wahrhaftes von einem Zeitgenossen verfaßtes Lebensbild ausdrücklich
anpreist. Es besteht nicht aus einer fortlaufenden Lebensgeschichte,
sondern aus einzelnen Episoden, denen jeder Zusammenhang fehlt.
Der Inhalt ist folgender: Genovefa war in dem Pfarrdorfe Nanterre,
ungefähr sieben Meilen von Paris, geboren. Ihre Eltern hießen Severus
und Gerontia. Entscheidend für die Zukunft des Mädchens war sein
Zusammentreffen mit dem Bischof Germanus von Auxerre. Als dieser sich
zusammen mit Lupus von Troyes auf der Reise nach Britannien befand,
um daselbst den Pelagianismus zu bekämpfen, führte ihn der Weg durch
Nanterre. Mitten aus der Menge heraus, die seines Segens harrte, sah er
im Geiste die hochherzige Genovefa. Er ließ sie kommen, beglückwünschte
die Eltern zu ihrer Tochter und prophezeite, sie werde groß vor dem
Herrn und vielen ein bewundernswürdiges Vorbild sein; bei ihrer Geburt
hätten die Engel im Himmel große Freude gehabt. Auf sein Zureden
verspricht ihm das Mädchen, sich weihen zu lassen. Zum Andenken hängt
der Bischof ihr eine eherne Münze mit dem Zeichen des Kreuzes um den
Hals: er fand sie gerade auf der Erde. Einige Tage später an einem
Feste ging die Mutter zur Kirche, während sie der Tochter befahl, das
Haus zu hüten. Diese verlangt schreiend und weinend, ebenfalls den
Gottesdienst besuchen zu dürfen. Die Mutter aber blieb bei ihrem Gebote
und züchtigte das Mädchen, wurde aber sogleich mit Blindheit bestraft.
Erst nach zwei und drei viertel Jahren erlangte Gerontia durch Wasser,
das die Tochter vom Brunnen geholt hatte, das Augenlicht wieder. Die
Weihe der Genovefa vollzog Bischof Vilicus. Obwohl weit ältere Mädchen
zur Stelle waren, wurde sie doch zuerst geweiht. Nach dem Tode ihrer
Eltern zog sie zu ihrer Pathin nach Paris. Der zweite Abschnitt in dem
Leben der Genovefa wird wiederum eingeleitet, durch eine Begegnung mit
dem Bischof Germanus. Dieser war auf einer neuen Reise nach Britannien
begriffen, als er sich in Paris nach seinem Schützling erkundigte.
Obwohl das Volk sie herabsetzte, ließ er sich nicht abhalten, die
Herberge der Genovefa zu betreten. Er fand sie in großer Betrübnis und
den Boden ganz feucht von ihren Thränen. Nachdem er die Leute über
den göttlichen Beruf der Jungfrau aufgeklärt und sie ihnen anbefohlen
hatte, setzte er seine Reise fort. Seitdem tritt Genovefa bei den
öffentlichen Angelegenheiten von Paris in den Vordergrund. Als das
Gerücht ging, Attila sei in Gallien eingefallen, und die Bürger ihr
Eigentum in andere sichere Städte überführen wollten, redete die
Jungfrau davon ab, denn gerade die angeblich sicheren Städte würden die
Feinde verwüsten, Paris aber würde verschont bleiben. Zugleich berief
Genovefa die Pariserinnen zusammen, um mit ihnen unter Fasten, Gebet
und Nachtwachen die drohende Gefahr abzuwenden. Diese folgten ihr;
die Männer jedoch waren weniger gehorsam. Unwillig über die falsche
Prophetin, die sie hinderte, ihre Habe in Sicherheit zu bringen, nahmen
sie eine drohende Haltung gegen jene an. Da erscheint der Archidiakon
von Auxerre in Paris, weil Germanus der Genovefa ein so herrliches
Zeugnis gegeben habe. Er beruhigte die Pariser durch den Hinweis
auf die Prophezeiung seines Bischofs und überbrachte der Jungfrau
Geschenke, die ihr Germanus hinterlassen hatte. Beides beschwichtigte
die Bürger, so daß sie jetzt ihre Feindseligkeiten aufgaben. Ja
fürwahr, Genovefa, die Retterin von Paris steht Martin und Anian nicht
nach, von denen jener bei Worms eine Schlacht verhindert und dieser
Orléans vor den Hunnen gerettet hat! Mit Liebe und Verehrung hing sie
an dem Dorfe Catuliacus, der Grabstätte des Dionysius. Zu Ehren dieses
Heiligen beabsichtigte sie eine Basilika zu bauen, aber es fehlten
ihr die Mittel. Als ihr die Presbyter gewohnter Maßen aufwarteten,
mangelte es auch ihnen an Kalk. Genovefa, vom heiligen Geiste erfüllt,
prophezeite ihnen jedoch, sie würden auf der Brücke der Stadt zwei
Schweinehirten treffen, von denen der eine sich rühmte, beim Aufsuchen
einer gebärenden Sau einen Kalkofen von wunderbarer Größe gefunden zu
haben, der andere einen gleichen unter einem entwurzelten Baume. So
stand dem Ausbau der Basilika nichts mehr im Wege. Große Verlegenheit
trat jedoch ein, als den beim Bau beschäftigten Zimmerleuten der Trunk
ausging. Der Priester Genesius befahl der Genovefa, die Handwerker
aufzumuntern, bis er selbst aus der Stadt neues Getränk geholt hätte.
Genovefa aber half sich einfacher. Sie bekreuzigte unter Gebeten die
Kufe und füllte sie damit ohne weiteres bis zum Rande. Bis zum Ende des
Baues hielt der Trunk vor, sodaß die Zimmerleute sich davon gütlich
thaten. Der Frankenkönig Childerich war zwar Heide, aber Genovefa
verehrte und liebte er ganz unaussprechlich. Damit diese nicht die zum
Tode verurteilten Gefangenen befreite, ließ er einst das Stadtthor
hinter ihr schließen, als sie Paris verließ. Durch gute Freunde von
der Absicht des Königs unterrichtet, kehrte die Jungfrau sogleich
zur Befreiung der Unglücklichen zurück. Kein kleines Schauspiel war
es für das verwunderte Volk, wie sich das Stadtthor unter ihren
Händen ohne Schlüssel öffnete. Beim König setzte sie ohne Weiteres
die Begnadigung der Verurteilten durch. Ihr Ruf war sogar schon bis
in den Orient gedrungen. Der Säulenheilige Symeon von Antiochien
soll sich bei durchreisenden Kaufleuten nach Genovefa erkundigt und
sie unter ehrfurchtsvollem Gruße haben bitten lassen, seiner in
ihren Gebeten zu gedenken. Genovefa war häufig auf Reisen. In Laon
heilte sie ein gelähmtes Mädchen. Sehr oft weilte sie in Meaux, hier
schloß sich ihr Cilinia an, die schon Braut war, aber überwältigt von
Genovefas Wesen diese um die Weihe bat. Empört eilte ihr Bräutigam
nach Meaux. Die beiden Jungfrauen eilten in die Kirche und schlossen
sich im Baptisterium ein. So konnte Cilinia bis zu ihrem Ende ihre
Keuschheit bewahren. Ein lahmes Mädchen aus ihrem Gesinde, das sie
der Genovefa zuführte, heilte diese durch Berührung mit den Händen.
In Meaux kurierte Genovefa ferner einen Mann, der an Armschwund litt,
in einer halben Stunde. Die Heilige war in der Umgegend dieser Stadt
begütert. Bei der Ernte war sie selbst mit auf ihren Feldern und sah
von ihrem Zelte aus den Schnittern zu. Als einmal plötzlicher Regen
und Sturm die Arbeit zu stören drohte, warf sie sich zu Boden und
begann unter heißen Thränen zu beten. O Wunder! Alle Felder im Umkreise
benetzte der Regen, aber Saat und Schnitter der Genovefa erreichte
kein Tropfen. Kranke aus Meaux suchten sie in Paris auf. Ein Defensor
Frunimius aus dieser Stadt, der seit vier Jahren krank war, erlangte,
als sie seine Ohren mit der Hand berührt und bekreuzigt hatte, das
Gehör wieder. Eine wahre Odyssee bestand die heilige Jungfrau während
der Belagerung von Paris durch die Franken. Zehn Jahre lagen sie vor
der Stadt. Genovefa begab sich zu Schiffe nach Arcis-sur-Aube, um
Getreide zu besorgen. Als sie an den Ort gekommen war, wo ein Baum in
der Seine die Schiffahrt? hinderte, brach er auf das Gebet der Genovefa
von selbst entzwei, und zwei Ungeheuer von verschiedener Farbe zeigten
sich, deren entsetzlicher Geruch noch fast zwei Stunden die Schiffer
belästigte. Später soll hier kein Schiffbruch mehr vorgekommen sein.
In Arcis heilte sie die gelähmte Frau des Tribunen Pascivus. Von
hier ging die Reise nach Troyes, wo sie ebenfalls durch Wunderkuren
glänzte. Da es zwischen diesen beiden Orten eine Flußverbindung nicht
gab, mußte die Heilige von Arcis aus den Landweg eingeschlagen haben.
Jedenfalls kaufte sie das Getreide, um Paris zu verproviantieren, in
Troyes; denn dies war ja der Zweck dieser Reise. Auf dem Rückwege hielt
sie sich einige Tage in Arcis auf. Hier gab ihr, was doch ja nicht
zu verschweigen ist, die Frau des Tribunen, die sie auf der Hinreise
geheilt hatte, das Geleite bis ans Schiff. Die Wasserfahrt war wiederum
nicht ungefährlich. Es erhob sich ein starker Wind, der die Schiffe mit
dem Getreide zwischen Felsen und Bäumen schwer gefährdete. Genovefa
bat Christus mit erhobenen Händen um seine Hilfe, und sofort konnten
die Schiffe ihren Kurs weiter verfolgen. So rettete Gott elf Schiffe.
Der Priester Bessus lobte den Herrn und alle stimmten das Celeuma an,
den Schiffergesang! In Paris verteilte Genovefa das Getreide nach der
Dürftigkeit. Wer aber zu arm war, es selbst zu backen, erhielt von ihr
Brot. Eine andere Reise führte sie nach Orleans. Hier heilte sie ein
totkrankes Mädchen Claudia, die Tochter des Fraterna, und erlangte
die Freilassung eines schuldigen Dieners, dessen Herr erst mit einem
gefährlichen Fieber bestraft werden mußte, ehe er ihrer Bitte Gehör
schenkte. Von hier fuhr sie auf der Loire nach Tours. Auch auf dieser
Wasserreise beschäftigte sie sich hauptsächlich mit der Heilung von
Besessenen. Ein Trupp dieser Armen, der aus der Martinskirche kam,
begegnete ihr schon beim Hafen. Die bösen Geister schrieen, sie würden
zwischen Martin und Genovefa durch Flammen verzehrt, und bekannten
sich schuldig, ihr die Gefahr auf der Loire bereitet zu haben. Bei
einer Fahrt auf der Seine trat ein Unwetter ein, sodaß das Schiff vom
Winde gepeitscht und von Wellen fast bedeckt wurde. Als aber Genovefa
die Augen zum Himmel gewandt mit erhobenen Händen Gott um Hilfe bat,
änderte das Wetter sich sogleich. Für eine Nonne war nun Genovefa doch
ein bischen viel auf Reisen. Von Epiphanien bis zum Gründonnerstag
jedoch schloß sie sich allein in ihre Zelle ein und brachte mit Gebeten
und Vigilien ihre Zeit zu. Eine Frau, die gern wissen wollte, was
Genovefa in der Zelle trieb, büßte ihre Neugierde mit Verlust des
Augenlichts. Als aber am Schlusse der Fasten die Heilige ihre Zelle
verließ, machte sie die Unglückliche durch Gebet und Bekreuzigung
wieder sehend. In ihrer Zelle brachte sie auch einen Knaben wieder
zum Leben, der in einen Brunnen gefallen war und drei Stunden darin
gelegen hatte. Dieser erhielt bei der Taufe den Namen Cellumeris, weil
er in der Zelle der Genovefa sein Leben wieder erlangt hatte! Genovefa
erreichte das hohe Alter von über achtzig Jahren und wurde am dritten
Januar beigesetzt. Ueber ihren Tod und das ehrenvolle Begräbnis zieht
es der Verfasser vor, zu schweigen, weil er Kürze liebe! Dafür erwähnt
er zwei Wunder an ihrem Grabe. Ein Knabe Prudens wurde dort vom Stein
geheilt, und ein Gothe, dem beide Hände gelähmt waren, weil er am
Sonntag gearbeitet hatte, verließ gesund das über dem Grabe erbaute
Oratorium, nachdem er die Nacht vorher dort gebetet hatte. Der rauhe
Krieger König Chlodowech ruhmwürdigen Angedenkens hat oft aus Liebe
zu ihr Gefangene, ja auf ihre Fürsprache hin sogar schwere Verbrecher
losgegeben. Ihr zu Ehren hat er den Bau einer Basilika begonnen, die
nach seinem Tode die durchlauchtige Königin Chlodechilde vollendete.
Mit der Kirche ist ein dreifacher Porticus verbunden und Gemälde
schmücken sie, die die Thaten der Patriarchen, Propheten, Märtyrer und
Bekenner darstellen. So weit das »Leben der Genovefa«[195-1].
Nach des Verfassers eigener und ausdrücklicher Angabe wäre die Schrift
achtzehn Jahre nach dem Tode der Heiligen geschrieben, also gegen
das Jahr 520. Gleichwohl deutet er nirgends an, daß er Genovefa
persönlich gekannt habe. Gesehen hat er nur eine Reliquie von ihr, das
Oelfläschchen, mit dem sie ihre Wunderkuren verrichtete. Ebenso sind
seine Miteilungen an sich keineswegs derart, daß sie ihrer Natur nach
Glauben erwecken. Es mangelt durchaus das solide Gerüst, das in einer
wirklich auf persönliche Erinnerung zurückgreifenden Memorie auch
bei dem zweifelhaftesten Detail nie fehlen wird. Fleischstücke ohne
Skelett geben keinen Körper und auch die ausgetifteltsten Anekdoten
bringen kein glaubwürdiges Lebensbild zu Stande, wenn es im Uebrigen
an einem straffen innern Zusammenhang gebricht. Ueberdies sind dem
Verfasser einige schwere Versehen passiert, so wenn er Arcis am
Aube zwischen Paris und Troyes gelegen sein läßt. Am bedenklichsten
aber ist es, daß er sich für einen jüngeren Zeitgenossen seiner
Heldin ausgiebt, während er nachweislich sich an Schriftstellern des
ausgehenden sechsten Jahrhunderts genährt und nach andern untrüglichen
Anzeichen überhaupt erst im achten Jahrhundert gelebt hat. Er ist
also, litterarisch gewertet, einer von den frommen Fälschern, die zu
Anfang der karolingischen Zeit im Frankenreich massenhaft zu werden
pflegen, und zwar ist er der geriebenen einer. Ob er jedoch den Inhalt
insgesamt rundweg erfunden hat, ist eine andere Frage. Vielleicht thut
man ihm auch mit dieser Vermutung noch zu viel Ehre an. Selbst wenn
das Genovefagrab nur ein städtisches Heiligtum war und von auswärts
sich keines großen Zuspruchs erfreut haben sollte, es war doch die
heimatliche und centrale Kultstätte des Volkes von Paris und Umgebung.
Und ein Wallfahrtsort dieses Ranges kann schwerlich ohne seine eigene
Sage geblieben sein, ohne eine so oder anders fixierte Darstellung
dessen, was an diesem Orte eigentlich geglaubt und verehrt wurde.
Wenn auch nur in mündlicher oder schriftlich rudimentärer Form mag
der Verfasser die wichtigsten Anhaltspunkte für seine Mitteilungen
also vorgefunden, dann aber allerdings in einer unverantwortlichen
Weise für seine Zwecke benutzt und vergewaltigt haben. Aber auch seine
Unverfrorenheit vermochte seinem Stoffe den ihm anhaftenden Reiz
nicht vollständig zu benehmen; zeigen sich doch an der Genovefa von
Paris Züge reiner Heiligenlegende, die, auf der Erfahrung des Volkes
beruhend, dann eben auch sein Erzeugnis und sein Eigentum zu heißen
das Recht haben. Genovefa ist vor allen Dingen Korn- und Flußheilige
genau wie Verena. Ihre Herrschaft über die Elemente giebt ihrem Bilde
seinen eigentlichen Charakter: sie sorgt für sichere Schiffahrt und
wendet das drohende Gewitter von der Ernte ab. Wenn immer möglich,
geht sie auf Reisen und ist Nonne nur, so scheint es fast, um diesem
Postulat einer Heiligen wenigstens durch das Minimum der Askese während
der Fastenzeit nachzukommen. Im Uebrigen tritt sie sehr mann-weiblich
und riesenjungfräulich auf, wenn sie, als wäre sie mindestens
Maire von Paris, die Stadt während der Belagerung im großen Stile
verproviantiert, wenn sie ferner dem für sie schwärmenden Frankenkönig
mir nichts, dir nichts schwere Verbrecher frei verlangt, wenn sie
endlich jede unbeträchtliche Regung eines andern Willens selbst des
mütterlichen, oder einen Anflug harmloser Neugier im Handumdrehen mit
den denkbar härtesten Körperstrafen zu rächen pflegt. Sie enthüllt
sich damit als die echte Schwester von Verena, der Gauheiligen des
Aarethales, hinter der sich eine ehemalige Stammesgöttin der Alamannen
verborgen hat. Alles drängt darauf hin, in Genovefa, der fränkischen
Nationalheiligen, das christliche Nachbild der weiblichen Gottheit zu
erkennen, die, reiselustig wie sie geblieben ist, einst die Franken
auf ihren Zügen begleitete und darnach bei den Saliern um oder in
Paris sich niedergelassen hat. Ein großer Unterschied bleibt jedoch
zwischen der Alamannenfreia und der fränkischen Walküre. Während
Verena nur schlecht verschleiert unter die christlichen Heiligen
gegangen ist, unterzog sich die Frankengöttin einer eigentlichen
Seelenwanderung, indem sie sich mit einer geschichtlichen Heiligen
verband. Von dieser wissen wir freilich nicht mehr, als daß sie gelebt
hat und gestorben ist; aber für unsern Fall ist es alles, was wir zu
wissen brauchen. Höchstens sind in die Legende vereinzelte für uns
nun nicht mehr unterscheidbare Züge aus dem bescheidenen Leben der
Nonne mit untergelaufen. Ein leiser Zweifel läßt sich ja allerdings
angesichts der Dürftigkeit dieser Angabe nicht unterdrücken; es wäre ja
schließlich denkbar, daß die fränkische Königskirche, über Genovefas
Grabe errichtet, eben nur den ehemals heidnischen, vielleicht von
Nanterre in die Stadt verpflanzten Kult der fränkischen Freja für
das Christentum mit Beschlag belegen sollte. Doch dürfen wir nicht
klüger sein wollen, als unser Gewährsmann und nehmen daher an, eine
gottesfürchtige als heilig verehrte Frau, die obwohl vorfränkische
Christin, doch einen deutschen Namen trug, liege auf dem nach ihr
benannten alten Stadthügel von Paris begraben mit dem Schicksal,
ihr eigenes anspruchsloses Andenken an die Vorstellungen von einer
germanischen Göttin verloren zu haben.
