Stellen wir kurz die verschiedenen Krankheiten zusammen, die am
Heiligengrabe Heilung suchten und nach dem Dafürhalten der Zeit
auch fanden, so besteht das Hauptkontingent aus Gliederkranken, sei
es nun aus solchen, die ihre Glieder nicht mehr hatten, Krüppeln,
oder aus solchen, die sie nicht gebrauchen konnten, Lahmen. Gregor
veranschaulicht sie uns in folgenden Beschreibungen: Ein junger
Mann, namens Sekurus, hatte von Mutterleib an eine Hand und einen
Fuß verschrumpft und war auch im übrigen an allen seinen Gliedern so
entstellt, daß er als Mißgeburt galt. Er war hörigen Standes. Als
seine Herren sahen, er habe während sieben Jahren nichts geleistet,
nahmen sie ihn auf den Arm und brachten ihn ans Heiligengrab, damit
er wenigstens von Wohlthätern ernährt werde, er, der von seiner Hände
Arbeit nicht leben konnte[290-a]. Ein Kind, wohnhaft in Tours, war in
Folge einer langen und heftigen Krankheit an allen Gliedern geschwächt
und konnte, als das Fieber geschwunden war, keinen Schritt mehr gehen.
Seine Beine waren ineinander gewunden und konnten nicht getrennt
werden[290-b]. Jemanden war die Hand so geschrumpft, daß die Nägel in
die Innenfläche hineinwuchsen und infolge dessen beständige Eiterung
stattfand[290-c]. Ein Diakon zu Poitiers versicherte, er habe sein
Bein durch die Hinterlist eines bösen Geistes verloren[290-d]. Gregors
Mutter hatte von der Geburt dieses ihres Sohnes her als Rest der
Kindswehen noch immer ein plötzliches Reißen im Beinmuskel beibehalten,
wie wenn ein Nagel in den Fuß getrieben würde. Der Schmerz war an einem
Punkt so konzentriert, daß meistenteils die Kranke davon in Ohnmacht
fiel. Die einzige Linderung brachte die Ofenwärme, wenn man das Bein
längere Zeit dicht ans brennende Kamin hielt; nahm man dann an der
gichtigen Stelle eine Salbung vor, so hörte der Schmerz ebenfalls für
einige Zeit auf[290-e]. Theoda, die Tochter des Priesters Wiliachar,
litt ebenfalls häufig an geschwollenen Füßen; schließlich verlor sie
den Gebrauch des einen vollständig und mußte hinken[290-f]. Unter dem
Gesinde eines der Kirchengüter war einer, der ging gebückt, wie wenn
seine Hüfte entzwei wäre. Gegen die Erde zugekrümmt, konnte er sich
durchaus nicht mehr aufrichten[290-g]. Ganz eigentümlich stand es aber
um Gundulf von Tours, einen Jugendgespielen des Prinzen Günther und
Pagen bei dessen Vater König Chlothar. Im Auftrag eben dieses Fürsten
stieg er eines Tages auf einen Baum, um reifes Obst zu pflücken, fiel
aber herunter, weil der Ast brach; sein Fuß schlug an einem Stein
auf, seitdem hinkte er. Manches Jahr später, als er seinem Pferde
die Ferse in die Weichen schlug und es stürzte und ihn abwarf, kam
Gundulf um seinen andern Fuß. Er ließ sich nach Sankt Martin bringen.
Ueber dem Gebete verschwand die Quetschung; er erhob sich geheilt vom
Kirchenpflaster. Aber nun hinkte er freilich noch immer am andern
Fuße, und das nun seit dreißig Jahren. Da überschlug er die Menge
seiner Sünden und beschloß sich scheeren zu lassen und unter die Diener
Martins zu gehen. Eine königliche Urkunde gestattete ihm, bei Lebzeiten
alle seine Güter Sankt Martin zu verschreiben. Kaum war er in den
geistlichen Stand eingetreten, so verlängerte sich sein Fuß, der über
dem Knochenbruch eingegangen war, wieder zur normalen Länge. Seitdem
konnte der Mann, der sich ehedem nur mühsam auf zwei Diener gestützt
von der Stelle bewegte, wieder gehen wie er wollte[291-a]. Noch wäre
mancher Fall körperlicher Gebrechlichkeit zu erwähnen: Chariwald, der
einer einseitigen Körperlähmung wegen ein ganzes Jahr in Heiligtum
verbrachte[291-b], der Gelähmte, der auf seiner Matraze von Bourges
auf einem Wagen nach Sankt Martin transportiert wurde[291-c], Malulf,
Bürger von Tours, der sich von einer grausamen Krankheit angefallen
zu Bett legte und kaum atmen konnte und dessen Hände und Füße im
Verlauf dieses Uebels einschrumpften, sodaß er fünf Jahre lang daran
zu leiden hatte[291-d], das kleine Kind, das an allen seinen Gliedern
und Sinnen abstarb, daß der Athem die einzige Bewegung in seinem Körper
war[291-d]. Doch wollen wir nun zu den Blinden übergehen.
Augenkrankheit kommt in jener Zeit und Gegend auffallend oft vor.
Unter den Medizinern der späten Römerzeit bilden die Augenärzte
eine eigene Zunft von Spezialisten, deren Bestehen durch die vielen
aufgefundenen Gildenstempel erwiesen wird. Die römischen Augenärzte
dieseits der Alpen waren meistens Freigelassene. Sie folgten gewöhnlich
den Militärstationen in Germanien, Gallien, Belgien und der Bretagne.
Ihre Kur bestand zumeist in Anwendung von Salben, die sie selbst
zubereiteten und verkaufen; das waren weiche Pomaden oder Pasten, die
in einem Förmchen zu Stangen oder Plättchen gepreßt wurden und dann
eben den Siegelstein des Fabrikanten aufgedrückt erhielten. Diese
viereckigen Etiketten nannten den Namen des Arztes, seine Instrumente,
seine Heilkräuter und die Krankheiten, auf die er sich verstand.
Zur operativen Behandlung des entzündeten Auges wurde das Penicill
angewendet, offenbar ein an einem Stäbchen befestigter kleiner Schwamm
oder Wattebausch, mit dem man die eiterigen Ausflüsse aus der wunden
Stelle ausdrückte[291-1]. Martin von Tours vollführte in dem kranken
Auge seines Jüngers Paulin eine Incision mit diesem Instrument[291-e].
Die vielen Blindenkuren dagegen, die an seinem Grabe stattfanden,
scheinen ohne Beihilfe derartiger Fachmittel rein nur durch psychische
Einwirkung erfolgt zu sein. Die Krankheitsbilder, die Gregor von den
Augenleiden entwirft, deuten auf Triefaugen, harmlosere Entzündungen,
aber auch auf Staar und schwere Verletzungen. Die typische Formel einer
Blindenheilung lautet: »Ein Blinder, der lange Zeit des Augenlichtes
beraubt war, kam zum Feste. Er verrichtete sein Gebet und erlangte,
während er sich vor dem Grabmal aufhielt, plötzlich die Sehkraft
wieder«[292-a]. Damit ist nun freilich alles gesagt und nichts gesagt.
Doch gewinnt durch andere gelegentliche Mitteilungen solch ein Bericht
an Deutlichkeit, vor allem auch dadurch, daß unter der Hand zu
verstehen gegeben wird, einige der sogenannt Blinden und dann wieder
sehend Gewordenen hätten ein Minimum von Sehvermögen nie ganz eingebüßt
gehabt[292-b]. Ein Landmann aus der Touraine hatte das Augenlicht auf
chronischem Wege verloren durch eine jahrelange Entzündung, an die
sich Staar und Lähmung der Augendeckel anschlossen, und da er nicht
mehr sah, stieß er noch gar an einen hervorstehenden Holzspahn an, so
daß ihm das eine Auge überhaupt ausfloß[292-c]. Ein erblindeter Diakon
aus Chalons wollte erst Gregor gegenüber nicht recht mit der Sprache
herausrücken, dann aber erzählte er: »Es sind sieben Monate her, daß es
zur Frühmesse läutete und ich mich zur Kirche begab. Unterwegs stieß
ich auf einen Freund; wir umarmten und küßten uns, und ich fing an mich
zu erkundigen, wie es bei ihm zu Hause stehe. Schließlich versäumte ich
den Kirchgang und setzte mich mit dem Bekannten zu einem Glase Wein.
Als er sich empfohlen hatte, schlossen sich meine Augen und die Lider
blieben kleben, sodaß ich sie nicht mehr öffnen konnte«[292-d].
Eine eigene Stellung nahmen die Irren ein. Im ganzen Altertum wurde an
ihrem Zustande weniger die körperliche Erkrankung empfunden, als die
Besessenheit von einem bösen Geiste, in der ja die Krankheit bestand.
Wer aber ein außermenschliches Wesen beherbergte, und wenn es auch ein
schlechtes war, wurde dadurch eben doch übernatürlicher Eigenschaften
fähig. Die Besessenen kamen sozusagen als entartete Seher in Betracht
und verfügten namentlich über ein sehr ausgeprägtes Witterungsvermögen
gegenüber der nahenden Heiligengewalt. Bei Reliquientransporten oder
Reliquienfunden, wenn die Gesunden sich entweder unwissend oder
ratlos zeigten, wurde ihnen gewöhnlich durch die jäh hervorbrechenden
Aufschlüsse von Wahnsinnigen aus der Verlegenheit geholfen. Die
sprechendste Anekdote dafür hängt mit der Entdeckung des Solennisgrabes
bei Tours zusammen. In der Kirche des Klosters von Maillé schienen zwar
Sonntag für Sonntag an einer bestimmten Stelle kleine Lichtflämmchen,
sodaß das Landvolk ringsum wußte, es sei hier etwas göttliches im
Spiel. Sobald aber zwei Besessene jene Martinskirche betraten,
klatschten sie in die Hände, schrieen und sprachen: »Hier ruht der
hochselige Solennis in einer verborgenen Krypta. Grabt das Grab doch
auf, ihr Freunde Gottes. Wenn ihr es gefunden, so bedeckt es mit
Schleiern, zündet Fackeln an und spendet ihm die Verehrung, die ihr
ihm schuldet. Es kommt dem Land zu gute, wenn ihr unsere Anweisung
beherzigt«. Bei diesen Worten schickten sie sich an, unter lautem
Geschrei die Erde mit ihren Fingernägeln aufzureißen; darauf hin kamen
dann die Leute mit den Werkzeugen und nahmen die Ausgrabung vor[293-a].
Um nun zu den geheilten Besessenen überzugehen, so hatte namentlich
einer, namens Paul, im Rufe gestanden, eine ganze Legion Dämonen zu
beherbergen. In einem Anfall stürzte er sich einst von dem Gerüst,
das bei der Martins Camera ausgerichtet war, wurde aber dank Martins
Wunderkraft nur sänftiglich auf das Pflaster abgesetzt, ohne ein Glied
zu brechen[293-b]. Ein anderer namens Landulf, aus der Gegend von
Vienne, war lange vom Dämon der Mondsucht geplagt, der ihn auf die
Erde riß, wo der Mann dann schäumte und wie tot dalag. Doch war er
ruhiger, solange er im Atrium von Sankt Martin sich aufhielt. Sobald
er einen Schritt hinaus that, bedrohten ihn die Geister mit klirrenden
Waffen. Er hörte sie schimpfen und sagen: »Martin, dem du anliegst,
kann nichts für dich thun, weil er unserer Botmäßigkeit unterstellt
ist«. Aber er blieb unbeweglich, nur immer das Zeichen des Kreuzes
schlagend, sodaß die Geister sich schließlich durch die dünne Luft mit
schrecklichem Geräusch davon machten[293-c]. Auch die Trunksucht galt
in ihren vorgeschrittenen Stadien als Besessenheit. Besonders in der
Gegend von Bajeux trank man einen bösen Wein[293-1]. Ein weinschwacher
Bürger dieser Stadt gelobte dem heiligen Martin jährlich seinen Besuch,
nachdem ihm ein erster Aufenthalt am Heiligengrabe geholfen hatte. Er
ließ sich sogar in den geistlichen Stand aufnehmen. Nach vier Jahren
jedoch verfiel er wieder dem Trinken bis zur Tobsucht, wurde gefesselt
nach Sankt Martin gebracht, wo ihn eine Kur von sechs Monaten abermals
heilte. Als er sich dann neuerdings nicht hielt, sondern ins Trinken
zurückfiel, verkam er in diesem Laster[293-a]. Auch starke psychische
Zufälle, die aber weiter nicht auf Dämoneneinwirkung zurückgeführt
werden, kommen vor. So lebte ein einfacher, gutgearter Mensch in
Montlouis bei Tours jung verheiratet. Als er neben seiner Frau ruhte,
ergriff ihn plötzlich mitten in der Nacht eine unerklärliche Angst;
er springt aus dem Bett, irrt zitternd im ganzen Hause herum und
verliert die Sprache. Durch Zeichen gibt er seiner Frau zu verstehen,
er wolle nach Sankt Martin gebracht werden. Eine Kur von sechs Monaten
gibt auch ihm die Gesundheit wieder[293-b]. Schon bei den kleinen
Alltagsleiden begann der Bezirk des Wunderbaren. Die Gattin des
Tribunen Animus, Mummola, hatte eines Nacht durch einen plötzlichen
Schrecken den Gebrauch des einen Fußes verloren; ob sie sich ihn nun
mit einem Fehltritt verstaucht hatte, oder ob eine vorübergehende
Lähmung eingetreten sei, wird nicht gesagt; vielleicht war der Fuß
überhaupt nur rechtschaffen ›eingeschlafen‹. Sie ließ sich nach Sankt
Martin tragen, hielt den ganzen Rest der Nacht hindurch eine Votivkerze
in der Hand, indes Gregor mit seinen Klerikern die Vigilien sang. Bei
Tagesanbruch, als das Zeichen zur Matutin erschallte, trat sie auf
den gebrechlichen Fuß auf; da war alle Schwäche geschwunden; die Frau
konnte ohne jede Stütze nach Hause gehen. Schließlich begab man sich
zum Heiligen selbst in Fällen, wo es sich um nichts weiter, als um eine
kindliche Unart handelt. Eine Frau von Tours war in großer Sorge, weil
ihr Mädchen immer nicht sprechen wollte. Endlich nahm sie das Kind
mit in die Basilika, betete lange, zündete dann ein Rauchzäpfchen an
und fragte die Kleine, ob der Weihrauch nicht wohl rieche. Das Kind
sagte: »Wohl!« Da wusch die beglückte Mutter dem Töchterchen den Mund
mit geweihtem Wasser aus und fragte, ob es nicht wohl schmecke. Wieder
sagte das Kind: »Wohl!«[294-a] Das nannte man dann die Heilung eines
stummen Mädchens. An innern Krankheiten werden genannt Magenübel,
Brechreiz, Darmblutungen[294-b], auch Gelenkrheumatismus scheint
vorgekommen zu sein[294-c]. Solche Kranke lagen dann meistens zugleich
am Fieber darnieder. Ueber dessen Behandlung verlautet nur allgemein,
Fieberkranke seien, wenn das Fieber besonders schlimm in ihnen wütete,
den Tag über zwischen den Altar und das Heiligengrab gestellt worden;
abends erhielten sie dann die mit Grabsteinpulver angemachte Mixtur,
und beständig gab es solche, denen es darauf hin besser ging[294-d].
Wie muß es am Martinsgrabe erst bei einer Epidemie ausgesehen haben!
Vielleicht war der geweihte Raum dann überhaupt für hochgestellte
Patienten reserviert. Wenigstens wurde bei einer derartigen Gelegenheit
die sterbende Gräfin Eborin daselbst in Behandlung genommen und durch
Abwaschungen mit Osterreinigungswasser geheilt[294-e]. In Italien
flüchtete man, wie Fortunat Gregor aus eigener Anschauung versicherte,
bei einer Blatternepidemie stets in die nächste Martinskirche[294-f].
Hinsichtlich der Seuchen mag noch eins erwogen sein. Das Fieber wurde
als Feuerwirkung im Körper aufgefaßt, und da Feuer, das höchste und
reinste der Elemente, nicht Sitz niederer Dämonen sein konnte, ist
Fieber, das Gegenteil von dämonischer Besessenheit, vielmehr ein
Zuchtmittel in der Hand des Heiligen. Julian heizt seine Feinde
wie einen Backofen[294-g], und sogar von dem sonst milden Martin
klagt ein Fieberkranker, er verbrenne ihn. Schon in der römischen
Medizinersprache hieß eine Pestart geradezu das »heilige Feuer«[295-1].
Indem aber der Heilige seinen eigentlichen Beruf als Krankheitsstiller
verläßt und zum Krankheitserreger wird, sinkt er darum doch nicht auf
die Stufe der Dämonen, da das von ihm verhängte Leiden als Strafe und
Läuterung sittliche Zwecke verfolgt, während die Dämonen den Menschen
aus Schadenfreude quälen.
3.
Die am Heiligengrabe befolgte therapeutische Behandlung ist
schwerlich von jeder vernünftigen hygienischen Einsicht im heutigen
Sinne verlassen gewesen: so wurde im Falle hochgradiger nervöser
Erregung Entzug von Alkohol und Fleisch angeordnet; vier Monate
lang ausschließlich vegetabilisches Regime führte dann die Heilung
herbei[295-a]. Bei Verdauungsstörungen ließ man drei Tage fasten, bis
der Appetit sich von selbst meldete und reizte ihn dann zugleich mit
etwas Wein[295-b]. Gegen Bauchschmerzen wandte sogar ein Mann wie
Gregor erst einige Bäder und warme Aufschläge an, und erst als es
nach sechs Tagen nicht besser wurde, fiel es ihm ein, sich an Sankt
Martin zu wenden[295-c]. Auch rechnete man die Frist zur Heilung nicht
kleinlich nach; es durfte Jahre lang dauern und, wenn nötig, eins ums
andere, nicht alles auf ein Mal: drei Jahre blind, dann vier Jahre
in der Basilika und dann erst geheilt[295-d], oder zunächst gerade
Glieder und dann gesunde Augen[295-e], oder nach sechs Jahren wird
die lahme Hand gebrauchsfähig und nach weiteren zwei Jahren das Auge
sehend[295-f].
