das Heiligenleben durch Gregor gefunden hat, nähere Aufmerksamkeit
zuzuwenden. Der Trieb, persönlichem Leben nachzuspüren, äußert sich in
Gregors gesamtem Werke gleichmäßig. Auch in seiner Frankengeschichte
findet sich eine ganze Reihe von Lebensabrissen bemerkenswerter Männer
eingeflochten. Als Beispiel mag hier die Stelle über Agricola von
Châlons angeführt werden[094-c]: »Um jene Zeit starb Agricola Bischof
von Châlons, ein sehr gewandter und kluger Mann, senatorischer Abkunft.
Er hat in jener Stadt viel gebaut, Häuser und auch eine Kirche, die er
mit Säulen versah, mit Marmor ausstattete und einem Mosaik schmückte.
Er lebte äußerst enthaltsam. Nie nahm er Frühstück zu sich und
begnügte sich mit der einen Hauptmahlzeit im Tage, zu der er sich so
zeitig hinsetzte, daß er sich noch vor Sonnenuntergang davon erhob. Er
war sehr leutselig und ein guter Redner. Er starb im achtundvierzigsten
Jahre seiner Regierung als Bischof, dreiundachtzig Jahre alt. Ihm
folgte Flavius, der Referendar König Gunthrams.« Daran mag sich nun
noch, ebenfalls beispielsweise, die Notiz über ein Original von
Einsiedler anschließen, dessen Sonderbarkeit darin bestand, daß er sich
seine Mahlzeiten in einem hölzernen Kessel kochte. »Ich erinnere mich«,
erzählt Gregor[095-a], »vor Jahren gehört zu haben, es lebe irgendwo
in einer Einöde Jemand, den ein Waldbruder aus der Nachbarschaft aus
Verehrung aufsuchte, nicht ohne sogleich mit aller Liebe empfangen
zu werden. Sie treten in die niedere Zelle, verrichten das Gebet und
setzen sich. Nachdem sie sich lange vom Worte Gottes unterhalten
hatten, erhebt sich der Greis von seinem Stühlchen, geht in sein
Gärtchen und schneidet sich den Kohl zum Essen ab. Als das Feuer im
Herde brennt, setzt er einen weitgebauchten hölzernen Kessel über die
Flamme, füllt ihn mit Wasser, in dem dann der Kohl siedet, und schürt
das Feuer so heftig, daß dieser zu glühen anfängt, genau wie wenn er
von Eisen wäre. Mit Staunen nimmt der Gast es wahr und erkundigt sich,
was es denn damit auf sich habe. Der Greis gab ihm zur Antwort: ›Seit
vielen Jahren wohne ich in dieser Einöde, immer aber habe ich auf
göttliche Eingebung hin in diesem Kochtopf mir zur Kräftigung meines
hinfälligen Leibes meine Speise zubereitet.‹ Wie gesagt, das hörte ich
früher einmal. Nun aber sah ich neulich einen Abt, der den Einsiedler
Ingenuus hieß und versicherte, er habe sich im Gebiete von Autun
aufgehalten und öfters aus jenem Gefässe Kohl oder Kraut, die darin
sotten, mit jenem herausgeholt. Ja er beschwor es mir mit einem Eide,
er habe den Kochtopf über den Flammen mächtig glühen sehen und doch
sei dessen Grund immer feucht gewesen, als werde er von Zeit zu Zeit
genetzt.«
An diese gelegentlich mitlaufenden biographischen Einschläge in Gregors
Schriften mußte zunächst erinnert werden, um davon dasjenige Buch
seines Mirakelwerkes deutlich zu unterscheiden, das sich nicht bloß
beiläufig mit Heiligenleben beschäftigt, sondern eine Anzahl solcher
zum ausschließlichen Inhalte hat. Gliedert sich damit Gregor nun im
engeren Sinne der litterarhistorischen Entwicklung ein, der wir bis
dahin nachgegangen sind, so springt auch das neue Moment in die Augen,
das seine Sammlung von zwanzig Heiligenleben in dieser Entwicklung
darstellt. Es handelt sich um eine Kombination zweier bis jetzt
getrennter Strömungen: einmal nahm er die Memorie auf, wie sie durch
Severus geschaffen und durch Fortunat bis auf Gregors Zeit fortgeführt
wurde; dann aber überwand er die Einseitigkeit einer nur an ein
einziges Leben sich verlierenden Betrachtung durch eine ansehnliche
Mehrzahl der geschilderten Leute. Damit griff er auf Rufin zurück und
nannte das Buch auch nach dessen Beispiel. Ueber die theoretische
Abgrenzung dieser Schrift von den übrigen hat er sich selber
folgendermaßen verlauten lassen[096-a]: »Eigentlich war meine Absicht,
nur aufzuschreiben, was sich am Grabe seliger Märtyrer und Bekenner
Wunderbares ereignet hat. Da ich jedoch auch solche kennen lernte,
die das Verdienst eines seligen Wandels zum Himmel erhob und deren
Lebenslauf, wahrheitsgetreue Darstellung vorausgesetzt, mir im Stande
schien, zur Erbauung der Kirche beizutragen, nahm ich keinen Anstoß,
gelegentlich auch dergleichen niederzuschreiben, da ein Heiligenleben
nicht nur sich selbst darlegt, sondern auch die Zuhörer zur Nachfolge
reizt. Habe ich schon in einem früheren den Bekennern gewidmeten Buche
bei einigen Heiligen, wenn auch nur kurz, Züge aus ihrem Erdenleben
eingeflochten, so will ich jetzt diesem Gesichtspunkte breiteren Raum
lassen und das Buch geradezu ›Heiligenleben‹ betiteln.«
An dieser kleinen Sammlung von Lebensbildern entrollt sich uns ein
buntes und anschauliches Gemälde von der fränkischen Kirche bei ihrem
Beginn und im ersten Jahrhundert ihres Bestehens. Wir sehen einige
charaktervolle Vertreter sowohl bischöflichen als mönchischen Standes,
meist aus der Gegend des mittleren Gallien vor uns, durch einige
treffende Anekdoten in ihrem Wesen gezeichnet und hie und da durch
Beziehung auf ein äußeres zeitgenössisches Ereignis auch chronologisch
genügend festgehalten. Jede Vita ist mit einer erbaulichen Einleitung
versehen und mit Kunstreden durchsetzt. In den Ueberschriften heißen
einige heilig, andere nicht; überdies unterscheidet Gregor ebenda
sechs Bischöfe von zehn Aebten, fünf Einsiedlern und einer Nonne.
Schon numerisch hat also das Mönchtum vor der Weltgeistlichkeit das
Uebergewicht.
Ein Zeitgenosse Martins von Tours kam, immerhin nach dessen Tode,
in das Kloster, das nahe der Martinskirche bestand. Er war seiner
Braut davongelaufen und hieß Venantius[096-b]. In der zweiten Hälfte
des fünften Jahrhunderts sodann wurden die Brüder Lupicinus und
Romanus[096-c] Väter eines burgundischen Asketenvereins, der an
den Westabhängen des Jura es mit der Zeit auf drei Niederlassungen
brachte. Lupicinus war verheiratet gewesen, Romanus nicht. Nach dem
Tode der Eltern richteten sie sich im Jouxthale, auf der Grenze von
Burgund und Alemannien im Bezirk der Stadt Aventicum als Einsiedler
ein. Auf dem Boden ausgestreckt beten, Psalmen singen und sich von
Kräuterwurzeln nähren, war ihr Tagewerk. Die Steinschläge, die in der
Bergwildnis natürlich waren, faßten sie als Angriffe der Dämonen auf
und zogen sich auf ernstliche Verwundungen hin sogar in die bebaute
Gegend zurück, bis eine arme Frau, die sie beherbergte, ihnen ihren
Mangel an Mut vorstellte und sie so zur dauernden Ansiedelung in den
Wäldern bewog. Durch Zuzug von Brüdern entstand zunächst das Kloster
Condatiscone; man schlug eine Lichtung im Walde und baute den Boden
an. Dann erfolgte die Gründung einer Filiale noch auf altburgundischem
Gebiete und schließlich einer dritten Niederlassung im Waadtland. Die
Oberleitung lag in der Hand des Lupizinus. Er übte gegen sich selber
die strengste Enthaltsamkeit; oft aß er überhaupt nur alle drei Tage
ein einziges Mal. Den Durst bekämpfte er, indem er ein Gefäß mit
eiskaltem Wasser in seine Hände nahm und so die quälende Empfindung
milderte, ohne ihr durch Trinken nachzugeben. So konnte er gegen die
ihm untergebenen Mönche ebenfalls streng auftreten und strafte nicht
nur böse Handlungen, sondern sogar schon böse Worte; auch längere
Gespräche und Begegnung mit Frauen sollten vermieden werden. Immerhin
konnte sich die zahlreiche Genossenschaft durch den Ertrag ihrer
Feldarbeit nicht erhalten; Lupizin bestritt das Notwendige aus einem
geheimen Schatz, der sich ihm irgendwo geöffnet hatte und jahrelang
vorhielt. Doch blieb der Uebelstand nicht aus. Bei seiner Visitation
des Nordklosters, das später nach dem Bruder Romainmotier hieß, traf
Lupizin um Mittag ein, als die Mönche noch auf dem Felde waren und zu
Hause eben gekocht wurde. Zu seinem schmerzlichen Erstaunen gewahrte
er da Vorbereitungen für eine Mahlzeit von mehreren Gängen, wobei
allerlei Fischarten nicht fehlten. Rasch entschlossen befahl er einen
kupfernen Kessel mit siedendem Wasser über das Feuer zu setzen, ließ
Fisch und Kraut und Rüben hineinwerfen und den Absutt vorsetzen: »An
dieser Suppe satt essen sollen sich die Brüder«, sagte er, »das ist
Mönchsspeise und zieht nicht von der Beschäftigung mit Gott ab«. Auf
diese Gewaltsverfügung hin traten zwölf Mönche aus, besannen sich aber
nach einiger Zeit eines bessern und kamen wieder. Während Lupizinus
sich der Verwaltung der drei Klöster annahm, zeichnete sich Romanus
durch stillen Wandel und gute Werke aus: er besuchte Kranke und betete
sie gesund. Einst auf der Wanderschaft wurde er von der Dunkelheit
überrascht und gezwungen, in einem Siechenhaus zu übernachten. Die neun
Aussätzigen, die es bewohnten, gewährten ihm um so lieber Unterkunft,
als er sofort warmes Wasser verlangte und ihnen mit eigener Hand die
Füße wusch. Dann ließ er ein großes Bett herrichten, um mit ihnen
allen gemeinsam zu schlafen. Während die Siechen schlummerten, wachte
Romanus und touchierte unter Psalmensingen die offenen Eiterbeulen
an der Seite eines von ihnen. Dieser erwachte, that seinem Nachbar
desgleichen und schließlich alle unter einander, bis sie sich geheilt
fühlten. Als Romanus sah, daß sie alle eine neue, frische Haut bekommen
hatten, dankte er Gott und umarmte sie noch alle einmal zum Abschied.
Lupizinus seinerseits unterließ nicht, seiner Stiftung die Gunst des
Staatsoberhauptes zu gewinnen und begab sich in seinen alten Tagen nach
Genf, wo der Königsbruder Chilperich Regent war. Der Prinz empfing
den Abt an der Abendtafel. Lupizinus trat vor ihn, wie weiland Jakob
vor Pharao getreten war. Der Fürst wollte dem Kloster Ackerland und
Weinberge anweisen; aber Lupizin verschmähte Grundbesitz und erhielt
nun das verbriefte Recht, jährlich dreihundert Maß Korn, ebensoviel
Wein und hundert Goldstücke zu beziehen. Wenigstens entsprachen
diese Einkünfte dem jährlichen Guthaben des Juraklosters an den
königlichen Fiskus zu Gregors Zeit. Lupizin wollte mit seinem Bruder
eine beiden gemeinsame Grabstätte zum voraus vereinbaren. Romanus
aber machte dagegen geltend, er könne nicht in einem Kloster begraben
werden, da dann die Frauen keinen Zugang zu seinem Grabe hätten und
doch zu erwarten sei, daß zu der Ruhestätte eines bei Lebzeiten so
erfolgreichen Wunderthäters sich eine lebhafte Wallfahrt entwickeln
werde. Als er am 28. Februar 460 starb, wurde er in der That zehn
Meilen abseits auf einem kleinen Berge bestattet, und bald erhob
sich daselbst eine ansehnliche Kirche, der es an Pilgerbesuch nicht
fehlte. Lupizin dagegen starb erst am 21. März 480 und wurde in der
Klosterkirche beigesetzt.
Gleichzeitig mit diesen Juramönchen lebte in der Auvergne der heilige
Abt Abraham[098-a]. Er stammte aus Mesopotamien. Im Begriff, die
Mönchskolonien der ägyptischen Wüste aufzusuchen, fiel er unterwegs
in die Hände von Heiden, wurde seines Glaubens wegen geschlagen und
fünf Jahre lang in eisernen Ketten gefangen gehalten. Dann zog es ihn
nach dem Abendlande und er ließ sich vor Clermont neben der Kirche
von Saint Cirgues klösterlich nieder. Er war Meister in den für einen
Heiligen üblichen Wundern, als da sind Dämonenaustreibung, Heilung
von Blinden und andern Kranken und besonders Weinvermehrung. Abraham,
der zwischen 470 und 480 hochbetagt starb und an der Stätte seiner
Wirksamkeit sein Grab fand, stand auch bei dem Herzog Victorius von
Avern, dem Vasallen des westgotischen Königs Enrich, in Gunsten, und
der damalige Bischof der Stadt, Sidonius Apollinaris, geruhte dem
frommen Mann die Grabschrift zu dichten. Nicht viel jünger als die
Juramönche und Abraham war ein anderer Lupizin[098-b], vielleicht zu
Lubié im Bourbonischen. Er lebte in einer Ruine von Wasser und Brot
und gab Bescheid durch ein Fensterchen, dem ein linnenes Vorhängchen
zur Scheibe diente. Das Brot brachte man ihm alle drei Tage, das
Wasser ließ man ihm durch einen kleinen Kanal zufließen. Seine
täglichen Psalmen sang er stets mit einem zentnerschweren Felsblock
aus dem Rücken und stützte sein Kinn auf das Ende des Stockes, wo
er Dornenspitzen angebracht hatte. Da er lungenleidend und schon bei
Jahren war, hustete er beständig Blutklumpen an die Mauer aus, deren
Reste später als Amulette dienten. Ein Menschenalter später erregte ein
eingeborener Mönch namens Portian[099-a] in einem Kloster bei Clermont
Aufsehen. Hörigen Standes war es ihm erst nach mehreren vergeblichen
Versuchen gelungen, in den Verband der Mönche aufgenommen zu werden.
Doch gelangte er unter diesen zu solchem Ansehen, daß er später Abt
wurde. Es gerieten ihm einige Thaten, worunter namentlich eine vor
Sigiwalt, dem Minister König Theodorichs, geglückte Wundervorstellung
die Freigebung von Gefangenen zur Folge hatte. Auch stand Portian mit
Protasius, einem Mönch im Kloster Combroude in telepathischem Rapport.
Im Sommer, wenn sein Gaumen vor Hitze vollständig ausgedörrt war,
hatte er überdies die komische Gewohnheit, Salz zu kauen, um damit
sein Zahnfleisch anzufeuchten, während er ja dadurch seinen Durst ins
Unerträgliche steigerte. Zur selben Zeit und ebenfalls in Clermont
lebte der daselbst ebenfalls eingeborene Abt Martius[099-b]. Er legte
Zellen in Berghöhlen an und schnitt die Bank und das Bett im Steine
aus, über die dann nur die Kutte gelegt wurde. Er war so gutmütig, daß
er einst einem Dieb, der im Klostergärtchen Obst und Gemüse stahl, sich
aber nicht mehr zurechtfand, durch den Schaffner den Ausweg zeigen und
das weggeworfene unrechte Gut freundlich nachtragen ließ.
Im Bezirk von Bourges machte der Klausner Patroklus von sich reden.
Er entstammte einer nicht adeligen, aber doch freien Familie. Mit
zehn Jahren mußte er die Schafe hüten, während sein Bruder Anton
studieren durfte, und als sie nun eines Tages am väterlichen Tische
zusammensaßen, sagte Anton verächtlich: »Setze dich nicht so nah zu
mir, du Bauer. Du bist ein Schafhirt, ich dagegen ein Gelehrter und
somit ein Herr.« Das schnitt dem guten Patroklus so tief ins Herz, daß
er dem Hirtenstand Valet sagte und noch in die ABCschule ging, der er
seinem Alter nach doch bereits entwachsen war. Dank seines Fleißes
und bei seinem guten Gedächtnis hatte er seinen hochmütigen Bruder
bald überholt und erhielt seine weitere Ausbildung bei Nunnio, einem
Vertrauensmann König Childeberts von Paris. In die Heimat zurückgekehrt
sollte er dem Willen seiner unterdessen verwitweten Mutter zufolge
durchaus heiraten. Er entzog sich dieser Gefahr jedoch durch die
Priesterweihe, die er sich von Arcadius Bischof von Bourges erteilen
ließ. In seiner Stellung als Diakon verlor er sich so sehr in seinen
privaten Bußübungen, daß er darüber die Hausordnung des Kapitels
vernachlässigte und sich deswegen eine scharfe Rüge des Archidiakonen
zuzog. Dadurch in seinem Hang zur Einsamkeit bestärkt, verließ er
Bourges, errichtete im Dorf Neris eine Kapelle, für die er sich
Martinsreliquien verschaffte, und eröffnete eine Kleinkinderschule.
Daneben genügte er den Pflichten seines Heiligenstandes durch die
übliche Behandlung der Siechen und Besessenen. Doch betrachtete er
das nur als provisorische Station. Den Entschluß eines endgiltigen
Aufenthaltes stellte er einem Orakel von beschriebenen Zetteln anheim,
die er auf dem Altar niederlegte und nach drei durchgebeteten Nächten
auf Geratewohl aufgriff. Seine Einrichtungen in Neris übergab er
dann einer Gesellschaft gottesfürchtiger Jungfrauen zum Anwurf für
ein Nonnenkloster, wanderte nur mit Karst und Hacke bepackt, ins
Waldgebirge und baute sich eine Zelle in Moichant. Dort that er unter
dem Landvolk Gutes, besonders an einer Frau Leubella während der
Ruhr. Darnach errichtete er fünf Meilen von seiner Zelle entfernt
ein Mannskloster und unterstellte es einem Abte, um selber nach
wie vor sein beschauliches Leben führen zu können; nachdem er ihm
achtzehn Jahre obgelegen hatte, starb er im Alter von achtzig Jahren.
Der Oberpfarrer von Neris wollte den Leichnam mit Gewalt für den
ehemaligen Wohnsitz des Heiligen in Anspruch nehmen, mußte ihn aber
dessen Stiftung, dem Kloster Colombiers lassen, wo von den am Grabe
Geheilten eine Namensliste geführt wurde. Der Abt Urs[100-a] von Cahors
gründete mehrere Klöster, zunächst drei in der Berri, nämlich zu
Toiselay, Heugne und Pontigni, und überließ sie tüchtigen Vorgesetzten.
Er errichtete ferner zu Sennevières in der Touraine eine Kapelle und
ein Bethaus, die er indes wieder einem Unterabt, dem Leubas übergab,
um selber die Leitung des Klosters Loches am Indre zu übernehmen.
Einer seiner Grundsätze war, daß der Mönch nicht nur beten, sondern
auch im Schweiße seines Angesichts sein eigenes Brot essen solle.
