Da trat der Gottesmann Severinus auf. Er kam aus dem Morgenland und
war katholischen Glaubens. Später wenn ihn seine vornehmen Besuche
nach seiner Heimat fragten, wich er aus[047-b]. Nur an seiner
Aussprache ließ sich der Afrikaner lateinischer Abkunft erraten.
Gelegentlich deutete er an, er habe sich in eine Wüste des Morgenlandes
zurückgezogen und schon sehr viel durchgemacht. Nun wolle er in den
Städten von Ufernorikum an der Grenze von Oberpannonien dem Einbruch
der Barbaren entgegenwirken. Er zog von einer Stadt zur andern und
weissagte den nahen Untergang, wenn man nicht bete und faste[047-c].
Astura blieb halsstarrig und wurde zerstört. Nur in Commagena hörte man
auf ihn. Da vermochten die Barbaren nichts gegen die Römerstadt[047-d].
Es erfolgte ein Erdbeben. Die germanische Garnison und Thorwache floh.
In Favianä sollte er der Hungersnot steuern. Er forderte einer reichen
geizigen Dame ihr aufgespeichertes Getreide ab[047-e]. Zu gleicher Zeit
kamen nun die Kornschiffe aus Rätien wieder die Donau hinunter, nachdem
der starke Eisgang des Inn ihre Fahrt aufgehalten hatte[047-f]. Mit
Erfolg ermunterte Severin den Tribunen Mamertinus trotz der schwachen
Besatzungen gegen gefährliche Räuberzüge auszufallen. Nun richtete
sich der Heilige in einer schlichten Zelle zwischen den Rebbergen
ein, wechselte gelegentlich seine Siedelei, ging aber auch im Winter
barfuß, und das in einem Klima, wo Lastwagen über die gefrorene Donau
fahren konnten. Der Rugierkönig Flacciteus beriet sich in seiner
Bedrängnis vor den Gothen mit Severinus[047-g]. Dieser bedauerte, daß
er mit einem Arianer sich nicht über das künftige Leben unterhalten
könne. Was aber das Erdbeben betreffe, so habe der König gegenüber
den Gothen das und das zu thun. Seine Weisungen wurden befolgt und
erwiesen sich überall glücklich[047-h]. Eine Witwe rugischen Stammes
kam mit ihrem Sohn vor das Kloster gefahren: er habe seit zwölf Jahren
die Gicht, der Heilige solle ihn gesund machen. Der Kranke genas. Auch
aus anderen Volksstämmen erhielt Severin Besuche. Ja einmal erschien
der junge Odoaker bei ihm, damals als er noch nichts war[047-i]. Aber
mit seinem Haupt hatte der Riese an das Dach der Zelle gestoßen.
Beim Abschied sagte der Heilige bedeutungsvoll zu dem künftigen
König: »Ja, geh nur nach Italien, geh nur!«[048-a] Später kam auch
Flacciteus’ Sohn, König Feleteus oder Feva, öfters. Sein Weib Giso
fügte den Katholischen Leid zu, wo sie konnte. Severins Einsprache
erhöhte noch ihre Wut. Erst als es ihrem Kind ans Leben ging, erschrack
sie und gab nach. Einmal ließ Severinus auf dem Markte nach einem
Unbekannten suchen, den er im Geist geschaut hatte; ohne ihn sonst je
gesehen zu haben, beschrieb er ihn so genau, daß der Bote den Mann
auf den ersten Blick erkannte[048-b]. Dieser trug die Reliquien der
heiligen Märtyrer Gervasius und Protasius und suchte schon lange die
kostbare Last, die ihm auch auf die Seele drückte, an einem ihrer
würdigen Orte zu bergen. Glückselig ließ er sich zu Severinus führen
und dieser beauftragte Priester, die Bürde feierlich in der Basilika
seines Klosters beizusetzen, wo sie die Gesellschaft anderer Reliquien
vorfand. Ein ihm angetragenes Bistum lehnte Severinus ab und verwandte
sein ganzes Organisationstalent darauf, das Leben seiner Mönche
einzurichten. Der Pförtner des Klosters ging an einem Tage, da ihn der
Heilige ausdrücklich vor dem Ausgehen gewarnt hatte, mit einem Bauern
zwei Meilen weit Obst zu pflücken und wurde richtig von den Briganten
weggefangen. Severin las eben zu Hause; plötzlich schlug er das Buch zu
und rief: »Wo ist Maurus?« Er ließ sich selber über die Donau setzen
und befreite den Vermißten durch sein persönliches Eintreten aus den
Händen der Skamaren[048-d]. Nachgerade wetteiferten die oberen Städte
von Ufernoricum, welche von ihnen den Heiligen beherbergen dürfe, weil
sie sich dann gefeit glaubten. So sicher hatte er bis jetzt immer
geweissagt[048-e]. In Kuchel benutzte Severin diese Popularität, um
dem Heidentum den Garaus zu machen. Er predigte mehrmals eindringlich
dem Volk ins Gewissen, ließ es durch die Priester zu einem dreitägigen
Fasten auffordern, hieß dann aus jedem Hause Wachskerzen mitbringen,
die jeder eigenhändig an der Kirchenmauer aufzustecken hatte. Auf dem
Höhepunkt des Gottesdienstes entzündeten sich auf sein Gebet hin von
selbst fast alle Lichter. Nur die der anwesenden Heiden hatten nicht
Feuer gefangen: O du mächtige Güte des Schöpfers, der Kerzen und
Herzen in Flammen setzt! Eine Heuschreckenplage wurde durch Severin
abgewendet; nur ein einziger Mann verlor seine Ernte, weil er statt in
der Kirche mit den Andern zu bitten, aufs Feld gegangen war und den
ganzen Tag sich bemüht, das Ungeziefer zu verjagen[048-f]. In Salzburg
wollte im Sommer bei einem Abendgottesdienst der Feuerstein nicht
Funken schlagen. Severin betete so inbrünstig, daß sich alsobald die
Kerze, die er in der Hand hielt, von selbst entzündete(048–g). Ein
sterbendes Weib konnte auf die Fürbitte des Heiligen schon drei Tage
später wieder Feldarbeit verrichten[049-a]. Häufige Ueberschwemmungen
gefährdeten die Kirche von Guintana im zweiten Rhätien. Es war keine
steinerne Basilika, sondern ein Rohbau aus Holz; er lag außerhalb der
Stadt. Da der Bretterboden immer aufs neue weggespült wurde, unterließ
man schließlich ihn zu ersetzen. Der heilige Severin sorgte indes
dafür, daß das Zimmerwerk nun dauerte. Er nahm ein Beil, stieg in
das Schiff hinunter, betete, schlug an die Pfosten und aichte unter
Segenssprüchen den Boden mit dem Zeichen des Kreuzes. Nie hat der
Fluß den Boden wieder weggeschwemmt[049-b]. Ein alter Priester namens
Silvinus war gestorben[049-c]. Severin wollte die Totenwache in der
Kirche übernehmen und schickte die anwesenden Kleriker schlafen. Der
Pförtner Maternus meldete, die Kirche sei leer. Severin witterte noch
immer einen Menschen. Richtig hatte sich eine neugierige Nonne in einem
Kirchenstuhl verkrochen. Sie wollte der Totenerweckung beiwohnen. Sie
mußte gehen. Severin umgab sich indessen mit einem Priester, einem
Diakon und zwei Pförtnern, und als sie den Leichnam so weit hatten,
daß das Leben in ihn zurückkehrte und der Tote die Augen aufschlug,
fragte ihn Severin vorsichtshalber, ob er denn überhaupt wieder
lebendig zu werden wünsche. Der Tote sagte: mit nichten; nun wolle
er seine Ruhe haben, warum man ihn denn störe. Mit diesen Worten
entschlief er endgiltig. Severin ließ die Augenzeugen eidlich Schweigen
geloben. Erst nach des Heiligen Tode haben der Subdiakon Marcus und
der Pförtner Maternus den Vorfall dem Eugipius unter dem Siegel der
Verschwiegenheit anvertraut. Als Freund der Armen erwirkte Severin,
obwohl er selbst wochenlang fasten konnte, den Zehnten, weil er nicht
vermochte die Elenden hungern zu sehen. Es war dies keine kirchliche
Steuer, sondern private Liebesthätigkeit. Auch Kleidungsstücke wurden
ihm zur Verteilung übersandt. »Sind die milden Gaben von Tigurnia
dabei?« fragte er. »Nein«, hieß es, »es wird noch kommen.« Severinus
aber bezweifelte das, vielmehr werde der verzögerte Beitrag nun den
Goten in die Hände fallen. Und so geschah es wirklich[049-d]. Auch
Lorch entrichtete seine Zehnten nachlässig. Da wurde das reifende
Getreide vom Mehlthau angefressen. Ein von Severin erbetener lauer
Regen dagegen wendete die Gefahr ab[049-e]. In Batava zwischen Inn und
Donau hatte Severin ein Klösterchen gegründet, an der Grenzmark der
Alamannen, deren König Gibold ihm Verehrung bezeugt hatte. Der Fürst
bat um eine Zusammenkunft. Der Heilige ging ihm entgegen und redete
ihm so eindringlich zu, von den Einfällen ins römische Gebiet nun
abzulassen, daß der Kriegsgewaltige wie ein kleines Kind zu zittern
begann und die Gefangenen ohne Lösegeld freizugeben versprach.