Anhangsweise muß hier auch der deutschen Genovefasage des späteren
Mittelalters gedacht werden. Die Pfalzgräfin Genovefa von
Brabant[196-1] hat mit der viel ältern französischen Namensschwester
nur eben diesen Namen gemein. Aber in Dingen der Legende bedeutet das
bereits halbe Verwandtschaft. Als Kind einer so viel späteren Zeit
nimmt diese andere Genovefa eben an dem neuen Typus weiblicher Heiligen
teil, der in der Blütezeit mittelalterlicher Dichtkunst in Westeuropa
sich ausgebildet hat. Die mythischen Anflüge verblassen und machen
einem menschlichen Ideale Platz. So trägt denn diese späte Genovefa
keine Spuren vom übermenschlichen Hünenweibe mehr an sich; sie ist
der Gemeinschaft der Heidengöttin entrückt, zum rührenden Urbild der
verfolgten weiblichen Unschuld erniedrigt oder erhoben, wie man es nun
nehmen will.
Die merowingische Zeit hat dann gegen ihr Ende hin eine andere Heilige
hervorgebracht, an der sich die Verbindung einer geschichtlichen
Persönlichkeit mit einer weiblichen Gestalt aus der germanischen
Götterwelt weit deutlicher erkennen läßt, als an der so gut wie
unbekannten Genovefa von Paris: Gertrud, ein edles Mädchen aus dem
fränkischen Großengeschlecht der Arnulfinger, dem Stammhause der
karolingischen Dynastie. Sie wurde im Jahre 626 geboren. Ihr Vater war
der erste Pippin, die Mutter hieß Itta. König Dagobert wollte sie mit
dem Sohne des Herzogs von Austrasien verloben, sie widersetzte sich
aber. Dann starb ihr Vater, als sie vierzehn Jahre alt war. So zur
Wittwe und Waise geworden, suchten Mutter wie Tochter in gottgefälligem
Werk und Wandel ihren Trost, indem Itta auf den Rat des Bischofs
Amandus das Kloster von Nivelles gründete, Gertrud dagegen den Schleier
nahm und der mütterlichen Stiftung als deren erste Aebtissin vorstand.
Sie faßte ihren Beruf ernst auf und studierte Theologie, soweit es nur
immer in ihren Kräften stand; und zwar setzte sie sich dabei ebenso mit
der römischen als mit der irischen Schule auseinander. Im Jahre 652
starb ihre Mutter im Alter von sechzig Jahren zu Nivelles und wurde
daselbst in der Peterskirche beigesetzt. Da fand Gertrud, sie werde
durch die Klosterleitung zu sehr in Anspruch genommen und betraute mit
den häuslichen Geschäften Nonnen, mit den öffentlichen Mönche. Sie
selbst widmete sich von nun an ausschließlich ihrer eigenen geistigen
Bildung und brachte es zu einer fast wörtlichen Kenntnis der ganzen
Bibel, sowie zu einer ungewöhnlichen Fertigkeit der allegorischen
Auslegung. Daneben ließ sie Kirchen und andere Gebäude zu geistlichem
Zweck errichten und war immer bei der Hand, wo es galt, die Not der
Armut zu lindern. Als ihr Leben zur Neige ging, befragte sie Mönche und
Nonnen um ihre Wünsche in betreff der künftigen Aebtissin und setzte
dann ihre Nichte Wulfetrude, die Tochter des Majordomus Grimoald,
die sie sich herangezogen hatte, im Dezember 658 in ihre Nachfolge
ein. Drei Monate später, als sie sich in der Härte der geistlichen
Uebungen nichts nachgelassen hatte, ließ sie einen fremden Mönch im
Kloster zu Fosses anfragen, wann sie sterben werde. Die Prognose auf
den morgenden Tag traf zu. Sie starb, erst dreiunddreißig Jahre alt,
in der sechsten Stunde, an einem Sonntag. An einem Mönche von Nivelles
fand sie einen zeitgenössischen und zuverlässigen Verfasser ihres
Lebensbildes, einer Memorie im besten Sinn; denn er kann sich auf
ihm zu teil gewordene persönliche Mitteilungen der Heiligen berufen
und hat auch ältere Thatsachen, wie die Weigerung der Heirat, von
unantastbaren Gewährsmännern bezogen. Er schrieb ums Jahr 670. Neben
dieser litterarischen Verewigung sorgten die am Grabe und sonstwo
durch Gertrud bewirkten Wunderthaten für den Ruhm ihres Namens, dessen
Verehrung namentlich bei den Mainfranken und bei den Friesen früh
in Aufschwung kam und nach den besten Quellen mit den Anfängen des
Christentums im eigentlichen Deutschland aufs engste verknüpft ist.
Die hochgeborene Klosterfrau trug indessen den heidnischen Namen einer
germanischen Walküre. Keretrud ist die Speerjungfrau, die den Gegner im
Waffenkampfe niedertritt; noch heute bezeichnet das Wort Trude die den
Schläfer auf die Brust tretende Nachtmare, den im Traum reitenden Alp;
der Trude ist der fünfeckige Trudenfuß eigen, dessen Mißgestalt aus
dem Schwanenfuße der geflügelten Walküre entstanden ist. Außer der im
Namen gewährten Disposition zur Aufnahme heidnischen Inhaltes lag wohl
auch eine zweite, lokal und kultisch vermittelte vor. Vielleicht war
Nivelles, dessen alte Bezeichnung Nivialcha durch merowingische Münzen
festgestellt ist, ein wichtiges Heiligtum etwa der Nehelennia, der
deutschen Isis mit dem keltischen Namen. Diese Göttin hatte das Schiff
zu ihrem Symbol, und in der That hat das Trinkgeschirr, mit dem Gertrud
abgebildet wird, die Gestalt eines Schiffes. Außerdem sieht man sie
in den Darstellungen gelegentlich spinnen, auf einem Wagen fahren, ja
selbst zu Pferde. In der Abtei zu Nivelles, wo sonst ihr wunderthätiges
Sterbebette kirchlich verwendet wurde, wird nun ihr Wagen aufbewahrt.
Auch Gertruds Beziehungen zur Natur deuten auf mythische Züge. Der
17. März ist Gertrudentag und zugleich Frühlingsanfang. Ihre Vögel,
der Specht und der Kuckuck, sind Frühlingsvorboten. Ebenso hat die
Schnecke, das Tier der Jahresfruchtbarkeit und der Lebensdauer,
in Gertruds Dienst gestanden, und ihr besonderes Gefolgstier, die
Maus, zieht am Gertrudentag vom Haus aufs Feld. Aber die nächtlich
wühlende Maus kündet mit ihrem Erscheinen nicht blos die Reife der
Saat, sondern auch Mißwachs, Seuche und Tod an; Gertrud selbst wird
Allerseelenherrin; auch sie erscheint als weiße Frau, ja sogar als
weiße Maus. Nach älterem Kirchenglauben haben die Abgeschiedenen
ihre erste Station bei Sankt Gertrud und zwar nehmen die den Körper
verlassenden Seelen die Gestalt von Mäusen an. Um den Scheidenden eine
gute Herberge jenseits zu sichern, trank man ›Gertrudenminne‹, wie
man einst aus der Kufe das gesottene Bier zu Wodans oder Frejas Liebe
trank. Die der Kornmaus dargebrachten Ernteopfer leben noch heute
in der ›Mäusenudel‹ nach. Dieses Mehlmäuslein, das die oberdeutsche
Bäuerin mit dem ersten Frühlingsbeginn anfertigt, ist in Butter um ein
Salbeiblatt gebackener Eierteig, aus dem der Blattstiel gleich einem
Mausschwänzchen vorsteht.
2.
Genovefa und Gertrud sind, als Geschichtsheilige, doch Ortsheilige. Sie
sind dort verehrt worden, wo sie gelebt haben; höchstens wäre möglich,
daß sich ihr Andenken einem bereits bestehenden heidnischen Kultus
gefügt hat. Jedenfalls hat sich der Uebergang vom geschichtlichen zum
mythischen Namensträger auf dem Platz vollzogen, ohne daß der Wechsel
zugleich von einer Verpflanzung begleitet war. Anders bei Sankt Oswald.
Er ist Wanderheiliger und doch eine geschichtlich scharf umrissene
Persönlichkeit.
Oswald, der Sohn König Ethelfrids von Northumbrien, wurde im Jahre 604
geboren. Als nach des Vaters Tode Edwin sich der Krone bemächtigte,
mußte sich Oswald mit seinen Brüdern zu den Schotten flüchten.
Dort nimmt er das Christentum an. Nach Northumbrien zurückgerufen,
besiegte Oswald bei Deniesburna den König Kedwalla, bemächtigte sich
der Herrschaft im Jahre 635 und brachte es dahin, daß sich das ganze
Brittenvolk taufen ließ. Er suchte das durch Eanfred und Osric wieder
eingeführte Heidentum mit aller Macht zu verdrängen und gründete ein
Bistum auf Lindesfarn, einem Eilande an der Küste von Northumbrien.
Der Schotte Aidan, Oswalds Lehrer, ward als Bischof berufen. Im Jahre
636 vermählte sich Oswald mit der Tochter des westsächsischen Königs,
die samt ihrem Vater von dem Priester Birin in Oswalds Gegenwart kurz
vorher getauft worden war. Sie gebar Oswalden im Jahre 637 einen Sohn
Ethelwald. Bald darauf verheerte eine Seuche Northumbrien. Der fromme
König betrachtete dies als eine Strafe eigener Sünden, weinte und
betete. Bald wurde er selbst von Krankheit ergriffen und war dem Tode
nahe. Da erhob er seine Augen gen Himmel, und regte seine Lippen, als
ob er mit jemanden spreche. Als er sich erholt hatte, versicherte er
hellleuchtende Engel gesehen zu haben, von denen ihm drei die Palme
des Märtyrertums verhießen. Auch Tod und Todesstunde hatten sie ihm
bezeichnet. Seit dieser Stunde lebte Oswald noch frömmer als vorher,
theilte reichlich Almosen aus, bereute seine Sünden und gelobte nebst
seiner Gattin jeder Weltfreude zu entsagen. Am fünften August 642 fiel
Oswald, erst achtunddreißig Jahre alt, im Kampfe gegen Penda, den König
der heidnischen Mercier. Die Schlacht war bei Maserfeld geschlagen.
Oswald wurde als Märtyrer verehrt. Auf seinem Grabe geschahen Wunder.
Dieser geschichtliche Oswald hatte Anspruch auf einen doppelten
Nachruhm; denn er war Held und Märtyrer zugleich. Kirche und Vaterland
mußten ihm in gleichem Maße dankbar sein. Ein König, der von der
Bedeutung des Christentums durchdrungen ist, sucht es in seinem
Reiche zu verbreiten und fällt im Kampfe für seinen Glauben auf dem
Schlachtfeld. Das Andenken an ihn hat sich demnach begreiflicherweise
gespalten; die eine Hälfte ist in der nationalen Heldensage, die
andere in der kirchlichen Heiligenlegende aufgegangen. Jene hat zum
Merkmal abenteuerliche Seefahrten, diese einen Raben. Es gab eine
alte, für sich bestehende Sage von einer gefahrvollen und zauberhaften
Brautwerbung; der Held wurde von den Verwandten seiner Frau umgebracht.
Diese Sage fand in verschiedenen deutschen Stämmen Liebhaber: bei den
Gothen war es Otnit, bei den Franken der hörnerne Siegfried, bei den
Angelsachsen Oswald. Und dann erst bemächtigten sich die Normannen
der Sage und versahen sie mit der großen Meerfahrt, die aus ihrem
eigenen Leben entlehnt war. So entstand im zwölften Jahrhundert das
Gedicht von Sankt Oswald[200-1]. Obwohl diese Bestandteile alle in
andere Länder deuten, ist die eigentliche Heimat der Oswaldlegende doch
sozusagen ausschließlich Deutschland; außerhalb ist sie kaum bekannt.
Aber diese Popularität ruht auf kirchlicher Unterlage, insofern Oswald
seit den ältesten Zeiten im deutschen Alpengebiet ein vielgefeierter
Heiliger war. Besonders in Tirol ist er eine Art Stammpatron geworden,
und zwar schon frühe. Spuren von alten Oswaldgotteshäusern deuten
bis an die Grenze der Merowingerzeit zurück. Durch die ständige
Verbindung zwischen jenen Gegenden und dem brittischen Inselreich
in jener Zeit ist die überraschend schnelle Verpflanzung des Kultus
binnen eines Jahrhunderts nicht unverständlich, um so weniger,
sobald sich nun auch hier die Ueberzeugung beigesellt, daß der neue
christliche Dienst einen alten heidnischen abzulösen hatte. Von den
tirolischen Oswaldheiligtümern ist die Kapelle am Ifinger weitaus das
berühmteste. Hoch an diesem Granitgebirge, wo jede Vegetation schon
endet, liegt ein kleines von allen Seiten umschlossenes Thal; seine
Bildung deutet auf einen ehemaligen Gebirgssee. Die ärmliche Kapelle,
die dort steht, ist gewöhnlich geschlossen und wird nur geöffnet, um
die jährlichen Pilgerzüge aus Hafling oder Schönna zu empfangen.
Das Volk lebt des Glaubens, droben im Bergthale, in den Felsklüften
und nah dem ewigen Schnee, spende Oswald seine Gnade am liebsten. Wo
jetzt die Kapelle steht, erzählt man sich, wurde vor Alters in den
dichten Alpenrosenhecken von Hirten Oswald Bild gefunden; man trug
es nach Schönna hinunter und stellte es in der dortigen Kirche auf.
Doch siehe, kaum war die Nacht angebrochen, so stieg Sankt Oswald
leuchtend aus der geschlossenen Kirche empor und ritt dem Ifinger
zu, wo man ihn tags darauf wieder unter den Alpenrosen fand. Später
bekam das Bild seinen Standort in der alten Kirche Katharina in der
Schart zu Hafling, wo es sich noch heute befindet und nur mit den
Prozessionen jedesmal in die Kapelle hinaufgetragen wird. Es ist
eine meterhohe Statue: ein König hoch zu Roß, auf seinem Scepter ein
Rabe. Eine alte Freske im Dorfe Tartsch gibt den heiligen König zu
Fuß, in der rechten das Scepter, in der linken einen Aufsatz, darauf
ein Rabe, den Ring im Schnabel. Dieses Bild zeigt den üblichen fast
auf allen Darstellungen wiederkehrenden Oswaldtypus zum erstenmal.
Im Mund des Volkes heißt der Heilige ›Oswald‹, ›Aswald‹, ›Oanswald‹,
›Uanswald‹, ›Gaswald‹ und, als der mächtigste ›Wetterherr‹, heißt er
denn auch häufig schlechtweg so. Vorzüglich der Hagel liegt in seiner
Hand. Leicht ist er beleidigt und rächt sich an den Saaten. Die Bauern
wissen wohl, warum sie jedes Jahr zu ihm hinaufgehen; so oft sie es
nicht thaten, schlug er ihnen alles Getreide zusammen. Statteten
sie ihm aber ihren Besuch ab, so war auch er freundlich. »Ja, ja«,
sagten sie dann, »den Kindern und den Heiligen ist nicht gut etwas
versprechen, sie mahnen einen immer.« Ein anderer Gebrauch eröffnet
uns in das Wesen des Oswalddienstes noch einen tieferen Blick. Wenn
in Niederbayern Roggen oder Weizen ganz abgeschnitten ist, bleibt
auf dem letzten Acker der letzte Büschel stehen, am liebsten in der
Nähe des Weges, wo er von den Vorübergehenden gesehen werden kann.
In die Mitte dieses Büschels wird ein Stab gepflanzt, dann werden
die stehen gebliebenen Aehren mit noch andern abgeschnittenen so um
den Stock gebunden, daß eine menschenähnliche Figur daraus wird. Die
stehen gebliebenen und beigebrachten Aehren mit dazwischen gesteckten
Feldblumen werden so gebunden, daß Kopf und Hals entsteht. Dabei sind
je drei Halme zusammengeflochten; mehrere dieser Zöpfe zusammengenommen
bilden die Arme der Figur, die beide Hände auf die Hüften stützt. Ein
Gürtel trennt den obern Teil des Körpers von dem untern; das lange
Kleid bilden die stehen gebliebenen Halme. Diese Figur heißt man:
»Der Aoswald«. Während die Bursche den Aoswald machen, sammeln die
Mädchen die schönsten Feldblumen und schmücken ihn damit. Dann knien
alle im Kreis herum und beten: »Heiliger Aoswald, wir danken Dir, daß
das Getreide wieder gewachsen ist und daß wir uns nicht geschnitten
haben.« Nach dem Gebete wird nun dem Aoswald ein Walzer getanzt, wenn
möglich zum Schall einer Klarinette oder Schwegelpfeife. In einigen
Gegenden Niederbayerns wird der Aoswald nicht mehr mit dieser Sorgfalt
gemacht. Die Schnitter lassen einige Aehren stehen, binden sie
zusammen und schmücken sie mit Blumen. Sie knien herum und verrichten
ein Dankgebet. Einige machen mit der rechten Hand, ohne die linke zu
gebrauchen, aus den drei stehengebliebenen Halmen einen Knoten und
zieren ihn mit Blumen. Man sagt dabei: »Das ist für den Aoswald«. Der
Aoswald ist aber allgemein auch unter der Bezeichnung Nothalm bekannt.
Alle diese und ähnliche Gebräuche sind nichts anderes als uralte
Dankopfer, die dem Oswald, als dem Herrn der Feldfrüchte, dargebracht
werden. Auch Oswaldsquellen fehlen nicht. Der Jungbrunnen bei Sankt
Oswald macht frisch und gesund, heißt es im Tirol. Ein sehr begangener
Wallfahrtsort ist das Oswaldsbrünnlein im bayrischen Walde; eine andere
Lokalsage erzählt: Heidenheim, Anhausen und Heilbronn wurden von drei
Geschwistern erbaut, Heidenheim von der heiligen Walpurgis, Anhausen
vom heiligen Oswald, Heilbronn vom heiligen Willibald. Diese drei
Heiligen reisten miteinander und hatten einen Esel bei sich, der die
Quellen fand. Oswalds Tier dagegen ist der Rabe, sein unzertrennlicher
Begleiter. Die Alpenrosen, in denen einst sein Bild verborgen war,
heißen in Tirol Donnerrosen oder Oswaldsstauden.