Als praktische Natur ersetzte er die mühsamen Handmühlen durch eine
Wassermühle, die er am Indre einrichtete; ein kleiner Mühlenbach
mit steinernen Schleusen versehen, brachte das Wasser auf das große
Mühlenrad und versetzte es in geschwinden Umlauf. Ein Gote namens
Sichlar, Günstling König Alarichs _II_ wollte über diese Erfindung
die Hand schlagen; aber da die ganze wirtschaftliche Zukunft seines
Klösterverbandes auf diesem Vorrecht stand, wehrte sich Urs verzweifelt
und schließlich mit Erfolg gegen diesen Eingriff in seine Rechte.
Ein sanfter Heiliger ist Friard von Nantes[100-b]. Er war ein frommer
Bauer gewesen. Das Leben war ihm ein idyllischer Dienst Gottes in
der Natur; wenn er in ein Wespennest griff oder hoch von einem Baume
herunterfiel, sagte er rasch: »Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat«; so kam er jedesmal mit heiler Haut
davon. Er siedelte sich dann auf der Insel Besné an, erst begleitet von
einem Abt Sabaudus, einem ehemaligen Minister König Chlothars; dieser
kehrte bald in sein Kloster zurück und wurde später aus unbekannten
Gründen ermordet. Doch behielt Friard einen getreuen Zellennachbar in
dem Diakon Sekundellus, hatte aber auch mit diesem Freunde seine liebe
Not; denn aus Ehrgeiz, seinerseits ein Heiliger zu werden, unternahm
Sekundellus, ohne Friard etwas zu sagen, eine Wundertour auf dem
Festlande und hatte in der That mit seinen Krankenheilungen allen nur
gewünschten Erfolg; aber da er selbst fühlte, daß es nicht im rechten
Geiste geschehen war, vertraute er sich Friard an, der ihm dann als
guter Seelsorger über schwere teuflische Anfechtungen hinweghalf.
Friards eigene Wunderkraft bewies sich mit Vorliebe in der Behandlung
dürrer Bäume, die unter seiner Gärtnerkunst wieder ausschlugen. Auf dem
Todbette schickte er zu Bischof Felix von Nantes und sagte ihm genau
seine Sterbestunde an, damit sich dieser spute und ihn vorher noch
einmal besuche; der aber ließ ihm sagen, es sei ihm eines Prozesses
wegen unmöglich, schon so rasch hinüber zu kommen; ob es denn mit dem
Sterben so pressiere. Aus Rücksicht auf den Freund schob daher Friard
seinen Heimgang noch auf, und als Felix ziemlich viel später endlich
erschien, rief ihm Friard in seinen Fiebern entgegen: »Du hast mich
aber lange warten lassen, heiliger Bischof«. In Chartres lebte eine
heilige Frau Monegunde[101-a], die nach dem Tode ihrer beiden Töchter
ihrem Mann aufsagte und Nonne wurde, erst im eigenen Hause, bis ihr das
Dienstmädchen der nun eingeführten mageren Kost wegen davonlief und
die Nachbarinnen sich über sie Bemerkungen erlaubten; dann ging sie
nach Tours ans Martinsgrab. Schon unterwegs heilte sie in Soissons am
Medardusfest ein junges Mädchen und desgleichen wirkte sie in Tours,
wo sie sich in einem Kämmerchen eingemietet hatte. Da sie von sich
reden machte, kam ihr Mann herbeigereist und holte sie heim. Aber ihr
Tagewerk blieb beten und fasten. Sie kehrte bald nach Tours zurück,
bezog ihre frühere Wohnung und sammelte mit der Zeit einige Nonnen,
nicht unter allzustrenger Regel, da unter anderm erlaubt war, an
Sonntagen Wein ins Wasser zu mischen. Sie blieb bescheiden. Ein Gesuch
um Heilung beschied sie dahin: »Warum denn ich? Warum nicht Sankt
Martin, wenn man an Ort und Stelle ist?«
Von heiligen Zeitgenossen schildert Gregor ebenfalls einige des
näheren. Im Kloster Meallet in der Auvergne übertrieb Caluppan[101-b]
die Askese so sehr, daß er zur Tagesarbeit zu geschwächt war und
infolge dessen die Unzufriedenheit seines Vorgesetzten erregte, der
ihm vorhielt: »Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen«. Als
sich Caluppan so schlecht verstanden sah, siedelte er sich als Eremit
an einem fünfhundert Fuß hohen, einzelstehenden Felsen ein, in einer
Höhlung, die nur durch eine Leiter zugänglich war. In dem Bethäuschen,
das er dort errichtete, ringelten sich ihm oft Schlangen um den Hals,
und wenn er später nur unter Thränen dieser Anfechtungen gedachte,
so geschah es nicht aus Eckel vor dem Reptil, sondern weil ja seit
Paradieseszeiten Schlangengestalt die irdische Erscheinungsform des
Teufels war. Caluppan las und betete den ganzen Tag, selbst während
seiner bescheidenen Mahlzeit. Ab und an einmal, aber eben doch nur
höchst selten, angelte er im Bergbache und dann immer mit Glück. Seinen
Brotbedarf lieferte ihm das Kloster; private Wein- und Brotspenden
stellte er der Armenpflege anheim. Auch war ihm ein Bursche zu seiner
Verfügung beigegeben, und als er eines Tages noch eine längst erbetete
Quelle aufstach, fehlte ihm nichts mehr, zumal er nebenan sich ein
Sammelbassin in den Fels höhlte, das zwei Maß Wasser aufnahm und ihn
daher nie mehr in Verlegenheit geraten ließ. Bischof Avitus ging in
Begleitung Gregors zu ihm hinauf und verlieh ihm die Diakonen- und
Priesterweihe. Sonst ließ sich Caluppan vor Besuchen nicht sehen,
sondern verkehrte mit ihnen nur durch ein Seitenfensterchen seiner
Zelle, durch das hinaus er segnete und bekreuzte. Er starb fünfzig
Jahre alt. Ein anderer Waldbruder der Auvergne, Emilian, hatte Eltern
und Eigentum dahinten gelassen, zu Pionsat eine Lichtung geschlagen und
darin ein Aeckerchen und einen Blumengarten angebaut. Er aß die Gemüse
in unangemachtem Zustand. Außer den Tieren und Vögeln war er in der
Wildnis das einzige lebende Wesen, bis ihm die Fügung einen Genossen
zuführte. Sigivald, der große Herr von Clermont, schickte einen seiner
Knappen, der den deutschen Namen Bärchen trug, mit allen Hunden in
den Wald. Bald stob die Meute hinter einem mächtigen Eber her; doch
verlief sich das Tier in den eingehegten Pflanzplatz bei Emilians
Zelle. Die Hunde wagten nicht nachzudringen, indessen das Wildschwein
sich ruhig vor der Schwelle der Hütte an die Sonne legte. Als Bärchen
nachkam und erriet, daß etwas wunderbares im Spiel sein müsse, als
zugleich Emilian zu ihm trat, ihn umarmte, ihn neben sich auf eine
Bank zog und bei aller Achtung vor dem schmucken Knappenrocke ihm von
dem größeren Herrn zu reden anfing, dessen Joch sanft und dessen Last
leicht sei, als überdies die Bestie, zum Lamme geworden, sich während
des Gespräches unbehelligt von dannen machte, da hatte sich im Innern
des Jünglings bereits die Wandlung vollzogen. Obwohl er seinen Dienst
nicht verlassen konnte, paßte er, so sehr es nur immer anging, sein
Laienleben geistlichen Grundsätzen an. Er unterbrach seine Nachtruhe
dreimal, kniete vor sein Bett und betete. Singen war alles was er
konnte; von den Buchstaben verstand er nichts. Doch legte er sich ein
Heft zu, in das er die Inschriften über Heiligenbildern nachmalte,
und wenn nun sein Herr geistlichen Besuch hatte, machte sich Bärchen
verstohlen an jüngere Priester, ob sie nicht so gut wären, ihn über
die Bedeutung der einzelnen Schriftzeichen aufzuklären. So eignete er
sich Schrift und Lektüre des Alphabets an, ohne jedoch sich noch auf
ganze Wörter und ganze Sätze zu verstehen. Nach Sigivalds Tode hauste
er sich bei Emilian ein und lernte in den zwei oder drei Jahren, die
er bei diesem zubrachte, den ganzen Psalter auswendig. Von Seiten
seiner Familie drohte ihm Lebensgefahr; sein Bruder wollte ihn töten,
wenn er nicht heirate. Dafür verbanden sich mit der Zeit immer mehr
Mönche dem alten und dem jungen Eremiten. Als Emilian neunzig Jahre
alt gestorben war und Bärchen die Leitung übernahm, entfaltete er ein
außergewöhnliches Geschick in der Gründung von Klöstern. Von Sigivalds
Tochter Ranichilde ließ er sich den Hof von Vensat anweisen, vermachte
diesen ausgedehnten Grundbesitz seinen Mönchen, begab sich nach Tours,
wo er Kapellen und zwei Klöster gründete, verbrachte dann fünf Jahre
in seinem Heimatkloster, kehrte dann wieder nach Tours zurück, um in
seinen dortigen Klöstern Aebte anzustellen, und bezog schließlich
endgültig wieder die alte Waldhütte des seligen Emilian. Von dort aus
reformierte er das Kloster Menat, dessen Regel durch die Nachlässigkeit
des Abtes in Verfall geraten war. Als seine Grabstätte bezeichnete
er zum voraus einen lauschigen Waldwinkel am Bache, wo er immer eine
Kapelle hatte bauen wollen und Kalk sowie Fundament längst bereit
lagen. Der Abt sorgte für die Vollendung und ließ Bärchens irdische
Reste, die im Gewölbe seiner Zelle vorläufig untergebracht worden
waren, zwei Jahre später in allen Ehren nach dieser ihrer bleibenden
Ruhestätte überführen. Im Gebiete von Tours lebte damals auch Senoch,
gebürtig aus Tiffauges bei Poitiers; in den Mauerstücken einer alten
Ruine erstellte er bequem Wohnungen und restaurierte eine alte Kapelle,
in der Sankt Martin einst gebetet haben soll. Sie wurde von Eufronius
von Tours geweiht, Senoch selbst zum Diakonen an ihr eingesegnet.
Leider bildete sich dieser zweifellos heilige Mann zuviel auf sich
selber ein, benahm sich geistlichen Mitbrüdern gegenüber hochfahrend
und trat besonders bei einem Besuch in der Heimat vor seinen Eltern
anmaßend auf, sodaß sich Gregor von Tours genötigt sah, ihm tüchtig
ins Gewissen zu reden. Reuig geworden setzte Senoch insofern aufs
neue einen Kopf auf, als er sich nun überhaupt einschließen und
zeitlebens kein Menschengesicht mehr sehen wollte. Das wäre sehr zu
bedauern gewesen, weil er mit seiner Heilthätigkeit ohne Zweifel viel
Gutes that. Gregor brachte ihn dann dazu, daß er sich nur während
der Weihnachts- und Osterfasten der Welt verschloß, im übrigen Teil
des Jahres jedoch nach wie vor seine Audienzen erteilte. Er starb
schon mit vierzig Jahren an einem dreitägigen Fieber. Gregor, der
herbeieilte, fand ihn bewußtlos; eine Stunde später war Senoch tot. Auf
den Boden von Tours war auch aus der Auvergne ein Heiliger bleibend
übergesiedelt, Leobard oder Lighard[104-a]. Sein Vater hatte ihn durch
Berufung auf den nach der Bibel den Eltern schuldigen Gehorsam zur Ehe
zwingen wollen, und so hatte denn der scheue Jüngling der Braut wider
willen den Ring gereicht, den Kuß gegeben, den Schuh angezogen und
was dieser Verlobungsbräuche mehr sind. Vater und Mutter starben, und
als er eines Tages seinem Bruder Geschenke zu dessen bevorstehender
Hochzeit überbringen wollte, fand er ihn vollständig betrunken. Da
trieb es ihn von dannen; er übernachtete in einem Heuschober, und dort
reifte in ihm der Entschluß, der Welt Valet zu sagen. Er bestellte sein
Haus, ritt nach Tours, kräftigte sich daselbst in der Martinsbasilika,
fuhr dann über die Loire und ergriff Besitz von einer Einzelzelle bei
Marmoutiers, die durch den Wegzug des früheren Inhabers eben frei
geworden war. Lighard erweiterte sie, indem er mit dem Pickel die
Felswand tiefer aushieb. Dort lebte er nach Eremitenart, verlegte sich
aber überdies auf die Herstellung von Pergament und beschrieb es dann.
Er rief sich auch die Psalmen wieder ins Gedächtnis zurück, die er,
seit er sie in der Kinderschule gelernt, wieder so gut wie vergessen
hatte. Eines Tages verfiel er auf den übeln Gedanken, die Zelle zu
wechseln; mit schwerem Herzen machte ihm Gregor klar, wie sehr dies mit
den Väterleben und den Mönchsregeln in Widerspruch stehe. Im übrigen
gefiel sich Lighard nicht, wie sonst manche seines Standes, in unechten
Allüren, etwa überlangem Bart und Haar; vielmehr hatte er seine
bestimmten Zeitpunkte, wo er sich scheren ließ. Er lebte zweiundzwanzig
Jahre so, nicht ohne Wunder zu thun; sein Speichel heilte Eiterbeulen.
Mit übermäßigem Fasten und, da er stets seine Zelle größer hauen
wollte, mit harter Steinmetzenarbeit, hatte er sich zu viel zugemutet;
eines Tages brach er zusammen und ließ rasch den Bischof rufen, der ihn
mit dem letzten Segen versah. Aber sterben wollte er ohne Zuschauer;
als er zwei Monate später, eines Sonntags im Dezember oder Januar 592,
einen neuen Anfall erlitt, sagte er zu seinem Diener: »Geh und bereite
mir Essen, ich fühle mich schwach«. »Es steht bereit, Herr!« war die
Antwort. »Dann geh und sieh ob der Gottesdienst zu Ende ist und die
Leute aus der Messe kommen.« Als jener wieder kam, lag sein Herr steif
da und hatte die Augen für immer geschlossen.
Entfallen Gregors Lieblingsheilige schon der Mehrzahl nach auf das
Mönchtum, so bilden die von ihm geschilderten Bischöfe keineswegs
einen Gegensatz dazu; vielmehr sind sie in Gregors Augen überhaupt
darum heilig, weil sie, wiewohl Kirchenfürsten, an der mönchischen
Armut teilnahmen und damit das unheilige Element, das in dem Begriff
des Weltklerus steckt, nach bestem Thun und Gewissen auszugleichen
suchten. Zunächst schildert er den heiligen Illidius oder Saint
Allyre[105-a], den Stadtheiligen seiner Heimat. Er weiß von dem
Vorleben und der Erhebung des Illidius auf den Stuhl von Clermont
weiter nichts zu sagen, als daß diese durch Volkswahl erfolgt sei. Aus
dem Lebensgang fing er nur die Heilung der Kaiserstochter in Trier
auf und schweigt sogar darüber, ob Illidius mit Martin von Tours in
Beziehungen gestanden habe. Es hatte sich eben mit dem besten Willen
nichts mehr ermitteln lassen: alle Thaten, die Illidius vor jenem
Höhepunkt seines Lebens verrichtet habe, seien der Vergessenheit
anheimgefallen. Um daher den berühmten Mann vor dem Vorwurf, daß ihm
nur ein einziges Wunder gelungen sei, sicherzustellen, und andrerseits
zu gewissenhaft, um nicht genügend begründete Behauptungen vorzutragen,
unternimmt Gregor eine Art Sekundärbeweis, indem er von den Grabes-
und Reliquienwundern des Illidius mehrere auf eigener Beobachtung
fußende Angaben macht. Glücklicher ist er gegenüber den andern von
ihm geschilderten Bischöfen; da konnte seine Forschung überall an
lebendiges Andenken anknüpfen. Es handelt sich um fünf merovingische
Prälaten aus der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts und der
östlichen Reichshälfte, übrigens Männer, auf die Gregor in seiner
Frankengeschichte wieder zurückkommt. Im Jahre 515 war der bischöfliche
Stuhl von Clermont Ferrand durch den Tod des Eufrasius vakant
geworden. Nun hielt sich damals in Arvern Quintianus[105-b] auf, ein
gebürtiger Afrikaner, der zur Zeit des Gotenkrieges das Bistum Rhodez
innegehabt, dann aber als angeblicher fränkischer Spion hatte flüchten
müssen. Eufrasius nahm ihn in Arvern nicht nur gastfreundlich auf,
sondern behandelte ihn ebenbürtig und schenkte ihm Häuser, Aecker und
Weinberge. »Das Vermögen unserer Kirche«, sprach er, »ist groß genug,
uns beide zu erhalten.« Auch der Bischof von Lyon gab ihm etliches
von der Besitzung, die seine Kirche zu Arvern hatte. Ihn wählte nun
auch die Gemeinde nach dem Ableben ihres Oberhirten zum Bischof; doch
mußte er es sich gefallen lassen, daß der Kandidat der römischen
Aristokratie Apollinaris den Stuhl bestieg und ein Vierteljahr lang
inne hatte. Dann schaffte König Theodorich energisch Ordnung und
sorgte dafür, daß Quintian alles Kirchengut erhielt: »denn aus Liebe
zu uns«, sagte er, »ist er aus seiner Stadt verbannt«. Aber aufs neue
wurde Quintian in Not und Bedrängnis versetzt. Die alten römischen
Familien, an der Spitze die Apollinaris, hatten gegen die Franken
zu den Goten gehalten und nun gegen Theodorich zu Childebert. Auch
richtige Anhänger der Regierung, wie Bischof Quintian, hatten aufs
schwerste zu leiden, namentlich unter den Ränken und Unterschlagungen
des Procul, eines Fiskalbeamten, der sich zum Priester hatte weihen
lassen. Dieser Procul, einer der gefährlichsten Frankenfeinde, entzog
Quintian die ganze Verwaltung des Kirchenvermögens und ließ ihm kaum
den nötigen Lebensbedarf. Der Bischof aber pflegte, in Anspielung an
das Pauluswort von Alexander dem Schmied, zu bemerken: »Procul der
Zöllner hat mir viel Böses gethan, der Herr vergelte es ihm nach seinen
Werken«. Was der Herr später dann auch gethan hat: Procul wurde bei
Eroberung der Festung Vallore durch die Franken am Altar der Kirche auf
jämmerliche Weise ermordet. Infolge einer Verschwörung des städtischen
Adels mußte König Theuderich Arvern belagern. Da zog Bischof Quintian
in der Stadt nachts unter Psalmengesang mit allem Volk der Mauer
entlang und betete so laut, daß man es draußen hören konnte. Der König
wollte eben stürmen lassen und hätte den Bischof in die Verbannung
geschickt. Doch wurde er milder gesinnt und auch die Fürsprache des
Herzogs Hilping bewog ihn, den Stadtbann bis zum achten Meilenstein
als Freizone zu erklären, innerhalb der niemand ein Leides geschehen
dürfe. In der Stadt galt der Bischof nach wie vor als das Haupt der
Königspartei und war daher beständigen Angriffen von seiten der alten
Römergeschlechter ausgesetzt. Hortensius, einer der Grafen, hatte
Honoratus, einen Verwandten des Bischofs, ins Gefängnis geworfen. Als
der Bischof daselbst nicht einmal vorgelassen wurde, ließ er sich, zum
Gehen schon zu alt, vor den Palast des Grafen tragen und schüttelte
den Staub von seinen Füßen mit den Worten: »Verflucht sei dieses Haus,
auf immerdar verflucht seine Bewohner«. Alles Volk sagte: »Amen«. Da
rief der Bischof aufs neue: »Ich verlange, Herr Gott, daß keiner dieses
Geschlechtes jemals zur bischöflichen Würde gelange, weil es seinem
Bischof nicht gehorcht hat.« Dieser feierliche Fluch verhallte nicht
kraftlos. Nach drei Tagen kam der Graf und bat um einen Ausgleich, zu
dem Quintian gerne bereit war. Daneben war dieser Kirchenfürst als
Schriftgelehrter, Armenfreund und Wunderthäter gleich ausgezeichnet.