Doch sind dies nur matte Spuren, daß es damals denn doch auch schon
ein wenig zuging, wie bei uns. Davon abgesehen hüllt sich das
Heilverfahren überall in eine dicke Kruste abergläubischer Praxis. Das
Hauptgewicht lag auf der ausgedehnten Amuletbehandlung. Aerztliches
Eingreifen des Priesters kam vor, aber als Ausnahme; es mußte schon
ein hervorragender Mann sein, der sich eine derartige Vermittlung der
Heiligenkraft zutrauen durfte; ein Aridius von Limoges: am Martinsfest
des Jahres nahm er eine gelähmte Frau vor, die acht Jahre erfolglos in
der Vorhalle der Martinskirche auf dem Schiebwagen gelegen hatte, und
touchierte ihren Gliedern das Kreuzeszeichen auf, nicht ohne selbst
den heilkräftigen Strom zu spüren, der durch seine Hand hindurch
auf die Kranke übergeströmt sei[295-g]. Sonst aber galt es als ein
erstes Erfordernis, der Hilfe des Heiligen durch ärztliche Weisheit in
keiner Weise vorzugreifen. Eine Zungen- und Lippengeschwulst an ihm
selber schätzte Gregor als eine Folge allzu heftigen Blutandranges
ein; aber er that nichts, um ihn durch ein natürliches Mittel,
etwa durch Schröpfen zu vermindern, sondern er ging hin, leckte
das Grabgeländer ab, küßte den Tempelvorhang und hatte seitdem nie
mehr an diesem Uebel zu leiden[296-a]. Am wirksamsten erwies sich
das Einnehmen von Amuletstoffen, obenan des Grabsteinpulvers. Es
war die Allerweltsmedizin, stillte Fieber[296-b], half gegen die
Ruhr[296-c], trieb Bandwürmer ab[296-d]; wem es pur widerstand, dem
gab man es mit Wein angemacht[296-e]. Auf Reisen führte Gregor stets
eine Schachtel davon auf sich[296-f]. Aber auch das Abwaschwasser von
der Osterreinigung des Grabaltars[296-g] und Salbung mit dem Oel der
Kirchenlampen[296-h] wirkte heilsam. Die Kraftsphäre dieser heiligen
Essenzen war unbeschränkt. Weihwasser und Lampenöl gemischt heilten an
einer Seuche erkranktes Vieh[296-i], während zum Grabsteinpulver sogar
ein königlicher Kanzler mit Erfolg seine Zuflucht nahm[296-k]. Zur
Steigerung der Wirkung verfiel man gelegentlich selbst auf kombinierte
Amuletbehandlung, indem Grabsteinpulver innerlich und Fransen der
Grabsteindecke als Halsumschlag verwendet wurden[296-l].
In den beiden fränkischen Hauptheiligtümern stellt sich nun aber noch
eine höchst merkwürdige Einrichtung dar, die geradezu als das Substrat
der bisher kurz geschilderten Heilpraxis betrachtet werden darf. Neben
dem Armenhaus, der sogenannten Matrikel, finden wir räumlich davon
wohl kaum unterschieden, ein regelrechtes Hospital. Aber wir würden
irre gehn, wenn wir es für eine Heilanstalt in dem uns gewöhnlichen
sanitarischen oder humanitären Sinne hielten. Vielmehr müssen wir an
die uralte antike Sitte des Tempelschlafs erinnern, und an die ihr zu
Grunde liegende Vorstellung von einer heilsamen Inkubation der Gottheit
gegenüber dem Schläfer. Von der Julianszelle in Brioude wird erzählt,
ein Weib namens Fedamia, das vollständig gelähmt und verwachsen war,
sei von den Verwandten nach der Basilika gebracht worden, um dort
wenigstens mit Betteln ihren Unterhalt zu erwerben. Als sie nun nach
achtzehn Jahren Krankheit während einer Sonntagsnacht in dem an die
Kirche anstoßenden Säulengange »dekubierte« und indessen das Volk
die hochheiligen Vigilien sang, wurde sie in ihrem Halbschlummer von
einem Mann durch eine Vision angefaßt und zur Rede gestellt, warum
sie nicht gleich den andern dem nächtlichen Gottesdienste beiwohne.
Sie antwortete, sie sei an allen Gliedern lahm und könne keinen
Schritt thun. Da unterstützte sie der Mann und führte sie bis an das
Heiligengrab. Dort angelangt ergoß sie sich, immer fort schlafend, im
Gebete aus und ihr war, es falle eine förmliche Kettenlast ihr von den
Gliedern. Und als die Ketten klirrend zu Boden fielen, erwachte sie von
dem Geräusch und fühlte sich mit einem Mal genesen. Also stand sie vom
Bett auf und schritt zum Erstaunen aller Anwesenden laut danksagend in
die Kirche. Später liebte sie es, wenn sie die Heilung erzählte, beim
Aeußeren des Mannes zu verweilen, der ihr erschienen war: es sei ein
Riese gewesen, mit glänzendem Kleide, mit vornehmem Gebahren, er habe
freundlich gelächelt; sein langes blondes Lockenhaar habe freilich auch
einige graue enthalten; frei sei er einhergeschritten, hell habe seine
Stimme geklungen; seiner Anrede hätte niemand widerstanden und seine
Haut habe wie Lilien geschimmert; aus Tausenden heraus wolle sie ihn
wieder erkennen, auf den ersten Blick. Kurzum, die Schilderung wollte
kein Ende nehmen. Darauf hin erschien es denn doch diesem und jenem
nicht ganz unmöglich, es könnte ihr der selige Märtyrer erschienen
sein[297-a]. Ein gewisser Anagildus, der taubstumm war und blind
dazu, lag auch in der Säulenhalle von Sankt Julian in Brioude; als er
ein volles Jahr vor dem heiligen Tempel »dekubiert« hatte, wurde er
endlich von der Heilkraft des seligen Märtyrers heimgesucht[297-b].
Zu Sankt Martin in Tours wurden noch öfters, wenn auch nicht immer an
so charakteristischen Fällen, Tempelschlaf bemerkt. Ein Taubstummer,
namens Theodomundus, kam täglich zum Tempel, kniete nieder zum Gebete,
indem er indes nur die Lippen bewegte, aber so inbrünstig, daß er
während seiner stummen Worte meistens weinte; im übrigen bettelte er
mit den andern Armen, dies drei Jahre lang. Eines Tages stellte er
sich aus Liebe zu Gott getrieben, vor den heiligen Altar und stand
da, Augen und Hände zum Himmel erhoben. Da brach aus seinem Munde ein
Blutstrom mit Eiter. Er spie ihn auf die Erde, holte tief Athem und
hustete blutende Körper aus, sodaß man hätte meinen sollen, sie seien
ihm mit einem Instrument in der Kehle ausgeschnitten worden. Auch hing
ihm nun der Schleim in blutdurchsetzten Fäden von den Mundwinkeln. Da
wurden die Banden des Trommelfells und des Kehlkopfes plötzlich gelöst;
wieder erhob er Augen und Hände zum Himmel und brach, des Sprechens
noch unkundig, immerhin in die Worte aus: »Ich danke dir vielmals,
hochseliger Herr Martin«. Die Königin Chrotechilde interessierte sich
für diese Heilung; sie nahm sich des armen Jünglings an und ließ
ihn in einer Schule unterrichten. Er zeichnete sich dort durch sein
gutes Gedächtnis aus und konnte den ganzen Psalter auswendig[297-c].
Später wurde er Priester und lebte noch lange im Dienste von Sankt
Martin. Ein Referendar König Chlothachars, Charigisel, der an Händen
und Füßen die Gliedersucht hatte, gebrauchte während zweier bis
dreier Monate die Dekubationskur; nach Ablauf dieser Zeit wurde er
vom seligen Kirchenherrn heimgesucht und erlangte an seinen schwachen
Gliedern aufs neue die Gesundheit. Später war er königlicher Kammerherr
und bedachte sowohl die Bürgerschaft von Tours als die Diener der
Martinsbasilika mit reichen Wohlthaten[298-a]. Veranus, der Sklave
eines Gregor unterstellten Geistlichen, der seinem Herrn besonders in
Verwaltungsgeschäften an die Hand ging, wurde wahrscheinlich wegen der
Feuchtigkeit seines Amtsstübchens von Gicht befallen und konnte nicht
mehr gehen. Ein ganzes Jahr waren die Schmerzen sehr stark und dehnten
sich immer weiter aus; schließlich war die Lähmung ziemlich allgemein.
Da entschloß sich sein Herr, den das Schicksal seines Hörigen
bekümmerte, zur Tempelkur, ließ ihn nach Sankt Martin bringen, that
ein Gelübde und sprach: »Wenn du ihn heilst, frömmster Herr Martin, so
will ich ihn noch am Tage selbst frei geben; dann soll er die Tonsur
erhalten und deinem Dienste gewidmet sein«. Der Sklave wurde nun also
dem Heiligen zu Füßen gelegt, und als er fünf Tage daselbst ohne sich
zu rühren gelegen hatte, wurde er am sechsten Tage vom hypnotischen
Schlaf befallen; im Schlummer hatte er die Vision, als ob ihm in seinem
Bett ein Mann den Fuß strecke. Er fuhr auf und konnte alle Glieder
rühren. Nun empfing er also Freiheit und Tonsur und gehörte zu Gregors
Zeiten der niederen Geistlichkeit von Sankt Martin an[298-b]. Ein
junges Mädchen namens Chrodechilde, das nach dem Tode ihres Vaters
auf einem Grundstück bei Le Mans lebte, wurde blind. Auf Befehl König
Chilperichs und noch zu Lebzeiten der heiligen Radegunde, trat sie
ins Nonnenkloster zu Poitiers ein und wurde von jener selber nach dem
Schrein hingeführt, der die heilige Kreuzreliquie birgt, dann nahm sie
an den Vigilien teil. Als die Nonnen morgens die Kirche verließen,
blieb sie noch auf dem Boden ausgestreckt liegen und schlief ein. Da,
im Traum, war ihr, jemand thue ihr die Augen auf, das eine sei bereits
geheilt und auch im andern spüre sie etwas, und plötzlich wachte sie
über dem Geräusch einer sich öffnenden Thüre auf, und sah nun in der
That mit dem einen Auge wieder. Diesmal war es also nicht eine Vision,
sondern einfach die Nähe der Reliquie ohne Gesichtsvermittelung
gewesen, was den hypnotischen Schlaf herbeiführte[298-c]. Das
gewöhnliche bleibt jedoch die Erscheinung eines Greisen im Traum, der
dann »alle Glieder in sanfter Handauflegung touchiert«[298-d]. Auch
wird angegeben, der Patient werde von dem mediumistischen Trancezustand
plötzlich, unerwartet, zu seinem großen Schrecken, überfallen und
etwas über zwei Stunden darin fest gehalten[299-a]. Trat die Heilung
nicht am Grabe ein, so konnte ausnahmsweise der hypnotische Schlaf
auch verspätet ausbrechen, wenn der Kranke den heiligen Ort bereits
wieder verlassen hatte. So war eine Frau mit steifgewordenen Fingern
von Tours unverrichteter Sache abgezogen, ohne aber sich in ihrem
Glauben an die Heilung beirren zu lassen; im ersten Nachtquartier,
am Ufer des Cher, als sie Gott unter Thränen dafür dankte, daß sie
wenigstens noch am Leben sei und ans Martinsgrab habe gelangen dürfen
und daraufhin einschlief, empfing sie die Heimsuchung des Mannes »mit
den Haaren weiß wie Schwanenpelz, im Purpurmantel, in den Händen ein
Kreuz«; er öffnete ihr sachte die Hand; sie erwachte: das Blut floß ihr
von der Hand; die verbogenen Finger waren nun gerade. Anderseits konnte
sich unter Umständen eine derartige heilsame Inkubation sogar von der
vorausgegangenen Imprägnierung am heiligen Ort dispensieren. Alpinus,
Graf von Tours, wurde jahraus, jahrein von einem Fußleiden geplagt
und verlor über den Schmerzen sogar den Schlaf. Aber mitten in seinen
Leiden hörte er nicht auf, Martin um Hilfe anzurufen. Da versank er
unversehens in Schlummer. Ihm nun, dem königlichen Beamten erschien der
Heilige in Soldatenuniform. Mit freundlicher Miene kam er auf ihn zu,
lächelte und machte das Kreuzeszeichen über dem kranken Fuße. Sofort
war jeder Schmerz verschwunden, und gesund konnte der Graf sein Bett
verlassen[299-b].
Endlich noch einige Geschichten, die zeigten, mit wie mancherlei
Umständen solch eine Krankengeschichte auch damals verbunden war.
Aquilinus, der mit seinem Vater in den Wäldern jagen ging, wurde
plötzlich von einem Schrecken befallen. Es war ein Herzanfall, der ihn
fast von Sinnen brachte. Seine Eltern glaubten natürlich an diabolische
Besessenheit und nahmen nach Bauernbrauch ihre Zuflucht zu Zauberern
und Quacksalbern mit ihren Angehenken und Tränken. Als es aber nichts
half, suchten sie bei Sankt Martin Hilfe und sprachen: »Der kann die
Nachstellungen zu nichte machen; sie kommen von einem Schattengott,
der in einer falschen Religion verehrt wird«. So brachten sie also
den Verstörten an das Martinsgrab, wo er es seinem Gebet an Inbrunst
nicht fehlen ließ. Der Schrecken hob sich von hinnen; sein Verstand
kam ihm wieder. Er kehrte nicht mehr zu seinen Eltern zurück, sondern
blieb zu Sankt Martin[299-c]. Gregors Onkel, Bischof Gallus von
Clermont, pflegte oft zum Juliansheiligtum nach Brioude zu gehen, und
einst im Sommer, als er der Hitze wegen die Schuhe auszog, und barfuß
ging, trat er sich einen Dorn tief in den Fuß. Er bat den Heiligen
um Hilfe und vollendete schwer hinkend den Weg zu dessen Grabe. In
der dritten Nacht empfand er die heftigsten Schmerzen; er wirft sich
an der geweihten Stätte hin und geht dann schlafen. Als er aufwacht,
ist das Geschwür ausgelaufen, er sieht den Dorn nicht mehr und sucht
ihn in seinem Lager, bis er ihn hat, und noch als Bischof pflegte
er im engeren Kreise gerne die Narbe zu zeigen, das Zeichen der ihm
zu teil gewordenen Juliansheimsuchung[300-a]. Ein Mädchen, das vor
ungesundem Thränenandrang fast blind geworden war, wurde von seinem
Vater nach Tours gebracht. Dieser, überdies ein freigebiger Mann, ließ
den Pfründern von Sankt Martin zu essen und zu trinken geben. Während
nun die Matrikelleute regaliert wurden, schrie das junge Mädchen
plötzlich, es bekomme heftigen Kopfschmerz und wünsche zu schlafen.
Als es dies gethan und auch das Freimahl zu Ende war, brachte man
das Mädchen vor den Altar, wo alsobald der Thränenstrom versiegte
und die Augen klar wurden[300-b]. Ein blindes Mädchen von Lisieux
war zu Tours nicht sehend geworden, trotzdem es die Augen inbrünstig
am Vorhang gerieben hatte, aber es hörte nicht auf zu beten und zu
hoffen. Als es bei seinen Eltern auf dem Schiff stand, um heimzukehren,
strich es sich plötzlich übers Gesicht und sagte dann: »Ist das dort
die Martinskirche[300-c]?« Auch konnte das Zusammentreffen mehrerer
Kundgebungen zu belebten Szenen führen. So war eine Frau von ihrer
Gliederlähmung geheilt worden, legte sich nun aber aufs neue vor die
Martinsschwelle und wollte so lange da liegen bleiben, bis sie auch
das Gesicht wieder erlangt habe. In diesem Augenblick schrieen einige
Verrückte, sie würden gepeinigt, der heilige Martin sei nahe[300-d].
4.
Ob auch nur in einem dieser unzähligen Fälle Heilung wirklich
eingetreten sei, dürfen wir in dieser Bestimmtheit von Ja oder Nein
nicht wissen wollen; denn ärztliche Diagnosen des Krankheitsbefundes
liegen nicht vor. Gregor interessierte es wenig, an was nun gerade der
Kranke litt. Erst der geifernde Wutausbruch des Tobsüchtigen, der jähe
Blutaustritt aus dem erblindenden Auge, der mark- und beinerschütternde
Schrei des aufs äußerste gesteigerten Schmerzes erwecken seine nähere
Aufmerksamkeit, zumal er ja in der Krisis weniger den Höhepunkt der
Krankheit fürchtet, als den Eintritt der Heilung begrüßt. Ueber
die Art, wie die Krankheits- und Heilungsberichte aufgezeichnet
worden sind, gesteht er: »Die von mir erzählten Thatsachen brauchen
nicht unglaubwürdig zu scheinen, weil nicht alle Personen mit Namen
aufgeführt werden. Das kommt daher, daß sie von dannen gehen, sobald
der Heilige Gottes ihnen die Gesundheit wieder geschenkt hat und
manchmal geschieht das in größter Heimlichkeit; niemand ist dann
sozusagen dabei gewesen. Wenn verlautet, die Wunderkraft des heiligen
Bischofs sei wieder erschienen, dann lassen wir die Tempelhüter
kommen und nehmen Kenntnis von dem, was sich zugetragen hat; doch
sind sie nicht immer in der Lage, Namen zu nennen; bei den Fällen
jedoch, die wir selber sehen und untersuchen konnten, geben wir
gewöhnlich gleich die Namen mit an[301-a].« Aber um das Urteil über
diese Krankenheilungen deutlich abzugrenzen, gibt uns doch Gregor
den Maßstab gelegentlich selber in die Hand; er erzählt von einem
verwachsenen Tagelöhner, der auch nach der »Heilung« seine Arbeit nicht
wieder aufnehmen konnte, sondern nur immer am Heiligengrabe selbst
sich gesund fühlte[301-b]. Wenn aber damit der Heilungsprozeß auf das
Gebiet der subjektiven Gefühle verlegt wird, und somit von Wundern im
Sinn übernatürlichen Geschehens zu reden keine Veranlassung besteht, so
liegt andrerseits doch auch keine Notwendigkeit vor, eine ganze Reihe
rätselhafter und höchst verwunderlicher Vorgänge in Abrede zu stellen,
besonders heute nicht mehr, wo die Forschung gewisse, auf rein nervösem
Wege entstandene organische Veränderungen im Körper, Katalepsen,
nicht nur als mögliche Thatsache unumwunden zugesteht, sondern wo
auch die Erscheinungsformen solcher seelisch-leiblichen Zustände
immer mannigfacher und reichhaltiger in den Bereich experimenteller
Beobachtung sich eindrängen[301-1]. Wer das genügend bedenkt, wird
einem berichterstattenden Augenzeugen wie Gregor im weitesten Umfang
freie Hand lassen dürfen, ohne seiner eigenen gewissenhaften und
kritischen Abwägung das mindeste zu vergeben. Ueberdies räumt auch
heute gelegentlich ein ehrlicher Arzt von selber ein, seine Heilerfolge
seien zum größeren Teil nicht aus seine Kunst, sondern aus das ihm
vom Kranken entgegengebrachte Vertrauen zurückzuführen. In einem
nicht zu unterschätzenden Maße ist es also der Glaube, der wirklich
zur Gesundung helfen, zur nicht eingebildeten, sondern thatsächlichen
Heilung bedeutend beitragen kann.
