unaufgehellt ohne die Lebensbeschreibungen des Leodegar von Autun.
Von diesem ist nun freilich weder die eine von einem Insassen des
Klosters St. Symphorian zu Autun, noch die andere von dem Abt Ursinus
von Ligugé verfaßt; beide stammen vielmehr aus dem neunten Jahrhundert,
gehen aber die eine als einfältige Kompilation, die andere als
raffinierte Fälschung auf eine alte zeitgenössische Quelle zurück, von
der kürzlich ein Bruchstück gefunden wurde[143-1]. Dieser ungenannte
Augenzeuge schilderte eine Menge wichtiger Staatsbegebenheiten
und lokalgeschichtlicher Details aus den sechziger und siebziger
Jahren sehr ausführlich und packend; er verrät genaue Personen-
und Ortskenntnis. Das Staats-, Kirchen- und Gerichtswesen ist ihm
vertraut. Er tritt mit Pathos für seinen Helden ein und schreibt
offenbar in höherem Auftrag. Seine Darstellung ist eigenartig und
enthebt sich der strengen chronologischen Reihenfolge, indem er
die Thatsachen pragmatisch gruppiert und nachträgliche Ereignisse
gelegentlich einfach vorwegnimmt, sobald sie ihm den faktischen Beweis
für etwas eben erzähltes zu enthalten scheinen[143-2]. Leodegar oder
Saint Leger[143-3], vornehmer Leute Kind, war in der königlichen
Palastschule erzogen worden, war dann behufs weiterer Ausbildung zu
seinem Onkel, dem Bischof Dedo von Poitiers gekommen und wurde mit
zwanzig Jahren Diakon. In der Stellung eines Archidiakons zeichnete
er sich nicht nur durch Rednergabe, sondern auch durch Kenntnis
des weltlichen Rechts aus und hielt als Richter wie als Lehrer die
ganze Diözese Poitiers in Frieden. Danach oder daneben bekleidete
er im Maxentiuskloster bei Compiegne die Abtswürde. Als guter Kopf
blieb er bei Hofe nicht unbeachtet, und gar sein persöhnliches
Auftreten imponierte den großen Herren geistlichen und weltlichen
Standes vollends. So brachte er es im Jahre 659 zum Bischof der
königlichen Residenz Autun und that sich nun als energischer und
scharfblickender Politiker auf. Aus Anlaß der Königswahl gerieten er
und der allgewaltige Hausmeier Ebroin an einander. Ebroin war nicht
gewöhnt, daß man ihm die Stirne bot. Ueberdies hatte Leodegar Burgund
hinter sich, und der Majordomus stammte aus Neustrien. Er ließ daher
die königliche Pfalz für Burgund sperren; da der Zutritt zum Hofe
jedoch von höchster politischer Bedeutung und den Großen für den
Betrieb ihrer Interessen schlechterdings unumgänglich war, lag, wie
in Geßlers aufgestecktem Hute, vielleicht in dem Verbot die Falle
versteckt, gegen die Vornehmen, die das Verbot verletzen mußten oder
aus Stolz verachteten, einen Vorwand zu gewinnen. Leodegar kehrte
sich daran nicht: kaum war König Chlothar gestorben, so eilte er mit
seinen Anhängern in den Palast. Gegen Ebroins Kandidaten Theuderich,
Chlothars dritten Bruder, erhob er Childerich auf den Thron. Durch die
rücksichtslose Bestrafung der unbotmäßigen Junker hatte sich Ebroin
viele Feinde geschaffen und war sogar einer Verschwörung gegen sein
Leben auf die Spur gekommen. Jetzt entschied das Glück gegen ihn: die
Mehrzahl der Edeln ließen den rechtmäßigen Thronfolger Theuderich
fallen, konstituierten sich und erhoben Childerich von Austrasien
zum König. Ebroins Anhang wurde zersprengt; er selbst stellte sich
Childerich, verzichtete auf seine Habe und bat nur, sein Dasein
im Kloster fristen zu dürfen. Sein Vermögen wurde infolge dessen
geplündert und sein Leben, vor allem auf die Fürbitte Leodegars hin,
ihm geschenkt. Er wurde nach Luxeuil geschickt. Auch Theuderich wurde
geschoren und der Obhut des Abtes zu Saint Denis übergeben. In Burgund
übernahm nun, ohne thatsächlich Majordomus zu sein, Leodegar als Leiter
des Palastes die Regierung. Seine Politik bedeutete thatsächlich eine
Kräftigung des Adels gegenüber der Krone, deren beste Stütze ein
energischer Majordomus damals noch war. Die von Ebroin behauptete
Machtstellung sollte unmöglich werden. Das Programm, das er Childerich
unterbreitete, betraf lauter Punkte, die auf eine Beschränkung der
Hausmeierschaft hinauslief: Ausschluß der Erblichkeit, Wechsel unter
den Großen, ohne feste Amtsdauer, abhängig von der Adelsmehrheit;
jeder Vornehme sollte womöglich einmal ans Ruder kommen. Dieser Bund
mit dem Weltadel war nicht nur vom Standpunkt der Königstreue aus
bedenklich, er führte ihn, den Bischof, auch zu einem Gegensatz gegen
die Kirche. Bischof Prajektus von Arvern, Saint Prix, hatte Streit
mit dem Patricius Hektor von Marseille, weil dieser die Tochter einer
frommen Arverner Dame Claudia geraubt hatte und nun nach dem Tode der
Schwiegermutter deren Vergabungen an die Armen beim Könige anfocht.
Leodegar nahm sich des Grafen an und setzte die förmliche Vorladung
des Bischofs vor Königsgericht durch. Anfangs weigerte sich Saint
Prix am Samstag vor Ostern in Rechtssachen Rede zu stehen, es sei
auch gegen das Gesetz. Dann, als man ihn zwang, appellierte er aber
sehr geschickt an die Königin Imnichild, deren hohem Schutz er hiemit
die Interessen der Kirche anvertraue. Und als er nun gar erzählte,
wie man ihn unter Bürgenzwang zu der auch sonst mühseligen Reise nach
Autun genötigt habe und es sich herausstellte, daß dies hinter dem
Rücken des Königs geschehen war, da hatte er gewonnen Spiel: König
und Königin entschuldigen sich bei ihm, alle Bischöfe und Großen
ersuchen ihn, die Ostervigilien zu halten und Messe zu lesen für das
Heil des Königs und den Frieden der Kirche. Für Leodegar war das der
Sturz. Er entflieht mit Hektor. Diesen läßt der König verfolgen,
fangen und hinrichten. Auch Leodegar wird auf der Flucht ergriffen.
In dem Gericht, das die Ersten des Palatiums über ihn hielten, wurde
ihm geradezu, wenn auch wahrscheinlich mit Unrecht, ein Komplott
gegen den König zur Last gelegt. Das Urteil lautete einstimmig auf
lebenslängliche Klosterhaft. So kam er nun seinerseits nach Luxeuil zu
Ebroin. Die alten Feinde mögen sich dort gefunden und vertragen haben.
Nun hatte der austrasische Hausmeier Wulfoald, der durch Leodegars
Maßnahmen gegen den Majordomat direkt betroffen gewesen war, in allen
drei Reichen die Zügel in den Händen. Mit der Palastrevolution, die zu
Childerichs Sturze führte, war dann aber auch die Macht dieses neuen
Hausmeiers zu Ende. Leodegar und Ebroin langten vielleicht gemeinsam in
Autun an. Ebroin mußte bereits in der folgenden Nacht wieder fliehen,
indessen Leodegar für einige Zeit die herrschende Stellung in Burgund
aufs neue besaß. Er entschloß sich nun mit Leudesius, dem andern Führer
der Adelspartei, für Theuderich _II._, den er früher entthront hatte.
Die Wirren im Lande waren unbeschreiblich. Und Ebroin gelang es, sich
in Austrasien zu kräftigen; sein Einfall in Burgund war siegreich.
Er ehrte seinen früheren Schützling, den jetzigen König, der vor ihm
flüchtete, als seinen Herrn, tötete Leudesius und übernahm wieder
seine Machtstellung von ehemals. Die Reihe kam nun an Leodegar, den
alten Feind, den alten Unglücksgenossen. Ebroin ließ Autun durch zwei
seiner Heerführer belagern. Der Bischof sah, daß er sich nicht halten
konnte. Er verschrieb den aufgesammelten beträchtlichen Parteifonds
für Kirchen und Armenzwecke, versöhnte sich mit seinen Feinden und
kapitulierte, aber erst nach versuchtem Kampfe. An der Spitze der
gesamten Geistlichkeit schritt er hinaus, unter Psallieren, mit den
Kreuzen und allen Reliquien. Er wurde als Hochverräter geblendet, unter
Klosterbann gestellt und später hingerichtet. Schlau, ehrgeizig, sonst
aber kein schlechter Mensch ist er jedenfalls, sobald und solang er
Politik trieb, ein kurioser Heiliger gewesen.
Zwei Weltheilige im besten Sinne sind dagegen Saint Eloi und Saint
Ouen, die im Verhältnis von Meister und Schüler stehend, mit ihrer
Lebenszeit ziemlich ein ganzes Jahrhundert umspannen. Eligius[146-1],
keltischer Abkunft, ist in Chatelat bei Limoges im Jahre 588
geboren. Sein Vater hieß Eucherius, die Mutter Terrosia. Um seiner
künstlerischen Anlagen willen gab man ihn noch bei sehr jungen Jahren
in Limoges dem Goldschmied Bobbon in die Lehre; dieser Bobbon war
königlich fränkischer Münzmeister. So erlernte Eligius sowohl die
Juwelier- als die Prägekunst. Er that sich dann in Limoges selbständig
auf, erwarb sich in der Stadt selbst und in der Umgegend ein Ansehen,
das über jeden Zweifel erhaben war. Von Limoges siedelte er nach Paris
über und trat dort in Beziehungen mit einem Schatzmeister Chlothars
_II._, einem redlichen Manne. Bobbon benutzte die erste Gelegenheit,
die sich bot, seinen Schützling dem Könige vorzustellen. Der Fürst war
eben im Begriff, einen Thron mit Gold und Edelsteinen anfertigen zu
lassen, wußte aber nicht, wen er mit dem Auftrag betrauen sollte. Auf
Bobbons Empfehlung, daß einzig Eligius hiezu fähig sei, ließ Chlothar
das Gold und die Steine diesem einhändigen. Eligius führte das Werk mit
der größten Gewissenhaftigkeit aus. Der König wußte sich vor Erstaunen
nicht zu fassen; wie man denn nur mit so wenig Material so prächtiges
habe liefern können. Das kam daher, Eligius war ehrlich gewesen,
während die andern Handwerker jener Zeit es nicht anders wußten, als
zu unterschlagen, und nachher vorgaben, diese Einbuße sei beim Feilen
und Einschmelzen nicht zu vermeiden. Einen solchen Mann wußte Chlothar
zu schätzen. Er machte ihn zu seinem Minister und während dreier
Regierungen vermochte sich Eligius dieses Vertrauen seiner Landesherren
zu bewahren. Eligius war ein Mann von hohem Wuchs und blühender
Gesichtsfarbe. Und nicht nur sah er gut aus, er benahm sich auch fein.
Er trug einen schönen Bart und langes, wallendes Haar, er pflegte seine
Hände, an denen namentlich die feine Bildung der Finger auffiel; seine
Gesichtszüge hatten etwas weiches, evangelisches; sein Auge blickte
klug und treu. Seit er am Hofe verkehrte, richtete er auch sein äußeres
Auftreten danach ein: er trug prächtige Kleider, mit Gold und kostbaren
Steinen, wie die großen Persönlichkeiten des Zeitalters. Später wurde
er einfacher und ersetzte die kostbaren Stücke seiner Garderobe durch
bescheidenere, um die dadurch erzielte Ersparnis Armen und Kranken
zuzuhalten. Eligius war im damaligen Frankenreich ein hervorragender
Mann geworden, als Künstler wie als Staatsmann. 635 entsandte ihn
Dagobert _I._, um bei Judicaël, dem König der Bretonen einen heikeln
Auftrag zu erfüllen, dessen er sich mit allem Geschick entledigte.
Fünf Jahre später wurde er zum Priester geweiht und zum Bischof von
Noyon erhoben. Von da an überwog bei ihm die geistliche Wirksamkeit.
Namentlich machte er sich die Bekehrung der Friesen zur Aufgabe. Er
starb zu Noyon im Geruch der Heiligkeit, in der Andreasnacht 659,
einundsiebzig Jahre alt, unter der allgemeinen Teilnahme des ganzen
Reiches und besonders auch der Königin Balthilde. Gleichzeitig mit
Eloi’s Erhebung zum Bischof von Noyon war dem Kanzler Dagoberts das
Bistum Rouen zugefallen: es war Audoen, der Schüler des Eligius, der
auch dessen Leben beschrieb. Dieser fand dann selber wieder einen
Schilderer seines Leben. Von drei Edelleuten aus Soissons den Gebrüdern
Ado, Dado und Rado war Ado Mönch, Rado ein hoher Finanzbeamter, Dado
dagegen, eben unser Audoen, erst ebenfalls Höfling unter Chlothar
_II._ und Dagobert, wobei er in den zwanziger Jahren Eligius kennen
lernte. Auch ihn führte Neigung, Lebenswandel, königliche Gunst und der
Einfluß des Meisters in die bischöfliche Laufbahn. Ums Jahr 640 war
es, daß er in dieser Eigenschaft nach Rouen kam. Er unternahm große
Reisen. Als er Spanien betrat, fiel zum ersten Mal seit sieben Jahren
ein lauer Regen. Er wallfahrtete nach Rom. In Köln wirkte er auf den
Frieden zwischen Neustrien und Austrasien hin. Auf der Heimreise stirbt
er bei Paris 683 und wird feierlich nach Rouen überführt. Reliquien
von ihm kommen nach England. Sein Lob singt überdies ein künstliches
Akrostich in Kreuzform, wahrscheinlich das Werk seines Amtsnachfolgers
Ansbert[147-1].
Endlich noch ein Missionarsleben. Der Mönch Baudemund aus dem
Kloster Elnon bei Tournai schildert die Wirksamkeit seines Meisters
Amandus[147-2] folgendermaßen: er wurde zu Ende des sechsten
Jahrhunderts in Aquitanien nahe der Meeresküste geboren und war
vornehmer Abkunft. Als junger Mann trat er in das Kloster auf der
Insel Oia, verzichtete in der Folge auf sein väterliches Erbe und ließ
sich am Martinsgrabe von Tours zum Priester weihen. Dann übergiebt
er sich Austregisöl und dessen Obersthelfer Sulpizius Pius; und
verbringt dort in einer Zelle nicht weniger als fünfzehn Jahre.
Vierunddreißig Jahre alt, reiste er nach Rom, später ein zweites
Mal; dann widmet er sich endgiltig der Bekehrung der Heiden zunächst
in belgischen Landen. Er verläßt sich bei dieser Bekehrung nicht
auf seine Wunderkraft, sondern ruft den austrasischen König an,
die Taufe zwangsweise mittelst Königsbann durchzuführen. Nicht um
selbst geschützt zu sein, drang er auf staatliche Mission der Heiden,
sondern weil er Mitleid hatte mit ihrem Irrsal und wohl erkannte,
wie wenig sein Märtyrertod auszurichten vermöge, wie viel dagegen die
Staatsgewalt. Er erwirkte durch Bischof Aichar von Noyon Briefe und
Bannbefehle von König Dagobert. Doch trotz des Königszwanges stieß er
auf den härtesten Widerstand; er wurde immer wieder zurückgestoßen,
ja sogar in die Schelde geworfen. Amand sucht bei dem fränkischen
Grafen Dotto in Tournai, vor dessen Instanz Rechtshändel zu erledigen
waren, einen notorischen Dieb vom Galgen freizubitten; aber da der
Graf als pflichttreuer Beamter seine Schuldigkeit that und ungeachtet
der humanen Einmischungen eines Unberufenen eben hängen ließ, wie
das Gesetz es vorschrieb, sagt Baudemund von ihm, er sei grausamer
gewesen als irgend ein reißendes wildes Tier. Dann sucht sich der
todesmutige Amand, in der ausgesprochenen Absicht, zum Märtyrer zu
werden, ein neues Missionsfeld bei den Slaven. Er drang über die Donau
nach Baiern vor, kehrt dann aber zurück, nachdem er nur wenige getauft
hatte und keinen weiteren Erfolg absah. Ohne die königliche Macht als
Rückhalt war eben mit der Mission nichts. »Einstweilen«, heißt es
weiter, »hatte sich König Dagobert mehr als recht war, der Frauenliebe
ergeben. Vom Schmutz der Lüste einer Entzündung verfallen, bekam er
keine Nachkommenschaft und betete zu Gott, er möge ihm einen Sohn
geben, der ihm im Reiche folgen könne«. Nun hatte der Heilige früher
den König wegen seiner Todsünden zur Rede gestellt und war deshalb
verbannt worden. Als jedoch der ersehnte Thronfolger geboren wurde,
veranlaßte der König eine Versöhnung in Clichy und nahm der Heilige
nach einigen Einwänden die ihm zugemutete Pathenschaft an. Später wurde
er, von diesem seinem Täufling König Sigibert _III._ und den Bischöfen
gezwungen, den erledigten Stuhl von Mastricht wider Willen anzunehmen.
Dort predigt er drei Jahre in einem Wanderleben, fordert aber auch
diesmal durch seine schroffe unnachsichtliche Art vielfach den
Widerspruch der andern Geistlichen heraus und warf ihnen schließlich
das Bistum wieder vor die Füße. Er zog sich auf die Insel Calloo in der
Scheldemündung zurück. Vergeblich hatte ihn sein Freund Papst Martin
von diesem extremen Schritt abgemahnt und aufgefordert, den Widerstand
durch Strafen zu brechen. Zugleich bittet der Papst den Heiligen,
bei Sigibert Unterstützung des heiligen Stuhles gegen Byzanz zu
erwirken, der erste Versuch eines Papstes mit Hilfe des Frankenstaats
den Byzantinern als Haupt der ganzen abendländischen Christenheit
entgegenzutreten. In diesen Jahren versuchte der Heilige ebenfalls
vergeblich die Wasconen zu bekehren, also nun diesmal ganz anderswo,
an der Südgrenze des Reiches, gegen die Pyrenäen hin. Erst wirkt er
außerhalb des fränkischen Teiles von Wasconien, muß sich aber auch
dann wieder aus Mangel an Erfolg ins Gebiet der Franken zurückziehen.
Unermüdlich ist er im Gründen von Klöstern und kann es bis an sein
Lebensende nicht überwinden, daß man Vogelschau trieb oder einen Baum
als Idol anbetete. Ungebeugt starb er im Jahre 684.
