Bei einheimischen Heiligen, wenigstens bei den großen unter ihnen,

deren Andenken stark genug gewesen war, um durchzuhalten, ergab

sich aus diesem Umstande von selbst eine neue Art Reliquie. Neben

Gegenständen, die ihren Wert aus den Beziehungen zum heiligen Leichnam

schöpften, meldeten sich nun andere als ebenbürtig an, weil sich der

Heilige einst bei Lebzeiten mit ihnen zu schaffen gemacht habe. Sankt

Martin verfügte über eine ganze Anzahl solcher sakraler Andenken: der

Stein, wo er einst gesessen, die Kapelle, wo er zu beten pflegte, den

Altar, wo er Messe celebrierte, den Baum, den er hatte sich aufrichten

heißen, die Rebe, die er eigenhändig gesetzt, der Brunnen, den er

selber gegraben hatte[240-c]. Diese Memorialreliquien, obwohl sie

ihrem Wesen nach eben nur sehr selten vorkommen konnten, standen an

Kraft den Sepulkralreliquien in nichts nach. Als der Priester Leon

nichts ahnend jenen Martinsstein versetzte, um sich sein eigenes

Grabmal vorzubereiten, befiel ihn ein Schüttelfrost und belehrte ihn

eines bessern. Der Martinsbaum in Neuilly hatte längst keine Rinde

mehr; fromme Leute hatten ihn kahl geschält, um sich von dem Kork

heilkräftigen Thee zu kochen. Von der Kapelle zu Martigny bei Tours

ging ja allerdings die Rede, vor hundert und aber hundert Jahren habe

Sankt Martin dort gebetet; aber weiter hatte man davon kein Aufheben

gemacht. Unzählige Male war Abt Günther unbehindert und ohne sich

Gedanken zu machen an dem Heiligtum einfach vorbeigeritten. Da, am

Tage seiner Wahl zum Bischof von Tours, brachte er plötzlich sein

Pferd nicht mehr vom Fleck; mitten auf dem Wege blieb es steif stehen,

den Kopf der Kapelle zugekehrt. Er haut es mit den Absätzen, preßt es

zwischen die Schenkel, sticht es mit dem Stachel; als wär es ehern,

rührt es sich nicht. Bis dem Bischof aufging, was für eine Bewandtnis

es damit am Ende haben könne, und er abstieg und es mit einem Gebete

versuchte — alsobald konnte er weiter reiten. Am Altar der Kapelle

von Siran, der durch eine ehemalige Berührung von Martins Händen noch

insbesondere geheiligt war, wachte einst ein Gelähmter die Nacht

durch, in der Hand eine brennende Kerze so hoch wie er selbst; bei

Tagesanbruch vermochte er von dannen zu gehen. Aridius von Limoges,

ein passionierter Sammler von heiligen Dingen, stellte auch Versuche

an mit einer Traube von Martins selbst gepflanzter Rebe. Er genoß

einige wenige Beeren und machte den Rest dann in ein Glas Wasser ein.

Einige Zeit darauf, als ihn ein Mensch berief, der an Mundfäulnis

litt, wusch er mit dem Traubenwasser die Mundhöhle aus und mit Erfolg.

Noch nach vier Jahren waren die Beeren dieser Martinstraube vollkommen

grün geblieben, ohne daß das Wasser im Glase gewechselt worden wäre.

Und gar mit Wasser aus dem von Martin gegrabenen Brunnen, mit dem

Aridius Fieberkranke besprengte, erzielte er die überraschendsten

Wirkungen[241-a]. Ebenso heilkräftig war das Wasser aus der

Saphirschale in Candes, die Kaiser Maximus einst Martin zum Geschenk

gemacht hatte[241-b]. Das bedeutendste Martinsandenken dieser Art war

jedoch sein Sterbebett in Candes. Auch dort geschahen Heilungen[241-c]

und wurden Spähne abgespalten. Die Memorialreliquie hat sich somit

als ebenbürtig legitimiert, aber dieser Legitimation insofern doch

bedurft, als eben schon der Name »Reliquie« auf ein Ueberbleibsel vom

Heiligenleichnam hindeutet. Unter Umständen kann einmal auch eine

Spezialität direkt auf die Begriffsgrenze zu liegen kommen: so wurden

bei der Hinrichtung des Märtyrers Symphorian von Autun drei Steinchen

von seinem Blut bespritzt, die infolge dessen für die Verehrung

aufgehoben wurden[242-a]. Da war das Steinchen heilig, weil es von

der Berührung des Heiligen imprägniert war. Und doch war der beim

Todesstreich verspritzte Blutstropfen auch schon ein Stück Leichnam.

2.

Die Hauptsache an der Reliquie ist jedoch nicht, woher sie stammt

oder wo sie zustande kam, sondern wie stark sie ist und was sie

auszurichten vermag. Und hiefür war das üblichste und weitverbreitete

Merkmal die Eigenschaft verschollener Reliquien, Aufmerksamkeit auf

sich zu ziehen und sich entdecken zu lassen. Der Märtyrer Quintin von

Verenand, Saint Quentin, kam dadurch ans Tageslicht, daß eine blinde

Frau, eine fleißige Kirchgängerin eines Tages einen Leichnam entdeckte,

der irgendwo im Wasser lag, und als nun die Frau daraufhin sehend

wurde, war der Beweis erbracht, mit wem man es zu thun habe[242-b].

Ebenso war das Grab des Märtyrers Eutropius verschollen, weil es nicht

in geweihter Erde lag und auch sonst niemals Verehrung empfangen

hatte. Als dann Bischof Palladius, der Förderer des einheimischen

Heiligenkults, zu Ende des sechsten Jahrhunderts in die neu erbaute

Eutropiuskirche auch den Leib des Heiligen überführen ließ, diente

eine Narbe am Totenschädel, die auf den tödlichen Axthieb hinwies,

zum Ausweis[242-c]. Ebenso unbekannt war auch das Grab des heiligen

Mallosus von Xanten geblieben, obwohl er im Geruche des Märtyrers

stand und sogar schon eine eigene Kapelle hatte. Und nun baute ihm gar

noch Bischof Ebregisel von Köln eine große Basilika in der Hoffnung,

Gott werde die Offenbarung der Reliquien zulassen. Später wandelte

er ein Stück dieser Basilika in eine Absis um und verband so die

anstoßende alte Mallosuskapelle mit der neuen großen Kirche. Nun fehlte

nur noch der Heiligenleib. Bald darauf hatte ein Diakon zu Metz ein

Traumgesicht, indem ihm die Ruhestätte des Märtyrers kund wurde, und

als er dann zu Ebregisel kam und sich von ihm auf den Platz führen

ließ, sagte er zu diesem, ohne doch den Ort näher zu kennen: »Grabe

hier, und du wirst den Heiligenleib finden, in der Mitte des Absis«.

Als sie sieben Fuß gegraben hatten, stieg ein lebhafter Wohlgeruch auf

und der Bischof rief: »Ich hoffe, Christus werde mir seinen Märtyrer

zeigen, auf diesen Wohlgeruch hin«. Die Ausgrabung wurde fortgesetzt;

in der That stieß man auf den Heiligenleib, der Bischof nahm ihn in

Augenschein und fand ihn unverwest. Da stimmte er das Gloria an, unter

Assistenz der ganzen Priesterschaft. Nach dem Gesange wurde der Heilige

in die Basilika hinaufgebracht und dort mit allen gebührenden Ehren

behandelt[243-a]. Eine Kirche galt nun einmal erst für im höheren Sinn

vollendet, wenn sie auch Reliquien von ihrem Namenspatron beherbergte.

Im Fall, daß dieser nicht erst noch zu entdecken war, verschaffte man

sich womöglich welche von einer bekannten Bezugsquelle. So sandte

Palladius von Saintes für seine dortige eben errichtete Martinskirche

um Martinsreliquien nach Tours, und bereits zwei oder drei Monate

darauf erhielt Gregor schriftlichen Bericht von zahlreichen Heilungen,

die durch sein Geschenk bewirkt worden waren[243-b].

Die häufigste Gelegenheit für Reliquien, sich zu äußern, ergab sich

bei Translationen auf größere Strecken, sowie im Augenblick, da

sie an ihrem neuen Aufenthalt geborgen wurden. Als die geistliche

Gesandtschaft des Bischofs Leudowald von Avrenches mit den in Tours

geholten Martinsreliquien den heimischen Stadtbezirk betrat, küßte ein

Gelähmter inbrünstig den Saum des Bahrtuches, und als er sich besser

fühlte, rief er: »So handelst du also in der That, o du heiliger

Bekenner; nicht genügt es dir, dein eigenes Haus zu schmücken; du

stattest nun auch mit erschrecklichen Kraftthaten sogar Gegenden

aus, die dein Fuß bei Lebzeiten nie betrat«[243-c]. Ein Geistlicher

der Kirche von Cambrai hatte mit Martinsreliquien den Heimweg

angetreten und überschritt eben die Loire an einer seichten Stelle,

als ein Gewitter losbrach: aber da fingen, gleichsam als elektrisches

Gegenspiel zu den Blitzen, die beiden heiligen Lanzenspitzen in den

Händen seiner Kinder, die sie trugen, zu glühen an und dienten als

Laternen[243-d]. Der Bote König Gunthrams, der gegen kostbare Geschenke

im Kloster Agaunum Reliquien eingetauscht hatte und bei der Rückfahrt

auf dem Genfersee von einem lebensgefährlichen Sturm überrascht wurde,

brauchte nur das Reliquienkästchen, das er auf sich trug, gegen die

anrollenden Wogen zu halten und dabei zugleich die heiligen Märtyrer

herzlich anzurufen, so war auch schon die Gefahr vorüber[243-e].

Einst war ein Schiff eben im Begriff, einen morgenländischen Hafen

anzulaufen, als in einer vom Meere abgelegenen Kirche der selben Stadt

ein Besessener plötzlich rief, es komme. Und als es vor Anker ging,

rannte er es zu begrüßen, warf sich auf den Boden und regte sich so

sehr auf, daß aus Mund und Nase der Ausbruch von Eiter erfolgte, der

ihm Erleichterung brachte. Davon in Kenntnis gesetzt, veranstaltete

der Bischof eine Prozession an den Landungsplatz. Der Schiffsherr,

seinerseits auf dem Laufenden, brach vor Freude in Thränen aus: er

habe doch nichts an Bord als ein bischen Staub vom Grabe des heiligen

Julian[243-f]. Ein ander Mal fiel es auf, daß die vom Priester

Nannin aus Vibrac überführten Juliansreliquien eine Heilung Schlags

Mittag herbeiführten[243-a]. Daß die Reliquien Feuer sprühen, ist

in Gregors Augen eine so allgemeine Thatsache, daß er ihr eine

besondere Betrachtung widmet: auch Abt Bärchen war beim Celebrieren

der Vigilien in der Martinsbasilika von Tours von einem Feuerglob

überrascht worden, der über den auf dem Altar vereinigten Reliquien

aufstieg[244-b]. Umgekehrt vermögen Reliquien Feuer auszuhalten, ohne

zu verbrennen[244-c]. Aber freilich damit eine Pergamentrolle in einem

brennenden Strohsack nicht weiteren Schaden nimmt, dazu bedurfte

es nicht erst des Martinslebens des Sulpicius Severus, das Gregor,

indem er ihm diese Feuerprobe nachrühmt, in den Rang einer Reliquie

erhebt[244-d]. Unter andern wunderbaren Qualitäten zeichnet sich die

Eigenschaft der Stephansreliquien aus, an Stelle des vergessenen

Schlüssels den Schrein zu öffnen[244-e]. Uebrigens konnte die Kraft

der einzelnen Reliquie größer oder geringer sein, je nach dem

Zeitpunkt. Im Stadium der Installation, wenn die Reliquie noch neu,

also die Verehrung noch warm war, ließ sich eine Zahl von Heilungen

wahrnehmen, die für eine gelagerte Reliquie ungewöhnlich wäre[244-f].

Ebenso verständlich ist es, daß sich bei Reliquienkombination deren

Kräfte summieren. Die Verbindung eines alten Heiligen wie Julian

mit einem jungen fast zeitgenössischen wie Nicetius von Lyon wird

von Gregor ausdrücklich als doch ebenso gerechtfertigt hingestellt,

wie eine Assoziation von Julian etwa mit Johannes und Martin es

sei[244-g]. Die Macht der Reliquien tritt besonders anschaulich

in Gregors eigenen Erlebnissen zu Tage. Bei der Einweihung seiner

bischöflichen Privatkapelle, zu der er einen ehemaligen Vorratsraum

des Bischofs Eufronius durch hübsche Ausstattung hatte umwandeln

lassen, wurde während der Vigilien erst der Altar in üblicher Weise

eingesegnet. Dann holte man in der Kirche drüben die dort deponierten

Hausreliquien bester Marke, Martin, Saturnin, Julian und Saint Allyre,

in feierlichem Zuge herüber, beim Fackelschein, der sich an den

Metallkreuzen widerspiegelte: anwesend war der ganze Klerus in den

linnenen Chorgewändern, außerdem die Honoratioren der Stadt und eine

Menge Volkes. Hoch erhoben trug Gregor die Heiligtümer, die in Seide

und Parfum gebettet waren, über die Schwelle. In diesem Augenblick

ging solch ein heller Schein durch den Raum, daß mehrere genötigt

waren, die Augen zu schließen. Die Versammlung lag auf den Knieen in

großer Furcht; aber der Bischof rief ihnen zu: »Fürchtet euch nicht;

was ihr seht ist die Allmacht der Heiligen. Besinnt euch doch an die

Stelle im Martinsleben, da dem Haupt des Heiligen, als er am Altar

die Weihworte sprach, eine Feuerkugel entstieg und gen Himmel fuhr.

Warum erschrecken! Mit seinen heiligen Reliquien hat er selbst bei

uns Einkehr gehalten«. Da löste sich die Beklemmung der Anwesenden,

und sie stimmten den Lobgesang an: »Gesegnet sei, der da kommt im

Namen des Herrn. Gott der Herr hat uns erleuchtet[245-a]«. Um jene

Zeit war Gregor auch einmal wieder in seiner Heimat zu Besuch und nahm

sich am Juliansfest, dem 28. August 573, einige Fäden einer Franse

an der Grabesdecke mit. Als nun in Tours Mönche eine Juliansbasilika

errichteten, bei ihren geringen Mitteln eine schöne That, und zu

Gregor kamen mit der Bitte, ihnen doch die Reliquien zu überlassen,

nahm er heimlich den Schrein und beeilte sich, sie in der Dämmerung

nach Sankt Martin hinauszutragen. Ein frommer Mann stand in einiger

Entfernung, als der Bischof eintrat, und versicherte ihn Tags darauf,

er habe einen Feuerball auf das Gebäude sich niedersenken und im

Innern der Kirche verschwinden sehen. Die Nacht verbrachten sie in der

Martinskirche, indem sie die Juliansreliquie auf dem Martinsaltar ruhen

ließen und begaben sich bei Tagesanbruch in die zu weihende Kirche

mit dem Heiligtum, auf das nun zur Julianskraft noch die Martinskraft

übergegangen war. Wenigstens warf sich ihnen ein Besessener unter

schrecklichen Geberden entgegen; blutiger Schaum quoll aus seinem

aufgerissenen Munde und er schrie: »Warum, o Martin, verbindest du

dich mit Julian? Warum rufst du ihn in diese Gegenden? Ist denn deine

Anwesenheit für sich allein nicht Pein genug? Warum rufst du einen dir

ebenbürtigen Heiligen herbei, um unsere Qualen zu steigern? Warum denn?

Warum peinigst du uns so im Bunde mit Julian«?[245-b].

3.

Ueberall wurzelt die den Reliquien beigelegte Kraft in der Vorstellung,

man habe in einem solchen heiligen Teilchen den ganzen Heiligen in

Person eingekapselt vor sich. Dadurch wird die Kraftpsychologie der

Reliquie mit einer Reihe individueller Züge ausgestattet, als hätte man

es mit einem leibhaftigen Menschen zu thun. Es bilden sich im Umgang

mit der Reliquie sozusagen gewisse Anstandsformen aus, die man nur bei

Strafe unbeachtet ließ. Unlautere Hände durften sie nicht anfassen;

die Reliquien waren empfindlich. Noch eher griff man unversehrt in die

Flamme, als daß man jene ohne Schaden berührte; um sicher zu gehen,

wählte man am besten ein junges unbescholtenes Mädchen, hing ihm das

Reliquientäschchen um den Hals und ließ es die Kostbarkeit an ihren

Bestimmungsort tragen[245-c]. Doch war es gewagt, Reliquien überhaupt

an Laien auszuhändigen. Die Timotheus- und Apollinarisasche in Rheims

wurde vom Priester teilweise endlich einer Frau überlassen, weil sie

ihn so dringend darum bat. Aber als er am andern Morgen weiter reiten

wollte, brachte er sein Pferd nicht von der Stelle und fühlte sich

selber in allen Gliedern bleischwer; so sah er sich genötigt, das

Häufchen Heiligenasche zurückzunehmen, womit auch die Störung in der

That alsobald beseitigt war[246-a]. Reliquien in einem Privathause

beherbergen konnte zu schlimmen Erfahrungen führen. So waren die

Ueberreste des von einem Stier zu Tode geschleiften Märtyrers Saturnin

von Toulouse einst auf Reisen; in Brioude übernachteten ihre Träger

bei einem armen Mann, und als sie ihm anvertrauten, was sie mit sich

führten, gedachte dieser es besonders gut zu machen, und schloß das

Kästchen über Nacht in seinen Kornspeicher ein. Die nächste Nacht

hatte er einen Traum des Inhalts: bleibe nicht länger an diesem Orte,

seit er durch die Reliquien des Märtyrers Saturnin geheiligt ist. Er

aber in seinem Bauernverstande kehrte sich daran nicht, bis er und

seine Frau krank und immer kränker wurden; schließlich mußte man das

Haus abbrechen und eine Kapelle an die Stelle setzen. Auch als einmal

ein königlicher Beamter namens Plato im Kloster Pavilly der Diöcese

Rouen, dessen Abt ihm kein Neujahrsgeschenk gemacht hatte, sich auch

nur dem Gedanken hingab, die Kapelle mit den Saturninsreliquien würde

kein übles Jagdquartier für König Chlothar zugleich mit Pferdestall

abgeben, starb er bereits nach drei Tagen. Und die zu Yssac geraubten

Reliquien desselben Heiligen brachten vier der Räuber direkt ums

Leben, der fünfte wurde blind und blieb es, bis er das entweihte Gut

herausgab[246-b].