Ueber das Sankt Martin und seinen Mitheiligen gewidmete Maß von
Glaubenskraft und Glaubensinbrunst wird man sich nun aber nicht leicht
übertriebenen Vorstellungen hingeben können. Wenn die Hilfebedürftigen
»den Füßen des Heiligen« nahten, befanden sie sich meistens in
ungeheuchelter, hochgradiger Aufregung, vergossen Thränen und gaben
sich leidenschaftlichen Gebeten hin. Man mag die Heilungsanekdoten
beliebig aufgreifen, es wird kaum eine sich finden, wo nicht der Glaube
des Geheilten hervorgehoben, dagegen manche, wo dieser Glaube geradezu
als Ursache der Heilung hingestellt wird[302-a]. Dabei öffnet sich uns
oft ein Blick in soziale Verhältnisse, die durch ihre Aermlichkeit
auf ein gesteigertes Verlangen nach Heilung und auf eine gesteigerte
Dankbarkeit schließen lassen; so bei jenem Krüppel Baudulf von Gennes,
der vom Heiligen geheilt zu werden wünschte, um seinem armen Vater
nicht länger zur Last fallen zu müssen, sondern selber sein Brot
verdienen zu können[302-b]. Selbst wenn im Falle von Unmündigkeit die
nötige Fähigkeit zum Glauben eben nicht vorhanden ist, kann das kranke
Kind gerettet werden, weil der Vater glaubt[302-c]. Seine Rückwirkung
hatte dieser starke Glaube in der Vorstellung, daß die Heilung für
den Genesungsmoment die persönliche Mitleidenschaft des Heiligen in
sich schließe. Der Prokurator Placidus in Ravenna, der daselbst im
Martinsnonnenkloster dekubierte, hielt den Heiligen ab, nach Gallien
zurückzukehren[302-d]. Ein Lahmer zweifelt nicht, daß seine Schmerzen
eine Kraftwirkung Martins sind, und schreit: »O Martin, um Gesundheit
habe ich Dich angerufen, nicht um Qualen«[302-e]. Auch im Fall einer
unbestreitbaren Berührung mit einem biblischen Wunder ist die Anekdote
bei Gregor deswegen durchaus nicht als Kopie und somit als erfunden zu
betrachten; wenn eine Frau von Clermont beim Küssen der Altarfransen
plötzlich vom Blutfluß geheilt wird, so braucht der Einfluß der
evangelischen Erzählung durchaus nicht in der erst nachträglichen
Bildung des Geschichtchens zu bestehen, vielmehr kann jene Frau durch
ihren unerschütterlichen Glauben an die parallele zwischen ihr und dem
Weib im Evangelium sich in der That gesund suggeriert haben[302-f].
Wer wird es der fränkischen Kirche verargen wollen, daß sie aus
dieser ihrer wirksamsten und volkstümlichsten Funktion nach Kräften
Kapital schlug? Zunächst indem sie die Heilungen zu einer Art Reklame
benutzte. Zwar mag es seine natürlichen Gründe haben, daß an den
großen Festen auch die meisten Heilungen vorkamen; bei ungewöhnlichem
Zudrang wurden eben auch mehr Leidende gesund. Aber es wird doch wohl
auch etwas nachgeholfen worden sein. Uebrigens schon an den hohen
Festtagen des Kirchenjahres überhaupt wurden Heilerfolge besonders
bemerkt, für Weihnacht und Epiphanien[302-g] wie für Palmsonntag und
Gründonnerstag[302-h]. Aber die Martinsfeste, das Mitte November,
wie das Anfangs Juli, durften sich eben doch weitaus der meisten
Wunder rühmen, für das Julifest 589 werden zwölf Lahme, drei Blinde,
fünf Besessene und eine lahme Frau als Heiltriumph erwähnt[302-i],
für das Julifest des Jahres zuvor ein Krüppel, eine blinde Frau und
drei Besessene[302-k]. Da die großen Heiligenmessen stets einige
Tage umfaßten, wird der Zeitpunkt auch näher bestimmt: Heilung am
dritten[303-a], am vierten Tage[303-b], in der Festnacht[303-c] oder
der Heilungsprozeß habe genau die drei Festtage ausgefüllt[303-d].
Oder es wird ein auffälliges Zusammentreffen bei gemeinsamen Heilungen
hervorgehoben: zwei Blinde mit genau denselben Spezialsymptomen
der Krankheit und genau derselben Spezialart der Heilung[303-e],
oder der Lahme von Auxerre, der Lahme von Orleans und der Lahme von
Bourges[303-f]. Namentlich aber pflegen der Höhepunkt der Messe oder
der Augenblick, wo der Vorleser das Heiligenleben zu lesen beginnt,
sowie der Moment der Reliquieninstallation die Heilung zum Austrag zu
bringen[303-g]. Auch zu Ehren eines Besuches von Belang, etwa eines
fremden Bischofs, konnte sich das Wunder ereignen[303-h].
Und bei der Reklame ließ man es nicht bewenden. Unter der Hand
bedeuteten diese Kurerfolge für die Kirche einen nicht zu
unterschätzenden Machtzuschuß. Was lag denn auch für eine dankbare
Seele näher, als auf die Heilung hin sich dem Heiligen zu verschreiben
und in den geistlichen Stand einzutreten; wie oft kam das vor![303-i]
Bedenklicher waren die auf Grund der Heilung erzwungenen Freilassungen
vom hörigen Stande, weil es sich da um einen kirchlichen Uebergriff
auf das Gebiet des Rechts handelte; gewöhnlich wurde unter Berufung
auf die Heilung der Loskauf durch Kirchenmittel durchgesetzt[303-k].
Die näheren Umstände machten zwar philantropische Beweggründe in den
Vordergrund rücken. Der Besitzer einer Sklavin wurde durch deren
Heilung bewogen, sie zum halben Preise freizugeben und unter der
entsprechenden Einbuße eine andere Sklavin zu kaufen[303-l]; oder, eine
widerrechtlich verkaufte Frau, hieß es, ist krank geworden, um dann in
Tours mit der Gesundheit auch die Freiheit ihres Standes wieder zurück
zu erlangen[303-m]; oder eine Frau von Poitiers wurde kirchlicherseits
losgekauft, weil sie trotz der Heilung arbeitsunfähig war[303-n]; ja
man konnte auf den Einwand hin, hinweisen, ein Krüppel, der sich unter
den Bettlern aufgehalten hatte, sei nach seiner Heilung auf seinen
Wunsch hin, frei entlassen, das Wunder also nicht in eigennütziger
Weise ausgebeutet worden[303-o]. Die Priesterweihe wurde sogar von
Geheilten nur aus Dankbarkeit übernommen; ohne sich weiter irgendwie
verpflichtet zu haben, kehrte er nach Hause zurück[303-p]. Das alles
ist schön und gut und mag im einzelnen Fall durchaus richtig sein. Aber
im allgemeinen steht doch unbestreitbar als Thatsache da, daß gerade
unter Berufung auf Heilungen die Kirche die Sphäre ihres Einflusses
beständig zu erweitern trachtete. Sie deckten ihr den Rücken, all
diese Armen, Kranken, Gefangenen und Unfreien, die sie nährte,
kleidete, gesund machte und losgab. Aber während durch das Asylrecht
und die Gefangenpatronage nur die Strafrechtspflege beeinflußt, also
nur ein vorübergehender Rechtsakt sistiert wurde, griff eine zur
Gewohnheit werdende kirchliche Auslösung von Hörigen tiefer, weil sie
einem permanenten Druck auf einen zurechtbestehenden sozialen Zustand
gleichkam.
Alles in allem ging es somit menschlich zu, auch bei den Heilungen.
Aber diese Eigenschaft des Heiligengrabes als eines Kurortes wirft doch
ein außerordentlich merkwürdiges Licht auf die religiösen Vorgänge in
der Volkspsyche, zumal bei den alten Franken, wo Treu und Glauben zu
Gott und seinen Heiligen noch nicht an schamlosem Priesterbetrug und
der stumpfen Gleichgiltigkeit der Menge zu Schanden wurden.
Achtzehntes Kapitel.
Der Glaube.
Der Glaube des fränkischen Volkes unter der Herrschaft der Merowinger
ist ein Religionsgebilde, dessen Eigenart in der vollständigen
Abwesenheit dogmatischer Produktion besteht. Die Vulgärreligion liegt
entblößt da, ohne ideologischen Ueberbau. Das Studium des Volksglaubens
konnte also hier vor sich gehen, ohne durch die Komplikationen
behindert zu sein, die sich bei einem Nebeneinander von höherer und
niederer Theologie unfehlbar einstellen. Doch ist das nicht der einzige
Vorzug dieser Epoche. Auch ihre Frische und Beweglichkeit suchten
ihresgleichen in der Kirchengeschichte; wo sonst nicht ohne Recht von
Versteifung und Verknöcherung in Gewohnheiten und Formeln gesprochen
wird, ist es hier eine durchaus junge und lebendige Religion, die sich
mit Reliquienverehrung zufrieden gab.
Die mannigfachen Bestandteile dieser Religion, die es im folgenden noch
kurz aufzuzeigen gilt, lassen sich nicht einheitlich ableiten. Aber die
beiden Hauptbegriffe, die uns im Verlauf unserer Untersuchung immer
wieder begegnet sind, dürfen als ausreichende Wurzeln des fränkischen
Volksglaubens gelten: der Wunderglaube und der Heiligenglaube. Das
Wunder bestimmt die fränkische Religionswelt stofflich, indem es ihr
Leiblichkeit verleiht und ihre Atmosphäre bildet, der Heilige dagegen
bestimmt sie vital, indem sie ihre eigentlichen Lebensfunktionen von
ihm bezieht. Erst wenn diesen beiden leitenden Gedanken der gebührende
Vorrang eingeräumt ist, dürfen die üblichen Fragen laut werden nach dem
Verhältnis der Religion zum Welterkennen und zur Sittlichkeit.
1.
Nehmen wir zunächst den Glauben im weiten, umfassenden Sinn als
Weltanschauung. In seinem gelehrten Werke »Der Sternenlauf« entrollt
Gregor folgendes Weltbild[305-1]: »Die meisten Philosophen haben sieben
Weltwunder beschrieben. Ich für mein Teil möchte mit einiger Abweichung
ebenfalls sieben, wenn auch nicht ganz dieselben aufzählen: erstens die
Arche Noahs; zweitens Babel und seine Schanzen; drittens der Tempel
Salomos, seine Säulenhallen, sein Altar, seine Cherubinen, seine
Bildsäulen, sein gepflasterter Boden und seine Thore; viertens das Grab
der Perserkönige; fünftens der Koloß von Rhodos; sechstens das Theater
von Heraklea; siebentens der Leuchtturm von Alexandrien. Diesen Erden-
und Menschenwundern gegenüber stehen sieben Himmels- und Gotteswunder,
von denen einige den Zweck haben, die Macht Gottes darzulegen, so
die Sonne, der Mond, die Sterne, der Phönix, oder den Sündern das
Höllenfeuer vor Augen zu führen: so der Aetna sowie der heiße Sprudel
zu Grenoble. Diese Wunder werden so lange zurecht bestehen, bis dem
Herrn die Auflösung der Welt beliebt. Erstens Ebbe und Flut im Meere;
zweitens die Befruchtung des in die Erde gelegten Samenkornes, das
Sankt Paul der Auferstehung unseres Leibes vergleicht; drittens der
Phönix, der sich selbst auf seinem Nest verbrennt und dann aus seiner
Asche aufersteht, auffallendes Vorbild eben der Auferstehung, die
unsern Leib erwartet; viertens der Aetna; fünftens die Feuerquelle
von Grenoble, die an der Hand nicht brennt und doch Kerzen und Dochte
anzündet. Ein gewisser Hilarius hat hierüber ein Gedicht gemacht, in
dem er nachweist, daß die ewigen Flammen unsern Leib noch verschonen,
um ihn dann zu verzehren nach dem jüngsten Gericht, wenn er sich der
Sünde überlassen hat; sechstens der befruchtende Lauf der Sonne;
siebentens der Mond, den wir zunehmen und abnehmen sehen, dann die
Sterne die im Osten auf und im Westen niedersteigen, die nördlichen
bewegen sich in einer Kreisbahn statt einen gradlinigen Lauf zu
befolgen, während die andern in der Mitte des Himmels stehen. Die einen
sind das ganze Jahr sichtbar, die andern bloß einige Monate. Mit Gottes
Erlaubnis will ich nun über den Lauf der Gestirne berichten für die,
die nichts davon wissen, und soweit meine eigene Kenntnis dieser Dinge
reicht. Ich werde die Benennungen, die ihnen Virgil und andere Dichter
geben, bei Seite lassen und mich an die Namen halten, die sie in der
Bauernsprache erhalten haben, oder an die, die durch die Stellung der
Sterne selbst nahe gelegt werden, wie Kreuz, Sichel und andere. Mit
diesen Zeilen verfolgte ich überhaupt keinen wissenschaftlichen Zweck
noch kann es mir einfallen, die Zukunft zu erforschen; wohl aber will
ich nachweisen, wie ein Tageslauf auf vernünftige Weise mit Gottes
Lob auszufüllen ist, zu welchen Stunden nämlich der sich in der Nacht
zum Gebet erheben soll, der mit Sorgfalt Gottesdienst halten will.«
Hierauf macht Gregor allerhand illustrierte Angaben von astronomischen
Beobachtungen rudimentärster Art, wie viele Stunden jeder Monat
täglich Sonne hat, desgleichen wie viele Stunden jeder Monat nächtlich
Mondschein hat. Der Mond geht im Sommer denselben Weg, den die Sonne im
Winter gegangen ist und umgekehrt. Gregor gibt sodann mit roter Tinte
die Stellung einiger Sternbilder am Himmel an und verweilt besonders
bei den Kometen: Ein Haarstern zeigt sich nicht zu jeder Zeit, sondern
nur etwa beim Tode eines Königs oder während eines Landesunglücks. Wenn
sein buschiges Haupt mit einem strahlenden Diadem erscheint, ist das
die Anzeige eines Todesfalls in der königlichen Familie. Ueberwiegt
dagegen der rötliche Degen und tritt der Kopfstern zurück, so deutet
es auf ein Landesunglück. So war es bei der Pest, die in der Auvergne
wütete, und so kurz vor dem Tode König Sigiberts. Dann erläutert Gregor
die Zeichen, an denen ein frommer Sinn den Gläubigen den Augenblick
angebe, wo man sich für den Gottesdienst erheben soll. Er beginnt
dabei nicht wie üblich im Monat März oder am Neujahrstag, weil die
Zusammenstellung, die man im Monat März beobachte, bereits in einem
andern Monat zustandekomme. Im September also ersteht der große Stern,
der Rotstern, mit dem kleinen, der ihm vorausgeht. Gregor gibt die
Psalmen an, die beim Aufgang dieses Sternes anzustimmen sind, ebenso
im Augenblick, da die ›Sichel‹, der Orion, an demselben Orte angelangt
ist, wo die Sonne am Tage um fünf Uhr steht; schließlich im Augenblick,
da die ›Traube‹ aufgeht. Dementsprechend gibt Gregor für jeden
folgenden Monat die Nachtpsalmen an sowie den dreifachen Zeitpunkt
für die nächtlichen Vigilien. Gregors Weltanschauung und mit ihm die
des fränkischen Volkes ist somit robust religiös, unphilosophisch
religiös. Der Erkenntnistrieb gibt sich mit der Anerkennung von zweimal
sieben Weltwundern zufrieden, und alles, was sich der Beobachtung
ungesucht aufdrängt, unterstellt sich dem praktischen Bedürfnis, für
die Verehrung Gottes eine möglichst geregelte, sozusagen naturgemäße
Aeußerung zu finden.
Nehmen wir sodann Glauben im engeren Sinn als dogmatisches Bekenntnis,
so ergibt sich auch hier ein unkompliziertes, primitives Ideenbild,
das positiv durch die orthodoxen Symbole und negativ durch die beiden
Gegensätze des Arianismus und des Judentums bestimmt wird. Die negative
Bestimmung tritt viel schärfer ins Licht, weil es sich um einen realen
konfessionellen Haß gegen Andersgläubige handelt. Eine Katholikin,
die einen Ketzer zum Mann hatte, erhielt den Besuch eines streng
katholischen Priesters. Da sagte sie zu ihrem Mann: »Wenn du mich lieb
hast, so soll Freude im Hause sein, wir wollen ihm ein Essen geben,
das sich sehen lassen darf«. Der Mann hatte nichts dagegen; als aber
nun noch ein arianischer Priester ihn besuchte, rief er fröhlich:
»Desto besser. Zwei Pfaffen aufs Mal, für jeden Glauben einen«. Bei
Tische saßen die Arianer rechts, das katholische Paar links, die Frau
auf einem Stühlchen neben dem Sessel des Priesters. Der Gatte raunte
dem Ketzer zu: »Nun wollen wir auf Kosten dieses römischen Priesters
uns lustig machen. Sobald eine Schüssel auf den Tisch kommt, so mache
rasch das Zeichen des Kreuzes drüber, und während der Andere traurig
dasitzt und zusieht und nicht essen darf, wollen wir uns gütlich thun«.
Jener erwiderte, er sei einverstanden. Zuerst kam Gemüse; der Ketzer
machte sein Kreuz und bediente sich. Die Frau verwahrte sich gegen
diese Beleidigung ihres Priesters. Dieser erhielt nun seine eigene neue
Portion, aber beim zweiten und dritten Gang gefiel sich der Ketzer in
denselben Witzen. Als nun als viertes Gericht eine Casserole mit einer
brennenden Fruchtomelette kam, Rühreier, etwas Mehl, Dattelschnitze
und entsteinte Oliven, und der Arianer sie wieder ohne weiteres
herunterschlang, verbrannte er sich elend den Magen, stieß einen
Seufzer aus seinem qualmenden Munde und gab mit einem schrecklichen
Geräusch alsobald seinen Geist auf. Man trug ihn vom Tisch in ein
Grab und deckte Erde darüber. Da rieb sich der katholische Priester
die Hände: »Gott hat seine Diener gerächt«. Und zum Gastgeber sich
wendend: »So. Nun wünsche ich zu essen«[307-a]. Ein ander Mal kamen
zwei Geistliche, ein Rechtgläubiger und ein Ketzer überein, es auf
ein Gottesurteil ankommen zu lassen, da sie sich sonst nicht einigen
konnten. Aber auch der Orthodoxe hatte Angst. Er schmierte sich den
Arm, mit dem er den Ring aus dem kochenden Wasser holen sollte, mit
Oel ein, lief von einem Heiligengrab zum andern, begab sich aber um
drei Uhr auf den Markt, wo es an Schaulustigen nicht fehlte. Jeder
von den beiden wollte höflicherweise dem Andern den Vortritt lassen;
schließlich mußte der Diakon heran und entblößte zitternd seinen Arm.