Drei Jahre später erfocht der Hausmeier Pippin bei Tertri den
entscheidenden Sieg, der in Wahrheit der Herrschaft der Merowinger
ein Ende machte, wiewohl sie dem Scheine nach noch bis über die Mitte
des folgenden Jahrhunderts im Regiment saßen. In der letzten Phase
ihres Zeitalters hatte die Heiligenschreibung angefangen sich zu der
litterarischen Industrie zu entwickeln, als die wir sie dann unter den
Arnulfingern bald genug entfaltet finden. Die karolingische Schule
für Hagiographie hat auf den Errungenschaften der merowingischen
aufgebaut und stellt sie scheinbar weit in den Schatten; denn in ihr
floriert das Interesse an der Vergangenheit, und so bevölkert sie
denn kaltblütig den Merowingerstaat nachträglich mit Heiligen aller
Art, die uns auf unserer Wanderung durch die gleichzeitigen Quellen
gar nicht oder anders begegnet sind. Da echte Forschung damals nicht
möglich ist, handelt es sich um Mißbrauch der Forschung, um Erfindung
und Fälschung[149-1]. Die bescheidenen Machwerke der Merowinger
Zeit dagegen sind durchweg ehrlich. Selbst beim hieronymischen
Märtyrerverzeichnis ist die Unterschiebung des Kirchenvaters harmlos,
da sie nur die Vorrede betrifft und den Inhalt in keiner Weise in
Mitleidenschaft zieht. Bei aller Unzuverlässigkeit kann man also bei
den beschriebenen Schriften von historischer Treue reden und sie
deshalb schätzen, wie ja denn überhaupt das Frankenreich der Merowinger
zwar höhere Bildung aber auch höhere Heuchelei nicht kennt, noch roh
aber auch noch naiv ist.
Dritter Abschnitt.
Die Legende.
Erinnerung und Erkundigung erschöpfen indessen den Inhalt der
Heiligenviten nicht. Ein wesentliches Element in ihrem Bestande wird
von der Legende bestritten. Legende ist das uferlos flutende Weistum
der Volksseele. Es hat doppelten Ursprung: entweder entquillt es der
geschichtlichen Erinnerung, dann ist es Sage. Oder es entspringt
der Naturanschauung, dann ist es Mythus. In den Vordergrund unserer
Erwägungen drängt sich jedoch das Bewußtsein der Schwierigkeiten,
dieses legendenhaften Wesens der Heiligenvorstellung für unsere
Erkenntnis überhaupt habhaft zu werden. Zumal nun auch die gebundene
schriftliche Ueberlieferung der fließenden mündlichen nicht mehr
auf dem Fuße folgt und somit, was bisher noch in den festen Formen
der Litteraturgeschichte sich abspielte, sich nun für uns auflöst
in ein schwer greifbares Nacheinander oft geradezu gestaltloser
Gedankengebilde. In den folgenden markanten Beispielen, an denen die
mannigfaltigen Erscheinungsarten der Legende herausgeschält werden
sollen, ist der Anteil von Mythus und Sage sehr ungleich, und dasselbe
Mißverhältnis zeigt sich in geographischer Hinsicht, insofern das
gallische Stammland von Mythenbildung und Teilnahme der Heiligenlegende
an ihr fast ganz frei blieb, während der verhältnismäßig schmale
Streifen der Alpen- und Rheingegenden davon wuchert. Bei den Franken
selbst äußert sich der Trieb zur freien Gestaltung und zur Emanzipation
der Phantasie von geschichtlichem Geschehen fast nur in der mehr
oder weniger passiven Aufnahme des kirchlichen Sagenstromes, der
sich von Rom aus über das fränkische Reich ergießt. Selbst bei zwei
Hauptheiligen des Frankenvolkes, wie Martin und Genovefa von Paris
ist ein mythischer Beisatz zwar da, aber durch die viel kräftigeren
epischen Triebe fast gänzlich absorbiert. Und die heilige Radegunde hat
das Volk von Poitiers nur ganz verstohlen mit einem alten Druidenstein
in Verbindung bringen können.
Was an mythischen Bestandteilen im merowingischen Heiligenhimmel sich
vorfindet, ist teils aus dem Orient hergezogen, wo die Amalgamierung
vom Heidnischen ins Christliche vor angetretener Wanderung ins
Abendland sich bereits restlos abgeschlossen hatte, oder sie hat
sich, sofern ein solcher Austausch auf germanischem Boden stattfand,
auf nicht fränkischem Gebiete, am ehesten bei den Alamannen oder den
Friesen und Angelsachsen durchgesetzt. Ueberdies kommt die Schiebung
in Betracht, die in den germanischen Göttervorstellungen selber vor
sich ging. Einen germanischen Olymp hat es nie gegeben; jeder Stamm
hatte seine Gottheiten, jeder seinen Glauben für sich. Nur der mächtige
Himmelsgott in seinen beiden Gestalten des Tiuz und des Donaraz
sowie seine Gemahlin Frijô haben im Glauben aller deutschen Stämme
geherrscht, bis der lokale und untergeordnete Wind- und Totengott der
Istväonen, Wodan, im Laufe der Zeit sich universale Rechte usurpierte,
den Tiuz aus dem Felde schlug und wenigstens in England und im Norden
sich bleibend zum obersten der Götter erhob. Auch in Alamannien griff
der Wodankult ein, ohne jedoch noch die Verehrung des älteren Kriegs-
und Donnergottes verdrängt zu haben, als an der Spitze der fränkischen
Reichsmission bereits eine dritte und in der Folge siegreiche Macht ins
Feld rückte, eben die Heiligen der Merowinger.
Siebentes Kapitel.
Wanderheilige.
Fassen wir zunächst Heilige ins Auge, an denen der ursprüngliche
Charakter der Legende unverändert zu Tage tritt, Heilige, deren
Lebensgeschichte keinerlei Spuren memorienhafter Erinnerung mehr
aufweist, sondern in ein oft überreiches Detail voll unverfolgter
Anknüpfungen und unerwarteten Beziehungen sich verbreitend, doch
niemals die dürftigen und lückenhaften Leitlinien des biographischen
Verlaufes verbergen kann. Heilige dieser Art, wenn man überhaupt
weiß, woher sie stammen, sind meistens irgendwoher aus dem Süden
oder von Osten ins Abendland eingewandert. Auch im günstigsten
Falle mangeln ihrer Gestalt scharfe Umrisse, scheinen sie vielmehr
unwirklich zerflossen; oft genug ist in ihrer Ueberlieferung die
Volkstradition überhaupt an mehr als einem Punkte in ihrem Flusse
aufgeschöpft, oft sogar von ein und demselben Heiligen mehrmals, sodaß
wir dann für denselben Namen verschiedene Gestalten antreffen, die
sich unter einander kaum mehr ähnlich sehen. Die reine, unberührte
Form der Heiligenlegende liegt in ihrer Unform, in der eigentümlich
hypertrophischen, hundertgliedrigen Mißgestalt. Meistens durch
Amputationen auf ein historisch mehr oder weniger mögliches Lebensbild
reduziert, aber auch dann nicht ohne hie und da einen unvernähten
Riß, hat sich diese Urnatur der Legende in seltenen Fällen unserer
Einsicht noch in ihrer kruden Mißförmigkeit erhalten, etwa als
doppelgeschlechtiges Mannweib, als Jungfrau mit dem Barte. Selbst
jene Beschränkung der stofflichen Ueberfülle zu einer natürlichen und
faßbaren Sagenfigur, formal gewiß ein Fortschritt, bedeutet doch immer
zugleich eine Verarmung für den Ideengehalt der Legende, die, sobald
sie unbefangen bleibt, sich immer gespensterhaft zwischen Himmel und
Erde als ihrer Heimat in der Schwebe hält. Dort bedient sie sich dann
wohl menschlicher Erscheinungsarten, aber sie fühlt sich an sie nicht
mehr gebunden.
1.
Zur Zeit des Entscheidungskampfes zwischen Christentum und Heidentum
beherbergten Kleinasien und Syrien eine Anzahl Heiliger, von denen
jeder gewissermaßen auf die Wanderschaft ging, und das Abendland seinem
Namen unterworfen hat. Sie haben die Dunkelheit ihrer Lebensgeschichte
mit einander gemein, sowie Züge, die in die heidnische Götterwelt
hinüberspielen. Deutlich zeigt sich das am heiligen Christoph[151-a].
Er stammt aus dem Lande der Riesen, kam unter der Regierung des
Königs Dagnus oder Decius von den Inseln nach der durchaus fabelhaften
Stadt Samos in Lycien. Nach seiner Taufe erregte er in Syrien unter
den Heiden Aufsehen, weil er statt eines menschlichen, den Kopf eines
Hundes trug, und bekehrte Unzählige, weil sein eiserner Stab grüne
Blätter trieb. Anderswo[152-a] erscheint Christoph als äußerlich sehr
ungeschlacht, dagegen spricht er, als er gefangen wird, ohne Unterricht
plötzlich griechisch und verblüfft seine Häscher durch das Wunder
des grünenden Stabes; erst dann erfolgt seine Taufe durch Bischof
Babylus von Antiochien. In der bekannten germanischen Form dagegen ist
Christoph, dem griechischen völlig ungleich, ein heidnischer Riese, der
durch die Welt zog, einen stärkeren zu suchen, als er sei. Er diente
dem Teufel, bis er ihn einem Kreuz ausweichen sah: der Herr des Kreuzes
mußte also stärker sein. Durch einen Einsiedler belehrt, daß sich
Christus Dienst in guten Werken äußere, läßt sich Christoph an einem
Fluß nieder, um, zwölf Fuß hoch, wie er war, Wanderer über das Wasser
zu tragen und thut es, bis er eines Tages unter der unscheinbaren,
aber immer drückenderen Last des Christusknaben zusammenbricht. Die
Verschiedenheit der Ueberlieferung ist jedoch nicht das einzige,
was an Christophs Geschichte auffällt. Auch daß die Namen, die er
trägt, mag er nun vor seiner Bekehrung Adokimos oder Reprobus oder
Offerus geheißen haben, alle deutbar sind und eine Eigenschaft des
Trägers ausdrücken, weist auf einen inneren Zusammenhang des Namens
mit dem Leben hin; bei einer geschichtlichen Figur müßte dies ein
Zufall sein, da der Mensch heißt, bevor er etwas ist, und somit eine
Uebereinstimmung von Namen und Leben, wenn überhaupt dem Namen ein
Sinn innewohnt, zu den großen Ausnahmen gehören wird. Aber noch mehr
giebt an Christoph zu denken, daß er nicht nur in seiner Sage plötzlich
einmal mit einem Hundskopf auftritt, sondern diesen Ersatz eines
menschlichen Gesichtes auf alten griechischen Bildwerken wirklich zur
Schau trägt[152-1]. Hier hat die christliche Sage einen Riß; wir sehen
in die heidnische Mythologie hinein: einen Wolfs- und Hundskopf trug
Anubis, der den jungen Sonnensohn Horos durch den Nil trägt[152-2].
Allerdings kann ein vereinzelter Zug nicht viel beweisen. Aber an der
Gestalt des heiligen Georg läßt sich der Vergleich auf der ganzen Linie
durchführen.
Die griechische Georgslegende erzählt, Kaiser Diokletian habe auf ein
Apolloorakel hin alle seine Statthalter zu einem Rat wider die Christen
zusammenberufen. Damals lebte Georg, von vornehmen christlichen Eltern
in Kappadocien. Er hat als Kind seinen Vater verloren und war dann
mit der Mutter nach ihrer Heimat Palästina ausgewandert. Als schöner
Jüngling trat er ins Heer ein und zeichnete sich in den Kriegen so
aus, daß er Comes wurde. Zwanzig Jahre alt erbte er seine Mutter und
begab sich mit seinem fürstlichen Vermögen an den Hof, um da sein
Glück zu machen. Hier angekommen — wo, wird nicht gesagt — hörte Georg
von der Verfolgung, die über seine Glaubensgenossen verhängt sei,
verteilte sofort alle seine Reichtümer unter die Armen und bekannte
sich vor dem Kaiser als Christen. Er soll den Göttern opfern, bleibt
standhaft und wird nun gemartert. Am ersten Tage stoßen ihn die
Trabanten mit Speeren nach dem Kerker; ein Speer, der Georgs Körper
berührt, wird wie Blei umgebogen. Dann werden ihm die Füße in den Block
gespannt und ein schwerer Stein auf die Brust gelegt. Er lacht über so
leichte Qualen. Am zweiten Tag wird er an ein großes mit Schwertern
besetztes Rad gebunden und gepeinigt. Darauf liegt er wie schlafend
da. Diokletian hält ihn für tot. Man bindet ihn los und siehe da, er
ging heil von dannen. Georg wird nun in eine Grube mit frischgelöschtem
Kalk geworfen: als der Kaiser nach dreien Tagen den Auftrag giebt,
die Gebeine heimlich zu verscharren, findet man Georg in heiterer
Haltung, im Gebet begriffen. Der Kaiser hält ihn für einen Zauberer und
läßt ihn in glühenden Schuhen in den Kerker zurücklaufen. Als er am
sechsten Tage aufrecht gehend vor dem Kaiser erscheint, gebietet dieser
Georg mit Riemen ans Rindshaut so lange zu geißeln, bis das Fleisch
in Stücken herabfällt. Auch tötliche Zaubertränke trinkt er, ohne
Wirkung zu verspüren, aus. Nachdem er die Reihe der Marter bestanden
hat, thut Georg drei Wunder: Athganasios fordert ihn auf, einen Toten
zu erwecken; er thut es. Dann ruft er den gefallenen Ackerstier des
Landsmanns Glykerios ins Leben zurück. Am achten Tage erscheint Georg
zum letzten Gericht vor dem Kaiser; im Apollotempel beschwört er den
bösen Geist, der in dem Götterbild wohnt, bis dieser sich als einen von
Gott abgefallenen Engel bekannt; alle Götterbilder stürzen auf die Erde
und zertrümmern. Da fiel die Kaiserin Alexandra dem Heiligen zu Füßen;
Diokletian ließ beide zur Hinrichtung abführen. Alexandra gab unterwegs
den Geist auf, Georg aber ging Gott lobsingend auf den Richtplatz und
wurde enthauptet; es war am 23. April.
In diesen griechischen Akten liegt nun aber eine von allerlei
Rücksichten geleitete Ueberarbeitung der Georgssage vor. In älteren
lateinischen Akten heißt es: der Teufel trieb Dacianus, den Kaiser
der Perser, den Herrn über die vier Himmelsgegenden, daß er die
zweiundsiebzig Könige der Erde, die unter ihm waren, zusammenrief
und auf ihren Rat die Christen bedrängte. Damals lebte der heilige
Georg. Melitene in Kappadocien war sein Geburtsort und der Schauplatz
seines Martyriums. Hier hielt er mit einer Witwe Haus. Die Marter, die
er zu bestehen hatte, sind zahllos; genannt werden die Folterbank,
eiserne Zangen, das mit Schwertern besetzte Rad, die an die Fußsohle
angenagelten Schuhe; dann wird Georg in eine eiserne, inwendig mit
Nägeln besetzte Kiste geworfen, in den Abgrund gestürzt, mit eisernen
Hämmern geschlagen; eine schwere Säule wird auf ihn gelegt, ein
schwerer Stein auf sein Haupt gewälzt; er wird auf ein glühendes
eisernes Bett gedrückt und mit geschmolzenem Blei übergossen, dann
in einen Brunnen geworfen, mit vierzig glühenden Nägeln durchbohrt,
in einen glühenden ehernen Stier eingeschlossen, mit einem Stein um
den Hals in den Brunnen geworfen: diese Marter dauern sieben Jahre.
Endlich verdarb Georg mit Arglist die Zauberer der Heiden und brachte
die Heiden selbst um; Vierzigtausendneunhundert Menschen aber bekehrten
sich zum Christentum, darunter Alexandra, die Kaiserin der Perser.
Dacianus ließ beide enthaupten, eines Freitags den 24. April. Hierauf
entführte ein feuriger Wirbelwind den Dacianus und seine Genossen. Die
Muhammedaner haben die folgende Fassung übernommen: Georgîs, der noch
bei Lebzeiten der Apostel geboren war, wird von Gott zu dem Könige von
El-Maucîl geschickt, um ihn zur Annahme des Christentums aufzufordern.
Der König ließ ihn hinrichten. Gott aber rief ihn wieder ins Leben
zurück und schickte ihn ein zweites Mal; ein zweites Mal getötet ward
er von Gott wiederum auferweckt und ein drittes Mal geschickt. Nun
ließ ihn der König verbrennen und seine Asche in den Tigris werfen.
Darauf vertilgte Gott den König mit allen seinen Unterthanen. Die
alte abendländische Legende vom heiligen Georg ist in den Kreisen
der Kirche von Lyddadiospolis in Palestina entstanden. Dort erhob
man den Anspruch, Georgs Leichnam zu besitzen. Jedenfalls bestand
dort ein besonders alter Georgskultus. Deshalb unternimmt auch Georg,
ehe er Märtyrer wird, in den griechischen Akten einen Abstecher nach
Palestina. Die noch ältere morgenländische Fassung muß davon unabhängig
gewesen sein; sie läßt den Heiligen verbrannt werden, sie kann mithin
eine Beisetzung seiner Asche, aber nimmermehr seines Leichnams gekannt
haben. Georg hat nicht nur bei den orientalischen Christen, sondern
fast mehr noch bei den Mohammedanern eine ausnehmende Verehrung
genossen. Offenbar wurzelt sein islamischer Kultus tief im Volksglauben
und war nicht auszurotten. Wie ist das zu erklären, wenn Georg weiter
nichts wäre, als ein christlicher Heiliger?
Sein Geburts- und Todesland Kappadocien hilft uns auf die Spur. Es
war fast tausend Jahre vor dem Sieg des Christentums vollständig
iranisiert. Die alten Naturgottheiten wurden verdrängt, untergeordnet,
verflüchtigt. Nur wenigen Gottheiten gelang es, sich im Volksglauben
dauernd zu behaupten und trotz der zoroastrischen Prinzipien immer
mehr Terrain zu gewinnen und schließlich aller Orten in Bildern
verehrt zu werden. Die vornehmsten dieser Götter sind Anâhitâ und
Mithra. Kappadocien ist die Wiege des Mithradienstes in der Gestalt,
die er im Abendlande genommen hat. Mithra ist das geschaffene, Alles
durchdringende, alles belebende Licht, der Vertreter der Wahrheit,
Gerechtigkeit und Treue; in später Zeit ist er mit der Sonne
identifiziert und sein Kultus mit vielen fremden Bestandteilen versetzt
worden. In der jüngsten Phase des Mithradienstes drängt sich die
Aehnlichkeit mit Georg bis auf den einzelnen Zug auf: Mithra der Gott
stammt von Menschen und ist ein König göttlichen Geschlechtes, Georg
der Sohn vornehmer christlicher Eltern. Mithra der reiche Landesherr,
schaltend über Gaben, schaltend über Fluren, Georg der Herr großer
Schätze und eines reichen Erbes. Mithra war wohlgebildet, hoch, rein,
lieblich, Georg ein schöner Jüngling. Mithra und Georg sind in voller
Rüstung, die Hand an der Waffe. Mithras Wagen ziehen weiße Renner.