Obwohl er noch die ruhigere Zeit für seine Stadt anbrechen sah,
überlebte er doch die peinlichen Zwischenfälle, zu denen auch ein in
der Frankengeschichte[106-b] erzählter demütigender Fußfall vor dem
Beamten Litigius zu rechnen ist, nicht lange. Auch jetzt ging die
Neigung der Bürgerschaft auf einen in der Stadt sich vorübergehend
aufhaltenden Fremden, den Neffen des Priesters Impetratus, in dessen
Hause er abzusteigen pflegte. Er hieß Gallus[106-a] und lebte früher
bei Clermont im Kloster Cournon als Mönch. Von Hause aus gehörte
er dem höchsten gallischen Adel an, Sohn des Senators Georgius von
Lyon und durch die Mutter Leucadia sogar Sprößling eines der Lyoner
Märtyrer aus Mark Aurels Tagen. Als ihn aber der Vater mit einer
Senatorstochter verheiraten wollte, floh er in Begleitung eines Dieners
eben nach Cournon und bat den Abt um die Tonsur. Er fiel allgemein
durch seine schöne Stimme auf und um ihretwillen nahm ihn Quintian
mit nach Clermont, wo er bald nicht nur bei allem Volk, sondern auch
bei König und Königin in Gunst kam. Theuderich wählte ihn in jenen
Ausschuß von jungen Arverner Geistlichen, die zur Assistenz für den
Kirchendienst nach Trier abgeordnet wurden, behielt ihn dann jedoch
immer bei sich, so daß Gallus im Gefolge des Königs bis nach Köln kam.
Beim Ableben Quintians befand er sich wieder in Arvern. Um dieselbe
Zeit starb auch Aprunculus von Trier; seine Gemeinde hatte ebenfalls
ein Auge auf Gallus. Der Stichentscheid lag beim Könige. Als nun die
Arverner Abordnung kam, um die üblichen Simoniegebühren zu entrichten,
fanden sie den Sinn des Königs schon von sich aus ihnen geneigt, so
daß schließlich das Zusammentreffen über die für König und Stadt
gemeinsame Freude an der Wahl zu einem Festgelage auf Staatskosten
führte. Gallus selbst pflegte auf gelegentliche Anspielungen zu
erwidern, er habe sich sein Bistum nicht mehr kosten lassen als eben
das Trinkgeld für den Koch beim Festessen. Der König ließ ihn durch
zwei Bischöfe in Arvern einführen. Indessen hatte die Kirche von Trier
nach dem abschlägigen Bescheid für Gallus einen ebenbürtigen Ersatz
in Nicetius[107-a] gefunden, offenbar auf den Vorschlag des Königs,
der den freimütigen und unerschrockenen Charakter dieses Geistlichen,
auch wenn er sich gegen die Willkür des Fürsten oder seiner Hofleute
richtete, aufrichtig schätzte. Das Volk bestätigte den königlichen
Vorschlag. Eines Tages, als Nicetius auf dem bischöflichen Stuhle saß
und der Schriftverlesung zuhörte, spürte er einen starken Druck in
seinem Nacken, er drehte den Kopf nach rechts und links und als es um
ihn her süß roch, er aber niemanden sah, da wurde er inne, daß es die
bischöfliche Amtslast war, die ihn gedrückt hatte! Nach Theuderichs
Tode bekam auch der junge Theudebert den unabhängigen Sinn des Bischofs
zu fühlen. Eines Sonntags besuchte der König den Gottesdienst, ohne
darauf zu achten, daß in seinem Gefolge Exkommunizierte waren. Als die
Bibellektion nach dem alten Kanon vorgenommen und auch die Oblation der
Hostie vollzogen war, sagte der Bischof vom Altar aus: »Die Kommunion
kann nicht erfolgen, ehe die Gebannten die Kirche verlassen haben.«
Als sich der König dem widersetzte, bekam in der Volksmenge ein junger
Höriger einen Anfall und fing nun vor allen Leuten an, Sünden des
Königs, von denen im Lande herum verlautete, öffentlich zu rügen. Der
König verlangte die Entfernung des Verrückten, der Bischof bestand
jedoch darauf, erst müßten die andern hinaus. Da gab der König nach
und die Messe konnte ohne weitere Störung ihren Fortgang nehmen. Diese
ungewöhnliche Festigkeit hat Nicetius nie verlassen: »Es kostete mich
nichts, für die Gerechtigkeit zu sterben«, pflegte er zu sagen. Er
belegte mehr als einmal den König Chlothar mit dem Bann. Als er dafür
ins Exil wandern sollte, alle Bischöfe sich dem Könige beugten und
die Seinen ihn im Stich ließen, sagte er zu dem einzigen Getreuen,
er werde morgen wieder im Besitze seiner Macht sein; in der That kam
tags darauf ein Bote Sigiberts mit der Todesnachricht Chlothars und
dem Ansuchen um die Freundschaft des Bischofs. Nicetius predigte alle
Tage, fastete viel und besuchte aus großem Andachtsbedürfnis tagsüber
die verschiedenen Kirchen Triers, die Kapuze übers Haupt gezogen, um
nicht gekannt zu sein, und nur von einem Diakon begleitet. Nicht zu
verwechseln mit diesem Nicetius, der 566 starb, ist indessen sein
gleichzeitiger Namensvetter von Lyon. Als Bischof Sacerdos von Lyon
in Paris krank wurde, war König Childebert voller Rücksicht gegen
ihn, kam zu ihm ans Bett und gewährte dem Sterbenden die letzte
Bitte: die Wahl seines Neffen zum Nachfolger. Der Priester Basilius
mußte unverzüglich nach Lyon reisen und bei dem königlichen Grafen
Armentarius die nötigen Schritte thun. So wurde Nicetius[108-a], der
Sohn des Florentius und der Artemia, Bischof seiner Vaterstadt. Er war
in seiner Jugend kränklich gewesen und erst mit dreißig Jahren Priester
geworden. Auch dann arbeitete er nach wie vor als Handwerker. Seine
Regierung als Bischof dauerte zweiundzwanzig Jahre. War Gregor diesem
Heiligen verwandt und von jung auf um ihn gewesen und hatte namentlich
die aufgeregten Tage der Bischofswahl des Nicetius als dessen Diakon
und Tischnachbar zur Linken miterlebt und sich damals die Serviette
des Heiligen als Amulet zu Handen genommen, war überdies schon Gallus
von Clermont sein Onkel, so konnte er auch seinen eigenen Urgroßvater
mit nicht weniger Recht unter den Heiligen nennen. Bischof Gregor
von Langres[108-b] hat sich weiter nicht hervorgethan, war aber sein
Lebenlang ein so tadelloser Ehrenmann gewesen, daß noch sein Andenken
genügte, um Chlothar sofort zu Gunsten eines Mitglieds dieser Familie
umzustimmen[108-c]. Vierzig Jahre, 466–506, in der Stellung eines
Grafen von Autun, hatte er unbeugsam das Recht verwaltet und mit seiner
Frau Armenatria eine musterhafte Ehe geführt. Ihr Tod veranlaßte ihn
zum Uebertritt in den geistlichen Stand: er ließ sich zum Bischof von
Langres wählen. Doch war Langres nur die Titelresidenz, Bischofsstadt
war tatsächlich Dijon. Dort verbrachte Gregor die Nächte heimlich mit
Psalmensingen in der an seine Wohnung angrenzenden Taufkapelle. Sein
inbrünstiges Gebet hat seine Großtochter, eben Gregors Mutter, da sie,
noch Mädchen, von den Aerzten aufgegeben war, vom Tode errettet. Da er
auf dem Wege nach Langres unterwegs starb, aber in Dijon begraben zu
sein wünschte, wurde der Leichnam dahin übergeführt.
»Die Väterleben« Gregors oder wie er die Schrift zu heißen vorzog, »das
Leben der Väter«[109-a] ist unsere wesentliche Quelle für die Kenntnis
des merowingischen Mönchtums und auch seiner Einflüsse auf den Klerus
vor der irischen Reform. Sie reicht zu seiner Geschichte nicht aus, ist
aber die lebendige Illustration zu Hilfsmitteln theoretischer Natur,
also den in Gallien befolgten Regeln vor Columban und Benedikt, etwa
der des Makarius.
3.
Da Gregor ein einheitlicher sich gleichbleibender Schriftsteller
ist und als Geschichtsschreiber den ursprünglichen Mirakelverfasser
nicht verleugnet, so erübrigt noch, um ein rundes Bild zu erhalten,
uns den Einfluß seiner hagiographischen Weltbetrachtung auf seine
Auffassung der zeitgenössischen Geschichte zu vergegenwärtigen, nicht
ohne gelegentliche Andeutung der Einseitigkeiten und Verzeichnungen in
seiner Darstellung der leitenden Personen dieser Geschichte.
Chlodowech, mit fünfzehn Jahren König, war erst nur der kleine
fränkische Gaukönig von Tournai an der Schelde. Aber 486 ergriff er
Besitz vom letzten gallischen Römerland, erweiterte sein Gebiet bis an
die Loire und verlegte seine Residenz westwärts, erst nach Soissons,
später nach Paris. 491 besiegte er die Thoringer, 496 ein erstesmal
die Alamannen, 507 die Westgoten und brachte im übrigen durch die
schändlichsten Mittel die vielen kleinen Gaufürstentümer ebenfalls an
sich, so daß er mit Ausnahme der von Burgund und den Westgoten noch
besetzten Südostecke Gallien sein nannte. Nun zweifelte weder Gregor
noch irgend sonst wer, diese Macht sei Chlodowech zugefallen, weil er
sich auf den Namen des dreieinigen Gottes der katholischen Christenheit
habe taufen lassen; schon Erzbischof Avitus von Vienne hatte dem
Frankenkönig damals geschrieben[109-b]: »Bis jetzt war es das Glück,
künftig aber wird es der aus der Taufwelle dir angespülte Wunderzauber
sein, was dich zum Siege führt«. Dieser Gesichtspunkt einer sozusagen
magischen Begnadung von Gott gab für Chlodowechs Beurteilung den
Ausschlag und lähmte die sittliche Entrüstung, der seine vielen
Scheußlichkeiten bei einem braven Mann wie Gregor sonst doch vielleicht
begegnet wären. Da dieser aber nie zum bewußten Schmeichler wird,
sondern ehrlich die Wahrheit sagt, wo er sie weiß, entsteht ein
merkwürdiges Nebeneinander von Eingeständnis und Verblendung. Unter dem
grellen Licht, mit dem der Scheinwerfer des Panegyrikers die Gestalt
Chlodowechs unnatürlich übergießt, ist doch das natürliche Licht der
Begebenheit nicht ganz ausgetilgt. Zu Chlodowechs Verwandtenmorden
sagt Gregor allerdings unglaublich erbaulich[109-c]: »Täglich streckte
Gott seine Feinde unter seiner Hand zu Boden und mehrte ihm das Reich,
weil er rechten Herzens vor Ihm wandelte und that was seinen Augen
wohlgefiel«. Als dagegen Chlodowech, der Mörder aller seiner Vettern,
auf dem Todbette cynisch genug war zu klagen, ach daß er nun wie ein
Fremdling unter Fremden stehe und ihm keiner der Seinigen mehr Hilfe
gewähren könne, da beugt Gregors Ehrlichkeit jeder Beschönigung vor
mit der Bemerkung[110-a]: »Das sagte er aber ja nicht in einem Anflug
von Reue, sondern aus Hinterlist, ob sich vielleicht noch einer fände,
den er töten könne«. In der Beurteilung von Chlodowechs Gattin hatte
Gregor gewiß nicht Unrecht, wenn er die weltgeschichtliche Bekehrung
des Königs in erster Linie durch sie vorbereitet werden läßt. An
Chrotechildens aufrichtigem und frommem Wesen ist nicht zu zweifeln.
Aber er läßt sich dann zu dem Märlein des Volksglaubens hinreißen,
wonach König Gundobad ein wutschnaubender Tyrann gewesen wäre und
seine Schwägerin hätte ertränken lassen[110-b], so daß dann später
Chrotechilde ihre Söhne zum zweiten Zug der Franken nach Burgund
aufstiftete, um ihre Mutter zu rächen[110-c]. Vielmehr ist König
Chilperichs Witwe Caretene im Jahre 506 in einem Kloster bei Lyon wenig
über fünfzig Jahre alt eines natürlichen Todes verstorben[110-1]. Ihr
verdankte Chrotechilde ihre katholische Erziehung und die Energie, am
heidnischen Hofe ihren Kindern ein Gleiches zu sichern. Für Mutter
und Tochter ist Chlodowechs Taufe jedenfalls die Erhörung jahrelanger
heißer Gebete gewesen. Durch seinen gläubigen Anschluß an die Volkssage
hat sich Gregor um ein Moment in der Bekehrungsgeschichte Chlodowechs
gebracht, um den katholischen Rückhalt in der Familie der Frau. Davon
abgesehen hat er den Einfluß der Königin wohl richtig dargestellt: sie
ließ Remigius kommen und gewiß hat auch sie allen andern katholischen
Einwirkungen den Zugang erleichtert[110-2].
Unter Chlodowechs Nachfolgern ist sein Enkel Theudebert, der
Sohn des unehelichen, aber deshalb in den Erstgeburtsrechten in
nichts geschmälerten Theuderich, der bedeutendste Fürst der ganzen
merowingischen Dynastie[110-3]. Der Vater Theuderich charakterisiert
sich in seiner Stellung zur Kirche genügend mit jener einen Handlung,
daß er zwar die unbefugten Einbrecher ins Kloster von Saint-Ivoine bei
Clermont zum Tode verurteilte, aber bei dieser Gelegenheit das Kloster
gewissermaßen säkularisierte[110-d]. Sein Sohn dagegen stand der
Kirche vornehm und groß gegenüber. Ein Politiker im universalen Stile,
deutete er mit seinen Bestrebungen bereits die Stellung Deutschlands im
Mittelalter an, der erste deutsche Machthaber, der nicht bloß darauf
ausging, ein Reich zu gründen oder ein schon gegründetes zu erweitern,
sondern der geradezu die Weltmacht von römischen in germanische Hände
zu übertragen, sich selbst an Stelle des Kaisers zu setzen gedachte.
Und da der Grundgedanke seiner Politik darin bestand, sich daheim auf
die Kirche zu stützen, so tritt uns bereits bei diesem Theudebert die
Idee eines aus dem Bund mit der Kirche beruhenden Reiches deutscher
Nation entgegen. Von solchen gewaltigen hochfliegenden Plänen dieses
Königs hat nun der gute Gregor begreiflicher Weise nichts gespürt;
daß der König der Kirche besondere, liebevolle Aufmerksamkeit
widmete, bemerkte er wohl mit Freuden, aber warum das geschah, davon
ahnte er nichts, so daß sein Urteil in eigentümlicher Weise zwar
des Verständnisses ermangelt, aber dabei doch ziemlich richtig ist:
»Theudebert«, sagt er[111-a], »zeigte sich als großen und durch alle
Tugenden ausgezeichneten Fürsten«. Hiebei ist wiederum, wie bei
Chlodowech, der Privatcharakter des Königs panegyrisch entstellt;
denn auch Theudebert war sinnlich, machtgierig und treulos. Aber er
strebte hohen Zielen zu, und nach Edelmut sucht man bei ihm nicht
vergebens. Noch bei Lebzeiten seines Vaters Theuderich erhielt er von
diesem Befehl, den Sohn des eben ermordeten Sigivald umzubringen. Aber
Theudebert wollte den Givalt nicht töten, da er ihn aus der Taufe
gehoben hatte. Er zeigte ihm also den Brief mit dem Todesbefehl und
forderte den Geächteten auf, außer Landes zu gehen, bis er selbst die
Regierung angetreten und er sorglos zurückkehren könne. Theudeberts
Stellung zur Kirche resumiert Gregor also: »Er regierte sein Reich mit
Gerechtigkeit, ehrte die Priester, beschenkte die Kirchen, unterstützte
die Armen und erwies vielen Leuten viele Wohlthaten voll frommer und
milder Gesinnung. Alle Abgaben, die die Kirchen der Auvergne seinem
Staatsschatz zu leisten hatten, erließ er ihnen in Gnaden.« Des Näheren
erzählt Gregor[111-b], Bischof Desideratus von Verdun habe sich an den
jungen König gewandt mit der Bitte um Unterstützung der wirtschaftlich
vollständig hilflosen Bürger seiner Stadt; aus eigener Kasse konnte
Desideratus nicht helfen, da ihm Theodorich sein Privatvermögen geraubt
hatte. Es handelte sich um ein Anleihen mit gesetzlichen Zinsen. Die
siebentausend Goldgulden, die der König gewährte und der Bischof unter
die Bürger verteilte, verhalfen Verdun zu einem derartigen Aufschwung
seines Geschäftslebens, daß der Wohlstand dieser Stadt fünfzig
Jahre später sprichwörtlich war. Als aber der Bischof das Darlehen
zurückerstatten wollte, verzichtete Theudebert auf sein Guthaben zu
Gunsten der Armen.
Von Chlodowechs drei Söhnen aus seiner Ehe kam Chlodomer schon 524 in
der Schlacht bei Vezeronce ums Leben[111-c]. Vor diesem zweiten Zug
gen Burgund ließ er den gefangenen Sigismund samt Frau und Kindern
zu Coulmiers bei Orléans im Dorfbrunnen ertränken. Gregor bringt
diese beiden Ereignisse in die Beziehung von Strafe und Schuld und
weiß überdies, der heilige Abt Avitus von Micy habe vor der Unthat
Chlodomer, falls er den Wehrlosen schone, den Sieg und, falls er ihn
töte, den Untergang prophezeit gehabt, aber dieser habe ihn verlacht
und gesagt: »Eine Dummheit wäre es, Feinde daheim zu lassen, wenn
ich gegen andere zu Felde ziehe«. Seine drei noch unmündigen Knaben
Theovald, Gunthar und Chlodovald kamen zu Großmutter Chrotechilde
nach Tours, und als diese sie einst mit nach Paris nahm, bemächtigten
sich ihre Onkel ihrer und ermordeten die beiden älteren mit eigener
Hand, weil die Mutter mit so großer Zärtlichkeit an den Söhnen ihres
Erstgeborenen hing. Des jüngsten konnten sie nicht habhaft werden. Er
war durch den Beistand mächtiger Männer ihnen entzogen worden. Später,
herangewachsen, schnitt er sich mit eigener Hand die Locken ab und
wurde Mönch. Das Kloster, das er zu Nogent bei Paris gegründet haben
soll, hieß später nach ihm: Saint Cloud. König Childebert von Paris,
der in seiner Eifersucht die Blutthat angezettelt hatte, sie aber im
Augenblicke selbst davor zurückschauernd zu hindern suchte, scheint
von seinen Brüdern noch am ehesten edler Regungen fähig gewesen zu
sein. An ihn hat sich denn auch das kirchliche Andenken am meisten
angeschlossen. Namentlich die Bischofssitze der Bretagne und die
Klöster in der Gegend von Le Mans haben einige hundert Jahre später
ihre Gründung und Förderung auf seine Gunst zurückgeführt. Da soll
Vigor von Bajeux den eine Meile vor der Stadt gelegenen Druidenberg
Phönus, wo er das Steinbild einer Göttin zertrümmert hatte, zum Bau
einer Kirche geschenkt erhalten haben, desgleichen Markulf von Nantes
die Insel Agna und Paul von Léon die Insel Bas[112-a], indessen Samson
von Dol die Rechte des Territorialherrn gegen die Usurpationsgelüste
Childeberts verfochten und mit seinem Schüler Maglorius die Mission
auf die Kanalinseln Jersey und Guernsey ausgedehnt habe. Ja sogar um
das noch entferntere Bistum Vaison soll sich Childebert durch die
Bestätigung des Quinidius persönlich bekümmert haben[112-b]. Mehr
Glauben, weil es sich dabei nicht um Grundbesitz handelt[112-c],
verdient wohl die Nachricht von Childeberts Verkehr mit Leobin von
Chartres, den er öfters zu sich lud und 547 bei einem Brand in
Paris, als das Feuer die über die Seinebrücke hinhängenden Häuser
ergriff, mit der Leitung der Löscharbeiten betraute[112-d]. Höchst
verdächtig sind jedoch die angeblichen Beziehungen, die Childebert
zu den Einsiedlerkolonien in der Maine unterhalten haben soll, ohne
daß damit die Geschichtlichkeit der betreffenden Eremiten wie des
Deodatus, Eusicius, Baomirus, Rigomer und Saint Calais angezweifelt
werden soll[113-a]. Unter diesen Namen findet sich bei Gregor nur von
zweien eine Spur. Es wäre nämlich möglich, daß jener achtzigjährige
Greis Deodat, der ihm aus persönlicher Erfahrung den Stoff zum Leben
des anderen Lupizin lieferte[113-b], der spätere Heilige gewesen wäre.