Indes wurde Severins Sendbote, der Diakon Amantius dann doch nicht
vorgelassen. Er kehrte nach dreißig Tagen mißmutig um, faßte sich
aber wieder, drang vor die Thür des Königs, gab seine Briefe ab,
erhielt Gegenbriefe und konnte mit siebzig Gefangenen heimkehren.
Später holte der Priester Lucillus den Rest der Gefangenen ab[050-a].
Als die Besoldung der römischen Grenzgarnisonen nicht mehr richtig
einlief, geriet die Landesverteidigung in Verfall. Schließlich
blieben nur noch einzelne schwache Mannschaften übrig. Einige Züge
gingen nach Italien, um den Sold heraus zu verlangen, wurden aber
von den übermächtigen Barbarenheeren in aller Stille aufgerieben.
Sie verschollen. Da wurde Severinus einmal, wieder über dem Lesen
eines Buches durch die Divination unterbrochen, in dieser Stunde
sei Menschenblut vergossen worden. In der That schwemmte[050-b] der
Fluß Soldatenleichname ans Ufer. Eine Vorahnung ließ ihn seinem bei
ihm anwesenden Freunde, dem Priester Paulinus dessen bevorstehende
Wahl zum Bischof von Tiburnia ankündigen[050-c]. Für eine andere
seiner Stiftungen, das Klösterchen zu Boitro suchten die Mönche
Reliquien[050-d]. Severin aber meinte, die Zerstörung des Ortes stehe
nahe bevor, sie sollten sich die Mühe doch sparen, der Johannissegen,
nämlich die Fürbitte des Heiligen, werde ihnen deshalb nicht verloren
gehen. Auch den Bürgern von Boitro, die sich seiner bedienen wollten,
um bei dem Rugierkönig Febanus Handelsfreiheit zu erwirken, gab er
denselben Bescheid, die Tage der Stadt seien gezählt; bald werde kein
Kaufmann mehr nach Boitro kommen. Da sagte ihm in der Taufkirche ein
leichtfertiger Priester ins Gesicht: »So reise doch wenigstens Du ab,
Heiliger Gottes, daß wir uns von Deiner strengen Diät etwas erholen
können.« Der faule Spaß schnitt Severin so ins Herz, daß er vor allen
Leuten in Thränen ausbrach. Ueberzeugt, daß demnächst selbst die
heiligen Stätten hiezuland in Trümmer lägen, fuhr er auf der Donau
nach Favianä hinunter. Und alsobald erreichte die von ihm verlassene
Gegend aus der Hand Hunnimunds und seiner Barbaren ihr Schicksal.
Die bürgerliche Stadtwache, vierzig Mann stark, wurde niedergemacht
und auch jenen Priester, der den Heiligen gelästert hatte, ereilte
die Strafe und gar noch in der Taufkirche, in die er zu flüchten
versuchte. Severinus indessen hatte über dem Studium des Evangeliums
im Kloster zu Favianä wieder ein Hellgesicht, das ihm die Nähe der
Johannisreliquien verriet. Der Mann, der sich am andern Donauufer
wirklich vorfand, war glücklich, dem Heiligen diese Schätze abliefern
zu dürfen[050-e]. Die Zerstörung von Joviacum durch die Heruler sah
Severin ebenfalls voraus. Er ließ einen ihm besonders lieben Priester
namens Maximinianus noch durch einen Eilboten warnen, alles dahinten
zu lassen. Vergebens; der Einfall erfolgte in der gleichen Nacht; der
Priester wurde gehenkt[051-a]. Den Bischof Paulinus von Norikum setzte
Severin von der nahen Verwüstung seines Sprengels durch die Alamannen
brieflich in Kenntnis. Dieser ordnete in allen Kastellen der Diözese
ein dreitägiges Fasten an. Das offene Land wurde schlimm mitgenommen;
die Kastelle konnten sich halten[051-b]. Bald darauf suchte ein
Schwerkranker aus Mailand das Kloster auf. Er hatte Elephantiasis.
Severin ließ das ganze Kloster fasten. Der Kranke fühlte sich besser.
Er wollte nicht in die Heimat zurück, er wollte bleiben. Nach zwei
Monaten erlöste ihn der Tod[051-c]. Nun wanderten auch die Bürger von
Gulutiana, durch die unaufhörlichen Einfälle der Alamannen erschöpft,
nach Batava aus. Auch hieher folgten die Feinde. Nun aber sprach
Severin den Römern zu, und so schlugen diese die Alamannen. Die Sieger
bewog er nach Lorch auszuwandern. Einige blieben zurück und fielen kurz
darauf den Thüringern in die Hände[051-d]. Die Länder an der obern
Donau waren nun verloren. Lorch blieb der äußerste Grenzpunkt der
Römer. Die Seele der Besatzung war Severin. Da Oel als Nahrungsmittel
immer schwerer zu erlangen war, vermehrte er das heilige Oel in einer
Basilika auf wunderbare Weise[051-e]. Da stieß Maximus aus Norikum
mit einigen Gefährten zu Severin, um ihm auf ihrem Rücken Kleider für
die Armen und Gefangenen zu überbringen. Mit kühnem Mut überschritten
sie mitten im Winter die Schneeberge. Im Nachtquartier zuoberst auf
dem Alpenpaß überraschte sie ein Schneegestöber. Sie wären verloren
gewesen, hätten sie nicht einen Bären getroffen, der gutmütig vor
ihnen her ins Thal hinuntertrollte[051-f]. Die Bürgerschaft von
Lorch, vermehrt durch die zahlreichen Flüchtlinge aus den oberen
Donaufestungen, wollten sich auf den Dienst ihrer ausgesandten
Kundschafter verlassen. Ungeachtet der scheinbaren Sicherheit sprach
sich Severin für verschärfte Bewachung der Stadtmauern aus und trat
auch bei Bischof Constantius dafür ein. Man möge ihn steinigen, wenn
er die Unwahrheit gesagt habe. Man gehorchte, die Milizwache trat
ins Gewehr, als die Psalmen gesungen waren, bei Anbruch der Nacht.
Von ungefähr entzündete sich ein großer Heustock an der Fackel eines
Lastträgers. Ohne daß eine Feuersbrunst entstand, erhellte doch ein
mächtiger Glutschein das ganze Weichbild der Stadt. Dazu ein weithin
vernehmbarer Lärm. Verbündete Alamannen und Thüringer, die in den nahen
Wäldern im Hinterhalt lagen, glaubten sich verraten und wagten den
nächtlichen Sturm nicht. Am andern Morgen fanden sie keine Lebensmittel
vor, da der Heilige die gesamte Fahrhabe hatte in die Stadt bringen
lassen, um den Feinden den Unterhalt zu entziehen. Die Herde eines
Mannes, der sich um Severins Rat nicht gekümmert hatte, wurde
weggefangen[052-a]. Nun kam der Rugierkönig Feva seinerseits vor Lorch
gezogen. Severin wurde abgesandt, um ihn umzustimmen. Er reiste die
ganze Nacht. Am Morgen traf er den König beim zwanzigsten Meilensteine.
