen konnte, brachte er es an einen Platz, wo überhängende
Äste es schützten, aber da er dachte, daß ein Gewitter kommen und der
Regen durch die Äste schlagen könnte, so suchte er eine Höhle, die
trocken war; dort machte er ein Lager und brachte das Mädchen hin. Eine
Steinplatte stand oben über die Stätte, und sie konnten schön auf den
Wald hinaussehen. Ich habe dir gesagt, daß jene Krankheit sehr heftig
war, daß die Menschen in fünf bis sechs Stunden gesund und tot waren;
aber ich sage dir auch: wer die Krankheit überstand, der war sehr bald
gesund, nur daß er lange Zeit schwach blieb und lange Zeit sich pflegen
mußte. In dieser Höhle blieben nun die Kinder, und der Knabe ernährte
das Mädchen und tat ihm alles und jedes Gute, was es notwendig hatte.
Nun erzählte ihm auch das Mädchen, wie es in den Wald gekommen sei.
Vater und Mutter und mehrere Leute hätten ihre ferne Heimat verlassen,
als sich die Krankheit genähert habe, um höhere Orte zu suchen, wo sie
von dem Übel nicht erreicht werden würden. In dem großen Walde seien sie
irregegangen, der Vater und die Mutter seien gestorben, und das Mädchen
sei allein übriggeblieben. Wo Vater und Mutter gestorben seien, wo die
andern Leute hingekommen, wie es selber in die Brombeeren geraten sei,
wußte es nicht. Auch konnte es nicht sagen, wo die Heimat sei. Der Knabe
erzählte dem Mädchen auch, wie sie ihre Hütte verlassen hätten, wie alle
in den Wald gegangen wären, und wie sie gestorben seien, und er allein
nur am Leben geblieben wäre. Siehst du, so saßen die Kinder in der
Höhle, wenn der Tag über den Wald hinüberzog und das Grüne beleuchtete,
die Vöglein sangen, die Bäume glänzten, und die Bergspitzen leuchteten;
oder sie schlummerten, wenn es Nacht war, wenn es finster und still war
oder der Schrei eines wilden Tieres tönte oder der Mond am Himmel stand
und seine Strahlen über die Wipfel goß. Du kannst dir denken, wie es
war, wenn du betrachtest, wie schon hier die Nacht ist, wie der Mond so
schauerlich in den Wolken steht, wo wir doch schon so nahe an den
Häusern sind, und wie er auf die schwarzen Vogelbeerbäume unsers
Nachbars herniederscheint.«
Wir waren, während der Großvater erzählte, durch die Felder von Oberplan
herabgegangen, wir waren über die Wiese gegangen, in welcher das
Behringer Brünnlein ist, wir waren über die Steinwand gestiegen, wir
waren über den weichen Rasen gegangen und näherten uns bereits den
Häusern von Oberplan. Es war indessen völlig Nacht geworden, der halbe
Mond stand am Himmel, viele Wolken hatten sich aufgetürmt, die er
beglänzte, und seine Strahlen fielen gerade auf die Vogelbeerbäume, die
in dem Garten unsers Nachbars standen.