Sicher dagegen weiß Gregor um Eusicius[113-c]. Diesen suchte Childebert
vor dem Zuge nach Spanien auf und bot ihm fünfzig Goldstücke. »Wozu?«
fragte der Heilige, »ich brauche sie nicht und befasse mich auch nicht
mit Armenpflege; mein Geschäft ist, Gott um Vergebung für meine Sünden
zu bitten. Aber geh nur, du wirst den Sieg erlangen und alles wird
dir zu Willen sein.« Da gab der König das Gold den Armen und gelobte
im Falle des Sieges über den Gebeinen des Eusicius einst eine Kirche
zu stiften. Diesem Gelübde verdankte der spätere Ort Eusiciuszelle
seine Entstehung. Aus dem siegreichen Feldzug gegen die Gothen hatte
der König außer andern Kostbarkeiten allein an Kirchengerätschaften
mitgebracht sechzig Kelche, fünfzehn Schüsseln und zwanzig
Evangelienschreine, alles aus lauterem Gold, mit edeln Steinen besetzt.
Er ließ diese Sachen nicht zerschlagen und zu Geld machen, sondern
verschenkte alles an die Kirchen und Gotteshäuser der Heiligen[113-d].
Nicht so glimpflich kam die Kirche bei König Chlothar weg. Er
besaß noch mehr als seine Brüder die ungeschwächte Rasse des
Merowingerblutes. Ein ganzes Drittel aller Kircheneinkünfte erhob er
als Staatssteuer. Als aber der Bischof Injuriosus von Tours den Mut
besaß, sich zu weigern und Chlothar ins Gesicht sagte, als König,
der die Armen nähren sollte, sich vom Elend zu bereichern, sei
schändlich, da wurde Chlothar angst, weil es der Bischof von Tours
war und hinter ihm Sankt Martin stand; er milderte seine Verfügung
und schickte Boten und Geschenke. Als aber das Jahr darauf Injuriosus
starb, baute der König vor und sorgte für die Wahl eines gefügigeren
Inhabers des Stuhles von Tours in der Person seines Haushofmeisters
Bauduin[113-e]. Als er nach Childeberts Tode wieder das ganze und
vermehrte Frankenreich in seiner Hand vereinigt hatte und unter den
entsetzlichsten Frevelthaten alt geworden war, begab er sich im
einundfünfzigsten Jahre seiner Herrschaft mit vielen Geschenken zu der
Schwelle des heiligen Martin nach Tours. Hier ging er noch einmal alle
die Handlungen, in denen er etwa möchte gesündigt haben, durch und
flehte unter vielem Seufzen, der heilige Bekenner möge ihm Verzeihung
vom Herrn erwirken und was er unbesonnen gefehlt habe, durch seine
Vertretung wieder gut machen. Noch im selben Jahre 561 wurde er auf der
Jagd im Forst von Cuise vom Fieber befallen und sofort nach Compiegne
gebracht. In seinen Fiebern sagte er immer wieder: »Weh! Wie groß muß
der himmlische König sein, daß er so mächtige Könige so elend umkommen
läßt.« Seine vier Söhne brachten den toten Vater unter vielen Ehren
nach Soissons und beerdigten ihn in der Kirche des heiligen Medard, die
er selbst noch zu bauen begonnen hatte und die dann sein Sohn Sigibert
prächtig vollendete[114-a]. Für das Christentum hatte Chlothar nur
Verständnis gehabt, sofern es sich als Macht äußerte im Sinne dessen,
was er, der rücksichtslose Gewalthaber unter Macht verstand: wenn der
heilige Martin donnern oder brennen oder sterben ließ oder wenn ein
Kirchenfürst wie Germanus von Paris ihm an soldatischem Mut und an
Unerschrockenheit überlegen dünkte. Chlothars Söhne stellten sich zur
Kirche verschieden; doch hatte sich, ihnen allen gemeinsam, gegenüber
den Zeiten ihres Großvaters Chlodowech das Niveau für die Beziehungen
eines fränkischen Königs zu den Heiligen gänzlich verändert. Die
anfangs noch sehr knapp bemessenen Herrscherrechte Chlodowechs
gegenüber seinen Franken nahmen sich angesichts der militärischen
Hierarchie der gallischen Kirche kärglich aus. Das war nun anders
geworden. Die monarchische Gewalt der Frankenkönige wuchs in Bälde mit
der raschen Ausdehnung des Reiches. Die kirchliche Gegenbewegung war
der allmähliche Zerfall der Metropolitangewalt und damit die Lockerung
der festen Organisation, in der die Macht des katholischen Christentums
bis jetzt beschlossen lag. Doch glich ein anderes Kräftepaar dieses
Uebergewicht des Königtums fast ganz aus: die Könige hatten durch
das Beispiel beständiger großartiger Stiftungen dem Episkopat und
den Klöstern zu Reichtum, und da es sich um ausgedehnten Grundbesitz
handelte, zu Macht verholfen, wenigstens mittelbar gewiß auf Kosten
der eigenen Einkünfte und Interessen. Die unruhigen Verhältnisse, die
sich aus den Reibungen dieser Kräfte ergaben, wurden jedoch insofern
nicht staatsgefährlich, als die kirchlichen Zwecke nicht außerhalb
des Reiches lagen. Die fränkische Kirche war Landeskirche; sie war
so aufrichtig patriotisch und königlich, als die Krone gut kirchlich
und katholisch war[114-1]. Doch bildet dieses nur die grundsätzliche
Unterlage: beim einzelnen Herrscher schlug die Eigenart durch,
und da Gregor hier Zeitgenossen beschrieb, so ist jedes der vier
Charakterbilder, wenn auch einseitig und sogar ungerecht, so doch
scharf und ausdrucksvoll geraten.
Charibert von Paris regierte nur sechs Jahre und war ganz der Vater.
»König Charibert«, so faßt Gregor sein Urteil über ihn zusammen[114-b],
»haßte die Geistlichen, kümmerte sich nicht um die Kirchen, behandelte
die Priester schlecht und folgte seinem Hang zu üppigem Leben.«
Seinen gehäuften Freveln gegenüber rührte sich die Kirche nicht.
Beförderungsintrigen der Bischöfe nahmen sie ganz in Anspruch. Leontius
von Bordeaux verstieß auf einer Versammlung der Provinzialbischöfe
den Emerius von Saintes aus seinem Bistum, weil dieser nicht auf
kirchlichem Wege zu seiner Würde gelangt sei. Dieser hatte sich
nämlich von König Chlothar einen Erlaß ausgewirkt, er solle, obwohl
die Zustimmung seines damals abwesenden Metropoliten fehlte, doch
geweiht werden. Nun sandten die von Saintes eine Abordnung an den
König, an deren Spitze Heraklius, ein Priester von Bordeaux, eben
der Kandidat für den gewaltsam erledigten Bischofsstuhl, stand. Er
stellte sich dem König vor und sprach: »Sei gegrüßt, ruhmreicher
König, der apostolische Stuhl sendet deiner Hoheit reichsten Segen.«
Da sagte der König: »Bist du denn nach Rom gegangen, daß du mir einen
Gruß vom Papste bringst?« Der Priester setzte ihm unter Windungen
auseinander, er komme im Auftrage des Erzbischofs von Bordeaux und
dessen Provinzialmitbischöfen, um die Zustimmung des Königs für die
Kassation einer unkanonischen Bischofswahl einzuholen. Als jedoch
Charibert den Königswillen seines Vaters mißachtet sah, brach der
urgermanische Sippenstolz in ihm auf. Er knirschte mit den Zähnen und
hieß den Bittsteller hinausschaffen, auf einen mit Dornen gefüllten
Lastwagen werfen und in die Verbannung stoßen. »Meinst du«, rief er
aus, »von den Söhnen Chlothars sei keiner mehr übrig, der die Thaten
des Vaters aufrecht hält, da diese Kerle einen Bischof, den sein Wille
eingesetzt hat, ohne unsere Erlaubnis vertrieben haben.« Er ließ den
Emerius durch eine Delegation von Priestern wieder einsetzen und
büßte den Leontius von Bordeaux um tausend Goldgulden, die kleineren
Bischöfe entsprechend ihrem Vermögen. Als er nach dem Tode einer seiner
Frauen sich herausnahm, ihre Schwester zu heiraten, die Kirchengesetze
dagegen die Ehe mit der Schwester der früheren Gattin untersagen, wurde
Charibert endlich, und nach mancherlei ungesühntem Ehebruch schwerster
Art aus diesem geringfügigen Grunde, von Bischof Germanus in den Bann
gethan. Bischof Eufronius von Tours hatte den Besuch, den er bei Hofe
schuldete, immerfort aufgeschoben; auf die Vorstellungen seiner Leute
hin, ein weiterer Aufschub könne unangenehme Folgen haben, ließ er den
Reisewagen in Stand stellen und die Pferde anschirren, plötzlich jedoch
zog er diesen Befehl zurück, weil der König nicht mehr am Leben sei.
Eufronius scheint fernfühlig gewesen zu sein und auf telepathischem
Wege den Hinschied Chariberts erfahren zu haben; später eintreffende
Boten aus Paris nannten die Todesstunde: es stimmte[115-a].
Der andere der vier Brüder, der früh starb, Sigibert, ist nicht nur
der beste von ihnen, sondern unter den Merowingern überhaupt eine
rühmliche Ausnahme gewesen. Er war, um es bürgerlich zu sagen, ein
anständiger Mensch. Die zügellose Weiberwirtschaft der andern mißfiel
ihm. Statt auch eine Magd zu heiraten, freite er die westgotische
Prinzessin Brunichilde, die seinetwegen katholisch wurde[116-a].
Aber nicht nur die eheliche Treue hat Sigibert gehalten, auch von
der Simonie bewahrte er sich und sein Land, so lang er lebte. Die
Versuchung dazu trat an ihn heran besonders bei der Besetzung des
Stuhles von Clermont. Der Kandidat der städtischen Adelspartei kaufte
von den Juden viele Kostbarkeiten und schickte sie durch seinen
Verwandten Beregisil dem König, um so durch Bestechung zu gewinnen, was
er Verdienste halber nicht zu erwarten hatte. Der König hielt jedoch
zu dem Archidiakon Avitus, der ohne Versprechungen gemacht zu haben,
siegreich aus der Wahl hervorgegangen war. Auch ein hohes Geldgeschenk
des Grafen von Clermont, der damit Aufschub der Entscheidung erwirken
wollte, schlug Sigibert aus; ja er umgab den rechtmäßigen Inhaber des
Bistums nun auch mit seinem persönlichen Wohlwollen und hielt ihn so
hoch in Ehren, daß er sich nun seinerseits über die Kirchenordnung
hinwegsetzte und den Avitus in seiner Gegenwart zu weihen befahl. »Ich
möchte«, sagte er, »aus seiner Hand das geweihte Brot empfangen«. Ihm
zu liebe geschah es, daß Avitus in Metz eingesegnet wurde und nicht
kanonischermaßen in seiner Provinz durch den Metropoliten[116-b].
Auch sonst kehrte sich Sigibert nicht an die Forderungen der Kirche,
falls sie seinen politischen Willen im Wege standen. Er handelte nach
dem Grundsatz, kein Teil seines Reiches könne einem fremden Bischof
angehören und erhob so die Stadt Chateaudun zu einem eigenen Bistum,
weil Chartres, zu dem sie gehörte, jenseits seiner Grenzen lag[116-c].
Die Sache der Heiligen besaß an ihm einen ihrer besten Schirmherrn,
weil er Recht und Treue übte, aber da gerade dieser sein edler Sinn ihn
mit Vorsicht von der landläufigen Frömmigkeit erfüllt haben mag, hat er
sich aus den Geistlichen, sofern er nicht von Amtswegen mit Bischöfen
zu thun hatte, nichts gemacht.
Chilperich war das gerade Gegenteil. Tugend ließ er Tugend sein und
versuchte sich dafür höchst selber in Theologie. Wie keiner seiner
Brüder zum Herrscher begabt, fiel er leider als Privatmann schlecht
aus. Was ihn so abscheulich erscheinen läßt, ist das ekle Gemisch von
tierischer Rohheit mit angelegentlichen christlichen Interessen. Von
irgend welchen Grundsätzen ist bei ihm keine Spur zu entdecken, wie
es überhaupt außerordentlich schwer hält, aus ihm klug zu werden.
Auch war er an sich vielleicht zunächst gar nicht so verdorben
gewesen und wurde es erst unter dem Einfluß seiner verworfenen,
aber überaus schlauen Gattin Fredegunde, die durch ihr Unmaß im
Laster dem Gatten förmlich zur Folie diente. Der sonst so milde und
vorsichtige Gregor überschüttet ihn mit Haß und Verachtung[117-a]:
»Der Nero und Herodes unserer Zeit hauchte seine schwarze Seele aus.«
Zweifelsohne war Chilperich eine ausgesprochene Regentennatur mit
ungewöhnlichem politischem Scharfblick und nicht geringerer Energie und
Kraft im Interesse der Einheit und Ordnung des von ihm beherrschten
Landes[117-1]. Freilich nichts weniger als ein Feldherr; alle seine
persönlichen Versuche in dieser Richtung mißrieten. Als Diplomat
dagegen besaß er eine erstaunliche Gewandtheit, Allianzen, die gegen
ihn geschlossen waren, ohne Schwertstreich zu trennen, den eben noch
drohenden Feind sich zu verbünden. Auch die Interessen des Staates
gegenüber den Ansprüchen der Kirche wahrte er vielleicht unbefangener
als irgend ein Merowinger. Die Gefahr, die in dem Anwachsen des
Besitzes der toten Hand liegt, hat er klar erkannt: »Siehe, unser
Schatz ist arm geblieben, unsere Reichtümer sind auf die Kirchen
übergegangen, fast nur die Bischöfe regieren; unser Ansehen ist dahin
und auf die Bischöfe der Städte übertragen«. Er kassierte Testamente,
die zu Gunsten der Kirche errichtet waren, schritt streng ein, wenn
sich die Geistlichkeit gesetzmäßigen Pflichten zu entziehen suchte
und trieb von allen Kirchenleuten Bannbuße ein, die ihrer Heerpflicht
nicht genügen wollten. Gelegentlich ermöglichte er auch einer Nonne
das Heiraten[117-b]. Aber wenn ein wirklich überlegener Geist sich
stets vor dem Mißbrauch seiner Uebermacht hüten wird, kennt Chilperich
in seiner Willkür gegen die Kirche keine Grenzen. Standesmäßige
Vorrechte der Geistlichkeit waren unter allen Umständen Luft für
ihn. Ohne sich im Geringsten um Gemeindewahl in irgend einer Form
noch zu kümmern, ernannte er fast alle Bischöfe und zwar mit wenigen
Ausnahmen Laien, die erst nach der Ernennung sich die Priesterweihe
geben ließen, sodaß nur ganz wenige Bistümer sich noch in den Händen
von Theologen befanden. Synoden durften nur zusammentreten, wenn er
es wollte und dann wurden nicht kirchliche, sondern seine eigenen
Angelegenheiten verhandelt. So hat sich Chilperich mit der Befreiung
von der Kirche nicht begnügt, sondern ist zu ihrer Unterdrückung
fortgeschritten. Seine ungewöhnliche Intelligenz erlaubte ihm, sich
auch zum geistigen Teile der kirchlichen Angelegenheiten unabhängig
zu verhalten. Aber hier erscheint er nicht als kühler Freidenker, der
gelassen über den Dingen steht, sondern als anmaßender Dillettant,
der immer alles besser weiß. Seine rationalistischen Zweifel an der
Dreieinigkeit Gottes entsprangen nicht eigenem Nachdenken, sondern
wurden ihm durch einen spanischen Proselytenmacher eingeflößt; er
wurde denn auch von Bischöfen, wie Gregor von Tours oder Salvius von
Albi als Theologe überhaupt nicht ernst genommen, sondern als er sie
zur Diskussion zwang, mit väterlicher Strenge ermahnt, die Hände von
diesen Dingen zu lassen; weit entfernt, die Zunfttheologen auch nur
im mindesten in Verlegenheit zu setzen, waren die Vernunftgründe noch
weniger im Stande, den König selbst vor abergläubischen Vorstellungen
zu emancipieren: er knirschte mit den Zähnen, weil Hilarius und
Eusebius von Vercelli ihm in diesem Punkte zuwider seien und er sich
also bescheiden müsse, um nicht die Rache der Heiligen im Himmel
herauszufordern. Nicht vornehmer ist sein Verhalten im persönlichen
Verkehr mit den Bischöfen: wenn er sie zur Tafel hatte, war sein
Hauptspaß, beständig über seine Prälaten zu witzeln und einen um den
andern an seinen Schwächen herzunehmen. Dennoch hielt er gelegentlich
einen Kniefall vor denselben nicht unter seiner Würde, wenn das
eben seinen Zwecken dienlich schien. Ueberhaupt war bei ihm von
Geringschätzung der Religion an sich nicht die Rede, weil er sich in
Person für ihren unübertrefflichen Träger hielt. Selbst geistliche
Lieder und Meßgesänge hat er verfaßt; sie waren schlechterdings
nicht zu gebrauchen. Er schrieb auch zwei Bücher in Versen nach dem
Muster des Sedulius. Da er aber von der Quantität der Silben keine
Ahnung hatte, hinkten seine Verse und paßten nicht ins Metrum. Er
erfand neue Buchstaben, nämlich Θ für langes O, φ für den Umlaut Ae,
Ζ für »The« und Δ für »Vi«; nicht nur sollte in allen Schulen des
Reiches so unterrichtet, sondern auch die alten Handschriften mit
Bimsstein radiert und darnach umgeschrieben werden; doch habe er mit
diesem orthographischen Experiment so wenig Glück gehabt, wie Kaiser
Klaudius, der seiner Zeit dem Alphabeth ebenfalls drei neue Buchstaben
hinzugefügt hatte[118-a]. Auch Chilperichs Eifer zur Belehrung der
Juden, mit dem er teils einzelne persönlich zu überreden suchte,
teils gewaltsame Massentaufen veranstaltete und dabei nach Kräften
höchstselber zu Gevatter stand[118-b], erklärt sich doch wohl am
ehesten aus dem konfusen Eigendünkel des Königs. Wer an den bösen Blick
glaubt und auch sonst den krassen Aberglauben der Zeit in keinem Stücke
ernsthaft überwunden hat, darf bei aller scheinbaren Aehnlichkeit
mit einem Aufklärer nicht ein Vorläufer moderner Humanität heißen.