Damit hing zusammen, daß gewisse Reliquien besonders auf gewisse

Eigenschaften der Kirchgänger reagieren, also sozusagen ein bestimmtes

Temperament aufweisen, so sind die Marien- und Johanneskirche in

Tours, die Marcelluskirche in Chalons und das Stephansblut im Altar

der Kirche von Bourges, sowie Julian von Brioude und Eugen von Albi

Meineidigen verhängnisvoll[246-c], während Viktor von Marseille

besonders auf Besessenheit gewirkt zu haben scheint[246-d]. Auch sonst

tritt im Verkehr mit Reliquien das Moment eines Umgangs mit Personen

deutlich heraus. Das Grab des Benignus in Dijon war zwar von Alters

her Gegenstand der Volksverehrung; kirchlicherseits aber wurde es

gemieden, da man es im Verdacht hatte, es sei ein Heidengrab. Einst

hatte ein Bauer dort eine Kerze stehen lassen oder jedenfalls sie

vergessen zu löschen; ein Kind sah es und wollte sie holen, wurde aber

durch eine ungewöhnlich große Schlange abgeschreckt, die sich um die

Kerze ringelte; es versuchte es wieder und wieder; die Schlange wich

nicht. Als dieses und ähnliches dem Bischof Gregor von Langres zu Ohren

kam, verschärfte er sein Verbot, jenes Grab zu verehren. Aber eines

Nachts offenbarte sich ihm der selige Märtyrer und sagte: »Was thust

du? Nicht nur achtest du mich selbst gering, du mißachtest auch meine

Verehrer. Laß das, ich bitte dich, besorge mir vielmehr möglichst rasch

ein Obdach«. Von dieser Offenbarung betroffen, begab sich der Bischof

zu dem Heiligengrabe und bat unter Thränen um Verzeihung für seine

Unwissenheit[247-a]. Der Märtyrer Antolian in Clermont bewies Rücksicht

für seine heiligen Kollegen, deren umliegende Gräber anläßlich eines

prunkvollen Baues seines Mausoleums übel mitgenommen wurden. »Weh mir«,

rief er aus, »den man auf Kosten seiner Brüder ehren will. Ich darf

die Vollendung meines Grabmals nicht zulassen«. In der That fiel bald

darauf in jener Kirche das Gerüst, das man errichtet hatte, ein, da

es ungeschickt an den Säulen angebracht worden war. Der Zusammenbruch

der über dem Altar erfolgte und mächtig Staub aufwirbelte, verursachte

keinen weiteren Schaden, denn er erfolgte während der Frühstückspause

der Maurer. Aber man ließ es sich gesagt sein und ging mit den

Gebeinen, die anläßlich der Grabungen zum Vorschein kamen und auf einem

Haufen lagen, nunmehr manierlich um[247-b]. In der Champagne bei Reims

kehrte ein Priester heim mit Juliansreliquien, die er für eine neue

Kirche dieses Heiligen war holen gegangen. Eben arbeiteten Landleute

auf dem Felde. Da schrie einer von ihnen plötzlich: »Ach da naht ja der

heilige Julian! Wahrhaftig er mit seiner Kraft und seinem Glanz! Auf,

Genossen, von den Ochsen weg, von den Karren weg, auf alle zusammen,

ihm entgegen!« Diese begriffen ihn nicht und schauten ihn stumpfsinnig

an. Er blieb in seiner Aufregung mit seinem Holzschuh erst in der

Furche hangen, fällt auf die Erde hin, klatscht dabei in die Hände und

wieder auf und davon auf den Priester los, der Psalmen singend seiner

Wege geht. »Warum, o Heiliger«, schrie der Verrückte schon von weitem,

»warum quälst du mich so? Warum, glorreicher Märtyrer, brennst du

mich so? Warum kommst du in ein Land, das dir gar nicht gehört? Warum

durchwanderst du unseren Wohnort?« Unterdessen hatte der Priester das

Wandertabernakel aufgeschlagen und der Besessene, platt auf den Boden

hingestreckt, betete die Reliquien an[247-c]. Ein anderer Verrückter

schrie in der Christnacht vor der Martinsbasilika von Tours, als Gregor

mit der Geistlichkeit eben von der Kathedrale her auf sie zugegangen

kam: »Umsonst naht ihr der Schwelle Martins, ohne Erfolg betretet ihr

seinen Tempel; wegen eurer zahllosen Verbrechen hat er euch verlassen;

er verabscheut euch, und nun ist er in Rom und thut dort Wunder; dort

richtet er jetzt den Schritt der Lahmen her und begegnet auch andern

Krankheiten mit seiner Gewalt«. Und nicht nur das niedere Volk, sondern

auch die kirchlichen Würdenträger gerieten in große Furcht, der heilige

Martin möchte sie am Ende wirklich verlassen haben. Der Bischof vergoß

heiße Thränen; alle lagen auf den Knieen und erbeteten die Gegenwart

des heiligen Bekenners, die sich dann auch alsobald in einer besonders

auffallenden Lahmenheilung kundgab[248-a]. Ist schon bei dieser

Geschichte die Vorstellung augenscheinlich die, daß der Heilige zwar in

der Reliquie verkörpert, aber doch nicht an sie gebannt sei, so tritt

die Unabhängigkeit von dem Unterpfand noch deutlicher an der folgenden

Geschichte zu Tage. In Bordeaux pflegte eine fromme Alte die Lampen in

den Kirchen der Heiligen mit Oel zu speisen, und befand sich denn auch

eines Sonntag abends zu diesem Behuf in der Peterskirche. Sie stieg

in die Krypta hinunter, um dort die Lampen anzuzünden. Dort verweilte

sie so lange, daß sie nicht bemerkte, wie hinter ihr die Eingangsthüre

verschlossen wurde. Es half ihr nichts, zu rufen; ihre Stimme war zu

schwach. So ergab sie sich denn in den Gedanken hier zu übernachten und

beschloß, den Aufenthalt zur Buße für ihre Sünden auszunutzen. Da, um

Mitternacht, sah sie plötzlich die Thüren offen stehen und die ganze

Kirche hell erleuchtet. Ein Sängerchor wandelte durch die Halle. Als

aber das Gloria verklungen war, hörte die Frau wie die Männer sich

beschwerten: »Der heilige Levit Stephan läßt auf sich warten. Schon

sollten wir in den andern Kirchen sein. Aber wir können uns nicht

wegbegeben, ohne ihn erwartet zu haben«. Während sie immer wieder

darauf zurückkamen, stand plötzlich ein Mann in einem weißen Kleide da;

die Menge grüßte ihn ehrfurchtsvoll: »Sei uns gepriesen, sehr heiliger

Levit Stephan«. Dieser verbeugte sich, verrichtete sein Gebet, und auf

die Frage, warum er sich bei seinem Besuch der heiligen Stätten etwas

verspätet habe, erwiderte er: »Auf dem Meer war ein Schiff in Gefahr

unterzugehen. Dort rief man mich an, ich rannte hin, erlöste es, und da

bin ich nun. Daß ihr euch von der Wahrheit meiner Worte überzeugt, seht

nur, wie hier noch mein Gewand von Meerwasser trieft.« Die Frau merkte

sich die Stelle, und als die Versammlung auseinander gegangen war und

die Thüren sich hinter ihnen von selbst geschlossen hatten, ging sie

hin und wischte sorgfältig die Tropfen auf dem Fußboden auf. Bischof

Bertram nahm das Taschentuch dann in Verwahrung und erzielte Heilungen

damit[248-b].

Doch konnte sich bei einem derartigen Individualisieren der Reliquie

auch die Kehrseite fühlbar machen. Im Dorfe Tornes bei Le Mans, das zu

Sankt Martin gehörte, wurde eine Blinde sehend, und da in der Kirche

auch Peter- und Paulsreliquien zugegen waren, so konnte man zweifeln,

wohin sie ihren Dank zu spenden habe. Die Frau selbst freilich beharrte

darauf, sie sei durch Martin gesund geworden. Und für die Theologen

löste sich das Problem dann doch dahin auf, schließlich wirke ja hinter

den Wunderthaten der verschiedenen Heiligen doch immer die eine Kraft

Gottes[248-c].

Vierzehntes Kapitel.

Der heilige Ort.

Auch in dem fränkischen Christentum ist der Begriff der Heiligkeit

nicht in erster Linie ethischer, sondern kultischer Natur. Heilig

ist, was dem Heiligen gehört. Aus diesem Grundsatz ergeben sich die

beiden Haupteigenschaften des Heiligen: seine Güte und sein Zorn. Wer

vertrauensvoll im Falle der Not seine Zuflucht an der Heiligenstätte

sucht, den liebt der Heilige; wer sich dagegen an der Kirchenhabe

vergreift oder den Heiligen sonst belästigt oder beleidigt, den

haßt er. Da er sich zudem gegenüber den Herren der Erde und selbst

dem Mächtigsten unter ihnen von vornherein und ausnahmslos als den

stärkeren und überlegenen erweist, so bedeutet bei ihm Liebe zugleich

Schutz und Zorn zugleich Vernichtung.

1.

Man fand es aber doch ratsam, dem Heiligen eine kräftige Tempelpolizei

zur Verfügung zu halten. Am Juliansfeste betrachtete ein Mann aus

dem Volke noch längere Zeit nach dem Gottesdienste die Kostbarkeiten

rings herum, sah aber ein, daß er jetzt doch nicht unbeachtet stehlen

könne, und verbarg sich darum in einem Winkel. Als es dunkel war,

machte er sich an den umgitterten Hauptaltar, entwendet ihm ein mit

Edelsteinen besetztes Kreuz, reißt zugleich Gardinen und Vorhänge von

der Wand herunter und schnürt sie in ein Bündel zusammen, lädt es auf

den Kopf, nimmt dann das Kreuz, das er auf den Boden geworfen hat, in

die Hand und will von dannen, kann aber nicht hinaus; da legt er sich

an dem früheren Schlupfwinkel schlafen, indem er das Bündel als Kissen

unter den Kopf nimmt. Um Mitternacht nun, als die Wächterpatrouille

ihre übliche Runde macht, fiel ihnen zuerst ein Lichtglanz wie von

einem Sterne auf; es war einer von den Edelsteinen am Kreuze, der

aufblitzte. Sie holte nun eine Kerze und fanden den Tempeldieb

schlafend. Er wurde verhaftet und bekannte am Morgen früh; er sei

unzählige Male in der Kirche herumgegangen, aber ohne einen Ausweg

zu finden[249-a]. Von allen fränkischen Heiligen war es insbesondere

Julian, der immer wieder und in jeder Form mit Eingriffen in seinen

Besitz zu thun hatte: der eigentliche Raub- und Raufheilige. Jenes

selbe Altarkreuz, das zwar nur vergoldet, aber rundum vergoldet war,

wurde von einem Ruchlosen gestohlen, weil er meinte, es sei ganz

aus Gold. Als er es aber in seinem Busen barg und er ein Stück weit

gegangen war, drückte es ihn so sehr, daß er es kaum hätte noch

weiter wegtragen können. Er hielt daher für klüger, es dem Heiligen

gleich wieder zurück zu erstatten[250-a]. Wenn der Heilige sich nicht

selber half, so konnte er immer auf irgend eine Unterstützung seitens

eines Gläubigen rechnen. Nach der Heldenthat des Hillidius stahlen

vier Flüchtige eine Schale und eine Urne. Die Schalen teilten sie in

vier Stücke; die Urne dagegen überreichten sie König Gundobad, um sich

seiner Gunst zu versichern. Die Klugheit der Königin Caretene rettete

das Kirchengerät; sie machte dem Fürsten klar, er werde doch nicht

die Gunst des Heiligen aufs Spiel setzen wollen, um eines leichten

Gewinnes willen[250-b]. Sigivald, der mächtige Graf von Arvern, ließ

sich in der Auvergne allerlei Unebenheiten gegenüber fremdem Besitz

zu Schulden kommen. Unter dem Schein eines Tauschhandels schlug er

auch seine Hand über ein Grundstück, das einst Bischof Tetradius von

Bourges der Julianskirche vermacht hatte. Aber drei Monate später

verfiel er einer Entkräftung und hütete das Bett. Seine Frau, die

hierüber sehr traurig war, wurde indessen von einem Priester belehrt,

ihr Mann werde gesund sein, sobald er eine Ortsveränderung vornehme.

In der That ging es Sigivald wieder gut, kaum war er von seiner Villa

wieder weggezogen[250-c]. Auch der Grundbesitz des Heiligen war vor

frecher Bubenhand nicht sicher. Ein Schäfer namens Ingenuus, Nachbar

des Kirchengutes, verrückte die Grenzmark. Der Priester von Sankt

Julian schickte einige Diakone und ließ ihm zu verstehen geben, er habe

davon abzulassen. Aber Ingenuus holte seinen Pfeilbogen und trieb die

geistlichen Unterhändler in die Flucht. In der nächsten Juliansmesse

wurde er zu Brioude vom Blitz getötet[250-d]. Eine weitere Gewaltthat

ließ sich Graf Beccon zu Schulden kommen. Eines Tages, als er seinen

Jagdfalken steigen ließ, verflog sich der Vogel. Um jene Zeit fing der

Schenkjunge von Sankt Julian einen anderen herrenlosen Falken. Sofort

erklärte Beccon, es sei seiner, der Junge habe ihn ihm gestohlen. Der

Jüngling wurde ergriffen, eingesteckt, und der Graf machte Miene, ihn

hängen zu lassen. Da eilte der Priester tiefbetrübt zum Juliansgrabe,

öffnete seufzend die Schreine und versuchte es mit zehn Goldstücken,

die er dem Grafen durch zuverlässige Freunde anbot. Der aber lachte

ihnen ins Gesicht und verlangte ein Lösegeld von dreißig Gulden. Er

erhielt es. Aber Julian vergaß die Beschimpfung nicht, und als beim

nächsten Jahresfeste auch der Graf den Gottesdienst besuchte und der

Vorleser der Passion zum ersten Mal den Namen des Heiligen aussprach,

brach der böse Mann an einem Schlaganfall zusammen und mußte nach Hause

getragen werden. Obwohl er der Kirche dann alles schenken ließ, was er

in jenem Augenblick an Gold und köstlichen Stoffen an sich getragen

hatte und später noch viele andere Geschenke beifügte, so erlangte er

doch bis zu seinem Tode den Gebrauch seiner Sinne nicht wieder[251-a].

Ein abtrünniger Priester, der in die Staatsverwaltung übergetreten war

und sich seitens seiner Vorgesetzten mit Vollmacht versehen hatte,

besichtigte die Schafherden, die auf den Bergen sömmerten, und stahl

unter dem Vorwand der schuldigen Steuer die Widder eben der Herde, die

im Namen des Heiligen gehalten wurde, zum Entsetzen der Hirten. »Rühre

doch ja diese Widder nicht an?« riefen sie ihm zu. Er aber grinste

höhnisch, indem er die Tiere von hinnen trieb: »Unsinn! Seit wann ißt

denn Julian Hammelbraten?« Als er das nächste Mal Juliansgebiet betrat

und am Grabe betete, befiel ihn der Fieberbrand, dem er erlag[251-b].

In den Juliansvigilien ließ sich Jemand einfallen, das Pferd eines

Festbesuchers, das draußen stand, zu besteigen und damit davonzureiten.

Er ritt die ganze Nacht, und als es dämmerte, dachte er: »So, nun werde

ich wohl so meine dreißig Meilen von der Juliansbasilika entfernt, also

vor Entdeckung sicher und bald zu Hause sein.« Aber mit Nichten. Als

er die Gegend näher unterscheiden konnte, befand er sich nach wie vor

in der Nähe des Fleckens von dem er ausgeritten war, und Leute liefen

hin und her. Da zog er denn doch vor, abzusteigen, und den Gaul in

aller Stille da wieder anzubinden, wo er ihn losgebunden hatte[251-c].

So gnädig diesmal Julian gegen den Dieb sich verhielt, so freundlich

half er bei einem andern Pferdediebstahl dem Bestohlenen. Ein frommer

Mann, der zum Feste gekommen war und die ganzen Vigilien mitgemacht

hatte, konnte am Morgen sein Pferd nicht finden. Im Quartier, wo er es

eingestellt hatte, war es nicht mehr, und als während zweier Tage keine

Nachfrage helfen wollte, ging er hin und klagte sein Leid dem Heiligen:

»O Heiliger, ich bin zu deinem Tempel gekommen, um dirs in aller Armut

zu geben, wie ichs habe. Ich veruntreute nichts und beging auch sonst

nichts Unrechtes. Warum bin ich aber dann um mein Gut gekommen? Gieb

es mir bitte zurück. Ich kann es nicht entbehren.« Und siehe, kaum

hatte er unter Thränen so gebetet und trat aus der Kirche, da sah

er schon von weitem Jemanden, der sein Roß hielt. Eben hatte man es

eingefangen[251-d].

Außer Julian hatten auch kleinere Heilige sich besonders im Süden gegen

allerlei Zumutungen zu wehren. Der Andreaskirche zu Agde nahm Graf

Gomachar eines Tages ein Stück Land weg. Bischof Leo ging alsobald hin

und machte dem Grafen Vorstellungen, aber ohne Erfolg; es war eben

kein Katholik. Erst als er das Fieber und überdies Gewissensbisse

bekam, ließ er den Bischof um Fürbitte ersuchen, er wolle das Land dann

zurückgeben. Als es ihm aber auf das Gebet des Bischofs hin wirklich

besser ging, sagte er zu den Seinen: »Bilden sich diese Römlinge nicht

ein, ich sei krank gewesen, weil ich ihr Land wegnahm! Es war ja doch

ein rein natürlicher Vorgang. Bei meinen Lebzeiten soll das Land nicht

ihnen gehören«. Er ließ es wieder besetzen. Wieder kam der Bischof und

riet ihm, die Rache Gottes nicht herauszufordern, erhielt aber zur

Antwort: »Halt’s Maul, alter Mümmler, sonst laß ich dich auf einen Esel

binden und durch die Stadt treiben, damit die Leute etwas zum Lachen

haben«. Da ging der Bischof hin, verbrachte eine Nacht in der Kirche in

gesteigertem Gebet, am Morgen aber zerschlug er alle Lampen mit einer

Ruthe, die er in der Hand hatte und erklärte: »Hier wird kein Licht

mehr angezündet, bis Gott an seinen Feinden gerächt ist«. Wieder wurde

der Ketzer vom Fieber befallen, wieder ließ er zum Bischof schicken und

versprach zum gestohlenen Landstrich einen andern gleich großen, wenn

er gesund werde. Der Bischof aber erklärte, er ~habe~ gebetet, und ließ

sich auch auf neue Anträge nicht mehr ein. Da kam der kranke Sünder

auf einem Wagen angefahren und sagte dem geistlichen Herrn: »Da ich

dir doch das Doppelte zurückerstatten will, kann deine Heiligkeit wohl

ein Wort für mich einlegen«. Jener widersetzte sich; der Graf befahl,

ihn in die Kirche zu treiben. Der Bischof betrat den heiligen Raum; in

diesem Augenblick starb der gottlose Mann, und die Kirche kam wieder

zu ihrer Sache[252-a]. In der Nazariuskirche zu Nantes brachte einst

ein frommer Mann einen schön verzierten Gürtel, der mit schwerem Golde

gefüllt war, und legte ihn auf dem Altare nieder mit der Bitte, der

Heilige möge ihm dafür in seinen Geschäften behilflich sein. Kaum war

er weg, so kam der Britannengraf Waroch mit einem Kameraden und hatten

es auf das Weihgeschenk abgesehen. Er erzwang sich den Geldbeutel

durch fürchterliche Drohungen vom Priester, dann ließ er sein Pferd

in die Kirchenhalle führen, um dort aufzusitzen, ein neues schweres

Vergehen. Aber beim Hinausreiten stieß sein Kopf am Querbalken an,

sodaß er rückwärts mit zerschmettertem Schädel vom Pferde sank und

starb[252-d]. Als König Sigibert in Paris einzog und die Vorstädte

teilweise einäschern ließ, begab sich einer seiner hohen Offiziere nach

der Dionysiuskirche, nicht um zu beten, sondern um von dort irgend

etwas mit heimzunehmen. Die Thüren standen offen und Niemand hinderte

ihn, die prachtvolle gestickte Grabesdecke mit dem Gold und Steinbesatz

zu entwenden. Dafür fiel ihm aber dann sein Leibdiener, der zweihundert

Goldstücke seines Vermögens am Halse hangen hatte, durch einen

Fehltritt beim Besteigen des Schiffs ins Wasser und verschwand mit samt

dem Geld auf Nimmerwiedersehen; auch jener starb, trotzdem er den Raub

zurücktrug, innert Jahresfrist. Ein anderer, der auf demselben heiligen

Grabe die darüber aufgehängte goldene Taube mit seiner Lanze abhängen

wollte, glitt mit den Füßen aus, strauchelte über das aufstehende

Bord des Grabes und fiel an einer so unglücklichen Stelle in seine

Lanze hinein, daß er tot aufgehoben wurde[253-a]. Einige harmlosere

Fälle von bestraftem oder gesühntem Diebstahl werden in Verbindung

mit andern Heiligen erzählt. Die Kirche von Yzeures bei Tours, deren

Patron nicht genannt wird, enttäuschte einen nächtlichen Einbrecher,

weil er die Wertsachen zu gut verschlossen und daher nichts von Belang

zu stehlen fand. »Nun gut«, sagte er, »so will ich doch wenigstens

einige Kirchenfenster einschlagen; wenn ich das Blei der Fenster

einschmelze, so kann ich damit immerhin zu einigem Gelde kommen«.