»Nachdem das Mädchen sehr stark geworden war,« fuhr der Großvater fort,
»dachten die Kinder daran, aus dem Walde zu gehen. Sie beratschlagten
unter sich, wie sie das anstellen sollten. Das Mädchen wußte gar nichts;
der Knabe aber sagte, daß alle Wässer abwärts rinnen, daß sie fort und
fort rinnen, ohne stille zu stehen, daß der Wald sehr hoch sei, und daß
die Wohnungen der Menschen sehr tief liegen, daß bei ihrer Hütte selber
ein breites, rinnendes Wasser vorbeigegangen wäre, daß sie von dieser
Hütte in den Wald gestiegen seien, daß sie immer aufwärts und aufwärts
gegangen und mehreren herabfließenden Wassern begegnet seien; wenn man
daher an einem rinnenden Wasser immer abwärts gehe, so müsse man aus dem
Walde hinaus und zu Menschen gelangen. Das Mädchen sah das ein, und mit
Freuden beschlossen sie so zu tun. Sie rüsteten sich zur Abreise. Von
den Feldern nahmen sie Kartoffeln, so viel sie tragen konnten, und viele
zusammengebundene Büschel von Ähren. Der Knabe hatte aus seiner Jacke
einen Sack gemacht, und für Erdbeeren und Himbeeren machte er schöne
Täschchen aus Birkenrinde. Dann brachen sie auf. Sie suchten zuerst den
Bach in dem Tale, aus dem sie bisher getrunken hatten, und gingen dann
an seinem Wasser fort. Siehst du, der Knabe leitete das Mädchen, weil es
schwach war, und weil er in dem Wald erfahrener war; er zeigte ihm die
Steine, auf die es treten, er zeigte ihm die Dornen und spitzigen
Hölzer, die es vermeiden sollte, er führte es an schmalen Stellen, und
wenn große Felsen oder Dickichte und Sümpfe kamen, so wichen sie
seitwärts aus und lenkten dann klug immer wieder der Richtung des Baches
zu. So gingen sie immerfort. Wenn sie müde waren, setzten sie sich
nieder und rasteten; wenn sie ausgerastet hatten, gingen sie weiter. Am
Mittage machte er ein Feuer, und sie brieten Kartoffeln und rösteten
sich ihre Getreideähren. Das Wasser suchte er in einer Quelle oder in
einem kalten Bächlein, die winzig über weißen Sand aus der schwarzen
Walderde oder aus Gebüsch und Steinen hervorrannen. Wenn sie Stellen
trafen, wo Beeren und Nüsse sind, so sammelten sie diese. Bei der Nacht
machte er ein Feuer, machte dem Mädchen ein Lager und bettete sich
selber, wie er sich in den ersten Tagen im Walde gebettet hatte. So
wanderten sie weiter. Sie gingen an vielen Bäumen vorüber, an der Tanne
mit dem herabhängenden Bartmoose, an der zerrissenen Fichte, an dem
langarmigen Ahorne, an dem weißgefleckten Buchenstamme mit den
lichtgrünen Blättern, sie gingen an Blumen, Gewächsen und Steinen
vorüber, sie gingen unter dem Singen der Vögel dahin, sie gingen an
hüpfenden Eichhörnchen vorüber oder an einem weidenden Reh. Der Bach
ging um Hügel herum oder er ging in gerader Richtung oder er wand sich
um die Stämme der Bäume. Er wurde immer größer, unzählige Seitenbächlein
kamen aus den Tälern heraus und zogen mit ihm, von dem Laube der Bäume
und von den Gräsern tropften ihm Tropfen zu und zogen mit ihm. Er
rauschte über die Kiesel und erzählte gleichsam den Kindern. Nach und
nach kamen andere Bäume, an denen der Knabe recht gut erkannte, daß sie
nach auswärts gelangten; die Zackentanne, die Fichte mit dem rauhen
Stamme, die Ahorne mit den großen Ästen und die knollige Buche hörten
auf, die Bäume waren kleiner, frischer, reiner und zierlicher. An dem
Wasser standen Erlengebüsche, mehrere Weiden standen da, der wilde
Apfelbaum zeigte seine Früchte, und der Waldkirschenbaum gab ihnen seine
kleinen, schwarzen, süßen Kirschen. Nach und nach kamen Wiesen, es kamen
Hutweiden, die Bäume lichteten sich, es standen nur mehr Gruppen, und
mit einem Male, da der Bach schon als ein breites, ruhiges Wasser ging,
sahen sie die Felder und Wohnungen der Menschen. Die Kinder jubelten und
gingen zu einem Hause. Sie waren nicht in die Heimat des Knaben
hinausgekommen, sie wußten nicht, wo sie hingekommen waren, aber sie
wurden recht freundlich aufgenommen und von den Leuten in die Pflege
genommen. Inzwischen stieg wieder eine Rauchsäule von dem Hausberge
empor, sie stieg in der Mittagsstunde auf, blieb eine Stunde gleichartig
und hörte dann auf. Dies geschah vier Tage hintereinander, an jedem Tage
um eine Stunde später; aber es war niemand da, das Zeichen verstehen zu
können.«
Als der Großvater bis hierher erzählt hatte, waren wir an unserm Hause
angekommen.
Er sagte: »Da wir müde sind, und da es so warm ist, so setzen wir uns
ein wenig auf den Stein, ich werde dir die Geschichte zu Ende erzählen.«