Georg erscheint hoch zu Roß. Georgs Gegner ist der böse Dacianus, und
Aji Dahâka oder Dehâk ist die verderbliche Ahrimansschlange und wird
in der späteren Parsensage direkt zum Teufel, endlich wird er ganz
vermenschlicht und in das iranische Tyrannenideal verwandelt. Der
Teufel, Ahriman, ist Dehâks Verführer und Ratgeber, genau dieselbe
Rolle fällt dem Apollon bei Dacianus zu. Auf den alten Darstellungen
schaut eine Frau im Königsgewande dem Kampfe Georgs zu: die Kaiserin
Alexandra. Dem Mithra ist Anâhitâ als weibliche Gottheit häufig
beigesellt. Sie heißt die große Königin und tritt auf wie eine Königin,
trägt ein goldenes Uebergewand und ist bekleidet mit Pelzkleidern
von dreißig Bibern. Der Name Alexandra, »die Männer Abwehrende«
wäre eine passende Bezeichnung für die jungfräuliche Anâhitâ. Die
spätere Georgssage kennt eine doppelte Herkunft der Alexandra, sie
sei in Kappadocien geboren, zur Hälfte aber eine ›Französin‹ gewesen.
Das deutet auf Gallien im lateinischen und Galatia im griechischen
Original. Versteht man darunter nun nicht das europäische, sondern das
kleinasiatische Gallierland, wo Pessinus, der Hauptsitz des Kultus
der Göttermutter liegt, so wäre Alexandra die Göttin, die in der That
in Kappadocien als Anâhetâ und in Galatien als Magna Mater verehrt
wurde. Was nun die Witwe betrifft, mit der Georg, als einem zweiten
weiblichen Wesen, zusammengedacht ist, so bringt zwar der römische
Synkretismus Mithra noch mit Aphrodite-Anâhitâ in Beziehung, aber da
Mithra dort meist Sonnengott ist, in noch engere mit der Mondgöttin
Selene-Isis, der Witwe des Osiris. In dem jüngeren Stadium der
Georgssage hat die Witwe einen drei Monate alten Knaben, der an Händen
und Füßen gelähmt und blind ist, auf Georgs Fürbitte aber nicht nur
den Gebrauch seiner Gliedmaßen wieder erhält, sondern auch auf sein
Geheiß in diesem frühen Alter geht und spricht. Isis hat zum Sohn den
Harpokrates; er ist stets als Kind dargestellt, unausgebildet und
schwach auf den Füßen; er legt den Mund auf den Finger: die Geberde
des Stillschweigens. Würde ihn ein Georg heilen, dann thäte er eben
das was der Sohn der Witwe thut: reden, gehen und anderes was sonst
die Kräfte eines Kindes übersteigt. Kehren wir zum Mithra in seiner
ältesten Auffassung zurück, so heißt er der mit silbernem Helm und
goldenem Panzer, der geschossetötende, mächtige, tüchtige Dorfherr und
Krieger, der auf dem Schlachtfeld dasteht und die Reihen vernichtet. In
den späteren Mysterien des Mithras war der erste Hauptgrad der eines
Miles. Die Römer hießen Mithras den Unbesiegten. Ebenso führt Georg
der tapfere, siegreiche Krieger das Beiwort eines Trophäenträgers.
Mithra schützt seine Verehrer in den Schlachten und läßt die Gegner
an ihnen fruchtlos abprallen; und so genoß er denn auch bei den
römischen Soldaten eine außerordentliche Verehrung, die namentlich
in den nördlichen Provinzen durch sehr viele Denkmäler bezeugt ist.
Der Mithradienst wurde eine förmliche, kastenmäßig abgeschlossene
Kriegerreligion, die sich in verschiedene, an harte Prüfungen geknüpfte
Grade gliederte. Georg wurde dementsprechend der Schirmherr der
Kriegsleute, der Schutzpatron ritterlicher Orden. Mithra ist ein
Reichtum, Glück und Frieden spendender, liebevoller Gott; Georg ein
Heiliger, der seine unermeßlichen Schätze unter die Armen verteilt.
Mithra schützt und spendet Leben; Georg heilt Kranke und erweckt einen
Toten. Einer verirrten Kuh werden die Worte in den Mund gelegt: »Wann
wird uns der Mann zum Stalle bringen hinterherfahrend, Mithra der
weitflurige? Wann wird er uns hinbringen auf den Weg der Reinen, die
in das Haus des bösen Geistes der Verwesung geführte?« Georg wird von
dem armen Landmann, dem sein Ackerstier gefallen war, angerufen und
giebt dem Stiere das Leben wieder. Mithra erscheint auf den römischen
Kunstdarstellungen als Stiertöter; aber der Mord stellt sich nur als
fingiert heraus: »mit erhobenen Armen fährt zur Unsterblichkeit hin
Mithra der weitflurige vom glänzenden Garo-Ninâna aus«; Mithra selbst
verklärt sich zu einem neuen unsterblichen Leben, und erst die spätere
Einmischung physikalischer Spekulation läßt ihn dann den Stier, das
heißt die belebte Natur töten, wobei dann eben dieser Tod die Keime
zum neuen Frühling enthält. Mithra heißt der wachsame, in ihm ist das
Verständnis der reinen, weithin nützenden Lehre niedergelegt, als
erster Verkündiger mehrt er stark des heiligen Geistes Geschöpfe;
Georg ist ein treuer Anhänger der reinen Lehre Christi, er wird von
Gott ausgeschickt, diese dem Perserkaiser zu verkündigen; er bekehrt
Tausende zum Evangelium. Wenden wir den Blick auf die Marter, die
Georg zu bestehen hatte, so ist an die allgemeine Vorstellung des
Altertums zu erinnern, daß was die Mysten des Gottes zu bestehen haben,
auch der Gott selbst bestanden hat. Und nun sind in den Prüfungen, die
den Mysten des Mithra auferlegt wurden, die Marter des Heiligen und
sein und seiner Anhänger Tod vollständig vorgebildet. Zum schlagenden
Beweise dafür decken sich die Namen der beiden Hauptleute, die zuerst
durch Gregors Beispiel bekehrt wurden und zuerst den Märtyrertod
leiden, genau mit dem Namen zweier mythrischer Mystengrade: Anatolios,
»der Morgenländer«, entspricht dem fünften Grade Perses, Protoleon,
»der Hauptlöwe«, dem vierten Leo, anscheinend dem zweiten Hauptgrade.
Ein alter Bericht erzählt: »Die Perser empfangen gewisse, den Mithras
betreffende Weihen; Niemand aber kann seine Weihen empfangen, wenn
er nicht alle Qualen durchgemacht und sich als unempfindlich gegen
Schmerzen und fromm bewährt hat. Es sollen aber etwa achtzig Qualen
sein, die der Einzuweihende stufenweise durchmachen muß, zum Beispiel
zuerst tagelang durch vieles Wasser hindurch schwimmen; dann sich ins
Feuer stürzen, dann in der Einöde verweilen und hungern, und anderes
mehr, bis daß er, wie wir sagten, durch achtzig Qualen hindurchgegangen
ist. Und dann zuletzt weihten sie ihn in die größeren Mysterien ein,
wenn er am Leben geblieben war.« Die achtzig Martertage sind dreifach
verteilt: fünfzig Tage hungern, zwei Tage Geißelhiebe, achtundzwanzig
Tage Frieren im Schnee und andere Qualen. Die drei Hauptprüfungen der
Einzuweihenden sind die Feuerprobe, die Luftprobe und die Wasserprobe.
Sie sind auf einem Bildwerk folgendermaßen dargestellt: nach dem
Gesicht und über die ausgestreckte Hand eines knieenden Mannes wird
eine Fackel mit einer ungeheuer großen Flamme hingehalten; um einen
zweiten in wagrechter Stellung liegenden Mann herum, der auf der
Erde hingestreckt ist oder in der Luft schwebt, bemerkt man sieben
kleine Bälle, die wahrscheinlich die Stricke bedeuten, mit denen die
Glieder des Leidenden angezogen wurden, auf einen dritten, einen
nackten, zwischen zwei Rohrpflanzen stehenden Jüngling wird eine Schale
ausgegossen. Bei Georg sind die drei Hauptmarter das Rad, die Grube
mit frischgelöschtem Kalk und die Enthauptung oder wie die hierin wohl
ursprüngliche islamische Fassung lautet, die Verbrennung. Die jüngste
Gestalt der Georgssage schließt die Marter mit Rad und Grube, setzen
wir auch hier die Verbrennung als erste, und statt der Grube den
ebenfalls bezeugten Brunnen, so haben wir auch bei Georg Feuerprobe,
Luftprobe, Wasserprobe. Es wird bezeugt, daß Georg in der Luft hing und
von dem mit sieben Schwertern besetzten Rade zur Erde niedergelassen.
Georgs dreimaligem Tode entspricht es, wenn gelegentlich von einem
dreifältigen Mithras der Magier gesprochen wird. Die Martern des
Heiligen dauern sieben Jahre oder sieben Tage, am achten wird er
hingerichtet. Im Mithrakult galt die Siebenzahl für heilig; in seinen
Mysterien kam eine Stiege von sieben Thoren vor, die aus sieben
verschiedenen Metallen bestanden und nach den Planetengöttern der
sieben Wochentage genannt waren; über der Stiege stand das höchste
achte Thor. Die acht Thore stehen zu den acht Mystengraden und
zu den achtzig Prüfungen in offenbarer Beziehung. Die Georgssage
jüngster Fassung macht Dacianus, Georgs Peiniger, zu einem Diener der
Planetengötter. Georgs Todestag, ein Freitag, war der Aphrodite heilig,
der Vertrauten des Mithra. Die Feier der bedeutenderen mithrischen
Sacra wurde im April abgehalten, auf dessen 23. oder 24. Tag Georgs
Gedächtnis fällt. Die Identität Georgs mit Mithra erstreckt sich
endlich bis auf den Namen. Mithra heißt schaltend über Fluren, nicht
verletzend den Bauer, ja schlechtweg der ›Dorfherr‹; Georgios bedeutet
aber Mann der Landbauern. Somit ist sogar der Name des Heiligen nur
die wörtliche Uebersetzung eines uralten Beinamens des Mithra. Der
Mithrakult gehörte zu den lebensfähigsten des sinkenden Heidentums;
heidnische Machthaber, wie Kaiser Julian, haben ihn als Schutz gegen
das Christentum nach Kräften gefördert. Aber um eben jene Zeit
arbeitete die Kirche dem Mithradienste planmäßig auf zwei verschiedenen
Wegen entgegen. Einmal verlegte Papst Julius _I._ das Geburtsfest
Christi auf den 25. Dezember, den »Geburtstag des Unbesiegten«.
Sodann wurde der Kultus des heiligen Georg vorzugsweise begünstigt.
Schon Constantin soll in Konstantinopel einen Heratempel durch eine
Georgenkirche ersetzt und die Georgenkirche in Lyddadiospolis erbaut
haben. So wurde der Mithradienst von der christlichen Kirche mehr
und mehr untergraben und am Ende des vierten Jahrhunderts gewaltsam
unterdrückt[158-1].
Mithra wurde im vierten Jahrhundert auch in Gallien und am Rhein
verehrt. Im fünften lassen sich die ersten Spuren des Georgskultes
daselbst nachweisen. Wenn eine Anspielung in Fortunats Georgsgedicht
diese Deutung gestattet, hat schon der Bischof Sidonius Apollinaris von
Clermont, der 484 starb, einen Georgstempel gebaut[158-2]. Das Gedicht
lautet:
Die Georgenkirche.
Stolz erhebt sich das Haus
Für Georg den heiligen Ritter.
Dessen erhabener Ruf
Drang bis in jegliche Welt.
Hungrig und durstig, gefesselt, erstarrt
Und im Feuer geröstet.
Hat er nur Christum bekannt
Streckt er gen Himmel sein Haupt.
Wohl liegt im Morgenlande
Das Grab des gewaltigen Mannes.
Sieh, selbst im westlichen Teil
Regt sich sein helfender Geist.
Also, Wandrer, vergiß der Gebete nicht
Noch der Gelübde.
Denn der verdiente Georg
Schenkt was der Glaube sich wünscht.
Bischof Sidonius hat ihm
In Demut den Tempel gestiftet.
Soll es der einzige sein,
Den wir dem Heiligen weihn?
Hand in Hand mit dem Bau von Kirchen für Georg ging der Vertrieb
seiner Reliquien[159-a]. Eine kleine hölzerne Betkapelle im
Stadtbann von Limoges, das Eigentum einiger armer Cleriker, wußte
sich von Pilgern welche zu erwerben, und ebenso besaß ein Dorf bei
Le Mans Georgsreliquien. Fuß gefaßt hat indessen der Georgskult im
merowingischen Frankreich nicht; immerhin deuten diese wenigen Spuren
in der Diogonale von Südosten nach Nordwesten den geradesten Weg von
Italien nach England an. Hatte die Macht des heiligen Martin einen
fremden Allerweltsheiligen auf gallischem Boden sich nicht ansiedeln
lassen, so fand Georg dafür das britische Inselreich zu seiner
Aufnahme bereit und wurde was Martin für Frankreich war, nun für
England: Nationalheiliger. Dabei verlor er jedoch seine Herkunft von
einem orientalischen Gotte vollständig und ging ganz in germanischen
Vorstellungen auf. Der englische Georg hat nichts mehr vom Mithra
an sich; er hat sich zum Wodan verwandelt[159-1]. Das will heißen:
er ist hier wie dort wirklich heimisch gewesen oder geworden. Im
merowingischen Frankenreiche dagegen hat er sich nur auf der Durchreise
aufgehalten.
2.
Von Georgs kleinasiatischen und syrischen Gefährten, Nikolaus,
Christoph, Theodor, Moritz und wer sie sonst sein mögen, sind im
Laufe der Zeiten alle nach Westen gewandert. Indes liegt schon die
Ankunft Christophs jenseits der merowingischen Zeit. Gar Nikolaus, der
verkappte Poseidon, hat sich erst im elften Jahrhundert im Abendland
eingestellt. Beide Heilige haben dann diese Verzögerung durch ihre
beispiellose Popularität wieder wett gemacht. Blasius und Erasmus,
die ebenfalls dem späteren Mittelalter angehören, halten sich mehr
im Hintergrunde. Und so bleiben Moritz und Theodor mit Cyricus und
Sergius als die einzigen übrig, von denen sich Spuren schon vom fünften
Jahrhundert an im merowingischen Reiche vorfinden. Von ihnen wird
demnächst in einem andern Zusammenhang zu reden sein. Jetzt hat uns ein
weiteres Stück kleinasiatischer Heiligenlegende zu beschäftigen, das
nicht auf dem Wege der Reliquienverehrung, sondern ausschließlich durch
gelehrte Mitteilung nach dem alten Frankenreiche kam und in dieser
Eigenschaft von uns bereits erwähnt wurde. Die Legende von den Sieben
Schläfern hat bei unserm Gregor etwa folgenden Wortlaut[160-a]: Der
böse Kaiser Decius ließ in Ephesus ein Heidenopfer abhalten und die
Christen abfangen. Aber selbst in der unerhörten Verfolgung blieben
Viele dem Glauben treu. Es waren auch sieben edle Jünglinge, die hießen
Achillides, Diomedes, Eugenius, Stephanus, Probatius, Sabbatius und
Cyriacus. Sie waren Diener im Palaste des Kaisers und wurden nun diesem
denunziert. Er gab ihnen eine Gnadenfrist. Diese benutzten sie, um
erst noch viel Gutes zu thun, dann stiegen sie hinauf in die Höhle,
die auf dem Berge Anchilus lag. Dort wollen sie sich im Gebete auf
das Martyrium vorbereiten. Diomedes, der jüngste unter ihnen, aber
zugleich der gewandteste und klügste, war ihr Bote in der Stadt, wo er
unerkannt im Gewand eines Bettlers ihre Geschäfte verrichtete. Eines
Tages brachte er auch mit wenigen Broten die Nachricht mit herauf,
der Kaiser sei nun zurückgekehrt und sie müßten nun alle opfern oder
sterben. Da erschracken, seufzten, weinten und beteten sie zu Gott.
Diomedes aber richtete das Mahl und ermunterte sie zu essen. So setzten
sie sich zur Abendzeit mitten in der Höhle nieder und speisten. Da sie
so traurig beieinandersaßen und miteinander sprachen, entschliefen sie
sanft, denn ihre Augen waren ihnen durch den Kummer schwer geworden.
Langsam ging ihr Schlaf in Tod über. Ohne es zu merken, gaben sie auf
der Erde liegend ihre Seelen in die Hände Gottes. Das Geld jedoch, das
sie mit sich genommen hatten, lag ihnen zur Seite. Am andern Morgen
ließ Decius nach den Jünglingen forschen und ihre Väter verhaften.
Diese aber verleugneten ihre Söhne und verrieten ihren Zufluchtsort. Da
befahl der Kaiser, den Eingang der Höhle mit Steinen zu verbauen und
sie so lebendig zu begraben. Zwei Vertraute des Kaisers, Theodorus und
Rufinus, selber heimlich Christen, beschlossen wenigstens das Andenken
der unglücklichen Jünglinge zu retten, ihr Schicksal auf bleierne
Tafeln aufzuzeichnen, diese in ein ehernes Kästchen zu legen und es
dann wohlversiegelt unter den Steinen der Höhlenmauer zu verbergen.