Gesagt, gethan. Aber als er die Bleistücke zu Hause in den Tiegel warf

und drei Tage lang Schmelzversuche anstellte, brachte er nur einige

Kügelchen zustande, die er dann vorbeiziehenden Händlern verkaufte.

Zugleich erwarb er sich den Aussatz dazu, der ihn jedes Jahr am Tag des

Diebstahls mit einer unerträglichen Augenentzündung heimsuchte[253-b].

Ein Bäuerlein, das nur von seiner Hände Arbeit lebte, indem es nämlich

mit seinem Pfluge zu Acker fuhr, kam eines Abends müde heim und

kümmerte sich weiter nicht mehr um seine beiden Ochsen, sondern ließ

sie weiden und zog sich in seine Hütte zurück. Am andern Morgen waren

die Ochsen gestohlen. Der arme Mann sucht sie überall, in Wald und

Feld, ja auf den Bergen; er kann nicht die geringste Spur entdecken.

Weinend und klagend kehrt er zu Frau und Kindern zurück: »Weh mir! Denn

ohne meine Ochsen müßt ihr dieses Jahr verhungern«. Aber ein Gebet

am Grabe des heiligen Felix von Nola verhilft ihm zu seinem Eigentum

zurück[253-c]. Der Diokletiansmärtyrer Sergius stand im Rufe, das ihm

anvertraute Gut vor ungerechten Händen besonders gut zu verwahren. Es

war einmal eine arme alte Frau, die hatte nur eben noch einige Hühner,

die sie der Kirche im Notfall zur Verfügung stellte. Einst, als aus

Anlaß des Festes der Zulauf besonders groß war, kamen zwei Männer, die

bereits im Hinkommen auf die Hühnchen ein Auge geworfen hatten, und

stahlen eins, schnitten ihm Kopf und Beine ab, rupften es und setzten

es mit einem Topf Wasser übers Feuer, um es zu sieden. Das Wasser

kochte und brodelte, allein das gestohlene Fleisch wurde nicht weicher.

Das Wasser verdampfte, dem Hühnchen fiel es nicht ein, zarter zu

werden. Oft betasteten sie es und versuchten, die Nägel einzukrallen,

sie fanden es nur immer härter. Indessen rückten die Gäste an. Man

deckt den Tisch, legt schneeweiße Leinen aus und sogar einen aus Federn

gewobenen Tischläufer. Die Platte, die das Gericht aufnehmen sollte,

ist so rein gewaschen wie möglich. Da, durch ein noch nicht dagewesenes

Wunder, hat sich das Brathuhn versteinert; geniert mußte man vom

Tisch aufstehen zur großen Beschämung der Gastgeber und zur großen

Enttäuschung der Gäste[253-d].

Dagegen hatte Martin von Tours, gewissermaßen als Dank für seine

große Nachsicht und Milde, unter Diebstahl seltener zu leiden: einmal

freilich wurde auch seine Grabeskirche erbrochen und ausgeplündert.

Ferner ließ König Charibert sich von gewissenlosen Ratgebern verleiten,

die Martinsgüter von Nazelles mit Beschlag zu belegen und dort

Marställe für sein Gestüte einzurichten. Kaum waren aber die Pferde

dort untergebracht, so brach die Sucht unter ihnen aus, und als der

König kein Einsehen haben wollte, starb er selber kurz darauf[254-a].

2.

Eine weitere Folge der Verehrung des heiligen Ortes stellt sich sodann

in wohlthätigen Einrichtungen dar, die man heute unter christlicher

Liebesthätigkeit zusammen zu fassen pflegt. Schon an der Armenmatrikel

zu Sankt Martin in Tours tritt es deutlich zu Tage, daß das Bewußtsein,

im Bannkreis des Heiligen, in dem von ihm durchwalteten Raum zu wirken

und zu leben, die eigentliche Triebkraft der Pfleger und der Trost der

dort Verpflegten ausmacht. Täglich wurden milde Gaben im Kreuzgang

der Kirche abgegeben, weil es eine der Eigenschaften der Heiligen

sei, ein solches Pfrundhaus mittelst der Liebesgaben der Gläubigen

zu erhalten. Die dort aufgenommenen Hausarmen, die als Matrikelleute

von den übrigen Armen unterschieden wurden[254-b], durften tagsüber

an den Kirchenthüren um ein Almosen betteln; doch blieb immer einer

als Portier zurück, um die eingehenden Spenden entgegenzunehmen.

Freilich kam es dann einmal vor, daß ein Ungetreuer das Pförtneramt

versah und einen ihm abgelieferten Drittelgoldgulden für sich behielt.

Doch war bereits die Kunde von einer schönen Einnahme herumgeboten

worden, und als die Armen um die sechste Stunde von ihren Ausgängen

heimkehrten, die milde Gabe, die Martin ihnen wieder gesandt habe, zu

empfangen, schwor jener, »bei diesem heiligen Orte und allen Tugenden

Sankt Martins«, ein Pfennig sei alles, was eingelaufen sei; da brach

er auch schon vom Schlage gerührt zusammen[254-c]. Die Julianskirche

in Tours, sowie die Martinszelle von Candes hatten jede eine eigene

Matrikel[254-d]. Die Vorsteherin der weiblichen Abteilung dieser

letzteren Armenkongregation, war die Matrone Remigia, während Vinastis

den Männern daselbst für Nahrung sorgte; ein solches freiwillig

übernommenes Liebesamt wurde gewöhnlich von Laien bekleidet, die ein

eigenes Leiden in die Nähe des Heiligen geführt hatte[254-e]. Da das

Obdach natürlich nur einer beschränkten Anzahl Aufnahme zu gewähren

erlaubte, wurden die, deren Anmeldung angenommen war, in eine Liste

eingetragen, und danach hieß dann die ganze Anstalt Matrikel. Ohne

eigentlich ein Spital zu sein, war sie doch eben vor allem auch

Aufnahmeort für Gebrechliche und Krüppel jeder Art[255-a]; auch ein

armer Taubstummer fand dort Unterkunft, der von seinen Brüdern um sein

väterliches Erbe beschlichen worden war, und derweil er nicht reden

konnte, ein Klapperinstrument erfand, um die Vorübergehenden auf sich

aufmerksam zu machen[255-b].

Größeren Umfang nahm ein anderes Liebeswerk an, die Patronage der

Gefangenen. Es mag in jenen unablässigen Kriegsläuften einem dringenden

Bedürfnis der Nächstenliebe entsprochen haben. Auch hier sind alle

derartigen Unternehmungen aufs innigste mit einem Heiligennamen

verknüpft, wenn es gleich die Natur der Sache mit sich brachte,

daß wenigstens nicht alle Hilfe auf Kirchenboden vor sich ging und

daß hier mehr dem unmittelbaren Eingreifen zugeschoben wurde, als

grundsätzlichen Verfügungen. Ein Schelm kam mehrfacher Diebstähle wegen

an den Galgen. Als letzte Gunst bat er, noch beten zu dürfen und warf

sich mit seinen auf den Rücken gebundenen Händen leidenschaftlich auf

die Erde, indem er den Namen Martins anrief. Dann wurde er aufgeknüpft

und die Soldaten zogen ab. Er bewegte noch immer seine Lippen zum

Versuche, ob er nicht doch noch den Namen Martins aussprechen könne;

auch fielen bereits die Fesseln von Händen und Füßen; aber hängen blieb

er zwei Tage lang, bis von ungefähr eine Nonne des Weges kam und ihn

noch lebend vom Galgen hob. Nach Sankt Martin überführt, antwortete

er auf allgemeines Befragen, wie er denn überhaupt nun noch am Leben

sei: »Der heilige Martin hat mich dem Tode entrissen und hierher

gebracht. Aber es fehlte wahrhaftig nur noch wenig«[255-c]. In Tours

lagen vier Mann in Ketten und durften nichts zu essen bekommen. Da

thaten sie sich zusammen und flehten einträchtig zu Sankt Martin,

dessen Fest eben damals war, um Befreiung. Der Stock, in dem ihre

Füße eingezwängt waren, that sich auf, die Ketten fielen ihnen ab.

Sofort liefen sie davon, rissen die Thüre aus und begaben sich in die

Kirche des Heiligen[255-d]. Und war die Gefangenschaft gar noch gegen

das Recht, so half Martin um so sicherer. Ein junges Mädchen, Tochter

freigelassener Eltern, wurde durch die Söhne ihres früheren Herrn noch

zur Leibeigenschaft angehalten. Als sie daraufhin kurzer Hand den

Dienst aufsagte, wurde sie in Ketten gelegt. Da weinte sie nun, daß

sie nicht auch ans Martinsfest gehen könne. Alsobald konnte sie die

Füße vom Stock frei machen, und als sie, nach der Kirche eilend, über

die Schwelle trat, fielen ihr auch die Ketten von den Händen[255-e].

Ebenso wurde ein Mann, der zahlungsunfähig geworden war, von seinem

Gläubiger nicht nur eingesteckt, sondern auch über die Maßen hart

behandelt. »Verhungern laß ich dich«, rief jener ihm zu, »damit sich’s

die andern gesagt sein lassen«. Unterdessen wurden draußen auf dem Wege

nach Soissons Martinsreliquien unter Gesang vorübergetragen, sogleich

wurde der Gefangene frei und konnte zur Kirche gehen[256-a]. Ein ander

Mal galt Martins Gnade wieder zwei Gehenkten. Der erste, ein Höriger

des Bürgers Genitor von Tours, war eines leichten Diebstahls wegen

verurteilt und flehte auf dem Wege zum Richtplatz insgeheim: »Befreie

mich, heiliger Bekenner Martin, von der drohenden Gefahr«. Als er

gehenkt und allein gelassen war, erhob sich ein Wind, und er hörte eine

Stimme sagen: »Laßt uns ihn frei machen«. Und siehe da, der Galgen,

an dem er hing, wurde mit einer großen Scholle Erde umgelegt wie ein

entwurzelter Baum. Der zweite hatte allerdings viel auf dem Gewissen,

aber er hatte Buße gethan und wurde nun dennoch gehenkt. Doch riß der

Strick. Er wurde noch einmal gehenkt. Da kam der Abt des benachbarten

Klosters, eilte zum Grafen, der drei Meilen entfernt war und bat den

Verurteilten frei[256-b]. Ein Gefangener hatte in Tours bereits eine

Zeit lang gesessen und sollte nun auf Befehl des Richters nach dem

andern Loireufer deportiert werden. Auf dem Fähreschiff war es den

Wächtern plötzlich, als schlage sie Jemand auf den Kopf, sie stürzten;

der Gefangene, der wohl wußte, daß ihm Martin half, konnte sich frei

machen und die Kirche gewinnen[256-c]. Auch sonst erfuhren Gefangene

immer wieder Martins hilfreiche Hand[256-d]. Und in Reims durfte sich

Gregor, als er zum Besuche König Childeberts _II._ dort eintraf,

von einem Gefängniswärter zu seinem himmlischen Herrn aufrichtig

gratulieren lassen: da solle er nur hinsehen; die Dielenbretter seien

mit Quadersteinen beschwert und die Thür mit einem eisernen Riegel

und mit einem eisernen Schloß verrammelt gewesen, und doch seien die

Gefangenen mit Martins Hilfe durch das Dach entkommen![256-e]

Martin war nur der Hauptpatron der Gefangenen; auch andere Heilige

nahmen sich ihrer an. Julian befreite einen auf Fürbitte von dessen

Frau[256-f], Saint Quentin einen Gehenkten vom Galgen auf die Fürbitte

eines mitleidigen Priesters[256-g], und die Viktormesse in Mailand galt

als Freinacht für die Gefangenen zur Flucht[256-h]. Aus alledem dürfen

wir auf ausgedehnte Ansprüche der damaligen Geistlichkeit schließen,

für Gefangene einzutreten und einen Druck zu Gunsten ihrer Begnadigung

auszuüben. Gewiß hatte das Uebelstände zur Folge, wenn schließlich

jeder Geistliche oder wenigstens jeder Bischof und Abt die weltliche

Gerechtigkeit in ihrem Lauf aufhalten konnte. Aber man vergesse

nicht, wie damals das Recht gerade von den weltlichen Machthabern,

die seine Hüter sein sollten, mit Füßen getreten wurde. Wenn die

merowingischen Könige zum Mord ihre Zuflucht nahmen, aus purem Belieben

ohne vorhergegangenes gerichtliches Verfahren und dabei dreist auf ein

ihnen zustehendes »Recht« pochten[257-1], so mag man sich in jener Zeit

der allgemeinen Willkür doch die Priester noch eher gefallen lassen,

die gelegentlich eine verdiente Kerkerhaft oder eine gesetzmäßige

Hinrichtung gewaltsam hintertrieben. Und gar wenn es in der feinen

unaufdringlichen Weise unseres Gregor geschah: er kam eben von Sankt

Martin zurück, da stürzte sich auf dem Petersplatz ein Gefangener

vom Pferde hinunter zu seinen Füßen, erklärte ihm, er fühle sich

unschuldig, worauf der Bischof mit dem begleitenden Gerichtsbeamten

sprach und der Gefangene auf der Stelle frei gegeben wurde[257-a].

3.

Uebrigens flüchteten die glücklichen Gefangenen, denen der Heilige die

Ketten abgestreift hatte, nicht aus bloßer Dankbarkeit in die Kirche,

kaum waren sie frei. Sie wußten, daß ihnen dort keine weltliche Macht

etwas anhaben durfte.

Das Asylrecht schränkte die Befugnisse der Staatsgewalt in

erheblichem Grade ein. Der Schutz des kirchlichen Asyls schwächte die

Friedlosigkeit regelmäßig. Die Acht oder Friedlosigkeit vernichtete

allerdings die gesamte Rechtssphäre dessen, der ihr verfiel. Er

konnte von Jedermann bußlos verwundet und erschlagen werden. Er

verlor die Rechte der Sippe und der Familie; denn er hörte auf,

Geschlechtsgenosse, Ehemann und Vater zu sein, sodaß sein Weib als

Witwe, seine Kinder als Waisen behandelt wurden. Ueberdies bedeutet

die Acht Verfolgung, öffentlich gebotene Verfolgung. Als Feind allen

Volkes durfte der Friedlose nicht nur, sondern sollte er von jedermann

verfolgt und getötet werden. Floh nun ein Geächteter in die Kirche,

so konnte seine Auslieferung nur unter Zusicherung des Lebens und der

Glieder erfolgen. Die fränkische Gesetzgebung ersetzte in solchem Falle

Acht durch Verbannung[257-2].

In selteneren Fällen floh auch eine ganze Volksmenge in die Behausung

des Heiligen; im Kriege kam es gewöhnlich vor, daß beim Ueberfall

eines Dorfes die Kirche von flüchtigem Volk und dessen Fahrhabe

besetzt war[257-b]. Auch konnte die Zufluchtsstätte in den kleinen

Rechtshändeln des Tages täglich von kleinen Leuten aufgesucht werden,

und auch den gewöhnlichen Bürger schützte dann der Heilige vor

Gewaltthat[258-a]. Aber seine eigentliche, große, geschichtliche Rolle

spielte das Asylrecht in den Kämpfen der mächtigen Herren! Bald war

der eine Feind hilflos in der Kirche, bald der andere[258-b]. Welche

Schauspiele des heißen, des wildesten Lebens trugen sich zu, wenn da

die Leidenschaften auf dem Gipfel der Erregung aneinander schlugen!

Daß dann der Heilige schließlich wenig mehr bei dem Handel zu sagen

hatte und sein Schutz mehr durchbrochen als beachtet wurde, wie hätte

das anders sein können! Die Priesterschaft that bei solchen Auftritten

eben ihre Pflicht, suchte zu dämpfen und zu mildern, soviel als möglich

war, nicht ohne sich dabei mutig allerlei unangenehmen Zwischenfällen

auszusetzen. So sehr es nur immer anging, gönnte man dann dem Heiligen

das Wort zu einer Manifestation; als nach dem Tode Sigiberts Graf

Ruccolen an der Spitze der Leute von Le Mans vor Tours erschien und

mit sofortiger Einäscherung von Sankt Martin drohte, falls nicht die

in der Kirche verborgenen Flüchtlinge von den Diakonen herausgebracht

wurden, da wurde mit großer Genugthuung bemerkt, daß in dem Augenblick,

da Gregor mit der ganzen Geistlichkeit um Abwendung dieser Gefahr

betete, eine zwölf Jahre lang gelähmte Frau sich wieder aufrichten

konnte[258-c]. Doch was vermochten in derartigen Momenten solche

episodischen Heiligenzüge vor dem rücksichtslosen und brutalen Gebahren

der profanen Welt.

Statt aller weiteren theoretischen Erwägungen sei hier von den

prachtvollen Schilderungen dieser Art aus der Frankengeschichte

die erregendste und schönste als Beispiel mitgeteilt. Als Eberulf

vernahm, daß ein für alle mal an Königsmördern ein Exempel statuiert

werden solle, flüchtete er in die Martinskirche nach Tours. Da es nun

erforderlich schien, ihn hier zu bewachen, ergriffen die von Orléans

und die von Blois die günstige Gelegenheit und bezogen abwechselnd die

Wache. Nach vierzehn Tagen kehrten sie dann mit vieler Beute zurück,

indem sie, man denke, mitten im Frieden und im eigenen Lande, Zugvieh,

Schafe und was sie wegbringen konnten, mit sich nahmen. Die aber dem

heiligen Martin Vieh entführten, gerieten unter sich selbst in Händel

und erstachen sich gegenseitig. Die Tiere wurden darauf zurückgegeben.