Da erhob der Gegner ein Geschrei und wollte nicht gelten lassen, daß
jener sich gesalbt habe; das sei Magie, die Sache sei null und nichtig.
Während sie nun aber stritten, kam ein italienischer Diakon aus Ravenna
des Weges, und als er vernahm, um was es sich handle, machte er rasch
seinen Arm frei und fuhr in den Kessel. Ueber eine Stunde lang hatte
er im Wasser zu tasten und zu suchen, weil der Ring so klein und
leicht war, daß er immer wieder entwischte, und immerfort wurde unter
dem Kessel geheizt. Er aber zog den Ring heraus ohne das geringste
verspürt zu haben; da jedoch der Arianer großmäulig behauptete,
er wolle seinen Glauben auf dieselbe Weise bewähren, war sein Arm
gesotten, als er ihn wieder herauszog[308-a]. Ein spanischer König
wollte einen katholischen Priester aus Gallien, den man aufgefangen
hatte, durch schmeichelhafte Versprechungen zum Uebertritt bewegen,
aber dieser entgegnete ihm, seine Geschenke seien Mist für ihn. Als
man ihn dann geißelte, spürte er nur die ersten drei Hiebe[308-b]. In
mehreren Varianten wurde auch die Geschichte herumgeboten, arianische
Priester hätten Leute bestochen, Blindheit und nachherige von ihnen
bewirkte Heilung zu simulieren; diese seien dann aber zur Strafe
wirklich blind geworden[308-c]. Die katholische Kirche in Rioms war
von den Gothen in Beschlag genommen worden. Sie schickten sich an,
dort in der Charwoche auf ihre Weise Kindertaufen vorzunehmen, damit
das Volk desto eher in die Falle gehe. Der katholische Geistliche, der
sich frevelhaft aus seinem Heiligtum verdrängt sah, ging einfach in
den anstoßenden Betsaal der Ketzer und taufte dort. Von den ketzerisch
getauften zwanzig Kindern überlebte übrigens keines die Woche nach
Ostern[308-d]. Dogmatische Erörterungen ersetzte ein Beweis der Kraft,
wie man ihn drastischer nicht denken kann. Alles wurde, wenn immer
möglich handgreiflich vor den Augen dargelegt. Das marmorne Taufbecken
in Osser in Spanien hatte Kreuzesform; am Gründonnerstag wird es
geleert und die Röhren versiegelt; zu Ostern hat es sich dann von
selbst gefüllt. Die westgothischen Könige benutzten den Teich aber zur
Pferdeschwemme oder ließen nach geheimen Kanälen graben, um das Wunder
als Betrug aufzudecken[308-e]. Und als bei der Belagerung Saragossas
durch Childebert und Chlotar die arianischen Einwohner mit dem Rock
des heiligem Vinzenz eine Mauerprozession unternehmen, da zogen sich
die Frankenkönige von der Stadt zurück, weil eine katholische Reliquie
auch in ketzerischen Händen nichts an Kraft verlor[308-f]. Gegen nur
arianische Wunder dagegen war man kritisch und deckte die Schliche
unbarmherzig auf.
Nicht weniger schroff waren die Beziehungen zur Judenschaft. Der Haß
war auch hier gegenseitig; kein Teil blieb dem andern etwas schuldig.
Auch hier fehlt es an bezeichnenden Histörchen nicht. Der Knabe
eines jüdischen Glasers, der mit Christenkindern in die Schule ging,
wurde einst bei einer Meßfeier in der Marienkirche aus Versehen zur
Kommunion zugelassen. Frohlockend sprang er heim zu seinem Vater, den
er gerade bei der Arbeit traf, und erzählte ihm unter Liebkosungen,
jetzt habe er vom Fleisch und vom Blut Jesu Christi gegessen. Wütend
versetzte dieser: »Nun du mit diesen Kindern kommuniziert hast,
in Verachtung deines väterlichen Glaubens, so zwingst du mich ein
grausamer Rabenvater zu werden, da ich doch den dem Gesetz Mosis
zugefügten Schimpf nicht ungerächt lassen darf«. Darauf warf er sein
Kind in den glühenden Schmelzofen. Die Mutter kam herbei, warf sich vor
Schmerz ihren Kopfputz auf den Boden, zerraufte ihr Haar und schrie so
herzzerreißend, daß die christlichen Nachbarn herbeiströmten. Als man
aber den Ofen aufriß, befand sich das Kind völlig unverletzt; unter
allgemeinem Beifall wurde es hervorgezogen. Dagegen wurde nun der alte
Jude ins Feuer gesteckt und verbrannte sofort. Der Junge aber erzählte
auf Befragen, dieselbe Frau mit einem Kind auf dem Arm, die er heute
in der Kirche gesehen habe, hätte ihren Mantel über ihn gedeckt und
ihn so vor den Flammen gehütet[309-a]. In einer katholischen Kirche
sah ein Jude ein Christusbild an der Wand hängen und sagte: »Das also
ist der Verführer, der uns erniedrigt hat, mich und meine Rasse«. Da
es Nacht war, durchbohrte er das Bild, riß es von der Wand und nahm es
unter seinem Mantel mit nach Hause, um es zu verbrennen. Aber o Wunder,
die Wunde, die er dem Bilde geschlagen hatte, blutete; als er zu Hause
Licht machte, sah er sich blutüberströmt; Furcht ergriff ihn. Er
versteckte das Bild in einem Winkel; aber die Blutspuren von der Kirche
zu seinem Hause führten zu seiner Entdeckung. Die Christen brachten das
Bild wieder in die Kirche zurück und steinigten den Bösewicht[309-b].
Um so erfreulicher war es, gelegentlich auch bei einem ungetauften
Juden aufrichtigen Heiligenglauben zu finden, und der heilige Domitius,
den er anrief, stand auch keinen Augenblick an, ihn von der Ischias
zu heilen. Aber wie man es nie allen Leuten recht machen kann, so
waren nun wieder die Christen nicht zufrieden. Sie zerschellten die
Kirchenlampen und riefen: »Wir, die Gott in Wahrheit bekannt haben,
sind noch nicht gesund, indessen dieser Beschnittene geheilt von
dannen geht«[309-c]. Als jedoch ein Jude in Bordeaux einem Priester
abriet, in der Martinskirche Heilung vom Schüttelfrost zu erwarten,
da ja Martin längst in der Erde liege, und wie andere Sterbliche zu
Staub zerfallen sei, und ein Toter doch den Lebenden nicht helfen
könne, da wurde seine Unkenntnis offenbar; denn der Priester genas
nach Genuß von Kerzenasche, während der Jude selbst am selben Fieber
über ein Jahr lang krank blieb[309-d]. Ueber das Diskussionsniveau
bei Auseinandersetzung von Katholiken und Juden belehrt auf das
anschaulichste ein Erlebnis Gregors. Er besuchte König Chilperich
auf dem königlichen Meierhof zu Braine, als dieser eben nach Paris
übersiedeln wollte, und war im Begriff sich zu verabschieden. Da trat
gerade ein Jude ein, namens Priskus, mit dem der König viel verkehrte;
von ihm pflegte er die kostbaren Sachen zu kaufen. Chilperich nahm
ihn freundlich beim Kraushaar und wandte sich an den Bischof mit den
Worten: »Bischof, komm; hier gibt’s etwas zu bekehren«. Der Jude aber
sträubte sich. Da sprach der König: »O über diesen harten Kopf und
dieses allezeit ungläubige Geschlecht, das es nicht begreift, daß der
Sohn Gottes ihm verheißen ist durch die Stimmen seiner Propheten, das
es nicht einsieht, daß die Geheimnisse der Kirche in seinen Opfern
vorgebildet sind«. Als er solches sprach, sagte der Jude: »Gott bedarf
weder eines Weibes noch eines Sohnes; auch läßt er keinen neben sich
herrschen, wie er durch Moses spricht: Seht ihr nun, daß ich allein es
bin und kein Gott neben mir ist? Ich kann töten und lebendig machen,
ich kann schlagen und kann heilen«. Da sagte der König: »Gott hat
aus seinem Schooße geistiger Weise den ewigen Sohn gezeugt, der Zeit
nach nicht jünger, der Macht nach nicht minder, denn der, von dem er
spricht: Aus deinem Schooße habe ich dich gezeugt vor dem Morgenstern.
Diesen den vor der Zeit geborenen, sandte er in den letzten Zeiten als
Heiland in die Welt, wie der Prophet spricht: Er sandte sein Wort und
errettete sie. Wenn du aber meinst, daß er nicht selbst zeuge, so höre
deinen Propheten, der da spricht aus dem Munde des Herrn: ›Sollte ich
andere lassen die Mutter brechen und selbst nicht auch gebären? Dies
sagt er von dem Volke, das durch den Glauben zu ihm neu geboren wird‹«.
Darauf erwiderte der Jude: »Konnte wohl Gott Mensch, konnte er vom
Weibe geboren, konnte er geschlagen und zum Tode verurteilt werden?« Da
der König hierauf nichts zu sagen wußte, mischte sich Gregor ein und
sprach: »daß der Herr, der Sohn Gottes, Mensch wurde, geschah nicht
weil es für ihn, sondern weil es für uns notwendig war; denn den von
der Sünde gefesselten und der Gewalt des Teufels unterworfenen Menschen
hätte er nicht erlösen können, ohne menschliche Gestalt anzunehmen.
Ich will mich nicht berufen auf die Evangelien und den Apostel, denen
du nicht glaubst, sondern auf deine heiligen Schriften, daß ich dich
mit deinen eigenen Waffen schlage, wie man liest, daß einst David den
Goliath tötete«. Und nun tritt Gregor, meistens an Hand der hiefür
althergebrachten Schriftstellen, den Weissagungsbeweis an für Christi
Person und Werk. Darauf erwiderte der Jude: »Wie kann es für Gott
eine Notwendigkeit geben, solches zu leiden«. Gregor antwortete: »Ich
habe dir schon gesagt, Gott schuf den Menschen ohne Sünde, aber durch
die List der Schlange ward er verführt und übertrat Gottes Gebot.
Deshalb ward er aus dem Paradiese vertrieben und ihm die Mühen der Welt
auferlegt. Aber durch den Tod Christi, des eingeborenen Gottes, ist er
mit Gott dem Vater wiederum versöhnt worden«. Der Jude sagte: »Hätte
Gott denn nicht Propheten oder Apostel senden können, die den Menschen
auf den Pfad des Heils zurückführten, ohne sich selbst zum Fleische
herabzulassen?« Wieder ließ Gregor eine lange gelehrte Antwort ergehen,
aber der unglückliche Jude wurde nicht zum Glauben bewogen. Da wandte
sich der König an den Bischof und bat ihn um den Segen. »Ich werde zu
dir sprechen«, sagte er, »was Jakob zum Engel des Herrn sprach, der mit
ihm redete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn«. Nach dem Segen
verabschiedete sich Gregor und der König stieg zu Pferde[311-a].
Man begreift, daß der Jude unbekehrt von dannen ging; er dachte
dogmatisch schärfer als der gute Gregor. Auch in Streitgesprächen mit
Arianern siegte dieser durch sein männliches entschiedenes Auftreten,
aber nicht durch die Wucht seiner Gründe, so respektabel auch seine bei
diesen Anlässen sich bekundende Bibelbekenntnis sich ausnahm[311-b].
Mit demselben schönen Pathos stellt er an die Spitze seiner Schriften
sein orthodoxes Bekenntnis von der vollen Gottheit Christi[311-c].
Wohl ist auch ihm Christus der Endzweck des Lebens. Aber Erlösung
und Reinigung durch Christi Blut sind ihm Nebensache. Christus hat
sich bei seinem Tode überhaupt passiv verhalten; in Gregors Augen
war Christi Leiden keine That Christi; es war ein an ihm begangenes
Verbrechen. Die Auferstehung dagegen, sie zeigte ihn in seinem Wesen,
als den Oberwunderthäter, als den Siegeshelden und himmlischen
Herrscher. Und hier konnte eine nationale Auffassung des Christentums
einsetzen, die Christus als Herzog und das fränkische Volk als seine
Dienstmannen ansah. Das war dann aber kein Christuschristentum mehr,
sondern eben das fränkische Heiligenchristentum[311-1]. Mochte man auch
gelegentlich versichern, alle Wunder der Heiligen gehörten Christus,
seien göttliche Thaten und unterstünden Gott[311-d], es war trotz
alledem etwas anderes und kräftig eigenes, das sich der theologischen
Religionspraxis als untheologisches Volkschristentum entgegensetzte.
Und die Theologie sah sich gezwungen, halt zu machen; an Kraft, sich
aufzumachen und auszubreiten, hat es ihr gerade damals nicht gefehlt,
denn am Mittelmeerrande des alten Gallien hatte sich die Diskussion der
abendländischen Theologie gesammelt und, als Beweis ihrer Tüchtigkeit,
das apostolische Symbol hervorgebracht. Eine geradezu elementare
Macht muß also das sich ihr entgegenstemmende Bedürfnis nach einem
undogmatischen Volksglauben gewesen sein; infolge von Sankt Martins
Verbreitung des Christentums im gallischen Lande war es nun überall
aus der Erde gestiegen. Gregor spricht von Christus als dem Einwohner
der Heiligen[311-e]: ja, aber es handelte sich um das Erdgeschoß im
Himmel; wozu mühsames Treppensteigen in spekulativen Hochbauten? Wenn
man nur unter Dach war!
2.
Zerlegt man das Christentum des fränkischen Volkes in seine einzelnen
Bestandteile, so findet sich wohl nicht das kleinste Bruchstück,
das in dem Maaße neu wäre, sich nicht anderswo schon vorzufinden.
Lediglich auf ihre Substanz hin geprüft, bleibt diese merowingische
Heiligenreligion durchaus ein Gebilde zweiter Hand. Wenn Gregor mit
seiner Heiligengelehrsamkeit von morgenländischen und römischen
Quellen und Vorbildern abhängig war, so ist das keineswegs zufällig,
sondern deutet für seinen Gegenstand, die fränkische Volksreligion,
auf dasselbe Verhältnis zum Auslande. Alles darin ist auswärts bereits
da, also Import oder Imitation. Da es sich immerhin um Christentum
handelt, wird freilich der Zusammenhang mit dem Mutterland Palästina
natürlich. Aber dieses Verhältnis zum Urchristentum zeigt so sehr
allenthalben das byzantinische Gepräge, daß dieses rege Interesse am
Evangelischen sich schon gänzlich in der Vermummung des orientalischen
Vulgärchristentums darstellt. Suchen wir uns kurz zu vergegenwärtigen,
was man den Franken vom apostolischen Zeitalter etwa beibrachte. Die
Person Christi wurde weniger durch die Predigt als durch die bildliche
Darstellung vermittelt: »Der Glaube, der sich uns rein erhalten hat
bis auf den heutigen Tag«, schreibt Gregor[312-a], »steigert die
Liebe zu Christus so sehr, daß die Gläubigen, denen sein Gesetz ins
Herz gegraben ist, auch sein Bild vor Augen haben wollen zum Andenken
an seine Verdienste, vermittelst von Gemälden, die sie in ihren
Kirchen und in ihren Häusern aufhängen«. Als das Urbild galt die
Christusstatue, die das blutflüssige Weib aus Dankbarkeit in Paneas
gestiftet habe. Gregor ließ sich von mehreren Augenzeugen berichten,
das Gesicht des Bildwerks glänze[312-b]. Von Jerusalem aus hat man
Christusamulete durch die ganze Welt hin versandt: um die Martersäule
gespannte Schnüre, besonders aber kleine Erdtorten, die aus einer
angefeuchteten Scholle des heiligen Grabes zurecht geknetet und dann
gedörrt wurden[312-c]. Das Urchristentum stand nach Gregor unter
Leitung der Zwölfapostel und der Jungfrau Maria; der im Orient eben
erblühte Marienkult findet hier seinen ersten Wiederhall. Gregor
ist der erste Schriftsteller, der von der Auferstehung der Maria
und ihrer leiblichen Erhebung aus dem Grabe ins Paradies zu sagen
weiß[312-d]; von ihren Wundern berichtet er, sie habe das nach ihr
geheißene Kloster in Jerusalem von Nahrungsnot befreit[312-e]; auch
habe Kaiser Konstantin ihr eine prächtige Basilika mit Säulengängen
errichtet[313-a]. Unter den Aposteln tritt Gregor auf sieben näher
ein: Jakobus, der Bruder des Herrn habe sich sein Grab am Oelberg
selber bereitet und übrigens schon vorher Zacharias und Simeon
darin bestattet gehabt[313-b]; Petrus habe aus Demut die Gewohnheit
angenommen, seinen Scheitel kahl zu scheeren; in Rom zeige man noch
zwei ausgehöhlte Steine an der Stelle, wo er mit Sankt Paul im Gebet
gegen Simon Magus auf den Knien gelegen habe; das dort sich sammelnde
Regenwasser heile. Die Peterskirche des Vatikan sei von vier Kolonnaden
getragen, sechsundneunzig Säulen, mit den vier Altarsäulen hundert
im Ganzen, nicht gerechnet die vier, die den Grabesbaldachin tragen.