Chilperich stellt das Stammestemperament der Merowinger in besonders
intensiver Ausprägung dar: ungezähmte Sinne, Bildungstrieb im Stadium
kindlicher Neugier und eine glückliche Hand in allen Unternehmungen
realpolitischer Natur.
Von Chlothars Söhnen überlebte Gunthram die andern um Jahrzehnte.
War Charibert gegenüber der Kirche naiv brutal, Sigibert unabhängig
vornehm, Chilperich nichtswürdig schlau vorgegangen, so war Gunthram
aufrichtig und herzlich fromm, wenn auch ein wenig im einfältigen
Sinne des Wortes. Er hat mit seiner kirchlichen Devotion ernstgemacht
und seine Handlungsweise im allgemeinen danach eingerichtet.
Immerhin lebte auch er, wenigstens in jüngeren Jahren durchaus mit
mannigfaltigen Zugeständnissen an die niederen Sitten der Zeit. Der
gute König Gunthram, erzählt Gregor in aller Unbefangenheit[119-a],
nahm zuerst Veranda, die Magd eines seiner Leute, als Beischläferin
in sein Bett auf. Nachher heiratete er Meroketrude, eine französische
Herzogstochter. Als sie seinem unehelichen Sohne nachstellte und
deshalb vertrieben wurde, erhob er Austrichilde zum Weibe und als nach
dem Tode Chariberts Theudechilde, eine seiner Gemahlinnen, sich ihm
aus freien Stücken anbot, nahm er dieser fast alle ihre Schätze ab und
schickte sie als Nonne ins Kloster. Seine Schwäger ließ er köpfen und
zog ihre Güter für den Kronschatz ein. Der Tod seiner beiden Söhne war
dann der schwere Schlag. Seitdem ging er in sich, und wenn er auch
schwach genug war, seinem trotzigen Weibe den auf dem Todbett von ihr
geforderten Eid zu halten und ihre Aerzte hinzurichten, so zeigt sich
sein gutes Wesen an seiner rührenden Fürsorge für seine Neffen. Den
steigenden Anmaßungen des Adels hielt er wacker stand, wenn es auch
nicht ohne Demütigungen für ihn ablief. Er war auch charakterfest
genug, sich von Fredegunde, für die er eine Schwäche hatte, sich
nicht ganz umgarnen zu lassen[119-b]. Mit den Bischöfen stand er in
herzlichem Verkehr. Am Martinsfest in Orleans sagte er an der Tafel zu
ihnen: »Ich möchte morgen in meinem Hause euern Segen empfangen und
bitte euch darum. Euer Eintritt wird mir Heil bringen; nichts übles
wird mir fortan geschehen, wenn über mich in meiner Niedrigkeit die
Worte eures Segens geflossen sind«. Am andern Morgen, als der König
die Stätten der Heiligen besuchte, um dort zu beten, kam er auch zur
Avituskirche, wo die fremden Bischöfe einquartiert waren. Gregor von
Tours ging ihm entgegen und bat ihn, daß er auf seinem Zimmer das
gesegnete Brot des heiligen Martin brechen möchte. Der König trat
gnädig ein, trank einen Becher, lud die Bischöfe wieder zur Tafel ein
und ging fröhlich weiter. An diesem zweiten Festmahle, das der König
den Teilnehmern des Reichskonzils gab, befahl er Gregor von Tours, er
solle seinen Diakonen, der tags zuvor bei der Messe das Responsorium
vortrug, nun wieder singen lassen und als dies geschehen war, wünschte
er, jeder anwesende Bischof möge sich nun hören lassen unter dem
Beistand der Geistlichen seiner Kirche, wenn es beliebe. So trat
einer um den andern vor und sang so gut es ging vor dem Könige sein
Responsorium als Tafelunterhaltung. Im weiteren Verlaufe der Mahlzeit
wies der König auf eine schwere silberne Schüssel und sagte, er habe
nur diese und eine andere aus dem Schatze des Mummolus behalten;
fünfzehn habe er zerschlagen lassen und auch der Rest solle alles
verteilt werden, um die Not der Armen und der Kirchen zu lindern. Zum
Schluß benützte Gregor die gute Laune des Königs, um einige Edelleute,
die wegen ihrer Parteigängerschaft mit dem Usurpatur Gundvald seine
höchste Ungnade erregt hatten, wieder in Gunst zu setzen. Wohl besaß
auch Gunthram ein gut Stück merovingischen Jähzorns; aber klug
beigebracht, führten geistliche Eigenschaften bei ihm immer zum Ziele.
Als der König gegenüber zwei Grafen unversöhnlich schien, nahte ihm
Gregor mit den Worten: »Siehe, ich bin von meinem Herrn als Bote zu dir
gesandt und was soll ich dem, der mich gesandt hat, antworten, wenn
du mir keine Antwort erteilen willst«. Da stutzte Gunthram: »Und wer
ist denn dieser dein Herr?« Gregor lächelte: »Der heilige Martin hat
mich gesandt.« Darauf befahl der König, die Männer ihm vorzustellen.
Als sie vor ihn traten, warf er ihnen zwar ihre Treulosigkeit und
ihren Eidbruch vor, nannte sie wiederholt schlaue Füchse, nahm sie
jedoch wieder in Gnaden an und gab ihnen die Güter, die ihnen entzogen
waren, zurück. Aehnlich erweichte er sich gegenüber einem Bischof, dem
er zürnte, für den aber dessen Mitbrüder Fürsprache einlegten. Auch
sonst hat Gunthram im Bann eines Heiligtums seinen Zorn besänftigt
und Gnade für Recht walten lassen; ja sogar einen Attentäter, der
ihn in der Marcelluskirche zu Châlons hatte erstechen wollen, ließ
er nicht hinrichten; denn er hielt es für unrecht, einen zu töten,
den man mit Gewalt aus einer Kirche geschafft habe[120-a]. Nur den
Juden gegenüber empfand Gunthram eine unüberwindliche Abneigung; als
sie sich in Orleans an der allgemeinen Huldigung ostentativ beteiligt
hatten, äußerte er bei Tisch: »Weh über dies Volk der Juden; es ist
schlecht und treulos und immerdar arglistigen Herzens. Darum sang
es mir heute Loblieder voll Schmeicheleien, damit ich die von den
Christen zerstörte Synagoge auf Staatskosten wieder bauen ließe. Aber
der Herr will dies nicht, und nimmer werd ich es thun.« Alter und
schwere Familienkatastrophen hatten Gunthrams gutmütige Natur so zu
verinnerlichen gewußt, daß ihm mit dem Christentum persönlich ernst
war und er sein Leben darnach einrichtete. Er gab Almosen in Fülle
und hielt an im Gebet und im Wachen. Während der Pestzeit überdachte
er gleich einem guten Bischof die Mittel, durch die dem Leiden des
sündigen Volkes zu steuern sei: er richtete Bettage ein und verbot,
etwas anderes als Brot und Wasser zu sich zu nehmen. Er selbst ging mit
seinem Beispiel im Wachen und Beten allen voran. Was Wunder, daß er dem
einfachsten Volk für heilig galt. In gläubigen Kreisen erzählte man
sich, ein Weib, deren Sohn vom Viertagsfieber geplagt werde und schwer
darnieder lag, habe sich im Volksgedränge dem König von hinten genähert
und heimlich einige Fransen von seinem Königsmantel abgerissen, sie in
heißem Wasser abgebrüht, ihrem Sohne eingegeben und mit dieser Medizin
sofortige Heilung erzielt. Auch die bösen Geister, die sich Gunthram
unterwarfen und seinen Namen anriefen, konnten vor seinem Gericht nicht
stand halten und bekannten ihre Frevelthaten.
Von dem andern, dem wirklich heiligen Mitgliede der Königsfamilie
in jener Zeit, von der heiligen Radegunde in Poitiers, gibt Gregor
kein rundes Lebensbild. Wozu Fortunat am Zeuge flicken? Dagegen teilt
er wichtige Urkunden Radegundens zum Bau des Heiligenkreuzklosters
mit[121-a] und schildert schlicht und ergreifend seinen Besuch an ihrem
Todbette[121-b]: »Mir war schwer ums Herz; ich hätte weinen müssen,
hätte ich nicht gewußt, daß Radegundens heilige Kraft uns bleiben
werde«.
Seine ganze Frankengeschichte aber hat Gregor verfaßt, um zu zeigen,
daß man nur durch die Fürbitte der Heiligen gerettet werden könne.
Sechstes Kapitel.
Heiligenleben des siebenten Jahrhunderts.
Wie universal und vielseitig der wackere Gregor von Tours bei aller
Befangenheit gewesen war, zeigt sich erst bei einem Blick auf seine
Nachfolger. Da ist überhaupt nur hie und da einer, der sich in
bescheidenem Maße als Forscher erweist und mehr als einen Heiligen
behandelt. Die übrigen bewegen sich alle in den Schranken der Memorie.
Doch da dies, wie wir sahen, für unser Wissen an sich durchaus keine
Einbuße bedeutet, können wir an diesen späteren Produkten um so
weniger vorübergehen, als nun die sociale Stellung der Heiligen sich
beträchtlich verschoben hat und es sich um Männer handelt, die an den
großen zeitgeschichtlichen Ereignissen einen bedeutenden Anteil nehmen.
Nur zur kleineren Hälfte sind sie die strengen Vertreter des alten
mönchischen Heiligenideals; vielmehr nehmen manche von ihnen an den
Welthändeln in einem Maße teil, das ihr Recht, sich jenen hingebenden
und gottesfürchtigen Gestalten beizuzählen, doch etwas in Frage stellt.
1.
Schon unter den Frankenkönigen hatten sich einige, so Charibert,
besonders aber Chilperich, als lateinische Schriftsteller versucht.
Und nun ist es ein germanischer König, der zuerst nach Gregor als
Verfasser eines Heiligenlebens auftritt. Sisebutus saß während der
Jahre 612 bis 620 auf dem westgothischen Thron. Er war der Mäcen
des berühmten Encyklopädisten Isidor von Sevilla und liebte es, aus
seinem Palast oder aus dem Kriegslager diesem gelehrten Freunde
gelegentlich lateinische Verse zu senden. Er war zudem ein eifriger
Katholik, der die Arianer und Juden nicht nur haßte, sondern
auch verfolgte. Wenn nun er den Namen des unglücklichen Bischofs
Desiderius von Vienne litterarisch verewigte, so thut man wohl, von
einem solchen Urheber alles, nur keine unparteiische Schilderung zu
erwarten: in der That schreibt Sisebut, »um die Mitwelt anzuspornen
und die Nachwelt zu erbauen«. Alles Licht teilt er seinem Helden
zu und dessen Feinden allen Schatten. Daß die Königin Brunichilde
der gehässigsten Verleumdung anheimgefallen ist, darf man dem
Verfasser um so weniger verzeihen, als die Königin eine westgothische
Prinzessin und zur Zeit, da der ihr verwandte Fürst schrieb, bereits
ihrer tragischen Hinrichtung verfallen war. Mit mehr Recht mag ihr
Urenkel Theuderich _II_ als dumm und falsch hingestellt sein. Im
übrigen ist das Desideriusleben, zumal wenn man die ungewöhnlichen
Personalien des Schriftstellers gebührend in Anschlag bringt, eine
höchst respektable und wertvolle Leistung; auch muß bedacht werden,
daß Sisebut in seinen Erkundigungen auf Gerüchte und Aeußerungen
der öffentlichen Meinung angewiesen war. Das Leben nun, das er uns
schildert, hat folgenden Verlauf genommen[122-2]: Desiderius entstammte
einem altgallischen Adelsgeschlecht. Er war dem geistlichen Stande
bestimmt und wissenschaftlich gebildet, hatte auch Unterricht erteilt
und mehr als einen Ruf auf einen Bischofssitz ausgeschlagen, als er
höherem Drängen nachgebend den Stuhl von Vienne bestieg. Er wurde
schöngeistiger Neigungen verdächtigt, schlimmer aber war die im Jahre
602 auf der Synode von Chalons gegen ihn erhobene Anklage, mit einer
Edelfrau namens Justa sich vergangen zu haben. Wahrscheinlich handelte
es sich um eine Hofintrige. Desiderius wurde nach der Insel Livisio
verbannt. Bei seiner Absetzung war Brunichilde noch nicht beteiligt.
Dagegen unterstützte sie auf das Betreiben des Aredius von Lyon
die Wahl des Domnolus nach Vienne. Bald darauf wurde Brunichildens
rechter Arm, der Majordomus Protadius zu Kiersy an der Oise, in einer
Lagerrevolte des fränkischen Dienstadels ermordet. Um dieselbe Zeit
starb Justa. Der junge König und seine Urgroßmutter erschracken und
lenkten ein. Desiderius war mutig und unvorsichtig genug, die für ihn
günstige Wendung zur Rückkehr zu benutzen. Doch überwarf er sich bald
mit den königlichen Machthabern. Wahrscheinlich hat auch diesmal
wieder Aredius von Lyon gehetzt. Das Urteil lautet auf Uebertretung des
königlichen Bannes, auf Bruch der Vasallentreue, also auf Hochverrat.
Dafür war bei den Germanen Steinigung die übliche Strafe. Die Henker
rissen ihn aus der Kirche. Es gelang ihm den Steinen auszuweichen, dann
wurde er mit einer Keule erschlagen, vielleicht am 23. Mai 607. An
seinem Grabe stellten sich die üblichen Wunder ein.
Auch ein bischöflicher Kollege des Desiderius im Norden des Reichs
hat einen zeitgenössischen wenn auch anonymen Beschreiber seines
Lebens gefunden. Bischof Gaugerich von Cambrai[123-1] ist Zeit seines
Lebens nach keiner Seite hin irgendwie hervorgetreten. Er wurde um die
Mitte des sechsten Jahrhunderts geboren, den Romanen Gaudentius und
Austadiola, in dem alten Kastell Yvois oder Ipsch, das an der Straße
von Reims nach Trier liegt. Dort gab es zu jener Zeit noch Heiden. Der
Ort hatte jedoch seine Kirche und seinen Priester, der zugleich einer
Schule vorstand. Die kanonischen Satzungen fordern, daß der Bischof
zeitweise seine Diözese bereise, um die für den geistlichen Beruf
tauglichen Knaben auszuwählen und zu ordinieren. Auf einer solchen
Reise kam Bischof Magnerich von Trier auch nach Eposium. Unter den
Schülern wurde ihm Gaugerich als der für ein Kirchenamt geeignetste
vorgestellt. Nicht bloß seine Kenntnisse und seine anhaltende
Beschäftigung mit der heiligen Schrift, auch seine Führung empfahlen
ihn hiefür: auf das Glockenzeichen eilte er zuerst zur Kirche und wenn
seine Mitschüler speisten, fastete er oft, um seine Speise den Armen
geben zu können. Hiezu kamen seine vorteilhaften äußeren Eigenschaften,
insbesondere sein stets heiterer Gesichtsausdruck. Ganz von ihm
eingenommen, weihte ihn der Bischof durch Auflegen der Hände für den
geistlichen Stand. Der Bischof versprach ihm die Diakonatsweihe, wenn
er bei seiner Wiederkehr den ganzen Psalter auswendig gelernt hätte.
Durch anhaltendes Studium bei Tag und Nacht erreichte Gaugerich sein
Ziel und wurde so Diakon. Unter der Regierung des austrasischen Königs
Childebert, dem Sohne Chilperichs und der Fredegunde, trat eine Vakanz
auf dem Bischofsstuhle in Cambrai ein. Von Klerus und Volk zum Bischof
ausersehen, wurde Gaugerich dem König zur Bestätigung vorgeschlagen.
Auf eine königliche Ordre hin erfolgte dann die feierliche Ordination
durch den Metropoliten Aegidius von Reims. Das Wunderbare tritt in
diesem schlichten Heiligenleben fast ganz zurück. Es handelt sich
hauptsächlich um die Befreiung von Gefangenen und Sklaven, denen auf
das Gebot des Bischofs hin die Ketten vom Leibe fallen. Seitdem das
fünfte Konzil von Orléans im Jahre 549 die Fürsorge für die Gefangenen
den Geistlichen zur besonderen Pflicht gemacht hatte, sollten die
Archidiakonen Sonntags die Kerker aufsuchen und die Bischöfe den
Gefangenen aus ihrer Kirche den Unterhalt gewähren. Die Bischöfe
begnügten sich aber bald nicht mehr mit einer Milderung des Loses
dieser Unglücklichen, sondern setzten ihren Ehrgeiz darein, sie
ganz aus Ketten und Banden zu befreien. Von einer Prüfung, ob diese
Gefangenen die Freiheit auch wirklich verdienen, ist nirgends die
Rede. Man kann es daher Beamten, wie Graf Waddo von Cambrai und dem
Gefängnisaufseher Walchar nicht verdenken, wenn sie sich sträubten,
den Bitten des Bischofs Gehör zu schenken. Einst, wahrscheinlich
nach dem Jahre 613, als Chlothar _II_ zum zweitenmale Herr von Paris
geworden war, begab sich Gaugerich an dessen Hof nach Chelles, wo er
mit dem Majordomus Landerich zusammentraf. Auch dieser hatte zwei
Gefangene, die mit dem Tode bestraft werden sollten; durch das Gebet
Gaugerichs erhielten sie aber die Freiheit zurück; ebenso wurde durch
Gaugerichs Dazwischenkunft ein Trupp an den Händen gefesselter Sklaven
freigelassen, die ein Kaufmann zum Verkauf herumführte, zu Famars,
südlich von Valenciennes. Auffallender sind zwei andere Wunder, die
dem Heiligen zudem nicht in seiner Heimat gelungen sind. Als Gaugerich
von König Chlothar an das Grab des heiligen Martin zur Verteilung
von Spenden an die Armen nach Tours gesandt wurde, heilte er einen
Blinden, der bereits dreißig Jahre des Augenlichts beraubt war; das
anderemal, als es einen Hof zu inspizieren galt, den die Kirche von
Cambrai im Perigord besaß, blieb der Stock des Heiligen in der Kirche
von Perigueux von selbst aufrecht stehen, als wäre er mit Blei gefüllt.
Da der Biograph keine fortlaufende Darstellung der bischöflichen
Thätigkeit Gaugerichs gibt, sondern nur seine vermeintlichen
Wunderthaten schildert, konnte auch die Teilnahme des Bischofs an der
Synode zu Paris vom Jahre 614 oder 615 um so eher unerwähnt bleiben.
Gaugerichs Todestag ist der elfte August eines der Jahre von 623 bis
629. Neununddreißig Jahre lang hatte er das Bistum verwaltet. Er wurde
in der Kirche des heiligen Medardus auf dem der Stadt benachbarten
Berge bestattet. In seinem Schlafgemache ließ sein Nachfolger Bertoald,
ein Franke von Geburt, sein eigenes Bett aufschlagen und dafür
Gaugerichs Sterbebett in die Medarduskirche abführen. Als ihm aber
nächtlicher Weile der Heilige erschien und ihn verwarnte, stellte er
schleunigst die alte Ordnung wieder her. In dem Schlafgemach aber baute
er einen Altar und dort mußten fortwährend Kleriker dem Gottesdienste
obliegen.