Indessen teilten sich verschiedene Leute in Eberulfs Güter; sein Gold,

sein Silber und die Kostbarkeiten fielen der öffentlichen Plünderung

anheim. Was ihm von Krongut übertragen gewesen war, wurde für den

Staatsschatz eingezogen, seine Pferde-, Schweine- und Rinderherden

konfisziert. In seinem Haus, das er widerrechtlich vom Kircheneigentum

sich angeeignet hatte und das man nun voll Getreide, Wein und Schinken

fand, ließ man nur noch die nackten Wände zurück. Das war gerechte

Vergeltung; denn als er noch in Freiheit war, ließ er seine Pferde

und Schafe auf die Saatfelder und in die Weinberge der armen Leute

treiben, und wenn sie, deren saure Arbeit er zu Grunde richtete, ihr

eigenes Vieh hinausführten, ließ er sie sogleich von seinen Leuten

niederhauen. Besonders aufsäßig war er den Verwaltern der Hauptkirche,

eignete sich durch einen Scheinkauf widerrechtlich von ihren Gütern

an, ja er vollführte in der Vorhalle der Martinsbasilika Mordthaten,

stellte dort Saufgelage an und warf einen Priester, der ihm keinen Wein

mehr geben wollte, da er schon betrunken war, auf eine Bank nieder und

traktierte ihn mit seinen Fäusten derart, daß dieser verschieden wäre,

wenn ihn nicht die Aerzte durch Schröpfköpfe gerettet hätten. Statt im

Asyl Martins manierlich zu werden, überhäufte er Gregor mit Vorwürfen

und gelobte, wenn er jemals wieder beim Könige in Gnaden angenommen

sei, werde er alles rächen, was er erdulde. Er hielt, aus Furcht vor

dem Könige, sein Nachtlager in der Sakristei der Martinskirche, und

wenn der Priester mit den Schlüsseln fortgegangen war und die übrigen

Pforten verschlossen hatte, kamen durch die Thüre der Sakristei die

Töchter des Eberulf mit seinen andern Kindern in die Kirche, sahen

sich die Wandgemälde an und kramten im Schmuck des heiligen Grabmals

herum, was den Brüdern sehr anstößig war. Als der Priester dies in

Erfahrung gebracht hatte, schlug er Nägel an der Thüre ein und schob

die Riegel von innen vor. Da Eberulf nach seinem Abendessen, schon vom

Wein trunken, dies bemerkte und Gregor mit seinen Klerikern in der

Kirche eben Psalmen sang, brach jener wütend herein und überhäufte

den Bischof mit seinen Schimpfreden. Fluchend warf er ihm vor, man

verwehre ihm den Zutritt zu den Fransen der heiligen Grabdecke, deren

Berührung ihn bei einem Ueberfall schützen sollte. Mit freundlichen

Worten suchte ihn Gregor zu beruhigen, und als der gute Zuspruch

nichts gegen den Wütenden vermochte, schwieg er still. Da wandte jener

seine Flut von Schmähungen gegen einen Priester und geberdete sich wie

verrückt, sodaß die Geistlichkeit, um weiteres Aergernis zu vermeiden,

die Vesper abbrach und die Kirche verließ. Indessen schickte der

König Gunthram einen gewissen Claudius ab und sprach: »Wenn du dich

aufmachst, den Eberulf aus der Kirche schaffst und entweder mit dem

Schwerte erlegst oder mir in Banden bringst, so will ich dich zu einem

reichen Manne machen; aber nimm dich in Acht und füge ja der heiligen

Kirche keinen Schaden zu«. Da eilte jener, verwegen und habgierig,

wie er war, zuerst nach Paris, denn sein Weib war aus dem Gebiete von

Meaux, und trachtete darnach, wie er die Königin Fredegunde sprechen

könne. »Wenn ich sie spreche«, meinte er, »werde ich auch von ihr einen

hübschen Lohn gewinnen; denn ich weiß, sie ist Eberulf gram«. Auch

kam er wirklich zu ihr und erhielt sofort große Geschenke und viele

Versprechungen überdies, wenn er Eberulf aus der Kirche schaffe und

töte oder listig in Banden schlage oder ihn auch in der Vorhalle der

Kirche selbst niederstoße. Darauf kehrte er nach der Burg Dun zurück

und forderte hier den Grafen auf, ihm dreihundert Mann zu geben; seinem

Vorgeben nach um die Thore der Stadt Tours zu bewachen, in Wahrheit

um mit ihrer Hilfe Eberulf zu töten. Und während der Graf der Burg

die Leute noch aufbot, zog Claudius selbst gegen Tours. Auf dem Wege

aber fing er nach der Sitte der Franken an, auf Vorbedeutungen zu

achten; doch meinte er, sie seien ihm ungünstig. Zugleich fragte er

auch bei vielen an, ob die Macht des heiligen Martin sich neuerdings

an Wortbrüchigen kund gegeben habe, und ob einen sofort die Rache

ereile, wenn man denen, die ihre Hoffnung auf den Heiligen setzten,

Leid anthue. Ohne die Leute von Chateau Dun abzuwarten, begab er sich

sofort zu der heiligen Kirche, machte sich an Eberulf und hob an, ihm

zu beteuern und ihm bei allen Heiligen und der Wunderkraft des seligen

Bischofs, an dessen Grabe sie ständen, zu schwören, Niemand werde

ihm treulicher in seinen Sachen beistehen als er, so könne er seine

Händel mit dem Könige leicht zu einem guten Ende führen. Sich selbst

sagte er: »Fange ich ihn nicht durch falsche Schwüre, so bekomme ich

ihn nicht in meine Gewalt«. In der That faßte Eberulf auf die vielen

Eide, in der Kirche, im Säulengange und an andern heiligen Stellen

Vertrauen. Er selbst hatte die Sakristei mit einer Wohnung in dem an

die Kirche anstoßenden Gebäude vertauscht. Dort zechten er und Claudius

mit einigen Bürgern von Tours. Nach dem Mahl gingen er und Claudius in

der Vorhalle auf und nieder und gelobten sich unter Eidschwüren Liebe

und Treue. Plötzlich sagte Claudius: »Ich möchte wohl noch einen Trunk

in deiner Wohnung thun, falls du süß gewürzte Weine hast oder die Güte

haben solltest, einen starken Wein zu beschaffen.« Eberulf freute sich:

daran fehle es nicht; und er schickte seine Diener aus, einen nach dem

andern, stärkere Weine zu holen, italienische Weine. Als nun Claudius

ihn allein und von seinen Dienern verlassen sah, hob er seine Hand

gegen die Kirche auf und sprach: »Hochheiliger Martin, laß mich bald

mein Weib und meine Kinder wieder sehen«. Der entscheidende Augenblick

war da. Der Elende wollte hier in der Vorhalle morden, fürchtete aber

doch die Macht des heiligen Bischofs. Da griff einer unter den Dienern

des Claudius, ein handfester Mensch, zu, packte Eberulf von hinten

mit kräftigen Armen, bog ihm die Brust zurück und hielt ihn so zum

Todesstoße bereit. Claudius zog das Schwert aus dem Wehrgehänge und

holte aus. Aber auch Eberulf hatte seine Waffe entblößen können und

war zum Stoße fertig. Als nun Claudius die Rechte erhob und ihm einen

Hieb in die Brust versetzte, stieß auch er behende ihm die Spitze des

Schwertes in die Achselhöhle, zog das Schwert wieder an sich, holte

abermals aus und hieb Claudius den Daumen ab. Darauf eilten dessen

Diener mit Schwertern herbei und verwundeten Eberulf des weiteren.

Er suchte ihren Händen zu entwischen und zu fliehen, obwohl er schon

ganz entkräftet war. Da entwanden sie ihm das Schwert, versetzten ihm

einen tüchtigen Schlag auf den Kopf, das Gehirn spritzte heraus, er

brach zusammen und war tot. Vom Heiligen verdiente er nicht gerettet

zu werden; denn er hatte sich niemals darauf verstanden, ihn gläubig

um Beistand anzurufen. Claudius jedoch eilte voll Furcht zu der Zelle

des Abtes und verlangte Schutz. Der Abt hatte Bedenken. Da rief

Claudius: »Ein ungeheures Verbrechen ist begangen und kommst du uns

nicht zu Hilfe, so sind wir verloren«. Bei diesen Worten stürmten die

Diener Eberulfs mit Schwertern und Lanzen heran, und da sie die Thüre

verriegelt fanden, schlugen sie die Glasscheiben der Zelle ein, warfen

ihre Lanzen durch die Fenster in der Wand und durchbohrten Claudius,

der schon halb entseelt war, mit dem Speere. Seine Diener aber

verkrochen sich hinter der Thüre und unter die Betten. Den Abt nahmen

zwei Geistliche in die Mitte und zwischen den Spitzen der Schwerter kam

er nur mit Mühe und Not lebend von dannen. Die Thüren wurden geöffnet;

die Masse der Kämpfenden drang herein. Auch machten sich einige von den

Hausarmen der Kirche und den andern Almosenempfängern daran, das Dach

der Zelle abzureißen, da hier eine solche Greuelthat geschehen war.

Besessene und armes Volk liefen mit Steinen und Knütteln herbei um die

Beschimpfung der Kirche zu rächen. Die Flüchtlinge wurden aus ihrem

Versteck hervorgezogen und grausam erschlagen. Der Fußboden der Zelle

schwamm in Blut. Ihre Leichname wurden herausgeschleppt und blieben

nackt und bloß auf der kalten Erde liegen. Die Mörder aber entwischten

während der Nacht mit der Beute. Als dieser unerhörte Skandal sich

zutrug, war der Bischof eben sechs deutsche Meilen weit über Land

gegangen. Auch der König geriet bei der Nachricht in gewaltigen Zorn,

beruhigte sich aber, als er genaue Kunde erhielt. Eberulfs bewegliche

und unbewegliche Habe und was dieser von seinen Vorfahren ererbt hatte,

schenkte der König seinen Getreuen. Das Weib des Unglücklichen fiel arm

und bloß der Martinskirche zur Last[261-a].

Fünfzehntes Kapitel.

Amulet und Fluidum.

1.

Gab es auch unzählige Reliquien und war noch obendrein der einzelnen

ein ansehnlicher Bannkreis umgeschrieben, in dem sie selbst auf

Entfernung wirkte, so war doch dem unersättlichen Verlangen der Leute

nach dem Beistand der Heiligen noch nicht genug gethan. Für Fälle, wo

ein Kirchgang zu umständlich war, besaß man Angebinde vom Heiligen

für den Hausgebrauch. Das konnten einfach Reliquien sein oder Teile

von solchen, die mit dem profaneren Zweck dann auch die Prätension

fallen und eine Berührung mit dem Alltagsmenschen geschehen ließen.

Immerhin fanden sich diese zu Amuleten erniedrigten Reliquien doch nur

selten, in den Händen von Priviligierten, vor. Am nächsten lag es,

Reliquien einer Hauskapelle bei gelegentlichem Bedarf vorübergehend

als Amulet zu verwenden. Ein Bürger von Saintes, Cardegisel mit dem

Uebernamen Gyson, lud Gregor zu sich ein und führte ihn in den Betsal

seiner Mutter, dessen Altar Martinspfänder enthielt: »Vor drei Jahren«,

erzählte der Herr, »als mein Junge hier noch an der Mutterbrust lag,

wurde er krank und nahm keine Nahrung. Tagelang ging es so. Am sechsten

legten wir ihn auf den Altar. Ich konnte es nicht mehr aushalten und

sagte meiner Frau, ich ginge über die Zeit weg, sie sollte den Kleinen

dann begraben. Das Kind lag bis zum Abend. Plötzlich drehte es sich

dann und rief: ›Wo bist du, Schwesterchen‹. Nach Kinderart rief es der

Mutter so. Sie nahm es auf den Arm und es ließ sich von ihr stillen.

Und so bald es trank, wurde ihm besser[262-a]«. Ein ander Mal, als

Gregor sich in Reims befand und in der Sakristei auf den Bischof

wartete, stellte sich ihm der Referendar des verstorbenen Sigibert

vor, Siggon, der an einem Ohr gar nicht und am andern schlecht hörte.

Dieser hatte den Bischof von Tours kaum verlassen und ein paar Schritte

in der Kirche gethan, so bekam er Ohrenbrausen und hörte wieder. Er

kehrte zu Gregor zurück um sich zu bedanken, drei Tage lang habe er

an dem Ohr nichts mehr gehört; aber über dem Gespräche habe er es

sich lösen gespürt. Da gestand ihm Gregor, er sei verwegen genug,

Martinsreliquien auf sich zu führen; ihnen gebühre also der Dank

des Geheilten[262-b]. Gregors Mutter besaß Reliquien des Euseb von

Vercelli. Einst an einem Winterabend hatte sie bis tief in die Nacht

hinein am Kamin in fröhlicher Gesellschaft gesessen. Die Dienstboten

waren bereits schlafen gegangen, und sie selbst legte sich dann hin,

ohne auf das große, noch glühende Holzscheit weiter acht zu geben. Da

stiegen denn einzelne Gluten in die Höhe und steckten das Deckengetäfel

in Brand; wunderbarerweise, und daran waren eben die in der Nähe

befindlichen Reliquien schuld, drangen die Flammen nicht der Höhe zu

durch das Gebälk, sondern hingen wie kleine Feuerflocken harmlos dort

oben und liefen der Einfassung entlang, ohne Schaden anzurichten. Die

Mutter erwachte, rief das Gesinde, und der Hausbrand wurde mit Wasser

gelöscht[262-c]. Es war nicht das einzige Erlebnis dieser Art in

Gregors Familie. Vom verstorbenen Vater her wurde ein goldenes Etui

mit anonymer Heiligenasche hoch in Ehren gehalten; er hatte es sich

als junger Mensch verschafft, als er eben verheiratet von Theudeberts

Standesoffizieren zum Kriegsdienst ausgehoben wurde. Er dankte ihnen

sein Leben, sowie manche Bewahrung vor Diebsgefahr und Wetterschaden,

ja auch vor der Anfechtung der eigenen Sinne. Nach seinem Tode trug sie

die Witwe, an einem Halsband über der Brust. Zur Erntezeit, als es mit

einem Male kalt wurde und die Schnitter unvorsichtig ein Strohfeuer

ansteckten, das um sich griff und die umliegenden Garbenhaufen

bedrohte, fuhr die Mutter auf das Rufen hin vom Tisch auf und streckte

ihr Amulet nach dem Feuer hin, daraufhin erlosch es alsbald. Später

bekam Gregor diese Leibreliquien und verscheuchte auf einem Ritt von

Burgund in die Auvergne ein aufsteigendes Gewitter damit[263-a]. Aber

eben nur reiche Leute konnten sich diese echten Heiligenpfänder als

Lebensversicherung überhaupt gönnen.

Dem Volk war deshalb die Vergünstigung des Amuletes keineswegs

erschwert, da die Mitteilbarkeit der Reliquienkraft unerschöpflich war

und die übertragene der ursprünglichen in der Wirkung nicht nachstand.

Hatte erst einmal eine Reliquie einen Raum mit ihrem heiligen Fluidum

von Grund aus durchdrungen, so konnten an dem so imprägnierten Orte

ungezählte Amulete gewonnen werden. »Von dem Grabsteinpulver oder dem

Kerzenwachs eines solchen Ortes sich etwas mitzunehmen, befähigt zu

Kraftthaten, die unablässig geschehen sind, oder noch geschehen und

die kein Mensch auf der Welt aufzuzählen im Stande ist[263-b]« — in

diesen Worten Gregors spricht es sich aus, daß vom Heiligengrab aus

ein unversieglicher Strom von Kräften nicht nur, sondern auch von

neuen Kräftequellen seinen Anfang nahm. Auch der geringe Mann war

in den Stand gesetzt, sich sein Amulet selbst zu bereiten und einen

Behälter der Heiligenkraft in seiner nächsten Nähe zu führen. Der

populärste Bezugsort dafür waren nun eben die Heiligengrabsteine, an

denen man sich nur etwas Pulver abzuschaben brauchte, um zu haben, was

man wünschte. Weil dieses Grabsteinpulver so leicht herzustellen war,

stand es im Vordergrunde aller Heiligenangebinde; überdies hatte es

vor andern Amuleten noch die Eigenschaft voraus, daß es meistens mit

Wein oder Wasser angemacht innerlich genommen und somit noch obendrein

des Zutrauens teilhaftig wurde, das kranke Leute einem Medikament

entgegenbringen. Wie man damals von einer solchen Prise Staubes dachte,

muß gerade darum deutlich werden, weil uns diese Wertschätzung heute

so unglaublich scheint; und so sei denn die Lobeserhebung, die Gregor

dem Grabsteinpulver widmet, im Wortlaut mitgeteilt: »O unbeschreibliche

Mixtur!« ruft er aus[263-c], »unaussprechliche Spezerei, Gegengift,

über alles Lob erhaben! Himmlisches Abführmittel, wenn ich mich des

Ausdrucks bedienen darf, das alle ärztlichen Rezepte in den Schatten

stellt, jedes Arom an süßem Duft übertrifft und stärker ist als alle

Essenzen, das den Unterleib reinigt wie Skammoniensaft, die Lunge wie

Ysop und den Kopf wie Bertramswurz, aber eben nicht allein die siechen

Glieder wiederherstellt, sondern, was viel mehr wert ist, die Flecken

vom Gewissen hinwegwäscht!« Neben dem Steinpulver fand das Wachs, das

auf den Gräbern von den Votivkerzen vertropft war, oder Reste dieser

Kerzen selbst den meisten Anklang. Wachs kannte selbst zwar nicht

eingenommen werden, dagegen wurde die Dochtasche pulverisiert und auf

dieselbe Weise als Medikament verwendet[264-a]. Wenn solche Amulete

gewonnen wurden, wirkten sie anfangs etwa auch noch mit der drückenden

Kraft der Vollreliquie. »Geh zur Kirche des seligen Julian«, sagte

Aridius zu einem Priester, »bete dort und ersuche dann die Kirchenhüter

dir ein wenig Wachs oder Grabesstaub zu verabfolgen«. Als dieser sie

empfangen hatte, wurden ihm plötzlich die Glieder schwer, er brach

fast zusammen; doch ermunterte er sich ohne Schwierigkeit und konnte

seines Weges gehen. Ein starker Kraftleiter war auch der Vorhang über

dem heiligen Grab. Er besitzt eine den Reliquien vollkommen ebenbürtige

Heilkraft[264-b], er heilt Kopfweh bei bloßer Berührung[264-c], ein

einzelner ihm entzogener Faden, in Kreuzesform aufgelegt, vertreibt

Bauchschmerzen[264-d]. Desgleichen wirkte das Tuch, das eine Reliquie

einhüllte[264-e]. Das Linnen, in dem Marienreliquien geborgen waren,

verbrannte so wenig als der heilige Inhalt. Die Seidendecke, in der ein

Stück heiliges Kreuz eingewickelt gewesen war, ließ Gregor abbrühen

und das Wasser als Heiltrank verwenden[264-f]. Aber wie auch hier die

Steigerung des Amulets zum Medikament stattfand, so konnte umgekehrt

die genossene Hostie gelegentlich als Amulet wirken; die Geschichte

ist zu bezeichnend, um nicht nacherzählt zu werden; sie ereignete

sich zu Gregors Jugendzeit in seiner Heimat. Ein allein reisender

Priester bat an der Hütte eines armen Mannes um ein Nachtquartier.