Wer am Petersgrabe, das unter dem Hauptaltar liegt, beten will,
öffnet das Gitter, naht sich dem Grabe und hat seinen Kopf durch ein
Guckfenster zu strecken. Bei der Gewinnung des Petersamuletes ist
es Sitte, den Seidenlappen vor- und nachher zu wägen, um mit der
Gewichtsdifferenz die Echtheit des Glaubens zu beweisen. Andere nehmen
den Gitterschlüssel mit sich und lassen zum Ersatz einen goldenen
zurück[313-c]. Sankt Paul wurde in Rom enthauptet, auf den Tag ein
Jahr nach dem Martyrium Sankt Peters. Aus seiner Leiche floß Milch und
Wasser; warum denn nicht Milch, bei ihm, der die ungläubigen Völker
im Schooße trug und zur Welt brachte, sie aufzog mit Geistesmilch bis
zum Genuß der festen Speise heiliger Schrift? Nach seinem Tode, um
wenigstens ein Wunder von ihm zu nennen, hielt er einen vom Teufel
verführten Menschen ab, sich das Leben zu nehmen[313-d]. Der Evangelist
Johannes, der Busenjünger des Herrn, stieg lebendig ins Grab hinein
und befahl, ihn mit Erde zuzudecken. Noch heute scheidet sein Grabmal
eine Art weißen Mannas aus; dieses Mehl wird als Arznei durch die
ganze Welt versendet. Noch zeigt man in Ephesus auf einem Berge eine
Burgruine mit vier Mauern ohne Dach; dort schrieb er sein Evangelium
und bat Gott, doch nicht regnen zu lassen, bis er damit zu Ende sei,
und so fällt denn bis zum heutigen Tage dort kein Regen und zeigt sich
keine Wolke. In Ephesus ruht auch Maria Magdalena ohne jedes Gewand,
in ihrem Grabe[313-e]. Am Tage des Apostels Andreas quillt nicht nur
Mannamehl, sondern auch Oel mit Nektarduft aus dessen Grabe zu Patras,
wo er gekreuzigt wurde. Das Maß dieser Festernte gibt das Orakel ab für
den Feldertrag des ganzen Jahres. In eben dieser Andreaskirche brauchte
Mummolus, der als Gesandter König Theudeberts zu Kaiser Justinian
nach Konstantinopel kam, den Tempelschlaf gegen Blasensteine; nachdem
er an seinem Aufkommen verzweifelnd bereits sein Testament gemacht
und mit Siegel und Unterschrift hatte versehen lassen, hatte er sich
nach einem tüchtigen Arzte erkundigt und zur Antwort erhalten, warum
er es denn nicht mit dem himmlischen Arzte versuche. So ließ er sich
denn an das Andreasgrab bringen und lag dort auf dem Kirchenpflaster
gebettet, als er um Mitternacht, da alles schlief, plötzlich das
Bedürfnis empfand, sein Wasser zu lösen. Er stieß daher einen seiner
Sklaven an, verlangte mit schwacher Stimme ein Geschirr und gab nun
unter großer Anstrengung einen so stattlichen Stein von sich, daß es
ein ordentliches Geräusch gab, als er in das Gefäß fiel. Schmerzen
und Fieber hörten auf; der Herr konnte gesund und wohl das Schiff zur
Heimfahrt besteigen[314-a]. Der Apostel Thomas erlitt das Martyrium
in Indien. Später wurde er nach Edessa in Syrien überführt und dort
bestattet; doch erhob sich über seiner früheren Ruhestätte in Indien
ein Kloster mit einer prächtigen Kirche; ihr »ewiges Licht« genießt
den Vorzug, daß es nie gespiesen zu werden braucht, und nie auslöscht;
das weiß Gregor von einem gewissen Theodor, der dort war. Andrerseits
verdient die Thomasmesse von Edessa wegen des ungewöhnlichen Zudrangs
Erwähnung: von überallher finden sich dort Leute um zu beten und
Geschäfte zu machen; dreißig Tage lang kann jedermann kaufen und
verkaufen ohne Steuer zahlen zu müssen, den ganzen Monat März hindurch;
dann stechen auch die Insekten nicht, und das Wasser, das man sonst
hundert Fuß tief aus dem Boden herauspumpen muß, reicht nun bis wenige
Fuß unter die Oberfläche. Sind aber die Festtage vorüber, so meldet
sich das Ungeziefer wieder, werden die Steuern eingetrieben, erreichen
die Brunnen den üblichen Tiefstand; zu gleicher Zeit gießt dann auf
Gottes Befehl ein Platzregen herab und reinigt das gesamte Revier
um den Tempel herum von dem Schmutz und all den Ueberbleibseln, die
durch die Massen der Festbesucher veranlaßt waren[314-b]. Bartholomäus
hatte ebenfalls in Indien gewirkt und dort sein Grab gefunden. Nach
Jahr und Tag wurde aus Anlaß einer Christenverfolgung sein Sarkophag
von Heiden ausgegraben und in einem Bleisarg dem Meere übergeben,
indem sie sagten: »Nun wird er uns doch die Bevölkerung nicht mehr
aufwiegeln«. Aber die Meereswellen ließen die köstliche Fracht
nicht untergehen, sondern trugen sie auf wunderbaren Wegen nach den
liparischen Inseln[314-c]. Von Stephanus dagegen weiß Gregor keine
orientalische, sondern nur fränkische Traditionen anzugeben[314-d].
Auch für die nachapostolische Zeit fehlt es nicht an morgenländischen
Sagen. Von der schönsten, der Siebenschläferlegende, hat Gregor neben
seiner wörtlichen Uebersetzung der syrischen Passion noch einen Auszug
der Geschichte folgen lassen[314-e]. Außer den im fränkischen Reich
durch Reliquien vertretenen heiligen Georg[314-f] und Sergius[314-g]
nennt er im Zusammenhang außerdem die Aerzte Cosmas und Damian[315-a],
Phokas[315-b], Domitius[315-c], Isidor von Scio[315-d] und Polyeuktes.
Des letzteren Kirche in Konstantinopel mit ihrem von der Matrone Julia
gestifteten Golddach reagierte speziell auf Meineidige; war auch damit
die Eigenschaft einiger fränkischer Kirchen vorgebildet[315-e], so
legen ferner die achtundvierzig Märtyrer von Armenien die Vermutung
nahe, die Zählung der genau ebenso starken Märtyrerschaar von Lyon
beeinflußt zu haben, deren historische Bestandteile bei Euseb Gregor
im übrigen in Rechnung bringt[315-f]. Endlich erzählte man sich im
Frankenreich auch von dem wunderbaren Asketen Simeon, der in einer
Kirche zu Antiochien auf einer Säule lebte und so frauenscheu war, daß
er nicht einmal seiner eigenen Mutter erlaubte, ihn anzusehen[315-g]:
in diesen beiden Zügen fand er gemäßigte Nachahmer auf gallischem Boden.
Aber was wollen solche Einzelheiten noch besagen, wo die Thatsache der
Abhängigkeit und Nachahmung, Gesamterscheinung gegen Gesamterscheinung
gehalten, sich so unabweislich überzeugend aufdrängt. Des öftern
muß es natürlich eine offene Frage bleiben, in wie weit nun wieder
das morgenländische Gut durch römische Hände gegangen war. Für
einzelne Urheilige wie Peter und Paul liegt ja der römische Ursprung
der Legende auf der Hand. Hiezu kommen jedoch nur einige wenige
Heiligensagen lateinischer Färbung. Die merkwürdigste darunter ist
der italienische Schulmeister Cassianus, der von seinen Schulkindern
mit den Schiefertafeln tot geschlagen und mit den Kielfedern tot
gestochen wird[315-h]; hier wie auch sonst[315-i] gelegentlich hält
sich Gregor an Prudentius. Die Sage jedoch von dem sich liebenden
Märtyrerpaare Chrysanthus und Daria hat Gregor aus alten Akten, die
Anekdote von dem in ihrer Katakombe versuchten Diebstahl dagegen wohl
aus mündlichen Berichten[315-k]. Nicht zu den Märtyrern, sondern zu
den Bischöfen gehört von seinen italienischen Heiligen Paulin von
Nola[315-l]. Im Unterschied etwa zu Euseb von Vercelli, der für ihn vor
allem kultisch in Betracht kommt[315-m], schildert Gregor jenen seinem
Erdenleben nach, nicht in seinen posthumen Wirkungen. Viel wichtiger
ist, daß in Italien sich im sechsten Jahrhundert dieselbe Gestaltung
der Dinge vollzog, wie in Gallien. Der römische Gregor faßt gleich
seinem fränkischen Namensvetter in seinem persönlichen Glauben eine
ganze Entwicklung zusammen, und vergleicht man sie beide, so besteht
der allerdings fundamentale Unterschied wohl nur in dem Dasein und dem
Mangel einer höheren Theologie, die, wo vorhanden, durch ihre Probleme
den christlichen Materialismus zu einem Kampf zwischen den Engeln und
dem Teufel abdämpfte, dagegen, wo sie fehlte, die nur unzureichend
maskierte Götterwelt der Heiligen friedlich gewähren ließ. In diesem
Mangel einer augustinischen Fragestellung reichen sich dann eben das
byzantinische und das fränkische Christentum die Hand: es herrscht
zwischen ihnen ein Einvernehmen über Rom hinweg; ein Heiligenglaube
der von höherer Theologie überhaupt nicht geniert wurde, fühlte sich
bewundernd zu der Theologie hingezogen, die selbstvergessen ihre
höheren Interessen an einen solchen Heiligenglauben verlor. Doch war
die Liebe der fränkischen Kirche zu Byzanz gewissermaßen eine Liebe
ohne Einwilligung der Eltern; der römische Einfluß blieb unbedingt
maßgebend. Es hat sich in der fränkischen Kirche kein Gegensatz zu Rom
auszubilden vermocht, in dem man die siegreiche Werbung des Orients
erkennen könnte; nur sofern die römische Erlaubnis nicht gefährdet
schien, ist byzantinisches Gut zu den Franken gedrungen. Daraus
erklärt sich dann auch die prinzipielle Stellung, die das fränkische
Christentum zu den Reliquien einnahm. Morgenland und Abendland
empfanden in einem wesentlichen Punkte unversöhnlich verschieden;
im Osten gestattet man die Zerstückelung der Leiber, in Rom war sie
streng verboten[316-1]. In diesem Hauptpunkte hält man sich nun bei
den Franken durchaus auf die römische Seite; wenigstens ist nirgend
von einer Zerstreuung der Glieder eine Spur wahrzunehmen. Dagegen
sieht man dem Morgenlande unverfängliche Dinge wie Tempelschlaf
und Krystallvision oder löbliche Einrichtungen wie die Xenodochien
ab[316-2]. Auch in den Bildern hätte man es gerne nachgeahmt; aber der
Respekt vor römischer Gesinnung ließ diesen Gelüsten nur geringen Raum;
wenige fränkische Kirchen hatten Bilder[316-a], und von diesen mußte
zum Beispiel der Christus in der Kirche von Narbonne bezeichnenderweise
mit einem Leintuch verhängt werden[316-b]. Endlich machte die
Stellung der fränkischen Heiligen eine Verwendung der Engel durchaus
überflüssig: indessen fing man vereinzelt an, statt zu den Heiligen
auch zu den Engeln zu beten[316-c], und der Wunderthäter unter den drei
Erzengeln Gregors des Großen, Michael, taucht bei Gregor von Tours erst
schüchtern, aber bald darauf ebenbürtig unter den fränkischen Heiligen
als ihresgleichen auf.
Doch bedeutet der Versuch beinahe einen Widerspruch in sich selbst, in
der fränkischen Heiligenverehrung römische Bestandteile und Parallelen
noch insbesondere nachweisen zu wollen. Ist sie doch selber ihrem
eigentlichen Wesen nach ganz und ohne Rest römisch. Damit greifen
wir zu Ende unserer Darstellung wieder auf deren Anfang zurück. An
einigen römischen Heiligenviten aus der vorfränkischen Zeit haben
wir den Hauptimpuls für die Entstehung der fränkischen Heiligenwelt
erkennen lernen in der lebensvollen Erinnerung an die Wirksamkeit
bedeutender Mönchsbischöfe aus dem Ende des vierten bis zu Anfang
des sechsten Jahrhunderts. Allen voran Sankt Martin. Auch uns, die
wir seinem Einfluß doch gänzlich entrückt sind, ist er ein Rätsel
geblieben. Die merkwürdige Combination eines stahlharten Willens und
eines kindlich weichen Herzens reichen zur Erklärung seiner wunderbaren
Erscheinung nicht aus. Wir mußten ihn als Visionär gelten lassen,
ihm eine uns fremde, unbekannte Welt einräumen, aus der er nach
einem außerkörperlichen Zwischenleben Seelen wieder in ihre Körper
zurückrief, verschollene Geister zur Rede stellte, Engel empfing und
namentlich immer und immer wieder den Teufel auf sich einstürmen sah.
Eine ekstatische Ader wirkte auch in seinen bedeutenden Zeitgenossen:
Ambrosius von Mailand nahm durch Verzückung an Martins Begräbnis teil,
und Severin von Köln, — sein Erzdiakon hatte es auf Tag und Stunde
hin notiert — hörte in Martins Todesstunde einen himmlischen Chor
singen[317-a]. Als aber auf dieses starke, produktive Geschlecht ein
epigonenhaftes rezeptives folgte, erwies es sich der Ahnen würdig,
indem es zu münzen verstand, was jene gruben. Die fränkische Kirche
stand im ersten Jahrhundert ihres Bestehens vor der Aufgabe, die von
starken und ungewöhnlichen Naturen ausgegangene Anregung in eine
Organisation umzusetzen, deren Betrieb auch mit mittelmäßigen und
alltäglichen Kräften ohne Schädigung des Gehaltes von statten gehen
konnte. Sie hat diese Aufgabe gelöst, glänzend gelöst.
Zunächst dadurch, daß sie das Andenken des verstorbenen Heiligen
kultisch zu bannen verstand und den im Tode allerdings geschwundenen
aktiven Einfluß der heiligen Person halbwegs durch den mit der
Verehrung gegebenen passiven zu ersetzen wußte. Die Heiligsprechung
entsprach noch durchaus der Quintessenz des hinterlassenen Andenkens:
genoß ein Heiliger bei Lebzeiten das Vertrauen des Volkes, so
sicherte man ihm diesen Besuch, auch wenn er tot war. Doch gab es
Ausnahmen: der Lebenswandel von einst konnte gegenüber den dem
Leichnam gespendeten Ehren zu Zweifeln berechtigen; dann fehlt es
aber auch an der schuldigen Rechenschaft nicht; Für und Wider werden
gewissenhaft abgewogen, und ein Ueberwiegen der Vorteile hat dann
zu der übrigens noch rein naiven, nicht gesetzlich regulierten
Canonisation geführt. So geschah es mit Sankt Sigismund. Er hat, sagte
man sich, allerdings seinen Sohn töten lassen; aber er that Buße
zu Agaunum, stiftete dort den täglichen Kirchengesang, bereicherte
die Abtei sowohl mit Mobilien als mit Immobilien; dann wurde er ja
doch auf grausame Weise ermordet und eben in Agaunum beigesetzt, das
Hauptzeichen aber, daß er der Gemeinschaft der Heiligen angehört, sind
die Ereignisse an seinem Grabe; wenn Fieberkranke die zu seinen Ehren
gelesenen Messen mit Andacht hören und eine Spende bringen, werden sie
alsbald gesund[318-a]. Im allgemeinen bestätigte die Kirchenleitung
stillschweigend den durch die Volkspraxis geschaffenen Bestand
an Heiligen, und es ist für Heilige kein Fall von nachträglichem
einschneidendem Widerruf bekannt, wie er für den Leumund von Laien
gelegentlich vorkam, so gegenüber einer abgefeimten Heuchlerin, die
unter dem Deckmantel der Frömmigkeit ihrer Habsucht fröhnte und auf
eine bischöfliche Untersuchung hin nach ihrem Tode noch gebrandmarkt
wurde[318-b].
Die Atmosphäre, deren die so geschaffene Heiligenverehrung zur
Existenz dringend bedurfte, wird aus zwei menschlichen Seelenvermögen
gespiesen, die wir infolge dessen in der Merowingerzeit in sehr
ausgebildeter Form vorfinden: einer lebhaften Sensibilität für
alles Ungewöhnliche, Wundersame, Sonderbare und einer ausgebildeten
Traumphantasie. Die eigentliche Kraft des Wunderglaubens beruht auf dem
spontanen Wunder; dieses ist der plötzlich auftretende, unbegreifliche
Gewaltsakt, der den natürlichen Verlauf durchkreuzt und ihm eine neue
Richtung gibt. Je stärker ein Heiliger ist, um so unerschöpflicher
wird er an spontanen Wundern sein. Da aber der Dichtigkeitsgrad des
Wunderglaubens nicht durch die aktiven Wunderthaten, sondern durch
die Aufnahmsfähigkeit der Empfänger bestimmt wird, und die Wunderluft
viel weniger daraus entsteht, ob wirklich Wunderbares geschieht, als
daraus, ob es für wunderbar gehalten wird, so ist das Weiterblühen
des Heiligenkultes keineswegs ausschließlich Fortdauer des von den
Wunderthätern ausgegangenen Anstoßes, sondern mindestens ebenso sehr
Mitwirkung einer in der Laienwelt gepflanzten Empfänglichkeit. Zu
dieser beständig zurecht bestehenden Rezeptionsfähigkeit der Menge
hat die Geistlichkeit vor allem durch die Fertigkeit beigetragen, mit
der sie die Umdeutung der Zufälligkeiten des Tages vornahm. Als der
Tempelräuber einen Fehltritt und infolge dessen den tödlichen Fall
in seine Lanze thut, ruft Gregor: »Niemand wird zweifeln, daß das
ein Gottesurteil war und nicht ein Spiel des Zufalls«[318-c]. Ein
Priester der Landschaft Poitou, namens Pammichus saß mit Freunden bei
Tische und wollte eben trinken, als eine Fliege ihn umsummte und sich
durchaus auf das Glas setzen wollte. Er jagte sie mit der freien Hand
weg; aber sie näherte sich immer wieder. Da schöpfte er Verdacht, es
möchte eine Arglist des bösen Feindes sein. Er hob das Glas in seiner
Linken hoch empor und schlug mit der Rechten das Zeichen des Kreuzes.
Alsobald teilte sich die Flüssigkeit in vier Teile, schäumte über und
goß sich auf die Erde aus: also war es in der That satanische Tücke
gewesen[319-a]. War somit der Geist durch die Engels- und Teufelswelt
lebhaft beschäftigt, so verstärkte es noch die Wirkungskraft dieser
Welt auf das Leben, daß sie sich in den Träumen fortsetzte. Es wäre
unrichtig, die Bedeutung der Traumvorstellungen für die Heiligenwelt in
Abrede zu stellen, zumal sogut wie nachgewiesen ist, daß die niedere
Heidenmythologie aus dem Traum überhaupt geboren wurde, allerdings aus
dem pathologischen Traum, dem Alpdrücken[319-1]. Dem trat entgegen die
lichte, helle, friedliche Traumerscheinung des Heiligen und stellte
sich der schwarzen Gespensterwelt erlösend entgegen. Gregor erzählt
von einem Fieberkranken, als die Nacht kam, in der ein Schüttelfrost
zu erwarten stand, sei ihm eine schreckliche Nachtmäre erschienen; sie
kam auf ihn los und sagte ihm: »Nun ist wieder Zeit dich zu schütteln.
Warum willst du das leugnen. Laß es zu, wie gewöhnlich«. Der Kranke
hatte nämlich Grabsteinpulver eingenommen, alsobald erschien aber
ein Mann mit glänzendem Gesicht, schneeweißem Haar und freundlichem
Benehmen und sagte: »Zittere nicht; mache über deiner Stirne nur das
ehrwürdige Kreuzeszeichen, so wirst du alsobald gesunden«[319-b]. Wie
gering aber für das damalige Empfinden der Unterschied von Traum und
Wirklichkeit war, zeigt sich daran, daß derselbe unbekannte ehrwürdige
Greis, der uns in zahlreichen Traumbildern vorkam, auch plötzlich
unter die wirkliche Volksmenge getreten und sich als Sankt Martin
zu erkennen gegeben haben soll[319-c]. War es aber wirklich so, daß
die Traumbegebenheit hinter dem wachen Zustand an Realität nicht
zurückblieb, kam daher die Heiligenerscheinung genau so in Betracht wie
einst bei Lebzeiten die persönliche That, so war auch die kurze Dauer
der Erdenzeit keine Schranke mehr für das spontane Wunder, vielmehr
konnten in unbeschränkter Zahl irdische und himmlische Kraftthaten für
die Sache der Heiligen wirksam sein.