Obwohl diese alte Vita einen bestimmten Hinweis auf den Ort ihrer
Entstehung nicht enthält, so ist unzweifelhaft, daß sie einem Kleriker
von Cambrai verdankt wird, denn der Verfasser kennt die Oertlichkeiten
daselbst offenbar aus eigener Anschauung. Und wie er bei seinen
Schilderungen stets die alten merowingischen Einrichtungen, keine
neueren Institutionen vor Augen hat, so zeigt auch die Sprache der
Vita, daß sie sicher noch im siebenten Jahrhundert geschrieben ist;
durch die Feile der karolingischen Schule ging die Schrift nicht.
In ihrer rohen Form und ihrer gedrängten Kürze ist sie noch der
Vertreter eines Heiligenlebens alter gallischer Manier. Von England
waren unterdessen neue Heilige gekommen und alsdann aus Italien eine
künstlichere Art, sie zu beschreiben.
2.
Ende der achtziger Jahre erschienen am Hofe König Gunthrams britische
Mönche unter Führung des Columban[125-1]. Der König hoffte von ihnen
Heilung der tief gesunkenen Kirchenzucht und stellte ihnen alle Gnaden
in Aussicht, wenn sie nur blieben. Irgendwelche Landschenkung wollten
sie nicht annehmen, doch stimmten sie zu, sich in der Bergeinsamkeit
einzuhausen. In den Vogesen waren ihnen die Ruinen des Kastells Anagray
wild und abgelegen genug. Als aber die Teilnehmerzahl überhandnahm,
wurde in Luxeuil, acht Meilen entfernt, ein zweites Kloster gegründet
mit der besonderen Bestimmung, Novizen aus der fränkischen Aristokratie
aufzunehmen. Der Uebervölkerung des Mutterklosters sollte ein drittes
steuern, das nach den dort entspringenden Quellen Fontaines hieß. Mit
der Leitung der Filialen betraute Columban Brüder von zuverlässiger
Gesinnung und stellte die gemeinsame Regel auf. Die Gründung fiel etwa
ins Jahr 590.
Columban stammte aus Leinster in Irland. Ueber gelehrten Studien,
die er betrieb, war der Drang zum Missionar in ihm erwacht. Seine
Mutter wollte ihn nicht ziehen lassen und legte sich quer vor die
Thürschwelle; da sprang er über sie hinweg und rief, sie werde ihn nie
wieder sehen. Er begab sich zunächst behufs weiterer Ausbildung zu
dem bibelkundigen Einsiedler Senilis und dann ins Kloster Banchor zu
dem heiligen Comgall. Immer mehr erfüllte ihn dort das Christuswort:
»Ich bin gekommen ein Feuer anzuzünden und wie wollt ich, es brennte
schon«. Der geplanten überseeischen Expedition standen mannigfache
Hindernisse im Wege. Endlich, im Alter von dreißig Jahren, brach er mit
zwölf Gefährten auf. Das Schiff lief glücklich in der Bretagne an. Sie
erholten sich erst an der Küste, dann drangen sie ins Innere Galliens
ein und konnten sich da nun allerdings überzeugen, wie sehr der Kirche
Zucht und Besserung notthat[125-a].
Die Vogesenklöster wirkten sofort auf die Umgebung. Abt Caramfok aus
Salicis sandte den Mönch Markulf nach Anagray, um freundschaftliche
Beziehungen herzustellen. Auch zur irischen Heimatsinsel sollten die
Bande nicht abgerissen sein: doch war der dorthin gesandte Besuch
Bruder Autiern’s Gegenstand einer ernsten, tagelangen Erwägung von
seiten Columbans. Von den andern Brüdern werden noch Somari, Gall,
Cominin, Ennoch, Equanach und Gurgan genannt. Ein Laufbursche des
Klosters hieß Domoalis. Es währte nicht lange, so traten auch der
in Besançon residierende Herzog Waldalen und seine Frau Flavia mit
Columban in Verkehr. Sie bestimmten den vom Heiligen ihnen erbeteten
Sohn dem geistlichen Stande: es war der spätere Bischof Donatus von
Besançon; ein zweiter Sohn Ramelan erbte die väterliche Herrschaft.
Bei der Geburt dieser beiden Kinder stifteten die Eltern zwei Klöster,
eins in der Stadt, das andere in Besançon, und unterstellten sie
Columbans Regel; nach dem Tode des Gemahls gründete Flavia überdies
ein Nonnenstift. Columban lebte viel in der Einsamkeit, oft verließ er
das Kloster, nahm einen Band der Bibel auf seine Schulter und verbarg
sich auf unbestimmte Zeit in einer Höhle. Wenn es harte Arbeit zu
verrichten galt, zog er Handschuhe an. Als er sie einmal auf einem
Stein vor dem Eßsaale liegen ließ, kam ein Rabe und trug sie ihm weg.
Von Weltpriestern schloß sich ihm namentlich ein Dorfpfarrer namens
Winnoch an, der Vater des späteren Abtes Bobolen von Bobbio. Andere,
wie Chamnoald, der königliche Kaplan von Laon, belauschten den fremden
Mönchsvater ehrfürchtig, ohne sich ihm zu nähern, wenn dieser in
der Wildnis sich erging, mit den Tieren spielte und die Vögel und
Eichhörnchen vom Aste auf seine Hand nahm, ja sie zärtlich in den
Busenfalten seiner Kutte hegte[126-a].
Aber dieses Idyll hielt nicht vor. Der Heilige selbst mag es nur in dem
Bewußtsein genossen haben, daß es eines Tages vorbei sein werde und ein
harter Kampf ihn auf den Plan rufe. »Laßt mich doch in meinen Wäldern
schweigen«, schrieb er 601 den Bischöfen nach Sens. In der Einsamkeit
ist ihm die Kraft erwachsen, später, als es dann einmal zu reden
galt, das harte, ungeschwächte, unversöhnliche Wort nicht zu scheuen.
Längst hatte man in der Königsfamilie sich für den fremden Gottesmann
interessiert. Er hatte Zeit gehabt, sich sein Verhalten zu überlegen;
er konnte kommen sehen, was dann wirklich kam. Er scheint aber
keineswegs von anfang an einem friedlichen Verhältnis abgeneigt gewesen
zu sein. Wozu hätte er sonst den jungen König immer wieder empfangen
und den Einladungen an den Hof Folge geleistet? Da, eines Tages im
Jahre 607, machte er der Königin Brunichilde seinen Besuch auf ihrem
Landsitz Boucheresse bei Autun. Als er an die Halle des Herrenhofes
getreten war, führte ihm die greise Fürstin ihre Urenkel zu. Wie er
diese sieht, zuckt er zusammen und fragt, was er damit solle. »Es sind
die Söhne des Königs«, versetzte Brunichilde, »Kräftige sie durch den
Zauber deines Segens.« Da warf ihr Columban zu: »Wisse niemals werden
die Kinder da ein Königsszepter erben, denn es sind Hurenkinder.« Damit
hatte er ja nun allerdings nur zu sehr Recht; die Lasterhaftigkeit der
alten Merowinger hatte in ihren schwächlichen Nachkommen nun gar noch
den widerlichen Zuwachs erhalten, daß sie unnatürlich verfrüht auftrat.
Theuderich war ein Knabe von fünfzehn Jahren, als ihm ein Sohn und
nicht einmal sein erster geboren wurde. Zu weiterem Anstoße mußte dem
Heiligen dienen, daß Bastarde wie echte Söhne für der Erbfolge fähig
galten. Brunichilde aber empfand nach dem fränkischen Verfassungs-
und überdies dem merowingischen Hausrecht, wonach uneheliche
Königssprossen ohne weiteres folgefähig waren, da nur das königliche
Geblüt, die Abstammung vom Manne entschied. Der Jüngling Theuderich,
der mit seinen fleißigen Buhlschaften einen Hang zu schwärmerischer
Frömmigkeit verband und sich dem berühmten fremden Gottesmann in den
Vogesen mit aller Demut zu nähern suchte, war von Columban unbarmherzig
gescholten worden: er solle nun das Buhlen lassen und nach dem Genuß
des Herzenstrostes einer rechtmäßigen Ehefrau trachten, auf daß ihm
von einer ehrbaren Königin königliche Nachkommenschaft erwachse. So
berechtigt diese Forderung gewiß war, im vorliegenden konkreten Falle
verlangte sie fast unmögliches; denn Columban heischte nicht etwa
bloß Besserung für die Zukunft; er sprach den bereits Geborenen das
Erbrecht ab, und das bedeutete einen geradezu unerhörten Eingriff in
die nun seit hundert Jahren niemals angefochtene Familientradition
des Königshauses. Hiezu kam, daß der Versuch, Theuderich standesgemäß
zu verheiraten, scheiterte. Die Tochter des gotischen Prätendenten
Witterich, Herminberga, verlobte sich mit Theuderich und hatte auf
ihrer Brautfahrt bereits die Residenz Chalons erreicht als Brunichilde
in letzter Stunde die Heirat hintertrieb, sei es aus Eifersucht und um
nicht durch eine Junge verdrängt zu werden, sei es in der begreiflichen
Aufwallung ihres gothischen Königsblutes gegen die Tochter dessen,
der den rechtmäßigen, ihr noch verwandten Herrscher der Goten, Leova,
gestürzt und grausam ermordet hatte. Brunichildens ganze Hoffnung
ruhte nun also auf den beiden Knäblein, hinter deren Abkunft sie
durchaus nichts unerhörtes sah. Aber sicher spürte sie die Bedeutung
des Augenblicks, als sie den mächtigen Volksheiligen für ihre Urenkel
um den Segen bat. Spendete er ihnen diesen Segen, so war vollends
jedes Bedenken verscheucht, das etwa kirchlicherseits noch hätte
erhoben werden können: ein Segen aus diesem Mund und von diesen Händen
ersetzte die mangelnde ehrliche Geburt. Columban dagegen mag, er auch,
nicht weniger die Krisis des Moments gespürt haben. Ließ er sich
jetzt bereit finden, so eröffnete er sich eine Machtstellung am Hofe
und sicherte damit seinem Werke die Existenz im fränkischen Reiche,
das die von ihm geplante Sittenzucht nötig hatte, nötig genug. Aber
dann gab er zugleich preis, was eben gerade die Seele ~seines~ Werkes
war, wodurch es sich von der doch auch nicht mangelnden einheimischen
Bußbestrebungen unterschied: die Strenge der sittlichen Forderung
in souveräner Autonomie, ohne Seitenblick auf die Umstände und ohne
Zugeständnis an die zufällige Konstellation der Stunde. Er fand den
Mut, sich selber treu zu bleiben, den schwindelerregenden Mut, den
durchdringenden Blick der Fürstin, der ihn umwarb, ihn anflehte,
ihn beschwor, ihn bedrohte, diesen Blick auszuhalten, den Segen
zu verweigern. Die Begegnung von Boucheresse bewies es wieder: es
giebt freilich Fälle, wo das politisch Beste und ein reines Gewissen
unvereinbar sind.
Als das verhängnisvolle Nein die Lippen des Heiligen verlassen hatte,
durchflammte ein wütender Haß, wie sie dessen nur je fähig gewesen war,
die Königin mit dem weißen Haare. Sie schickte die Kleinen hinaus.
Die Auseinandersetzung unter vier Augen mag von beiden Seiten in der
Erklärung unversöhnlicher Feindschaft bestanden haben. Die Schwelle
krachte, so hieß es später, als der Gottesmann die königliche Halle
verließ. Sofort traf die zürnende Königin Anstalten, die schottischen
Klosterleute zu isolieren und ihnen jeden Einfluß abzuschneiden; sie
verbot irgend einem von ihnen außerhalb der Grenzen die Durchreise zu
gestatten, noch ihnen Unterkunft oder Almosen zu gewähren. Indessen
suchte Columban sich des Königs zu versichern; schon meldeten sich
bei dem jungen Monarchen Spuren der Entfremdung von dem bisher
rückhaltlos verehrten Gottesmann, Spuren seiner Abhängigkeit von der
Großmutter. Columban begab sich auf dessen Sommersitz Epoisse. Als
er bei Sonnenuntergang dort eintraf, meldete man Theuderich, der
Mann Gottes sei da, wolle aber die Häuser des Königs nicht betreten.
Theuderich meinte, besser sei es den Mann Gottes durch angemessene
Spenden zu ehren, als den Herrn durch Kränkung seiner Diener zum Zorne
zu reizen. Er befiehlt daher, mit königlichem Luxus das Geeignete zu
bereiten und dem Manne Gottes zu schicken. Man kommt also und bietet
ihm die Bewirtung; da er aber in den Schüsseln und Bechern königliche
Pracht sich entfalten sieht, fragt er wozu. Als jene sagten, es komme
vom König, wies er es zurück und sprach: »Es steht geschrieben, die
Geschenke der Gottlosen verwirft der Herr. Nicht ziemt es, den Mund
der Diener Gottes zu besudeln durch die Speisen dessen, der diesem
Diener den Zugang auch zu anderer Leute Wohnungen versperrt.« Bei
diesen Worten brachen alle Gefäße in Stücke, Wein und Most flossen
auf den Boden, das andere ward einzeln zerstreut. Diese unerhörte
Starrheit veranlaßt den König, noch einmal nachzugeben. Er eilt mit
der Großmutter in der Morgendämmerung zu ihm, bittet um Verzeihung
und verspricht Abhilfe. Columban wird dadurch wenigstens zur Rückkehr
in sein Kloster bewogen. Allein nicht lange werden die eidlichen
Zusagen gehalten; nur allzubald bricht man sie. Die Bedrängnis der
Klöster nimmt zu; der König kann den anstößigen Wandel nicht lassen.
In einem bitterbösen Briefe stellt Kolumban gleichsam ein Ultimatum:
entweder sofort endgiltige Besserung oder Exkommunikation. Nun bietet
Brunichilde alles auf, um den Störefried kurzer Hand zu vernichten.
Sie mahnt alle Großen, alle Höflinge, alle Vornehmen, des Königs Sinn
gegen den Gottesmann zu verwirren, hetzt die Bischöfe auf, seine
Religion herabzusetzen und die Ordensregel, die er für seine Mönche
aufgestellt hatte, zu verdächtigen. Die Höflinge lassen sich überreden
und empören den König wider Columban, der sich nun vor die Wahl
gestellt sah, entweder auszuwandern oder sich einem Schiedsgericht
zu unterziehen. Um das Maß voll zu machen, zwang Brunichilde den
Enkel, Columban in Luxeuil selbst zur Rede zu stellen, warum er von
der Gewohnheit der Landesbischöfe abfalle und warum er die Innenräume
seiner Klöster für die Laien absperre. Auf diese Drohungen des Königs
erwiderte Columban, kühn und starken Mutes wie er war, er habe nicht
die Gewohnheit, Laien und Nichtreligiöse in die Wohnung der Diener
Gottes treten zu lassen, hingegen habe er geeignete Gasträume. Hierauf
erklärte der König bündig: »Willst du unsere Freigebigkeit und unsern
Schutz länger genießen, so gewähre für Alle allgemeinen Zutritt.«
Aber ebenso bündig versetzte der Abt: »Willst du irgend an der
bisherigen Regel rütteln, so werde ich eben weder deine Freigebigkeit
noch deinen Schutz mehr annehmen.« Da besann sich der König nicht
länger und betrat rücksichtslos das Refektorium. Aber der Heilige
begleitete diesen Gewaltakt mit so furchtbaren Protesten, daß der
König den verbotenen Raum gleich wieder verließ. Die harten Worte
machten Theuderich glauben, der Heilige habe ihn zum Blutvergießen
reizen wollen: »Du hoffst«, rief er aus, »ich werde dir zum Martyrium
verhelfen, so dumm bin ich nicht. Aber da du doch immer etwas ganz
besonderes haben mußt, wirst du besser thun, wieder hinzugehen, wo du
hergekommen bist.« Sofort brach das Gefolge des Königs einstimmig in
den Ruf aus, sie wollten in diesen Landen Niemanden haben, der sich
über andere erhaben dünke und sich hochmütig von ihnen abschließe.
Columban erklärte, das Kloster nicht zu verlassen; man müsse ihn mit
Gewalt hinauswerfen. Damit beauftragte der König einen Vornehmen names
Baudulf, der dann also, nach des Fürsten Weggang, die Austreibung
des Heiligen vornahm, zwanzig Jahre nach dessen Ankunft, und ihn bei
Besançon internierte. Dort nahm sich der Heilige heraus, an des Königs
Statt Verbrecher im Kerker gleich selbst zu begnadigen. Als Columban
ferner sah, er werde in seiner Verbannung nicht bewacht und von
Niemanden belästigt, stieg er auf den die Stadt und das Thal des Doubs
überschauenden Berg, prüfte, ob man ihm den Weg zu sperren trachte
und da dies nicht der Fall war, ging er mitten durch die Stadt mit
den Seinigen wieder in sein Kloster zurück. So hatte er eigenwillig
den königlichen Bann gebrochen und den Zorn der alten Brunichilde und
des Königs aufs neue und heftigste wider sich herauf beschworen. Der
frühere Exekutor Baudulf und außerdem Graf Berthari in Begleitung der
nötigen militärischen Mannschaft vollstrecken den königlichen Befehl,
der glimpflich auch dieses Mal nur auf Ausweisung lautete. Columban
weigert sich erst, das Land zu räumen, dann aber fordert er alle seine
Mönche auf, mit ihm das Kloster und Theuderichs Reich zu verlassen.
Ragamund, der Führer der Bewachung, hatte ihn bis Nantes zu begleiten.
Aber die Eskorte, die sie an die Grenze bringt, soll nur die Britten
mitziehen lassen, die fränkischen Mönche dagegen im Lande festhalten.
Mit Gewalt wurde Eustasius, sein Schüler, der spätere Abt des Klosters,
von seiner Seite gerissen. Die Reise ging in sonderbarem Zickzack; über
Besançon und Autun nach der Burg Cavalo, wo ein königlicher Roßwart auf
Columban ein Attentat versucht; von da durch das Thal der Cure nach
Auxerre; dort wendet sich der Heilige plötzlich, in einer prophetischen
Anwandlung an den Führer der Kolonne mit den Worten: »Chlothar, den ihr
jetzt verachtet, werdet ihr in drei Jahren zum Herrn haben«. Erstaunt
fragte Ragamund: »Herr, weshalb sprichst du solches zu mir«, und
erhielt zur Antwort: »Du wirst es schon erleben, wenn du bis dann noch
am Leben bist«. Obschon nun Auxerre, die nördliche Höhe von Orleans
erreicht war, stieg man wieder tief südlich bis Nevers herab, um hier
die Loire auf Kähnen zu überschreiten. Dann geht es nach Orleans; da
der König ihnen verboten hat, die Stadt und wäre es auch nur, um deren
Kirchen zu betreten, lagern sie sehr traurig unter Zelten am Ufer der
Loire. Zwei Mönche werden in die Stadt geschickt, um an Vorräten das
Notwendige zu erlangen. Aus Furcht vor dem König wagte man nicht,
ihnen etwas zu schenken oder zu verkaufen. Auf dem Rückweg treffen sie
auf der Straße die syrische Frau eines blinden syrischen Kaufmanns.
Die Fremde ergreift Mitleid mit den hier fremden Britten: »Kommt«,
spricht sie, »in das Haus eurer Magd und nehmt, was ihr braucht. Bin
doch auch ich eine Fremde aus des fernen Ostens Sonne entstammt«.
Auch das Stadtvolk beschenkt nun heimlich die Mönche; offen wagten
sie vor den begleitenden Wächtern nicht ihre Sympathie zu bezeugen.
Von Orleans fahren sie zu Schiff die Loire hinunter bis Tours. Wider
Willen muß die Besatzung Columbans Wunsch, das Martinsgrab zu besuchen,
berücksichtigen und in Tours anlaufen. Nicht nur darf Columban in St.