Nach Clerikerbrauch unterbrach er seinen Schlaf gegen Morgen, um sein

Gebet zu verrichten. Um dieselbe Stunde, kurz vor Tagesanbruch, war

aber auch schon der Bauer aufgestanden, um mit seinem Ochsenkarren

ins Holz zu fahren. Doch wollte er den gewohnten Frühimbiß, den ihm

seine Frau vorsetzte, diesmal nicht einnehmen, ohne daß der geistliche

Herr ihm sein Brot geweiht hätte. Als das geschehen war und er das

Sakrament empfangen hatte, fuhr er von dannen. Noch war es nicht hell

geworden, so kam er an die Schiffbrücke, stieg ab und führte Gespann

und Wagen hinüber. Auf der Flußmitte hörte er plötzlich jemanden sagen:

»Ertränk ihn, ertränk ihn, spute dich!« und darauf jemanden antworten:

»Ich wollte schon. Aber etwas Heiliges steht mir an ihm entgegen. Er

hat das Sakrament empfangen, mußt du wissen«. Der Bauer vermochte

niemanden zu sehen; er begriff, wer gemeint war, bekreuzte sich, dankte

Gott, machte, daß er weiter kam, und gelangte heil ans jenseitige

Ufer[265-a]. Und dann war auch sonst alles und jedes, was nur von

ferne über die Ausrede verfügte, mit dem Heiligen in Berührung gewesen

zu sein, auch wundertätiger Kräfte fähig. Das Oel, das der Priester

Aridius bei seiner Anwesenheit in einem mit Martinsreliquien versehenen

Raum auf sich trug, bewirkte unzählige Heilungen[265-b].

Ueberhaupt darf man, wie immer bei Volksvorstellungen, sich über die

nachträgliche Unbestimmtheit in der scheinbar sachgemäßen Gruppierung

nicht wundern. Im Bewußtsein des Volkes war die beobachtete Einteilung

nicht vorhanden: Reliquie war jeder Sitz heiliger Kräfte, ob sie nun

original oder abgeleitet waren, und so kennt Gregor denn auch keine

besondere Bezeichnung für das, was wir als Amulet oder Medaille von

der Reliquie unterschieden haben. Momentane Kombinationen und Einfälle

bereicherten die allgemein umrissenen Typen oft noch durch die

sonderbarsten Beispiele. Gegen kranke Füße versuchte ein bretonischer

Graf Fußbäder in einem als Wanne benutzten silbernen Altargesäß, vor

dessen Größe, nebenbei gesagt, uns die Möglichkeit einer derartigen

Verwendung nicht geringe Achtung einflößen mag; auf diesen famosen

Gedanken war einer aus dem Gesinde geraten, nachdem sein Herr all

sein Gut für die Rechnungen der Aerzte aufgebraucht hatte. Aber die

Profanation bekam dem Grafen schlecht; die Schmerzen nahmen zu und

hinderten ihn nun vollends am Gebrauch seiner Füße zum Gehen. Derselben

Manipulation soll sich ein Herzog der Longobarden mit dem gleichen

Mißerfolg unterzogen haben[265-c]. Wo indessen der Anstand nicht auf

dem Spiele stand, konnten wohl Kirchengerätschaften ohne Nachteil zum

Zweck der Übertragung des Fluidums zu Hilfe genommen werden. Bei einer

Pferdekrankheit im Bezirk Bordeaux impfte man die Tiere, indem man

ihnen den Bart des Schlüssels der Domänenkapelle auf das Fell brannte;

die Erkrankten wurden gesund, die Gesunden erkrankten nicht[265-d]. Ein

ander Mal errang das Amulet landwirtschaftliche Erfolge, indem ein mit

dem Wachs von Martinskerzen bestrichener Fruchtbaum vom Hagelschlag

verschont blieb[265-e]. Die Dehnbarkeit des Begriffs kannte eben keine

Grenzen; war kein Grabsteinpulver zu haben, so that schließlich ja auch

eine Prise Staubes vom Fußboden der Kirche denselben Dienst[265-f].

Das Amulet war auf würdelose Ausführung ebenso empfindlich, wie

die Reliquie selbst und rächte pietätlose Behandlung. Nunnius, der

Steuereinnehmer der Königin Theudechilde, meinte es zwar redlich,

machte aber nach Soldatenart keine Umstände, auch dem Heiligen

gegenüber nicht. Als er vor dem Grabe des Germanus von Auxerre von

einem langen Gebete aufstand, zog er einfach vom Leder und schlug

mit seinem Säbel auf den Grabstein los, immerhin erst, nachdem er

sich vergewissert hatte, es sehe niemand zu. Ein kleines Stück Stein

war abgesprungen; als er aber das Amulet zu sich steckte, wurde er

erzsteif und konnte kein Glied mehr rühren, bis er Buße that und sein

frivol erworbenes Gut als Reliquie einer Kirche in Verschluß zu geben

gelobte[266-a]. Daß das nicht genügend in Ehren gehaltene Amulet

schadet, erfuhr auch einer von Gregors Leibeigenen. In einer Anwandlung

von Verehrung für Martin und durch seinen Herrn Gregor in seiner

Absicht ermuntert, nahm er einen Spahn vom Holz des Bettes in Candes,

auf dem Sankt Martin gestorben war, und hob es in seiner Wohnung auf,

daß es ihm Heil bringe. Aber die Aufmerksamkeit muß nachgelassen haben

und das Amulet unter gewöhnlichen Hauskram geraten sein, plötzlich

wurde die ganze Familie krank. Gregor dachte gleich, was etwa schuld

sein möchte, und richtig, in einem schrecklichen Traumgesicht bekam der

Knecht zu hören: »Der Holzspahn vom Bette des Herrn Martin, auf den du

nicht genügend Acht gibst, ist die Ursache deiner Leiden. Uebergieb

ihn lieber dem Diakon Gregor, daß er ihn bei sich verwahre«. Und von

dem Augenblick an, da der heilige Spahn an einem ihm gebührenden Orte

untergebracht war, wurde der Hörige und sein ganzes Haus gesund[266-b].

Nun sei der Kreislauf unserer Beobachtungen abgeschlossen durch zwei

Fälle, die zeigen, wie ein an sich durchaus profaner Gegenstand

lediglich durch Aufnahme des heiligen Fluidums schließlich zur

Vollreliquie werden kann. Motharius, ein Bürger von Tours, im Begriff

an den Hof zu reisen, setzte seine Reisezehrung, Brot und Wein, am

Heiligengrabe aus, und als er dann unterwegs bei Gastfreunden abstieg,

schrie die Frau des Hauses, die schwermüthig war, angesichts seines

Gepäcks: »Warum verfolgst du uns, o Heiliger! Warum quälst du uns,

Diener Gottes!« Als ihr aber Wein und Brot vermischt eingegeben wurde,

bekam sie einen Blutsturz, der sie von dem bösen Geist befreite; ebenso

half dasselbe heilige Medikament einer Frau vom Fieber[266-c]. Was

jedoch hier mehr als ein zufälliger Vorfall erscheint, tritt anderswo

als beabsichtigter und alsdann gelungener Versuch auf, für eine echte

Reliquie Martins, einen ebenso kräftigen Ersatz herzustellen. Es

handelte sich freilich auch um nichts geringeres als um den Uebertritt

des suevischen Königshauses zum Katholizismus, wozu die Krankheit des

Königssohnes die Veranlassung gab. Der König fragte seine Umgebung:

»Sagt doch, welcher Religion gehört schon jener Martin an in gallischen

Landen, von dessen Heilerfolgen man schon so viel spricht?« Dann

versuchte er es mit großen Weihgeschenken, so viel Gold und Silber

als der Kranke selbst wog, ließ er nach Tours bringen. Aber die

Genesung geriet nur halb. Da baute er Sankt Martin eine Kirche, und

stellte seine Bekehrung in Aussicht, wenn er nur eine Martinsreliquie

erwerben könnte. Nun bot man seiner zweiten Gesandtschaft in Tours die

üblichen und als wirksam bekannten Heiligenunterpfänder an. Aber sie

hatten den Eigensinn, sich ihr Amulet selbst anzufertigen und baten

um die Erlaubnis, eigene Gegenstände auf das Grab legen zu dürfen und

diese dann, falls die Füllung gelinge, mit nach Hause zu nehmen. So

deponierten sie ein Stück Seidenstoff auf dem Grabaltar und beteten die

ganze Nacht hindurch. Am andern Morgen legten sie, nach einem auch zu

Rom am Grab der Apostel üblichen Verfahren, es auf die Wage, und siehe

da! der Pfundstein in der Gewichtschale hob sich alsbald so hoch in die

Luft, als die Stange überhaupt drehbar war; so schwer war der Stoff von

der Gnade des Heiligen geworden.

2.

Aber selbst mit allen nur erdenklichen Ableitungen auf fremde Stoffe

war dem heiligen Fluidum seine letzte Schranke noch nicht gesetzt. Wir

müssen zu der Beobachtung fortschreiten, daß für eine solche Anschauung

der Dinge eben auch das, was wir Geist nennen, etwas stoffliches war.

Der Verkehr des fränkischen Christen mit Gott ging rein materiell vor

sich durch Gebet, Kreuzeszeichen und Anrufung des heiligen Namens.

Sie wirken nicht anders als Reliquien und sind in der That weiter

nichts, als Kraftsurrogate in Abwesenheit eines massiven Kraftherdes;

während sonst bei einer großen Feuerbrunst mit Reliquien vorgegangen

wird, betete in einem ähnlichen Fall das zu Bordeaux versammelte Volk

zu Martin und erzielte auch so den Stillstand der Flamme[267-b]. Vom

Kreuzeszeichen sagt Gregor: »Bekreuzt man flink und ohne sich zu

besinnen Stirn und Brust mit diesem heiligen Zeichen, so vermag man

dem Uebel als Märtyrer entgegen zu treten; haben doch die Märtyrer

selbst, mit denen Gott kämpfte und triumphierte, ihre glorreichen

Siege nicht anders davon getragen, als durch den Beistand Gottes und

das Kreuzeszeichen, aber ja nicht durch ihre eigenen Kräfte«[267-c].

Der Heiligenname, besonders wenn er bei der Festverlesung der Vita zum

ersten Mal über die Lippen des Vorlesers tritt, löst ungemein leicht

Wundervorgänge unter den Zuhörern aus! Hiezu kommt die grobsinnliche

Behandlung des Bibelstudiums. Wenn man gegen die Arianer und Juden

so viel Bibelstellen als möglich ins Feld führte und sich weiter um

dialektische Künste nicht kümmerte, so geschah das eben in erster

Linie im Glauben an die Amuletkraft des Bibelspruchs. Noch deutlicher

tritt das beim Schriftorakel zu tage, dem sogenannten »Däumeln«. Ein

Beispiel. Im Jahre 557 belagerte Chlothars jüngster Sohn Chramm, der

sich wider seinen Vater ein erstes Mal empörte, Châlons und schlug sein

Lager vor Dijon auf. Da flehten die Geistlichen dieser Stadt zu Gott,

er möge ihnen enthüllen, welchen Ausgang es mit Chramm haben werde. Sie

legten, der damaligen Sitte gemäß, noch drei Bücher auf den Altar, die

Propheten, den Apostel und die Evangelien, und nun sollte ein Jeder,

was er zuerst aufschlüge, auch bei der Messe lesen. Das Orakel lautete

bei den Propheten: »Warum hat er Herlinge gebracht, da ich wartete, daß

er Trauben brächte« —; beim Apostel: »Werden sie sagen: Es ist Friede,

es hat keine Gefahr, so wird sie das Verderben schnell überfallen« —;

beim Herrn im Evangelium: »Und wer diese meine Rede höret und thut sie

nicht, der ist einem thörichten Manne gleich, der sein Haus auf den

Sand baute«. Chramm aber kam bis zu den Kirchen vor dem Thor, Sankt

Benignus und Sankt Johann, wurde dort von Tetricius empfangen und mit

dem Abendmahl versehen; aber die Erlaubnis, Dijon zu betreten, wurde

ihm auf das ungünstige Orakel hin nicht erteilt[268-a].

Heilig sein heißt also, mit Himmelskraft geladen sein. Die Gesinnung

des Trägers konnte an dem objektiven Gehalt des Heiligtums nichts

ändern. Deshalb hat es seine besonderen Schwierigkeiten auf sich,

Gaukler und Schwindler, die mit heiligen Gegenständen Unfug trieben,

zu überführen und zu entlarven. Des charakteristischen Hintergrundes

wegen, den unsere bisherigen Ausführungen dadurch erhalten, fügen wir

hier eine längere Schilderung Gregors im Wortlaut ein: »Es kam ein

großer Betrüger nach Tours, der Viele durch seine Arglist täuschte. Er

trug einen Rock ohne Aermel und darüber einen Mantel von Baumwolle,

in der Hand führte er ein Kreuz, von dem Fläschchen herabhingen;

diese Fläschchen enthielten nach seiner Angabe heiliges Oel. Er gab

vor, er komme aus Spanien und bringe die Reliquien der hochheiligen

Märtyrer Vincentius und Felix. Da es aber bereits Abend war, als

er zu der Kirche des heiligen Martin kam und wir schon beim Mahle

saßen, schickte er zu uns und sprach: ›Man empfange die heiligen

Reliquien‹. Da es aber schon zu spät war, ließ ich ihm sagen: ›Man

lasse die heiligen Reliquien auf dem Altare ruhen, bis wir am Morgen

zu ihrem Empfang ausziehen‹. Aber schon beim Anbruch der Dämmerung

erhob er sich und zog, ohne uns zu erwarten, mit seinem Kreuze ein

und trat in unsere Zelle. Ich war ganz erstaunt und verwundert

über sein unbesonnenes Verfahren und fragte ihn, was dies bedeuten

solle. Er antwortete mir hochmütig und mit stolzem Tone: ›Du hättest

mir einen besseren Empfang bereiten sollen. Aber ich werde es König

Chilperich hinterbringen; er wird die Geringschätzung, mit der ich

behandelt bin, ahnden‹. Darauf ging er in die Kapelle und sprach, mich

hintansetzend, den ersten, zweiten und dritten Spruch der Agende,

begann selbst das Gebet und brachte es zum Schluß, erhob wiederum sein

Kreuz und ging von dannen. Seine Rede war ungebildet, seine Aussprache

garstig, breit und häßlich, auch ging kein vernünftiges Wort aus

seinem Munde. Er kam bis nach Paris. Es wurden aber gerade zu dieser

Zeit die öffentlichen Bettage gefeiert, die vor dem heiligen Tage der

Himmelfahrt abgehalten zu werden pflegen. Als nun Bischof Ragnemond

mit seiner Gemeinde feierlich aufzog und die heiligen Stellen der

Stadt besuchte, kam dieser Mensch mit seinem Kreuz an und zeigte sich

dem Volke in seiner ungewöhnlichen Tracht. Es sammelte sich alsbald

um ihn ketzerisches Gesindel und Weiber niederen Standes. So bildete

er sich ein Gefolge und wollte mit dieser seiner Schaar ebenfalls an

den heiligen Stätten Umzug halten. Der Bischof sandte aber, als er

dies sah, seinen Archidiakon zu ihm und sprach: ›bringst du Reliquien

der Heiligen, so lege sie für einige Zeit in einer Kirche nieder und

feiere die heiligen Tage mit uns, ist aber das Fest vorüber, so magst

du deiner Straße weiter ziehn‹. Doch er achtete dessen, was ihm der

Archidiakon meldete, nicht, sondern stieß vielmehr Schmähungen und

Verwünschungen gegen den Bischof aus. Da nun der Bischof merkte, es

sei ein Volksverführer, ließ er ihn in eine Zelle sperren. Und als

man die Sachen untersuchte, die er bei sich hatte, fand man einen

großen Sack, der war mit Wurzeln unterschiedlicher Kräuter angefüllt,

auch waren Maulwurfszähne, Mäuseknochen, Bärenklauen und Bärenfett

darin. Da dies nun augenscheinlich Zaubermittel waren, ließ man es

alles in den Fluß werfen, nahm ihm sein Kreuz und verbannte ihn aus

dem Gebiet der Stadt Paris. Dennoch ließ dieser Mensch abermals sich

ein anderes Kreuz machen und fing sein altes Treiben wieder an; da

nahm ihn der Archidiakon fest, ließ ihn mit Ketten binden und in den

Kerker werfen. Zu dieser Zeit kam ich selbst nach Paris und hatte

meine Herberge bei der Kirche des heiligen Märtyrers Julianus. Und

in der folgenden Nacht brach jener Bösewicht aus seinem Kerker und

flüchtete sich, noch mit Ketten geschlossen, zu der genannten Kirche

des heiligen Julianus, wo er gerade an der Stelle niedersank, wo ich

mich aufzustellen pflegte; von Müdigkeit und Wein überwältige schlief

er dort ein. Wir wußten nicht was geschehen war, und als wir uns um

Mitternacht erhoben, den Gottesdienst zu halten, fanden wir ihn dort

schnarchend. Es ging aber ein solcher Gestank von ihm aus, daß der

Gestank aller Cloaken und Abtritte nichts dagegen ist und wir vor

Gestank nicht in die heilige Kirche treten konnten. Es hielt sich

daher einer der Geistlichen die Nase zu, trat an ihn heran und suchte

ihn aufzuwecken, aber umsonst, so betrunken war der Bösewicht. Darauf

traten vier Geistliche heran, packten ihn mit den Händen und warfen

ihn in einen Winkel der Kirche. Wir holten Wasser, wuschen den Boden

ab und streuten wohlriechende Kräuter darauf, dann erst traten wir

ein, um die Gebete abzuhalten. Aber auch trotz unseres Singens wachte

er nicht eher auf, als bis der Tag anbrach und die Sonne höher am

Himmel emporstieg. Darauf überlieferte ich ihn dem Bischof unter der

Bedingung, daß ihm kein Leid geschehe, weil er nämlich in der Kirche

gefunden worden war. Als aber die Bischöfe in der Stadt zusammen kamen

und ich beim Mahle dies erzählte, befahlen wir ihn vorzuführen, um

ihm Vorstellungen zu machen. Als er nun vor uns stand und der Bischof

Amelius von Tarbes seine Augen erhob, erkannte er in ihm einen seiner

Diener, der entlaufen war; da gab man ihn unter der Bedingung, daß

ihm kein Leid geschehe, zurück, und er nahm ihn mit sich in seine

Heimat. Sieben Jahre später zeigte sich in der Stadt Tours ein anderer

großer Betrüger mit Namen Desiderius, der vorgab, er sei etwas Großes

und könne viele Wunder thun. Auch rühmte er sich, es liefen Boten

zwischen ihm und den Aposteln Petrus und Paulus hin und her. Da ich

nicht in der Stadt war, strömte viel gemeines Volk ihm zu, und sie

brachten ihm Blinde und Kranke. Er aber suchte sie nicht durch frommes

Gottvertrauen zu heilen, sondern vielmehr durch Höllentrug und List zu

verderben. Die gichtbrüchig oder sonst gebrechlich waren, ließ er mit

Gewalt ausrecken, gleich als ob er die, für deren Heilung die göttliche

Wunderkraft versage, aus seiner eigenen Macht herstellen könnte. Es

ergriffen nämlich einige seiner Diener die Hände der Menschen, andere

die Füße und zogen sie nach verschiedenen Richtungen so stark, als

müßten die Sehnen reißen. Wurden sie nicht geheilt, so ließ er sie

für tot liegen. Viele kamen durch diese Marter um das Leben. Ja der

Bösewicht war unverschämt genug, zu behaupten, Sankt Martin sei weniger

als er und sich den Aposteln an die Seite zu stellen. Wenn einer auch

in weiter Ferne und im Geheimen ihm etwas Böses nachgesagt hatte,

warf er ihm dies vor der Menge sofort vor und sprach: ›Dies und das

hat jener Mensch von mir gesagt, das meine Heiligkeit verunglimpft‹.