Dieser bekannte seine Absicht, die in Lorch aufgesammelte zugezogene
und deshalb überzählige Bevölkerung in die ihm tributären Städte zu
deportieren. Severin aber setzte es durch, daß die Verpflanzung nicht
gewaltsam, sondern durch ein friedliches Uebereinkommen vor sich gehen
möge. Unter seinem Schutz siedelten sich nun also die Römer von Lorch
aus in bestem Einvernehmen mit der einheimischen Bevölkerung in den
rugischen Städten an. Zu diesen tributpflichtigen Städten gehörte
auch Favianä, und Severin lebte von nun an wieder daselbst in seinem
Kloster[052-b]. Um diese Zeit erhielt Severin einen Brief von König
Odoaker, der es dem Heiligen nicht vergaß, daß er ihm einst in der
Niedrigkeit seine künftige Größe verheißen hatte. Er stellte ihm eine
Gnade frei, und Severin bat einen Verbannten los namens Ambrosius.
Als jedoch einmal in Gesellschaft des Königs Lob gesungen wurde,
warf Severin die Frage dazwischen: »Welcher König?« »Nun Odoaker.«
»Meinetwegen«, sagte Severin, »aber er wird eben doch nur dreizehn
oder vierzehn Jahre regieren«[052-c]. Bei einem Besuch in Comagena war
der Knabe eines rugischen Hofbeamten so schwer krank, daß man bereits
sein Begräbnis vorbereitete[052-d]. Severin heilte ihn. Auch ein im
schlimmsten Grade Aussätziger namens Jelo, der von fernher gekommen
war, wurde gesund[052-e]. Bonosus, ein eingeborener Mönch, litt an
den Augen. Er empfand es, daß Severin Fremden helfe und dem eigenen
Klosterbruder nicht. Da sagte ihm Severin: »Das klarsichtige Auge
ersetzt die Klarheit der Seele nicht. Ringe nach dieser.« Auf dieses
Wort hin fand sich der Blinde in sein Leiden und trug es mit heiterem
Sinn fast vierzig Jahre[052-f]. Drei ungezogenen Mönchen von Boitro
brachte Severin schließlich Manieren bei, indem er ihnen vierzig Tage
scharfen Arrest gab: nicht das geringste Wunder, das ihm gelungen
ist[052-g]. Einst sandte Severin zwei Brüder ins Norische, den Priester
Marcianus, später Abt von Lucullanum, und den Mönch Renatus. In der
Stunde, da ihnen auf der Reise Gefahr drohte, spürte Severin das und
ließ alle Brüder für sie beten. Als sie nach einigen Monaten heim
kamen, stimmte es genau[052-h]. Ebenso befahl Severin dem Mitbruder
Ursus, er solle durch eine vierzigtägige harte Bußübung einem schweren
Uebel zuvorkommen. Als am Ende dieser Zeit das böse Geschwür ausbrach,
konnte es entfernt werden. Das ist nur ein Beispiel von vielen für den
ungewöhnlichen Scharfblick des Heiligen[053-a]. Seine Hütte stand etwas
abseits von den andern. Er sang Matutin und Vesper mit. Sonst lag er
in seiner Zelle auf den Knien und hatte seine Gesichte. Er schlief auf
einer härenen Decke am Boden und trug Tag und Nacht dasselbe Gewand.
Wenn es nicht gerade ein besonderes Fest war, fastete er täglich vom
Morgen bis nach Sonnenuntergang. In den großen Fasten aß er nur einmal
die Woche. Immer lag dasselbe heitere Glück auf seinen Zügen. Fremde
Sünde beweinte er, als hätte er sie selber begangen und suchte ihr zu
steuern, so sehr er nur konnte[053-b]. Als er sein Ende herankommen
fühlte, lud er den König Feva und die böse Giso zu sich, um sich zu
verabschieden. Den König ermahnte er, doch ja nie zu vergessen, daß er
einst über den Gebrauch seiner Herrschergewalt Gott werde Rechenschaft
ablegen müssen. Dann streckte er die Hand aus, wies auf den König und
sprach zu Giso: »Liebst Du diese Seele mehr als Gold und Silber.«
Die Fürstin warf sich in die Brust, sie liebe den Gatten über alles.
»Dann wäre es an der Zeit«, sagte Severin, »die milde Gesinnung des
Königs nicht immer wieder durch Bedrückungen lahm zu legen.« Den
Klosterbrüdern brachte er seinen bevorstehenden Heimgang schonend
bei. Er wußte die Völkerwanderung vor der Thüre und traf daher die
Verordnung, seinen Leichnam in Sicherheit zu bringen: »Seid eingedenk
der Vorschrift des heiligen Patriarchen Joseph, mit dessen Worten
ich unwürdiger und schwacher Mensch euch beschwöre: Gott wird euch
heimsuchen und dann nehmt mein Gebein mit euch fort, nicht zu meinem,
sondern zu eurem Nutzen, denn diese jetzt noch stark bevölkerten Orte
werden zur Einöde werden. Die Gräber wird man aufwühlen, um Gold zu
finden.« Seine Ueberreste, so hoffte er, würden wenigstens ein Band
der Pietät bilden, die von ihm ins Leben gerufene Gemeinde der Brüder
beisammen zu halten[053-c]. Immerhin blieb er noch zwei Jahre am Leben
seit der ersten Weissagung seines Todes. An Epiphanien hatte ihm der
Priester Lucillus angezeigt, er werde am nächsten Morgen den Todestag
seines Abtes Valentin feiern. Da sagte Severin zu ihm: »Wenn Dich
Sankt Valentin mit dieser Feier beauftragt hat, so überlasse auch ich
Dir die Sorge, für meine Seele Vigilia zu halten auf denselben Tag.«
Lucillus war älter als Severin und meinte erschrocken, es sei doch
viel eher an ihm, sich der Fürbitte Severins empfohlen zu halten.
Dieser aber bestand darauf[053-d]. Auch dem Bruder des Rugierkönigs
Feva, Feoderuch, der Territorialherr von Favianä war, betonte er um
jene Zeit seinen Heimgang schärfer und ließ sich von diesem Großen
die Rücksicht auf die Armen und Gefangenen versprechen[054-a]. Am
fünften Januar begann ein leichter Schmerz an der Seite sich fühlbar
zu machen. Da das aber drei Tage andauerte, ließ er nachts die Brüder
versammeln und sagte, er fühle sich schwach; zum Abschied wies er sie
auf das Beispiel Abrahams, der auszog, ohne zu wissen wohin, aber
in ein Land, das sein Eigentum werden sollte: »Ahmet den heiligen
Patriarchen nach. Sucht stets das himmlische Vaterland.« Dann küßte er
jeden einzeln, empfing das Altarsakrament und bat um Psalmengesang.
Als sie vor Schmerz nicht singen konnten, hub er selber an: »Lobet den
Herrn in seinen Heiligen; jeder Geist lobe den Herrn.« Und während nun
die Mönche darauf respondierten, entschlief er. Es war am 8. Januar.
Nach der Leichenfeier meinten die älteren Brüder, man solle das, was
er vom großen Wandern vorausgesagt habe, nicht unbeachtet lassen. Sie
ließen daher einen Sarg aus Holz anfertigen[054-b]. Jener Gaugraf
Feoderuch hatte kaum vom Tode Severins gehört, so kam er in seiner
Geldnot herbeigezogen und plünderte das Kloster. Nicht nur stahl er
die für die Armen bestimmten Kleider, sondern versündigte sich sogar
an dem Kirchenschatz. Ein Soldat namens Avicianus sollte den silbernen
Kelch vom Altare heben. Er brachte es aber nicht über sich und wurde
auf der Stelle Mönch. Feoderuch ließ nun das Kloster bis auf den
letzten Nagel ausheben. Nur die Mauern mußte er stehen lassen, die
konnte er nicht über die Donau mitnehmen. Ehe ein Monat verfloß, wurde
er indes von seinem Neffen Feodoruch, dem Königssohn, erschlagen.
König Odoaker zog wider die Rugier ins Feld. Feodoruch mußte flüchten.
König Feva und die böse Giso wurden gefangen nach Italien abgeführt.