Martin einen Tempelschlaf thun, er wird sogar von Bischof Leopar zu
Tisch geladen. Beim Essen fragt ihn der Bischof, warum er in die Heimat
zurückkehre. Der Heilige antwortet: »Der Hund Theuderich hat mich von
meinen Brüdern vertrieben«. Dieser in jedem Fall ungebührliche Ausdruck
veranlaßte einen fränkischen Edelmann, Unterthan des beschimpften
Königs, obwohl mit Theudebert verwandt zu dem demütig vorgebrachten
Einwand, ob Milch trinken denn nicht besser sei als Wermut trinken.
»Ich merke schon«, gab der Heilige gereizt zurück: »Du willst wohl die
Pflichten deines Treuverbandes König Theuderich gegenüber erfüllen«.
Jener erklärte, »ja: er habe den Unterthaneneid geleistet und werde
ihn halten, so lang er lebe«. Da fuhr der Heilige fort: »Nun, wenn du
doch König Theuderich in Treupflicht verbunden bist, so wirst du ja
froh sein, von mir als Gesandter zu deinem Freund und König geschickt
zu werden. Bring ihm denn zu Ohren, er und seine Kinder werden in drei
Jahren der Vernichtung verfallen sein; der Herr wird sein Geschlecht
mit der Wurzel ausreißen«. »Warum, o Mann Gottes redest du solches zu
mir?« »Weil ich nicht verschweigen kann, was mir der Herr zu sagen
auferlegt.« Als dann Columban zu seinem Fahrzeug zurückkehrte, fand er
die Genossen sehr betrübt: in der Nacht waren alle Vorräte und alles
Geld aus dem Schiff gestohlen worden. Sofort kehrte Columban in die
Martinsbasilika zurück und machte dem Heiligen Vorwürfe, als handelte
es sich um einen pflichtvergessenen Nachtwächter: »Nicht deshalb
wahrlich habe ich zu deinen Ehren hier gewacht, damit du einstweilen
mich und die meinen zu Schaden kommen lässest«. Das gestohlene Gut
findet sich wieder. Von Tours gelangen sie nach Nantes. Dem König
gehorsam, will hier Bischof Sofronius zu gunsten der Reisenden weder
schenken noch tauschen. Aber zwei fromme Frauen beschaffen hundert Maß
Wein, hundert Maß Korn, hundert Maß Malz, zweihundert Maß Getreide und
hundert Maß anderweitige Naturalien. Nun soll also der Heilige mit
seinen Genossen nach Irland eskamotiert werden, der damit betraute
Bischof und Graf Theudoald von Nantes lassen die Gesellschaft auf
ein schottisches Handelsschiff bringen. Doch läuft es schon bei der
Ausfahrt auf, und wird erst wieder flott, nachdem Columban mit den
Gefährten und aller Habe wieder ans Land geschafft ist. Also, es war
klar, Gott wollte nicht, daß Columban Frankenland verließ. Man wagte
keine weiteren Verfügungen. Der Heilige war frei. Nach seinen eigenen
Worten zu schließen, wäre Columbans Freiheit aber eben doch auch auf
Flucht zurückzuführen[131-a]. Er wandte sich zu dem Feind seines
Verfolgers, zu König Chlothar. Dieser hatte schon gehört, mit wie
vielen und wie schweren Unbilden Brunichilde und Theuderich den Mann
Gottes heimgesucht hatten. Als er ihn erschaute, nahm er ihn auf wie
ein Geschenk Gottes, bat ihn, sich in seinem Reiche niederzulassen,
er werde ihm ganz zu Diensten sein. Columban lehnte ab: sei es, weil
er die Pilgerschaft nun für die ihm zukommende Lebensform erkannte,
sei es, weil er den Grund zu Streit zwischen Chlothar und Theuderich
beseitigen wollte. Chlothar hielt ihn fest, so viele Tage er konnte,
ließ sich von ihm wegen gewisser Mißbräuche schelten, die kaum an
einem Königshofe fehlen, und gelobte alles nach seinem Befehle zu
bessern. Während Columbans Anwesenheit bei Hofe brach zwischen
Theuderich und Theudebert ein Grenzbereinigungsstreit aus, und beide
baten durch Gesandte Chlothar um Hilfe. Dieser war geneigt sich
einzumischen, bewahrte aber die Neutralität, als Columban riet, keinem
beizustehen; in drei Jahren werde er beider Reich in Gewalt bekommen.
Darauf zwang er den König, ihm behilflich zu sein, durch das Reich
Theudeberts über die Alpen nach Italien zu gelangen. Chlothar ließ
ihn zu Theudebert geleiten, über Paris und über Meaux. Hier nahm ihn
ein Edler, Hagnerich, Theudeberts Gefolgsmann auf. Dieser übernahm
es, den Heiligen bei Hofe gut einzuführen, der von König Chlothar
mitgegebenen Flügeladjutanten bedürfe es nicht. Columban segnete sein
ganzes Haus und weihte insbesondere das Töchterlein Burgundofara dem
geistlichen Stande. Zu Eussy an der Marne wurde der Heilige von einem
andern fränkischen Großen und dessen Gattin Aiga bewirtet, die ihm ihre
Knaben Ado und Dado darbrachten. An Theudeberts Hofe wurde er mit Jubel
und Ehrfurcht aufgenommen. Der König schlug ihm die Missionierung der
heidnischen Alamannen vor. Columban wollte es auf den Versuch ankommen
lassen und wählte die Gegend am Bodensee, da die Zeit der Bekehrung
der Wenden und Slaven noch nicht gekommen sei. Dort hätte dann
allerdings auch der Rückhalt am Frankentum, den der kühne Missionar
noch in der Bodenseegegend gewiß beruhigend verspürte, aufgehört. Zu
Bregenz störte er ein heiliges Biergelage, an dem Schwaben aus einer
mächtigen Kufe Wodansminne tranken; in abergläubischer Scheu und aus
Furcht vor dem Könige ließen die erschreckten Heiden diese Schändung
ihres Opfers ungerächt: der fremde Zauberer habe einen starken
Atemschnauf, meinten sie, kaum habe er von weitem gehaucht, so sei das
Faß zersprungen und sei doch mit Reifen gebunden gewesen; offenbar war
ein so gewaltiger Bläser eben doch stärker als ihr bisheriger Gott
Wodan. Ganz unvorbereitet waren sie überdies nicht, denn unter diesen
Götzenzechern saßen einige, die bereits getauft, aber wieder rückfällig
geworden waren. Auch in diesem hintersten Winkel des großen fränkischen
Reiches behielt Columban ein wachsames Auge auf die politischen Wirren
jener Jahre. In einem Traumgesicht schaut er den ganzen Erdkreis so
klein, wie die Schreiber ein Rund mit der Feder zu zeichnen pflegen.
Auf die Nachricht von dem Siege Theuderichs über Theudebert verließ
er Deutschland und das Frankenreich; er wandte sich nach Italien.
Der Langobardenkönig Agilulf sagte ihm sofort alle Gnaden zu. Erst
trat Columban in Mailand gegen die Arianer auf und erhielt dann die
verfallene Peterskirche zu Bobbio im Apennin zur Gründung eines
Klosters angewiesen. Er versah die Ruine mit einem neuen Dach und neuen
Mauern. Einem durch Eustasius von Luxeuil bestellten Ruf Chlothars
_II._ schlug er aus. Er sei nun zu alt. In der That starb er nach dem
ersten Jahr zu Bobbio, im November 615[133-a].
3.
Der Verfasser dieses Lebens des Columban ist Jonas von Susa, der
bedeutendste Heiligenschreiber des siebenten Jahrhunderts. Von Geburt
ein Italiäner, war er im Jahre 615 nach Columbans Tode in dessen
Kloster zu Bobbio eingetreten und hatte daselbst seine Beziehungen zum
Frankenreich geknüpft Im Jahre 628 begleitete er den Abt Bertulf nach
Rom, um für das Kloster die Exemption vom Diöcesanbischof zu erwirken;
aber noch vor Bertulfs Tode verließ er Bobbio und begab sich nach
Gallien. Nur gegen das Versprechen, er werde Columbans Leben schreiben,
ließen ihn die Mönche überhaupt ziehen. In Gallien widmete sich Jonas
unter Leitung des Amandus der Mission der heidnischen Franken. Da er
dabei meistens beschäftigt oder unterwegs war, konnte er erst nach
drei Jahren, etwa 640, die versprochene Arbeit den Aebten Waldebert
von Luxeuil und Bobolen von Bobbio überreichen. Jonas führte den Titel
eines Abtes; wahrscheinlich aber hat er nie ein Kloster regiert,
sondern in herrschaftlichen Diensten gestanden, wahrscheinlich als
Beichtvater und Geschäftsträger der Königin Balthilde oder ihres jungen
Sohnes Chlothar _III._; im Jahre 659 finden wir ihn im Auftrage dieser
Fürstin in Chalons.
Der bedenklichste Punkt in der Darstellung von Columbans Zeit und
Wirksamkeit durch Jonas ist die unwahre, gehässige Zeichnung der klugen
und energischen Königin-Regentin Brunichilde. Er, dem hierin sofort
Fredegar und alle andern folgten, hat den Leumund der merkwürdigen
Frau so entstellt, daß erst durch ehrliche Bemühungen in unseren Tagen
eine gerechte Beurteilung[133-1] möglich wurde. Das übliche Visavis
der gemeinen Stallmagd Fredegunde ist von vornherein abzuweisen.
Brunichilde war kein Engel, aber noch weniger war sie eine Dirne. In
ihrer kurzen Ehe mit Sigibert hat sie dessen Treue nicht getäuscht
und auch ihre phantastische Heirat mit Merowech beschattet wohl ihre
politische Klugheit in jungen Jahren, aber nicht ihre Frauenehre.
Selbst der Haß der mönchischen Gegner wagt erst für ihr Greisenalter
die schon darum unglaubliche Verdächtigung ihres Wandels. In der
Politik hat sie unerlaubte Mittel nicht gescheut; aber nie ist sie, wie
Fredegunde, mit Gift und Dolch umgegangen. Mehrfach übt sie Milde und
Großmut, kauft in fränkische Kriegsgefangenschaft geratene Langobarden
los, unterstützt wohlthätige Anstalten, ist freigebig gegen die Kirche
und die Armen. Als Herrscherin wuchs sie zwar erst nach und nach in
ihre Aufgabe hinein; dann aber verfolgte sie immer energischer, immer
bewußter ihr Ziel: gegenüber einer zügellosen Interessenpolitik und
einem Egoismus, dem nichts mehr heilig war, die Sache des Staates,
der Reichseinheit, des Rechts, des Königtums. Da, während sie erst
für den Sohn, dann für den Enkel und schließlich für den Urenkel die
Herrschaft führte und jahrzehntelang immer aufs neue, zumal ohne eine
verfassungsmäßige Sicherheit ihrer Frauenregentschaft, Kampf und Kampf
gegen den australischen Adel ausfocht, fuhr ihr nun auch noch der
hergelaufene Idealist in die Quere, als der ihr, von ihrem Standpunkt
aus mit Recht, Columban vorkam. Gleichgiltigkeit oder gar Feindschaft
gegen die Kirche darf man aber einer Brunichilde nicht vorwerfen, die
Papst Gregor der Große zu seiner wesentlichsten Mitarbeiterin in den
kirchlichen Angelegenheiten ihres Reiches herbeizog. Verblendung und
niedere Parteileidenschaften hat die hohe Frau in die Blutmegäre der
Sage verwandelt und zwar aus bloßem Haß, daß ihre staatsmännische Hand
bei Lebzeiten die Kirche in so festen Zügeln gehalten hatte.
Dem Inhalte nach ist von Jonas Werken das Columbansleben weitaus das
wichtigste. Obwohl es auf persönliche Erinnerung zurückgeht, ist es
doch nur mittelbare Memorie, insofern Jonas den Columban ja nicht
selber gekannt hat, aber eben doch in seinem ganzen Wesen durch ihn
bestimmt war. Auch in den andern Schriften des Jonas tritt das Element
der Memorie in den Hintergrund. Er ist nämlich nach Gregor einer
der wenigen, die sich der Forschung widmen und mehr als eben ihren
einen Heiligen beschreiben. Dabei zeigt sich aber deutlich von wie
geringer Sorte diese damalige Art Forschung war. Auf der Reise nach
Châlons rastete Jonas einige Tage im Kloster des heiligen Johannes
von Reomaus[134-1]. Die Mönche baten den berühmten Hagiographen,
ihnen niederzuschreiben, was sich über das äußere Leben des heiligen
Stifters sowie über seine geistige Entwicklung durch seine Schüler
bis auf ihre Tage in der Erinnerung erhalten hatte. Jonas willfahrte
dem Gesuch und widmete die Schrift dem Abt Hunna. Zu dem Kloster
hatte er keine anderen Beziehungen als die der eben genossenen
Gastfreundschaft. Er war somit auch dem lokalen Stoff ein Fremder;
überdies waren zweihundert Jahre seit der Geburt des Heiligen
verflossen. Die mangelhafte Komposition und der dürftige Inhalt sind
daher verständlich. Geboren war Johannes, nach Jonas, frommen Christen
namens Hilarius und Quieta. Mit zwanzig Jahren faßte er den Entschluß,
seine Heimat zu verlassen, und seinen religiösen Neigungen nachzugehen.
Zuvor erbaute er jedoch ein kleines Oratorium in seinem Geburtsorte.
Diesen Entschluß, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, setzt Jonas
in die Zeit, als der Konsul Johannes unter kaiserlicher Hoheit Gallien
regierte. Offenbar hat Jonas gar nicht an einen Jahreskonsul, sondern
an einen hohen römischen Verwaltungsbeamten in Gallien, wahrscheinlich
an den Consularis der Lugdunensis Prima gedacht. Die Begebenheit muß
vor die Zeit fallen, da die Burgunder bis in diese Gegend vorgerückt
waren, also vor das Jahr 457; aber mag nun auch uns die genaue
Zeitangabe entzogen sein, so hat Jonas in seiner Weise sie doch gemacht
und damit durch chronologische Eingliederung des Gegenstandes diese
Lebensbeschreibung der Befangenheit der Memorie entzogen. Johannes
zog sich damals in die gebirgige Gegend zwischen Armançon und Serain,
zwei Nebenflüsse der Yonne zurück. Er gründete hier sieben Milien
von der Burg Semur en-Auxois entfernt, das Kloster, das heute nach
seinem Stifter Moutiers Saint Jean genannt wird. Von einem Brunnen
daselbst ging die Sage, daß vor der Ankunft des Heiligen ein Drache
darin hauste, dessen Tod er durch Gebet und energische Durchstöberung
des Brunnens bewirkt haben soll. Schon bei dieser Handlung war er von
Genossen begleitet. Nachdem er die Leitung des neugegründeten Klosters
übernommen hatte, hielt er bei seinen Untergebenen streng auf die
Beobachtung der Regel. Der Ruf des frommen Mannes veranlaßte eine
Pilgerfahrt um die andere. Und auch in demselben Maße, wie die Schaar
seiner Mönche wuchs, nahm sein Selbstvertrauen ab, und es schien ihm
jetzt zuträglicher für sein Seelenheil zu sein, andern zu dienen als
zu befehlen. Ueberdies war er selber noch nicht ausgebildet in der
Strenge klösterlicher Disziplin; was er davon wußte, hatte er sich als
Autodiktat aus der Lektüre oder mündlichen Berichten angeeignet. Aus
Demut und dieser Studien halber begab sich Johannes in Begleitung von
zwei Genossen in die damalige Musteranstalt für mönchisches Leben,
das Kloster Lerinum, dem Honoratus vorstand. Unerkannt weilte er hier
in strengem Gehorsam gegen seine Obern anderthalb Jahre. Da führte
ein Zufall seine Entdeckung herbei. Ein Fremder, der zu Besuch kam,
erkannte ihn unter den arbeitenden Mönchen und erzählte den staunenden
Lerinern, wer der schlichte Mönch sei, der die niedrigsten Dienste
that. Das Gerücht von dieser Begebenheit kam dem Bischof Gregor von
Langres zu Ohren, zu dessen Diöcese das Kloster des Johannes gehörte.
Er sandte Mönche aus diesem Kloster mit zwei Briefen nach Lerinum:
Honorat und dessen Mönche ersuchte er, der Rückkehr des Johannes
nichts in den Weg zu legen und diesen forderte er auf, heimzukommen;
der ernsten Mahnung seines Bischofs mußte der Heilige Folge leisten.
Indessen kann diese auf den ersten Blick scheinbar glaubwürdige
Episode so doch nicht stattgefunden haben, da Abt Honoratus von
Lerinum und Bischof Gregor von Langres nicht Zeitgenossen, sondern
etwa um ein Jahrhundert auseinander waren; davon abgesehen ist der Zug
wahrscheinlich; denn da der größte Teil der Lebenszeit des Heiligen
in das fünfte Jahrhundert fällt, so wird er wohl wie so viele andere
Männer dieser Zeit ihre Ausbildung dort genossen haben. Nach seiner
Rückkehr ließ sich Johannes wiederum die Leitung und Ausbildung
seiner Mönche nach der Regel angelegen sein und wurde darin von einem
Mönch namens Filomeris unterstützt. Die Regel, die der Heilige vor
der Lerinenser Periode befolgte, hatte Jonas nicht näher bezeichnet;
jetzt nennt er den Verfasser Macarius. Die erste Sorge der Brüder
war, den mit dichtem Gebüsch bewachsenen Boden urbar zu machen, damit
er ihrem Unterhalte diene. Mit Aexten bewaffnet begaben sie sich in
die Wälder, hieben sie nieder, rodeten das Land aus und erschlossen
es der Kultur. Als sie einmal auf den Ruf des Seniors gehorsam ins
Kloster zurückkehrten und aus Bequemlichkeit die Beile draußen liegen
ließen, stahl diese ein Dieb, so daß sie hernach die unterbrochene
Arbeit nicht fortzusetzen vermochten. Johannes, ungehalten über diese
Ausrede, fahndete nach dem Dieb und nahm ihm die Beute ab. Die Arbeit
trug ihre harten Früchte. Wohlgefüllte Speicher schützten nicht allein
die Mönche vor Not, sondern gestatteten auch die Unterstützung der
Nachbarn bei Mißernte. Die Besorgung der Feldwirtschaft blieb aber nach
wie vor Sache der Mönche. Auch ein Bild aus dieser späteren Zeit führt
uns Jonas vor. Es ist Erntezeit; die reife Saat harrt der Schnitter.
Die Mönche begeben sich truppenweise auf die Felder, um die Frucht zu
schneiden. Erst der Eintritt der Nacht setzt ihren Mühen ein Ziel.
Die fleißigen Brüder kehren jetzt in das Kloster zurück; nur einer,
Claudius, bleibt auf Befehl der Vorsteher die Nacht über als Wächter
bei der Frucht. Auch er versinkt in Schlaf, aber mitten in der Nacht
erwacht er und macht sich Sorgen, daß die ermatteten Genossen die
Gebetsstunde verschlafen würden. Da sieht er plötzlich eine strahlende
Kugel den Himmel erleuchten. Während er noch betäubt ist von dem
Wunder, hört er, wie der Hahnenschrei den kommenden Tag verkündet und
zugleich Glockenläuten die Brüder zum Gebete ruft. Am Morgen erzählt
er dem Abte sein nächtliches Erlebnis. Aber dieser warnt ihn vor
Ueberhebung. Kein sündiger Mensch sei wert, die himmlischen Vorgänge
zu schauen. Die freie Natur zogen diese Mönche der Klosterzelle vor.