Das konnten ihm nur die bösen Geister verraten haben. Er trug eine

Kapuze und einen Rock von Ziegenhaaren; vor den Augen der Menschen

war er enthaltsam in Speise und Trank, im Geheimen aber, wenn er in

die Herberge kam, stopfte er sich so voll, daß der Aufwärter nicht so

viel bringen konnte, als er verlangte. Als jedoch seine Betrügerei

entdeckt und von den Unsrigen an den Tag gebracht war, wurde er aus dem

Stadtgebiet verwiesen. Wir haben auch in der Folge nicht in Erfahrung

gebracht, wohin er gekommen ist. Er pflegte aber zusagen, er sei ein

Bürger der Stadt Bordeaux. So giebt es viele solche Verführer, die

nicht ablassen, das unwissende Volk in Irrtum zu verlocken[271-a].«

Und doch ist mit Gregors Schilderungen der tiefste Punkt der

grobsinnlichen Auffassung dieser Dinge und des naiven Glaubens, den sie

voraussetzt, keineswegs erreicht. Zu Ende der Merowinger Zeit nehmen

sie gelegentlich geradezu groteske Formen an. Der Pippin dem Mittleren

gleichgestellte Führer des austrasischen Heerbanns, Martin, wurde von

Abgesandten seines Feindes Ebroin auf meuchlerische Weise gemordet.

Die Boten waren zwei hohe Geistliche, Aegilbert Bischof von Paris und

Reolus Bischof von Reims. Sie sicherten ihm Leben und freies Geleite zu

und schlugen ihn dann tot. Ihre schweren Eide waren doch nicht bindend.

Man hatte aus dem Reliquienkasten, auf den geschworen wurde, vorher

die heiligen Knochen herausgenommen[271-a]! Eine andere sprechende

Begebenheit war harmloser in ihren Folgen. Ihre Träger kamen auch nicht

aus Paris, sondern aus Oberbayern. Die Gründer der Salvatorkirche von

Tegernsee sandten Knechte nach Rom, um Reliquien des Märtyrers Quirinus

zu holen. Sie brachten dem Papst allerlei Geschenke und erschlugen noch

obendrein ein Heer ihm unangenehmer Heiden, das Rom belagerte. Und

doch gab ihnen dieser nur mit schwerem Herzen den kostbaren Schatz,

den sie haben wollten. Er verschloß den Schrein mit seinem Siegel und

verbot, es zu erbrechen. Unterwegs als sie auf dem Apennin rasteten

und wahrscheinlich über den Durst getrunken hatten, fragten sie sich:

»Warum hat er uns eigentlich verboten, den Sarg zu öffnen«? Schließlich

wollten sie wissen, was sie schleppen mußten, und machten auf. Alsobald

Feuer und Blitz und Donner! Der heilige Vater hatte sie nämlich nicht

zum Besten gehalten[271-b].

Sechster Abschnitt.

Das Wunder.

In der fränkischen Volksreligion, wie in der vormodernen Vulgärreligion

überhaupt, tritt das Wunder nicht auf als übernatürliche Durchbrechung

der Naturgesetze; es wird gar nicht als vereinzeltes erstaunliches

Ereignis gewertet, sondern als die aus ihrem Zusammenhange heraus

selbstverständliche Funktion einer zweiten, höheren Welt, die ihren

eigenen Gang geht und ihre eigene Sprache spricht. Gregor kann daher,

ohne sich zu widersprechen, den von ihm erzählten Wundern nachrühmen,

sie seien gegen die Natur geschehen und doch nicht gegen die Vernunft.

Wir dürfen uns nicht begnügen, die Realität geschildert zu haben, die

dem Reliquienglauben innewohnte; es gilt auch von jener Wunderwelt

selbst ein Bild zu entwerfen, wie sie denen, die an sie glaubten,

erschien und wie sie auf sie wirkte. Kam aber das Wunder weit weniger

als einzelnes Faktum in Betracht, vielmehr als Sauerteig der gesamten

Anschauungsweise gegenüber der Welt und den Dingen, so begreifen

wir, warum uns die diesen Wunderglauben vermittelnden Schriften

so schwer verständlich, ja uns kaum mehr zugänglich sind. Mit der

zwingenden Macht einer Logik löste eben der Heiligenglaube spielend

Gedankenverbindungen aus, die für uns absurd sind, ihm aber durch die

höhere, durch die Wundervernunft von vornherein zulässig schienen.

Bekam ein Heiliger, ein lebender oder ein toter, mit Wein oder Oel

zu thun, so wäre es umgekehrt verwunderlich, wenn Oel und Wein sich

dann ~nicht~ vermehrt hätten: denn dann wäre es ja eben kein Heiliger,

sondern ein gewöhnlicher Mensch gewesen; die Folgerung, daß diese

wunderbare Vermehrung stattgefunden habe, stellte sich in Folge dessen

als etwas ganz selbstverständliches ohne weiteres ein. Und darin liegt

weitaus die Hauptschwierigkeit, auf die ein historisches Verständnis

des Heiligenglaubens stößt. Mit dem einzelnen Wundervorgang, sobald

er scharf umrissen vorliegt, kann man zur Not fertig werden; aber

völlig labyrinthisch wird die Gewalt des Wunders durch solche

geheime subcutane Schiebungen und Verknüpfungen. Sie machen die

Heiligenlitteratur zu jenem Nebellande, wo auch der Kundige sich nie

sicher auskennen wird.

Sechzehntes Kapitel.

Die Erscheinung.

War der Heilige »von der Tiefe seines Grabes aus«[272-a] so wirksam,

daß er durch die Reliquie die Kirche und durch das Amulet das

Privathaus durchdrang, so müßte es befremden, sähen wir ihn halt machen

und fänden nicht auch draußen in der Natur Spuren seiner Wirksamkeit.

In der That, auch über Wolken, Luft und Winde herrschten die Heiligen;

Feuerflammen waren ihre Diener. Und doch durften nicht ohne weiteres

Naturwunder, die mit Heiligen in Beziehung stehen, auf den Einfluß

der Reliquie zurückgeführt werden, obwohl eine derartige Einwirkung

dabei auch eine Rolle spielt. Vielmehr stehen wir hier nun nicht mehr

auf dem Boden der kultischen Verehrung, sondern auf dem Boden der

mythischen Anschauung. Aber deshalb besteht, was von dem Mangel einer

mythischen Begabung bei den Franken verlautet, doch zurecht. Die

Franken waren ein Volk der That; über ihrem rastlosen Eifer in Dingen

der staatlichen Ausbreitung und Einrichtung kamen ihnen die poetischen

und träumerischen Eigenschaften ihrer politisch nicht so glücklichen

Bruderstämme abhanden. Sie hatten hiefür einfach keine Zeit. Wo also

andere Germanen schöpferisch waren, verhielten sie sich passiv und

ließen sich eben gefallen, was ihnen in dieser Hinsicht zufiel. Waren

sie jedoch in Dingen der höheren, genialen Legende im besten Fall

Banausen, so ging es im Bereich des niederen Aberglaubens, der stets

zu den vitalen Funktionen eines naiven Volks gehört, bei den Franken

mindestens so lebhaft zu, wie anderswo. Solche niedere Mythologie

entsprang nun keineswegs einer Naturanschauung, aber auch nicht dem

Seelenkult, sondern wurzelt in den mannigfachen Erlebnissen, die der

Mensch aus seinem Traumleben bezieht. Wurde nun dieser Aberglaube

von der christlichen Kirche bekämpft und sollte durch den Heiligen

glauben ersetzt werden, so nahm die Lage folgende Gestalt an: die

Welt war von außermenschlichen Mächten erfüllt; diese gehörten zwei

verschiedenen Lagern an, es gab gute Geister und gab böse Geister. Und

wenn nun auch die Teufel und Kobolde sich keineswegs aus Feld und Wald

verscheuchen ließen, so breitete sich doch die Befugnis der Heiligen

über alle Bezirke der Natur aus. Für uns, die wir nun nachträglich

in das alles hineinblicken, nehmen sich die christlichen Heiligen

durchaus als die Störefriede und gewaltthätigen Eindringlinge aus, vor

deren rücksichtslosem Auftreten die früheren Inhaber der Naturgewalt

erschrocken auseinanderstoben. Und die Kraftherde, von denen aus der

gewöhnliche Lauf der Dinge tagtäglich ins Wunderbare und Fabelhafte

abgelenkt wurde, waren allerdings die Kirchen und Heiligenkapellen

[273-1].

1.

Obschon sich die fränkischen Heiligen weitaus in den meisten Fällen

mit dem kleinen Spuck in Feld und Haus abzufinden hatten, so ragen

doch ihre beiden Führer Martin und Julian in die Regionen der Lüfte

hinan und weisen deutliche Ansätze zu fester mythischer Gestaltung auf.

Und nicht etwa so, daß sie beide allein mit gemeinsamen Eigenschaften

dastünden; vielmehr veranlaßt gerade die durchaus gegensätzliche Art in

ihrem Verhalten zum Wetter, individuelle Züge daran hervorzuheben.

Als König Theuderich Arvern belagerte und die Umgegend von seinen

Soldaten heimgesucht war, flüchteten die Bewohner sich und ihre Habe in

die Julianskirche. Einer der Soldaten öffnete aber das Kirchenfenster,

stieg ein und entriegelte die verrammelte Thür; seine Kameraden drangen

nach, führten Leute und fahrendes Gut hinaus und teilten alles unter

sich auf. Der König verurteilte die Tempelschänder zum Tode. Als aber

jener Rädelsführer sich aus dem Staube machte, sandte Sankt Julian den

feurigen Strahl vom Himmel, der ihn erschlug. Sei es um den Leichnam

anständig zu bedecken, sei es um die Seele des Uebelthäters an die

Stelle zu bannen und somit unschädlich zu machen, häufte man Steine

auf ihn; aber auch das ehrliche Begräbnis sollte ihm versagt sein;

denn wieder wurde unter Donner und Blitz von elementaren Gewalten der

Steinhügel auseinander gerissen, sodaß die Leiche auch der dürftigsten

Bestattung entbehrte[274-a]. Desgleichen widerfuhr einem andern Feinde

des Heiligen. Als der einmal in Geschäften nach Brioude kam und sich

vor dem Grabmal auf den Boden warf, befiel ihn sofort ein Fieber und

gleich so stark, daß er nicht mehr aufstehen konnte. Endlich sagten

seine Diener zu ihm: »Was ist dir nur heute? Sonst bist du doch mit

Beten rasch zu Ende«. Er mußte weggetragen und ins nächste Haus

gebracht werden. Dort auf dem Bette gestand er, der Heilige verbrenne

ihn inwendig mit Feuer und gestand warum. Mit schwacher Stimme bat er,

man möge Wasser über ihn gießen. Als das geschah, zischte von seinem

Körper eine Dampfwolke auf wie von einem Ofen; seine Gliedmaßen wurden

schwarz und die Anwesenden konnten den übeln Geruch kaum ertragen,

der von dem Körper ausging[274-b]. Betrugen sich aber die Gläubigen

sittsam, so wendete Julian seine Obmacht zu ihren Gunsten und ließ bei

einem starken Wettersturm den Blitz zu einem Kirchenfenster ein über

sein eigenes Grab hin zum andern Fenster wieder hinausfahren, ohne daß

den Betern auch nur das leiseste geschah. Draußen zündete dann der

Blitz einen Heustock an und erschlug mehrere Haupt Vieh[274-c].

Gegenüber Julian, dem aggressiven Gewitterheiligen, dem der Blitz

als Waffe zu Gebote stand, ist Martin der Schutzheilige vor Feuer-

und Wetterschaden. Kerzenwachs aus der Martinsbasilika löscht einen

Brand und schützt gegen Hagel. Ein Gefäß mit Martinsgrabsteinpulver

erweckt einen Gegenwind und schützt das Wohnhaus der Kirche vor der

Feuersbrunst; desgleichen kann der Bischof von Tours, nachdem alles

Wasserspritzen nichts half, ein brennendes Haus löschen, einfach indem

er ein goldenes Kreuz mit Martinsreliquien, das er auf sich trug, in

die Höhe hält[274-d]. Ebenso stillt Martin die Stürme auf der See

und auf Strömen und schützt so als Windheiliger vor Wassernot[275-a].

Ein ander Mal jedoch, als er durch eine rechtzeitige Ueberschwemmung

der Loire eine Eroberung von Tours verhindert, schützt er durch

Wasser[275-b]. Ueberhaupt ist er Schutzherr vor jeglicher Gefahr. Als

Ammonius, der ›Agent‹ der Martinsbasilika in angeheitertem Zustand

beim Nachhausegehen einen Rain hinunterfällt, ruft er, während er, wie

es heißt, »ohne Flügel hinunterflog«, Martin an; so wird sein Sturz

durch die Baumäste, gemildert und schadlos gemacht[275-c]. Und wenn

gelegentlich auch einmal ein gewisser Desiderius von Arvern Martin

offensive Eigenschaften zuschrieb, indem er sich beklagte, Martin habe

ihm sein Haus angezündet, nun so war das eben ein Besessener, der

so sprach[275-d]. Vielmehr gilt von den beiden Hauptheiligen, denen

Herrschaft über die Elemente zustand, die Regel fast ohne Ausnahme, daß

Julian damit angreift, während Martin davor schützt.

Zur Erklärung darf man die verschiedene Herkunft der beiden zu Hilfe

nehmen. Julian ist durchaus sagenhaft; es ist wahrscheinlich, daß

überhaupt der Mars- und Merkurdienst, der in Brioude seine besondere

Stätte hatte[275-e], aus Gegensatz dem dortigen Julianskult seinen

Inhalt gab und Sankt Julian seine außergewöhnliche Popularität von

jener Volksgewohnheit aus heidnischer Zeit her bezog, daß er somit

eigentlich zu dem allem nichts als seinen Namen beigetragen, seine

Qualität eines Sturmheiligen dagegen eben einfach von Merkur-Wodan

übernommen hat[275-1]. Jedenfalls ist Mars-Merkur eine lückenlose

Umschreibung für Wodan, insofern Mars die Tiuzelemente des Kriegshelden

und Merkur die ursprünglichen Wodanseigenschaften eines Wind- und

Totengottes wiedergibt. Ob freilich bei Martin wirklich die Erinnerung

an sein Lebenswerk und die darin bekundete Hingebung den milden

Charakter seines kultischen Andenkens bestimmte, wird durchaus nicht

ohne Vorbehalt zu behaupten sein; vielmehr muß auch bei ihm an den

verwandten Zug in der germanischen Mythologie hingewiesen werden, an

die hilfreiche Güte, mit dem sie Wodan und seinen Vorläufer, den großen

Himmelsgott, bedenkt.

Sonst aber soll man sich wie gesagt hüten, das Arbeitsfeld der

fränkischen Heiligen in den Regionen des oberen Mythus zu suchen. Sie

flogen nicht weit aus und flogen nicht hoch; ihr praktisches Wesen und

ihr Verständnis für die Anliegen des Werktags machte sie jedoch zu

Freunden des kleinen Mannes. Dann aber handelt es sich auch bei Wind,

Feuer und Wasser gar nicht mehr um das physikalische Element, das

sie darstellen. Am ehesten noch wirkt das Feuer rein elementar. Wind

und Wasser jedoch kommen vor allem als die Behausungen neidiger und

bösartiger Wichte in Betracht. Freilich, als der Klausner Hospizius

in Villefranche bei Nizza gestorben war, nahm ein beim Begräbnis

anwesender Andächtiger eine Hand voll Erde vom Grabhügel und mischte

sie unter rohe Asche, die er mit sich führte. Er wollte nach Lerinum,

bestieg aber ein Schiff, das direkt nach Marseille fuhr und die Insel

nicht anlief. Auf der Höhe von Lerinum stand nun das Schiff, ein

jüdisches Kauffahrteischiff, plötzlich still, obwohl der Wind alle

Segel schwellte. Die Juden wußten sich vor Staunen nicht zu fassen;

da sagte jener: »Ich führe Reliquien des seligen Hospizius mit mir

und wünsche in Lerinum auszusteigen. Ich getraute mich nicht, dies

zu sagen; nun aber weiß ich, daß Wunderkraft euer Schiff aufhält,

solange ihr euch nicht bequemt, mich ans Land zu setzen«. Wohl oder

übel entschlossen sich jene, den Curs zu ändern, und kaum hatten sie

die Segel umgestellt, so hob sich die Lähmung des Windes, und als der

Passagier glücklich in Lerinum gelandet war, hinderte nichts mehr

das Schiff am freien Lauf seiner Bestimmung zu[276-a]. Sonst aber

verschmäht es selbst der große gute Martin nicht, gegen den Windzauber

boshafter Luftgeister gnädig beizustehn. Ein Bürger von Bajeux hatte

zu viel Wein getrunken und wurde nun gar noch auf dem Heimweg von

einem Wirbelwind so stark umnebelt, daß er vom Pferde fiel und von

den Seinen bewußtlos aufgehoben wurde. Dann aber befiel ihn Tobsucht;

er mußte gefesselt werden, zweifelsohne von dem bösen Wicht besessen,

der in der Windhose haust. Nach langer Kurzeit in der Martinsbasilika

ging er gesund von dannen[276-b]. In zwei andern Fällen waren von

einer Windhose Ueberfallene blind geworden[276-c]. Martin half sowohl

dem Knaben aus Limoges, als dem überseeischen Fremdling; jener war

zwölf Jahre blind gewesen, dann bewirkte der inbrünstige Besuch beim

Grabe plötzlich den Blutaustritt aus den Augen, der ihn heilte,

während dieser, bereits drei Jahre blind, noch vier Jahre im Heiligtum

zubringen mußte, bis er endlich sah. Sowohl das Kind eines Knechtes

in Anjou, das auf der Straße spielte, als auch ein junges Mädchen von

Tours Namens Viliogundis waren beim Tanzspiel durch aufgewirbelten

Staub um das Sehvermögen gekommen, sie fanden es jedoch wieder bei dem

Heiligen[276-d]. Hier verhält sich Martin überall schützend, indem er

den Schaden des heimtückischen Dämons, der in der Windhose spuckt, wett

zu machen weiß.