Kaum waren sie weg, so kehrte Feoderuch zurück. Odoaker sandte seinen
Bruder Onowulf mit einem großen Heere ihm entgegen. Feodoruch flüchtete
abermals und verbündete sich mit Theodorich, der damals sich zu Novä
in Mösien aufhielt. Onowulf führte auf Befehl des königlichen Bruders
alle in der Donaugegend noch übrigen Römer nach Italien. Der Priester
Lucillus ließ nun, da der Comes Pierius zur Eile antrieb, sofort das
Severinsgrab öffnen und den noch unversehrten Leichnam in einem anderen
Linnen in den bereitgehaltenen Sarg umbetten. Er wurde auf einem
Wagen von Pferden fortgeführt und schloß sich dem römischen Abzuge
an; die Bewohner der Donaustädte erhielten in verschiedenen Gegenden
Italiens neue Wohnsitze angewiesen. Die Severinsleiche dagegen wurde
in die Festung Montefeltre gebracht[054-c]. Dort geschahen jetzt viele
Wunder. Eine edle Frau, Barbaria, die, wie auch ihr Gatte, den heiligen
Severin teils vom Hörensagen, teils aus seinen Briefen kannte, lud
den Marcianus ein, mit dem Leichnam und der Genossenschaft in ihr
Besitztum, die ehemaligen Lukullusgärten bei Neapel überzusiedeln.
Papst Gelasius gab seinen Segen und Bischof Viktor von Neapel weihte
den Sarkophag, in dem die Stifterin den Heiligen endgiltig beisetzen
ließ. Als bei dieser Totenfeier ein blinder Mann Laudicius den Gesang
des Volkes hörte und den Bescheid erhielt, es werde eben der Leib eines
Heiligen vorübergetragen, wurde er tief bewegt und bat, man möge ihn
ans Fenster führen, von wo aus er besser hören könne. Dort lehnte er
in tiefer Andacht und betete inbrünstig, worauf er plötzlich wieder
zu sehen anfing. Auch der Vorsänger Marinus hielt vertrauensvoll sein
Haupt an den Sarg und wurde so seine Kopfschmerzen los[055-a].
Weil Severins Wirksamkeit so tief im öffentlichen Leben wurzelte, ist
die Lebensbeschreibung für die politische Geschichte der Donauländer
unmittelbar vor der Völkerwanderung von unschätzbarem Werte. Sie ist
unser einziges Licht für jene Gegend in jener Zeit. Wir sehen die
ausgedehnten kirchlichen Einrichtungen einer römischen Provinz scharf
umrissen vor uns[055-1]. Obwohl Severin ein orientalischer Fremdling
war und Niemand wußte, woher er kam, obwohl er dann auch mit den
germanischen Fürsten gut stand, ist er im Grunde seiner Seele Romane
und sucht vor allem, die schwer bedrängten römischen Provinzialen
moralisch zu heben und ökonomisch zu unterstützen. So lange er lebte,
vermochte sich das Römertum an der Donau zu halten; dann fiel es. Der
Abzug der römischen Bevölkerung traf mit dem Transport seiner Leiche
zusammen. Sein Lebenswerk war es gewesen, den geordneten Rückzug
der römischen Kultur von Kunzen, Passau und Lorch nach Favianä im
Rugenlande herzustellen. Seine heilige Wirksamkeit giebt dem Untergang
des Römerwesens in Norikum die Weihe[055-2].
Martin und Severin sind die beiden größten Liebesthäter gewesen, die
die sinkende antike Welt gekannt hat: nichts für sich, alles nur
für die andern und für Gott. Gegen Martin von Tours gehalten ist
Severin die harmonischere Natur. Seine Existenz wurde nicht wie bei
jenem vorwiegend durch einen Gegensatz, sie wurde durch eine Aufgabe
bestimmt. Martin war Parteimann und mußte es sein, um eben das,
was ihm als Lebenswerk vorschwebte, in Gallien durchzusetzen; das
Große an ihm besteht darin, daß er bei aller Strenge des Mönches so
gewaltig, so kräftig und so wohlthuend ins weltliche Leben eingriff.
Severin dagegen machte für das Mönchtum keine Propaganda; es diente
ihm gewissermaßen zur Folie für sein geheimnisvolles unerklärliches
Wesen. Martin kennen wir seit seiner Jugend; von Severin wußte
Niemand, wer er war und woher er kam, und daß auch da, wo er wirkte,
wie er selbst am besten wußte, seines Bleibens nicht war. Auch
seine visionäre Begabung äußert sich feiner, still zwingend, nicht
grobschrötig tapfer: weniger Teufelsfeindschaft und Dämonenschlachten,
als die wunderbare Seherkunst, das Künftige zu spüren. Seit den
altisraelitischen Propheten und dem Urchristentum besaß Severin die
größte telepathische Begabung, von der wir Kunde haben, und zwar im
ganzen Umfang dieses Talentes von der einfachsten Nähewitterung bis zum
schwindelerregenden Seherspruch: er weissagte oft und, wie es scheint,
untrüglich. Das Aufklappen des Bewußtseins aus der Befangenheit von
Raum und Zeit zu einer Art momentaner Allwissenheit funktionierte
bei ihm unter den verschiedensten Umständen ohne fehlzugreifen. Das
war denn auch allerdings sein besonderes Gut. Heilungen, wie sie bei
Martin im Vordergrund standen, kommen bei ihm nur in zweiter Linie
in Betracht; vollends eine Totenerweckung, die er unternahm, mißriet
direkt: nachher erzählte man mildernd, der zu Erweckende habe sich
eben das Lebendigwerden verbeten. Und während Martins Lebenswerk unter
den soldatischen Gesichtspunkt der Eroberung fällt, bescheidet Severin
sich von vornherein mit der Entsagung des Rückzuges, unter Verzicht
auf jeden Sieg. Er hat daher wohl ein unvergleichliches Andenken
hinterlassen, aber nicht wie Martin eine unvergleichliche Wirkung
ausgeübt. Der pannonische Heilige schimmert von einer Aureola, er
erhellt. Der gallische dagegen sprüht Funken, er zündet an. Martin war
der stärkere Mensch, Severin der höhere.
Wie sich der Schrift abfühlen läßt, verdanken wir die Kunde von
Severin einem schlichten und bescheidenen Manne. Eugipius stammt aus
einer römischen Familie, wahrscheinlich einer von denen, die jene von
Severin geleitete Verpflanzung ins Rugenland mitgemacht haben. Er
spricht von Ufernorikum mit einer bis auf den einzelnen Meilenstein
sich erstreckenden Lokalkenntnis, sodaß es wohl seine Heimat war.
Favianä und die Innmündung sind ihm besonders gegenwärtig[056-a].
Ueber Guintana in Rhätien sowie über die östlichen Städtchen Astura
und Comagena äußert er sich unbestimmter. Da er sich von Haus aus arm
nennt, begann er seine Laufbahn wohl als einfacher Mönch in Severins
Hauptkloster, heute bei Mauer unweit Oeling[056-b]. Daß er Severins
Schüler war, bezeugt Paschasius; aber wahrscheinlich gehörte er einer
der kleineren Missionsstationen an, die der Meister zu Cellula in
Batava und in Boiodurum hielt[056-c]. Denn er scheint keineswegs
immer um ihn gewesen zu sein[056-d] und beruft sich öfter auf
Gewährsmänner, als daß er selber dabei gewesen zu sein angiebt[056-d].
Er mag als junger Mann in Severins letzter Zeit mit den übrigen in
Lorch gesammelten Römern der oberen Donaustädte bleibend in des Abtes
Umgebung gekommen sein. Seine Geburt wird demnach etwa hinter das
Jahr 455 fallen[057-1]. Aus seiner mangelhaften Ausbildung macht er
keinen Hehl; die grammatische Schulung gehe ihm ab, seine Einsicht und
seine Kenntnis seien gering, auch könne er eines Stoffes nicht Herr
werden[057-a]. Cassiodor bestätigt[057-b], es fehle Eugipius an der
humanistischen Bildung; seine Belesenheit sei einseitig theologisch.
Severin hatte die Genossenschaft seiner Mönche nicht unter schriftliche
Ordensstatuten gestellt; sein letzter Wunsch hatte dahin gezielt, seine
Freunde möchten, um seinen Leichnam geschart, immer zusammenhalten.