Nach Art der alten Streiter pflegte Johannes dem Gebet und Fasten im
Walde obzuliegen, wo er dann mit den armen Leuten zusammentraf, die
sich Waldfrüchte für ihren Unterhalt suchten. Als seine Mutter zum
Kloster kam, um ihn nach langer Trennung wieder zu sehen, schlug er ihr
diesen Wunsch ab; um sie nicht allzusehr zu betrüben, zeigte er sich
ihr wenigstens von der Ferne; er ließ ihr aber ankündigen, sie würde
ihn in diesem Leben nicht mehr sehen. Wie ganz anders wurde Sequanus
empfangen, ein benachbarter Heiliger, der Gründer von Segestrum,
heute Saint Seine. Dem Sonderling hatte es beliebt, in stockfinsterer
Nacht seinen Besuch abzustatten. Heimlich betrat er die Kirche, um zu
beten. Aber Johannes erhielt durch göttliche Offenbarung Kenntnis von
dessen Ankunft. Er weckte einen Diener und ließ nun die Mönche durch
Glockenschlag zusammenrufen, daß die dem Ankömmling die Pflichten der
Gastfreundschaft erwiesen. Zur Messe war das Kloster des Johannes
mit Andächtigen überfüllt, da alle seine Predigt zu hören wünschten.
Der Heilige pflegt aber für die Laien besonders Messe zu lesen; denn
er wünschte nicht, daß seine Mönche durch den Lärm der Menge gestört
würden. Die Laien hatten also zunächst abzutreten und vor der Kirche zu
warten. Das Kloster war ein Asyl für Bedrückte und die letzte Hoffnung
für Schwerkranke. Ein Sklave, der einen Fehltritt begangen hatte,
nahm die Vermittlung des Johannes in Anspruch, um von seinem Herrn
Verzeihung zu erlangen. Der Heilige setzte auch einen Brief an diesen
auf, aber seine Fürbitte wurde nur verächtlich aufgenommen. Sonst waren
es vornehmlich Kranke, die dem Kloster zusprachen. Hatten sie dann
durch den Heiligen ihre Gesundheit wieder erlangt, so blieben sie wohl
auch aus Dankbarkeit gegen ihren Retter im Kloster. Auf der Rückkehr
von dem Zuge nach Italien, den der hochstrebende König Theudebert
über die Alpen unternommen hatte, befand sich unter den burgundischen
Truppen ein Mann, der von heftigem Fieber geplagt wurde. Sein Bruder
eilte zu Johannes und erbat sich von ihm geweihte Eßwaren, ersuchte
auch den Heiligen, jenen in sein Gebet einzuschließen. Er erhielt ein
Brot und fünf Obstfrüchte; man gab sie dem ungeduldig harrenden Kranken
in drei Teilen mit Wein befeuchtet ein, und er genas zur Stunde. Das
letzte Wunder des Johannes fällt in die Zeit, da eine schwere Seuche
ganz Gallien verheerte. Ein Mann wird auf der Heimreise von Paris
von der Krankheit befallen, indem sich ein böses Geschwür bildet.
Sobald er nach Hause zurückgekehrt ist, läßt er sich Wasser aus dem
Brunnen holen, den der Heilige geweiht hatte. Ein Diener bringt ihm
das gewünschte mit dem Segen des Heiligen. Als er nun gläubig davon
getrunken hatte, barst das Geschwür und er erlangte seine Gesundheit
wieder. Gemeint ist die Seuche vom Jahre 543, die in Aegypten ihren
Anfang nahm und sich über den ganzen Erdkreis verbreitete. Johannes
stand in großer Verehrung bei den fränkischen Königen und beim Adel.
In weltliche Geschäfte mischte er sich aber nicht. Er starb im Alter
von sage hundert und zwanzig Jahren am 28. Januar sei es 544, sei es
eines der folgenden Jahre. Ueber den Schluß der Vita, die sich noch
mit den Nachfolgern und der Translation der Gebeine des heiligen
Johannes beschäftigt, darf hier hinweg gegangen werden, und ebenso
genügt für die übrigen Heiligenleben des Jonas eben die Erwähnung. Es
sind sozusagen drei Nachträge zum Columbansleben; denn es handelt sich
um Eustasius von Luxeuil, Columbans Vertrauensmann seiner Stiftungen
in den Vogesen, um Attala und Bertulf, Columbans Nachfolger in der
Abtswürde zu Bobbio und um Burgundofara, das junge Mädchen, das durch
ihn zur Nonne geweiht worden war.
Dagegen verlangt hier eine Schrift nähere Beachtung, die nicht durch
die Ueberlieferung, wohl aber durch ihre Sprache in die Nähe des Jonas
gerückt wird: das Leben des Vedastes von Arras. Sie tritt anonym auf
und ist nicht in der alten merovingischen Schriftsprache, sondern in
jenem gekünstelten Latein geschrieben, das durch Jonas von Susa in
Gallien eingeführt worden ist. Sämtliche Lieblingsausdrücke aus Jonas
Schriften finden sich in dieser Vita wieder vor, der Sprachschatz
ist der gleiche und fällt um so leichter ins Auge, als Jonas sich in
seiner aus den verschiedensten Autoren zusammengestoppelten Sprache
nicht frei bewegen konnte. Wie sollte nun aber der Italiener dazu
kommen, das Leben eines Bischofs von Arras zu beschreiben? Es läßt
sich indessen nachweisen, daß sich Jonas in der That in jener Gegend
aufgehalten hat. Von Bobbio kommend schloß er sich dem heiligen Amandus
an, der in der sumpfigen Niederung des Elno, im äußersten Norden des
Landes sich angesiedelt hatte. Drei Jahre brachte Jonas daselbst zu,
und da nach der Art jener Missionare auch er für größere Exkursionen
den Wasserweg auf der Scarpe und Schelde zu benutzen pflegte und Arras
an der Scarpe liegt, so kann Jonas wohl gelegentlich mit seinem Kahne
in diese Stadt gelangt sein. Da mag er dann gebeten worden sein, das
Leben des Lokalheiligen aufzuzeichnen und wird seine Aufgabe als
federfertiger Mann in kürzester Frist erledigt haben, wie er ja auch
für das etwas längere Johannesleben nur wenige Tage gebraucht hat.
Auch diese Schrift ist flüchtig hingeworfen und dürftig im Inhalt.
Den kümmerlichen Stoff hat Jonas sich dadurch etwas erweitert, daß er
Chlodowechs Alamannenkrieg in das Leben verflocht und daran einige
Kombinationen wagte. Ueber den vierzigjährigen Episkopat weiß er nur
eine einzige Anekdote zu berichten. Wer indes auch sonst immer außer
Jonas etwa der Verfasser gewesen sein könnte, Berichte von Augenzeugen
hat er sicher nicht benutzt und außer Gregor auch keine schriftliche
Quelle. Die Schrift spiegelt die Lokaltradition von Arras und fixiert
somit, was man sich zur Zeit des Verfassers über den Heiligen daselbst
erzählte. König Chlodowech, so hieß es, hatte in Rheims dem Bischof
Remigius den frommen Vedastes von Toul überlassen; dessen Zelle wurde
nun in Rheims mit Vorliebe von den Vornehmen besucht; man liebte
seinen sanften Mut und seine liebliche Rede. Remigius bestimmte ihn
einem größeren Berufe und schickte ihn in den unwirtlichen Westen; als
Bischof von Arras sollte Vedast die Bekehrung des fränkischen Volkes
fördern. Die Stadt, vor fünfzig Jahren durch Attilas Hunnen zerstört,
lag noch in Trümmern. Der neue Bischof nahm von einer Wüste Besitz.
Als er zum Stadtthor kam und eintreten wollte, wurde er angebettelt;
er sagte, mit irdischen Gütern sei er nicht gesegnet, aber er habe
besseres zu geben. Die zwei Bittsteller wollten jedoch mit Gewalt das
Geld, das er auf sich trug, abnötigen, sagten aber, als er wiederum
seinen Ersatz für Gold und Silber pries, sie wollten dem also verlieb
nehmen. Da sprach er: »Wenn euer Glaube meine Worte begleitet, so
spendet die Gnade des Allmächtigen jedem von euch die alte Gesundheit«.
Nun legte er die Hände über die Augen des einen, berührte die gelähmten
Glieder des andern, machte das Zeichen des Kreuzes, blickte aufwärts
gen Himmel, sofort gewann der Blinde das Gesicht, der Lahme den Gang
wieder und jauchzend gingen sie beide heim. So gelangte er zur Kirche
und trat ein. Da sah er sie ungepflegt und durch die Gleichgiltigkeit
der heidnischen Bürger vernachlässigt, angefüllt mit Vipern und
befleckt durch Kot und Lagerstätten wilder Tiere. Auch viele Häuser
der Stadt waren unbewohnt und starrten vor Schmutz. In einem hauste
ein Bär. Vedast vertrieb ihn und verbannte ihn ein für allemal über
das Flüßchen Crinchon hinüber. Offenbar liegt doch hier die Sage von
der Neustiftung des Bistums Arras durch Vedast in populärer Fassung
vor. Auch über Vedasts politische Stellung mag mit der Lokalmemorie
soweit getreu berichtet sein, daß Vedast zum Hofe Chlodowechs rege und
freundschaftliche Beziehungen unterhielt, daß er dagegen mit Chlothar
nur einmal gelegentlich in Berührung kam, an drittem Orte beim Gastmahl
eines Großen namens Hozinus. Dort behandelt Vedast die Bierfässer
nach Columbans Muster. Ueber seine Missionsthätigkeit verlautet, eine
Gesamtbekehrung der Franken jener Gegend sei ihm nicht gelungen,
dagegen hätte die Zahl der einzelnen Konvertiten steigend zugenommen.
In Luxeuil entwickelte sich unter dem Einfluß des Jonas eine
hagiographische Thätigkeit bei den Mönchen, in die wir uns jedoch
leider keinen zusammenhängenden Einblick verschaffen können. Vielfach
handelte es sich um Ware von leichtfertigster und oberflächlichster
Mache; so ist die Vita des Agilus von Resbay[140-1] wertloses
Flickwerk. Die biographischen Thatsachen und Namen sind fast alle sei
es dem Columbans- sei es dem Eustasiusleben entnommen; wirkliche Liebe
zum Gegenstande verleugnet sich ja freilich nicht, aber da es sich um
den Genossen eines schon beschriebenen Heiligen handelt, so glaubte
sich der Schreiber weiterer Mühe möglichst überheben zu dürfen, und
kopierte so viel ihm eben paßte; wenn er nur seinen Helden möglichst
hoch hob. Seine Angaben verdienen daher auch da, wo sie selbständig
scheinen nur geringen Glauben: wie leicht kann das scheinbar wahre
eben nur unbewußte Kombination von Irrtümern des Verfassers sein; so
seine Abordnung an den Hof nach Boucheresse als Gesandter des Klosters,
seine Missionsreise mit Eustasius zur Bekämpfung einer Häresie des
Bonosus, die sie zu den Bojen oder gar den Bayern und dann wieder
nach Metz führte. Harmlose Züge aus dem Klosterleben von Resbay mögen
echter sein: einmal holte der Abt einen armen Aussätzigen, der in der
Winternacht draußen jammerte, auf dem Rücken herein, und bei einer
Kirchweih, da es an Wein gebrach, gelang ihm ein zweites Wunder von
Cana, sodaß die Mönche mäßig, das Volk aber übers Maß fröhlich wurden.
Nicht alle Schülerarbeit von Luxeuil ist so gering ausgefallen. So
schrieb der Mönch Bobolen, kaum schon vor Jonas, sondern später als Abt
von Bobbio, ein gewissenhaftes Lebensbild des heiligen Germanus, des
Stifters von Moutiers-Grandval im Jura[140-2]. Germanus stammte aus
einem Trierer Adelsgeschlecht und stand in engen Beziehungen zu Bischof
Arnulf von Metz. Nach einem Aufenthalt im Kloster zu Remiremont trat er
dann in Luxeuil unter Abt Waldebert ein. Diesem hatte der elsäßische
Herzog Gundonius einige entlegene Grundstücke im Jura angewiesen.
Waldebert besichtigte sie in eigener Person und schickte zunächst
den Fridwald, einen Genossen des Columba, um den Klosterbau ins Werk
zu rufen; Abt aber wird Germanus und ihm zugleich das Gotteshaus von
Sankt Ursitz unterstellt. Er übernimmt die Obhut über die angrenzenden
Thalschaften und ersetzt die alte Römerstraße von Pierre Pertuis, die
über die Höhen gegen Glovelier hinführte, durch die an der Felsenwand
abgesprengte Straße, die bis auf den heutigen Tag der Birs entlang das
Thal durchzieht. Die Unruhen im merovingischen Reich, die in jener
Gegend ums Jahr 666 zu einem Herzogswechsel führten, und Einfälle
heidnischer Alamannen zerstörten leider die Thätigkeit des edeln
Abtes. Er selbst wird, auf der Rückreise vom Besuche bei seinem neuen
Landesherrn mit seinem Gefährten Randoald erschlagen. Die beiden
Leichen wurden zuerst in die Kirche von St. Ursanne gebracht und dann
in der Peterskirche des Klosters Münster beigesetzt.
Anhangsweise muß hier auch einer litterarischen Erscheinung gedacht
werden, die ohne Heiligenleben zu sein, verwandten Inhalt hat und ohne
sich über ihre Herkunft offen auszuweisen, wahrscheinlich auch in dem
irischen Vogesenkloster zu Hause ist: das sogenannte hieronymische
Märtyrerverzeichnis[141-1]. Es ist unverkennbar gallische Arbeit und in
seiner ältesten Gestalt in den beiden Jahren 627/628 geschrieben worden.
Der Verfasser war weniger ein gelehrter, als ein sehr fleißiger
und wißbegieriger Mann. Er benützte ein altes orientalisches,
wahrscheinlich von einem Arianer abgefaßtes Martyrologium aus der
zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts, das seinerseits auf der
Martyriensammlung des Eusebius von Cäsarea beruhte. Für Afrika ist ein
vorwandalischer Kalender benutzt, für Rom ein römischer, der während
der Jahre 312 bis 422 geführt wurde. Im übrigen hat der Verfasser
unermüdlich Namen und Festtage gesammelt und in die Kalendertabelle
eingetragen, sodaß ein antiquarischer und ein currenter Teil zu
unterscheiden ist oder, anders eingeschätzt, ein ausländischer und ein
gallischer Teil. Durch die zunehmenden lokalen Einträge erhielt das
Werk den überwiegend nationalen Anstrich, den es jetzt hat. Und auch
dann noch scheidet es sich in zwei Exemplare, von denen das eine das
Festverzeichnis von Luxeuil, das andere bei den Kirchen von Auxerre und
Autun verbreitet und vervollständigt wurde; endlich scheint es auch
nach Aquitanien gekommen und dort mit Zusätzen versehen worden zu sein.
Mit Auxerre hat der Verfasser persönlich nichts zu thun, alles deutet
darauf hin, daß er Mönch von Luxeuil war und dort geschrieben hat. Die
bayrische Heilige Afra von Augsburg, die in römischer Zeit von ihrem
nicht eben anständigen Berufe sich bekehrte und Märtyrerin geworden
war, ist nicht weniger als viermal im Verzeichnis erwähnt. Wenn es mit
der Missionsthätigkeit des Abtes Eustasius in Bayern seine Richtigkeit
hat, so mag er ihren Kultus in Luxeuil eingeführt haben; denn ohne
die Lechbrücke bei Augsburg zu überschreiten, konnte der burgundische
Wandersmann Bayern nicht betreten. Sonst hat unsere Martyrologe nicht
das leiseste Bedürfnis zu Notizen über das Leben seiner Heiligen. Das
nackte Schema der Tabelle genügte ihm durchaus. Bei ihm handelt es
sich nun also ausschließlich um gelehrte Systematik trockensten Stils,
während ja gerade deren Verbindung mit der memorienhaften Anekdote das
Werk Gregors so anziehend und so wertvoll macht.
4.
In jener Zeit, da die Macht der Dynastie zusehends zerbröckelte, kündet
sich dasjenige der Adelsgeschlechter, das die Merowinger schließlich
stürzen und ablösen sollte, auch dadurch als das moralisch höhere an,
daß sein Stammvater der Gemeinschaft der Heiligen angehört. Arnulf von
Metz ist von einem ihm untergebenen Mönche nach eigener Anschauung
und Mitteilungen der Dienerschaft geschildert worden. Der Schreiber
war freilich der merkwürdigen Doppelgestalt des Staatsmanns und Laien
nicht gewachsen; ihn interessiert durchaus einseitig der Asket und
der Wunderthäter, als der Arnulf gegen das Ende seiner Tage sowohl
seine weltlichen als seine geistlichen Befugnisse vernachlässigte.
In seiner Jugend hatte er sich unter den jungen Adeligen am Hofe
durch sein intelligentes Wesen ausgezeichnet. Er füllte zunächst eine
militärische Stellung aus, trat dann aber in die königliche Verwaltung
und hatte schließlich sechs Grafschaften unter sich. Er war bereits
Gatte und Vater, als die nähere Bekanntschaft mit dem heiligen Romarich
ihn mitten am Hofe für das mönchische Ideal gewann. Im Begriff, in
Lerinum einzutreten, nahm er die Wahl als Bischof von Metz an und legte
auch seine weltlichen Aemter zunächst noch nicht nieder. Chlothar
_II._ betraute ihn mit der Regierung Austrasiens unter der nominellen
Herrschaft des noch minderjährigen Prinzen Dagobert. Dann aber hielt
ihn kein König mehr. Er zog sich in seine Stiftung, Romarichs Kloster
Remiremont oder Habendi, zurück und lebte dort Gott und den armen
Leuten.
Das dann folgende Zeitalter der Königin Balthilde, an Heiligen nicht
reicher als andere, hat für deren gleichzeitige Beschreibung jedoch
mehr einzelne Kräfte aufgebracht, als bisher gewöhnlich gewesen war.
Die Fürstin selbst ist zunächst von einer nicht übel berichteten
geistlichen Zeitgenossin unter dem unmittelbaren Eindruck ihres
Wandels kunstlos und treuherzig geschildert worden. Sie war eine
angelsächsische Prinzessin, aber kriegsgefangen nach dem Festland
verschlagen worden und unter das Gesinde des fränkischen Majordomus
Erchinoald geraten. Dieser wollte sie heiraten; doch wußte sie sich
den Bewerbungen des Witwers zu entziehen; ob sie dabei bereits in
bewußter Absicht mit der glänzenderen künftigen Stellung rechnete
oder ob die Heirat eine mehr oder weniger sachliche Kombination
des Leiters der Politik Erchinoald war, Balthilde wurde die Gattin
Chlodowechs _II._, dem sie drei Erben Chlothar, Childerich und
Theuderich schenkte. Nach dem Tode des Königs im Jahre 657 führte sie
für Chlothar die Regentschaft und förderte in dieser hohen Stellung
die Kirche, konnte sich aber in den Hofintriguen nicht halten und
wurde ins Kloster getrieben. Ihre Liebesthätigkeit galt besonders den
christlichen Sklaven; sie kaufte viele los, am liebsten Angelsachsen.
Sie lebte in Chelles als die niedrigste der Nonnen und starb an einem
Unterleibsleiden im Jahre 680. Das andere von ihr gestiftete Kloster
war Corbie. Als der von ihr daselbst eingesetzte Abt noch lebte, wurde
ihr Lebensbild wahrscheinlich in Chelles verfaßt nach dem Muster von
Fortunats Leben der Radegunde; später glättete ein etwas besserer
Skribent das unbeholfene Latein dieser Erinnerungen an die andere
merowingische Königin, die sich um ihre Krone noch den Heiligenschimmer
hinzu erworben hatte.