Es gibt keine zweite Gestalt der Heiligenlegende, an der der verkappte
Wodan deutlicher und unmittelbarer zu Tage tritt, als an Oswald. Er war
auch durch Name und Stand auf das allergünstigste für diese Verkleidung
eingerichtet. Das englische Oswald entspricht dem hochdeutschen
Answalt. Der geschichtliche Held hieß somit das, was Wodan war: Walter
der Asen. Und außerdem war jener das, als was dieser gedacht wurde:
ein König. Die Identität beider Gestalten in der Legende läßt sich an
einigen Berührungspunkten deutlich feststellen. Nach dem Volksglauben
muß Oswald einen Raben um sich haben; der Rabe der Oswaldlegende ist
ein weiser Vogel, er ist der Ratgeber des Königs, er wird als kluger
Werber ausgesandt, ohne ihn kann der König das Angestrebte nicht
erreichen. Der Rabe sitzt Oswald entweder auf dem Szepter oder auf
einer Schulter. Auch dem Wodan saßen zwei Raben auf den Schultern und
waren auch ihm Boten und Ratgeber. Er sendet sie jeden Tag aus, die
Zeit zu erforschen, sie bringen ihm Kunde und raunen ihm ins Ohr,
was sie gesehen und gehört haben. Durch die Raben wird Wodan erst
allwissend und daher auch kurzweg Rabengott genannt. Die Oswaldquellen
führt die Legende auf einen Schwertstoß in die Steinwand zurück,
worauf der dicke Wasserstrahl hervorgerauscht sei und die mythische
Eigenschaft besaß, ein Jungbrunnen zu sein. Die Gleichheit Oswalds
und Wodans offenbart sich nun unzweifelhaft an ihrer Herrschaft
über das Wetter; die verehrte Wodansgarbe ist, um den Untergang zu
überdauern, zum Oswaldsopfer geworden. Und als der alte Asenkönig,
der einst im Thal verehrt wurde, dem Gott der Christen weichen
mußte, flüchtete er sich aus der Niederung in die Abgeschiedenheit
der Berge. Oben in der Einsamkeit bestand sein Dienst fort. Wodans
Bild wurde in den Alpenrosen gefunden und sollte künftig Oswalds
Bild im Thale sein. Aber aus der Kirche von Schönna ritt er nachts
lichtstrahlend fort, wie er auch sonst oft den Ritt in dunkler Nacht
liebte, als Schimmelritter, als Hackelberg, als himmlischer Fuhrmann
oder als Rodensteiner[203-1]. Ob nun aber diese Verbindung mit Wodan
sich schon in England eingestellt hat, oder erst in Oswalds zweiter
Heimat in Tirol und Baiern, wer vermöchte das bei der unsteten Natur
aller in Betracht kommenden Bestandteile noch heute zu entscheiden.
Und ebensowenig wird noch zu wissen sein, ob Wodan, dessen Bild in
Oswald sich immerhin unverkennbar ausprägt, ohne Konkurrenz in dieser
christlichen Verkleidung verborgen ist. Es mag erinnert werden, daß der
Oswald eigene Zug der Milde eine Eigenschaft des älteren Himmelsgottes
ist und daß auch die Verehrung seitens der Schnitter auf jenen deutet.
Doch kann gerade diese Uebertragung eben durch die Vermittlung der
Wodansvorstellnng erfolgt sein.
3.
Kehren wir von den Grenzländern im Osten nach Frankreich zurück, so
finden sich da keinerlei mythische Wucherungen der Heiligenlegende.
Nicht etwa weil es den Franken an Phantasie und Einbildungskraft
mangelte. Aber sie schöpfen entweder aus der Geschichte, aus ihrer
eigenen Vergangenheit, so in der Nibelungensage, die in ältester
Gestalt bei ihnen entstand, oder sofern sie mythische Stoffe
aufnehmen, aus der neuerschlossenen Kultur und übernahmen jene in
dichterisch abgeleiteter Form vom Bestande der antiken Poesie, so
in der Sage von Wieland dem Schmied. Zu mythischer Produktion aber
findet sich bei ihnen nirgends die leichteste Anwandlung. Sie waren
zu sehr realistisch, zu sehr ein Volk der That, um sich beschaulich
an die Natur zu verlieren. Die Lust zum fabulieren, die bei ihnen,
dem jungen lebensfrischen Volke, nicht fehlte, war ausschließlich
episch beschaffen; keine alte Göttersage ist auf geschichtliche
Verhältnisse übertragen, alles bleibt auf menschlichem Boden[203-2].
Und so entspricht es denn nur diesem fränkischen Stammescharakter,
wenn auch ihre Heiligenlegende in keinem organischen Zusammenhang
mit dem heidnischen Götterglauben steht. Die Fortbildungen über die
geschichtliche Ueberlieferung hinaus, ohne die eine inbrünstige
Verehrung heiliger Dinge undenkbar ist, verliefen daher durchaus im
Bezirke der Wirklichkeit. Berührungen mit der Götterwelt, sei es
der eingeborenen keltischen oder der durch die Franken importierten
germanischen, waren nicht zu vermeiden, da ja die Heiligen eben jene
Götter verdrängen und ersetzen sollten: so haben wir an der Genofeva
von Paris unverkennbare Spuren des Mythus wahrgenommen und werden
solche noch deutlicher beim heiligen Julian wiederfinden. Aber trotz
alledem handelt es sich höchstens um einen Austausch an der Grenze. Dem
Wesen nach bleibt die fränkische Heiligensage der Göttersage fremd, wie
nun an den fränkischen Volksvorstellungen von Sankt Martin des näheren
erwiesen werden soll, allerdings nur zur Ausnahme an alten Zeugnissen;
im ganzen handelt es sich um mittelalterliche Anschauungen, die aber
bei dem Beharrungsvermögen gerade der Volksgedanken und -Gebräuche
recht wohl weit höher hinaufreichen mögen, als sich heute noch
bestimmen läßt.
Der französische Martin unterscheidet sich von dem geschichtlichen
zunächst nur durch die Steigerung und Erweiterung der Lebensgeschichte,
ohne sich sprunghaft davon zu entfernen oder die Erzählung in einer
ganz anderen Vorstellungswelt fortzusetzen. Ihre Bereicherung der
Martinsgeschichte über die Memorie und die Gregorische Forschung hinaus
besteht zunächst nur in einigen ergänzenden Episoden, die, wenn man
nicht näher zusieht, Wahrscheinlichkeits halber eben so gut geschehen
sein können[204-1]. Im zwölften Jahrhundert wurde von Tours aus die
Sage in Umlauf gesetzt, Martin habe auf der Rückreise von Rom über
den großen Bernhard dem Kloster Saint Maurice im Wallis einen Besuch
abgestattet, und da keinerlei Reliquien mehr erhältlich waren, haben
auf sein Gebet hin die Blumen des ehemaligen Schlachtfeldes plötzlich
rosaroten Tau von dem einst blutgetränkten Boden aufgesogen; den habe
Martin in Phiolen gesammelt und von diesen kostbaren Reliquien ein
Fläschchen in Tours, ein anderes in Angers und ein drittes in Candes
deponiert, ferner dehnte sich das Missionsgebiet, das geschichtlich
als Martins Wirkungskreis bezeugt ist und außer wenigen Reisen nach
Nordosten die Marken der Diözöse Tours kaum überschritt, in der Sage
beträchtlich aus. Von Italien nach seiner späteren Heimat im Herzen
Galliens und von hier nach Trier — diese beiden Reisen, zweimal
unternommen, sind indessen nach Severus die einzigen, die ihn nach
seiner Bekehrung aus der Touraine hinausgeführt haben. In Paris, wo
wir ihn einmal finden, kann er sich auf dem Wege nach Trier aufgehalten
haben. Dem gegenüber will es nun aber die spätere französische Sage
nicht anderes haben, als daß Martin nicht etwa nur durch seinen
Einfluß nach seinem Tode sondern durch seine Anwesenheit schon bei
Lebzeiten der Apostel von ganz Gallien gewesen sei. Am ehesten mag
Martin noch in den seine Diöcese unmittelbar nördlich begrenzenden
Landschaften, in der Vendôme und in der Umgegend von Chartres wirklich
missioniert haben. Aber schon für seine Anwesenheit in der Maine und
Le Mans selbst fehlen sichere Spuren und gar in der Normandie ist
er nie auch nur entfernt gewesen, mögen nun die Lokalsagen dieser
Gegenden davon soviel berichten als sie wollen. Ob dann die vielfach
eine fortlaufende Linie bildende Reise von Martinsortschaften in
der Richtung von Paris nach Reims und von Reims nach Trier durch
Luxemburg, mit irgendwelchem Andenken an die von Martin eingehaltene
Reiseroute zusammengebracht werden dürfen, muß ebenfalls dahingestellt
bleiben. In Flandern erhebt das Dorf Phalemgie bei Lille und ebenso
Cysoing den Anspruch, von Martin bekehrt worden zu sein. Ueberdies
geriet in Belgien dann Martins Andenken mit dem angeblich im Jahre
276 verstorbenen durchaus sagenhaften Bischof Martin von Tongern
in Collision. Besser steht es vielleicht mit den Behauptungen der
südöstlich von Tours gelegenen Teile Galliens, da wenigstens für die
Auvergne der sorgfältige Gregor Martins Besuch am Grab der Vitalina in
Arthonne bei Riom berichtet[205-a]. Durch Savoyen und Burgund kann er
ferner auf der Reise von Italien her gekommen sein; ganz unglaublich
dagegen ist seine angebliche Missionsarbeit in der Centralschweiz.
Nicht weniger begierig auf den Ruhm von Martins Anwesenheit erwies sich
Südfrankreich, wofür jedoch höchstens Vienne in der Grabschrift einer
Christin einen einigermaßen prüfenswerten Anhaltspunkt aufzuweisen
in der Lage ist. Ja sogar das Concil von Saragossa im Jahre 380 soll
Martin besucht haben, und wäre dann also sogar in Spanien gewesen.
In allen diesen Bestrebungen, Martins irdische Wirksamkeit überall
da nachträglich zu lokalisieren, wo seine Verehrung in Blüte stand,
erkennen wir eine parallele Erscheinung zu den Gründungssagen
fränkischer Bistümer und können daher von Legendenzügen reden, die
von Tours aus sich mehr oder weniger durch ganz Frankreich erstreckt
und die Lokaltraditionen, wo sich nur irgend eine Disposition fand,
für Martin in Beschlag genommen haben. Die Folge davon war nichts
geringeres als die Erhebung Martins zum Nationalheiligen Frankreichs.
Selber ein alter Kriegsmann, wurde er nun vor allem der Patron der
französischen Waffen. Schon die merowingischen Könige ließen sich
Martins Mantel in die Schlacht nachtragen. Später wurde er der Herr
der Reiter und der Reisenden; an der Thür einer Martinskapelle, an
der man vorbeiritt, eines der Hufeisen als Votivgeschenk anzunageln,
war ein verbreiteter Brauch. Hatten diese Seiten von Martins heiliger
Schutzherrschaft noch in Martins Lebensgeschichte ihren unverkennbaren
Rückhalt, und ist es auch durch die Mantelepisode des fernern genügend
begründet, wenn Schneider und Tuchhändler des Mittelalters ihre
Gilde in Martins Obhut befahlen, so findet dagegen sein Patronat
über die Gastwirte und jede Art von Weingewerk keine einleuchtende
biographische Erklärung. Immerhin ist diese Beziehung alt; schon
im sechsten Jahrhundert verehrte man bei Tours einen Weinstock als
von Martin gepflanzt[206-a], und wandte sich ein armer, durstiger
Fährmann, der an Epiphanien nicht hatte, woran sich gütlich thun, an
Martin mit den Worten[206-b]: »O heiliger Martin, verschaffe mir doch
heute zum Festtag ein Glas Wein, damit ich nicht allein nüchtern zu
bleiben brauche, wenn die andern sich’s schmecken lassen«. Die Pariser
Genossenschaft der Weinleute führte den heiligen Martin in ihrem
Schilde mit den Spezialattributen des Schlüssels und der Glocke. »Zum
großen Sankt Martin« nannte sich in gewissen Gegenden Frankreichs
jedes andere Wirtshaus. Aber auch der Gunst der Gäste erfreute sich
Martin, an so ziemlich allen Wechselfällen eines fröhlichen Zechers
ist sein Name im französischen hangen geblieben; sich etwas leckeres
zu Gemüte führen heißt _faire la Saint-Martin_; über den Durst trinken
_martiner_, der Rausch _le mal de Saint Martin_. Daß diese französische
Vorstellung unter Einwirkung der germanischen Martinslust entstanden
ist, sei es nun durch Entlehnung, sei es durch Einwirkung des deutschen
Elements im fränkisch-französischen Blut, mag angenommen werden. Doch
war dies immerhin nur der Martin der städtischen Gilden. Sankt Martin,
wie sich ihn im alten Frankreich die Bauern aus der freischaltenden
Einbildungskraft des Volkes herausdachten, ist vor allem, was er auf
Erden in der That gewesen war, der unermüdliche Arbeiter, der nicht
Rast noch Ruhe kennt. Immer befindet er sich unterwegs, und immer hat
er es eilig, bald bindet er sein Pferd an einem alten halbzugeschneiten
Glockenturm an, bald läßt er den Fuhrmann, der ihn führt, so rasend von
dannen fahren, daß Wagen und Räder in Stücke gehen. Besonders populär
wurden dann der Esel und der Stock des Heiligen. Schon der spätesten
Merowingerzeit mag folgende Sage angehören[206-c]: einst wallfahrteten
Sankt Martin von Tours und Sankt Maximin von Trier einträchtig zusammen
nach Rom. Martin ist gegangen Speise zu kaufen, und Maximin, der den
Esel seines Freundes hüten sollte, war eingeschlafen. »Wo ist unser
Esel hingekommen?« fragte Martin, als er zurückkam. Es stellte sich
heraus, daß ein Bär jenen gefressen hatte. Man ließ nun den Bären
kommen und hielt ihm eine Strafpredigt: »Da du so dumm warst, diesen
armen Esel, der unser Gepäck trug, aufzufressen, wirst du nun so gut
sein, und ihn ablösen.« Wohl oder übel mußte die Bestie gehorchen und
trug ihnen ihr Reisebündel geduldig nach Rom. An der Martinsquelle
von Nieuil[207-a] erzählte man sicher schon im sechsten Jahrhundert,
hier habe der Heilige einst zu seinen Lebzeiten, einen Mann getroffen,
der Wasser in einem kleinen Kruge trug. Martin bat ihn seinen Esel zu
tränken, damit er weiter reiten könne; jener aber ließ ihn hart an, er
solle zu dem Sodbrunnen gehen und selber schöpfen. Eine Frau jedoch,
eine zweite Rebekka, entsprach dem Anliegen. Um diese zu belohnen,
betete der Heilige an eben dieser Stelle eine lebendige Quelle aus
dem Boden. Und bei dieser Quelle wird ein Stein aufbewahrt, wo sich
der Huf des Esels eingedrückt hat auf dem der Heilige ritt. Unzählig
sind nun aber die Steine, da der Heilige mit seinem Holzschuh die
Fußspur eingedrückt hat, damals als er vor dem Teufel flüchtend in
einem gewaltigen Sprunge über ein ganzes Thal hinwegsetzte. Zweifellos
sind es alte Druidensteine, die diese Umdeutung erfahren haben;
einige darunter dienen noch heute den Bauern zum Versammlungsorte,
andere sind Schlupfwinkel für allerlei Hexenkünste geworden. Am
besten kommt aber der leitende Gedanke von Martins Wirksamkeit, der
gewaltige titanenhafte Ringkampf mit dem Teufel in der Sage der Insel
Yen zum Ausdruck. Der Heilige verlangte vom Teufel, er solle ihm eine
Brücke schlagen, vom Festland bis zur Insel auf die Entfernung einer
Nachtreise, fünfzehn Meilen lang, damit er trockenen Fußes hinüber
könne. Um sich Martin auf diese Weise zu verpflichten, wälzt der
Teufel, alle Felsblöcke der Umgegend, deren er habhaft werden kann,
ins Meer; beim Tagesgrauen bemerkt er jedoch, daß eine unbesiegbare
Gewalt ihm zur Vollendung des Werkes im Wege stand. Um auf jene
Martinsquellen zurückzukommen, so zählen sie im Lande herum nach
Hunderten. Die meisten sind jedoch nicht durch bloßes Gebet entstanden,
sondern mit dem Stocke Martins aus dem Boden geklopft. Dieser Stock
ist so sprichwörtlich geworden, daß er durch den Namen Martins allein
bezeichnet wird: ›_Par mon martin!_‹ war ein Kraftausdruck der
Jeanne d’Arc und bedeutete: »Bei meinem Stecken!« »_Martin bâton!_«
findet sich bei La Fontaine gesagt. Vielleicht schwingt auch hier
eine dem Heiligen ursprünglich fremde mythische Beziehung mit, die
im Namen Martin, das heißt »kleiner Mars«, angedeutet sein kann, uns
aber unerklärlich bleibt. Ebenso mögen bei der Cappaprozession in
Tours oder andern fränkischen Martinsgebräuchen Göttervorstellungen
hineinspielen. Aber nicht nur da, sondern auch bei Martins Wirksamkeit
als Wetterheiliger, von der anderswo zu reden ist, kann es sich immer
nur um mehr oder weniger starke Entlehnungen und Berührungen, aber
ja nicht um wesentliche Eigenschaften handeln. Dem Kern nach ist der
französische Martin eine Verklärung des geschichtlichen Martin und
somit reine Sage.
Ganz anders der deutsche Martin, wie er hauptsächlich dem Rhein
entlang verehrt wurde und dem englischen Georg an die Seite trat. Da
haben sich nicht die geschichtlichen Ansätze episch ausgefasert und
verzweigt, vielmehr hat ein dem geschichtlichen vollständig heterogenes
Element, ein Mythus, dem historischen Stamm aufgepfropft, an diesem
ganz andere Früchte gezeitigt. Im allgemeinen wird man immer noch
von dem Wodans-Charakter des deutschen Martin reden dürfen, sobald
man im Auge behält, daß der Allerweltsheilige hie und da auch Züge
schon des älteren Himmelsgottes an sich haben könnte. Leider ist nun
aber Wodan in seiner christlichen Maske im einzelnen durchaus nicht
deutlich, sowenig an der Thatsache dieser seltsamen Verkleidung noch
zu zweifeln ist. Es mag hier nur ganz im allgemeinen der Berührungen
gedacht werden[208-1]. Die Verschmelzung lag um so näher als beide,
der Gott und der Heilige, von sich aus mit Mantel, Roß und Schwert
gedacht wurden. Das mythische Herbstpferd heißt Martinspferd, auch sein
Huf drückt sich im Steine ab, der gewaltige Mantel Martinsmantel, der
wilde Jäger Junker Märten, die wilde Jagd Martinsgestämpe. Man trank
Martinsminne und brannte Martinsfeuer; man sprach von Martinsgerte und
Martinshammer. Mythisch ist auch der Martinsvogel auf dessen Gesang und
Flug man achtete, aber ja nicht zu verwechseln mit der Martinsgans.
Sie bildet mit dem Martinshorn und dem Martinswein die Martinslust,
die deutliche Fortsetzung der alten Opferschmäuse. Eine symbolische
oder historische Bedeutung dürfte bei der Wahl der Gans nicht zu
suchen sein; die Gans gedeiht um den Martinstag herum am besten, und
deutsche Gänse waren schon bei den Römern so berühmt, daß Plinius
den deutschen Namen dafür kannte, so gab sie den besten Schmaus ab.