Alles das geschah so. Bald darauf starb Kaiser Decius und sein ganzes
Geschlecht. Es folgte ein Kaiser um den andern, bis Theodosius, des
Arkadius Sohn, den Thron bestieg. Im achtunddreißigsten Jahre dieses
Fürsten erhob sich eine Bewegung gegen die Auferstehung der Toten,
durch die sich sogar der Kaiser selbst verwirren ließ. Da beschloß
der barmherzige Gott, der nicht will, daß die Frommen auf Irrwege
geraten, ein Wunder zu thun, um das Geheimnis der Auferstehung allen
zu offenbaren. Er gab es daher dem damaligen Besitzer des Höhlenbergs,
namens Adolius, ein, einen Stall für sein Vieh zu bauen. So wälzten
denn seine Knechte und Arbeiter die Steine, die den Eingang der Höhle
verschlossen, fort, um damit das Gebäude aufzuführen. Nun flößte Gott
den Heiligen in der Höhle neues Leben ein. Sie erwachten, setzten sich
aufrecht und begrüßten einander wie gewohnt, ohne eine Ahnung, daß sie
so lange tot gelegen hatten: ihre Kleider waren noch wie zuvor und sie
selber frisch und blühend. Sie glaubten vom Abend zum Morgen geschlafen
zu haben, und waren in Angst und Sorge, Kaiser Decius werde sie nun
suchen lassen. Nochmals mußte ihr Schaffner Diomedes erzählen, was er
gestern in der Stadt vernommen habe: sie müßten entweder opfern oder
gemartert werden. Da sagte Achillides: Wohlan Brüder, laßt uns bereit
sein vor den Richterstuhl Christi zu treten ohne Furcht vor dem Urteil
des sterblichen Kaisers. Doch du, Diomedes, gehe zur Stadt, damit
du uns Speise schaffest. Nimm Geld mit und kaufe viele Brote; denn
wenige nur brachtest du gestern und wir sind sehr hungrig. Da machte
sich Diomedes früh auf den Weg und nahm Geld mit sich von sehr alter
Prägung, denn sie hatten fast zweihundert Jahre lang geschlafen. Es
war eben Tag geworden, als er aus der Höhle trat. Als er Steine davor
liegen sah, stutzte er und wußte es sich nicht zu erklären. Zitternd
stieg er vom Berge herab, voll Sorge, erkannt und vor Decius geführt
zu werden. Als er an das Stadtthor kam, gewahrte er zu seinem größten
Erstaunen ein Kreuz darauf. Er wandte sich zu einem anderen Thore und
sah dasselbe Zeichen. Er ging von einem zum andern und fand auf allen
Thoren das Kreuz; auch sonst war alles anders. Als er wieder beim
ersten Thore angelangt war, sagte er: »Wie geht das zu? Gestern abend
verehrte man nur im verborgenen das heilige Kreuz und heute prangt
es öffentlich auf den Thoren der Stadt? Träume ich oder bin ich vom
Verstande?« Doch machte ihm der Anblick des Kreuzes Mut, er betrat die
Stadt. Zu seiner neuen Verwunderung hörte er nun um sich herum beim
Namen Jesu Christi schwören: noch gestern wagte Niemand Christus zu
bekennen. War es denn überhaupt Ephesus; alle Gebäude sind anders. Er
fragt einen Mann, wie die Stadt heiße. Der sagte: Ephesus. Da dachte
Diomedes: Ich muß von Sinnen sein, und wollte schnell die Brote kaufen
und zu seinen Genossen zurückkehren. Als er die Bäcker zahlte, steckten
sie die Köpfe zusammen und sprachen leise miteinander. Diomedes meinte,
er sei erkannt und werde nun ausgeliefert. Verwirrt fragte er: Wo
bleiben die Brote, ich gab das Geld? Da faßten ihn jene an und raunten
ihm zu: Du hast den Schatz der alten Könige gefunden. Teil ihn mit
uns, so verraten wir dich nicht und liefern dich nicht aus. Diomedes
wußte nicht was sagen. Da legten sie ihm einen Strick um den Hals und
schleppten ihn durch die Straßen mitten in die Stadt. Auf die Kunde,
daß Jemand ergriffen sei, der einen Schatz gefunden habe, sammelte
sich eine Menge Leute um ihn. Sie schauten ihm ins Gesicht und sagten:
»Dieser Mensch ist ein Fremdling, wir haben ihn nie gesehen«. Diomedes
aber schaute unter ihnen nach einem Verwandten oder einem Freund aus,
fand aber Niemand und stand wie wahnsinnig da. Das Gerücht kam auch dem
Bischof und dem Statthalter zu Ohren; sofort befahlen sie, den Jüngling
mit seinem Gelde zu ihnen zu führen. Als er herbeigeschleppt wurde und
wie ein Toller ringsum schaute, lachte das Volk. Er glaubte, nun vor
Decius zu kommen, kam aber zur Kirche. Bischof und Statthalter nahmen
die alte Münze, betrachteten sie erstaunt und erkundigten sich nach
dem Schatze. Er erwiderte: »Wahrlich, ich habe niemals einen Schatz
gefunden. Vielmehr entnahm ich das Geld dem Säckel meiner Eltern; sein
Gepräge ist das dieser Stadt. Weh mir, ich weiß nicht, was meinem
Verstande zugestoßen ist«. Der Statthalter fuhr im Verhör fort: »Von
wannen bist du?« »Aus dieser Stadt«, versetzte Diomedes, »wenn dies
Ephesus ist«. »Wer sind deine Eltern? Ist denn Niemand, der dich kennt
und Zeugnis für dich ablegen kann?« Diomedes nannte seine Eltern, seine
Brüder; Niemand kannte sie. Darauf zieh ihn der Statthalter Lügen.
Diomedes wußte keine Antwort mehr und schwieg. Die einen sagten: »Er
ist verrückt«. Andere: »Er verstellt sich, um der Gefahr zu entgehen«.
Der Statthalter jedoch sprach: »Wie sollen wir dir glauben, es sei
Geld aus dem Vermögen deiner Eltern, da Prägung und Aufschrift der
Münze zweihundert Jahre alt sind, ehe noch Decius regierte, und dem
heutigen Kurs so gar nicht gleichen. Wie sollen deine Eltern vor so
langer Zeit gelebt haben, da du selbst noch ein Jüngling bist. Wir
lassen uns nicht zum besten haben. Entweder gestehst du, wo der Schatz
ist, den du gefunden hast, oder du gehst ins Gefängnis und wirst
gefoltert«. Da fiel Diomedes auf sein Antlitz und sprach: »Eins nur,
bitte ich, sagt mir, und ihr sollt alles erfahren, was ich auf dem
Herzen habe! wo ist denn Kaiser Decius?« Da sagte der Bischof: »Mein
Sohn, es ist heute Niemand in diesem Land, der Kaiser Decius hieße,
der ist vielmehr schon vor vielen Jahren gestorben«. »O Herr«, rief
Diomedes aus, »darum erfaßt mich Staunen und glaubt ihr meinem Worte
nicht; folgt mir doch in die Höhle des Berges Anchilus, so will ich
euch meine Gefährten zeigen. Von ihnen könnt ihr erfahren, was ich
sage, sei wahr; wir sind vor Kaiser Decius geflohen, der gestern Abend
hier angekommen ist — wenn dies also wirklich Ephesus ist.« Da ging dem
Bischof allmählich auf, Gott wolle ihnen durch diesen Jüngling etwas
offenbaren. Er machte sich auf mit dem Statthalter, den Vornehmen der
Stadt und einer Menge Volkes; Diomedes führte; sie stiegen zur Höhle
hinan. Und da der Bischof und die mit ihm waren in die Höhle traten,
fand er am Eingang zwischen den Steinen das eherne Kästchen, das mit
zwei silbernen Siegeln verschlossen war. Er öffnete es vor allem Volke
und fand zwei bleierne Tafeln darin. Die nahm er heraus und las, und
als er gelesen hatte, wunderten sich alle sehr und lobten Gott mit
lauter Stimme. Sie sahen die Heiligen in der Höhle sitzen, ihr Antlitz
wie Rosenlicht. Und alle fielen ihnen zu Füßen, beteten sie an und
dankten Gott, daß ihnen vergönnt sei, ein solches Wunder zu schauen.
Darauf erzählten die heiligen Märtyrer alles, was zur Zeit des Decius
geschehen war. Sofort schickten Bischof und Statthalter einen Brief an
den Kaiser: »Möge Deine Majestät geruhen, eilig hieher zu kommen. Du
wirst dann die Wahrheit der einstigen Auferstehung erkennen«. Darüber
empfand Theodosius große Freude, er machte sich mit zahlreichem Gefolge
von Konstantinopel auf und wurde von sämtlichen Bewohnern der Stadt
Ephesus feierlich empfangen. Alsbald begab er sich von dem Bischof, dem
Statthalter und den Vornehmen geführt zur Höhle, wo ihm die Heiligen
mit ihrem strahlenden Antlitz entgegenkamen. Er trat ein, fiel vor
ihnen nieder, umarmte sie dann und weinte an ihren Busen. »So schaue
ich euer Antlitz«, sprach er, »als ob ich meinen Herrn Jesum Christum
sehe, da er den Lazarus aus seinem Grabe erweckte; ich danke ihm, daß
er mich in der Hoffnung auf die Auferstehung nicht getäuscht hat«.
Darauf sagte Achillides zum Kaiser: »Gleichwie das Kind im Leibe
seiner Mutter lebt und nicht Freude empfindet noch Leid, so haben
auch wir gelebt ohne Empfindung im Schlafe liegend«. Hierauf legten
die Jünglinge vor aller Augen ihre Häupter nieder auf die Erde,
entschliefen und gaben ihren Geist auf nach dem Befehle Gottes. Da
warf sich der Kaiser über ihre Leiber, weinte, küßte sie und breitete
sein Gewand über sie aus. Dann befahl er, daß sieben goldene Schreine
für ihre Leiber gemacht würden. Aber nachts im Traume erschienen die
Jünglinge und sprachen zu ihm: »Aus dem Staube werden wir auferstehen
und nicht aus dem Golde. Laß uns in der Höhle ruhen, bis uns Gott
wieder rufen wird«. Darauf befahl der Kaiser, ihr Gewölbe mit Gold und
kostbaren Steinen zu schmücken und ließ sie dort ruhen, bis auf den
heutigen Tag. Doch über ihrer Höhle wurde eine große Kirche gebaut. Ein
Concil fand statt, und zum Gedächtnis ward ein herrliches Fest gefeiert.
Diese Legende mit ihrer ergreifenden Schönheit ist überdies reich
an einer Fülle religionsgeschichtlicher Anknüpfungen[164-1]. Am
nächsten liegt die Sage vom langen Schlaf[164-a]. Kein geringerer als
Aristoteles spricht in seiner Physik davon; wenn unsere Denkthätigkeit
ruhe, dann entschwinde uns die Zeit unbemerkt, wie denen, die bei den
Heroen in Sardes schlafen. Wenn jene erwachten, werde ihnen das jetzt
mit der vorigen Zeit eins scheinen. Sein Scholiast Simplicius deutet
jene Stelle dahin, jene Heroen, neun an der Zahl, seien Söhne des
Herakles von den Töchtern des Thestius, die unversehrt, Schlummernden
gleich, auf Sardinien liegen sollen. Ein anderer Scholiast Philogonus
denkt an die Inkubation zur Heilung von Krankheiten; gerade in den
Heiligtümern Aeskulaps fand dieser Tempelschlaf statt. Mit den
Thestiaden gilt Jolaus als der Pflanzer Sardiniens, er ist aber
zugleich ein libophönizischer Gott, der den Herakles vom Tode weckt
und mit Aeskulap zu identifizieren ist. Der Aeskulap der Phönizier
gesellt sich unter dem Namen Esmun als achter zu den sieben Kabiren.
Sie sind die sieben Planetengötter und Esmun gilt als der Himmelskreis.
Eine andere Mythe des Alterthums[164-b] erzählt von dem Hirtenknaben
Epimenides von Kreta, er sei von seinem Vater ausgeschickt worden,
ein verlorenes Schaf zu suchen; er legte sich in einer Höhle nieder
und schlief dort siebenundfünfzig Jahre. Er glaubte nur kurze Zeit
geschlafen zu haben, suchte aber vergeblich nach dem Schafe und fand
dann zu Hause alles verändert. Sein jüngerer Bruder, nun ein Greis,
erkannte ihn kaum wieder. In ganz Griechenland sprach man nun von
dem langen Schlaf in der Höhle als einem Zeichen, daß Epimenides ein
Liebling der Götter sei. Zur örtlichen Fixierung solcher Sagen mag es
gelegentlich nicht an lokalen Anhaltspunkten gefehlt haben: gerade in
Sardinien gibt es halbkreisförmige Monolithgruppen von fünf, sieben
und neun Grabsteinen, in deren Mitte sich ein die andern überragender
Kegel erhebt. Aber diese Sagen vom langen Schlaf oder wenigstens vom
Verschwinden des Zeitbewußtseins kommen doch bei zu verschiedenen
Kulturvölkern vor, um sie einem unter ihnen als Eigentum zuzusprechen.
Der chinesische Roman Yukiao-Li erzählt: Zwei Jünglinge gingen aus,
Heilkräuter zu suchen, und aßen von einem Pfirsichbaum. Da erschienen
zwei Frauen von göttlicher Schönheit, mit denen vermählten sie sich.
Als sie endlich zu ihrem Dorfe zurückkehrten, waren hundert Jahre
verflossen. Ein Drama desselben Stoffes fügt hinzu: Die Fichten, die
der eine von ihnen gepflanzt hatte, waren zu hohen Bäumen geworden;
in seinem Hause wohnte sein Enkel; heimatlos mußten sie von dannen
ziehen. In den indischen Puratana heißt es, König Raitwata sei zu
Brahma gegangen, dort lauscht er einem himmlischen Liede und als er
nun seine Angelegenheit vortragen will, teilt ihm Brahma lächelnd
mit, seitdem seien zwanzig Menschenalter verflossen. Bei den Indern
begegnet man überdies der Vorstellung, unter dem Kuß himmlischer Frauen
verrinnen asketischen Einsiedlern Jahrhunderte wie ein Augenblick.
Die arabische Dichtung erzählt von Mohammeds Himmelfahrt, er sei vom
Engel Gabriel in einer Nacht durch alle sieben Himmel geführt worden,
eine Reise, die sonst Millionen Jahre in Anspruch nehmen würde. Doch
als er zurückkehrt, findet er sein Bett noch warm. In Tausend und eine
Nacht bezweifelt der Sultan von Aegypten die Wahrheit dieser Legende.
Da läßt ihn der Scheich, Schahabeddin seinen Kopf in eine Wasserkufe
tauchen; in diesem Augenblick durchlebt der König sieben Jahre voll
abenteuerlicher Schicksale. Der Talmud wiederum berichtet folgendes:
Chone Hamagel wunderte sich oft über die Psalmstelle: Wenn der Herr die
Gefangenen erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden. Schläft
denn Jemand siebenzig Jahre träumend? rief er aus. Eines Tages, auf
einer Reise, sah er einen Mann beschäftigt, einen Brotbaum zu pflanzen.
Da sagte er: Es ist bekannt, daß ein solcher Baum erst nach siebzig
Jahren Früchte trägt; weißt Du denn auch, daß Du noch siebzig Jahre
lebst? Der Mann erwiderte: Ich habe Johannisbrotbäume vorgefunden, und
so wie meine Vorfahren für mich gepflanzt haben, will ich für meine
Nachkommen pflanzen. Nach diesem Gespräche setzte sich Chone in der
Nähe des Baumes nieder und aß, hier schlief er ein und bald darauf zog
sich ein Felsen um ihn herum, unter welchem er siebzig Jahre ungesehen
in den Armen des Schlafes ruhte. Nachdem er wieder erwacht war, sah er
einen Mann Früchte pflücken von dem Baume, der vor seinem Einschlafen
gepflanzt worden war. Er fragte den Unbekannten, und erhielt den
Bescheid: sein Großvater habe den Baum gepflanzt. Da sagte Chone: Ich
habe gewiß siebzig Jahre geschlafen. Er ging in sein Haus und fragte
nach seinem Sohne, erhielt aber die Antwort, dieser lebe nicht, dessen
Sohn nur sei da. Er gab sich zu erkennen, fand aber keinen Glauben und
begab sich ins Gemeindehaus. Dort ging es ihm aber nicht besser. Das
Leben wurde ihm zuwider. Er sehnte sich nach dem Tode, bald darauf
starb er denn auch. In der bestimmteren Gestalt des Schlafes in
einer Berghöhle findet sich die Sage im germanischen Norden. Bekannt
genug ist sie in der Form vom Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser oder
von Tannhäuser im Hänselberge bei Frau Holde. Aber auch in anonymer
Bescheidenheit tritt sie auf. Ein Schäfer flüchtet sich vor dem Regen
in eine Höhle bei der Wettenburg am Main und verfällt dort in einen
Schlaf, der sieben mal sieben Jahre dauert. Zwei Bauern gehen in eine
Höhle bei Trier um sich vor dem Unwetter zu schützen und verschlafen
dort hundert Jahre. Auf dem Dom zu Lübeck schlief einer in einer Lucke
sieben Jahre und kam dann wieder wohl und munter zum Vorschein. Ein
Totengräber bewirtet einen Toten, der Tote erwidert die Einladung; als
der Totengräber nach Hause kommt, sind sechshundert Jahre vergangen.
Ein Fuhrmann im thüringischen Singerberge, von einem eisgrauen Männchen
bewirtet und über Nacht beherbergt, verschläft hundert Jahre. Eine
halbe Stunde Tanz bei den schottischen Elfen war in Wirklichkeit ein
Jahr. Zwei Musikanten, die dabei vorgeigen müssen, verspielen die
Zeit vom Urgroßvater auf den Urenkel. In Schweden ritt ein Bräutigam
aus und wurde von den Elfen in den Wald gelockt. Er tanzt mit ihnen
eine Stunde, doch waren vierzig Jahre vergangen und seine Braut vor
Gram gestorben. In späteren, deutschen Sagen wird das Vergessen der
Zeit durch einen Aufenthalt im Paradiese motiviert, so beim Mönch
von Heisterbach. Die Sagen vom Höhlenschlaf ruhen auf mythischem
Untergrunde. Dem Schlaf der Götter und Heroen wird eine unendlich
lange Zeit beigemessen. Wer nun auf Erden seine Gedanken vom irdischen
abwendet, und nur über göttliches nachsinnt, verspürt den Hauch der
Ewigkeit und verbringt lange Zeiträume träumend wie wenige Stunden.
Woher nun aber die Siebenzahl in der ephesinischen Legende? Nahe liegt
der Hinweis auf die jüdische Sage von den sieben Brüdern, die sich in
der Bedrückung der Juden durch Antiochus Epiphanes vornahmen, unter
keinen Umständen unreines zu essen, sondern lieber zu sterben. Gewiß
liegt da eine Verwandtschaft vor, aber kaum eine Abhängigkeit[166-1].
Man wird sagen dürfen, die geschichtlich verbürgte Standhaftigkeit der
Gläubigen gegenüber den Zumutungen des Tyrannen habe beidemal unter
dem Einfluß der sakralen Siebenzahl und vielleicht beidemal unter dem
Einfluß fremder Sagen die poetische Verdichtung erfahren, als die sich
jene Episode des zweiten Makkabäerbuchs gegenüber einer unbestimmteren
Angabe des zuverlässigeren ersten herausstellt[167-a]. Im Falle einer
Abhängigkeit, der ja nicht ausgeschlossen ist, wäre immerhin eine
solche Einwirkung nicht die einzige, die von dem Martyrium der sieben
Brüder im Makkabäerbuch auf altchristliche Stoffe ausgeübt wurde.