Die Leitung erfolgte unter den beiden ersten Aebten Lucillus und
Marcianus noch ausschließlich unter der pietätvollen Beobachtung von
Severins Gedächtnis. Die Ansiedlung der Bruderschaft in Lucullanum
erfolgte unter dem Pontifikat Gelasius _I._ zwischen 492 und 496.
Lucullanum war nicht nur ein Kastell im militärischen Sinn, es war eine
eigentliche Stadt. Dort stiftete nun also eine adelige Dame namens
Barbaria dem Heiligen, den sie schon bei Lebzeiten aus der Ferne
verehrt hatte, ein Mausoleum und seiner Kongregation ein Asyl. Hierauf
hat dann aber Eugipius eine Zeitlang einem andern Kloster angehört,
da er sich als Untergebenen eines Abtes Marinus bekennt. Vielleicht
hat er sich dieser Versetzung unterzogen, um sein schriftstellerisches
Hauptwerk anfertigen zu können. Bezeichnenderweise ist es nicht eine
originale Schöpfung, sondern ein Auszug aus den Schriften Augustins.
Ein ganzes Exemplar von Augustins Werken war damals offenbar fast nicht
aufzutreiben, selbst wo Geld und Lust, eines zu kaufen, vorhanden
gewesen wären. Sogar einer nur halbwegs vollständigen Sammlung hat man
also nachzureisen Grund gehabt. Eugipius mag sich somit in oder bei
Rom angesiedelt haben, um die Bibliothek einer hochgestellten Frau vom
Range jener neapolitanischen Gönnerin Severins benützen zu können. Sie
hieß Proba und gehörte dem geistlichen Stande an. Cassiodor war ihr
Verwandter; vielleicht lernte er den Eugipius bei ihr kennen. Auch
Bischof Fulgentius von Ruspe war dort Hausfreund. Ihrer Schwester
Galla schildert er[057-c] Proba als in königlichen Verhältnissen
aufgewachsen und betont die vornehme Abkunft der Geschwister, die in
der That dem Ancischen Geschlechte, vermutlich dem des Patronius Probus
entstammen. Fulgentius stand auch mit Eugipius in Briefwechsel. Wie wir
daraus ersehen, verfügte nun Eugipius selbst über eine ansehnliche
Bibliothek und Schreibsklaven[058-a]. Immerhin zeigt des Fulgentius
vollständige Unbekanntschaft mit Eugipius mühsamen Excerptunternehmen,
daß dessen Arbeit die verdiente und vom Autor erwartete Anerkennung
nur langsam gefunden hat. Die Abfassung des Auszuges fällt zwischen
die Jahre 492 und 511. In dem durch Proba ihm eröffneten altrömischen
Adelskreise machte nun Eugipius aber auch die Bekanntschaft des
Paschasius; dieser war der erbittertste Gegner des von 498 bis 514
regierenden Papstes Symmachus. Eine aristokratische Minorität unter
Führung des Patricius Festus hatte bekanntlich Laurentius gewählt,
namentlich zu dem Zweck, eine Versöhnung der römischen Kirche mit dem
griechischen Kaiser Anastasios herbeizuführen. Der Streit dauerte
bis ins Jahr 505, und es gelang Laurentius einmal, das Osterfest im
Lateran zuzubringen sowie sein Bild in einem Medaillon anfertigen
zu lassen. Dank dem weisen Verhalten König Theodorichs mußte sich
Laurentius auf ein Landgut seines Gönners Festus begeben, wo er noch
vor Symmachus starb. Noch vor ihm, also etwa 512 oder 513, erfolgte
auch der Tod des von ihm eingesetzten ›Diakons der römischen Kirche‹,
des Paschasius. Diesem hohen, durch Stand, Stellung und Lebenswandel
hervorragenden Geistlichen schreibt nun Eugipius[058-b]: »So lange
Du am Leben bist, darf kein Nichtpriester das Leben des Severinus
schreiben.« Er übersendet ihm daher seine Aufzeichnungen nur als
Notizen und hofft, Paschasius werde ein Severins würdiges Werk daraus
schaffen. Diese als bloße Vorarbeit bestimmte Skizze seiner Hand ist
nun eben das uns erhaltene Severinsleben. Wie es zustande kam, erzählt
Eugipius im Vorwort[058-c]: es seien zwei Jahre her, daß ihm der an
einen Priester adressierte Brief eines edeln Laien zu Gesichte kam,
das Leben des Basilicus, eines Mönches am Berge Tita bei Rimini. Als
Eugipius überdies vernahm, dieser Brief sei vervielfältigt worden,
da erwachte in ihm der Wunsch, die vom heiligen Severin gewirkten
großen Wunder nicht der Vergessenheit anheimfallen zu lassen. Jener
Verfasser der Basilicusvita, der diese Schriftstellerei vielleicht
als Geschäft betrieb, bat nun Eugipius, dessen Wunsch ihm zu Ohren
kam, ihm gütigst Mitteilungen über Severinus zu überlassen, damit er
sie ebenfalls bearbeiten könne. Und da nun wollte sich Eugipius nicht
dazu verstehen, seinen Schatz in andere Hände zu legen, so lange in
denen des Paschasius noch Leben sei. Sein Handlanger gewesen zu sein
war alles, was er sich wünschte. Aber der feine römische Priester
hatte einen zu guten Geschmack. Er schreibt dem Verfasser[058-d]:
»Indem Du unsereinen nach dem Maße Deiner Erfahrung, Beredsamkeit und
glücklichen Muße beurteilst, bedenkst Du die vielfachen Geschäfte,
Verdrießlichkeiten und Anfeindungen nicht, denen ich auf meinem
Posten ausgesetzt bin. Du willst Dich aus Liebe zu mir um die eigenen
wohlverdienten Lorbeeren bringen. Deine Zusendung ist ja eine Sammlung
von Thatsachen; in seiner gedrungenen Darstellung eignet sich Dein Werk
recht wohl zur Vorlesung im Kultus. Die Thaten der Heiligen vergehen
nicht und nun gar wenn ihre Gestalt so deutlich dem Leser vor die Augen
tritt, wie Dein Severin. Man meint in seiner Gesellschaft zu sein.
Deine klare und einfache Darstellung da noch auszuarbeiten, wäre doch
überflüssige Mühe. Auch wäre es nicht mehr dasselbe, wenn ich Gehörtes,
von Andern Erlebtes aus zweiter Hand berichten wollte.« So ging also
das Severinsleben des Eugipius unversehrt in die Welt. Er selbst, nun
Vorsteher des Severinklosters, erfreute sich der aufrichtigen Achtung
bedeutender Kirchenmänner; der Abt Dionysius der Kleine widmete ihm die
Uebersetzung einer Schrift des Gregor von Nyssa. Ferrandus von Karthago
unterhielt mit ihm einen Briefwechsel und übersandte ihm eine Glocke.
Kurz vor dem Jahre 543 oder 544 ist Eugipius gestorben. Als Vermächtnis
für sein Kloster hinterließ er ein schriftliches Ordensstatut und
verdichtete so die bis jetzt nur mündliche Tradition von Severins
mönchischen Anschauungen zu einer eigentlichen Mönchsregel[059-1].
Eugipius kennt die Martinsschriften des Sulpizius Severus[059-a].
Er spricht von ihnen, aber nicht als seinem litterarischen Vorbild.
Er fühlt sich überhaupt nicht als Schriftsteller, sondern nur als
Handlanger für einen eigentlichen Biographen des Severin. In der
That mangelt auch ihm der chronologische Ansatz; auch er giebt keine
Jahreszahl; und wenn seine Angaben datierbarer sind als die des Sever,
so ist das hauptsächlich eine Tugend seines Helden, der ungeachtet
seiner mönchischen Grundsätze so ganz in der Politik seiner Zeit
drin stand und mehr als Martin in den äußeren Ereignissen aufging.