Und der gütige Gott Wodan, der zur Zeit der kürzesten Tage die Armen
und Kinder besucht und beschenkt, heißt keineswegs nur Klaus oder
Ruprecht, sondern in Bayern Pelzmartle, in Schwaben Pelzmärte und in
Norddeutschland das Martinsmännchen. Auch wurde die Adventszeit früher
allgemein sechs Wochen vor Weihnachten begonnen, sodaß der erste
Sonntag im Advent gleich auf den Martinstag fiel; infolgedessen hießen
auch die mit dem Advent verbundenen Fasten _Carême de St. Martin_. Noch
jetzt schließt das bäuerliche Jahr mit dem Martinstage, bis zu dem alle
Pachtungen gehn. Martini war überdies einer der drei Termine für die
großen Volksversammlungen, die sogenannten ungebotenen Gerichte. Es
sei nochmals hervorgehoben, daß dergleichen mythische Beziehungen zu
Martin versteckt oder offen auch auf außerdeutschem Boden anzutreffen
sind; dennoch wird man, solange eine genauere Untersuchung noch
aussteht, an dem Unterschied festhalten und von einem französischen
und von einem deutschen als von einem epischen und einem mythischen
Martin reden dürfen. Martin genoß ja während des Mittelalters im
westlichen Abendland eine beispiellose Verehrung, mit der nur eben
noch Petrus und die Muttergottes es aufnahmen, sodaß auf einer so
ausgedehnten Kultusfläche fast notwendig die Eigenart einer ganzen
Rasse zu ihrem Rechte gelangen mußte. Am Ende des Mittelalters gilt
mehr als je das Wort Gregors, Martin sei der Spezialheilige der ganzen
Welt[209-a]. Als aber am elften November 1483 das Tags zuvor geborene
Söhnchen des Bergmanns Luther zu Eisleben Martin getauft wurde, war
den katholischen Heiligen ihr gefährlichster Feind erstanden. Zwar
hat sich der Namenspatron seiner Sympathie erfreut: »Solch Ding
sollt man aus den Legenden der Heiligen klauben als in der Historia
von Sankt Martino steht«[209-1]. Aber Luthers Werk bedeutete darum
für die Kirchenheiligen das Ende der Weltherrschaft, weil sich die
Protestanten des polytheistischen Wesens der Heiligenverehrung bewußt
wurden: »Den einzelnen Heiligen sind bestimmte Geschäfte übertragen,
wie daß Anna Reichtümer spende, Sebastian vor der Pest helfe, Valentin
die Fallsucht heile, Georg die Ritter beschütze. Solche Meinungen sind
aus heidnischen Vorbildern entstanden. Denn so meinten die Römer, daß
Juno reich mache, Febris das Fieber abhalte und Pollux den Ritter
verteidige[209-2]«. Hatte das Christentum die Götter entfernt, so
zerschlug die Reformation mit den heiligen Bildern deren nachträgliche
Verkleidungen. Damit zerbrach sie die hauptsächlichsten Stützen der
dynamischen Welterklärung, ohne jedoch die nun langsam erstehende
mechanische Auffassung der Dinge sich anzueignen, die den Menschen in
Versuchung führt, nicht nur ohne Götter, sondern auch ohne Gott zu
leben.
Zweites Buch.
Das Heiligengrab.
Die Heiligenleben sind nun aber nur die eine Seite der auf uns
gelangten Ueberlieferung. Die andere, wie sie denn überhaupt niemals
gelehrter Natur war, tritt dem Besucher von Frankreich auf Schritt und
Tritt im öffentlichen Leben entgegen und ist so trivialer Art, daß
heute kaum Jemand mehr an ihre ursprüngliche Bedeutung zu denken sich
bemüßigt fühlt: Place Saint Martin, Boulevard Saint Germain, Porte
Saint Denis, Bibliotheque Sainte Genevieve. Es handelt sich dabei
um die säkularisierten Reste eines sepulkralen Andenkens, das dem
schriftstellerischen Andenken zur Seite ging, wenn nicht gar vielfach,
als die primäre Instanz, ihm zur Grundlage diente. Von einander
unabhängig sind die beiden Formen der Tradition jedenfalls nicht
gewesen. Da aber hier und dort die Heiligen zu einem guten Teil ganz
andere sind, geht schon daraus hervor, daß die kultische Ueberlieferung
sich nicht vollkommen deckt mit der litterarischen, sondern bei einem
halben Zusammenhang mit ihr zur andern Hälfte eigene Wege geht.
Als Organisation ist das kultische Andenken allerdings ein Werk des
Priesterstandes; aber der Substanz nach haben wir es hier durchaus
mit einer naiven Schöpfung der Volksseele zu thun. An sich ist
das Material ausgedehnter und schwerer zu überschauen, als der in
zahlreichen, aber immerhin zählbaren zeitgenössischen Viten vorliegende
litterarische Traditionsstoff; und doch wird die Darstellung der
wesentlichen Erscheinungsformen des Heiligenkultus sich ungefähr auf
die Hälfte des Umfanges zusammendrängen lassen, den die Schilderung
der merowingischen Heiligenschreibung für sich in Anspruch nahm.
Hiefür ist der hauptsächliche Grund folgender: dort galt es immer
aufs neue Rücksicht zu nehmen auf originale persönliche Art mit all
der Verästung und komplizierten Linienführung eigenen Lebens, die
in der kurzen Spanne zwischen Geburt und Tod immer wieder neu und
immer wieder anders war; und damit nicht genug, galt es dann noch
dem Auswachsen persönlichen Andenkens ins Riesenhafte und Mythische
nachzugehen, der Teilnahme armseliger Einzelleben an den kolossalen
Naturgestaltungen ganzer Völker. Auf dem Gebiete, das wir nun betreten,
wird uns ja teilweise ähnliches begegnen; aber das wird dann nur ein
Hinübergreifen, ein partielles Sichdecken sein. Der Unterschied ist
weit beträchtlicher als die Uebereinstimmung, und in dieser Differenz
liegt das entscheidende Wesen. Nicht auf frommen Vorstellungen ruht
hier das Schwergewicht, sondern auf frommen Handlungen. Und während
die Ansätze zu Kristallisationen der Vorstellungen zwar dort nicht
fehlen, aber stets auseinandergespült werden durch das beständig
zuströmende originale Leben, das, wenn auch noch so bescheiden, aus
jeder wirklichen Heiligenexistenz quoll, so stehen hier breit und
beherrschend nicht individuelle Mächte im Vordergrunde, sondern
Gattungen, Typen. Gewiß fehlte das Persönliche nicht, aber es fehlte
als primäre, aus eigener Wurzel bezogene Triebkraft und spielt sich
statt dessen nur parasitenhaft auf der Rinde der Gattung ab. Nicht das
Moment der Entwicklung, sondern das Moment der Stetigkeit überwiegt nun.
Nie ist in der abendländischen Geschichte eine ganze Volksmasse
religiös so imprägniert gewesen, wie die Franken unter den Merowingern,
sobald wohlverstanden von dem normalen Volksleben im Staate die
Rede ist, nicht von momentanen Impulsen wie den Kreuzzügen oder der
Reformation, und sobald ferner ›religiös‹ unter Verzicht auf den
sittlichen Gehalt lediglich die Furcht vor Gott bedeutet. Um dem
Wesen eines solchen enormen und formlosen Klumpens von Religiosität
mit unserer Erkenntnis beizukommen, haben wir den Stoff unter
drei Stichbegriffe verteilt: Name, Kraft und Wunder. Volkstümlich
ausgedrückt, handelt es sich bei dieser Einteilung um die Schale, um
den Kern und um die Wirkung des Kernes auf den, der ihn verschluckt hat.
Unsere Quelle ist nun fast ausschließlich Gregor von Tours in seinen
acht Büchern der Mirakel. An Vollständigkeit darf uns hier nicht
so viel gelegen sein, als an einer möglichst typischen Einsicht in
den Sachverhalt; und da wird man sich zweimal besinnen, ehe man
irgend eines der andern keineswegs seltenen Zeugnisse in die Nähe
einer Aussage Gregors erhebt. Er bedient uns hier mit der andern
Seite seiner hagiographischen Qualitäten, ein Unterschied, dessen er
sich wohlverstanden selber bewußt ist; spricht er doch gelegentlich
ausdrücklich von einer Differenz zwischen dem Andenken an die
historische Person und dem Kultus an ihrem Grabe[211-a].
Vierter Abschnitt.
Der Name.
Aus dem Frankenreich der Merowinger sind uns etwa zweihundert
Gotteshäuser bekannt, die den Namen eines christlichen Heiligen tragen.
Die durch diese Kirchennamen repräsentierte Heiligenversammlung
stellt sich äußerst bunt dar; von den christlichen Urheiligen bis zum
kleinen Lokalmärtyrer sind zugewanderte und einheimische Selige in
gemeinsamer Verehrung vertreten. Und nicht etwa so, daß in abgeteilten
Bezirken hier Fremde und dort Landesbürger hausten, sondern gemischt
und gekreuzt zwischen Morgenländern ein Kelte und zwischen Germanen
ein Kind des Südens. Der nationale Charakter der alten fränkischen
Landeskirche verrät sich indessen auch hier. Das Gros ihrer Heiligen
ist eben doch autochthon, was in diesem Fall freilich weniger besagen
will, sie seien eingeboren, als sie seien in der heimischen Erde
bestattet. Diese Heiligengräber gruppieren sich um eine Metropole,
die deren mehrere enthält und diese wieder werden überragt von dem
Reichsheiligtum in Tours. Nicht nur unter sich, sondern auch mit dem
Auslande unterhielten diese Kultusstätten einen lebhaften Verkehr, der
sich teils als Reliquientausch, teils als Missionspropaganda äußerte.
Zehntes Kapitel.
Die Grundheiligen.
Frankreich hatte im sechsten Jahrhundert noch elf kirchliche
Provinzen[212-1].
Die Hauptstadt der »Ersten Lyoner« beherbergte in ihrem römischen
Mauerring nur eine Johannisbasilika, in deren Krypta Irenäus mit
den Märtyrern Epipodius und Alexander beigesetzt war. Westlich oder
südlich der Römerstadt lag das Mausoleum einer heiligen Frau. Außen am
Stadtbann erhob sich die Nicetiusbasilika zwischen Saône und Rhone,
die erst den Aposteln geweiht gewesen war. Die Lage der Helius- und
Marienkirche ist nicht mehr zu bestimmen. Auf einer heute mit dem
Lande verbundenen, damals von beiden Strömen bei ihrem Zusammenfluß
gebildeten Insel im Osten des römischen Lyon stand die mächtige
Märtyrerkirche von Ainay. Eine Stunde oberhalb lag ein Kloster auf
der Insel Barbara in der Saône. Auf der Südgrenze gegen Vienne zu
befand sich das Symphorianskloster von Ozon, und ihm diametral
entgegengesetzt in der Nordostecke am Jura das uns bereits bekannte
Kloster des Romanus, das damals noch nach Eugendus und später nach
Bischof Claudius hieß. Lyons kultischer Sagenkreis enthielt folgende
Anekdoten[212-a]. In der Irenäuskrypta strahlt bisweilen ein heller
Schein. Die Krypta des Helius barg ein schönes Grabmal dieses Lyoner
Bischofs aus der decianischen Verfolgung. Im Raume war inschriftlich
über der Eingangsthüre das die Nacht nach der Beisetzung von einem
Heiden begangene Sacrilegium erwähnt. Gregors Verwandter, Bischof
Nicetius oder Nizier, zollte diesem seinem Vorgänger besondere
Verehrung. Er selber erwies sich dann, noch nicht einmal im Grabe,
schon bei seinem Leichenzug wunderkräftig; ein blinder Knabe ließ
sich, einer inneren Stimme folgend, durch die Schaar weiß gekleideter
Kleriker hindurch unter den wandelnden Sarg stoßen; dort rief er den
Heiligen an und erlangte das Augenlicht. In der Stadtkirche zeigte
man einen Evangelienschrein, eine Schale und einen Kelch, die einst
Kaiser Leo als Dank für die durch einen Lyoner Obersthelfer bewirkte
Heilung seiner besessenen Tochter gestiftet hatte; die Gegenstände
waren aus reinstem Golde gewesen und mit echten Juwelen besetzt;
aber leider hatte der Ueberbringer in der Alpengegend bei einem
Goldschmid übernachtet, der ihm bei Gewinnteilung Ersetzung echter
Bestandteile durch Imitationen vorschlug; nur den Kelch ließ er
unberührt, weil dort die Edelsteine stärker als blos mit Golddrähten
befestigt waren. Die Strafe war, daß beide, bei der Rückkehr des
Boten, nachts im einstürzenden Zimmer erschlagen wurden. Von jener
unbekannten Frau, die vor der Stadtmauer begraben lag, hieß es, sie
habe den Schuh des Märtyrers Epipodius aufgefangen, als er ihm auf
dem Gange zum Richtplatz vom Fuße fiel. In der Marienkirche hatte von
einem kinderlosen adeligen Ehepaar, das die Kirche zum Erben seiner
Güter einsetzte, der verstorbene Gatte sein Grab, an dem die noch
lebende Gemahlin täglich ihre Andacht verrichtete. Nördlich von Lyon
lagerte sich das Gebiet der ihm unterstellten Bistümer. In Autun
war der Kirchhof ein Sammelpunkt von Heiligtümern[213-a], nicht nur
enthielt er ein Massengrab von Heiligen, sondern auch die Mausoleen
dreier Stadtbischöfe, nämlich des Reticius, des Cassianus und sogar
des Simplizius, trotzdem diesem, allerdings mit Unrecht, Ehebruch
nachgeredet wurde. Zum Grab des Reticius, das abseits lag, ging die
Geschichte um, seine Gattin, die schon vor seiner Bischofswahl starb,
habe ihn beschworen, einst an ihrer Seite zu ruhen, und als nun viele
Jahre später der Bischof die seiner Stellung entsprechende Ruhestätte
finden sollte, verrichtete die Totenbahre das in solchen Fällen
übliche Beharrungswunder, bis man begriff. Der Hauptheilige von Autun
war allerdings der Lokalmärtyrer Symphorian aus der Zeit der Lyoner
Verfolgung; seine Basilika war am Ende des fünften Jahrhunderts von dem
Priester und späteren Bischof Eufronius errichtet worden und lag eine
kleine halbe Stunde nördlich der Stadt[213-b]. Dijon, die thatsächliche
Residenz des Namensbistums Langres, besaß das Benignusgrab, über dem
seine Hauptkirche errichtet war; sie enthielt überdies die Gräber des
Senators Hilarius, seiner Frau Quieta und einer ebenfalls frommen Dame
namens Florida, wozu dann noch als weitere dort ruhende Notabilität
Tranquillus hinzukommt[213-c]. Durch einen Höhenzug getrennt, bereits
im Seinegebiet, lagen die beiden Klöster Reomatis und Saint Seine;
der Stifter des einen, der heilige Abt Johannes von Tonnerre, war in
einer benachbarten Pfarrkirche begraben, während das Grab des heiligen
Sequanus sich in dessen Abtei befindet[214-a]. Einen Tagemarsch
nordnordwestlich von Reomatis erreichte man die Festung Tonnerre,
wo ein durch Martin von Tours geheilter Priester seiner Zeit eine
Kapelle errichtet hatte. Topographisch die Abrundung des Erzbistums
Lyon bildet die Diöcese Châlons. Das Hauptheiligtum Sankt Marcellus
zu Ehren eines der Sage nach aus Lyon stammenden Märtyrers, zu dessen
Verherrlichung namentlich König Gunthram beitrug, lag eine halbe Stunde
vor der Stadt jenseits der Saône. Ein Heiligengrab war ferner das des
Bischofs Silvester. Sieben Wegstunden südwestlich lag das Kloster
Gourdon mit dem einst nach Châlons verlangten, aber zunächst nicht
herausgegebenen Leichnam des Klausners Desideratus, der bei Lebzeiten
besonders Zahnweh geheilt hatte. Und eine kleine Tagereise von Châlons
südlich gen Macon hin fand sich an der Saône die Festung Tournus mit
der Grabeskirche des Märtyrers Valerianus[214-b]. Von Macon erwähnt
Gregor kein Heiligtum, dagegen von Besançon, das kirchlich den höchst
unwirtlichen alamannischen Osten berührte. Die den Märtyrern aus
Caracallas Zeit gewidmete Basilika Sankt Ferreolus und Ferrucio liegt
eine schwache halbe Stunde westlich von der Stadt, heute das Dorf Saint
Fergeux[214-c]. Im südlichsten Winkel des ansehnlichen Diöcesangebietes
finden sich die beiden Juraklöster, die einst von Saint Oyand de Joux
aus gegründet worden waren, Sankt Lupicin, der indessen nicht dort
bestattet ist, und das zehn Meilen von Saint Claude gelegene nach dem
daselbst ruhenden Romanus genannte St. Romain-de-Roche. Im kirchlichen
Zusammenhang mit Lyon, eher als mit Vienne, ist hier auch das einzige
damals ansehnliche Heiligtum auf Schweizerboden zu nennen, Saint
Maurice mit seinen Heiligen von Agaunum, deren Namen und Andenken auch
der daselbst nachträglich noch bestattete königliche Heilige, Sigismund
von Burgund, nicht zu entthronen vermochte[214-d].