Sicher stehen die Akten der Symphorosa und die Akten der Felicitas
unter ihrem Einfluß. Leidensgeschichten zweier Mütter, deren jede
sieben Söhne hat und mit ihnen das Martyrium erleidet[167-1]. Die
Legende von Ephesus bietet indessen Anlaß zu weiteren Beobachtungen.
Auch hier heißt der Kaiser gelegentlich statt Decius Dacianus, wie
in der Georgslegende, eine erste Handhabe zur mythischen Deutung.
Ferner haben wir es mit einem Höhlen- oder Grottenkultus zu thun.
Vielleicht hat die Siebenschläfergrotte in heidnischer Zeit einen
Kultus der _Magna mater_ beherbergt, in welcher Gestalt auch immer es
mag gewesen sein, als Selene-Astarte, Kybele, Artemis, Proserpina,
Demeter oder Hekate. Nun wird aber Rhea-Kybele wie auch Demeter oder
Persephone von Korybanten oder Daktylen bedient, die ihrerseits oft mit
den Kabiren verwechselt und daher mit jenen zusammen verehrt werden
und zwar auch in Grotten, so in der Zerinthiahöhle auf Samothrake.
Mit den Kabiren aber stehen die sardischen Schläfer als Brüder des
Aeskulap in einem Verwandtschaftsverhältnis. In den Heiligtümern
Aeskulaps wurden ferner Täfelchen und Denksäulen niedergelegt, auf
denen die Geschichte von Krankenheilungen verzeichnet stand — bei
den Siebenschläfern die Bleitafeln, die zum Ueberfluß in arabischen
Berichten zu Säulen geworden sind! Die Siebenschläfer sind überdies
schöne Jünglinge von vornehmer Abkunft; die Kabiren traten in der
griechischen Vorstellungswelt den Dioskuren an die Seite, Idealbilder
rüstiger, freudiger Jugend. Diomedes der klügste und schönste unter
den Siebenschläfern und ihr Führer fordert zum Vergleich mit Aeskulap
heraus, der bei den Phöniziern als schönster der Götter galt. Endlich
die morgenländische Gestalt der Siebenschläfersage, die sich sowohl
in dem um 520 oder 530 verfaßten Pilgerreiseführer des Theodosius
als auch im Koran[167-b] findet, gesellt den Sieben noch einen Hund
bei, der sich den Jünglingen auf der Flucht anschloß, und sich durch
Steinwürfe und Verstümmelungen nicht vertreiben ließ, sondern sich
an den Eingang der Höhle legte, dann auch mit ihnen ins Paradies
kam und ihrer Verehrung ebenfalls teilhaftig wurde und mit ihnen
schlief: »Achte warens mit dem Hunde«[167-2]. Diese Hundepisode lautet
verdichtet[167-3]:
Ein Hündlein, das einst Wache that bei Schäfern,
Ging in die Höhl’ ein mit den Siebenschläfern.
Und als sie drinnen Zeit und Welt verschlafen,
Verschlief es auch den niedern Dienst bei Schafen.
Und als im Himmel ihnen ward die Krone,
Ward es zu einem Leu’n an Gottes Throne.
Nun spielt im Kultus Aeskulaps und der Kabiren der Hund in der That
eine Rolle. Aeskulap wurde, da er als Kind ausgesetzt worden war, von
einem Hunde bewacht und in Epidauros war ein Hund neben seinem Bilde
dargestellt. In der Kabirengrotte auf Samothrake wurden Hundeopfer
dargebracht. Im Orient und in den Mittelmeerländern wurden, wenn der
Hundsstern Sirius aufging, Hunde unter Martern getötet: Ende Juli; in
der That fällt der Siebenschläfertag in diese Zeit: in der römischen
Kirche auf den 27. Juli; in der griechischen auf den 4. August. Und
dann ging der Sirius in den Löwen über! Kabiren und Siebenschläfer
wurden beide als Beschützer der Schiffe verehrt. Wie einst die
Phönizier Kabirenbilder an Bord mit sich führten, so schreiben noch
heute türkische Handelsschiffe, da den Mohammedanern die Nachbildung
lebender Wesen verboten ist, wenigstens die Namen der Siebenschläfer
auf den Stern ihrer Fahrzeuge. Im Abendland verbreitete sich die
Legende während des Mittelalters ohne große Veränderung. Sie war eben
nicht auf den geheimnisvollen Wegen der Volksüberlieferung zu den
Germanen gewandert, sondern litterarisch dahin verpflanzt worden.
Trotzdem ihre Behandlung durch die Schriftsteller nicht nachgelassen
hat, schlug sie im Volke selbst nicht tiefere Wurzeln. Es fehlten die
Reliquen.
Immerhin erzählte man sich im Kloster Marmoutiers bei Tours, vielleicht
schon zur Zeit der Merowinger oder nicht viel später, folgendes[168-a]:
in den Tagen der Kaiser Diokletian und Maximian, als das römische Reich
auf dem Niedergang begriffen war, lag die Oberherrschaft über die
Hunnen in der Hand eines tapfern Königs namens Florus. Nach zehn Jahren
einer glücklichen Regentschaft wurde Florus von Maximian angegriffen,
besiegt und gefangen nach Rom geführt mit seinen beiden Brüdern Martin
und Amnarus. Nach Ablauf eines halben Jahres setzte ihn der Kaiser
wieder in seine Herrschaft ein, beraubte ihn aber der Einkünfte und
festen Plätze; ebenso ließ er ihn eidlich versichern, daß sein Sohn
ihm nur als Statthalter und nicht als König nachfolgen werde. Als
jedoch dann Konstantin der Macht Maximians ein Ende bereitete, sandten
Florus seinen ältesten Sohn zum neuen Kaiser, der ihn liebgewann,
mit seiner Nichte vermählte und zum Tribunen erhob. Dieser Sohn hatte
zunächst Florus geheißen, war dann aber, als ihn Bischof Paulus von
Konstantinopel taufte, Martin genannt worden. Nach dem Tode seines
Vaters, Florus des Aelteren, verwaltete er dessen Herrschaft. Sein
junger Sohn wurde von Kaiser Julian nach Gallien mit genommen; aber er
zog es vor, Gott zu dienen: in der That, er war der heilige Martin. Als
er seine Tribunenzeit absolviert hatte, blieb er noch zwei Jahre wider
seinen Willen unter den Waffen, nahm dann aber seinen Abschied und
unterstellte sich dem heiligen Hilarius von Poitiers. Eine göttliche
Offenbarung veranlaßte ihn, seine Verwandten wieder aufzusuchen, um sie
zu bekehren. Und wirklich gelang ihm die Bekehrung namentlich seiner
sieben Vettern Clemens, Primus, Laetus, Theodor, Gaudens, Quiriacus
und Innocens. Sie verkauften ihre Güter, ließen ihre Sklaven frei und
widmeten sich ausschließlich dem Studium und dem Gebete. Bald heilten
sie Kranke und wurden vom Volk als Propheten verehrt. Auf die Kunde
von Martins Berühmtheit in Tours holten sie erst seinen Segen zu
einer Wallfahrt nach dem gelobten Lande. Dann kamen sie mit Reliquien
beladen wieder zu ihm zurück und erhielten von ihm, um den Rest ihres
Lebens gottgefällig zu verbringen, eine Höhle angewiesen. In dieser
Höhle lebten sie sechzehn Jahre vor und noch fünfundzwanzig Jahre nach
Martins Tode. Als sie zu sterben kamen, da erfüllte sich, was ihnen
der Heilige die Nacht zuvor verkündigt hatte: sie starben schmerzlos
und lagen im Tode da, als schliefen sie. Rosenlicht schimmerte auf
ihrem Antlitz und keine Spur von Verwesung zeigte sich während der
sieben Tage, da sie unbeerdigt in ihrer Zelle für die Verehrung der
andrängenden Menge ausgestellt wurden; vielmehr war die Grotte während
dieser Zeit von einem unendlich süßen Wohlgeruch erfüllt. Darauf
ließ Bischof Briccius die Bestattung vornehmen. Zweifelsohne steht
die Turoneser Sage unter dem Einfluß der von Gregor veröffentlichten
kleinasiatischen Legende; aber es läßt sich nicht ermitteln, inwiefern
der Niederschlag nicht ebendoch örtlich veranlaßt war, etwa so, daß sie
einem obskuren Grottenkultus an der Loire aufhelfen mußte.
3.
Versetzen wir uns nun auf den Boden germanischer Mythenbildung. Sankt
Kümmernis gehört noch heute zu den verbreitetsten Heiligen[169-1]. Die
Gestalt, die diese Sage jetzt hat, gehört dem jüngsten Mittelalter an.
Ihr zufolge war Kümmernis die Tochter eines heidnischen Königs in
Niederland, nach andern in Portugal. Sie selbst hatte sich heimlich
dem Christentum angeschlossen. Als sie auf Befehl ihres Vaters einen
heidnischen Prinzen zum Manne nehmen sollte, bat sie Gott, er möge doch
ihre wunderbare Schönheit derart entstellen, daß alle Männer sich mit
Abscheu von ihr wenden müßten. Ihr Gebet wurde erhört und zur Stunde
wuchs ihr ein mächtiger Bart. Darauf wurde sie als eine Zauberin
angeklagt und auf Befehl des erzürnten Vaters gekreuzigt. Als sie nun
in Todesqualen am Kreuze hing, kam ein armer Geiger des Weges, wurde
von Mitleid ergriffen und spielte ihr zum Troste das Kreuzlied; zum
Dank warf sie ihm einen ihrer goldenen Schuhe herab. Der Geiger sollte
darauf als Dieb gerichtet werden. Als man ihn zum Richtplatz führte,
bat er um die Gunst, nochmals vor der Gekreuzigten spielen zu dürfen;
es wurde ihm gestattet: ein Wunder geschah, denn sie ließ auch den
andern Schuh fallen und der Arme war gerettet.
Nur in seltenen Fällen weist jedoch die Kümmernislegende diese
greifbaren Umrisse und diesen Zusammenhang ihrer einzelnen Bestandteile
auf. Viel öfter treffen wir sie nur bruchstückweise und bis zur
Unkenntlichkeit verschwommen an. Wie sehr die Heilige in beständigem
Fluß und Wechsel begriffen ist, geht schon aus der Menge ihrer Namen
hervor: Heilige Wilgefortis, Liberata, Sankt Gehülfe, Sankt Hilfe,
Sankt Hülfe, Eutropia, Regenfledis, Ontkomer, sogar männlich »der
heilige Kummernus«, ja einzelne Bilder tragen geradezu die Aufschrift
»_Salvator mundi_«. Eine feste Handhabe für die Ordnung der unzähligen
Kultusspuren geben in diesem Wirrsal nur die Attribute, die, wenn
auch nicht vollzählig, so doch mehr oder weniger regelmäßig immer
wiederkehren; denn die rätselhafte Heilige hat Verehrung genossen
in einem Umfang, der auch unter den vornehmen Heiligen so leicht
seinesgleichen nicht hat. Vielmehr rückt Sankt Kümmernis allein schon
dadurch auf gleiche Linie mit einer bedeutenden heidnischen Gottheit.
Unter allen Umständen muß man die Dunkelheit und Unverständlichkeit
dieser Heiligenfigur mit in Kauf nehmen als ihre wesentliche
Eigenschaft. Die volkstümliche Vorstellung von Kümmernis ist uns fast
ausschließlich kultisch vermittelt, weshalb denn auch die plastischen
Darstellungen vor den litterarischen an Zahl und Wert beträchtlich
überwiegen.
Alle Anzeichen deuten darauf hin, den Sitz des Kümmernisdienstes in dem
deutschen Alpengebiet, also in der Schweiz, in Vorarlberg, Tirol und
Steiermark und dem Rhein entlang zu vermuten. Seit undenklichen Zeiten
scheint er dort heimisch gewesen zu sein. Durch die Langobarden kam er
nach Oberitalien. Das berühmte _volto Santo_ zu San Martino in Lucca und
die Verehrung des heiligen Fredian in derselben Stadt stellen seinen
Kultus außer Zweifel. Durch wandernde germanische Elemente verbreitete
sich später dann der Kümmerniskultus auch in Frankreich und Spanien,
ohne sich jedoch im Ausland eigentlich einzubürgern.
Das älteste Kümmernisbild stammt aus dem achten oder neunten
Jahrhundert und steht in einer Nische der Kirche von Oberwinterthur.
Es zeigt unzweifelhaft einen Mann, einen König; auf dem Haupte die
dreizackige Krone; das Gesicht ist ernst, von einem starken Barte
eingerahmt, der Blick offen und geradeaus gerichtet. Die Arme sind
ausgebreitet und bis zu den Handgelenken bekleidet; die Hände stecken
in starken Handschuhen. Das Gewand, ein einfacher bis fast zu den
Knöcheln reichender Rock ist um die Hüften zusammengehalten durch
einen Gürtel, dessen Ende lang herabfällt; auf der Brust, dicht über
dem Gürtel ein einfaches kreuzförmiges Zeichen. Beide Füße stehen
fest auf; der eine beschuht, der andere entblößt und der Schuh steht
vor ihm auf der Erde. Zur Seite kniet eine männliche Gestalt, die den
einen Arm erhoben hält. Von einem Kreuze hinter der Königsgestalt
ist nichts zu erblicken, die Hände tragen also auch keine Spur einer
Nagelung. Diesem Bilde sehr nahe verwandt ist ein jüngeres auf einem
Diptychon des dreizehnten Jahrhunderts. Gesichtsausdruck, Krone,
Gürtel, Kreuzeszeichen sind dieselben. Von einem Kreuzesstamme ist auch
hier nichts angedeutet: dagegen ruhen die Arme auf einem Querbalken. Ob
die Hände angenagelt sind, bleibt ungewiß; die Füße stehen auf einem
mächtigen Block; der eine Schuh ist ausgezogen und steht unterhalb
des Fußes, die knieende Figur führt in der Hand eine Laute. Wiederum
einer jüngeren Zeit anzugehören scheint das Bild zu Saalfeld an der
Wasserkapelle, die im Fluß steht. Die Krone zeigt mehr Zacken; der
Gesichtsausdruck ist zwar immer noch ernst und schmerzlos, aber weniger
königlich; der Blick ist frei. Der Gürtel umschließt wiederum den
langen einfachen Rock, das Kreuzeszeichen im Gürtel ist verschwunden;
dafür befindet sich auf der Brust ein rhombischer Zierrat. Ueber das
Haupt ragt der Kreuzesstamm; die beiden Hände reichen zum Querbalken
empor; die Nagelung scheint angedeutet. Die Füße, deren einer den
nebenstehenden Schuh abgestreift hat, stehen fest auf felsigem Boden,
die knieende Figur hält wiederum die Laute in Händen. Merkwürdig ist
die Inschrift: _Salvator mundi 1516_, die sich auch auf dem etwas
jüngeren und dem Saalfelder ähnlichen Bilde zu Ettersdorf vorfindet.
Dagegen verrät der belgische Kummernis eine entschiedene Weiterbildung.
Das Kreuz ist vollständig ausgebildet; die Hände sind angenagelt;
dagegen hängen die Füße völlig frei ohne Nagelung noch Schemel. Das
Haupt, das schon in Ettersdorf leicht geneigt ist, sinkt nun auf die
Brust und ist nicht nur von einer mehrzackigen Krone, sondern auch
von einem Nimbus umgeben. Um den Hals legt sich ein Geschmeide als
breite Borte, die auf der Brust in Blattform schließt. Wiederum hält
der Gürtel das Gewand zusammen. Der Kreuzesstamm steigt hinter einem
Altar auf, wo zu Füßen des Gekreuzigten neben dem einen abgestreiften
Schuh ein Becher steht. An den Stufen des Altars kniet ein Geiger.
Als bei der Darstellung des gekreuzigten Christus, seit der Mitte des
dreizehnten Jahrhunderts, nicht nur der Gesichtsausdruck, sondern auch
die ganze Figur mit allen Zeichen des Schmerzes sich erfüllte, ging das
»bekümmerte« Aussehen auch auf die Kümmernisbilder über. Die nächste
Hypostase vertritt ein Bild zu Prag, das im siebzehnten Jahrhundert ein
Kaufmann aus Belgien gestiftet hat. Der Uebergang ist ein gewaltiger,
denn am Kreuze haftet unverkennbar eine Frau. Da die beiden auf das
Jahr 1516 gezeichneten noch durchaus männlich sind, das Prager Bild
aber nachweislich erst 1684 gestiftet wurde, muß der weibliche Typus
in der Zwischenzeit sich ausgebildet haben. Dafür ist das bekümmerte
Aussehen wieder verschwunden; die weibliche Heilige trägt nicht nur die
Krone und den Purpurmantel, sondern sogar die Gloriolen. Ihr bärtiges
Antlitz ist durchaus heiter; der Gürtel fehlt nicht auf ihrer reichen
Gewandung; die Hände sind angenagelt, dagegen stehen die Füße fest
auf einem Block, neben welchem der eine abgestreifte Schuh liegt. Der
Becher ist verschwunden, der Geiger geblieben. Ueberblicken wir nun
diese einzelnen Bildtypen, so treten für die Kümmernisdarstellung
folgende Momente zu Tage: die Heilige war ursprünglich ein Mann, das
Kreuz, an das der Heilige später geheftet erscheint, fehlt bei den
alten Bildern gänzlich, mit der Zeit erscheint es angedeutet, aber
nicht durchgeführt; dementsprechend führt sich die Nagelung der Hände
erst allmählich ein. Die Nagelung der Füße dagegen unterbleibt und
schützt mit dem allen Bildern gemeinsamen Gürtel Kummernis vor der
Verwechslung mit dem gekreuzigten Christus. Der Geiger der späteren
Bilder und modernen Dichtungen[172-1] war ursprünglich nur ein
Betender, ein Bettler. Und wie der Heilige den einen Schuh fallen ließ,
so berichtet die nordische Sage von manchem Götterbilde, es habe gnädig
einen Ring vom Finger, einen Schuh vom Fuße fallen lassen.
Irgendwie näher auf die spätere weibliche Phase des Kummernus und
deren wechselnde Namen einzugehen, würde uns allzuweit von unserer
Aufgabe abführen. Dagegen schlägt es in unser Gebiet ein, dem Ursprung
dieses seltsamen Kultus ein wenig nachzuspüren. Der oder die heilige
Kummernus wird zunächst angerufen in jeder Not des ganzen Volkes, also
in Kriegsgefahr, Trockenheit, Ueberschwemmung, Theuerung, Mißwachs
und Epidemie. Insbesondere ist der Zwitterheilige sodann Schutzpatron
des Ackerbaus; das Bild steht darum meist in Feldkapellen; auch
auf Bäckeröfen prangt es häufig. Doch schließt dieser allgemeine
Schutz persönliche Anliegen nicht aus, besonders leidender Frauen
in Eheangelegenheiten; das Kümmernisbild findet sich daher in der
Schlafkammer über dem Ehebett. Dann beschützt und geleitet er
Reisende, deshalb seine Kapelle an Kreuzwegen, und ebenso geleitet
er, wenigstens in späterer Zeit, die Toten auf ihrer letzten Fahrt.