Die große Überlegenheit des kirchlichen Wunder- und Heiligenglaubens
über den vulgären heidnischen Aberglauben beruht in dem persönlichen
Moment des gepflegten Andenkens an die Erdenspuren eines einst
einflußreichen Menschen, das denn doch ein unvergleichlich höheres
Gepräge trug, als die Erinnerung an die Nachtschrecken des Alptraums,
so wirklich man diese auch verspürt hatte, und bei aller poetischen
Ausschmückung. Dem entspricht die Verachtung, mit der die katholischen
Geistlichen auf Zauberer und Wahrsager herabsahen. Wenn sie mit ihnen
zu thun bekommen, handelt es sich meistens um eine Confrontierung
von Heiligenkraft und Dämonenohnmacht; es kam eben noch oft genug
vor, daß besonders Leute vom Lande im Fall von Gemütskrankheit sich
zur Austreibung des Dämons erst an die Hexenmeister und Quacksalber
wandten. Ein solcher Heilkünstler murmelt dann Zaubersprüche, wirft
die Loose, hängt Halsbänder um und verspricht die Rückkehr des Lebens,
während er doch selbst durch sein Gebahren den Tod herbeiruft. Sobald
wirklich Angehenk und Amulet, Zaubertrank und Heiligenmedizin,
Beschwörungsformeln und Kreuzeszeichen, in Wettkampf mit einander
traten, dann stellte es sich immer sofort heraus, wem die Heilkraft
innewohnte[320-a]. Desgleichen gegenüber Aerzten von Beruf, denen man
an sich ein gewisses Ansehen nicht versagte; aber mit dem Heiligen
verglichen forderten sie zum Mitleid heraus: »Was vermögen sie denn mit
ihren Instrumenten? Es ist mehr ihres Amtes Schmerz hervorzubringen,
als ihn zu mildern; wenn sie das Auge aufsperren und mit den spitzen
Lanzetten hineinschneiden, so lassen sie jedenfalls die Qualen des
Todes vor die Augen treten, ehe sie wieder zum Sehen verhelfen. Und
sobald nicht alle Vorsichtsmaßregeln genau befolgt werden, ist es
überhaupt mit dem Sehen ein für allemal vorbei. Unser lieber Heiliger
dagegen hat nur ein Stahlinstrument, das ist sein Wille, nur eine
Salbe, das ist seine Heilkraft«[320-b]. Und seinem Hausarzt erklärt
Gregor, als er selber doch so darnieder lag, daß man bereits seine
Beerdigung vorbereitete: »So; du hast nun alle Hilfsmittel deiner
Kunst erschöpft, du hast alle Kräfte und Säfte aufgebraucht; aber die
Mittel dieser Welt helfen dem nicht, der dem Tode verfallen ist. Mir
bleibt nur noch eins übrig; ich will dir das große Mittel nennen: nimm
Steinpulver vom Grabe Martins und mach es mir an«[320-c]. Auch zum
Selbstbewußtsein, das damals die Geistlichen gegenüber den Anmaßungen
der weltlichen Machthaber oft bitter nötig hatten, hätte ihnen ihr
Heiligenglaube nicht verhelfen können, wäre er Illusion gewesen. Wenn
Leo, der Kanzler des Westgothenkönigs Alarichs _II_, die Felixkirche zu
Narbonne teilweise abtragen ließ, weil sie die Aussicht des königlichen
Palastes hinderte[320-d], wenn Eustasius von Poitiers Bischof Eufronius
von Tours um den Grundbesitz von dessen Vetter Baudulf brachte[320-e],
wenn Leudast der Graf von Tours einen jungen Pariser Handwerker am
Heiligengrabe festzunehmen befahl, weil er wohl seinen Lehrherren
entlaufen sei[320-f] und was der zahllosen Gewaltthaten dieser Art
mehr sind, immer konnte dann der Bischof, dem die Einsprache oblag,
sich zuversichtlich sagen, hinter ihm stehe der Heilige und werde ihn
nicht im Stiche lassen. Doch machte man mit diesem Bewußtsein auch dann
Ernst, wenn es Entsagung forderte; offenbar führte die Ehrfurcht vor
der dem Heiligen schuldigen Würde dazu, daß wenigstens sein direkter
Vertreter sich der Ehe enthielt, und so entließ ein Geistlicher,
der Bischof wurde, seine Frau[321-a], während beim niederen Klerus
der Cölibat ein unerfüllter Wunsch der Konzilien blieb. Selbst reine
Versehen, wie sie überall mit unterlaufen können, wurden durch den
Heiligen in Person ausgeglichen, treu stand er zu seinen Untergebenen,
so bei dem Erzdiakon Johannes von Nimes, der in Verwechselung mit dem
in der That schuldigen Erzpriester dieses Namens verhaftet worden war,
dann aber im Verlauf der Folgen dieses Vorfalls den Bischofsstuhl der
Stadt bestieg[321-b].
Das Standesbewußtsein äußert sich nun aber nicht zum wenigsten auch
darin, daß man auf Ordnung hielt in Ausübung des Wunderglaubens.
Gemeint ist damit nicht die aristokratische Miene, mit der einige
Altrömer gelegentlich die triviale Meßcelebrierung eines Franken als
unelegant belächeln[321-c]. Noch weniger darf man darunter Sittenzucht
im Klerus verstehen; der Priester, Eparchius, der im Rausch die
Weihnachtsmesse celebrierte[321-d], ist noch ein gnädiges Beispiel
angesichts der von Gregor in der Frankengeschichte geschilderten
infulierten Raufbolde, Schlemmer und Schufte wie Badegisel von Le
Mans[321-e], Salonius von Embrun und Sagittarius von Gap[321-f],
Eonius von Vannes[321-g], und Cautinus von Clermont[321-h], nicht zu
vergessen der aufständischen Nonnen von Poitiers[321-i], gegen die
Militär aufgeboten werden mußte. Aber diese Verwilderung der Sitten,
die in der Kirche womöglich noch schlimmer war, als unter den Laien,
führte die asketischen Kreise zu einer ungesunden Steigerung ihrer
Ansprüche an sich selbst; gegen das gottlose Treiben der Welt, wo
überhaupt nur noch Meineid, Raub und Mord zu finden sei, suchte man
mit einem manchmal geradezu verrückten Fanatismus anzukämpfen. Und
da nun setzte eine vernünftige Einsicht aus ernst gesinnten Kreisen
haltgebietend ein. Eine Langobarde, Wulfilaich mit Namen, ein Jünger
des Aridius von Limoges, that sich aus Verehrung für Sankt Martin bei
Trier als Säulenheiliger auf; aber die Bischöfe ließen seine Säule
zerstören mit der Begründung, ein geringer Mann wie er könne sich
nicht mit Symeon von Antiochien vergleichen; auch erlaube das rauhe
Klima diese Art Askese nicht, er habe wie andere Aebte bei seinen
Mönchen zu wohnen[321-k]. In Bordeaux ertrotzte ein überspannter
zwölfjähriger Knabe, Anatolius, von seinem Herrn die Erlaubnis, sich
als Klausner einzuschließen. Acht Jahre lange lebte er in einer
unterirdischen Kirche in einem Loch eingemauert, und erkrankte
denn auch am Verfolgungswahn; eine Martinskur in Tours hatte nur
vorübergehenden Erfolg. Ein anderer Klausner in der Bretagne, Winnoch,
lebte nur von Kräuterwurzeln und kleidete sich in Felle, schien auch
den Weinkrug zum Munde zu führen, als berühre er ihn nur mit den
Lippen und trinke nicht; da aber fromme Leute ihm oft volle Weinkrüge
brachten, gewöhnte er sich leider endlich doch an den Trunk und fing
an, sich dem Weine zu ergeben, daß man ihn meistens nur betrunken sah.
Er mußte schließlich als gemeingefährlich eingesperrt werden; doch
führte das seine Besserung nicht herbei[322-a]. Solche Extravaganzen
mißverstandener Heiligkeit machen die seltsame Maßregel eines Abtes in
Bordeaux verständlich: er hatte bereits bei der Aufnahme eines Novizen
Bedenken erhoben, der Dienst an diesem Orte sei hart; doch hatte der
Jüngling sich bescheiden eingeführt und bekam eines Tages zur Erntezeit
Getreide zu überwachen, das zum Trocknen an der Sonne lag. Plötzlich
brach ein Regen los; Hülfe zu holen, war zu spät, also betete der junge
Mönch, es möchte doch kein Tropfen auf das Getreide fallen. In der That
blieb der Weizen verschont, während es ringsum strömte. Abt und Mönche,
die herbeieilten, sahen das Wunder, und sahen den Bruder im Gebete
auf dem Sand hingestreckt. Auch der Abt warf sich hinter ihm zur Erde
nieder. Dann aber rief er ihm zu, aufzustehen, ließ ihn ergreifen und
geißeln, indem er zu ihm sprach: »Du mußt nämlich, mein Sohn, in der
Furcht und dem Dienste Gottes demütig wachsen, nicht aber mit Zeichen
und Wunderkräften dich rühmen«. Er ließ ihn darauf sieben Tage in eine
kleine Zelle einsperren und wie einen Schuldigen hungern; denn eitle
Ruhmsucht könnte seiner Seele schaden. Der junge Mann fiel in Folge
dessen sehr gut aus und wurde ein Mönch von größter Ergebenheit und
fast ohne jeden Anspruch ans Leben[322-b]. Desgleichen verfuhr ein
anderer Abt gegenüber einem Mönche, von dem ihm hinterbracht worden
war, er strebe mit ungewöhnlicher Heftigkeit nach einem heiligen
Wandel und liege nach vollbrachter allgemeiner Bußandacht noch zu
harten persönlichen Uebungen abseits in einer Dornhecke auf den Knien.
Er folgte ihm das nächste Mal verstohlen, um ihn zu beobachten, und
gewahrte nun in der That, daß dem Bruder während des Gebets leichte
Flammen aus den Mundwinkeln fuhren, die dann in leisem Feuerdampf sich
um dessen Haupt sammelten, ihm das Haar steif aufsträubten, ohne es
jedoch anzusengen und schließlich als unendliche Lichtsäule gen Himmel
stiegen. Aufs höchste erstaunt über diese unzweifelhafte Begabung zum
Heiligen, ließ der Abt jedoch nicht das geringste merken, sondern legte
dem Bruder von nun an besonders harte Demütigungen auf, damit solch ein
schönes Wundertalent nicht der Eitelkeit zum Opfer falle[322-c].
3.
Die auf den Gebieten der Politik, des Rechts, der Verfassung und der
Bewirtschaftung so verwickelte Frage, was damals unter den Merowingern
römisch und was germanisch war, ist für das fränkische Christentum
einfach genug zu beantworten: römisch war, wie man es gab, und
deutsch war, wie man es aufnahm. Allerdings wäre die vom Christentum
überwundene heidnische Volksreligion noch auf ihre keltischen und ihre
germanischen Bestandteile hin näher ins Auge zu fassen, falls eine
genügende Ueberlieferung eine solche Untersuchung ermöglichte. Das ist
aber kaum der Fall. Ueber die ungefähre Verteilung des Gemeinsamen und
des Unterschiedlichen wird schwerlich hinauszukommen sein. Versuchen
wir es auf Grund der wenigen uns zugänglichen Berichte.
Unter den altgallischen Kultstätten war die berühmteste der Tempel
Vasso Galatä bei Arvern[323-1], ein monumentaler Bau, mit doppelten
Mauern, innen von kleinen Steinen, außen von ausgehauenen Quadern;
die Wand war dreißig Fuß dick und nach innen mit Marmor und Mosaik
ausgelegt; auch der Fußboden war von Marmor und das Dach oben mit Blei
gedeckt. Dieses Heiligtum war indessen schon durch den Alamannenherzog
Chrok verwüstet worden; Gregor hat nur die Ruine in Augenschein
genommen[323-a]. Ein anderes Asyl des Heidentums war der Göttersee
von Alenc im Pays de Gévaudan gewesen. Dort hatten die Bauern dem See
Spenden dargebracht, indem sie Leintücher und Kleiderstoffe, sogar
wollene, hinein warfen; doch konnten sich das nur die Reichen erlauben,
die Armen warfen Käse, Wachskuchen, Brod und sonst Gegenstände jeder
Art hinein. Sie kamen auf ihren Wagen hergefahren, packten ihren
Proviant aus, schlachteten und thaten sich drei Tage lang gütlich. Am
vierten Tage pflegte ein Gewitter nieder zu gehen. Der Angriff der
Kirche auf diese Kultstätte wurde wahrscheinlich ums Jahr 535 durch den
Bischof der Gegend geführt. Er ging mit Reliquien seines Namenspatrons
Hilarius von Poitiers vor und errichtete ihm am Seeufer eine Kirche.
Nach ihrer Bekehrung pflegten die Bauern ihre ehemalige Göttergabe nun
dem Heiligen zuzuwenden[323-b]. Endlich muß keltischen und kann nicht
deutschen Ursprungs jener Ernteumzug sein, den schon hundert Jahre
vor der fränkischen Invasion Martin von Tours bekämpft hat. Gregor
schildert offenbar denselben Kultgebrauch des näheren: in Autun soll
sich das Bild der Göttin Berecynthia befunden haben. Man führte es
auf einem Wagen in den Feldern umher für die Wohlfahrt der Felder und
Weinberge und tanzte jauchzend darum herum. Es war Cybele, die Mutter
der Götter, die man von einem Schleier umwallt durch die Saaten trug.
Bischof Simplicius von Autun unternahm den Kampf dagegen; als das
Bild umgeworfen dalag und nicht mehr von der Stelle gebracht werden
konnte, entschieden sich vierhundert Anwesende für die Ohnmacht ihres
bisherigen Glaubens und meldeten sich beim Bischof zur Taufe[324-a].
Reste des längst in sich selbst ersterbenden Druidentums und Teile der
auch in die Provinzen gedrungenen gemischten Heeresreligion waren es
also, was im Lande selbst der christlichen Mission entgegenstand. Für
die Städte römischer Verfassung kam eine eigentliche Missionierung
nicht mehr in Betracht, zumal ja meistens der Bischof zugleich auch ihr
Herrscher war. Dort lag das Verhältnis vielmehr so, daß sich Ueberreste
von Heidentum in konservativen Adelsfamilien und bei Gebildeten
vorfanden, während der kleinere Bürgerstand rein christlich war[324-b].
Was die Franken von sich aus mitbrachten, war wohl nicht vor Alter
brüchig und hinfällig, aber doch zu scheu und zu kampfesungewohnt, um
einem wohlberechneten Anlauf dauernd Widerstand zu leisten. »Jenes
Geschlecht«, schreibt Gregor von den alten vorchristlichen Franken,
»war wahnsinnigen Götzendiensten noch immer von Herzen zugethan;
Gott war ihnen gänzlich unbekannt. Sie bildeten in Wäldern und an
Gewässern, von Vögeln und Tieren und andern Naturmächten bestimmte
Gestalten, die sie gleich Gott anzubeten und mit Opfern zu versehen
pflegten«[324-c]. Nach Gregor war also das fränkische Heidentum ein
Bilderdienst, Naturmächten in Tiergestalt gewidmet. Er scheint mehr
die kleinere Religion, die Stammesreligion im Auge zu haben. Doch
findet sich bei ihm auch eine Schilderung eines großen Heiligtumes,
das ohne Zweifel Wodan gewidmet war; denn Mars-Mercur läßt keine
andere Deutung zu. Dieser Wodanskult in der Auvergne kann nun, wenn
fränkischen Ursprungs, nur jünger sein, als das zu Kaiser Maximus
Zeiten gestiftete Juliansmausoleum. Seine Pflege etwa heidnischer
gebliebenen Burgundern oder Westgothen zuzuschreiben, wäre gewagt. Und
doch ist Julian der einherstürmende Wetterheilige Wodan auf den Leib
geschnitten. Es bleibt ein Ausweg: in vorfränkischer Zeit mußte Julian
einem römischen Merkurdienst opponieren, der dann von den eindringenden
heidnischen Franken übernommen und aufgefrischt wurde. Doch lassen wir
Gregor erzählen. Der Mars- und Merkurtempel in Brioude, berichtet er,
stand neben der Julianskirche. Bei dem Schwerttanz vor der heidnischen
Bildsäule geschah es einmal, daß ein junger Gladiator sich seinem
Gegner nicht gewachsen fühlte, darum plötzlich entsprang, an die
Zelle des Märtyrers flüchtete und die Thür hinter sich zuriegelte. Der
Gegner wollte die Thürpfosten umreißen, klemmte sich aber die Hand
so schmerzhaft ein, daß er abließ. Ein christlicher Priester kam von
ungefähr zu diesem Vorfall; er nahm die günstige Gelegenheit wahr und
leitete die Bekehrung der Heiden ein. Am vierten Tage brachte er sie
auf seine Seite durch das Gebet, mit dem er ein Gewitter heraufbeschwor
und wieder verscheuchte. Nun wurde auch der geklemmte Jüngling seine
Schmerzen los, und die anwesenden Heiden wurden getauft auf den Namen
der heiligen Dreieinigkeit[325-a].