Eugipius konnte unbeschadet der Kunst entbehren, über die ein Severus
verfügte; sobald sein Gegenstand so unerschöpflich reich war an
persönlichem Leben und sobald er, der ihn beschrieb, so herzlich in
ihm lebte, machte dieser Mangel an Technik seine Darstellung nicht
armselig, sondern einfach und schlicht. Trotzdem wir bei ihm nach
einer planmäßigen Stoffverteilung vergeblich suchen, haben wir an
seinem Severinsleben doch fast noch mehr als an den in ihrer Art
kunstreichen Martinsschriften des Severus. Eugipius nennt übrigens
selbst sein Werk mit dem rechten Namen ein Commemoratorium[059-b], das
heißt ein Erinnerungsblatt oder wie wir heute sagen Memoiren. Das in
dieser litterarischen Gattung enthaltene Element des selbsterlebten
persönlichen Andenkens bildet denn auch das Herzstück der
Heiligenbeschreibung, und insofern hat der bescheidene Eugipius dank
seiner schlichten Art und seiner warmen Empfindung fast das Höchste
erreicht, was man in jener Zeit von einem derartigen litterarischen
Unterfangen erwarten darf.
2.
Ist der Verfasser eines Heiligenlebens eine uns auch an sich bekannte
geschichtliche Persönlichkeit, so bürgen seine Lebensumstände
wenigstens für die Möglichkeit quellenmäßiger Mitteilung. Anders,
wenn die Schrift anonym blieb und nicht die geringste Kunde über den
Verfasser auf uns kam. Dann ist die Art des Berichtes unsere einzige
Gewähr für seine Zuverlässigkeit. Eine schwache Handhabe, aber gewiß
eine nicht zu verachtende. Der anonyme Schreiber des Fulgentiuslebens
sagte in der Vorrede an den Bischof Felicianus, dem er das Werk widmet:
»Wie immer dieses mein Werk ausfallen mag, es kann die Verdienste
des großen Mannes weder erhöhen noch vermindern, es sei nur ein
Beweis meiner Liebe, mit dem ich an ihm hing, an ihm, der mich zum
Mönchsstande bekehrte und als Verbannter in seinem kleinen Kloster auf
der Insel Sardinien Tag und Nacht mich um sich hatte. Dort wohntest
auch Du als Priester. Nun habe ich diese Arbeit unternommen, um
alles was er uns mündlich mitteilte, und außerdem auch was wir als
Augenzeugen miterlebten, kurz auseinanderzusetzen, ohne Furcht, der
Fälschung bezichtigt zu werden; denn nötigen Falls kannst Du meine
Zusammenstellung mit Deinem Zeugnis bekräftigen.« Unzweifelhaft haben
wir es hier mit einem Schüler des beschriebenen Heiligen zu thun.
Auch giebt sich die Schrift ihrer Form nach als reine Memorie, da
sie ohne Einleitung gleich auf den Stoff eingeht und auch am Schluß
eine Invokation nicht hat, sondern als Erzählung ausläuft. Fulgentius
entstammte einer Senatorenfamilie aus Karthago[060-a]. Sein Großvater
Gordianus hatte wie die meisten Senatoren unter Preisgabe seiner
Güter nach Italien flüchten müssen, als die Vandalen unter Geiserich
einbrachen. Nach seinem Tode kehrten zwei von seinen Söhnen, in der
Hoffnung, das Erbe wieder zu erlangen, nach Afrika zurück, konnten
aber in Karthago nicht verbleiben, weil ihr Haus an die arianischen
Priester verschenkt worden war. Ihre Landbesitzungen erhielten sie
jedoch durch königlichen Machtspruch zum größeren Teil wieder zurück
und zogen in die Provinz Bizacena. Hier in der Stadt Jellapte bekam
einer von ihnen, Klaudius, von seiner Gattin Mariana den zum Sohne,
der den ihm verliehenen Namen Fulgentius, das heißt ›der Glänzende‹
mit so viel Recht führen sollte. Die Mutter ließ ihn, da der Vater
früh starb, zuerst in den griechischen Wissenschaften unterrichten und
solange er nicht den ganzen Homer auswendig konnte und auch vieles von
Menander durchmachte, erlaubte sie nicht, ihn mit der lateinischen
Litteratur bekannt zu machen, weil sie ihm in den Kinderjahren die
Kenntnis der fremden Sprache beibringen lassen wollte, damit er einst,
unter den Afrikanern lebend, das Griechische los habe. So kam es, daß
er später ohne Accent Griechisch sprach. Dann machte er die höhere
Stufe der Lateinschule durch, mußte aber zugleich in seinen jungen
Jahren bereits die Verwaltung des väterlichen Hauses übernehmen. Bald
darauf wurde er städtischer Steuereinnehmer. Ihn selbst beschlich die
Sehnsucht, die Welt zu lassen und Mönch zu werden. Da sich dieser sein
Lieblingswunsch jedoch nicht erfüllen wollte, richtete er wenigstens
sein äußeres Leben so ruhig wie möglich ein, mied die Gesellschaft, saß
auf seinem Landhause, verminderte die Zahl großer Gastmähler und ging
nicht mehr ins Bad. Dafür fastete, las und betete er im Laienstande
wie ein Mönch, bis ihn eine Predigt des heiligen Augustin über den
36. Psalm bewog, mit seinem Entschluß nicht länger hintanzuhalten.
Er vollzog seinen Eintritt ins mönchische Leben bei Faustus, der
von Hunerich seines Bistums entsetzt nicht weit davon einem Kloster
vorstand. Die Aufregung in der Familie war groß. Fulgentius blieb
standhaft; er überthat sich in Kasteiungen, enthielt sich des Weines,
aß ohne Fett und so wenig und schlecht, daß seine Haut Sprünge bekam,
eiterte und bald ein Ausschlag seinen Leib entstellte. Sein ganzes
Vermögen vermachte er seiner Mutter, die es dann seinem jüngeren Bruder
Klaudius verschreiben solle, falls er sich gut halte. Die höchst
unruhigen Zeiten ließen ihn nicht ruhig seinem Ideale leben[061-a].
Die beständigen Verfolgungen der Arianer vertrieben ihn und er suchte
Zuflucht bei einem Abte Felix, der ihn bald zum Mitabt erhob. Ein
Maureneinfall vertrieb sie aufs neue; sie suchen in der Gegend von
Sicca sich festzusetzen. Dort aber hetzte ein fanatischer arianischer
Priester, Felix von Gabardilla, ein roher, aber reicher Mensch; es kam
zu Thätlichkeiten. Der Abt Felix wird ausgepeitscht und Fulgentius
ebenfalls gestäupt. Nun will Fulgentius nach Aegypten reisen, ändert
aber seinen Entschluß; die mit andern Pilgern bei Bischof Eulalius von
Syrakus genossene Gastfreundschaft und die Nachricht, daß die Thebais
gegenwärtig von einer Irrlehre beherrscht sei, halten ihn im Abendlande
fest. Er besucht einen in Sizilien als Einsiedler lebenden verbannten
afrikanischen Bischof Rufinianus, reist nach Rom und wohnt dort dem
Einzug König Theodorichs bei. Auf dem Platz, der ›die goldene Palme‹
hieß, hörte er den König eine Rede halten, sieht den Adel prächtig in
all den Abstufungen seiner Stände und vernimmt das Freudengeschrei
des freien Volkes, aber mit keuschen Ohren; er kannte den eiteln Pomp
dieser Welt und sagte lächelnd zu einem Mitgeistlichen: »Wie schön muß
erst das himmlische Jerusalem sein, wenn schon das irdische Rom also
glänzt«. Er kehrte nach Afrika zurück und richtete auf dem Grundstück,
das ein hochgestellter Mann und guter Christ namens Sylvester zur
Verfügung stellte, in Bizacena ein eigenes Kloster ein: guter, fetter
Boden, um vom Ertrag der eigenen Gärten leben zu können und abgelegen,
fern vom Kriegsgetümmel. Aber die Anlage und Leitung des Klosters
nahm ihn zu sehr in Anspruch; er sehnte sich nach dem Zustande eines
einfachen Ordensbruders. Bei der ersten Gelegenheit giebt er denn
auch seine Abtswürde ab und tritt in ein anderes Kloster auf einer
Strandinsel an der kleinen Syrte, wo der schmale Streifen des winzig
kleinen Felsens nicht erlaubt, Gärten anzulegen, wo weder Holz noch
Trinkwasser sich vorfindet und wo daher das Notwendigste von diesen
beiden Dingen auf sehr kleinen Kähnen hinübergeschafft wird. In diesem
Kloster, dem ebenfalls zwei Aebte vorstanden und das durch seine
strenge Zucht bekannt war, lebte er als einfacher Bruder. In seiner
Mußezeit trieb er Handarbeiten; er schrieb geschickt und verfertigte
Fächer aus Palmblättern. Aber dieser ihm erwünschte Wechsel vom Oberen
zum Untergebenen dauert nicht lange: sein Kloster reklamiert ihn; es
kommt vor den Bischof; die Inselmönche müssen nachgeben. Nicht nur
muß er wieder Abt sein; er erhält nun auch die Priesterweihe. Bald
ist er der allgemein anerkannte Kandidat für den nächsten ledigen
Bischofssitz. Allerdings war es damals vom König Thrasamund verboten,
Bischöfe zu weihen und den verwaisten Kirchen Hirten zu geben. Da es
daher weder erlaubt war, eine solche Ehrenstelle auszuteilen noch sie
anzunehmen, hielt es Fulgentius für unnötig, sich seinerseits vor
dem bevorstehenden Los zu wappnen. Aber die noch übrigen Bischöfe
thaten dessenungeachtet alles, um die erledigten Stühle zu besetzen.