Das kann kein unmächtiger gewesen sein, der das Saatfeld in gleicher
Weise segnet wie den Ehestand, der die Gefahren abwendet, sowohl von
der Feldfrucht, wie von dem Glück des Hauses; dieser Herr über Leben
und Tod kann nur ein Herrscher gewesen sein, der Himmlischen einer.
Nur bei einem Urgewaltigen kann das Volk seit grauer Vorzeit in seiner
Not Trost und Hilfe gesucht haben. Da, mit einem Mal, erkennen wir
die gekrönte, bärtige, königlich blickende Riesengestalt: wahrhaftig,
es ist der Donnergott selbst. Hoch aufgerichtet, mit ausgebreiteten
Armen dem Beter zu seinen Füßen Hilfe verheißend, steht er da,
ausgerüstet mit allen Zeichen der Kraft; seine Hüften umschlingt
der Stärkegürtel, indem der kurze Stil des Hammers steckt, seine
Hände sind in die Eisenhandschuhe gehüllt, er legt sie an, sobald er
auszieht, die Riesen niederzuschmettern. Warum heißt dann aber dieser
verkleidete Heidengott nach seiner Taufe Kummernus? Eine stichhaltige
Erklärung des Wortes, vielleicht am ehesten aus einem entlegenen
Dialekt zu erwarten, liegt noch nicht vor. Um sich mit Bekanntem zu
behelfen, kann man immerhin sagen, daß die uns geläufige, abstrakte
Bedeutung von »Kummer« keineswegs die ursprüngliche ist; noch heute
bezeichnet das Volk am Rhein mit diesem Wort den Schutt und spricht
vom »Kümmern« der Rebberge; bei Gregor von Tours bedeuten »Cumbri«,
eine Flußeindämmung, und da mag denn beiläufig an das Kummernusbild der
Wasserkapelle mitten in der Saale bei Saalfeld erinnert sein, sowie an
den italienischen Kummernus, den heiligen Fredian von Lucca, der bei
einer Ueberschwemmung des Wassers durch ein Wunder zum Meere ablenkt.
Wenn ferner in der Rechtssprache Kummer der Ausdruck für Haft ist, so
verrät sich auch da der ursprüngliche konkrete Sinn eines Hindernisses
um aufzuhalten und zu hemmen. Endlich war zu Anfang des vierzehnten
Jahrhunderts die Bezeichnung »zum Kummer« als Hausname in Gebrauch.
Es ist aber niemals Sitte gewesen, ein Haus nach einem Abstraktum zu
nennen, da die bildliche Darstellung des Namens wichtiger war als der
Name selbst. Das Bild »zum Kummer« war zweifellos ein göttliches in
menschlicher Gestalt und stellte den mächtigen Helfer in der Not dar,
der der Bedrängnis einen Damm entgegensetzt und ihr ein Ende macht.
Es bleibt ohne Belang, ob der Helfer männlich oder weiblich ist; der
männliche Artikel scheint auf einen männlichen Helfer zu deuten,
wogegen der spätere Tausch mit »Kümmernis« auf den Uebergang in eine
weibliche Helferin schließen läßt. Wie sehr man indessen noch von dem
männlichen Geschlechte überzeugt war, auch nachdem die Bezeichnung
Kummernis sich schon eingebürgert hatte, beweist die klare Aufschrift
des Bildes in Rankwil in Vorarlberg: »Sanktus Kummernus«. Ebenso steht
vor dem Dorfe Ruedeswill westlich von Luzern ein kleines Bethaus in der
Ehre des heiligen Märtyrers und Bischofs Kummernus.
Zur selben Zeit, da Bonifatius in Deutschland die Bäume und
Bilder Donars zu stürzen unternahm, mag in den angelsächsischen
Missionskolonien der Niederlande die Vorstellung von einem Heiligen
gehegt worden sein, der den Kriegs- und Donnergott auch in der
Ideenwelt der Heiden verdrängen sollte. In Belgien finden sich noch
heute uralte Kultstätten des Kummernus zu Brüssel, Mecheln und bei
Dieppe. Von dem Niederland ist dann der Heilige rheinaufwärts gezogen,
und ließ sich namentlich in Mainz nieder. Nicht weniger als fünf seiner
Bilder finden sich an verschiedenen Orten der hessischen Rheinpfalz,
die von dem mächtigen Donnersberge beherrscht wird. Die Anfänge des
eigentlichen Kultus fielen also in das Ende der Merowingerzeit, in
die erste Hälfte des achten Jahrhunderts. Aber nur die Anfänge des
Kultus, in seiner christlichen Umprägung. Der eigentliche Kern dieses
Dienstes ist so alt wie die germanische Götterwelt, und während sie
am Unterrhein bereits zum heiligen »Kummer« beteten, opferten die
Alamannen im Vorland der Alpen noch dem Donar. Und doch sah das Bild
des einen dem Bild des andern zum Verwechseln ähnlich. Es war ein und
dasselbe Bild.
Achtes Kapitel.
Ortsheilige.
Bei mythischen Heiligen, wie Mithra-Georg oder Donar-Kummernus, liegt
die Natur der Legende in der Eigenschaft unstet zu wandern, überall und
nirgends zu Hause zu sein. Nun kennt die Legende jedoch andere Heilige,
die zwar nicht weniger einer geschichtlichen Unterlage entbehren,
aber insofern doch weit eher scheinen gelebt zu haben, da sich ihr
Andenken an bestimmte Orte knüpft. Es handelt sich dann entweder um den
örtlichen Niederschlag einer Wanderlegende oder um die Umtaufe einer
Gaugottheit mit begrenzter Machtsphäre.
1.
1. In alten Saturninsakten fand Gregor von Tours folgenden Passus
[175-a]: »Unter dem Konsulat des Decius und Gratus begann gemäß einer
zuverlässigen Erinnerung die Regierung des Saturninus als ersten
Bischofs der Stadt Toulouse?« Seinerseits fügt Gregor eine Mitteilung
bei, die eine solche Aufrichtung bischöflicher Sitze in Gallien
um 250 zur Siebenzahl erweitert und als Erfolg einer von Rom aus
organisierten gallischen Mission darstellt: »Zur Zeit des Decius wurden
sieben Bischöfe ordiniert und zur Predigt nach Gallien abgesandt,
wie die Historie der Passion des heiligen Märtyrers Saturninus
erzählt«. Folgt das angeführte Zitat, worauf Gregor fortfährt: »Diese
Abgesandten waren in Tours Bischof Gatian, in Arles Bischof Trophimus,
in Narbonne Bischof Paulus, in Toulouse Bischof Saturninus, in Paris
Bischof Dionysius; in Arvernum Bischof Stremonius; in Limoges Bischof
Martialis«. Es entsprach dem kirchlichen Bedürfnis, alte und angesehene
Bischofssitze mit dem Namen irgend eines Gründers zu versehen. Wenn
möglich sollte es ein Märtyrer sein. Aber schließlich wenn es überhaupt
nur ein Name war. Welche Gestaltungen dieser Trieb annehmen konnte,
zeigt sich am lehrreichsten bei Dionysius von Paris. Gregor also nennt
einen ersten Bischof dieser Stadt mit einer doppelten Ergänzung, daß
er in der Mitte des dritten Jahrhunderts gelebt habe und von Rom
gekommen sei. Auch hier wird Gregor wenigstens scheinbar von Fortunat
unterstützt. Denn dessen Gedicht auf Dionysius ist wahrscheinlich
pseudepigraph; es hat folgenden Inhalt[175-b]: »das Christenvolk soll
mit lauter Stimme und von Herzen den mutigen und treuen Streiter
besingen, den Märtyrer Dionys, der dem Himmelsfürsten nachfolgte.
Abgesandt durch Clemens, den Oberpriester von Rom, kam er von dieser
Stadt zu uns, auf daß der Same des göttlichen Wortes in Gallien Früchte
trage. Er hat den heiligen Bau errichtet, er hat den Glauben der Taufe
gelehrt; aber die Verblendung der Zuhörer will nichts vom Geschenk des
Lichtes wissen. Als der heilige Oberpriester sich anschickte, das Volk
dem Irrtum zu entreißen, während er die Hoffnung des Heiles predigte,
mußte er die Qualen des Todes über sich ergehen lassen. Er wird von den
Heiden gefangen, er, der die Christusaltäre lieb hatte; aus Liebe für
so viel Ruhm, erträgt er willig die Folterungen. Nun mangelte nur eins;
sein Leben für seinen König hinzugeben. Der Oberpriester, der Gott im
Tempel heilige Opfer darbrachte, vergoß sein köstliches Blut und wurde
selbst zum Opferlamm. Glücklich der Märtyrer, der durch seine fromme
Wunde und durch seine Todesqualen die himmlische Palme erwarb, der
durch seinen Tod den Tod zermalmt hat. Er besitzt nun das Königreich
des Himmels.« Als ferner Fortunat, diesmal der echte, an Leontius von
Bordeaux anläßlich einer von diesem restaurierten Dionysiuskirche im
Jahre 541 ein Gedicht richtet, wird darin das Martyrium des Heiligen
des näheren als Enthauptung bezeichnet[176-a]. Die wenigen Thatsachen,
die durch den Schleier der vielen zerflossenen Verse hindurch zu
erkennen sind, berühren sich nahe mit alten Dionysiusakten, die
Fortunat ebenfalls mit Unrecht zugeschrieben wurden[176-b]. Der
Verfasser sagt, daß er diese Akten weniger auf Grund schriftlicher
Quellen, als auf Grund vertrauenswerter älterer Erzählungen von Mund
zu Mund aufgezeichnet habe zum Zweck gottesdienstlicher Vorlesung,
ferner erfahren wir hier von einer Dionysiuskirche in Paris, die der
Heilige selber errichtet habe, und von einer prächtigen Basilika, die
nach seinem Tode über dem Grabe der heiligen Märtyrer an Stelle eines
von Catulla ihnen gestifteten Mausoleums mit großen Kosten errichtet
worden sei. Auch werden die Bewohner von Paris in den Akten als
Germanen bezeichnet und Andeutungen nicht unterlassen, die auf eine
nähere Bekanntschaft mit der kirchlichen Topographie von Paris und
Umgebung schließen lassen. Aber in einem wesentlichen Punkte bedeuten
diese Akten eine beträchtliche Verschiebung des durch Gregor und
die Saturninspassion bezeichneten ursprünglichen Standpunktes. Die
Zeit der Handlung ist nun nämlich vom dritten Jahrhundert ins erste
verlegt. Saturnin von Toulouse und Paul von Narbonne werden zwar noch
verschämt an die Zeit herangedrückt »nach dem heilbringenden Leiden
unseres Herrn Jesu Christi, dessen Auferstehung, dessen Himmelfahrt
und der darauffolgenden Missionspredigt der Apostel an alle Völker«.
Dionysius aber wird unverblümt durch Clemens von Rom, dem Nachfolger
des Petrus, mit der Mission betraut. Ja aber kannte denn das Neue
Testament einen Dionysius, auf den diese Angabe Anwendung fände?
Darauf weiß bereits ein Gedicht des Bischofs Eugen von Toledo ungefähr
aus dem Jahre 620 Antwort; es lautet: »Himmelsbürger ruft Beifall zu
der fröhlichen Weltfackel, die von Himmelshöhen hernieder die Gnade
dieses Tages bestrahlt. Der hervorragende Glaube des Märtyrers, das
Heiligenleben des Priesters, des edeln Dionys — sie haben heute die
Palme empfangen. Das Diadem des himmlischen Königs hat sich auf dem
Areopag von Athen eine schimmernde Perle auserlesen — den Philosophen
Dionys. Auf Pauli Stimme hin hat der Glaube der Gläubigen einen Spiegel
erhalten und der den das Heidentum für sein Bollwerk ansah, wurde zum
Sturmwidder, der an es Bresche legte. Leuchtend von wunderbarer Lehre,
erhellte er Griechenland, und von da kam der erhabene Lehrer nach Rom.
Auf Befehl des Clemens, des Machthabers von Rom kam er nach Gallien,
wo er, einer strahlenden Sonne gleich, leuchtete durch den Glanz
seiner Wunder und seines Wortes. Endlich hat er den Dämon besiegt, hat
er den heiligen Bau aufgerichtet, da erduldete er die gräulichsten
Qualen; sein Haupt fällt. Er fährt gen Himmel. Gruß Dir, o Vater,
der du den Himmel erworben! Gruß Dir Heiliger, der du auf die Erde
zu Besuch kommst. Die jährliche Wiederkehr deines Festes gilt deiner
Gegenwart. Bringe, bester Priester, unsere Seufzer und unsere Gebete
dar; stärke unsern Glauben, o Märtyrer Gottes, und verleihe uns einen
besseren Lebenswandel. Leite mit deinem Beistand unsere gebrechlichen
Fahrzeuge durch das Meer dieser Welt, und fällt die Leibeshülle von
uns, dann nimm uns, Heiliger, mit Rücksicht auf«. Aus Dionys von
Paris ist Dionys vom Areopag geworden. Niemand weiß wie. Und alsobald
sind auch jene klementinischen Akten durch areopagitische ersetzt.
Hier haben wir die Legende aus zweiter Hand; der Verfasser gibt eine
Ueberarbeitung der klementinischen Akten, indem er die Auszüge daraus
zugleich mit neuen Angaben versetzt; diese umfassen im allgemeinen
folgende Punkte: die Bekehrung Dionys des Areopagiten durch Paulus
und seine Ankunft in Rom nach dem Martyrium der Apostel, die Namen
dreier seiner Missionskollegen Marcellus von Spanien, Saturnin von
Aquitanien und Lucian von Beauveais, der Name des Domitian, die Rede
des einen Scharfrichters samt der Antwort des Dionys und seiner beiden
Gefährten, und das Wunder, daß Dionys nach seiner Enthauptung seinen
Kopf in den Händen trug. Diese Akten stammen wahrscheinlich aus dem
achten Jahrhundert, und haben nicht nur dem Patriarchen Methodius von
Constantinopel und Alcuin vorgelegen, als sie um 800 jeder auf Dionys
dichteten, sondern auch dem Abt Hilduin von St. Denys, als er im Jahre
835 auf den Wunsch Ludwigs des Frommen seine Akten des Areopagiten
Dionysius verfaßte, eben das Werk, das den Dionys dem abendländischen
Mittelalter erschlossen hat[177-1]. Rechnet man hinzu, daß dieselbe
Umtaufe im Morgenland einem anonymen mystischen Schriftsteller des
fünften Jahrhunderts zu Theil geworden war, der nun mit seinem
litterarischen Inventar zum Bischof von Paris stieß, nicht zu vergessen
das gesteigerte Interesse, das im elften Jahrhundert der erbitterte
Streit der beiden Klöster Emeran und St. Denis um die Reliquen des
Heiligen an den Tag legte[177-2], so haben wir das elementare Anwachsen
der Tradition aus unscheinbaren Anfängen zu einer Macht an einem
besonders instruktiven Beispiel beobachtet.
Im Kleinen mag sich ähnliches oft genug ereignet haben; namentlich
die sachte Verschiebung eines mehr oder weniger historischen Namens
des vierten oder dritten Jahrhunderts ins erste kehrt fast mit der
Häufigkeit einer Regel wieder. Sie zeigt sich bei Trophimus von Arles
überdies in einer neuen Verbindung; sonst verfolgte der römische
Legendenstrom, der sich über Gallien verbreitete, weiter keinen
Zweck, als die Traditionen der einzelnen Bistümer zu adeln. Bei
Trophimus dagegen, dessen Legende im zweiten Jahrzehnt des fünften
Jahrhunderts durch Patroklus, den damaligen Bischof von Arles in
Umlauf gesetzt wurde, gibt sich zugleich die Tendenz kund, dadurch
die Macht des gallischen Episkopats zu stärken, was indessen bei der
Stellung von Arles als dem Vorort unter den gallischen Metropolen
jener Zeit natürlich erscheint. Papst Zosimus schreibt im Jahre 417
unter anderem[178-a]: »Die Metropole Arles hat keinerlei Anspruch
auf ein Vorrecht, da ja doch von Rom aus Trophimus als Oberhaupt in
diese Stadt gesandt wurde. Er bezeichnet die Quelle, aus der die
Glaubenskanäle durch ganz Gallien gespeist wurden«. Und im Jahre 450
heißt es in einer Eingabe der in Arles unter Erzbischof Ravennius
versammelten Bischöfe[178-b]: »In ganz Gallien ist es bekannt, aber
auch der Heiligen Römischen Kirche wird es nicht unbekannt sein, daß
unter den gallischen Städten Arles zuerst den Sendling des Apostels
Petrus, den heiligen Trophimus, als Priester in sich aufgenommen zu
haben, das Verdienst hat und von da aus das Gut des Glaubens und der
Religion mitteilte.« Solche Stellen sind von Bedeutung, um zu zeigen,
wie früh schon, in der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts schon,
in Gallien die römische und apostolische Gründungssage von Bistümern
heimisch war. Zu welchem Umfang und zu welcher Kühnheit sie sich mit
der Zeit auswuchs, zeigt nach der Merowingerzeit ein Blick auf die
Gründungssagen der rheinischen Bistümer. Maternus, der dreifache
Bischof von Köln, Tongern und Trier, war ein naher Verwandter Jesu,
ja war niemand anders, als der Jüngling zu Nain. Mainz knüpfte seinen
Ursprung an den Paulusschüler Crescens[178-c], der nach der biblischen
Nachricht sich nach Galatien gewendet hatte und infolge dessen für
Gallien und Zubehör in Anspruch genommen wurde. Metz will durch den
Petrusschüler Clemens, Toul durch den Maternusgefährten Mansuetus,
einen geborenen Schotten, gegründet sein, und Verdun glaubte sich den
Dionysiusschüler Santinus erinnern zu dürfen, nachdem er zuvor in
Chartres und Meaux Bischof gewesen sei[178-1].