Einen tieferen Einblick in die Eigenart des vom Heiligentum
überwundenen germanischen Heidenglaubens eröffnet uns nicht Gregor
selbst, sondern sein von ihm unter den zeitgenössischen Heiligen
aufgeführter Mitbischof, der in der That höchst merkwürdige Martin
von Bracara in Portugal. Er stammte aus Ungarn, wie der große Martin
auch, und hatte sich im Orient zum Gelehrten ausgebildet. Um 550 begab
er sich aus dem Morgenland nach Portugal, und zwar zur See, über das
ganze mittelländische Meer und den atlantischen Ozean, um die damals
sich vollziehende zweite Bekehrung der Sueven zum Katholizismus
zu fördern. Diese hing mit dem Reliquienbezug König Chararichs am
Martinsgrabe von Tours zusammen. Nahe bei Bracara in Dumio stiftete
Martin ein Kloster und wurde dessen Abt. Von da konnte er auf den Hof
am leichtesten einwirken. Noch unter Chararich wurde Dumio zum Bistum
erhoben mit Martin als Bischof. 572 ist er Erzbischof der Residenz und
Vorsitzender des Konzils. Er galt der fränkischen Geistlichkeit für
hervorragend gebildet und starb nach dreißigjähriger Wirksamkeit im
Jahre 580. Die Verse, die er seinem großen Landsmann und Namensherrn
in größter Bewunderung gewidmet hat, standen zu Sankt Martin in Tours
über der südlichen Kirchenthüre angeschrieben[325-b]. Dieser Martin von
Bracara hat nun einen Traktat verfaßt, betitelt: »Die sittliche Hebung
des Landvolks«[325-1], und erwähnt darin allerlei heidnische Gebräuche
und Kultgewohnheiten der Deutschen. Sie verehren Wochengötter durch
die Benennung der Wochentage nach Mars, Mercur, Jupiter, Venus und
Saturn, die doch keinen Wochentag geschaffen haben, sondern gottlose
Griechen waren. Sie beginnen das Jahr mit Januar, während die Welt
doch zu Tag- und Nachtgleiche begonnen habe: »Gott schied zwischen
Licht und Finsternis«, und zwar im Frühling, da vom Sprossen und
Keimen des Grases die Rede sei. Gleich den römischen Paganalien im
Januar, wo Tellus und Ceres von den Bauern des Gaues gebeten wurden,
die Feldfrüchte vor schädlichen Tieren wie Ameisen und Feldmäusen zu
bewahren, hatten die Germanen einen Tag, der den Motten und Mäusen
heilig war. Auch denke man an Apollo den Mäusetöter und an Zeus, den
Fliegenabwehrer. »Ist es menschenmöglich«, ruft Martin aus, »daß ein
Christ statt Gott Motten und Mäuse verehrt. Denn wenn Motten und Mäusen
nicht auf das zuvorkommendste Kufen und Näpfe hingestellt werden oder
Brod und Pfannkuchen, so holen sie es sich selbst und schonen dann in
keiner Weise die Vorräte, die sie doch gerade beschützen sollen.« Eine
Art Vulkanalien, aber ein Kalenderfest, an dem man auch die Tische
mit Maien schmückt, ist das Neujahrsgelage; ihm liegt der Glaube zu
Grunde, wenn man sich am Jahresanfang mit Speise und Trank gütlich
thue, werde man das ganze Jahr hindurch in Ueberfluß leben. Gemeint
ist die Julzeit, die zwölf Nächte von Weihnacht bis Epiphanien. Ferner
achtet man ängstlich auf den Ruf der Waldkäuze; man bekränzt Häuser und
Thüren mit grünen Sträußen zur Abwehr von Gefahren, »steckt Maien«, wie
das Volk sagt; man beobachtet die Fußstapfen, den Abdruck der Sohle
auf dem Erdboden; man gießt Wein über den Baumstamm, legt Obst darauf
und wirft Brod in die Quellen: der »Julklotz«. Zu Hause sprechen die
Frauen über ihre Gewebe den Namen der Minerva aus: das Anrufen der
Frau Holle beim Spinnen. Der Freitag gilt besonders glücklich zum
Heiraten und um eine Reise anzutreten. Man bespricht Kräuter und wendet
allerlei Zauberformeln da an, wo der Christ Symbol und Vaterunser zu
Hilfe nimmt. Man steckt an Felsen, Bäumen, Quellen und Kreuzwegen
Lichter auf und achtet auf das Nießen. Wenn nun das Landvolk von der
Nichtigkeit dieser Gewohnheiten überführt war, so schritt man möglichst
rasch zur Taufe, womöglich schon an den Kindern. Wie es dabei zu ging,
schildert Martin in seiner Ansprache ebenfalls: »Ihr Gläubigen also,
die ihr im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes
zur Taufe Christi zugelassen seid, bedenkt, was für einen Vertrag ihr
im Taufakt mit Gott eingegangen seid. Und als ihr euch bei der Taufe
euern Namen geben ließet, Peter, Johann oder sonst einen, da wurdet
ihr vom Priester gefragt: ›Wie willst du heißen‹? Du antwortetest,
wenn du schon reden konntest, und wenn nicht, antwortete der Pathe für
dich, der dich aus der Taufe hob: ›Johann soll er heißen‹. Da fragte
der Priester: ›Johann, schwörst du ab dem Teufel und seinen bösen
Geistern, all seiner Verehrung und seinem Götzendienst, all seinem
Raub und Betrug, all seiner Anzucht und Trunkenheit und allen seinen
bösen Werken. Ja oder nein‹? Und du antwortetest: ›Ja, ich schwöre ab‹.
Darauf fragte dich der Priester: ›Glaubst du an Gott, den allmächtigen
Vater‹. Du antwortetest: ›Ich glaube‹. ›Und an Jesus Christus‹? Folgt
die spanische Symbolform. Antwort: ›Ja‹. Und an den heilgen Geist?
›Ja‹«[327-a].
Durch die Taufe wurde für den Kelten oder Germanen sein bisheriger
Götterglaube Dämonenglaube. Denn die Existenz und Macht der von ihm
gestürzten Götzen hat das alte Christentum nirgendwo und zu keiner Zeit
geleugnet. Es bestritt nicht, daß die Götter ~seien~, aber es bestritt,
daß sie ~Götter~ seien: Teufel waren es und Teufelskinder. Die Wesen,
bei denen man früher Hilfe gesucht hatte, lehrte die Kirche nun
fliehen und fürchten, indem sie überall ihr schlimmes Walten erkannte.
Krankheit war Teufelswerk, mochte der Dämon nun in der Staubwolke
sitzen und blenden[327-b] oder Hand und Fuß lähmen[327-c] oder mit
den Nachwehen eines Erdbebens Verstand und Körperkraft rauben[327-d].
Ein Mädchen konnte friedlich am Webstuhle sitzen. Da überfiel sie der
Dämon und sie wurde stumm[327-e]. Ein Schafhirt lagerte an der Quelle;
plötzlich ging er lahm, wurde den Bettlern übergeben und zog zehn Jahre
und mehr im Lande herum[327-f]. In Voultegon, einem Dorf der Poitou,
meinten in einer Sonntagsnacht zwei kleine Kinder, die in demselben
Bett schliefen, plötzlich die Morgenglocke läuten zuhören; sie standen
auf und gingen nach der Kirche. Im Vorhof sahen sie einen Chor
singender Frauen und waren entsetzt; denn sie erkannten, daß es eine
Bande Gespenster war. Da warfen sie sich zur Erde, versäumten jedoch,
sich zu bekreuzen, und so wurde das eine blind, das andere konnte nicht
mehr gehn[327-g]. Schon die harmlosen Unfälle eines Bezechten wurden
dem Bösen aufs Kerbholz geschrieben[327-h]. Vollends ein Selbstmörder
handelte nicht aus freiem Willen, sondern weil er von den Klauen eines
schmutzigen Gespenstes geklemmt wurde, das dem Teufel ähnlich sah.
Bereits hatte der unglückliche den Strick am Balken befestigt und
zögerte nur, sich die Schlinge umzulegen; denn er fühlte Reue und rief
einen Heiligen an; da raunte ihm der Teufel ins Ohr: »Vorwärts, spute
dich; vollende was du begonnen hast«, und wollte ihm den Kopf in die
Schlinge drücken[327-i]. So häufig immerhin Dämonen ins menschliche
Leben eingreifen, kennt Gregor nur eine Gattung näher und nennt sie mit
besonderem Namen: die Mittagsdämonen oder Tagalpen[327-1]. Sie lauern
um Mittag selb sieben den Menschen hinter Felsblöcken an der Straße
auf und werfen sie dann mit Steinen, sodaß mehrere der Getroffenen den
Verletzungen erliegen[327-k]. Ihre Nachstellungen verursachen bald ein
hinkendes Bein[327-l], bald eine Lähmung der Zunge[327-m]. Als ein
telepathisches Weib in Paris den großen Stadtbrand vorhersagte, drei
Tage, ehe er ausbrach, hielt man sie für vom Mittagsteufel besessen und
lachte sie aus[328-a].
Wenn aber um den Besitz von Natur und Menschenwelt die Heiligen mit
den Dämonen in beständiger Fehde lagen und es zu einem entscheidenden
Siege nicht brachten, so hatten sie doch unstreitig die Oberhand, die
sich schon durch die Ueberlegenheit ihrer Mittel kundgab. Vor allem ist
der Lichtschein ihr Privilegium; ein Dämon glänzt nicht, sondern ist
finster und schattenhaft. Diese Leuchtkraft des Heiligen hat sich die
Kirche zu nutzen gemacht; im Reiche des Lichts geschehen die meisten
typischen Wunder: die sich von selbst entzündende Kirchenkerze, deren
bekanntestes Beispiel in der Amarandusbasilika zu Albi erfolgte[328-b],
das von außen erhellt erscheinende Kirchenfenster, von dem Gregor
einen besonders sprechenden Fall selbst erlebte[328-c], die wunderbar
leuchtende Lanzenspitze[328-d], die Flämmchen und Scheine über dem
Altar[328-e], dem Heiligengrab und über den die Hostie segnenden Händen
des Priesters; dieses populärste Lichtwunder der verklärenden Aureole
um etwas Heiliges war in so unzähligen Spielarten verbreitet, daß
manche darunter wieder originell erscheinen, so der Lichtschein, der
in Form eines weißen Lammes auf der Brust des unschuldig des Ehebruchs
beargwöhnten schlafenden Bischofs lag[328-f]. Der andere Hauptbezirk
des typischen Wunders sind Oel[328-g] und Wein[328-h], die in
Gegenwart des Heiligen unerschöpflich werden. Hier ist der wunderbare
Faktor bereits viel stärker; während beim Lustwunder ein wirklicher
Anhaltspunkt in der Außenwelt und seine instinktive Steigerung durch
gläubige Betrachtung in den meisten Fällen wahrscheinlich ist, fehlt
ein solcher natürlicher Antrieb bei der Wein- und Oelvermehrung doch
viel eher; wenn man dann nicht einfach eine Einwirkung biblischer
Vorbilder annimmt, so handelt es sich dann eben um nichts anderes
als um eine Abweichung des Wahrnehmungsvermögens unter dem Druck
einer Glaubensvorstellung. Wenigstens dem ehrlichen Gregor ist es so
ergangen. Hören wir ihn noch einmal ein eigenes Erlebnis erzählen:
»Fromme Ehrfurcht«, so berichtet er[328-i], »forderte den Besuch
am Grabe des heiligen Hilarius und eine Unterredung mit Königin
Radegunde. Ich kam ins Kloster, begrüßte die Königin und fiel vor dem
Heiligenkreuz und vor den Unterpfändern der Seligen nieder. Zur Rechten
aber war ein Leuchter angezündet. Als ich nun beständig Oel daraus
herabträufeln sah, war ich der Meinung, deß ist Gott Zeuge, das Gefäß
sei zerbrochen; auch war darunter eine Schale aufgestellt, in dem
sich das Oel sammeln sollte. So wandte ich mich denn an die Aebtissin
und sprach: ›An einer solchen Stätte könntet ihr eigentlich wohl für
eine ganze Oellampe sorgen‹. Sie aber sagte: ›Das ist es nicht, mein
lieber Herr; die Kraft des Heiligenkreuzes steht vor deinen Augen‹. Da
gab ich klein bei; ich erinnerte mich wieder dessen, was ich früher
wohl gehört hatte, und zur Lampe gekehrt und bekehrt, sah ich das Oel
in den untergestellten Tiegel fließen, immer mehr und mehr, wie ich
meine, um meine Ungläubigkeit so recht Lügen zu strafen. Im Verlauf
einer Stunde gab das Gefäß, das sonst kein Viertel faßt, mehr als
ein Sester Oel. Da schwieg ich denn still und predigte fürderhin die
Anbetung der heiligen Kreuzreliquie«. Doch hat es dabei sein Bewenden
nicht. Eine andere Geschichte zeigt noch deutlicher, wie Gregor trotz
aufrichtigem Bemühen um ein dem Sachverhalt entsprechendes Urteil dem
hypnotischen Bann der einmal stabilierten Glaubensvorstellung nicht
widerstehen konnte. Da es sich freilich diesmal um die Abwehr eines
hartnäckigen Zweiflers handelte, so mögen Gregors Messungen unbewußt
beeinflußt gewesen sein. Ein Mann äußerte sich nämlich abfällig über
das Martinsleben des Severus: weder verdiene die Behauptung Glauben,
unter der Kraft von Martins Segen habe Oel an Volumen zugenommen, noch
die andere, eine Flasche sei auf das Steinpflaster gefallen und nicht
zerschellt. Nun hatte umgekehrt einer von Gregors Diakonen mit einer
Flasche Rosenöl, die für Salbungen an seinem fieberkranken Körper halb
aufgebraucht und dann versuchsweise am Martinsgrabe deponiert worden
war, zwar die automatische Selbstfüllung der Flasche erfahren dürfen;
als sie aber an der Wand seiner Wohnung aufgehängt war, riß sie sich
auf einen teuflischen Schlag hin vom Haken los, fiel zu Boden und brach
entzwei. Die Erde hatte alsbald die Flüssigkeit aufgesogen; der Diakon
jedoch nahm nun die feuchte Erde und preßte so viel als möglich die
Feuchtigkeit in ein anderes Gefäß aus. So gewann er richtig wieder
etwas Oel, dazu einige Glasscherben, auch war der Rosenduft nicht ganz
verloren gegangen. Das alles überbrachte er nun seinem Bischof. Gregor
seihte das Oel erst in ein neues Gefäß über: es mochte etwa ein halbes
Glas voll sein; die Flasche füllte es zwei Finger breit. Als er tags
darauf nachsah, stand es in einer Höhe von ungefähr vier Fingerbreiten.
Da schloß er die Flasche ab und versiegelte sie mit seinem Handsiegel.
Eine Woche später sah er wieder nach; nun war mehr als ein Schoppen
darin. Gregor ließ den Diakon kommen, und dieser versicherte eidlich,
genau so viel sei damals zu Grunde gegangen[329-a]. Diese Anekdote
führt ferner zu einem andern typischen Wunder; in der Lorenzkirche
von Arvern befand sich eine Kristallschale von großer Schönheit. Ein
Diakon war so ungeschickt, sie fallen zu lassen. Doch legte er die
gesammelten Scherben vertrauensvoll auf den Altar; nach einer unter
Gebeten, Wachen und Weinen verbrachten Nacht sah er nach: Die Schale
war ganz. Als dieses Wunder dem Volke mitgeteilt wurde, machte es
solchen Eindruck, daß der Wunsch laut wurde, es möchte der Bischof dem
heiligen Lorenz doch ein neues Fest einräumen. Die Schale wurde über
dem Altar aufgehängt[330-a].
Das typische Wunder ist somit im Unterschied vom spontanen nicht
eine unerwartete, auf persönlichen Impuls zurückzuführende, mehr
oder weniger neue und eigene Erscheinung, sondern ging gattungsmäßig
vermittelt aus kultischen Bedürfnissen oder Zufälligkeiten gelegentlich
hervor, sodaß schwer ist zu entscheiden, in wie weit es Ergebnis und
in wie weit Mittel der Kirchenpraxis war. Jedenfalls aber bildet hier
die Kirchenpraxis und nicht das individuelle Leben den eigentlichen
Nährboden, und es lohnt sich daher wohl, an einem sprechenden Beispiel
noch des näheren nachzuweisen, wie unter Umständen ein besonderer Fall
des kirchlich Notwendigen auch den Wundertypus in einer bestimmten dem
Bedürfnis angepaßten Form hervorbrachte. Von allen Anforderungen, die
das Christentum an die früheren Heiden stellte, fiel dem Franken die
Heiligung des Sonntags am schwersten. Daß man an einem bestimmten Tage
jeder Woche die Arbeit gänzlich unterlassen solle, wollte ihm nicht
eingehen. Die Kirche aber setzte den für sie fundamentalen Brauch mit
allen Mitteln durch. Sie wies, wo es nur anging, die verderblichen
Folgen der Sonntagsarbeit zunächst im allgemeinen nach, als
Krankheitsursache; eine gelähmte Frau hatte eben am Sonntag gegenüber
der Autorität der Kirchenväter sich herausgenommen zu arbeiten[330-b]
und Leudolf war an dem Sonntag erblindet, da er vormittags und
nachmittags sein Heu einbrachte[330-c]; dabei begreift es sich, daß
gelegentlich das Fest eines höheren Heiligen, so der Johannistag, in
den Rang eines Sonntags hinauf rückt und die Frau, die dann Unkraut
jätet, von einem schrecklichen Ausschlag befallen wird[330-d]. Dann
aber tritt noch öfter eine bestimmte logische Beziehung zwischen Schuld
und Strafe ein; bei einem Weibe war die rechte Hand, die Samstag
nachts noch gearbeitet hatte, noch eingeschrumpfter als die übrigen
Glieder[330-e]. Das in der Sonntagsnacht gezeugte Kind ist eine
scheußliche Mißgeburt; so mochte denn die Mahnung der Geistlichen nicht
ohne Eindruck bleiben, in dieser Nacht sich des Beilagers zu enthalten,
sie vielmehr keusch und gottwohlgefällig zu verbringen[330-f]. Ferner
legte eines Sonntags eine Frau von Langeais einen Mehlklumpen in die
heiße, von Gluten gesäuberte Asche, um ihn zu Brot zu backen, als ihre
Hand von innerer Glut verzehrt zu werden begann[330-g]. Werden schon
hier die Schuldigen immer so gestraft, wie sie gesündigt haben, so
tritt die typische Strafe für Sonntagsentheiligung vollends darin zu
Tage, daß die Hand, die den Holzgriff des Werkzeugs umfaßt, erstarrt
und die Finger in der umklammernden Haltung steif werden würden:
so ging es der Frau die Samstags nach Sonnenuntergang noch mit der
Ofengabel die Brote zum backen einschob[331-a], so dem Bauern, der
um an seinem Pfluge etwas in Ordnung zu bringen, Sonntags zur Hacke
gegriffen hatte[331-b], so dem andern, der Sonntags um Korn zu mahlen
seinen Mühlstein um drehte; er sägte den Holzgriff ab, aber erst
vor dem Heiligen, den er um Gnade anflehte, wurde seine Hand die
unliebsame Zugabe los[331-c]. Und wenn ein anderer im selben Fall ohne
das Anhängsel zwischen den Fingern vor Sankt Martin erschien, nun, so
hatte der eben noch zu rechter Zeit die erstarrende Hand zurückgezogen;
gespürt hatte er bereits, wie das Holz anzukleben begann[331-d]. In
einer derartig engen Verbindung mit dem Volksleben ist das typische
Wunder, das erst nur Beweiswunder war, zum Strafwunder geworden
und wird so wohl in der kirchlichen Verwendung sich als wirksamste
Illustration der Kanzelermahnung und der Gesetzgebung erwiesen haben.
Wie hätte so mannigfaltigen und überlegenen Mitteln das Bauernvolk
sich überhaupt widersetzen können. Wunder, Wunder, nichts als Wunder!