Aus der »Zweiten Lyoner« Provinz, der Normandie, mit der kirchlichen
Hauptstadt Rouen sind uns keine Heiligengräber näher bekannt, um
so mehr dagegen aus der »Dritten«, deren Metropole Tours war. Von
den fünfzehn Kirchen des Stadtbannes, die Gregor erwähnt, entfallen
indessen nur drei auf Lokalheilige, wenn man von Sankt Martin absieht
und wenn man ferner die von Gregor nach Julian von Brioude geheißenen
Turoner Kirche[214-e] nicht rechnet. Martins Vorläufer im Amte,
Litorius, der zweite Bischof von Tours, der auch die Kathedrale in
der Stadt erbaute, besaß, wahrscheinlich eine Viertelstunde westlich
von der Stadtmauer entfernt, sein eigenes Heiligtum[214-f], ebenso
zwei Lokalheilige, die Gregor in seinen Väterleben näher beschrieb:
Venantius[215-a], der sich kurz nach Martins Tode, in Tours in einem
nahe bei der Martinskirche schon vorhandenen Kloster niederließ und
Monegunde[215-b], bei der es sich wahrscheinlich um das von ihr
gestiftete Nonnenkloster handelt. Diesen drei Bethäusern, die zwar alle
außerhalb des damaligen, aber noch innerhalb des heutigen Stadtringes
lagen, reihen sich eine Anzahl anderer in der zu Tours gehörigen
Landschaft gelegener Lokalheiligtümer an[215-c]. Unter dem Namen der
heiligen Papola[215-d] tritt in der fränkischen Heiligensage die als
Mönch verkleidet im Mannskloster lebende Nonne auf, die im Orient
Marina heißt. Die Papolakapelle lag irgendwo im Diöcesangebiet von
Tours. Das lang unbekannte Grab irgend eines verschollenen auswärtigen
Bischofs Benignus[215-e] wurde dadurch entdeckt, daß ein Landmann den
im Gestrüpp liegenden Sarkophagdeckel ahnungslos zum Grabstein für
seinen verstorbenen Sohn verwendete und sich dadurch nächtlicherweile
die energischen Reklamationen des fremden Heiligen zuzog. Hat man
es schon hier mit einer nachträglichen kirchlichen Reception eines
alten der Volksverehrung sich erfreuenden Grabes zu thun, so noch
mehr bei dem ebenfalls im Dorngeheg versteckten Grabe der »Beiden
Jungfern«[215-f], die sich nachts mit Erscheinungen an verschiedene
Leute wandten, um sich eine anständige Bergung ihrer Ueberreste zu
verschaffen, und so auch an den Bauer, auf dessen Land sie lagen:
»Länger halten wir es ohne Dach einfach nicht mehr aus; übrigens
wäre es zum Besten des Grundbesitzers, wenn er die Dornenhecke artig
zurichten und der Regengüsse wegen für ein Dach sorgen wollte.« Als
nun der Bauer sein möglichstes that, war ihm doch sonst mit Tod innert
Jahresfrist gedroht worden, und er dann zu Eufronius von Tours ging,
mit der Bitte, Hochwürden möchten nun so gut sein und das Grab zu
weihen kommen, versetzte dieser: »Lieber Sohn, ich bin steinalt und
heuer macht’s draußen kälter als ein anderes Frühjahr, es gießt und
windet und die Bäche sind angeschwollen; du kannst wirklich nicht
verlangen, daß ich mich zu euch hinausbemühe.« Bekümmert ging der
Landmann von dannen. Nachts aber erschienen die beiden Jungfrauen
dem Bischof und weinten ihm vor, so daß er sich daraufhin schleunig
auf den Weg machte. Er hatte sich die Gesichtszüge und den Gang der
Beiden genau gemerkt: beide waren weißer als Schnee und die kleinere
nur an Gestalt nicht an Verdienst geringer. Auch wie sie hießen,
hatten sie ihm gesagt: Maura und Britta. Was diese beiden nachträglich
selig gesprochenen Nonnen einst in ihrem Erdenleben trieben, ja ob
das Grab überhaupt zwei und zwar zwei weibliche Leichname enthielt,
wissen wir ebensowenig, wie ob der ebenfalls eines Tages zu Maillé
entdeckte Solemnis[216-a] mit seinen Erdentagen irgendwie seine
spätere Sanktifikation rechtfertigt und er der Bischof von Chartres
dieses Namens wirklich gewesen ist. Dagegen genießen die übrigen
Lokalheiligen der Turoneser Landschaft im Kultus nur den durch ihre
frühere Heiligenlaufbahn ehrlich erworbenen Lohn ihrer irdischen
Wirksamkeit: der Martinsjünger Maximus[216-b], oder Saint Mesme
Johannes aus der Bretagne[216-c] und Senoch[216-d]. Von den Tours
unterstellten namentlich die Bretagne erfüllenden Bistümern nennt
Gregor nur wenige Kirchen die Lokalheiligen gewidmet sind: in Le Mans
Bischof Viktorius[216-e], in Angers Bischof Albin, Saint Aubin[216-f];
in Rennes Bischof Melanius Saint Melaine[216-g] und in Nantes Bischof
Similian, wo überdies auch zwei Lokalmärtyrer Donatian und Rogatian
schon zu Chlodowechs Zeiten ihre Kirche gehabt haben sollen[216-h].
Die »Vierte Lyoner« stellt sich dar in dem sehr umfangreichen Erzbistum
Sens, dessen Metropole Gregor jedoch nirgends erwähnt. Auch von
Chartres nennt er weder die Stadt selbst noch das damals doch wohl
schon freilich ohne den Heiligenleib bestehende Kloster Avituszelle.
Für Auxerre verzeichnet er immerhin das Grab des Germanus[216-i],
der am 31. Juli 448 in Ravenna gestorben, aber nach zwei Monaten in
die Heimat überführt worden war. Ausführlicher wird Gregor erst für
Troyes: in der Stadt lagen die Lupuskirche[216-k] und vielleicht
eine Kirche des Nicetius von Lyon[216-l] außerhalb dagegen die große
Patroklusbasilika[216-m]; erst war es nur eine kleine Kapelle mit einem
einzigen Priester gewesen, als jedoch eine schriftliche Patroklusvita
aufkam, hob sich der Kultus so sehr, daß ein geräumiges Gotteshaus an
die Stelle treten mußte. In Orleans standen zwei Kirchen, Saint Aignan,
wo der Bischof Namatius im Jahre 587 begraben wurde[216-n], und die
Grabeskirche des Einsiedlers Avitus von Micy[216-o]. Das mit Kirchen
schon in jener Zeit begüterte Paris hat indessen nur eine einzige
ausdrücklich Lokalheiligen gewidmete Stätte besessen; denn wenn die
spätere Genovefakirche offiziell noch nach Sankt Peter[216-p] und Saint
Germain noch nach Sankt Vincenz[216-q] hieß, so blieb nur jenes von
der »Stadt« als ein in ihr gelegenes »Dorf« unterschiedene Stück Paris
übrig, wo Bischof Marcellus[216-r] und die Nonne Crescentia[216-s]
in ihren eigenen Gotteshäusern ruhten. Im heutigen Saint Denis brach
sich schon zu Gregors Zeiten der Name des Dionysius[216-t] Bahn als
des Lokalmärtyrers und ersten Bischofs von Paris. Saint Cloud mit
dem Grabe Chlodovalds kam erst später auf; es hieß damals noch
Novigentum[217-a].
Die »Erste Belgische« ist Gregor in hagiographischer Hinsicht
ziemlich unbekannt geblieben. In Trier nennt er mit Namen nur die
Maximinskirche[217-b] die auch das Nicetiusgrab enthielt; für Köln
die Kirche der fünfzig Soldaten der thebäischen Legion; da es hieß,
sie hätten an Ort und Stelle gelitten, sonstige Beziehungen der Sage
jedoch nicht erwähnt sind, so haben wir es mit einem von Agaunum
unabhängigen ungefähr gleichzeitigen Kölner Lokalniederschlag der
Thebäerlegende im Abendland zu thun; diese Kirche, später St. Gereon,
war als Bauwerk mit Mosaiken so verschwenderisch ausgestattet, daß das
Volk nur von den ›Goldheiligen‹ sprach, wenn es die kölnischen Thebäer
meinte[217-c]. Für Tongern-Maastricht nennt Gregor das Servatiusgrab,
bei der Brücke an der Straße, die nach Gallien führt[217-d]. Etwas
besser war es mit Gregors Kenntnissen in der »Zweiten Belgischen«
bestellt. Für Reims nennt er außer der Remigiuskirche[217-e] die
Basilika der beiden Lokalmärtyrer Timotheus und Apollinaris[217-f] und
hebt sie als Stiftung einer devoten Privatperson hervor; für Soissons
sodann die Grabeskirche des Bischofs Medardus[217-g]; ob Crispus und
Crispinianus, denen die andere große Kirche der Stadt geweiht[217-h]
war, Lokalmärtyrer sind, muß dahingestellt bleiben; dagegen war
Lupentius oder Saint Louvent[217-i] einer, dem das Hauptheiligtum
von Châlons-sur-Marne gehörte während der alte Bischof und spätere
Stadtpatron Memmius oder Saint Menge[217-k], ebenfalls außerhalb der
Mauern seine Kirche hatte; Gregor hat sie besucht. Saint Louvent, um
dies nachzutragen, war übrigens ein Zeitgenosse Gregors: er wirkte
als Abt von Saint Privat de Mende, bis ihn im Jahre 584 der Graf
Innocenz von Gévaudan wegen Majestätsbeleidigung verklagte und sich
Lupentius vor der Königin Brunichilde zu verantworten hatte. Obwohl
es ihm nun gelungen war, sich zu rechtfertigen, verfolgte ihn der
Graf von neuem und internierte ihn auf seinem Landsitz Ponthion. Der
Heilige entkam auch dieses Mal und war eben wieder seßhaft geworden,
wenigstens provisorisch in einem Zelte, das er an einem Fluße
aufschlug. Da fahndete der Graf zum drittenmal auf ihn und diesmal war
es des Heiligen Tod: er kam um seinen Kopf, der in einem mit Steinen
beschwerten Sack dem Wasser übergeben wurde, wie auch der Rumpf. Beides
gelangte jedoch ans Ufer der Marne und wurde dort im gemeinsamen
Grabe bestattet, wo alsdann die Wunderkraft und Heiligenschein nicht
lange auf sich warten ließen. Von den vielen Bistümern im Nordwesten
der Provinz Arras, Noyon, Cambrai, Tournay, Beauvais, Amiens und den
andern, enthält uns Gregor leider Kultusnachrichten jeder Art vor.
Immerhin verzeichnet er für Vermandun das Grab des Quintinus, Saint
Quentin[218-a].
Reichlicher ist ihm die Kunde für die südliche Reichshälfte
zugeflossen. In der Viennischen allerdings erwähnt er nur die
Ferreoluskirche bei Vienne, die er selber besucht hat[218-b]; in der
»Arelatense« dagegen nicht allein die Genesiuskirche der Hauptstadt auf
dem rechten Rhoneufer[218-c], sondern auch den Bischof Marcell von Die,
ferner[218-d] Sankt Viktor, den Lokalmärtyrer von Marseille[218-e],
einen gleichen von Aix, namens Metrias[218-f] und sodann den Bischof
Maximus von Riez[218-g], endlich zwei Heiligtümer in Embrun, das eine
über dem Grabe des Bischofs Marcellin[218-h] und das andere über dem
der Lokalmärtyrer Nazarius und Celsus[218-i]. In oder bei Nizza wurde
der Klausner Hospizius verehrt[218-k].
In der »Ersten Aquitanischen« besaß die Metropole Bourges ihren Apostel
in Ursinus; doch hat er nach Gregor ein ursprüngliches Heiligtum nicht
besessen, sondern wurde nach Jahr und Tag von dem Kirchhof, wo sich von
den andern Gräbern das seinige nicht unterschied, in die außerhalb der
Stadt liegende Symphorianskirche überführt, der er mit der Zeit seinen
Namen aufzwang[218-l]. Auch das Grab des 580 verstorbenen Bischofs
Felix von Bourges wurde zur Kultstätte [218-m]; der Senatorssohn Lusor
oder Saint Ludre wurde verehrt, weil er in den Taufkleidern gestorben
war; sein von Gregor bewundertes Grabmal angeblich aus parischem
Marmor[218-n] findet sich noch heute in der Krypta der Dorfkirche
von Deols. Auf ein Gelübde König Childeberts ging die Basilika des
heiligen Eusicius zurück; dieser Einsiedler war auf dem spanischen Zuge
des Königs im Jahre 531 von diesem über den Ausgang befragt worden
und hatte Glück verheißen. Als ihm der Erfolg Recht gab, wurde seine
bescheidene Zelle in der That vom König in eine Basilika verwandelt,
mit der Bestimmung, einst auch den Heiligenleib zu beherbergen; die
Cleriker von Sankt Eusicius trieben Bienenzucht[218-o]. Von einem
andern Eremiten der Diöcese Bourges, Marianus[218-p], erzählt Gregor,
er habe nur von wilden Früchten gelebt, es sei denn, daß ihm gutherzige
Leute Honig brachten oder er selbst welchen in den Wäldern fand. Eines
Tages wurde er vermißt; man fand ihn tot unter einem Apfelbaum, brachte
ihn in das Dorf Evaux und bestattete ihn dort in der Kirche, wo auch
jährlich sein Fest begangen wird.
In Clermont-Ferrand, dem alten Arvernum war Gregor besonders gut über
Kirchen und Kapellen von Stadt und Umgegend unterrichtet, weil er dort
aufgewachsen war; in der Stadt sind es ein Dutzend Gotteshäuser und in
der Landschaft gegen zwanzig Kirchspiele; von diesen gehen folgende
auf genuinen Lokaldienst zurück: ein Alexandergrab[219-a], das sich
indessen nicht auf die Dauer als Kultstätte halten konnte, das Grab
eines Priesters Amabilis[219-b] von Riom, eine von Mutter und Schwester
des Sidonius Apollinaris gestiftete mehr prunkvolle als solide Kirche
des Antolianus[219-c], eines Lokalmärtyrers der ältesten Zeit; auch
dessen Kollegen Cassius und Viktorinus kamen nicht zu kurz[219-c];
ihre Kirche verwahrt überdies den Leib der heiligen Georgia, einer
Bürgerin von Arvern[219-d]. Der Stadtpatron Illidius oder Saint-Allyre
hatte seine Crypta nahe vor der Stadt, mußte aber sein Grab mit seinem
Archidiakonen Justus teilen[219-e], weshalb denn auch bei dieser
Doppelladung besonders viele Wunder geschahen. Der heilige Gallus
indessen, Gregors Onkel, hatte zwar ein wunderthätiges Grab, aber
die Kirche, wo er bestattet war, hieß nach wie vor nach dem heiligen
Lorenz[219-f]. Die an Saint Allyre anstoßende Veneranduskirche barg
nicht nur den Leichnam des 380 verstorbenen Stadtbischofs, nach dem sie
hieß, sie war überhaupt das Kollektivmausoleum von Arvern und enthielt
zahllose Grabmäler, von denen Gregor indessen nur das der Gulla des
Liminius und des Nepotian mit Namen nennt[219-g]. Endlich wurde ein
altes Volksheiligtum, das »Grab der beiden Liebenden«, kirchlicherseits
mit der Legende legitimiert, sie hätten sich obwohl verheiratet nie
berührt, deshalb hätten sich nach dem Tode die beiden Gräber wunderbar
vereinigt[219-h]. In der Provinz ist Sankt Julian von Brioude nicht
nur der berühmteste Wallfahrtsort der Landschaft, sondern es erhebt
sich neben Sankt Martin von Tours überhaupt zur Bedeutung eines, wenn
auch kleineren Landesheiligtums[219-i]. Eine Viertelstunde davon lag
Saint Ferreol de Brioude; das Heiligtum des Arverner Ferreolus[219-k].
Eine halbe Stunde südöstlich von Arvern lag das Grab des Abtes
Martius[219-l]; im nördlichsten Teile der Provinz hieß mit der Zeit das
Kloster Mirandense nach seinem früheren Abt dem heiligen Portianus,
Saint Pourcain, er hatte dem Stifte zur Zeit des »Sacco« der Auvergne
durch König Theuderich vorgestanden und damals diesen Fürsten in
seinem Feldlager aufgesucht; sein Grab war von den Gläubigen begangen
worden[219-m]. Nahe dabei in Trezelle lag das Grab des Lupizin; zu
Gregors Zeit stand es noch in Verehrung[219-n], ist aber seitdem
verschollen. In Thiers wurde das Grab eines einheimischen Märtyrers
namens Genesius aufgestöbert und von Bischof Avitus mit einer Basilika
ausgestattet[219-o]. Von den übrigen Diöcesen des Erzbistums Bourges
erfreute sich namentlich Le Gevaudan eines originalen Wallfahrtsortes
in der auf Bergeshöhe gelegenen Eremitage Saint Privat: dort war
dieser einheimische Bischof als er sich einsamen Bußübungen hingab,
von den Alamannen erschlagen worden[220-a]. Im Gebiet von Albi lag die
Gruft des Märtyrers Amarandus, in dessen Nähe überdies dann ein von
fern herbeigereister Verehrer des Heiligen, der afrikanische Bischof
Eugen, eines der Opfer in der Verfolgung des Hunerich ebenfalls
bestattet wurde und ein Stück Verehrung mit abbekam[220-b]. In Limoges
barg die Hauptkirche nicht nur die Ueberreste des Diöcesanapostels
Martial, sondern auch seiner beiden Begleiter, der Priester Alpinian
und Stratoclian[220-c]. Zu Limoges war ferner der Eremit Junian auch
in seinem Grabe noch sehr populär[220-d]. Im benachbarten Dorfe
Brives-la-Gaillarde wurde ein heiliger Martin, ein Schüler des von
Tours, verehrt[220-e]. Ebenso hieß das von Aredius gestiftete und
geleitete Kloster in der Folge Saint Yrieix, was ebenfalls kultische
Beziehungen zum Gründer voraussetzt[220-f]: in diesem Kloster befolgte
man nicht nur die Cassians-, sondern auch die Basiliusregel, und
Pelagia, die Mutter des Abtes, machte den Mönchen die Haushaltung,
dafür wurde sie dann auch als Heilige verehrt[220-g]. In Toulouse war
der Diözesanapostel Saturnin, Saint Sernin, Märtyrer und erster Bischof
der Stadt, Schutzpatron der Hauptkirche[220-h].
Die »Zweite Aquitanische« ist von allen Provinzen vielleicht die mit
Lokalheiligen am meisten bevölkerte. Zu Bordeaux hatte der ehemalige
Bischof Severin[220-i] seine Grabstätte vor der Stadt. In Blaye, am
Ufer der Garonne, lag das Grab des Bekenners Romanus[220-k]. Das Dorf
Bouillac enthielt ein rechtes Volksheiligtum, das Grab zweier Priester
von denen man nicht einmal den Namen wußte[220-l]. In Agens hatte der
Lokalmärtyrer Caprasius seine Basilika[220-m]. In Angoulême lag das
Kloster Saint Cybar, die Stätte der Wirksamkeit und später auch die
letzte Ruhestätte des Einsiedlers Eparchius[220-n]. Saintes beherbergte
nicht weniger als vier einheimische Heilige: den Lokalmärtyrer
Eutropius[220-o], die Stadtbischöfe Trojanus[220-p] und Bibianus[220-q]
und das Grabmal eines frommen Ehepaares, das in den weißen Taufkleidern
gestorben war[220-r]. In Sainter Gebiet befand sich das Grab des Abtes
Martin von Saintes ebenfalls eines Schülers des von Tours[220-s].
Poitiers war berühmt durch das Grab seines Bischofs Hilarius; das
unvergängliche Andenken des großen gallischen Kirchenvaters und
Lehrers des heiligen Martin sicherte dem Heiligtum seine Reputation,
vermochte es aber nicht als Wallfahrtsort auf die Höhe von Tours und
Brioude zu erheben. Vor der Hilariusbasilika befand sich das Grab
des Bischofs Theomastus der seinen Amtssitz Mouzon mit dem Asyl in
Poitiers vertauscht hatte[221-a]. In Rézé, einem Dorf der Poitou gegen
Nantes hin hatte ein Täufling des Hilarius, namens Lupianus seinen
Kultus: auch er war im Taufkleid gestorben [221-b]. Eine Tagreise
südlich von Vouillé lag das Kloster Saint Maixent[221-c] so geheißen
nach dem Einsiedler Maxentius, der im Gothenkriege Chlodowechs
eine Rolle spielte. In Périgueux wurde der Abt Cyprian[221-d] der
allgemeinen Verehrung teilhaftig. In Couserans war der erste Bischof
Valerius[221-e] seit alters verehrt und seit der Mitte des sechsten
Jahrhunderts im Besitz einer Basilika. Tarbes besaß drei berühmte
Lokalgräber Severus von Bigorre[221-f], Justin von Sexuanus und Similin
von Tarbes[221-g].
In der »Narbonensis« endlich ist nur Sankt Baudilus[221-h] von Nîmes zu
verzeichnen.
Ein resumierender Rückblick auf unsere Wanderung unter Gregors Führung
läßt uns unterscheiden zwischen eminent kirchlichen Lokalheiligen,
wie es namentlich Bischöfe und Cleriker, aber auch einzelne Aebte
waren, und zwischen Volksheiligen, zu denen die Märtyrer, Mönche und
die nachträglich recipierten heidnischen Heiligtümer zu rechnen sind.