Aber auch von diesen späten und kräftigsten Beispielen abgesehen, haben
fast alle größeren fränkischen Bischofssitze sich nicht begnügt, die
Listen ihrer früheren Regenten sei es ganz, sei es bruchstückweise
anzufertigen oder für die Lebensbeschreibung der Hervorragenden unter
ihnen zu sorgen: sie haben es sich angelegen sein lassen, dem Stuhle
eine möglichst apostolische Gründung zu verschaffen, indem man von den
missionierenden Aposteln oder Apostelschülern einen am betreffenden
Orte sich vorübergehend oder bleibend aufhalten ließ. Narbonne berief
sich auf Paulus, Avignon auf Rufus, dieser ist wie Trophimus aus dem
dritten Jahrhundert zu der neutestamentlichen Person heraufgerückt,
deren Namen er trägt. Ob für Linus von Besançon schon in dieser frühen
Zeit der Versuch gemacht wurde, zu dem der Name veranlassen konnte,
weiß man nicht. Dagegen beanspruchen sogar Namen ohne biblischen
Klang, wie Fronto von Perigueux oder Martialis von Limoges und andere
Bürgerrecht in der Apostelzeit[179-1]. Verzichtet man aber auf ein
so hohes Alter des Patrons und begnügt sich mit einem Märtyrer der
decianischen Zeit oder gar mit einem undatierten Namen, so findet
sich wohl schwerlich ein älteres fränkisches Bistum, das damit nicht
aufwarten kann.
2.
Sehen wir uns nun aber das Phänomen der Legendenlokalisierung an
einem glücklichen Beispiel näher an. Es gibt einen heiligen Moritz
im Morgenland und einen heiligen Moritz im Abendland, Moritz von
Apamäa und Moritz von Agaunum. Nach allem, was wir nun im allgemeinen
über die Legende wissen, insbesondere über ihre Eigenschaft, sich
zu verpflanzen und zu übertragen, erwächst uns die Verpflichtung
nachzuspüren, ob sich nicht zwischen beiden Sagen ein Zusammenhang
erkennen lasse. Der syrische Moritz teilt nun allerdings in hohem Maße
mit seinen orientalischen Leidensgefährten Georg, Christoph und den
andern, den empfindlichen Mangel einer deutlichen Lebensgeschichte;
seine Gestalt ist vor armseligem Inhalt und erbaulichem Dunst kaum
festzuhalten. Immerhin springt an ihm ein greifbarer Unterschied
von den andern sofort deutlich in die Augen; er tritt nämlich nicht
allein auf, sondern an der Spitze einer Kriegerschaar von siebzig
Soldaten. Sie heißen die Märtyrer von Apamäa. Wegen ihres christlichen
Bekenntnisses vor den Richterstuhl des Kaisers gezogen, lassen sie sich
ihrer militärischen Ehrenzeichen berauben; die Qualen, die sie dann zu
bestehen haben, sind dreitägiges Gefängnis mit Halseisen, Geißelung mit
rohen Ochsenziemern, schließlich entweder Enthauptung oder Flammentod
oder verschärfte Kreuzigung. Von den sonst ungenannten Soldaten des
Moritz treten drei mit Namen auf: sein Sohn heißt Photinus, der
»Leuchtende«, die beiden andern Theodor und Philippus. Gegen die
Walliser Lokalsage gehalten, weist diese orientalische Fassung im
allgemeinen drei gemeinsame Punkte auf: hier wie dort leidet eine
Kriegsschaar, hier wie dort heißt der Führer Moritz, hier wie dort ist
Kaiser Maximian der Verfolger.
Ein unvergeßliches Ereignis noch aus der vorchristlichen Aera kann
mit seinem die Jahrhunderte beherrschenden Andenken die keltischen
Bewohner des Rhonethals zur Aufnahme der morgenländischen Moritzlegende
besonders zubereitet haben[180-1]. Im Herbst des Jahres 57 vor Christi
Geburt entsandte Julius Cäsar[180-a] den Legaten Servius Galba mit
der zwölften Legion und einer Abteilung Kavallerie, im Ganzen mit
etwa dreitausend sechshundert Mann Fußvolk und drei- bis vierhundert
Reitern ins Wallis, um die Verkehrsstraße über den großen Bernhard
für den italienischen Handel zu öffnen. Galba rückt vom See her ein,
unterwirft die Nantuaten um St. Maurice, die Veragrer um Martigny und
die Seduner um Sitten. Die Bevölkerung stellt Geißeln. Die Rückzugs-
und Verbindungslinien zu sichern, legt Galba zwei Cohorten zu den
Nantuaten nach Agaunum. Er selbst bezieht mit dem Gros der Legion
die große Ortschaft Oktodurum als Winterquartier, am Schlüssel des
Passes. Er ließ sich auf dem linken Ufer der Dranse nieder. Aber er
hat sich noch nicht eingerichtet, so bricht schon der Aufstand los.
Die Hauptmacht des Feindes sammelte sich auf den westlichen Bergen
und drohte die Römer von ihren Verbindungen abzuschneiden. In Galbas
Kriegsrat ging die Meinung der Hauptleute der Mehrzahl nach dahin, das
unvollendete Lager wenn immer möglich zu halten, und nur im Fall der
äußersten Not es samt dem Gepäck preiszugeben und sich durchzuschlagen.
Schon hatten die Kelten das Lager umgangen und griffen vom Berg und
vom Süden her an. Die dort kommandierenden Offiziere, der Centurio
Publius Sextius Baculus und der Kriegstribun Gajus Volusenus, meldeten
Galba, sie könnten vor der Uebermacht nicht lange stand halten, schon
fülle der Feind die Graben und durchbreche den Wall, die Munition gehe
aus, die Wallbesatzung sei am Ermatten. Sie rieten zu einem Ausfall
mit gesamter Macht. Galba nahm den Vorschlag an. Der Ausfall geschah
mit großer Heftigkeit. Aus allen vier Thoren brachen die Truppen aus,
und zugleich griff die Wallbesatzung von den Reserven unterstützt den
Feind frontal an. Die Reiterei rückte an dem am wenigsten bedrohten
gegen die Dranse gelegenen Thor aus, schwenkte rechts um, rollte den
rechten südlichen Flügel der Kelten auf und warf ihn auf die westliche
Hauptmacht zurück. Hinter der Reiterei war eine Cohorte Infanterie
ausgezogen, hatte aber das Lager links umschritten und verlegte nun
den Abzug thalabwärts, indem sie zugleich dem Feind in die linke
Flanke fiel. Von allen Seiten umzingelt verloren die Kelten den
Kopf. Wer zu fliehen vermochte, floh in die Berge hinauf, und kein
Versuch wurde gemacht, oben trotz der günstig überhöhenden Stellung
Stand zu fassen. Der Kampf hatte früh am Morgen begonnen und sechs
Stunden gedauert. Galba will das Waffenglück nicht weiter auf die Probe
stellen; von Feinden rings umgeben, in seinen Verbindungen bedroht und
ohne genügende Vorräte für den Winter brennt er Oktodurum nieder und
tritt den Rückmarsch ins römische Gallien an. Indessen war ein Teil der
Kelten auch von der Flucht in die Berge abgeschnitten und konnte sich
nur noch thalabwärts retten. Unterwegs schloß sich die Thalbevölkerung,
Männer und Frauen der Flucht an. Verfolgt wurden sie von den Reitern
und einigen Kohorten. Nun hatten aber auf die Kunde vom entsponnenen
Kampfe, die bei dem geordneten ständigen Verkehr zwischen den beiden
Lagern sogleich nach Agaunum geleitet worden war, die beiden dort
liegenden Kohorten sich in Marsch gesetzt und vor dem Engpaß unweit
von Agaunum sich entwickelt, um jedem Befehle Galbas sofort folgen zu
können. Ihnen liefen die flüchtigen Gallier in die Arme. Als sie rings
umklammert keinerlei Rettung sahen, massierten sie sich auf einen
Hügel, eine Viertelstunde von Agaunum entfernt, und ließen sich ohne
jede Gegenwehr bis auf den letzten Mann niedermetzeln. Es ist nicht
das einzige Beispiel, daß Germanen oder Kelten nach tapferem aber
erfolglosem Kampfe widerstandslos mit fatalistischer Indolenz den Tod
an sich herankommen ließen. Die Zahl der bei Oktodurum Erschlagenen,
die von Agaunum wohl eingerechnet, beziffert Cäsar auf zehntausend. Im
Gedächtnis des Walliser Volkes blieb nun aber weniger die verlorene
Schlacht haften, als die erbarmungslose Niedermetzlung einer ganzen
großen Menschenschaar, ohne daß sich einer wehrte oder einer mit dem
Leben davonkam.
An der Spitze der katholischen Geistlichkeit im Wallis stand am
Ende des vierten Jahrhunderts einer der tüchtigsten kleineren
Prälaten seiner Zeit, der Bischof von Sitten. Er hieß Theodor. Das
ist wichtig zu wissen, weil der Heilige dieses Namens ebenfalls dem
syrisch-kleinasiatischen Sagenkreis angehörte und sich gewissermaßen
als schwächere Kopie des heiligen Georg ausweist: auch er war von
vornehmer Abkunft und als Christ geboren, auch er wurde nach den
abenteuerlichsten Folterqualen unter Licinius seines Bekenntnisses
wegen in seiner Heimat Bithynien enthauptet; auch er wird abgebildet
mit einem Speer oder Schwert, einen Drachen zu seinen Füßen oder
als Ritter in voller Rüstung. Der erste uns bekannte geschichtliche
Träger seines Namens im Abendlande ist eben jener Bischof von
Sitten, der 381 auf dem dritten Concil in Aquileja und 390 auf einer
Kirchenversammlung in Mailand anwesend war. Da nun die Inhaberschaft
eines Heiligennamens seitens eines Kirchenfürsten, zumal die
erstmalige, gewiß auch die Verehrung des Patrons in irgend einer Form
in sich schloß, so ist die Beziehung dieses Bischofs zu einem fernen
Sagenkreise nachgewiesen, dem Theodor sowohl wie Moritz angehörten.
Aber diesem selben Bischof von Sitten schreibt die Lokaltradition
die Hebung der Reliquien von Agaunum zu. Er war somit durch seinen
Namenspatron an der Verehrung der morgenländischen Kriegsheiligen
und durch sein Amt an der erforderlichen Umwertung des Kultus der
heidnischen Märtyrerschaar persönlich beteiligt. Auch ohne bewußte
kluge Berechnung, nur infolge höherer Schwellung seiner Gefühle kann
sich in seiner Brust die Verschmelzung der fremden christlichen
Sagen mit der einheimischen heidnischen vollzogen haben. Zu dieser
Kombination hat die morgenländische Wandersage den Namen des Anführers
und der Truppenabteilung, sowie die Thatsache und Zeit des Todesleidens
einer ganzen Kriegerschaar für Christus, die Walliser Lokalerinnerung
dagegen den massenhaften Charakter des Martyriums und den Verzicht
auf Widerstand beigesteuert. In welcher Fassung die Erzählung vom
Heldentod der Märtyrer von Agaunum zuerst in Umlauf gesetzt wurde,
entzieht sich unserer Kenntnis. Jedenfalls hat es sich um die
Thatsache gehandelt: Unter Diokletian und Maximian litt zu Agaunum
die Thebäerlegion nebst ihren Anführern dem Primicerius Mauritius,
dem Compiductor Exsuperius und dem Senator militum Candidus. In der
Mitte des fünften Jahrhunderts, also etwa zwei Menschenalter nach der
Konzeption wurde dann dieser Kern durch Bischof Eucherius von Lyon
(450–455) schriftstellerisch bearbeitet: Er habe, sagt er in deren
Begleitschreiben, die Passion seiner Märtyrer geschrieben aus Furcht,
es möchte mit der Zeit ein so großes Martyrium aus dem Gedächtnis der
Menschen verschwinden. Er habe sich nach möglichst guten Gewährsmännern
umgesehen und sich schließlich an die gehalten, denen Bischof Isaak
von Genf das Ereignis auf Grund von Mitteilungen Theodors von Sitten
genau erzählt hatte. Eucherius hat sich die ihm nur knapp überlieferte
Begebenheit mit erlaubter Freiheit zurecht gelegt: Die Thebäerlegion
lagerte in Agaunum. Die Vernichtung einer ganzen Legion setzt
ansehnliche andere Truppenmassen voraus. Eine solche Truppenansammlung
hatte zur Zeit einer großen Verfolgung keinen andern Zweck, als die
Christen zu vertilgen. Ein so unerhörter Strafakt konnte nur auf
ausdrücklichen Befehl des Kaisers geschehen. Im Abendlande konnte das
Oberhaupt kein anderes sein, als Kaiser Maximian; dem milden Cäsar
Constantius war eine solche Unthat nicht zuzutrauen. Befanden sich
aber die Thebäer in der Nähe des Kaisers, so waren sie eine »_legio
palatina_« und hießen als solche Thebäer. Da Maximians Hauptquartier
Mailand war, so brauchte es einen Marsch von acht Tagen, bis er Agaunum
erreichte. Wurde die Legion ermordet, so mußte sie vorher rebellisch
gewesen sein; denn nur rebellische Truppen wurden in schweren Fällen
mit Decimation bestraft. Die Exekution geschieht in drei Anläufen,
zweimaliger Enthauptung des zehnten Mannes und folgender Vernichtung
des Restes — dreimalige Blutzeugen der göttlichen Dreieinigkeit, für
die in einer besonderen Eingabe an den Kaiser ausdrücklich Zeugnis
abgelegt wird. Nach der zweiten Decimierung halten die genannten drei
christlichen Offiziere schöne Reden an die Soldaten, auszuharren, ja
die Waffen abzulegen und sich wehrlos hinschlachten zu lassen[183-1]:
»gleich dem Schaf, das seinen Mund nicht aufthut, überlassen sie sich
wie eine Herde von Schafen des Herrn den hereinbrechenden Wölfen; die
Erde öffnet sich den sterbenden Leibern, es fließen die Ströme des
kostbaren Blutes. Das Volk der Heiligen hat über der Hoffnung des
Zukünftigen das Zeitliche verachtet und preist nun bereits, wie wir
glauben, als engelgleiche Legion mit jenen Legionen im Himmel den Herrn
Gott der Heerschaaren«[183-a].
Neben dieser Darstellung der Walliser Sage fehlt es nicht an
allerlei gelegentlichen Zeugnissen. Der Name Mauricius kommt in der
Kirchenprovinz Vienne schon im fünften Jahrhundert auf dem Grabstein
eines Kindes vor. Eine andere Grabschrift von der Rhonemündung,
aus dem Jahre 521 spricht vom 22. September als dem Jahrestag der
Märtyrer von Agaunum. Und im Jahre 515 hielt der Erzbischof Avitus
von Vienne zu Agaunum die Weiherede. Er knüpft an die verlesene
Passion der Märtyrer an: es sei die Lobeserhebung des glückseligen
Heeres, aus dessen seligster Schar niemand verloren ging, während
niemand entkommen sei; denn über den ungerechten Tod des Heiligen habe
gleichsam die Gerechtigkeit des Loses entschieden: zweimal sei es über
die sanftmütige Schlachtordnung ausgeworfen worden und dann seien mit
den Opfern der zweimaligen Decimierung auch die übrigen als Erwählte
versammelt worden. Endlich singt dann auch in der zweiten Hälfte des
sechsten Jahrhunderts Venantius Fortunatus den Lobpreis des Moritz und
seiner Gefährten:
Als sie Heeresgewalt überfiel,
Die Christus verehrten,
Als auf sie eindrang der Tod
Wie ein gewaltiger Sturm,
Scheuchte die Kälte zurück
Vor den inneren Gluten der Seele.
Denn in dem eisigen Thal
Wärmte der Glaube das Herz.
Du o heiliger Moritz,
Du Führer der herrlichen Kriegsschaar,
Zogest nicht du Legion
Tapferer Männer Dir nach,
Daß sie legten die Schwerter beiseit
Und gehorchten dem Paulus?
Sterben aus christlicher Pflicht,
Schöneres gibt es wohl nicht.
3.
Es ist nicht gerechtfertigt die Sage vom heiligen Moritz und seinen
Genossen ohne weiteres mit der Sage von der thebäischen Legion
auf gleiche Linie zu stellen. Jene heißen, falls nicht überhaupt
nur der Name ihres Anführers figuriert, durchweg die Märtyrer
von Agaunum, während man unter der thebäischen Legion auch den
mannigfachen Legendenzuwachs mit einbegreift, der sich an die
Wallisersage aufgeschlossen und seinen Quellpunkt auf deutschem Gebiet
wahrscheinlich überhaupt nicht in der Alpengegend, sondern in Köln
hat. Dieser Sagenanhang ist zum Teil sehr alt; schon bei Eucherius
folgt dem Massen-Martyrium die Erzählung von dem Einzelmärtyrer Viktor,
einem ausgedienten Veteranen, der nicht zur Legion gehört. Auf einer
Reise begriffen, trifft er zufällig auf die Soldaten, die über die
Beute der Märtyrer vergnügt beim Schmause lagern; er verschmäht die
Einladung anzunehmen, bekennt sich als Christ und wird niedergemacht.
Ferner werden Ursus und Viktor erwähnt, Genossen der Legion, die zu
Solothurn gelitten haben sollen. Des Veteranen Viktor wird nun zwar in
der Grabschrift des zweiten Abtes von Agaunum zu Anfang des sechsten
Jahrhunderts neben dem Hauptmartyrium besonders gedacht; aber Ursus
und Viktor, die nach Solothurn entkommen, öffnen doch eben eine
spätere Sagenschicht, da noch Avitus in seiner Weiherede ausdrücklich
niemand entrinnen läßt. Wahrscheinlich sind diese Ergänzungen von
anderwärts leidenden Thebäern ursprünglich selbständige Sagen, die
aber unter ähnlichen Umständen entstanden sein können und sich daher
aus Verwandtschaft anschlossen. Sucht auch ein Ereignis wie der
Untergang der wehrlosen Kelten vor Agaunum seinesgleichen, so ähneln
ihm doch vielleicht kleinere Vorfälle, die auch bei der bekannten
Toleranz der Germanen gegen die römische Kultur gewiß nie ganz gefehlt
haben; es ist nicht anzunehmen, daß sich bei einer Begegnung zwei
so verschiedenen Kulturmächte, wie die germanischen Kindervölker
und das verlebte römische Reich es waren, ohne akute Zusammenstöße
aneinander ausgetauscht hätten. Auch wo große Katastrophen fehlten,
hielten alltägliche Episoden das Volksgemüt in Erregung. Was davon für
die religiöse Vorstellungswelt abfiel, mag sich doch vielfach hinter
Gestalten geflüchtet haben, wie wir sie jetzt dem Walliser Märtyrerheer
zugeteilt sehen. Dagegen ist es nun von Belang, festzustellen, daß eben
auch Sagenfiguren ganz anderen Ursprungs sich unbefangen dem Geleite
der thebäischen Legion angeschlossen haben. Eine junge Christin namens
Verena, deren Vettern in der Legion dienten, verblieb nach dem Abmarsch
des Heeres gen Helvetien als Krankenpflegerin in Mailand, besuchte
dann aber die Gräber der ihrigen zu Martinach und Solothurn und hielt
sich von da an bis an ihr Lebensende in der Schweiz auf. Sehen wir uns
jedoch diese Verena näher an, so erkennen wir in ihr in der That eine
~junge~ Christin, die vor Zeiten eine alamannische Gaugöttin gewesen
ist[185-1].