Nun hatte sich indessen Fulgentius in der That durch Flucht der
Wahl entzogen, die mehrmals auf ihn, sei es als ersten, sei es als
einzigen entfiel. Zugleich wurde der Primas der Provinz Bischof Viktor
verhaftet und nach Karthago geschleppt. Die Lage der katholischen
Geistlichkeit war aufs neue verzweifelt. Da nahm denn Fulgentius die
Wahl zum Bischof von Ruspe an, obwohl ein Diakon namens Felix, der
Bruder eines einflußreichen Beamten, ihm den Platz streitig machte.
Da der Weihbischof in Haft saß, wurde Fulgentius von den benachbarten
Bischöfen konsekriert. Es kostet ihn einen wahren Kampf, zumal er
böse Augen hatte. Aber man reißt ihn förmlich aus der Zelle, zwingt
ihn Bischof zu sein. Kaum im Amte[062-a], weihte Fulgentius seinen
Gegner, den Diakon Felix zum Priester. Er kehrte in seinem Auftreten
den Mönch heraus, trug nie die Stola, sondern immer nur Kukulle und
Ledergürtel, ja zelebrierte so die Messe: »Beim heiligen Meßopfer«,
pflegte er zu sagen, »müssen die Herzen geändert werden, nicht die
Kleider.« Unter der Kukulle trug er einen dunkeln oder einen weißen
Mantel. Wenn es die Witterung erlaubte, hatte er innerhalb des Klosters
nur den Mantel an. Aber mit entblößten Schultern ward er nie gesehen,
ja er begab sich zur Ruhe, ohne auch nur den Ledergürtel abgelegt
zu haben. Nie aß er Fleisch, nur Gemüse, Graupen und Eier, so lang
er jung war, ohne Oel; in seinem Alter aber mischte er Oel bei, in
der Meinung, das Oel verhindere seine zunehmende Augenschwäche, die
ihm das Lesen unmöglich mache. Wenn er unwohl war und Wein trinken
mußte, goß er in die vollen Wasserbecher etwas Wein, denn er wollte
den angenehmen Geschmack und Geruch durchaus vermeiden. Bevor noch
das Zeichen zur Mette gegeben wurde, war er längst wach und betete
entweder, oder er las oder diktierte. Da er nicht ohne Mönche sein
konnte, traf er in Ruspe Anstalten zur Einrichtung eines Klosters.
Zu seiner Freude bot ihm ein Bürger ein mit hohen Föhren bewachsenes
Grundstück an; das Bauholz war hier also gleich dabei. Die Bruderschaft
seines ehemaligen Klosters zog nun zum größeren Teil mit ihrem Abte
Felix dahin um; an die Spitze der Zurückgebliebenen trat einer aus den
Brüdern, namens Vitalis. Da erfolgte die Verbannung aller Bischöfe,
auch des Fulgentius nach Sardinien. Er, der jüngste unter ihnen, deren
etwa sechzig waren, verfertigte die gemeinsamen Erlasse und besorgte
auch manche Privatkorrespondenz. Auch richtete er sich mit einigen
zusammen ein, sie hatten gemeinsamen Tisch, gemeinsamen Keller und
beteten und studierten gemeinsam. Ihr Haus galt für das Orakel der
Stadt Kalaris. Dann wird Fulgentius abgeordnet, um die Verhandlungen
mit König Thrasamund einzuleiten. Er verficht die katholische Sache
mit größter Entschlossenheit gegen König Thrasamund und den diesen
vertretenden Bischof Pinta. Die meisten seiner Schriften sind in
dieser Angelegenheit entstanden. Oft fuhr er bei ruhiger See zwischen
Sardinien und Afrika hin und her. Ja es folgten ihm immer mehr Mönche,
so daß er schließlich mit Erlaubnis des Bischofs Brumasius von
Kalaris neben der Saturninskirche auf einem ruhigen Platz aus eigenen
Mitteln wieder ein Kloster bauen konnte. Auch hier wurde eine strenge
Regel beobachtet. Die Brüder mußten sich je nach der Begabung mit
wissenschaftlichen Studien oder mit Handarbeit beschäftigen. Mit dem
Tode Thrasamunds erreichte die Verfolgung ihr Ende; Hilderich ließ
die verbannten Bischöfe zurückkehren. Bei der Landung in der Heimat
empfing die Menge die andern Bischöfe schweigend; als aber Fulgentius
ausstieg, brach der Jubel los. Man geleitete ihn zur Agileuskirche.
Die Kundgebungen steigerten sich auf der Heimreise von Karthago nach
Ruspe. Als Bischof schlug er nun aber seine Wohnung im Kloster auf,
nachdem er alle Maßregeln getroffen, daß dadurch die Befugnisse des
Abtes Felix in keiner Weise geschmälert würden. Vielmehr war dieser
in allen Angelegenheiten der Provinz Bizacena des Bischofs erster
Ratgeber. Die Geistlichkeit durfte unter Fulgentius kein zu großes
Gewicht auf das Aeußere legen oder längere Zeit in bürgerlicher
Kleidung gehen. Alle sollten sie nicht weit von der Kirche wohnen,
mit eigenen Händen ihren Garten pflegen und alle Sorgfalt darauf
verwenden, die Psalmen schön zu singen und vorzutragen. Er bestimmte,
daß in jeder Woche alle Geistlichen und Witwen und frommen Laien am
Mittwoch und Freitag zu fasten hätten; der Besuch der Vigilien, der
Morgen- und Abendgebete war für die ganze Gemeinde obligatorisch.
Wo Worte nichts ausrichteten, ließ er die Prügelstrafe in Anwendung
bringen. Sonst war er die Demut selbst. Er trat seinen berechtigten
Vorrang auf der Synode von sich aus an den Bischof ab, den er deshalb
verstimmt zu finden meinte. Etwa ein Jahr vor seinem Tode ergriff ihn
gelinde Schwermut. Er ließ alles liegen und zog sich auf die Insel
Cercina gegenüber Ruspe zurück, wo er auf der Klippe Chilmi bereits
ein Kloster hatte bauen lassen. Aber die Amtspflicht rief ihn doch
wieder zurück. Da verfiel er in eine siebzigtägige Krankheit, in der
er nur immer das eine wiederholte: »Herr, verleihe mir hier jetzt
Geduld, hernach Verzeihung.« Er blieb bis zum letzten Augenblick
beim Bewußtsein. Gestorben ist er am ersten Januar nach der Vesper,
in seinem fünfundzwanzigsten Amtsjahre, fünfundsechzig Jahre alt. Am
Todestage selbst konnte er nicht mehr beerdigt werden, er wurde in das
Oratorium des Klosters gebracht, wo jene Nacht die Mönche im Verein
mit den Geistlichen beim Gesange von Psalmen, Hymnen und geistlichen
Liedern durch wachten. Am andern Morgen wurde er in Gegenwart einer
ungeheuern Menge von Priestern nach der Sekundakirche getragen; dort
hatte er selbst Apostelreliquien bergen lassen und wurde nun daselbst
nach dem allgemeinen Willen als Erster beigesetzt; denn nach alter
Gewohnheit war dort nie begraben worden. Auch erhielt er ein Grabmal.