Unter den Märtyrern stehen die drei Opfer aus dem Alamannenzug des
Herzogs Chrok vom Jahr 265 in der vordersten Reihe. Allerdings sind
Gregors Kenntnisse ungleichmäßig und oft nur ganz ungefähr; eine
systematische Aufnahme würde seine Ergebnisse vielfach ergänzt und wohl
auch gelegentlich berichtigt haben. In alledem macht sich eben die
Einseitigkeit und Befangenheit der Memorienschreibung gewissermaßen im
Grundsatz geltend. Dies zugegeben staunt man aber immer wieder über
Gregors Genauigkeit im Bereiche dessen, was ihm wirklich zugänglich
war, so vermerkt er ausdrücklich den Mangel einer kultischen Verehrung
bei Stremonius und bei Liminius von Arvern, obwohl doch bei jenem das
Grab nicht nur bekannt, sondern sogar mit Wundererscheinungen gewürdigt
und von diesem eine Lebensbeschreibung im Gebrauch der Gemeinde
war[221-i]. Um über die Unzulänglichkeit unserer kultischen Rundschau
nicht zu täuschen, sei erinnert, daß ja Gregor überhaupt nur die erste
Hälfte der Merowingerzeit erlebte; für die andere vermissen wir Angaben
vom Werte der seinigen. Wohl kann ja der Bestand von Heiligtümern
wie die Zelle Galls beim Bodensee oder der des Ursiz, Saint Ursanne,
im Jura für das siebente Jahrhundert mit Bestimmtheit angenommen
werden; aber die ausdrücklichen Nachrichten hierüber sind eben sehr
viel jünger. Von Grundheiligen endlich durfte anläßlich der lokalen
Kultstätten darum gesprochen werden, weil auch im alten Frankreich
wie anderswo stets, der Stamm der öffentlichen Religion im Oertlichen
wurzelt.
Elftes Kapitel.
Das Reichsheiligtum.
An all den Kirchen und Kapellen, über die wir soeben einen Blick
geworfen haben, spielte sich die Verehrung des Heiligen ungefähr in
denselben Formen ab. Im allgemeinen hat sich nur hie und da über
charakteristische Einzelheiten ein Wort mit eingeschlichen. Uns
ein Gesamtbild von dem kultischen Leben an einer merowingischen
Heiligenstätte zu verschaffen, ist nur an den zwei großen
Wallfahrtsorten möglich, Sankt Martin von Tours und Sankt Julian von
Brioude. Und auch hier entfällt das Uebergewicht durchaus auf das
Reichsheiligtum in Tours.
Beginnen wir mit dem Kraftzentrum, um das herum sich im Lauf der Jahre
sowohl die Martinsgebäude als die Martinsgebräuche angesetzt haben.
Die Ueberreste des Bischofs waren nur mit List und unter dem Schutze
der Nacht von Candes, dem Todesorte, nach Tours gebracht und so den
keineswegs unberechtigten Ansprüchen derer von Poitiers entwendet
worden. Die Wandlung, die sich für Martins Anhänger mit seinem
Hinschiede vollzog, findet ihren treffenden Ausdruck in dem Wort des
Sulpizius Severus[222-a]: »Ich habe den Trost meines Lebens verloren,
aber dafür einen Schutzpatron gefunden; denn nun ist er den Aposteln
und Propheten beigesellt und hat, um es mit Verlaub aller Heiligen zu
sagen, in der Schaar der Gerechten seinesgleichen nicht. Wenn er auch
eines natürlichen Todes verstarb, so ist er doch in allen Einzelheiten
seines Lebens ein Märtyrer gewesen. Laßt uns also, wo die eigene Kraft
versagt, unsern Lohn in der Fürbitte Martins finden. War das Begräbnis
wirklich ein Leichenbegängnis? War es nicht vielmehr ein Triumphzug?
Mögen jene mit den gefesselten Gefangenen vor dem Wagen immerhin die
Welt besiegt haben, der Leib Martins wurde von solchen geleitet,
die unter seiner Führung die Welt überwanden. Jenen klatschte der
Unverstand der Völker und eine bethörte Menge Beifall; Martin aber wird
mit Gottespsalmen gefeiert, und Himmelslieder werden ihm gesungen.«
Der heilige Leib wurde nicht in der Stadtkirche beigesetzt, wo doch
Martin selber die Ueberreste seiner Vorgänger Gatian und Litorius einst
untergebracht hatte; es kann recht wohl eine Verfügung des Toten im
Spiele gewesen sein, als man ihn mitten unter den anderen Leuten auf
dem Friedhof vor der Stadt begrub. Die Kapelle, die sein Nachfolger
Briccius über dem Grabe erbaute, versah ihren Dienst etwa ein halbes
Jahrhundert hindurch. Dann wurde sie von Bischof Perpetuus abgebrochen
und durch eine regelrechte große Basilika ersetzt. Einmal der Erde
übergeben, sind Martins Gebeine in ihrer Ruhe die ganze Merowinger Zeit
hindurch nicht gestört worden. Eine Translation in eine andere Kirche
hat damals nicht stattgefunden. Die Gebäude wechselten über derselben
Stelle. Nur während der Restaurationsarbeiten ließ Perpetuus den Sarg
in der Gevierung der neuen Kirche unterbringen[223-a]. Perpetuus
darf überhaupt als der Begründer des Martinskultus in Tours gelten,
insofern er die bisherige Lokalverehrung durch organisatorisches
Geschick zu einem einzigartigen und ausnehmend reichen heiligen Betrieb
hinaufsteigerte. Als am 4. Juli 473 die einbalsamierte Martinsmumie
in dem neuen Grabmonument untergebracht war, das der Bischof gemäß
seinen Intentionen hatte errichten lassen, wurde das Denkmal mit
einer prächtigen Marmorplatte zugedeckt, die Bischof Euphronius von
Autun zu diesem Zwecke brechen ließ und Perpetuus übersandte. Diesen
kostbaren Deckel schützte zu Gregors Zeit ein nicht weniger wertvoller
gestickter Teppich mit Fransen[223-b]. Im siebenten Jahrhundert
versah dann der heilige Eligius, damals noch berühmter Goldschmid, im
Auftrage König Dagoberts die Platte mit Goldverzierungen und edelm
Steinbesatz. Das Grab war von einem Baldachin überragt, der mit
Vorhängen versehen war[223-c]. Die Füße des heiligen Martin waren gen
Osten und zugleich gegen die Halle gekehrt; »zu des Heiligen Füßen«
bezeichnet somit das Atrium, das die Absis abschloß. Man gelangte in
diesen reservierten Raum hinten, am Ende der großen Säulenhalle. Er war
durch eine Anzahl Lampen erhellt, und um das Grabmal herum brannten
eine Menge Kerzen, deren Bedienung einem besonderen Tempelhüter
oblag. Als Nebenreliquie stand hier überdies der alte gleichfalls
steinerne Martinssarg ausgestellt, der durch das Perpetuusmonument
außer Dienst gesetzt war und von Saint Eloi dann ebenfalls passend
verziert wurde. Dieser ganze von Perpetuus einmal so eingerichtete
Raum erlitt keinerlei Veränderungen, bis in die Mitte des neunten
Jahrhunderts, wo der Martinsleichnam vor den einbrechenden Normannen
geflüchtet werden mußte. Heute sind von diesem alten Martinsgrabe nur
noch formlose Mauerreste übrig. Mannigfaltiger waren die Wechselfälle
der Martinsbasilika als ganzem Gebäude. Die erste Kapelle über dem Grab
war von Briccius nur eben errichtet worden, um das Heiligtum unter Dach
zu bringen. Immerhin hatte das Tabernakel sechs oder sieben Jahrzehnte
vorgehalten, und seine hübsche, hölzerne Schutzdecke wurde beim Bau
der Peter- und Paulskirche wieder verwendet[224-a]. Vor allem waren es
praktische Rücksichten, die Bischof Perpetuus zu dem Neubau bewogen.
Die kleine »Zelle« war, zumal an großen Festtagen, dem Zudrang der
Pilger längst nicht mehr gewachsen. Aber es gereicht dem Prälaten zum
Ruhme, daß er sich diese Amtspflicht zu einer persönlichen Ehrensache
werden ließ und selber im Besitz eines ausgedehnten Vermögens an Grund
und Boden, einen beträchtlichen Teil seines Reichtums mit den Baukosten
aufzehrte. Die Bevölkerung von Tours that das ihre, indem sie, zur
Beförderung der schweren Marmorsäulen an Ort und Stelle, freiwillige
Arbeitskräfte zur Verfügung stellte [224-b]. Ueber den Grund- und
Aufriß sind uns folgende Angaben erhalten: Länge hundertsechzig Fuß,
Breite sechzig Fuß und Höhe fünfundvierzig Fuß. Die Decke wurde von
hundertundzwanzig Säulen getragen. Der Altarraum hatte drei Thüren und
zweiunddreißig Fenster, das Schiff fünf Thüren und zwanzig Fenster.
Die Wände waren mit Marmor vertäfelt und mit Edelsteinen und Mosaiken
besetzt, sodaß der Arverner Dichter Bischof Sidonius Apollinaris[224-c]
von einem zweiten Tempel Salomos singen zu dürfen meinte. Die Arbeiten
dauerten sieben Jahre. Am 4. Juli 472, also noch ein Menschenalter
vor der fränkischen Eroberung, wurde das neue Heiligtum in Gegenwart
einer glänzenden Festversammlung eingeweiht. Diese Angaben Gregors
sind, soweit sie den Bau betreffen, durch die archäologischen
Nachgrabungen in der Weise erläutert worden, daß die Kirche in zwei
Teile zerfiel, das hundert Fuß lange Schiff und den sechzig Fuß
langen Altar oder Grabesraum mit der Absis. Ueber diesem erhob sich
das laternenförmige Gehäuse, das in einen Glockenturm auslief. Die
vielen Säulen des Schiffes verteilen sich wahrscheinlicher, wenn man
Doppelreihen annimmt[224-1]. Die Kirche hielt indessen nicht ewig, wie
der Panegyriker von Arvern es haben wollte, sondern wurde von mehreren
Feuersbrünsten heimgesucht, trotzdem ihre steinerne Konstruktion diesem
Schicksal eher zu trotzen schien, als die hölzernen Pfarrkirchen,
von denen in jenen barbarischen Zeitläuften fast alle einmal und
manche öfters einem Brande zum Opfer fielen. Herzog Williachar, der
Gegenschwächer König Chlothars, vor dem er das Asylrecht zu Sankt
Martin in Anspruch nahm, legte Feuer an das Heiligtum. Diese Brunst
vom Jahre 558 zerstörte die oberen Partien; das Jahr darauf ordnete
Chlothar gemeinsam mit Bischof Eufronius die Restauration an; die
Basilika erhielt nun ein Zinndach[224-d]. Ein zweiter Brand fiel kurz
vor Gregors Amtsführung, der dann die beschädigten Dekorationen
ausbessern und an den Wänden von einheimischen Künstlern Szenen aus
Martins Leben malen ließ[225-a]. Ueber eine neue Ausstattung durch
König Dagobert ist näheres nicht bekannt. Jedenfalls aber lockte nicht
zum wenigsten dieses Martinsheiligtum mit seinem funkelnden Metalldach,
seiner vergoldeten Turmspitze und seinen legendarischen Schätzen später
dann die Sarracenen ins Innere Frankreichs.
Nur beiläufig mag hier erwähnt werden, daß Sankt Martin von Tours
mehr als bloß Kirche ein eigentliches Stift war. Die ursprüngliche
Einrichtung des Kapitels war durchaus klösterlich. Die Mönche wohnten
in einem weiten Kreuzgang, der südlich an die Basilika anstieß und
bei den Umbauten nicht verlegt wurde. Die Regel von Marmoutiers wurde
im siebenten Jahrhundert durch die Benedikts ersetzt. Unter den
Privilegien, deren sich die Abtei früh erfreute, steht obenan das
Münzrecht. Es soll sogar auf eine Verfügung Chlodowechs zurückgehen.
Die Martinsmünzen der Merowingerzeit tragen ein bediademtes Mannshaupt.
Ob das Monopol auf den Fährendienst über die Loire bei Hochwasser
ebenfalls so alt ist, wissen wir nicht. Ueber die mancherlei Anstalten,
sei es zur Armenverpflegung, sei es zum Schutze Geächteter, sei es zur
Aufnahme hoher Gäste unter den Pilgern, des längern zu handeln, ist
nicht hier der Ort. Genug, Sankt Martin von Tours war die Zentralstätte
für alles, was unter der Herrschaft der Merowinger im alten Frankreich
an gutem und hohem Streben vorhanden war. Was Wunder, daß das Heiligtum
von den fränkischen Königen an entscheidenden Wendepunkten aufgesucht
wurde. Als Chlodowech von Kaiser Anastasius die Insignien eines
römischen Konsuls verliehen bekam, legte er sich Tunica, Chlamis und
Diadem in der Martinsbasilika um; dann stieg er zu Pferde und ritt
in feierlichem Zuge in die Stadt ein, wobei er Münzen unter das Volk
streute[225-b]. Chrotechilde zog sich für die dreißig Jahre, da sie
den Gatten überlebte, nach Tours als Pensionärin, des Martinsgrabes
zurück und wirkte dort mit ihrer Fürbitte für den Frieden unter ihren
Söhnen[225-c]. Diesen Respekt haben alle ihre Nachkommen fast ohne
Ausnahme empfunden. Die Königin Ultrogotha, die Gattin Childeberts
_I._, brachte ergriffen eine Nacht am Grabe zu bis zur Frühmesse,
und Ingoberga, die Witwe Chariberts, bedachte die Kirche in ihrem
Testamente[225-d]. Und als eine königliche Gesandtschaft aus Spanien
gebührend geehrt werden sollte, wurden ihre katholischen Mitglieder
Gäste zu Sankt Martin[225-e]. Auch war es Sitte, sich nach Sankt Martin
gleichsam für eine Art Kurgebrauch zu begeben. Mehrfach bemerken wir
solche Gäste aus den oberen Ständen, die zum Teil von fernher kommen,
um in Tours Heilung zu suchen: so Charegisel, erst Referendar, später
Domesticus König Chlothars[226-a], und Mummola, die Gattin des Tribunen
Animius[226-b]; besonders aber waren es geistliche Herren; Germanus
von Paris brachte seinen Diakon und späteren Nachfolger Ragnimod, der
dort von seiner Ruhr geheilt wurde[226-c]. Ein anderer Bischof gab
sogar einen seiner Hörigen in Pflege[226-d]. Aber auch Auswärtige
bürgerlichen Standes ermöglichten sich einen längeren Aufenthalt in
Tours: Gondetrude von Vermandois und ein Ehepaar aus dem Dorfe Trezel
in der Auvergne[226-e]. Der eigentliche Zudrang erfolgte jedoch an den
großen Martinsfesten; da kam der gemeine grobe Mann zu Fuß, zu Pferde,
oder falls er gelähmt war, auf dem Ochsenkarren[226-f]. Und als Leudulf
ein junger Höriger mit seinem lahmen Fuße, den er heilen lassen wollte,
vor Tours gehinkt kam und beim zehnten Meilenstein nicht mehr weiter
konnte, jammerte er den an ihm vorbeitreibenden Festbesuchern solange
zu, bis ihn einer unter ihnen auf seinen Wagen nahm[226-g].
Kein fränkisches Heiligtum hat Sankt Martin von Tours den Rang
abgelaufen, wenigstens im sechsten und siebenten Jahrhundert nicht.
Aber Sankt Julian von Brioude durfte sich immerhin sehen lassen.
Das ursprüngliche Juliansmausoleum daselbst war von einer fremden,
vielleicht spanischen Dame, deren Gemahl in Ketten lag, auf ihrer
Durchreise nach Trier gelobt und auf die Freilassung des Gatten hin,
die genau in der Stunde des Gelübdes erfolgt war, stilvoll gestiftet
worden[226-h]. Der große Zuspruch der Gläubigen machte jedoch später
die Erweiterung des kleinen Bethauses zu einer regelrechten Basilika
notwendig[226-i]. Die Gründungssage erzählt, Julian, aus Vienne
gebürtig und Jünger des heiligen Ferreolus, habe sich ins Arvernische
begeben, um von seiner Familie nicht am Martyrium gehindert zu
werden, das er dann auch in dem Götzenhaine zu Brioude erlitt; er
wurde enthauptet, der Rumpf blieb zu Brioude, der Kopf kam nach
Vienne und die selige Seele in den Himmel[226-k]. Obwohl es sich um
einen alten Kultus handelte, war man über den Todestag des Heiligen
noch im fünften Jahrhundert im Ungewissen, bis Bischof Germanus von
Auxerre eigens zu diesem Zwecke nach Brioude kam und durch eine
gottesdienstliche Veranstaltung die feierliche Eingebung des 28. August
herbeiführte[226-l]. Der Augenblick, da am Festtage bei der Verlesung
des ›Leidens‹ der Name des Heiligen dem Lektor über die Lippen kam,
galt für ein wunderbares Geschehnis besonders geeignet[226-m].
Erst im eigentlichen Mittelalter verlor Sankt Martin von Tours seinen
Charakter als Reichsheiligtum einigermaßen an die Abtei Saint Denis,
deren Gründung hier zu erzählen ist[227-1]. Längst war im Dorfe
Catulliacus an der alten Römerstraße ein kegel- oder pyramidenförmiges
Denkmal verehrt worden, das Grab des Dionys, des ersten Bischofs von
Paris. Später erhob sich eine Basilika darüber, deren Altar eben in
dem Grabmal bestand. In dieser Dionysiuskirche war Prinz Dagobert, der
Sohn König Chilperichs, bestattet. Spätestens in den ersten Monaten
des Jahres 625, als Chlothar _II._ noch regierte, gründete sein Sohn,
Dagobert, König von Austrasien, zu Ehren des heiligen Dionysius östlich
von dessen Grabeskirche die Abtei Saint-Denis-de-l’Etree und ließ am
Dienstag, den 22. April 626 die Gebeine von ihrer ersten Ruhestätte in
die neue Stiftung überführen. Die Abtei nahm einen raschen Aufschwung.
Schon zahlreiche merowingische Urkunden beschäftigen sich mit ihr, und
in der Folge ist sie die Gruft fast aller französischen Könige geworden.
Zwölftes Kapitel.
Missionen und Translationen.
Den Grundheiligen trat eine Anzahl importierter Heiliger an die Seite,
von denen die einen überhaupt aus dem Ausland stammten, die anderen
von ihrer ursprünglichen Kultstätte aus in die Nachbarschaft oder in
die weitere Heimat gelangten. Zwei Arten der Ausbreitung sind hiebei
festzustellen, der Weg der Missionspredigt und der solidere der
Reliquienübertragung. In noch heidnischen Gebieten gingen sie Hand
in Hand, indem die Mission das Terrain für den Heiligen gewann und
die Reliquie es ein für alle mal mit Beschlag belegte. In kirchlichen
Gegenden dagegen, zumal in Bischofsstädten, wo es sich also um
Eroberung neuen Gebietes nicht handeln konnte, ersetzte das Streben
nach Kraftzuwachs den nun hinfällig gewordenen Drang nach Ausdehnung.