Urkundlich bezeugt sind Verenareliquien zwar erst am Ende des
dreizehnten Jahrhunderts, dagegen berichtet die 1005 verfaßte
Ortslegende von Zurzach, schon im neunten Jahrhundert seien sie von
ihrer ursprünglichen Ruhestätte in der Moritzkapelle am Rheinufer in
die Marienkirche versetzt worden, die dann zur Stiftskirche erhoben
wurde. Die Ausdehnung des Verenenkultus hat seine Grenzen ungefähr
an den Marken des Konstanzer Bistums, das, der größten eines, vom
Gotthardt bis über den Neckar und von Kempten bis gegen Straßburg
reichte. Auf Schweizer Boden besaß die Heilige in folgenden Ortschaften
Weihkirchen oder Altäre: im Bistum Chur zu Niederurnen und Wesen,
im Bistum Konstanz eine in Kleinbasel, eine in Schaffhauser Gebiet,
neun im Thurgauischen, zwei im Sankt Gallischen, zwei im Zürcher und
eine im Zuger Lande. Ihre eigentliche Heimat jedoch war der Aargau,
und ihre Residenz das Städtchen Zurzach am Rhein. Merkwürdig ist
jedoch, daß sowohl im Bistum Basel, als im Bistum Sitten Verena nicht
verehrt wurde trotz der Beziehungen ihrer Legende zu Agaunum und
Solothurn. Wenn auch die am linken Aareufer gelegene Einsiedelei nach
Verena heißt, so feiert doch die solothurnische Kirche den Verenentag
ebensowenig, als die des Wallis, die vielmehr am 1. September einen
ihrer alten Bischöfe, den heiligen Egidius verehrt. Somit ist Verena
ursprünglich mit der Thebäerlegende nicht verschwistert gewesen und
auf dem Gebiete von Kleinburgund überhaupt nie verehrt worden. Sie
ist eine Alamannin und hat ihre kirchliche Reception ausschließlich
dem Konstanzer Sprengel zu verdanken. Wohl hatte man über ihrem
ersten Grabe dem heiligen Moritz und seinen Legionären die Kapelle zu
Aufburg erbaut und über ihrer späteren Gruft in der Marienkirche den
Thebäern Altäre errichtet; wohl wurde sie dem Frauenheer der heiligen
Ursula beigesellt; aber sie wußte sich dem ihr zugemuteten fremden
Heiligengewimmel heimlich zu entziehen und sich in der Einsamkeit, an
den Waldquellen und Gebirgsströmen vom gläubigen Volke wie eine Göttin
aufsuchen zu lassen.
Alljährlich am Verenentage lassen die Müller im aargauischen Siebthale
die Mühlsteine schärfen und die Mühlbäche putzen. Sie ist die Patronin
aller Wassergewerke, also der Müller, Schiffer und Fischer. Als die
Heilige noch bei Solothurn in ihrem Felsenthale wohnte, schleuderte der
Teufel einen Felsen gegen ihre Wohnung, jenen ungeheuern erratischen
Block, der daselbst oberhalb des Daches der Zelle zu sehen ist und die
Krallenspur des Bösen zur Schau trägt. Eine friedlichere Wohnstätte
aufzusuchen, nahm Verena einen Mühlstein, der an der Aare zur Verladung
lag, fuhr auf diesem den Fluß hinab durchs Aargau und landete auf einer
Insel beim Fischerdorfe Koblenz, in dessen Nähe die Aare in den Rhein
mündet. Das Patronat über die Müller und der Attribut des schwimmenden
Mühlsteins enthüllt uns aber, näher untersucht, den heidnischen Kern
des Verenakultus, der im Grunde eben nur der Kultus der Liebesgöttin
ist. Seit Alters wird, wie manche andere Bezeichnung aus dem Betrieb
des Ackerbaus, auch Mahlen auf die geschlechtlichen Beziehungen
übertragen. Es mag immerhin an eine unverfängliche Stelle im Volkslied
erinnert sein:
Dort hoch auf jenem Berge
Da geht ein Mühlenrad,
Das mahlet nichts als Liebe,
Die Nacht bis an den Tag.
In den ältesten deutschen Sagen ist der Ort für Liebesabenteuer stets
die Mühle; sie lassen berühmte Gestalten wie den Landpfleger Pilatus
oder Karl den Großen in einer Mühle außerehelich erzeugt sein. Als
Korn- und Mühlengöttin erweist sich nun aber die heilige Verena in
ihrer Legende oft genug. Dem Schwesternhause, das die Heilige zu
Solothurn gegründet hatte, brachte ein Hungerjahr bittere Not, bis
eines Morgens eine Reihe Säckchen Mehl von unbekannter Hand vor die
Thüre gestellt wurde. Verena wird, wie übrigens viele andere Heilige
auch, abgebildet, wie sie Brot und Wein überbringt. Als Dienstmagd
eines Priesters in Zurzach hatte sich Verena die tägliche Nahrung
abgebrochen, um die benachbarten Siechen zu speisen. Darüber wird sie
eines Unterschleifs verdächtigt, der argwöhnische Priester tritt
ihr plötzlich in den Weg; doch siehe! der Wein ist nun in Lauge,
und die mitgenommenen Brotschnitte in einen Kamm verwandelt; beides
ist zur Reinigung der Aussätzigen bestimmt. Daher kommt es, daß die
Verenabilder bald Waschkanne und Kamm, bald Weinkrug und Brotgipfel in
der Hand haben. Da das Krüglein der Heiligen ursprünglich steinern war,
kann es auch ein Trockenmaß bedeutet haben, weil Steinkrüge in jener
Zeit auch Kornviertel vorstellen. Wie tief übrigens die Verenaverehrung
ins öffentliche Leben eingriff, zeigen einige obrigkeitliche
Vorschriften und landwirtschaftliche Regeln, die sich an den ersten
September knüpfen. Der Verenatag begann den Herbst und war damit ein
allgemeiner Zins-, Frist- und Verfalltag; an ihm ging die Jagd auf und
erfolgte die amtliche Visitation der Weinkeller. Die Bauernregel für
Verenatag lautet: An diesem Tage ist alles Obst reif und der Fruchtstil
abgetrocknet. Da geht auch der Krautskopf mit sich zu Rate, ob er von
diesem Tag an noch wachsen wolle. Das Vesperbrot wird nun nicht mehr
aufs Feld gebracht. Die Hausarbeiten bei Licht, die Kiltabende und
Liebesnächte begannen dann, um mit Mariä Verkündigung, am 25. März,
wieder zu Ende zu gehen.
Doch fehlen auch unmittelbare Anzeichen nicht, daß Liebe und
werdendes Leben unter Verenens besonderem Schutze stand. Schon in
alten Fürstensagen des zehnten Jahrhunderts ist es unsere Heilige,
die den Kindersegen verleiht. Sowohl der Burgunderherzog Konrad und
seine Frau Machtilde, als auch der Alamannenherzog Heriman und seine
Gemahlin werden auf eine nach Zurzach unternommene Wallfahrt hin mit
männlicher Nachkommenschaft gesegnet. Meistens ist diese Wunderwirkung
jedoch therapeutisch vermittelt, am ehesten durch eine Heilquelle. Im
Verenabad, in den Bädern von Baden gilt es dafür, wie schon Heinrich
Pantaleon bezeugt: »wann eine unfruchtbare Frau darinnen bade und einen
Fuß in das Loch stoße, daß das Wasser herfür quillet, es werde Sankt
Verena bei Gott erwerben, daß sie fruchtbar werde«. Die Vorstellung von
den Kinderbrunnen ist allgemein verbreitet und überall lokalisiert,
ob nun die ungeborenen und die früh wieder verstorbenen Kleinen dann
um Frau Holle oder um die albanesische Geburtsgöttin Ora oder sonst
ein Wünschelweib oder ob sie um die Mutter Gottes oder Sankt Verena
herumsitzen und mit Honig und Erdbeeren aufgenährt werden. Eine
Anspielung daran mag auch in der an sich nebensächlichen Thatsache
erkannt werden, daß die beiden zürcherischen Verenakirchen, auf Ufenau
und zu Stäfa, Wasserkirchen sind und daß das kleine Nonnenkloster
der Schwestern von Konstanz in der Stadt Zürich zu Sankt Verena in
Brunngassen hieß. Im Aargau und Umgegend besitzt außer dem bereits
genannten Baden der Achenberg zwischen Zurzach und Klingnau eine
romantisch in einer Schlucht gelegene heilkräftige Verenaquelle, mit
benachbarter Waldkapelle, wo jeden Samstag Messe gelesen und im Monat
Mai eine Feldprozession und ein Jahrmarkt abgehalten wird, desgleichen
beherbergt das Dorf Buttisholz beim Sempachersee eine Quelle namens
Verenaloch oder auch Goldloch, weil wer ehemals in der Abenddämmerung
mit abgewandtem Gesichte die Hand in dieses Wasser tauchte, aus
einer weiblichen Hand ein Goldstück empfing. Endlich war am Fuße des
Jurapasses Schafmatt schon seit ältester Zeit ein Bad in Betrieb,
gegenüber dessen Hauptquelle das Verenawasser entsprang. Auch es hieß,
wie übrigens auch der Sprudel im Freibad zu Baden, Verenaloch. Vor
der Stadt Zug an der Straße nach Aegeri stand neben der Verenakapelle
das Verenabrünnlein. Als Kinderspenderin muß Verena auch Herrin der
Ehebündnisse sein. Unter den ihr kirchlich geopferten Gegenständen
nimmt das Brautkrönlein den ersten Platz ein. Die katholischen
Landmädchen zwischen der unteren Aare und dem Rheine tragen bei
besonderen kirchlichen oder weltlichen Festanlässen das »Tschäppelein«.
Dieser krönleinartige Kopfschmuck besteht aus einem mit Seidenblumen
und Goldflintern reich umsponnenen Drahtgeflechte, das sich sanft über
den Scheitel hin wölbt, oder statt dessen ein Sammtkäppchen, oben
napfförmig abgerundet und mit Korallen gestickt; es ist so winzig, daß
es oben mittelst eines Seidenfadens über das Haar gebunden werden muß.
Ist nun in der Landschaft von Leuggern ein Mädchen getraut, so hat
sie ans Verenagrab nach Zurzach zu wallfahrten und hier am Grabgitter
ihr Tschäppelein aufzuhängen; es ist ein Dank dafür, unter die Haube
gekommen zu sein. Aber auch von den Reliquien ist der Gürtel, mit dem
einst das Verenabild an der Hüfte umfangen war, ein weiteres nicht zu
mißdeutendes Zeichen, daß die Heilige Ehen und Geburten beschirmte.
Verena hatte sich in Zurzach aus Liebe zum Nächsten den niederen
Diensten einer Wäscherin und Badefrau unterzogen; dort ist sie nicht
nur zur Ortsheiligen, sondern förmlich zum Ortsgeiste geworden und
heißt die weiße Frau. Das mitten im Marktflecken stehende Haus zum
weißen Rößli ist ihr Aufenthalt. Aus dessen Vorhöflein schreitet um
Mitternacht vor hohen Festtagen eine stattliche schneeweiße Frau
hervor und begiebt sich zum mittleren Brunnen auf dem Markplatze.
Hier spült sie ihr Weißzeug sorgfältig und kehrt stolzen Ganges
in den Vorhof zurück. Die ›Vier Gotteshöfe‹ in der aargauischen
Gemeinde Reckingen waren ein Mannslehen von vier Bauerngeschlechtern
daselbst, die dem Stifte Zurzach nicht nur Zehnten und Bodenzins der
achtzig Morgen zu entrichten, sondern auch die Unterhaltung der dazu
gehörenden Antoniuskapelle zu bestreiten und für den Meßpriester den
Meßwein zu liefern hatte. Aus dem vierstöckigen Meierhaus nun, erzählt
man, kommt zu gewissen Zeiten nachts ein Füllen gelaufen, umtrabt
das Gebäude, wird zusehends größer und ist mit einem Male wieder
unsichtbar. Niemals erblicken Frauen das Füllen, sie sehen vielmehr,
wie eine weißgekleidete Frau das Haus umwandelt, an jeder der vier
Ecken bedächtig stehen bleibt und hierauf in die Antoniuskapelle
verschwindet. Offenbar mußte dem im Dienste Verenas stehenden
Priester ein Dienstroß zu seinen Amtsverrichtungen gestellt werden,
wie ja schon die heidnische Geburtshelferin Frau Holle zu Pferde
ist und Frauen, die vor der Geburt stehen, einen Schimmel Hafer aus
ihrer Schürze zu geben pflegen. Ebenso haften der Verena aus Anlaß
ihres Kammes allerlei wunderbare kosmetische Eigenschaften an, das
Tobel-Vereneli im Tobelhölzli bei Baden ist ein uraltes Weibchen, das
an einer schönen Quelle sitzt und sich das Haar kämmt. Verena verleiht
dem ihr folgsamen Mädchen das schöne Haupthaar. Am Verenentag ist
es im untersten Aargau durchgehends katholische Sitte, die Kinder
frisch zu kleiden, wie es sonst nur um Neujahr oder Ostern geschieht.
Dann werden auch die Kinderköpfe tüchtig gewaschen und dem jüngsten
Mädchen der erste Zopf geflochten. Ueber Warzen hauche man im Namen
der Dreieinigkeit und spreche dreimal: Frene, Frene, Dorre weg. Im
allgemeinen ist die christliche Entgötterung der heidnischen Hilfs- und
Heilgöttin zur demütigen Grauen Schwester gelungen; an einigen Zügen
indessen zeigt sie noch die rohe, derb zu fahrende Gewaltthätigkeit
der mythischen Riesenjungfrau. Je mehr man den Verenasagen ins Gebirge
hinein nachgeht, desto mehr erwächst ein Uebermaß barbarischer,
leidenschaftlicher Körperstärke. Nach Verena heißt eine Alp bei
Mittenwald und eine andere am Silveretta; am namhaftesten ist jedoch
das weithin schimmernde Firnfeld des Glärnisch genannt Vrenelis
Gärtli. So reicht also vielleicht der Kultus der Verena, in der wir
im allgemeinen eine alamannische Frau Holle sehen dürfen, noch hinter
die Anfänge geschichtlicher Erinnerung in die unorganische primitive
Steinzeit zurück. Der erratische Block, aus dem Verena die Neugeborenen
hervorholen läßt, der Mühlstein, auf dem sie wilde Ströme befährt, die
Felsklüfte, Hochalpen und Gletscher, die ihren Namen tragen, die heißen
Sprudel, die sie aus dem Boden stampft, deuten immerhin auf uralte
Kultreste, die bei der Ansiedelung der Alamannen von dem Dienst ihrer
Feld- und Liebesgöttin aufgenommen wurden.
Noch steht uns aber eine weitere wertvolle Auskunft offen, nämlich
Verenas Name. Immer und immer wieder hat der Volksmund Frau Verena und
Frau Venus harmlos miteinander verwechselt. Es liegt nahe, in dieser
doppelnamigen Frau Vrena-Venus die Göttin Freja zu erkennen. In der
That belehrt uns die Sprachforschung, daß die verschiedenen Namen
für eine weibliche Gottheit, eddisch Freyen, niederdeutsch Freen und
Frin, oberdeutsch Vren nur landschaftlich unterschiedene Namensformen
sind. Im späten Mittelalter ist auch die letzte Konsequenz dieser
Gleichstellung mit Venus gezogen: Verena ist zur Patronin der
öffentlichen Dirnen geworden; in der Malzgasse zu Basel, die nach
Verlegung des Siechenhauses Dirnenquartier war, hieß das Frauenhaus
sowohl Verenen- als Venushaus; in Zurzach war es Sitte geworden,
daß der Landvogt von Baden, so oft er zur Eröffnung des Jahrmarktes
einritt, unter der Linde mit einer fahrenden Dirne einen Tanz um den
Baum thun mußte. Dieser Baum stand nahe bei der Moritzkapelle an dem
Platz, wo zu Verenas Zeiten das Siechenhaus und neben diesem das offene
Frauenhaus gestanden haben soll. So steht also Verena sogar mit der
Unsitte des sogenannten »Metzentanzes« in verblümter Verbindung.
Ein scharfumrissenes Bild der heiligen Verena zumal in früherer Zeit
läßt sich nicht gewinnen. Sie war, als rechtes Volks- und Naturkind,
viel zu scheu, um sich anders als verstohlen an die Oeffentlichkeit
zu wagen. Es hat auch lange genug gedauert, bis sie kirchlich
recipiert war. Der eigentliche Gauheilige der Diöcese war der alte
Bischof Pelagius von Windisch-Konstanz, während in einer vielleicht
beispiellosen Naivität Verena sich ihre Verkleidung kaum recht
angezogen hat. Daß sie ein »altheidnisch Wassergötzli« sei, sagte man
sich schon im vorigen Jahrhundert. Für unsere heutige Erkenntnis ist
sie wohl die einzige Heilige, die ohne Umtaufe mit ihrem heidnischen
Namen in den Himmel kam, wohlverstanden ohne Vermittlung eines wirklich
gelebten Menschenlebens, wie Gertrud, Walpurgis oder Notburga.
Neuntes Kapitel.
Geschichtsheilige.
Nicht immer handelte es sich um ein Wurzelschlagen von oben herab aus
einem stammlos über der Erde hängenden Gewebe: geschichtliche Gestalten
konnten sich umgekehrt zur Legende verflüchtigen. Daß historisches
Andenken zur Sage verdunstet, ist ja nun allerdings allbekannt,
dagegen erregt es unser besonderes Interesse, wenn Heilige, über deren
Erdenleben wir unterrichtet sind, ins überirdische hinaufwachsen und
ihr Gedächtnis mit den Mythen vereinigen. Dann verhält sich also
das geschichtliche Andenken zur Legende nicht mehr ausschließlich
empfangend; es erweist sich selber als wirksam und beweglich, in dem
nun der Kirchenheilige von dem christlichen in einen interreligiösen
Himmel übersiedelt und mit den Heidengöttern, die er einst stürzte, auf
freundschaftlichem Fuße lebt. Mag er dann auch noch so sehr Wandlungen
unterworfen sein, das Neue und Wesentliche für uns ist, daß es diesen
ins Reich der Phantasie versetzten einst auf Erden wirklich gegeben
hat.
1.
Die heilige Genovefa von Paris hat gelebt und ist in der damaligen
St. Peters- oder Apostel-, später dann nach ihr benannten Kirche
beigesetzt. Im sechsten Jahrhundert war ihr Grab ein besuchter und
wegen außerordentlicher Wunder berühmter Wallfahrtsort[191-a]. Soviel
läßt sich aus alter und zuverlässiger Quelle sicher feststellen.