Dagegen war ja schlechterdings nichts zu wollen, wenn man nicht
geradezu Lust verspürte, seine Haut feilzutragen; denn daß die Heiligen
keinen Spaß verstanden, sah man doch deutlich genug. Aber, und das
ist nun ein weiterer bedeutsamer Punkt in unseren Erörterungen, es
handelte sich gar nicht um Zwang noch um dumpfe Schickung in etwas
Unvermeidliches. Was als Aufklärung angeboten wurde, wurde wirklich
als Befreiung empfunden; dem Franken, wenn anders ihm an Religion
überhaupt innerlich gelegen war, bedeutete das Christentum wirklich
eine frohe Botschaft. Das beweist schon die Stimmung des Volkes dem
Heiligen gegenüber. »Wenn am Heiligengrabe die Seele sich erniedrigt
und das Gebet sich erhebt, wenn die Thräne quillt und die Reue ins
Gewissen sticht, wenn aus dem Herzensgrunde die Seufzer aufsteigen und
wir an unsere schuldige Brust schlagen, dann entsteht Lachen aus dem
Weinen und Gnade aus dem Fehltritt, und das geprüfte Herz hat Trost
gefunden«[331-e]. Daß solche Worte aus der fränkischen Volksseele
heraus gesprochen waren, legt auch das Verhalten des gemeinen Mannes
auf seiner Wallfahrt nahe. Oft waren ernstliche Schwierigkeiten zu
überwinden, bis es überhaupt nur zur Wallfahrt kam; so mußte eine
lahme Frau, die nach dem Martinskloster Ligugé fahren wollte, von Haus
zu Haus bei Reichen sammeln gehn, um die Auslagen für den Transport
mit dem Ochsenkarren bestreiten zu können[332-a]. Am Festtage in der
Feststadt stand dann der Gläubige mitten in der Volksmenge in der
Kirche; er geht und küßt das Heiligengrab, weint darüber, betet um
Hilfe, glaubt an sie; da kommen die Priester, die Ceremonien heben an,
der Vorleser, der an der Reihe ist, schreitet zum Pult und beginnt die
Lektüre des heiligen Lebens; da zuckt es in den kranken Gliedmaßen,
er fühlt es, er wird geheilt, jetzt in diesem Augenblick; er raunt es
dem Nachbar zu, schreit es laut hinaus und erhebt den genesenen Arm
hoch empor, damit es jeder sehen kann[332-b]. Und so fühlt nicht ein
einzelner, so fühlt jeder; Gregor durfte sagen, das große Martinsfest
im Sommer werde vom ganzen Volke förmlich herbeigesehnt[332-c]. Hie
und da ist der Besucher auch so schüchtern und bescheiden, daß er
erst gar nicht ans Heiligengrab vorzudringen wagt, sondern traurig
wieder umkehrt und nach Hause schlafen geht[332-d]. Wenn aber eine
Heilung geglückt ist, dann trägt das zum Ruhme des Heiligen aufs neue
bei: »wer geheilt wird, sorgt dafür daß es unter die Leute kommt, und
ein Heilungswunder trägt Sankt Martin wieder eine ganze Reihe von
Geschenken anderer Leute ein«[332-e]. Kurzum, die Verehrung für den
Heiligen war nicht künstlich gezüchtet; sie entsprach der aufrichtigen
Ueberzeugung der Massen.
So hoch man auch vom altgermanischen Heidentum denken mag, ein
Unbefangener wird diese Vorliebe der Franken für das einmal erfaßte
katholische Christentum für sachlich gerechtfertigt halten müssen. Der
Schritt vom Guten zum Bessern ist nicht zu verkennen. Die germanische
Religion stand zur germanischen Sitte in keinem Verhältnis. Diese,
so viel wert sie war, beruhte ausschließlich auf der Familie und auf
der politischen Gemeinschaft; daß Gut und Böse Dinge seien, über die
man der Gottheit Rechenschaft schuldig sei, davon wußten die alten
Deutschen nichts. Für den heidnischen Germanen fing die Ethik erst
an mit seiner Eigenschaft eines Familiengliedes und Stammgenossen;
wurde er Christ, so mußte er begreifen lernen, sein Lebenswandel sei
eine Angelegenheit seiner selbst, etwas, das ihn allein unbekümmert
von allen andern angehe, sobald ihm nämlich daran gelegen sei, sich
mit dem Himmel im Einklang zu wissen. Die Erhebung auf eine höhere
Stufe, die in dieser Forderung lag, war also im Grundsatz mit der
Bekehrung gegeben; wenn jetzt der Franke ein guter Mensch sein wollte,
so hatte er nicht mehr bloß der sozialen Regel nachzukommen, er hatte
sich nun auch noch mit seinem Gewissen abzufinden und zwar in erster
Linie. Vielleicht darf man geradezu sagen, der Heide kannte nur
Geister und von seinem Verhalten zu ihnen hing es ab, ob es für ihn
gute oder böse Geister waren, während das Christentum von vornherein
streng dualistisch gute Geister und böse Geister als zweierlei Stände
unterschied. Und vom Grundsätzlichen abgesehen, war auch sonst der
Heilige ein vorteilhafter Tausch gegen den heidnischen Gott. Es
war gewissermaßen der Uebergang vom Zelt des Nomaden zur Hütte des
Ackermanns. Von der Wanderzeit her hatten die germanischen Götter
etwas Unstetes an sich, die kleinen Volks- und Stammesgeister hausten
wie der Fisch im Quell und Fluß oder wie der Vogel im Baumwipfel;
auch die oberen Götter saßen nicht ruhig auf einem Göttersitz; Freja
und Wodan ritten und reisten die ganze Zeit. Von diesem Huschen und
Jagen war beim Heiligen nichts zu spüren: da sein Dienst die Verehrung
eines toten Menschen war, der gelebt hatte und dessen Grab man besaß,
so bekam dieser Kultus von selbst etwas seßhaftes, häusliches; zwar
stand es dem Heiligen frei, auszugehen und einem Rufe nach auswärts
Folge zu leisten; aber nie für lange, immer würde er, das wußte man,
ja bald wieder in sein Haus zurückkehren. Diese Art Religion mußte dem
Franken um so mehr zusagen, als er selber seine Natur änderte, von
der früheren Wanderlust zurückkam und in die festen Formen ansäßigen
Gemeindelebens sich eingewöhnte. Dazu kam die Vielheit der Heiligen und
die damit verbundene Pracht und imposante Fülle der neuen Glaubenswelt.
Hatte dem Franken schon die irdische Hierarchie der katholischen Kirche
gewaltig eingeleuchtet, die vom kleinen Cleriker zum Bischof, von
diesem zum Metropoliten, von diesem zum Landesprimas und von diesem
zum Statthalter Christi in Rom aufstieg, wie staunte da erst sein
Geist, als sich Himmel über Himmel aufthat, allein aus Gallien eine
Heiligenschaar zur andern stieß, an der Spitze aller der donnernde
Julian und der große, gute Martin und diesen dann aus andern Ländern
neue Heilige sich verbanden, die spanischen, die italienischen, die
morgenländischen, hundert und hundert, und alles doch nur Diener des
einen Christus, der selber wieder der Sohn des dreieinigen Gottes
war. Ja, König Chlodowech hatte recht gethan, als er seinem Volk
diesen neuen Herrn gab. Aber eine Unterwerfung war es nicht gewesen,
sondern ein Vertrag auf gleichem Fuße, durch den beide Teile gewannen.
Gewiß, man war auf den neuen Himmelsherzog stolz; aber Christus konnte
es auch auf seine Franken sein; so starke und so treue Unterthanen
hatten er vorher nie besessen! Dieses Selbstbewußtsein verleiht dem
merowingischen Christentum seinen wahren Schwung. Bei Gregor kommt es
nicht zur Geltung, weil es bei ihm, dem Romanen, höchstens anempfunden
war und er überdies durch seine Schilderungen von Fall zu Fall mehr
eine Analyse als eine Zusammenfassung gibt. Zum Durchbruch gelangt
es aber in einer nationalen Kundgebung, ebenfalls aus dem sechsten
Jahrhundert, dem Prolog zum salischen Gesetze. Dieser schließt so:
»Es lebe Christus, der die Franken liebt! Er bewahre ihr Reich! Er
erfülle ihre Führer mit dem Lichte seiner Gnade! Er beschirme ihr Heer!
Er verleihe dem Glauben Schutz! Friede, Freude und glückliche Zeiten
schenke ihnen in seiner Barmherzigkeit der Fürst der Fürsten Jesus
Christus! Denn sie sind das Volk, das tapfer und stark das harte Joch
der Römer im Kampfe von seinem Nacken schüttelte; und während die Römer
die heiligen Märtyrer mit Feuer verbrannten oder mit dem Schwerte in
Stücke hieben oder den wilden Tieren zum Zerfleischen vorwarfen, haben
die Franken nach ihrer Taufe die Leichname dieser Märtyrer mit Gold und
Edelsteinen geschmückt«.
* * * * *
Gewiß, es hatte in der Luft gelegen. Früher oder später mußte die
Bekehrung erfolgen. Als die Alamannen in ihrer Selbständigkeit geknickt
waren, wären die Franken im Kulturkreis des alten Imperiums der einzige
germanische Stamm gewesen, der sich dem Christentum nicht fügte. Aber
das Beispiel der Brudervölker wies doch einmütig auf den Arianismus.
Nur mit dem ungeheuern Unterschied, daß jene schon im Balkan und an der
Donau übergetreten waren und allerdings Ketzer, aber doch Christen von
dem katholischen Westen Besitz ergriffen, während die Franken noch als
Heiden schon im Lande ihrer Bestimmung saßen. Jede religiöse Bekehrung
ganzer Völker ist Sache der Politik; politisch bemessen handelte es
sich um folgenden Entscheid: wurden sie Arianer, dann hätten die
Franken die Römer vor den Kopf gestoßen, an deren Spitze sie ja gerade
treten wollten; wurden sie katholisch, so war der Zwiespalt mit den
andern Germanen nicht zu überbrücken. Als Arianer konnten ihre rohen,
keine Mittel scheuenden, realpolitisch genialen Könige den Gedanken
vom Zusammenschluß aller germanischen Reiche verwirklichen, eben den
Gedanken, für den der edle Gothe Theodorich zu zart und ideal gewesen
war: dann kein Mittelalter in unserem Sinn, das vom Hader zwischen
Kaiser und Papst lebte, wo die deutsche Eigenart sich öffentlich nur in
römischem Kleiden und, wie sie war, nur verstohlen sehen lassen durfte!
Nun waren sie aber katholisch geworden. Den nationalen Unterschied
zwischen Römern und Germanen hob die höhere Eintracht im Glauben auf.
Das klassische Altertum war in die christliche Kirche geflüchtet, um
darin zu sterben; in dem jungfräulichen deutschen Geist bot sich ihm
ein Schooß, der es unausgetragen in sich barg bis auf die Stunde der
Wiedergeburt.
Aber wenn Ueberkultur und Barbarei aufeinander prallen, tauschen sie
immer zuerst ihre Laster aus. An seinen eigenen, unmittelbaren Früchten
bemessen, kommt deshalb das merowingische Christentum übel weg; in
der That hat es das sittliche Niveau unter den doch wahrhaftig nicht
hohen Stand, den sowohl die römischen Insassen als die heidnischen
Franken aufwiesen, noch beträchtlich herabgedrückt. Auf irgend welche
Schilderungen des entsetzlichen Unwesens uns einzulassen, geht nicht
an. Wir haben nun nur mit einem Wort die Folgen dieses Tiefstandes der
Moral aus die Religion nochmals zu nennen. Mit Bleigewicht an den Füßen
vergeht auch einem beflügelten Wesen die Lust zum Fliegen, und wer
will dem fränkischen Christentum seinen Mangel an geistigen Interessen
vorwerfen, wenn das Leben, in dem es zu wirken hatte, so sehr der Würde
entbehrte; Lob verdient es, daß es sich überhaupt hielt, nicht Tadel,
daß es verrohte. Im sechsten Jahrhundert ist aus der Frömmigkeit auch
des Frömmsten jeder ideelle Zug ausgeschieden und nur noch Stoffliches
zurückgeblieben. Das Innenleben des braven, aufrichtigen Gregor spielt
sich, sobald es sich nicht mehr um Heilige oder um das katholische
Bekenntnis, sondern um den eigenen persönlichen Glauben handelt,
durchaus im Leeren ab, zwischen einem dumpfen Schuldbewußtsein[335-a]
und der ebenso dunkeln Zuversicht, gerecht vor Gott zu wandeln[335-b].
Im siebenten Jahrhundert hat die iroschottische Reform hieran nicht
viel geändert. Ihr Einfluß erstreckte sich namentlich auf die äußere
Klosterzucht und auf die Erweckung von etwas Wissenschaft und Kunst
in der Geistlichkeit. Ihre Buß- und Beichtdisziplin war das einzige,
was tiefer ging und vielleicht zur Erneuerung des Christentums hätte
führen können. Und doch hat auch sie das materialisierende Wesen
dieses gesamten Religionsbetriebes nicht angetastet. Wohl verspürt man
eine Steigerung im Bewußtsein der eigenen Sündhaftigkeit bei ernsten
Christen. Der Mann, der im siebenten Jahrhundert als Vertreter seiner
Zeit noch am ehesten neben Gregor von Tours im sechsten gestellt
werden darf, Eligius von Noyon, hat zwar vom Christen für das ganze
Leben Buße verlangt, aber das Complement dazu lautet bei ihm nicht auf
Gerechtigkeit aus dem Glauben allein, sondern auf Werkgerechtigkeit.
Mit Unrecht hat man Columban mit den altisraelitischen Propheten
verglichen. Die hätten doch in erster Linie gegen die Verehrung
der Heiligen geeifert, an der jener ohne weiteres teilnahm. Aber
dann hätten sie eben das zerstört, was überhaupt erst die neue
Staatsreligion unter den Franken ermöglichte. Wie eine große Ironie
nimmt sich jenes Kapitel in Gregors Frankengeschichte aus, da er aus
den Propheten mit erstaunlicher Bibelkenntnis die wuchtigsten Stellen
gegen den Bilderdienst sammelt und dann fortfährt: »Dies alles aber
vernahm im Anfang das Volk der Franken nicht, in der Folge haben auch
sie es vernommen«[335-c]. Einem Christentum wie dem fränkischen hätten
echte Seher die Existenzberechtigung absprechen müssen, denn an eine
ethische Läuterung der allgemeinen Gesinnung war nicht zu denken. Das
sind aber Dinge, über denen tausend Jahre dahinschwinden wie ein
Tag. Und nach tausend Jahren kam er ja dann auch wirklich, der andere
Martin, nach den Römern der Deutsche und nach den Heiligen der Prophet.
Und doch ruhten nicht umsonst Heiligengebeine in dem Boden, über den
nach dem Untergang der alten die mittlere Zeit gewandelt kam. Im
Hochmittelalter steigen aus dem langen Lauf der Jahrhunderte zwei
Gebilde auf, die neben den Großthaten des Altertums für die Menschheit
ewige Werte bedeuten: die scholastische Philosophie und die gothische
Baukunst. Beide haben ihre eigentliche Heim- und Pflegestätte in
Frankreich. So wäre also das Originalgut der mittleren Aera auf jener
Stätte erwachsen, die einst unsere Heiligen nach dem Maß ihrer Einsicht
und Kraft bebaut hatten. Ihre saure und redliche Arbeit war selbst
noch keine Kultur gewesen, aber sie wurde Fundament einer Kultur. Der
christliche Volksglaube, an der Stelle eines heidnischen Volksglaubens,
bewährte sich als Unterlage der Zukunft.
Fußnoten:
[003-1] ~Alfred Lehmann~, Aberglaube und Zauberei von den ältesten
Zeiten an bis in die Gegenwart. Deutsche Ausgabe von ~Petersen~.
Stuttgart 1898. S. 313—543.
[007-a] _Sever. Mart._ 2. (_Halm_).
[008-a] _Sever. Mart._ 3.
[008-b] _Sever. Mart._ 4.
[008-c] _Sever. Mart._ 5.
[008-d] _Sever. Mart._ 6.
[009-a] _Sever. Mart._ 7.
[009-b] _Sever. Mart._ 8.
[009-c] _Sever. Mart._ 9.
[010-a] _Sever. Mart._ 10.
[010-b] _Sever. Mart._ 11.
[011-a] _Sever. Mart._ 12.
[011-b] _Sever. Mart._ 13.
[011-c] _Sever. Mart._ 14.
[012-a] _Sever. Mart._ 15.
[012-b] _Sever. Mart._ 16.
[012-c] _Sever. Mart._ 17.
[012-d] _Sever. Mart._ 18.
[012-e] _Sever. Mart._ 19.
[013-a] _Sever. Mart._ 20.
[013-b] _Sever. Mart._ 21.
[013-c] _Sever. Mart._ 22.
[014-a] _Sever. Mart._ 23.
[014-b] _Sever. Mart._ 24.
[014-c] _Sever. Mart._ 25.
[014-d] _Sever. Mart._ 26.
[014-e] _Sever. Mart._ 27.
[014-f] _Sever. Mart._ 26 1–3.
[015-a] _Sever. Mart. praef._
[016-a] _Paul. Nol. Ep._ II. 11.
[016-b] _Sever. Dial. I._ 23. 3–7.
[016-c] _Sever. Dial. II._ 17. 4.
[016-d] _Sever. Dial. I^a._ 36. 3–6.
[017-a] _Sever. Ep. I_, 1. 10–15.
[017-b] _Sever. Ep._ 3. 6–20.
[018-a] _Sever. Dial. I^a._ 23. 7.
[018-b] _Sever. Dial. II._ 5. 6.
[019-a] _Dial. I^a._ 24.
[019-b] _Dial. I^a._ 27. 2–4.
[019-c] _Sever. Dial. I^a._ 4.
[020-a] _Sever. Dial. I._ 8. 5.
[020-b] _Sever. Dial. I._ 6. 1.
[021-a] _Sever. Dial. I^b._ 2.
[021-b] _Sever. Dial. II._ 10.
[021-c] _Sever. Dial. I^b._ 3. 1–5.
[021-d] _Sever. Dial. I^b._ 9. 1–5.
[021-e] _Sever. Dial. II._ 9. 4.
[021-f] _Sever. Dial. II._ 3. 7.
[021-g] _Sever. Dial. I^b._ 10.
[021-h] _Sever. Dial. I^b._ 11.
[021-i] _Sever. Dial. I^b._ 12.
[022-a] _Sever. Dial. II._ 14.
[022-b] _Sever. Dial. II._ 10.
[022-c] _Sever. Dial. II._ 14. 7–9.
[022-d] _Sever. Dial. II._ 14. 1.
[022-e] _Sever. Dial. II._ 15.
[022-f] _Sever. Dial. II._ 14. 6.
[022-g] _Sever. Dial. II._ 14. 6.