Wie der Wind, so das Wasser. Doch stellt sich dieses von vornherein

in zwei Formen dar, deren eine, die Quelle, schon von alters her als

wohlthätiger Zufluchtsort aufgesucht wurde, während Fluß, See und Meer

ausschließlich Sitze böser Gewalten waren. Beiden aber, und das ist

die Hauptsache, wohnten Geister inne. Orientalische Sagen bilden eine

Art Vorspiel. Zwar darf beim Jordan, dem heiligen Strome der Christen,

von einem Flußgott keine Rede sein; aber dem Wasser war doch so viel

Urteil und Willenskraft eigen, daß beim üblichen Volksbad an Epiphanien

es vor den Füßen eines verbrecherischen Weibes wegfloh, durch diesen

Entzug der Sühne Argwohn erregte und so die achtfache Kindsmörderin

zum Geständnis zwang[277-a]. Ebenso entzieht sich das Taufwasser im

Wunderbecken von Osser einem Diebe[277-b]. Desgleichen fließt das Meer

am Clemenstage an der Stelle drei Meilen weit vom Lande zurück, wo

der heilige Clemens mit einem Anker am Halse ins Meer geworfen worden

war[277-c]. In Brioude entsprang eine glänzende, reiche Warmquelle an

eben dem Orte, wo Julian enthauptet worden war[277-d]. Sie war heilsam

gegen Sonnenstich und Fieber selbst in schweren Fällen[277-e]. Auch

sie hatte der unermüdliche Aridius aufgesucht und eine kleine Flasche

voll daraus geschöpft; bevor er nach Hause kam, war das Wasser in

allen seinen Eigenschaften zu Balsam geworden[277-f]. Derselbe Aridius

von Limoges fand ja auch das Wasser eines Brunnens heilkräftig, den

der heilige Martin gegraben hatte; und wie Sankt Martin einst aus

dürrem Erdreich eine Quelle herausgebetet hatte, so vollbringt er seit

seiner Erhöhung immerfort solche Quellenwunder. Bei Limoges war durch

bösen Zauber eine nützliche viel ausgeschöpfte Quelle verschwunden

und entsprang dann wieder mitten in einem Sumpfe, wo kein Mensch sich

ihrer bedienen konnte. Da ging man mit Clemensreliquien zu Werke, und

die gaben ihr den alten Ursprung wieder[277-g]. Indes steht weniger

die Wohlthat der Quellenerweckung als der Schutz gegen Gefahr bei den

Beziehungen der Heiligen zum Großwasser im Vordergrunde. Zu Ostern

wollte eine Fähre bei Tours Wallfahrer über die Loire setzen, da

kommt der Winddämon einhergefahren; das Fahrzeug schlägt um. Aber

Martin rettet alle, da sie alle zu ihm flehen[277-h]. Als gefährdete

Girondeschiffer von der Mitte des Stromes aus die ängstlich erspähte

Kirche des heiligen Romanus zu Blaye endlich am Ufer erblicken, sind

sie auch schon außer Gefahr[277-i]. Ein Kaufmann aus Trier erzählte der

Aebtissin Agnes aus Poitiers, er sei zum Salzhandel mit einem Schiffe

in Metz gewesen, und habe an der Moselbrücke Abends sich in seinen

Kahn schlafen gelegt und dazu gesagt: »Herr Martin, dir empfehl ich

mich selbst, meine Säcke und das Schiff«. Am andern Morgen erwachte

er in Trier; das Fahrzeug hatte führerlos abwärts getrieben und weder

an den hochgehenden Fluten noch an den felsigen Uferklippen Schaden

gelitten[278-a]. Auch an jenen Bauern ist hier wieder zu erinnern,

der einen Cleriker bei sich über Nacht hatte und ihn am andern Tage

bat, sein Morgenbrot zu segnen. Da er geweihte Speise im Leibe

hatte, konnten ihm dann auch, als er über die Schiffbrücke fuhr, die

ihm auflauernden Flußgespenster zu ihrem Leidwesen nichts anhaben.

Flußheiliger war auch Genesius von Arles. Er hatte einst bei Lebzeiten

die Rhone durchschwommen und wurde, als eine Schiffbrücke weggerissen

worden war, von den Bedrohten mit Erfolg um Hilfe angerufen[278-b].

Einen fast theoretischen Ausdruck findet diese Anschauung von der

Notwendigkeit des Heiligenschutzes gegenüber den Wassergeistern in

einem Wort, das dem heiligen Andreas in den Mund gelegt wird: »Der

Feind des Menschengeschlechts haust überall, ob nun auf dem Badeplatz

oder auf dem schiffbaren Flusse«[278-c].

Andere kleinere Heilige verstanden sich auf Regen- und Schneewunder.

Als Bischof Namacius von Arvern die Agricola- und Vitalisreliquien, die

er sich aus Bologna hatte besorgen lassen, in feierlicher Prozession

einholte, zog sich eine Wetterwolke zusammen, und ein Platzregen

ging mit größter Heftigkeit nieder; eine Jucharte im Umkreis der

Reliquien dagegen fiel nicht ein einziger Tropfen und zwar bewegte

sich dieser Freibezirk mit der Prozession von der Stelle[278-d]. Zu

Utrecht blieb das Servatiusgrab unberührt, als es eines Nachts haushoch

schneite[278-e].

2.

Nicht nur die Elemente, auch das organische Leben auf der Erde

erschienen dem Naturmenschen begeistet. Unter Umständen schrieb man

schon dem Stein eine Seele zu; jedenfalls aber den Pflanzen sagte man

ein geisterhaftes Wesen nach, einen Dämon, dessen Leben an das Leben

der Pflanze gebunden war; mit ihr wird er geboren, mit ihr stirbt er.

In ihr hat er seinen gewöhnlichen Aufenthalt, sie ist gleichsam sein

Körper, und doch erscheint er vielfach auch außer ihr in Thier- und

Menschengestalt und bewegt sich in Freiheit neben ihr[278-1]. Wie sehr

nun der fränkische Heiligenkult auch auf dieses volkstümliche Bedürfnis

eintrat, zeigt die große Rolle, die in ihm das Floramirakel spielt.

Wie manchem Heiligen, gleichviel ob hoch oder niedrig ist ein

Pflanzenwunder eigen; schlug ja doch schon die Dornenkrone Christi

täglich neu aus und sproßte am Sockel der Christusstatue, die ihm das

blutflüssige Weib zu Cäsarea Philippi errichtet hatte, ein Kraut

mit der Eigenschaft der Mantelfransen Christi, nur schon bei bloßer

Berührung zu heilen[279-a]. Als Florentian der Major Domus König

Childeberts als Gesandter bei König Miro von Spanien weilte, erzählte

ihm dieser den Vorfall selber[279-b]. Zu der Martinskirche dort führt

eine Weinlaube hin, und als der König einst zur Kirche ging, mahnte

er seine Leute noch ausdrücklich: »Rührt mir ja keine der Trauben

an; sie gehören Sankt Martin«. Aber sein Hofnarr dachte hinter ihm

hertänzelnd: »Was scheert mich das, sobald sie mir schmecken«. Bitter

büßte er; seine Hand erstarrte und er kam auch seelisch so herunter,

daß er sich selbst mit keinen Witzen und Possenkünsten mehr aufhelfen

konnte. Erst des Königs heißes inbrünstiges Gebet vor dem Altar verlieh

ihm die Gesundheit wieder. In der Julianskirche zu Brioude hörte der

Tempelhüter Urbanus eines Nachts ein Geräusch, als öffne sich die

Thüre und nach dem Verlauf einiger Stunden ein anderes, diesmal, als

werde die Thüre geschlossen. Er stand auf, machte Licht und ging zum

Heiligengrabe. Was bekam er da zu sehen? Die Steinplatten des Grabes

waren mit schimmernden Rosen überstreut, großen, roten Rosen von

ungewöhnlich starkem Duft. Sie waren frisch gepflückt; sie mußten in

der Stunde selbst gebrochen worden sein. Ehrfurchtsvoll sammelte der

Sakristan die Blumen, brachte sie in Sicherheit und verwandte sie zur

Heilung von Gebrechen. Einen Besessenen aus Tours, der in Brioude

zu Besuch war, purgierte der Rosenabsutt von seinem Dämon[279-c].

Die Laurentiuskirche in der italienischen Burg Brionas besaß einen

wunderbaren Balken in ihrem Dachgerüst, der bei der Reparatur als zu

kurz sich erwies und dann auf das heiße Gebet des Priesters vom Patron

mit eigener Hand berührt und verlängert worden war. Ein Spahn von

diesem Holze half vom Zahnweh[279-d]. Bei der Beerdigung des Bischofs

Gallus in der Laurentiuskirche von Arvern bemächtigte sich die Nonne

Meratina einer Erdscholle und hegte sie in ihrem Garten so lange

mit Begießen, bis es Rasen gab; auch dieses Gras war heilkräftig.

Eine der Blumenspenden auf dem Grabe des Gallus heilte unter anderem

den Vorsänger und nachmaligen Presbyter Valentinus[279-e]. In Arles

wurde der Maulbeerbaum, unter dem Sankt Genesius geköpft worden war,

von den zudringlichen Gläubigen zum Stumpf abgeplündert[279-f]. Ein

anderer heiliger Genesius, der von Bigorre in den Pyrenäen, hatte

bei Lebzeiten einen dürren Kastanienbaum[279-g] zum Blühen gebracht,

und seit er im Himmel war, freute sich das Volk auf seinen Tag,

weil dann am Grabstein eine gepflückte verwelkte Lilie und ihr nach

beliebige andere welke Blumen neu aufblühten. Offenbar war diese Art

Blumenwunder lokale Spezialität; denn auch auf dem Severusgrab des

angrenzenden Tarbes blieb das Jahr durch eine dürre Lilie liegen, um

dann am Tage des Heiligen sich zu verjüngen[280-a]. Ebenso erbetete

sich das Volk von Merida alljährlich am Tag der heiligen Eulalia, dem

zehnten Dezember, daß ihre drei Bäume von unbekannter Art vor aller

Augen wunderbar erblühten[280-b]. Auf dem Baudiliusgrab zu Nimes stand

ein Lorbeer; er hatte sich durch die Wand gebrochen, die Krone wuchs

im Freien weiter[280-c]. In Embrun lagen unbekannt irgendwo heilige

Leichen; der kleine Mann, der zufällig im Besitz des Aeckerchens war,

machte mit dem dort wachsenden einzigen Bäumchen die besten Geschäfte,

weil jeder Kranke, er mochte leiden an was er wollte, unfehlbar gesund

wurde, sobald er von den Birnen aß. So wurden die Reliquien entdeckt,

das Gärtchen expropriiert, der Birnbaum umgehauen, eine Kirche auf

dem Platz errichtet, und dem jammernden Besitzer blieb nichts übrig,

als sich scheeren zu lassen, um von nun an der Kirche Priester zu

sein[280-d]. Mit Salbeiblättern vom Grabe des Ferreolus und Ferrucio in

Besançon heilte die Schwester Gregor’s ihren schwerkranken Mann[280-e],

während das Tranquillusmoos von Dijon, wie dieser unser Gewährsmann

selbst erprobte, den Pustelausschlag an den Händen vertrieb[280-f]. Bei

Chinon grub der Verwalter einer ehemaligen Einsiedelei die aus einem

selbst gepflanzten Baum des verstorbenen Heiligen gezimmerte Ruhebank

ein, um sie nicht der Profanation auszusetzen; im Frühling wuchsen an

der Stelle Sträucher von fünf bis sechs Fuß Höhe[280-g].

So bot für den auszurottenden heidnischen Baumkultus der Heiligenkultus

mannigfaltigen Ersatz.

3.

Tiere werden von den Heiligen meist zu Botendiensten verwendet, oder

erweisen sich sonst als deren Organe, wobei immer mehr oder weniger

die Vorstellung mit unterläuft, eine ehemalige Menschenseele walte im

Tiere. Als die Burgunder Brioude eroberten und sich Hillidius von Le

Velay auf sie warf, umflatterte ihn immerfort eine weiße Taube und

reizte und führte ihn so lange, bis er die Tempelräuber hinausgetrieben

hatte[280-h]. Bei Thiers fanden Kühe das verborgene Grab des heiligen

Genesius[280-i]. Wie oft wurden nicht Reiter, einfach weil ihre Pferde

nicht weiter wollten, dazu gezwungen, bei einer Kapelle abzusteigen

und zu beten[280-k]. Ein Weinpanscher war reich geworden; da kam ein

Falke entriß ihm das Geld mit der roten Börse und warf es in die

Saône[281-a]. Abgesehen von solchen gelegentlichen Mittlerdiensten

macht sich der Einfluß des Heiligen im Tierreiche auch um seiner

selbst willen geltend. Alle Tiere verlieren ihre Wildheit, wenn

sie in Brioude in die Basilika des heiligen Julian geführt werden;

Gregor von Tours berichtet es als seine eigene Beobachtung, wie die

wildesten Stiere dann zu Lämmern wurden[281-b]. In Auch kehrten wild

gewordene Bienen, als der heilige Martin angerufen wurde, sofort in

den Garten des Besitzers zurück, und das gewonnene Wachs erwies sich

wie es scheint heilkräftig gegen Rückenschmerzen[281-c]. Ein Dieb

der Immenkörbe aus dem Nonnenkloster von Amiens erfuhr der Bienen

Rache, die ihm indessen von aufgestörten unheiligen Bienen wohl genau

in gleicher Weise widerfahren wäre[281-d]. Gegen Viehseuche holte

Jemand Oel aus den Lampen der Martinsbasilika, bestrich sich damit den

Finger und zeichnete dann an Stirn und Rücken die kranken Tiere mit

dem Kreuzeszeichen; ja er machte eine Salbe und strich sie ihnen ein,

mit vollem Erfolge[281-e]. Endlich darf auch an die unverletzliche

Tempelheerde des heiligen Julian erinnert[281-f] und zugleich auf die

weißen Rosse Wodans hingewiesen werden, die von den alten Deutschen auf

Staatskosten in Hainen nur zu göttlichem Dienste gehegt wurden[281-1].

In der Vorstellung jener Zeit war es von den Tieren zu den Werwölfen

und anderem Gespensterspuk nicht weit. Wenn nun aber die bösen Geister

den Menschen nicht bloß plagen, sondern ihm sogar zu Gesichte kommen,

so bleibt auch der Heilige nicht mit allerhand Verkleidungen zurück

oder hinterläßt wenigstens Spuren, er sei persönlich dagewesen. Die

beiden Greise, die den Leichnam des heiligen Julian bestatteten werden

wieder zu Jünglingen[281-g], indessen ein Bürger von Orleans, der am

Avitusfeste arbeiten geht, weil ja doch der gefeierte Heilige einmal

selbst Handwerker gewesen sei, mit umgedrehtem Hals das Gesicht zur

Erde gekehrt in seinem Weinberg aufgefunden wird[281-h]. Aus der

Basilika des heiligen Felix zu Narbonne hatte ein Dieb ein Pack mit

kostbaren Sachen gestohlen. Unterwegs gesellt sich ein Mann zu ihm,

dem er Vertrauen schenkt und den Schatz zeigt; ja er schlägt ihm vor,

die Sachen zu verkaufen und halbpart zu teilen. Der Fremde sagt, er

habe in verschiedenen Gegenden viele Freunde und selbst ein großes,

zum Verbergen geeignetes Haus; dort solle er die Schätze wenigstens

vorerst deponieren. Arglos folgt ihm der Dieb, ohne es zu merken,

wieder in die Basilika und giebt somit die entwendeten Kostbarkeiten

eben dort ab, wo sie herkommen. In diesem Augenblick ist sein

Begleiter verschwunden[281-i]. In solchen Fällen muß es noch offen

bleiben, ob der Heilige selbst die Verkleidung übernommen hat oder

ob er sich eines Zwischenträgers bediente. Um zu den unzweifelhaften

eigenen Manifestationen des Heiligen überzugehen, muß zunächst der

populären Sehenswürdigkeiten gedacht werden, wo sich das Andenken

buchstäblich versteinert hat. An der Martinsquelle bei Ligugé befand

sich ein Stein, der die Hufspur des weiland von Martin gerittenen

Esels bewahrte, während bei Dijon, in Blei gefaßt, die Fußabdrücke

des heiligen Benignus reichlich mit Wein und Mostspenden bedacht

wurden[282-a]. Immerhin haben solche antiquarische Zeichen hinter

aktuellen, lebendigen zurückzutreten. Der Heilige machte seine

Einwirkung auf die verschiedenste Weise geltend; zunächst rein als

Kraftäußerung: der heilige Helius hält in Lyon einen Leichenräuber

nicht nur so lange an seinem Grabe fest, bis Leute nahten, sondern

bis der Richter dem Strafwürdigen wenigstens das Leben geschenkt

hatte[282-b]. Nicetius von Lyon läßt das Dach einstürzen, auf dem ihn

sein früherer Diakon lästert[282-c]. Ebenso äußert Sankt Vincenz in

Toulouse, ohne persönlich zu erscheinen, lediglich seine Kraft, als

er zu Wahrung seiner Würde, einen in der Kirche begrabenen Verbrecher

Antoninus zweimal mit samt dem Sarkophag nächtlicherweile an die

Luft setzt[282-d]. Eine Steigerung zeigt sich bereits in mehr oder

weniger bestimmten Gesichts- und Gehörwahrnehmungen. Auditionen

sind seltener, kommen aber vor. So hörte eine schwerbekümmerte

Mutter, die sich über den Tod ihres Sohnes nicht trösten konnte,

zur Linderung ihres Schmerzes seine Stimme im Chor der Mönche von

Agaunum mitklingen[282-e]. Ebenso vernahm man in der Dorfkirche von

Bouliac bei Bordeaux im Psalmengesang des Klerus auch die mitwirkenden

Stimmen zweier Priester, die einst in großer Heiligkeit gelebt

hatten und einander gegenüber begraben lagen[282-f]. Während des

Leichenbegängnisses des Nicetius von Lyon hörte ein blinder Knabe

jemanden ihm ins Ohr flüstern: »Schlüpfe unter den Sarg während er

einhergetragen wird, so wirst du gesund«. Er fragte seinen Führer,

wer mit ihm spreche, dieser aber sah niemanden. Dennoch meldete

sich die Stimme ein zweites und ein drittes Mal[282-g]. Als ein

Lahmer, der nachts vor der Juliansbasilika in Brioude auf einem

Wagen lag, diese plötzlich von innen heraus erleuchtet sah und aus

der Halle vielstimmigen Gesang erklingen hörte, fühlte er sich darob

gesunden[282-h]. Lichtwunder sind zahllos. Am Grabe des Stremonius

in der Basilika von Issoire sieht Bischof Cautinus von Clermont,

dessen Kammer an die Kirche stieß, helles Licht und eine Menge weiß

gekleideter Kerzenträger und Sänger[282-i]. Nantes hatte zu Chlodowechs

Zeiten eine Belagerung auszuhalten, und als sie sechzig Tage gedauert

hatte, schienen dem Volk in mitternächtiger Stunde auf einmal Männer

in weißen Kleidern, Kerzen in der Hand, aus der Kirche der Märtyrer

Rogatian und Donatian zu kommen; zur gleichen Zeit kam ein zweiter

gleicher Chor zur Similianskirche heraus. Sie begegneten sich und

begrüßten sich, beteten gemeinsam und dann ging jede Schaar wieder

den Weg zurück, den sie gekommen war. Alsobald wurde die feindliche

Phalanx von einem solchen Schrecken ergriffen, daß sie sofort das Feld

räumte. Diese Vision war nämlich dem Höchstkommandierenden namens

Chillon begegnet. Er war noch Heide, ließ sich aber darauf hin sofort

taufen[283-a]. Eine ähnliche Lichterscheinung mit ähnlicher Wirkung

wollte die Stadt Bazas während ihrer Belagerung durch die Hunnen erlebt

haben. Allerdings durchzog der Bischof der Stadt jede Nacht die Straßen

mit einem Bittgang. Aber im feindlichen Lager bemerkte man Schaaren

weißgekleideter Leute, die auf der Stadtmauer entlang zogen unter

Psalmengesang und Kerzenbeleuchtung. »Sind die Menschen verrückt?«

rief der König aus. »Sie, die Belagerten, machen sich über uns

lustig und feiern zum Voraus einen Triumphzug.« Er ließ in der Stadt

Vorstellungen erheben. Aber man begriff nicht, worauf er anspielte;

denn auf den Mauern war, daß man wußte, Niemand zugegen gewesen. Eine

zweite ähnliche Erscheinung bewog ihn, die Belagerung aufzuheben:

»Wenn diese Leute nichts von dem bemerkten, was mir erschien, so folgt

daraus, daß ihr Gott sie beschützt«[283-b]. Daß ein Heiliger bei

Reliquienkombination sich dann tatsächlich in Person zu den andern

Genossen gesellt, sahen wir früher; die Vorstellung an sich grenzte

ans Visionäre und wuchs sich bei der geringsten Steigerung zur Vision

aus. Deshalb haben wir das schönste Beispiel von einem förmlichen

Heiligenkonzil für hieher aufgespart; Gregor erzählt wörtlich: Die

Besessenen die zum Grabe kommen, geben oft genug Beschimpfungen von

sich gegen den Heiligen Gottes, weil er andere Heilige zu seinem

Namensfest einlade: »Warum, o Julian, rufst du Fremde herbei? Da ist

der Ungar Martin, unser beständiger Feind, der drei Tote aus unseren

Schlupfwinkeln zurückgeholt hat. Da ist Privat von Gevaudan, der

seine Schafe nicht den Barbaren überließ, wie es in unserem Sinne

stand. Da ist Ferreol von Vienne, dein Genosse, den du uns zur Strafe

sendest und den andern zum Schutz. Was brauchst du den Symphorian von

Autun, den Saturnin von Toulouse? Du hast geradezu ein Konzil von

Heiligen versammelt; Qualen der Hölle verursacht es uns«. In dem sie

diese Dinge vorbrachten, malten sie so anschaulich die Heiligen den

Menschen vor Augen, daß Niemand deren Gegenwart an Ort und Stelle

mehr bezweifelte[284-a]. Noch intimer gestaltete sich das Verhältnis

zur andern Welt, sobald es nicht beim Anschauen blieb, sondern ein

wirklicher Verkehr sich einstellte, zumal wenn dazu die Initiative

von oben ergriffen wurde. In Autun befand sich ein Kirchhof neben der

Stephansbasilika. Zwei nächtliche Beter hörten in dieser Kirche Gesang

und sahen übernatürliches Licht. Einer der Sänger naht sich ihnen und

sagt: »Ihr thut schweres Unrecht unsere nächtlichen Zusammenkünfte

zu belauschen. Wenn ihr nicht sofort geht, so müßt ihr sterben«. Der

eine ließ es sich gesagt sein; der andere, der blieb, starb wenige

Tage später[284-b]. Als Bischof Trojan von Saintes in Begleitung eines

Subdiakons die heiligen Stätten der Umgegend besuchte, erschien ihm

ein großer Lichtglobus gleichsam vom Himmel herab; der Bischof ließ

seinen Diener zurück und näherte sich dem Licht, das seinerseits auf

ihn zukam; dann bückte er sich zur Erde und sagte: »Segne mich, bitte,

seliger Priester!« Jener antwortete: »Segne du mich, Priester Gottes

Trojan!« Darauf küßten sie sich, sprachen miteinander und unterhielten

sich lange. Aus der Ferne sah der Subdiakon wie angedonnert zu und

sah, wie das Licht auf demselben Wege wie es gekommen war, wieder

verschwand. Als der Bischof zurückkam, sagte er: »Dir will ich’s sagen,

du darfst es aber nicht weiter sagen. Den heiligen Martin von Tours

habe ich gesehen; er selbst hat mit mir gesprochen. Hüte dich, die

Geheimnisse Gottes auszuplaudern«[284-c].

4.

Alle diese Geschichten, so eigenartig sie zum Teil sind, entstanden

nur unter dem Bann einer Vorstellung, der Vorstellung von der

Macht des Heiligengrabes. Sie waren durchweg durch eine psychische

Ursache hervorgerufen. Nun fehlen aber auch einzelne Beispiele

nicht, daß eine solche Vorstellung in seltenen Fällen auch geradezu

durch eine physische Reizung hervorgerufen wurde. Damit betreten

wir ein außerordentlich interessantes Gebiet der vergleichenden

Religionsforschung[284-1]. Von Alters her ersuchte man auf unnormalem

Wege Erkenntnis zu gewinnen, die auf normalem nicht erhältlich

war. Die verbreitetste, wirksamste und interessanteste Art dieser

Versuche ist das merkwürdige psychologische Phänomen, das man in

seinen verschiedenen Erscheinungsformen unter dem Begriff der

Kristallschauung zusammenfaßt. Das Gesichtsbild wird auf mannigfache

Weise hervorgerufen, meistens durch das Anstarren von Wasser in einem

Glasgefäß, so bei den Indianern, bei den Afrikanern von Fez und nach

einem von Augustin aufbehaltenen Zeugnis Varros auch bei Römern.

Die Maoris gebrauchen zum selben Zweck Blutstropfen, die Egypter

Tinte, und wilde Stämme in Australien eine polierte Steinkugel. In

allen Erdteilen finden sich Spuren dieses von primitiven Religionen

gehandhabten Phänomens; doch wurde es als eine der unzähligen Formen

des Aberglaubens so lange nicht weiter beachtet, bis eine englische

Dame auf Grund von Selbstexperimenten es methodisch untersuchte und der

gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnis die Thatsache einverleibte,

daß vollständig gesunde Leute, die entsprechende Veranlagung

vorausgesetzt, in Glaskugeln lebende Landschaften oder sich bewegende

menschliche Figuren wirklich erblicken[285-1]. In der alten Kulturwelt

findet sich diese psychische Fähigkeit in den Händen von Zauberern

und Aerzten ausgebeutet, und schon die ersten christlichen Synoden

bekämpften die Krystallschauer, da ja doch unter den Specularii gewiß

niemand anders zu verstehen sein wird, als eben diese Spiegelwahrsager.

Nun belehrt uns aber Gregor, wie so mancher andere sei auch dieser

heidnische Brauch von der Kirche zweckmäßig übernommen und entweder wie

in Bethlehem zur Unterstützung einer lokalen Wallfahrtssage oder wie in

Bazas zur handgreiflichen Illustration des Trinitätsdogmas verwendet

worden. Nicht als kirchliche Institution, sondern als unwillkürliche

private Wahrnehmung erweist sich der dritte Fall, wo ein durch das

Glasgefäß der Hostie hervorgerufenes Hellgesicht in naiver und unklarer

Form vorlag und dann die den Umständen entsprechende nächstliegende

Auslegung erfuhr. Diese drei Vorfälle erzählt Gregor in folgender Weise.

In Bethlehem wurde ein großer Sodbrunnen gezeigt, an dem die Jungfrau

Maria Wasser geschöpft haben soll. Wer öfters hineinsieht, kann dort

ein Wunder sehen, nämlich den Stern, der einst den Weisen erschien;

aber nur die Herzensreinen werden dessen gewürdigt. Wenn die Gläubigen

nahen und sich über den Rand hinbücken, werden ihre Häupter mit einem

Leintuch bedeckt. Wer nun verdienstlich genug ist, der sieht den

Stern an der einen Wand des Brunnens auftauchen und über das Wasser

hinwandern und an der andern Wand verschwinden, genau wie sich am

Himmel die Sterne wirklich bewegen. Und obwohl viele hinsehen, wird

er doch nur von denen erblickt, die den besonderen Sinn dafür haben.

Gregor kannte einige Pilger, denen die Schauung geglückt war, und sein

Diakon berichtete ihm, ihrer fünfe hätten sie zusammen geschaut, aber

nur zwei davon hätten es wirklich gesehen[286-a]. Da in diesem unserm

ersten Fall allerdings immer von vornherein der Stern geschaut werden

soll und somit die Spontaneität der Vision durch die Lokaltradition

unterbunden ist, könnte man zur Not auch bloß an ein gelegentliches

blitzartiges Aufzucken des ruhigen Brunnenspiegels aus der oder jener

natürlichen Ursache denken; doch scheint die Art des Berichtes bei

Gregor dagegen zu sprechen. Keinerlei Zweifel dieser Art dürfte jedoch

gegenüber dem zweiten und dritten Beispiel möglich sein: in Bazas

fielen von der Höhe der Kirche auf den Altar drei kristallhelle Tropfen

nieder, die sich zu einer Perle vereinigten. Man sah darin ein Symbol

der heiligen Dreifaltigkeit, ließ die Kristallperle in ein kostbares

kreuzförmiges Gestell aus reinem Golde fassen und bot sie dem Volke zur

Adoration dar. Von den Beschauern sahen sie nun die Unschuldigen hell

und die Schuldigen dunkel, so lautet der Bericht[286-b]; wir dürfen die

Worte, ohne sie irgendwie zu vergewaltigen, getrost dahin umschreiben,

daß die Schaustellung der unverwandt betrachteten Glaskugel eben die

dafür Empfänglichen in den der Krystallschauung eigenen hellsehenden

Zustand versetzte, während die Unempfänglichen eben nicht ›hell‹,

sondern nur ›dunkel‹, das heißt gewöhnlich sahen und keine Veränderung

ihres Wahrnehmungsvermögens erfuhren. Als drittes erzählt Gregor,

er habe als junger Mensch einmal dem Gottesdienst in einem Dorfe

bei Clermont beigewohnt; der Diakon, der das Hostiegefäß zum Altare

bringen sollte, stand im Rufe, sich fleischlich vergangen zu haben.

Deshalb ließ sich das heilige Gefäß von dem Unreinen nicht berühren; es

schwebte in der Luft vor ihm her zum Altare. Das Wunder wurde jedoch

nicht von allen Anwesenden, sondern nur von vier Personen wahrgenommen,

einem Priester und drei Frauen, unter denen sich auch Gregors Mutter

befand. »Ich war damals bei dieser Festlichkeit anwesend«, erzählt

Gregor, »aber dies zu schauen ward ich nicht gewürdigt[286-c].«

Dieses fremdartige Phänomen der Anwendung von Hallucination im Kultus

scheint übrigens im Orient noch hie und da sich ereignet zu haben.

Der Marienbrunnen zu Bethlehem ist wohl der berühmteste, aber kaum

der einzige Visionswasserspiegel gewesen. Auch in der Isidorskirche

auf der Insel Scio soll ein Licht wie eine brennende Kerze von den

Gläubigen öfters gesehen worden sein; Gregor kannte einen Priester,

der bestätigte dieses Licht vom Rande des Sodbrunnens aus öfters

betrachtet zu haben[286-d]. Auch brauchte es ja nicht eine Wasserfläche

zu sein; so ging von dem heiligen Grabe in Jerusalem die Rede, oft

erstrahlten einzelne seiner Schollen auf ganz natürliche Weise[287-a].

Im Abendlande findet sich außer dem Kristalltropfenkreuz in Bazas keine

Spur von dem Dasein einer derartigen kirchlichen Institution. Da jedoch

die natürliche Reaktion der hiefür Empfänglichen gegebenen Falles auch

hier die Erscheinung herbeigeführt haben, so mag Kristallvision ab

und an vorgekommen, dann aber einfach als Lichtwunder dargestellt und

daher für uns nicht mehr erkennbar sein. Schon vom heiligen Martin wird

erzählt, beim Celebrieren des Meßopfers habe seine Hand zu strahlen

angefangen; auf Kristallvision weist dabei der Umstand, daß auch dort

unter den Zuschauern zwei Parteien sich bildeten; die einen beteuerten,

das Wunder mit ihren eigenen Augen wirklich gesehen zu haben, die

andern ebenso entschieden, sie hätten nichts gesehen[287-b].

Siebenzehntes Kapitel.

Die Heilung.

Eine übernatürliche Erscheinung an sich interessierte damals jedoch

nicht so sehr, wie die wunderbare Heilung von irgend einer Not oder

Krankheit. Dann erst zeigte sich der Heilige in seiner ganzen auch

dem Einzelnen fühlbaren Macht. Sie war Probe und endgiltiger Beweis

des Wunders. Hören wir darüber den Bischof von Tours: »Die Wunder,

die unser Herr Gott durch den seligen Martin, seinen einst im Fleisch

wandelnden Diener ins Werk zu setzen geruhte, läßt er täglich zur

Stärkung des Vertrauens der Gläubigen sich wiederholen; denn jetzt

stattet er dessen Grabhügel genau mit denselben Kraftthaten aus,

die jener ausführte, als er auf Erden war. Wer wird nun noch an

den früheren Wundern zweifeln, wenn er die Gnadengeschenke der

gegenwärtigen Zeichen sich mitteilen sieht, wenn er sieht, wie Lahme

sich aufrichten, Blinde das Augenlicht wieder finden, die Geister von

den Besessenen ausfahren und jede andere Art von Krankheit durch die

Mittlerschaft des Heiligen geheilt wird«[287-c].

1.

Gregor war von Natur nicht ohne Anlagen, dem volkstümlichen

Wunderglauben, an dem er nun selbst in so reichem Maße teilnahm,

kritisch gegenüber zu treten. Er, der unermüdliche Mirakelsammler,

kann gelegentlich eine rein natürliche Anschauung einer Krankheit

zur Schau tragen. Die große Epidemie vom Jahre 580 schildert er

nicht viel anders, als es etwa ein gefühlvoller Beobachter heute thun

würde: »Es hatten aber, die an dieser ansteckenden Ruhr litten, unter

Erbrechen heftiges Fieber und einen gewaltigen Nierenschmerz, auch Kopf

und Genick wurde ihnen schwer, und ihr Auswurf war von gelber oder

mindestens grüner Farbe. Die gewöhnlichen Leute nannten die Krankheit

innere Blattern, und nicht unzutreffend; denn wenn an den Schultern

oder Schenkeln Schröpfköpfe gesetzt wurden, kamen Blasen heraus und

brachen auf. Durch das Auslaufen des Eiters wurden viele geheilt.

Aber auch Kräuter, die man sonst als Gegengift braucht, halfen als

Trank eingegeben sehr Vielen. Die Krankheit brach im Monat August

aus, zuerst unter den Kindern und raffte viele hinweg. Wir verloren

die süßen, teuren Kleinen, die wir auf unserm Schoß gehegt, in unsern

Armen gewiegt, denen wir mit eigener Hand Speise gereicht und sie mit

ängstlicher Sorge genährt hatten; aber wir trockneten unsere Thränen

und sprachen mit dem heiligen Hiob: ›Der Herr hat es gegeben, der Herr

hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt‹[288-a].«

Als Vorsteher der Kirche von Tours und unermüdlicher Beobachter des

Heilung suchenden Volkes erwarb sich Gregor zum mindesten eine sehr

große Erfahrung und einen geübten Blick für die Beurteilung eines

Krankheitsfalles. Einzelne seiner klinischen Schilderungen überraschen

durch die Schärfe der Anschauung. Eine Pest beschreibt er so: »Die

Bevölkerung von Tours war von einer ansteckenden Krankheit heimgesucht.

Diese Krankheit bestand darin, daß der Kranke von heftigem Fieber

ergriffen, ganz von Beulen und Bläschen bedeckt war. Die Beulen

waren weiß und hart, ohne jede Weichheit, es wäre denn im Stadium

des höchsten Schmerzes. Reif geworden, platzten sie und begannen

auszufließen; dann klebten die Kleider am Leibe und der Schmerz nahm

beträchtlich zu«[288-b]. Die Dyssenterie schildert er als Krankheit,

deren Merkmal in unsichtbaren Bläschen bestehe[288-c]. Sehr genau hat

er sich einen Kranken angesehen, der an einer Wandergeschwulst litt:

»Ein an schwerem Fieber Erkrankter gab aus dem Munde eine giftige

Flüssigkeit von sich und hatte heftigen Durchfall. Das Gift tobte in

seinem Körper; der Kranke bekam in der Schamgegend eine Geschwulst,

die auf unglaubliche Weise zu wandern begann und dann sichtbar bis

zum Fuße niederstieg. Sie war so groß wie ein Gänseei. Vom Fuße stieg

sie wieder aufwärts; ihr Durchgang durch die Lenden und Arme war von

außerordentlichen Schmerzen begleitet, dann stieg sie in den Kopf; von

dort begab sie sich auf der andern Seite wieder nach der Fußgegend,

kehrte dort aufs neue um und fand sich zu der Stelle zurück, von wo sie

ausgegangen war. Während ihrer Wanderungen durch alle Glieder wußte

der Unglückliche nicht, was er mit sich thun und anfangen sollte; er

konnte nur aufschreien und weinen. In der That, es war ein Anblick

zum Erbarmen, solche Schmerzen, die sich eines armen Menschenleibes

bemächtigt hatten«[289-a]. Einmal ist sogar das Schwinden des

Wahrnehmungsvermögens nicht auf dämonische Besessenheit zurückgeführt,

sondern einfach als Gehirnkrankheit aufgefaßt; das Gift aus dem

Hautausschlag habe sich auf den Geist geschlagen[289-b]. Gut beobachtet

ist auch der folgende Fall: »ein Pariser Schneidergeselle, der von

der schwarzen Sucht, das heißt von einer Ansammlung erhitzten Blutes,

befallen war und in Folge davon am Fieber erkrankte, hatte den ganzen

Leib von Bläschen überzogen, so daß einige ihn geradezu für aussätzig

hielten. Zu gleicher Zeit litt er an außerordentlichen Schmerzen und

konnte mit dem einen Auge so wenig sehn wie mit dem andern«[289-c].

Die Dauer der Krisis bei einer Besessenenheilung wird auf zwei Stunden

angegeben[289-d], und in der Bezeichnung der Krankheit äußert sich

gelegentlich das ärztliche Bewußtsein: nach der Bauernsprache sei

es das »fallende Weh«, weil man dabei umfalle; der medizinische

Fachausdruck dagegen laute Epilepsie[289-e].

Obschon es also an einer Anzahl elementarwissenschaftlicher

Momente nicht fehlte, deuten nur schon Gregors eigene Gefühle bei

Unwohlsein[289-f], ja sogar wenn ihm nur eine Fischgräte im Halse

stecken blieb[289-g], darauf hin, wie für ihn die wirksame Hebung

körperlichen Uebelbefindens nicht Sache einer Kunst, sondern einfach

des Glaubens an den Heiligen war. Auch was sich in dieser Richtung

bei ihm an Gelehrsamkeit bemerken läßt, weist nicht auf irgend

welche ärztliche Schulung; die zuverlässigsten Verhaltungsmaßregeln

zur Krankenpflege schienen ihm die zu sein, die man aus den Träumen

bezog[289-h].

Die Heiligen der Merowinger · 第 11 / 13 题