Je mehr Heilige eine Stadt besaß, desto stärker war sie. Im übrigen
trugen frommer Sammeleifer von privater Seite und ein mehr oder
weniger naiver Handel mit heiligen Versatzstücken zur Abrundung des
merowingischen »Allerheiligen« bei.
1.
Wieder kann die Verbreitung des Heiligennamens am besten bei Martin
beobachtet werden. Tours und Umgebung besaßen zunächst vier namhafte
Martinsheiligtümer; im Gegensatz zu der großen Grabeskirche, der
Sepulkralstätte, drei Memorialorte, wo der Heilige sich bei Lebzeiten
aufgehalten und dadurch den Platz für den späteren Kultus präpariert
hatte, die Martinszelle bei der Stadtkirche innerhalb des Mauerrings
von Tours[228-a] von der Sulpizius Severus in der That gesprochen
hat, sodann sein Kloster Marmoutiers[228-b] und endlich die Zelle in
Candes, wo er starb und mit der Zeit eine Martinsbasilika erstand.
Wenn man auch, an diesem dritten Orte, den Leichnam nicht hatte
behalten dürfen, so besaß man dort doch außer einer Kristallschale sein
Sterbebett, das, einmal von dem Leichnam imprägniert, dann dieselben
Qualitäten aufwies, wie das Grab[228-c]. Von kleineren Memorialorten
nennt Gregor als Dörfer, wo Martin Kirchen gegründet habe, Langeais,
Sonnais, Amboise, Chisseau, Saint Martin de Tournon und Candes[228-d];
ferner wurde das Gatiansgrab durch die Erinnerung, daß Martin einst
dort gebetet hatte, größerer Verehrung teilhaftig, ebenso das Grab
der Klausnerin Vitalina[228-e]. Die folgende Uebersicht[228-1] über
die alten Martinskirchen geht, sofern sie sich nicht gelegentlich
auf Gregor oder eine Inschrift stützen kann, auf späte sagenhafte
Berichte zurück und sei darum hier ausdrücklich dafür ausgegeben,
jedoch auch nicht gänzlich unterlassen, weil sie vielleicht im
Detail, aber kaum in der Hauptsache irreleiten wird. In Glanfeuil
wurde im Jahre 543 durch Sankt Maurus die erste Martinskirche der
Diöcese Angers errichtet, desgleichen Ende des sechsten Jahrhunderts
durch Bischof Badegisel zu Pontlieue[228-f] die hervorragendste der
Diöcese Le Mans; im Jahre 616 vermacht Bischof Bertrand von Le Mans
in seinem Testament diesem Martinsheiligtum wie auch der Viktorius-
oder Peterskirche je fünf Goldstücke[228-2]. Die von Vendôme ersetzte
ein älteres aus dem vierten Jahrhundert stammendes Gotteshaus. Die
von Chartres hieß auch nach Briccius. Die von Orléans galt als
Stiftung König Chlodewechs an Euspizius und Maximin. In Autun hatte
Königin Brunichilde ihrem Patron im Jahre 599 eine mit Marmorsäulen,
Edelholz und Mosaiken ausgestattete Kirche gestiftet, für die sie
die Glückwünsche und Privilegien Papst Gregors des Großen empfing.
In der Franche Comté war die Martinsmission namentlich von Columban
betrieben worden. Nicht nur seine eigenen Klöster Luxeuil und
Annagray, sondern auch Schülerkolonien wie das Deicolusklösterchen
Lure in Burgund unterstanden Martin; älter war die Martinskirche zu
Cavaillon, die aus dem sechsten Jahrhundert stammt[228-g]. Ebenso
gehörten Martin die drei Hauptabteien der Diöcese Lyon Ainay, L’Isle
de Barbe, Savigny und ihre Ableger. Im Wallis, bei Saint Maurice,
auf der Stelle des alten Oktodurum, hat Theuderich _II._ das von ihm
gestiftete Nonnenkloster nach Martin geheißen und dadurch den späteren
Ortsnamen Martigny veranlaßt. Zu Limoges hatte der Martinsschwärmer
Aridius eine eigentliche Martinskirche nicht eingerichtet[229-a]; das
Kloster dieses Namens will vielmehr erst von Alicius, dem Bruder des
Eligius an Stelle des elterlichen Hauses gegründet worden sein[229-1].
Poitou konnte sich rühmen, in Ligugé das erste von Martin in Gallien
errichtete Kloster zu besitzen. Zu Saintes gründete im Jahre 589
Bischof Palladius eine Martinsbasilika[229-b]. Bourges besaß zu Gregors
Zeit ein oder zwei Martinsbethäuser[229-c]. Die Gironde wurde früh mit
Martinskirchen bereichert, jedoch geschah das nicht ohne in Marsas und
anderen Ortschaften eine ältere Petersmission zu kreuzen[229-d]. In
Bordeaux stiftete Bischof Leontius, der Gegner König Chariberts, das
Martinsheiligtum und zwar im Judenviertel; auch Gregor erzählt[229-e],
ein Priester sei von einem Juden auf der Schwelle dieser Kirche noch
vom Besuch des Heiligen abspenstig gemacht worden. In Aquitanien führt
sich die Martinskirche von Auch auf eine Stiftung Chlodowechs im
Gothenkriege zurück. In Arles gehörte Martin das eine Seitenschiff der
von Cäsarius gegründeten Kirche, aber außerdem noch eine Zelle und ein
Kloster.
In der nördlichen Reichshälfte ist Martins Verehrung nicht geringer.
Zu Paris war zwar die alte Martinskapelle, errichtet an dem Orte, wo
er den Aussätzigen geheilt hatte, früh in Verfall geraten, weil sie zu
primitiv fast nur aus Flechtwerk bestand und wohl einmal auf wunderbare
Weise einem Stadtbrand, aber nicht der langsamen Unbill der Zeit stand
zu halten vermochte. Von Dauer blieb dagegen die spätere Basilika
Saint Martin des Champs[229-f]. Alt und durch Beziehungen des Turoner
Bischofs zu seinem Kollegen Viktrizius vielleicht historisch erklärt
ist der Kult Martins in der Diöcese Rouen. Seine dortige Kirche war aus
Holz und lag außerhalb der Stadtmauer; in der Landschaft sind noch die
Ortschaften Martin-Eglise, Saint Martin-Le-Gaillard, Saint Martin de
Foucarmont und Martigny Zeugen für die frühe Verehrung. Saint Martin
de Seez will im Jahre 560 gegründet sein. Zu Amiens war die Kapelle
zu Erinnerung an die Episode von dem halbierten Mantel im sechsten
Jahrhundert von Nonnen bedient[229-g]. In Laon und Reims lagen die
Martinskapellen vor der Stadt. Eine Memorialkapelle besaß Tonnere bei
Langres. Martin soll dort einem alten Priester den lahmen Fuß geheilt
haben, ohne erkannt zu sein[230-a]. Zu Verdun war die Andreaskirche
mit Martin kombiniert worden, weil Bischof Agirich in der zweiten
Hälfte des sechsten Jahrhunderts seinen Leuten die Wallfahrt nach Tours
abnehmen wollte. In den Ardennen stammt Saint Martin d’Ivoy, von den
Reliquien, die der Einsiedler Wulfilach aus Tours brachte[230-b]. Im
Elsaß besitzt Colmar die bedeutendste alte Martinskultstätte.
2.
Das alles betrifft den Vertrieb des Andenkens an den Nationalheiligen
im Reiche selbst. Aber die Rolle, die er bei der Ausbreitung seines
Namens über die Grenzen hinaus übernahm, ist fast noch mehr dazu
angethan, ihn als fränkischen Reichsapostel ins Licht zu setzen. Von
ausländischen Martinskirchen im Süden nennt Gregor eine nicht näher
bezeichnete italienische und eine zweite in Ravenna[230-c], auf
der iberischen Halbinsel das Martinskloster zwischen Saguntum und
Carthagena in Spanien[230-d] und die Martinskirche in Portugal[230-e].
In Belgien sind Liege und Tournai die Centren des ausgedehnten
Martinskultus; doch ist hier zu erinnern, daß ein gleichnamiger
Lokalkultus, der sich auf den älteren und ganz sagenhaften Bischof
Martin von Tongern bezog, in den universalen des Reichsmartin
aufgegangen und also in ihm enthalten sein mag. Die ebenfalls nicht
geringe Verbreitung des Namens in Holland ist auf die angelsächsische
Mission zurückzuführen, die ihn entweder vom Reiche entlehnte oder, was
nicht ausgeschlossen ist, von den Inseln herüberbrachte; wahrscheinlich
war Martin eben schon im siebenten Jahrhundert drüben verehrt; seine
ansehnlichste Kirche, Saint-Martin-Le-Grand in London, wird auf König
Witfred von Kent ums Jahr 700 zurückgeführt. Ist dies und diese ganze
Martinsausbreitung auf der nördlichen Reichsgrenze nun aber nur
spärlich aufgehellt und muß auch von vornherein zugegeben werden, daß
wir im einzelnen für die östlichen Gebiete nicht besser unterrichtet
sind, so tritt doch bei der Martinsmission am Oberrhein und unter den
Alemannen, Schwaben und Thüringen ein neues merkwürdiges Moment in
den Kreis unserer Kenntnis ein. Sie war nämlich Reichsmission[230-1].
Der im Jahre 580 verstorbene, aus Ungarn stammende Erzbischof Martin
von Bracara in Portugal rühmt dem Heiligen von Tours in einem
Gedichte nach: »Mancherlei wilde Völker gewinnst du unter Christi
milden Bund. Alamannen, Sachsen, Thüringer, Ungarn, Rugier, Slaven,
Naren, Sarmaten, Daten, Ostgoten, Franken, Burgunder, Dacier und
Alanen freuen sich unter deiner Führung Gott erkannt zu haben. Deine
Wunderzeichen bewundernd, hat der Sueve gelernt, auf welchem Wege er
wandeln soll«. Mag nun bei den meisten der aufgezählten Völkerschaften
die Martinsmission nur in der Einbildung des begeisterten Jüngers
stattgefunden haben, kann auch ferner nicht ohne einiges Recht
vermutet werden, das katholische Christentum habe in Thüringen bereits
viel früher Fuß gefaßt[231-1], so trifft obige Mitteilung auf die
Alamannen um so mehr zu, als auch aus einer byzantinischen Quelle
ähnliches verlautet. Als sich unter der Regierung König Theudeberts
das Bistum Augsburg von dem Metropolitanverband mit Aquileja loslöste
und an die fränkische Kirche anschloß, muß die Kirche in Alamannien
wenigstens in den Grundlagen von Regierungs wegen organisiert gewesen
sein; damit hängen auch die wahrscheinlich ebenfalls im sechsten
Jahrhundert erfolgten Bistumsverschiebungen von Windisch nach Konstanz
und von Augst nach Basel zusammen. In Windisch nun weihte noch
Bischof Ursinus die von ihm erbaute Kirche dem heiligen Martin; die
betreffende Inschrift ist erhalten. Weitere Spuren leiten aber auf
die Annahme, diese Martinsmission sei nicht bischöflichen, sondern
direkt königlichen Ursprungs gewesen. Kolumbans Missionsreise zeigt im
allgemeinen, daß die Missionierung Alamanniens von einem fränkischen
König angeregt wurde, und spätere Erinnerung nennt König Dagobert
als den eifrigsten und erfolgreichsten Förderer dieser Bekehrung auf
amtlichem Wege, als der er für die Friesen durch zeitgenössische
Berichte beglaubigt ist. Sachliche Schlüsse gestatten noch tiefere
Folgerungen. Das den Alamannen abgenommene, von Franken besiedelte
Land wurde als Krongut betrachtet. Die Ansiedler hatten dem Könige
die Osterstufe zu entrichten. In Ostfranken hießen die amtlichen
Sammelstellen Königshöfe, ein noch heute häufiger Ortsname. Aber diese
Plätze wurden nicht nur befestigt, sie erhielten auch Kirchen. Diese
waren nun, wie sich noch für eine große Anzahl Dörfer nachweisen
läßt, Martinskirchen. In Alamannien geschah dasselbe. Der Dienst des
heiligen Martin kam mächtig empor, zumal allem nach die Kirche nicht
nur im Krongut, sondern auch auf den alten römischen Niederlassungen,
ja überhaupt so ziemlich jede Unterpfarrei nach Martin zu heißen kam.
Vielleicht sind überhaupt die Martinskirchen der meisten Rheinstädte
von Chur bis gegen Aachen, und nicht die betreffenden Kathedralen
daselbst, die Centren des ältesten Stadtbildes gewesen, wie das zum
Beispiel für Basel außer Zweifel steht[232-1].
3.
Werfen wir nun noch einen Blick auf andere Missionen, zunächst im
Reiche selbst. Von einheimischen Heiligen kommt, um auch hier bei
der Autorität Gregors zu bleiben, Julian von Brioude im Hinblick auf
kultische Ausbreitung Martin am nächsten. Seine ältesten Filialen
finden sich zu Tours[232-a], Saintes[232-b], Limoges[232-c],
Reims[232-d] und Paris[232-e]; auch Saint Julien Vibracensis[232-f]
und zu Pernay[232-g], sowie Saint Julien in Correze und Saint Julien
de l’Escay fußen auf frühen Spuren. Andere bekanntere Ableger von
Grundheiligen sind Saturnin in Tours[232-h] und in der Vaucluse,
Symphorian in Bourges[232-i] und in Thiers[232-k]. Die nach Germanus
geheißenen Kirchen zu Lembron und zu Tours[232-l] gehören, erstere
sicher, die zweite wahrscheinlich, dem älteren, dem von Auxerre.
Eine kleine Ortschaft wie Thiers besaß, neben der Symphorianskirche,
noch eine dem Genesius von Arles gewidmete. Merkwürdiger zu wissen
wäre jedoch, was für Grundheilige gleich Martin zu Heidenmissionen
verwendet wurden; sein ehemaliger »böser Geist« Briccius tritt später
einträchtig mit ihm als Kapellenpatron am Rhein und in Ostfranken auf.
Und von Poitiers scheint geradezu unter dem Namen des Hilarius eine
natürlich bescheidenere Parallelmission nach Alamannien gewandert
zu sein. Diese Annahme entspringt vor allem dem Bestreben, Sankt
Fridolin gerecht zu werden. Die historisch unbrauchbare Fridolinsvita
des sogenannten Balther ist vielleicht die Zusammenschweißung zweier
Heiligensagen[232-2]. Die eine, die Gründungssage des Stiftes
Säckingen, das sich auf einen aus dem lothringischen Schottenkloster
Helera oder Sankt Avold stammenden Mönch unsicheren Namens, Fridold
oder Fridoald, zurückführte; er war erst im Birsthale thätig gewesen,
hatte dann aber nach Ankunft des Germanus sich einen Wirkungskreis
am Rhein gesucht. Säckingen besaß aber eine Heiligenkreuzkirche.
Das deutet nach Poitiers, dem Herd der eigentlichen Fridolinssage.
Fridolin hieß ein Hauptförderer des Hilariuskultus daselbst. Doch
thut seine Sage vielleicht des guten zu viel, wenn sie ihn zum
Zeitgenossen König Chlodowechs stempelt. Aber darin mag sie recht
haben, daß dieser Fridolin nicht nur sich um Bau und Umbau der
Hilariusstätten zu Poitiers verdient machte, sondern auch eben die
Hilariusmission mit seinem Beispiel anregte. Er griff zum Wanderstab,
hängte sich die Reliquienkapsel um und wirkte für den Namen seines
Patrons von Lothringen bis nach Rätien; wenigstens läßt die Vita
eine Hilariuskirche in Lothringen, eine zweite in den Vogesen, eine
dritte in Straßburg, und schließlich gar noch eine in Chur von ihm
gegründet werden. So wären denn Hilarius und Martin, wie sie in der
That die christlichen Grundheiligen des alten Frankreich in des Wortes
tiefstem Sinne gewesen sind, auch nach ihrem Erdenleben auf gemeinsamer
Wanderschaft zu Missionszwecken ins Gebiet des Elsaßes und der Schweiz
gelangt. Dort hat sich ihnen mit der Zeit noch Remigius angeschlossen,
gewiß ebenfalls ein hervorragender fränkischer Grundheiliger.
Doch handelt es sich für seine Mission um spätere Spuren. Diese
organisierten Missionen zur Bekehrung der Germanenstämme im Osten
gingen aus dem Herzen des Frankenreichs hervor; Tours, Reims, Soissons,
Paris erscheinen als die Herde; denn außer den genannten finden wir
auch sonst eine Reihe von Grundheiligen speziell aus Neustrien, zwar
nicht mit ganzen Missionen, aber mit einzelnen Kirchen im eroberten
Lande vertreten; Antolian von Clermont in Plattenhardt, Medardus von
Soissons in Ostdorf, Lupus von Troyes in Wilflingen. Der Eifer zur
Ausbreitung des Christentums äußerte sich in Alamannien geradezu
fieberhaft, zumal gewiß alsbald private oder lokale Unternehmung mit
der staatlichen Initiative wetteiferte. Wenn sich zum Beispiel in der
Altstadt Rottweil eine Kirche des Pelagius, des Grundheiligen der
Diöcese Windisch-Constanz findet, so deutet das auf eine ähnliche
Lokalmission, wie etwa im Reiche selbst, in der Diöcese Châlons,
vom Lupentiusgrabe aus der Marne entlang nicht weniger als zwölf
Louventkirchen erstanden.
4.
In den kultischen Tauschverkehr einheimischer Namen mischte sich
indessen die Reliquieneinfuhr aus dem Orient, aus Italien und aus
Spanien. Wo es sich nicht um Namen handelt, die im Neuen Testament
stehen, sind durchweg Märtyrer gemeint. Aus dem orientalischen
Heiligenkonvent der diokletianischen Verfolgung haben sich vier in
der fränkischen Kirche schon im sechsten Jahrhundert angesiedelt,
Georg mit einigen Gotteshäusern in der Auvergne, bei Limoges und
bei Le Mans[233-a], Moritz außer in Agaunum mit der Stadtkirche
in Tours[233-b], wo er, immerhin durch Agaunensische Reliquien,
geradezu Titelpatron war, dann noch Cyricus, Saint Cirgue, mit einer
Kirche in Arvern und Sergius mit einer nicht näher bezeichneten
Kirche[233-c]. Die Cyricusreliquien hatte entweder der Abt Abraham aus
dem Morgenlande gebracht oder, falls das Kloster schon vorher bestand
und bereits in diesem Besitze war, haben offenbar die entsprechenden
Verbindungen Abraham gerade nach Clermont geführt[234-a]. Italien
lieferte zunächst seinen erlauchtesten Märtyrer, den heiligen
Laurentius. Die ihm gewidmete Kirche in Paris wurde schon zur Zeit
Childeberts von Mönchen unter dem Vorsteher Domnolus bedient und
lag an einem Arm der Seine[234-b]; die Lorenzkirche zu Clermont
beherbergte den Leib des Bischofs Gallus; sie lag südlich der
Stadt[234-c]. Die übrigen italienischen Märtyrer, die so früh
in Frankreich Verehrung fanden, stammen aus Oberitalien, dessen
Metropole Mailand auch sein Heiligenpaar Gervasius und Protasius
zur Verfügung stellte und im alten Tours an ausgezeichneter Stelle
innerhalb des Mauerrings verehrt sehen durfte; Martin selbst hatte
diese Reliquien seiner Zeit mitgebracht[234-d]. Der andere Mailänder
Nero-Märtyrer, der Knabe Nazarius, besaß bei Nantes an der Loire Kirche
und Kloster[234-e], während die Nazariusreliquien zu Embrun von den
Einwohnern als autochton in Anspruch genommen wurden. Aus Spanien kam
der Diokletiansmärtyrer Felix von Girone und wurde zu Narbonne schon
im fünften[234-f] Jahrhundert verehrt; doch tritt er hinter seinem
Landsmann, dem berühmteren Diokletiansmärtyrer Vincenz von Saragossa
zurück[234-g]. Dieser war der Primarpatron von Saint Germain des Prés
in Paris, wo der Stifter, König Childebert _I_, Bischof Germanus
von Paris und ein Prinz begraben liegen[234-h]. Er besaß überdies
zu Tours eine in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts ihm
erbaute Kirche[234-i] und eine bei Agen, wo man bereits sich fragte,
ob er am Ende nicht hier, auf gallischem Boden, das Martyrium erlitten
habe[234-k]. Auch sonst fehlen Anzeichen nicht, daß sich Vincenz
vollständig im Frankenreich eingebürgert und auch die letzte Spur des
Ausländers verloren habe: nimmt er doch, gleich einem Grundheiligen, an
der Germanenmission im Osten teil, wie seine Kirchen in Schwenningen,
Fronhofen und Grunbach beweisen.
5.
Unter den im Frankenreich importierten Heiligennamen sind die
Urheiligen nicht nur zahlreich vertreten, sie sind auch wichtig wegen
mancher Eigentümlichkeit, die es noch kurz zu erwähnen gilt. Johannes
der Täufer ist schon im sechsten Jahrhundert in der fränkischen Kirche
populär. Er nahm insofern eine eigenartige Stellung ein, als seine
Heiligtümer, vielleicht um den Vorläufer auch symbolisch anzudeuten,
fast ausnahmslos nicht selbständige Bauten, sondern kleinere
Dependenzgebäude der Kathedralen oder anderer Hauptkirchen sind,
von denen sie allerdings manchmal eine gewisse Entfernung trennte.
Baptisterium, ihre geläufige Bezeichnung, heißt gewiß nicht nur
Taufkapelle, sondern gewiß ebenso wohl Täuferkapelle und wenn dort auch
in der That vorzugsweise die Taufen stattfanden, so steht das mit dem
Schutzpatron wohl am ehesten in dem Zusammenhang, daß man unter der
Obhut dessen, der den Heiland getauft habe, auch die weiteren Taufen
vornehmen wollte.
Am lehrreichsten stellen sich die den Täufer betreffenden Heiligtümer
im alten Tours dar[235-a]. Dort stand vor alters in der Stadtkirche das
Baptisterium. Obschon es nun durch den Brand 561 nicht zerstört wurde,
erbaute man daneben ein neues mit Johannes- und Sergiusreliquien.
Dann aber besaß auch die vor den Mauern gelegene Martinskirche eine
Johanneskapelle vor ihrem Eingang, wie jene ja auch sonst, ohne
Kathedrale zu sein, den Rang eines Münsters einnahm. In Dijon stieß
die Täuferkapelle an die bischöfliche Wohnung an und hieß bald so,
bald Johanneskirche[235-b]. Doch konnten unabhängig vom Taufgebrauche
Johanneskirchen, dann also nicht Baptisterien, auf dem üblichen
Wege, nämlich durch die betreffenden Reliquien entstehen, so die
zu Bazas[235-c], während umgekehrt diese Reliquien nicht zwingend
den Namen im Gefolge hatten; in Maurienne ließ König Gunthram für
Johannesreliquien ein Gotteshaus bauen mit dem Zwecke, sie dort zu
bergen, zugleich aber verfügte er, diese Kirche nicht nach Johannes,
sondern nach dem heiligen Ysychius zu heißen[235-d].
In Tours stand überdies eine vierte Kirche in Beziehung auf den Täufer,
indem sie gemeinsam ihm und der Maria gewidmet war, ebenfalls vor den
Thoren, in unmittelbarer Nähe von Sankt Martin[235-e]. Daneben besaß
Tours innerhalb der Mauern eine nur der Maria gewidmete Kirche[235-f],
die ihrerseits wieder von der Stadtkirche zu unterscheiden ist, so daß
in dieser ältesten Zeit in Frankreich Notre Dame und Kathedrale noch
nicht ohne weiteres zusammenfallen. Drei alte Marienkirchen finden wir
in Lyon, Poitiers und Toulouse[235-g]. Von der ersten ist jede Spur
verschwunden; die zweite, Pfarr- und Begräbniskirche des Frauenklosters
vom heiligen Kreuz, hieß später nach ihrer Erbauerin Radegunde, und die
dritte, an der alten Stadtgrenze unweit der Garonne, jetzt Notre Dame
de la Dourade, hieß so nach einem vergoldeten Muttergottesmosaik, das
dort verehrt wurde. Keine echte Urkunde eines merowingischen Königs
nennt eine Nur-Marienkirche. Erst um die Mitte des achten Jahrhunderts
werden sie häufiger, indessen Maria bei mehrnamigen Kirchen schon früh
an erster Stelle figuriert.
Noch seltener finden sich Heiligtümer, die ausdrücklich Christus
geweiht sind. Erst am Ende der Merowinger Zeit tauchen die ersten
Erlöserkirchen auf: Sankt Salvator in der Provence, in der Diöcese
Bourges und in Tegernsee[236-a]. Früher, aber nur vereinzelt, finden
sich Kirchen, die nach dem vornehmsten Christusattribut, dem heiligen
Kreuz heißen, die erste und berühmteste bleibt die von Poitiers. Die
Radegunde des siebenten Jahrhunderts, Königin Balthilde, baute in
Chelles eine gleiche, und überdies enthielt die dortige Georgsbasilika
in der Seitennische rechter Hand einen Heiligen-Kreuz-Altar[236-b].
Auch in Metz stand um 600 eine Kirche dieses Namens[236-c], und selbst
die von Säckingen könnte schon aus dieser früheren Zeit stammen[236-d].
Von den zwölf Aposteln steht natürlich auch hier obenan Petrus. In
Paris gründeten Chlodowech und seine Gemahlin die Peterskirche,
in der sie dann auch nebst ihrer Tochter Chlotilde und den beiden
ermordeten Enkeln begraben lagen. Diese Kirche hieß genauer
»Heiligenapostelkirche«, war also Peter und Paul gewidmet[236-e]. Sie
enthielt das Stadtheiligtum, das Genovefagrab. Auch die Peterskirchen
von Rouen und Tours nahmen später die einstige Protektion der
Königin Chrotechilde in Anspruch[236-f]. Doch war die Peter- und
Paulskirche oder auch nur Peterskirche in Tours älter, da sie der
Martinsrestaurator Perpetuus errichtet hat[236-g]. Die Johanneskirche
in Lyon, die eine Krypta mit mehreren Gräbern besaß, also kaum eine
Taufkapelle gewesen sein wird, könnte dem Evangelisten gewidmet
sein[236-h], angesichts der Beziehungen der Stadt zum Johannesschüler
Polykarp, dessen Tag übrigens in der fränkischen Kirche gefeiert
wurde[236-i], keine unwahrscheinliche Annahme; nachweisbar sind Kirchen
für Johannes den Evangelisten sonst frühstens vom siebenten Jahrhundert
an. Arvern besaß eine Andreaskirche; sie wurde im Pestjahre 563
gestiftet[236-k]. Die größte Verehrung von allen Urheiligen genoß aber
damals keiner von den genannten, sondern dem Interesse am Martyrium
entsprechend der Erzmärtyrer Stephan. Die älteste Stephanskirche war
wohl die von Tours, die schon Ende des sechsten Jahrhunderts als von
den Altvordern errichtet galt[236-l]; sie lag nur wenige Schritte vor
der Stadtmauer. Die andere große Stephanskirche, die in Arvern, war ums
Jahr 460, von der Witwe eines Bischofs errichtet worden und beherbergte
später den Quintiansleib[236-m].
Gleich den Grundheiligen haben auch die Urheiligen ihren Anteil an der
staatlichen Mission im heidnischen Osten. In ihrem Gefolge erscheinen
hier überdies der Erzengel Michael[237-a] und der Apostelschüler
Clemens[237-b]. Beide werden zwar schon bei Gregor als Heilige
angerufen und Michael mit Martin in Verbindung gebracht; von ihren
Kirchen dagegen verlautet bei ihm noch nichts. Die Michaelskirchen
sind meistens Adjudanten der Martinskirchen: offenbar handelte es sich
darum, nicht nur den Donar, sondern auch Tiuz durch einen Gottesritter
zu ersetzen, und so rief man den Michael herbei, da ja Georg im
Frankenreich bleibend nicht Fuß gefaßt hat. Mit den Martins- und
Michaelskirchen erscheinen die Stephanskirchen fast in regelmäßiger
Verbindung, wobei dann auch noch mit den Baptisterien der Täufer zu
seinem Rechte gelangte. Begleitet war Stephan des öfteren eben von
Clemens, der jedoch nicht direkt aus Rom, sondern aus Nordfrankreich
zugewandert kam.
Damit sei die dürftige Skizze über die merowingischen Kirchen im
Grundriß ihrer Ausbreitung abgeschlossen. Zur vollständigen Lösung der
Aufgabe müßten nicht nur alle Quellen, Urkunden und Briefe inbegriffen,
sondern vor allem auch archäologische Hilfsmittel in ausgedehnterem
Maße zugezogen werden.
Fünfter Abschnitt.
Die Kraft.
Nur meine man nicht, diese fränkischen Heiligengräber als Sammelpunkte
besserer und höherer Triebe im Volk seien eine vereinzelte Erscheinung;
ist doch das Zentrum der griechisch-römischen Kultur, die antike Stadt,
aus dem Gräberkultus überhaupt hervorgegangen[237-1]. Dabei ist klar,
daß einer Verehrung, die Ursache solcher Wirkungen wurde, nicht der
bloße leere Name zu Grunde lag. Bemühen wir uns nun um die Erkenntnis
jener Kraft, die nach heutiger Schätzung zwar imaginär, aber für
die Empfindung der damaligen Welt mit aller nur denkbaren Realität
wirkte, so bekommen wir unseren Gegenstand bei seinem eigentlichen
Wesen zu fassen. Gerade was uns am meisten fremd bleibt an der Kirche
des alten Frankenreiches, macht ihre Seele aus, die Abwesenheit von
jeder, aber auch von jeder philosophischen Anschauung der Dinge,
dafür überall das Dasein eines naiven, begrifflich unverarbeiteten,
rohstofflichen Wunderglaubens. Diesen, der uns bereits auf Schritt
und Tritt begegnete, gilt es nun systematisch ins Auge zu fassen
und darzustellen. Zunächst allerdings handelt es sich erst um seine
Voraussetzung und Veranlassung, nämlich um jene Stücke Stein, Holz
oder menschlicher Gebeine, die man inbrünstig küßte und nur in den
Schauern innerster Erhebung zu berühren wagte, um jene Plätze, wo
man Gott in seinen Heiligen fürchtete, wohlverstanden fürchtete in
des Wortes eigenster Bedeutung von Angst und Schrecken, und um jene
armseligen Andenken, die der Einzelne dem Heiligen wegstahl, um seinen
Segen auch fern vom Tempel nahe zu haben, eine Scholle vom Hügel, einen
Spahn vom Schreine, eine Prise vom Pulver des Denksteins.
Dreizehntes Kapitel.
Die Reliquie.
Der Kraftherd des fränkischen Wunderglaubens ist irgend ein
handgreifliches Ueberbleibsel des verehrten Heiligen, meistens der
ganze Leichnam; von Stammheiligen wurden einzelne Gliedmaßen oder
Theile der Kleidung offenbar nicht abgegeben. Die Gewinnung und
Ueberführung heiliger Inventarstücke bilden Höhepunkte im religiösen
Leben des Volkes, und allerlei merkwürdige Eigenschaften wurden den
Reliquien zugedacht.
1.
Ausländische Reliquien nehmen eine besondere Stellung ein. Sie galten
mehr, weil sie von draußen und von fernher kamen. Wohl waren sie, da es
sich meistens um Andenken an Urheilige handelt, auch aus dogmatischen
Erwägungen besonders gut angeschrieben; aber eher noch wertete sie
dasselbe instinktive Gefühl höher, das heutzutage etwa fremdländische
Erzeugnisse von vornherein besser veranschlägt, als einheimische. In
der südgallischen Stadt Bazas erzählte man, in den Tagen Johannes
des Täufers sei eine französische Dame in Jerusalem gewesen und habe
dessen Hinrichtung beigewohnt und vom Täuferblute ein Fläschchen
voll aufgeschöpft, dasselbe Fläschchen, das nun auf dem Altar der
Johanneskirche stehe[238-a]. Eine andere Täuferreliquie in der Provence
war der Johannesdaumen zu Maurienne. Eine Frau, deren Namen Gregor
nicht nennt, die aber der Ortssage zufolge Tigris hieß, hatte sich
dieses Unterpfand am Johannesgrab in Sebaste durch ihren unbeugsamen
Eigenwillen zu verschaffen gewußt und in einer goldenen Kapsel nach
Hause gebracht. Die Bischöfe von Turin, Ax und Bellay vollzogen in drei
Vigilien an Ort und Stelle die dreimalige feierliche Abspaltung eines
Partikelchens von diesem Daumen[238-b]. Marienreliquien, die jedoch
nicht näher bezeichnet werden, besaß die Kirche von Marsas[239-a].
Von kleinen Christusreliquien, der Lanze, dem Essigschwamm, der
Dornenkrone, der Martersäule, sowie vom ungenähten Rock, wußte man,
jene befanden sich zu Jerusalem, dieser in der Erzengelkirche von
Galatz bei Konstantinopel. Das Kreuz Christi hatte die Kaiserin Helene
in Jerusalem aufgespürt; zu gleicher Zeit wurden die vier Nägel,
mit denen der Erlöser angeheftet gewesen war, gefunden. Sie waren
aus besonders edelm Metall. Zwei davon kamen als Lenkstangen in den
Galazaum des kaiserlichen Gespanns, gemäß dem Worte heiliger Schrift:
»Das Heiligtum des Herrn wird dem Pferde ins Maul gelegt[239-b].« Der
dritte Nagel fiel ins Meer und der vierte fand im Kopfschmuck der
Kolossalstatue Constantins Verwendung[239-c]. Ins Abendland gelangte
indessen nichts von alledem, bis Radegunde ums Jahr 560 auf dem Wege
diplomatischer Unterhandlung mit dem Hofe von Byzanz einen Splitter
vom heiligen Kreuz erwarb. Ebenso kamen einige Apostelreliquien nach
Poitiers, dann sandte Radegunde zum Zweck weiterer Funde eine zweite
Gesandtschaft unter Leitung des Priesters Reovalis nach Jerusalem
ab. Diese Erwerbungen wurden in einem silbernen Schrein gemeinsam
verwahrt[239-d]; ein Stückchen vom heiligen Kreuz besaß übrigens
auch Sankt Martin von Tours zugleich mit Täuferreliquien[239-e].
Von Apostelreliquien hegte die Kirche von Agde eine des heiligen
Andreas[239-f], während bei einem kombinierten Reliquienimport aus Rom
auch Erinnerungsstücke an Zwölfapostel und an Paulus mit nach Gallien
kamen[239-g]. Im Ganzen gehörte ein Unterpfand von einem Urheiligen in
den fränkischen Kirchen zu den großen Seltenheiten. Fremde Reliquien
waren gemeinhin im Vertrieb, italienische und spanische, unter Namen,
nach denen wir meistens schon die jene beherbergenden Kirchen geheißen
fanden. Bekannte römische waren die von Lorenz, Pankraz, Chrysanthus
und Daria und der Eunuchen der Kaiserin Constantia Johannes und
Paulus[239-g]; daran schließen sich die Bologneser Agricola und
Vitalis[239-h]; Reliquien des Spaniers Vincenz sind ausdrücklich
vermerkt für die Dorfkirchen Ceré und Orbigny bei Tours und Bessay in
der Poitou[239-i]. Bei fremden Reliquien ist im allgemeinen zu merken,
daß der Heiligenname lediglich Aufschrift und gewöhnlich von keiner
Legende begleitet ist. Ansätze zu einer solchen sind meistens verdrängt
durch die Erfolge, die der Ueberbringer der Reliquie zu berichten
wußte. Denn damals galt ja eben solch ein armseliges Stück nicht für
etwas Totes, es konnte oft sehr lebendig werden, und wer damit reiste,
mochte unter Umständen wohl etwas erleben.
Erzählungen dieser Art gewinnen aber an Umfang und Bedeutung, wenn
es sich um einheimische Größen handelt. Von Germanus von Auxerre
allerdings, der am 31. Juli 448 in Ravenna starb, berichtet Gregor
nur die Thatsache der Ueberführung, sein Leib sei nach sechzig
Jahren gehoben, nach der Stadt Auxerre gebracht und dort begraben
worden[240-a]. Dagegen haben die Julians- und Martinsreliquien auch
ihre kleinen Geschichten an sich. In der Ferreoluskrypta zu Vienne war
folgende Inschrift angebracht:
Doppeltes Pfand:
Das Haupt Julians und Ferreolus Leichnam,
Christushelden selb zweit,
Birgt diese Halle getreu.
Seiner Gewohnheit gemäß zog Gregor, als er das las, nähere
Erkundigungen ein; da erzählte der Wächter: Die Ferreoluskirche lag
früher am Rhoneufer, aber da die Säulenhalle des Eingangs der Willkür
des Flusses zu sehr ausgesetzt war, kam Bischof Mamertus auf den weisen
Gedanken, mehr landeinwärts, wo es sicherer sei, eine neue ebenso große
und schönere Kirche zu bauen. Zur feierlichen Translation der Reliquien
war eine stattliche Zahl Geistlicher und Mönche zusammengekommen;
während ihrer Gebete wurde die Ausgrabung vorgenommen. In einer
gewissen Tiefe angelangt, stieß man auf drei Gräber; welches gehörte
nun dem Heiligen? Jemand in der Versammlung erinnerte, seit alters
gehe die Sage im Volk, im Ferreolusgrabe befinde sich auch das Haupt
des Märtyrers Julian. Da ließ der Bischof die Anwesenden zum Gebet
auf die Knie fallen, indes er selbst sich anschickte, die Gräber eins
ums andere zu öffnen. In den beiden ersten lag nur ein Mensch allein,
im dritten dagegen fehlte dem noch nicht verwesten Leichnam der Kopf,
indes unter dem Arm ein Männerhaupt lag. Da rief der Bischof voller
Freude: »Das ist ja der Leib des Ferreolus, und seht da, das Haupt
Julians!«, worauf sich unter Psalmengesang und dem Beifall des Volkes
die Ueberführung vollzog[240-b].