So, hoffte man, werde der Heilige den Betenden auch fernerhin örtlich
nahe sein. Dies sind die charakteristischen Züge dieses etwa um
530 verfaßten sympathischen Lebensbildes[064-1], wo gewissenhafte
Erkundigung und eine unbegrenzte Verehrung gemeinsam ein wertvolles
Ganzes hervorzubringen vermochten.
3.
Das Fulgentiusleben wird indessen in seinen erfreulichen Eigenschaften
einer reinen Memorie noch übertroffen durch die Lebensbeschreibung des
Metropoliten Cäsarius von Arles. Sie besteht aus zwei Büchern und ist
das Werk Mehrerer. Wenige Jahre nach dem Tode des Prälaten regten seine
Schwester Cäsaria und alle Nonnen ihres Klosters dieses schriftliche
Denkmal an und betrauten mit der Ausführung diejenigen von Cäsarius’
Jüngern, die ihm im Leben am nächsten gestanden hatten. Das erste Buch
schrieben seine Schüler, die Bischöfe Cyprian von Toulon, Firminus und
Viventius, das zweite der Presbyter Messianus und der Diakon Stephanus,
zwei seiner Diener, die von jung auf um ihn gewesen waren und aus
dem beständigen Umgang mit ihm ihre Kenntnisse schöpfen konnten. Das
erste Buch umfaßt das ganze Leben des Heiligen mit Ausschluß seines
Sterbens und erhält seinen Wert überdies in seiner anschaulichen
Schilderung der Belagerung von Arles durch die Franken. Das zweite Buch
wendet sich mehr den Wunderthaten des Lebenden wie des Toten zu und
schließt mit einer Darstellung von Tod und Begräbnis. Abgefaßt ist die
Schrift in den Jahren 541–549, während der Regierung des Childebert.
Den Hauptanteil am gesamten Unternehmen trägt Cyprian von Toulon.
Er war am ehesten befähigt, die kirchenpolitischen Begebenheiten im
Rahmen des Lebensbildes mit Verständnis aufzufassen; er nahm auch
an der Delegation teil, durch die sich Cäsarius auf dem Konzil von
Valence vertreten ließ. Seine beiden bischöflichen Genossen in der
Verfasserschaft, der eine Inhaber eines bekannten Sitzes, während das
Bistum des andern nicht zu ermitteln ist, hatten zweifelsohne früher
ebenfalls dem Klerus von Arles angehört, sprachen also aus eigener
Anschauung der geschilderten Verhältnisse, wenn sie auch zur Zeit, da
sie schrieben, sich auswärts befanden. Für das intime Detail waren
jedoch jene beiden andern, die Verfasser des zweiten Buches, die
gegebenen Berichterstatter, da sie in dienender Stellung den Bischof
in seinen alltäglichen Beschäftigungen immer umgaben. Messianus versah
im Gefolge des Cäsarius die Stelle eines Kanzlisten; er hatte seinen
Herrn auch auf seiner Reise nach Italien im Jahre 513 begleitet und
im Jahre darauf dem Papste Symmachus zusammen mit dem Abt Egydius
das Gesuch um die Vorrechte der Kirche von Arles überreicht. Da er
in seiner Stellung als Notarius bei Kirchenvisitationen dem Bischof
den Stab voranzutragen hatte, konnte er den wundertätigen Einfluß von
Cäsarius Persönlichkeit auf das Volk immer wieder aufs neue ermessen;
in den vier Wänden seiner Zelle dagegen beobachtete ihn der Diakon
Stephanus, der eben dort den Dienst versah. Für Episoden, die sich
fern von einem der Gewährsmänner abgespielt hatten, wußten sie einen
zuverläßigen Berichterstatter aufzutreiben: für die Flucht nach Lerinum
zum Beispiel den Diener, der ihn damals begleitet hatte. Außerdem haben
sie die Predigten des Cäsarius ausgiebig benützt und verwendet, sowie
die uns ebenfalls noch erhaltene Nonnenregel des Bischofs. Endlich
haben die fünf Verfasser nach dem Vorbild ihres Meisters einfach und
natürlich geschrieben, und so haben wir es mit einem Werke zu thun,
das als ganzes genommen alle seine gleichnamigen Genossen überholt;
denn die Einseitigkeit der andern Heiligenmemorien ist hier zu einem
guten Teil ausgeglichen durch die Mehrzahl selbständiger Verfasser, von
denen jeder wieder verschiedene Seiten am Gegenstande sah. So konnte
ein rundes und allgemeines Lebensbild erzielt werden, wie es sonst
bei der Befangenheit jeder zeitgenössischen Darstellung von ~einer~
solchen nicht zu erhoffen war. In so früher Zeit dürfte überhaupt eine
Gestalt der Geschichte selten sein, an der sich aus lauter Quellen
ersten Ranges ein genügender Einblick in den Verlauf eines bedeutenden
Menschenlebens gewinnen läßt; bei Cäsarius von Arles aber ist es
entschieden der Fall und soll in der biographischen Lebensskizze in
Kürze geschehen[066-1].
Cäsarius wurde im Jahre 469/470 im burgundischen Reiche geboren.
Seine Eltern waren vom Adel. Auf ihrem Landsitz wuchs er heran und
suchte schon im Alter von sieben Jahren die armen Leute auf. Als
junger Mensch führte er eine Zeit lang ein standesgemäßes Leben
und versagte sich nichts. Dann erfaßte ihn plötzlich Eckel; ohne
seinen Eltern etwas zu sagen, begab er sich zu Bischof Sylvester von
Chalons und ließ sich von ihm scheeren und zum Diakon weihen. Dort
blieb er zwei Jahre bis er zwanzig war, wünschte dann aber sich im
geistlichen Leben noch auszubilden. Glücklich erreichte er mit einem
treuen Diener das Kloster Lerinum, obschon seine besorgte Mutter durch
besondere Sendlinge das möglichste gethan hatte, um seine Flucht zu
hintertreiben. Jene kleine und ebene Insel stand damals in der ganzen
Welt im Rufe strengen klösterlichen Lebens, und stets gingen künftige
Bischöfe aus den Reihen der Mönche hervor. Cäsarius nahm seine Gelübde
sehr ernst, so ernst, daß er oft an der Möglichkeit verzweifelte,
seine Fehler überhaupt noch abzulegen. Abt Porcarius jedoch wußte ihn
zu schätzen, und als er selbst sich zu alt fühlte, ließ er jenen vor
den Mönchen predigen; er bestallte ihn überdies zum Speisemeister.
In seinem frommen Eifer gab sich Cäsarius zuerst Illusionen über die
Vortrefflichkeit seiner Mitbrüder hin, allmählich aber gingen ihm die
Augen auf, daß es eben Menschen waren. Putzsucht, Schlemmerei und
andere eines Heiligen unwürdige Gelüste kamen ihm täglich vor, da er
in seiner Stellung als Verwalter derlei befriedigen sollte. Als er
nicht nachgab und allen diesen Zumutungen stand hielt, wurde seine
Lage unhaltbar. Man intriguierte gegen ihn; der greise Abt erlag
schließlich den Einflüsterungen der Gegner und desavouierte ihn. Mit
seiner Entsetzung vom Amte erkrankte Cäsarius auch noch fieberhaft;
sein Körper war durch übertriebene Bußübungen zu hart mitgenommen. Der
Abt, bange, der Bruder werde es nicht überstehen, wünschte ihn der
strengen Klosterzucht enthoben zu sehen und verfügte die Uebersiedelung
nach Arles in die Hände berühmter Aerzte. In Arles nahmen sich ein
hochgestellter Mann, Firminus, und dessen Gemahlin Gregoria des Kranken
an und sorgten auch später für die weitere Ausbildung durch einen
Rhetor Pomerius; denn in Dingen der Bildung ließ der Mönch noch zu
wünschen übrig. Aber diese Bemühungen verfingen nicht allzu sehr bei
Cäsarius: es war ihm an weltlicher Weisheit nicht eben viel gelegen,
wie er denn nicht, was man heißt, begabt war. Er verstand sich daher
auch nicht auf die blühende Redeweise der gallischen Rhetoren, sondern
drückte sich einfach und bescheiden aus. Der Bischof von Arles, bei
dem er durch seine Gönner eingeführt, und als aus Chalons gebürtig
vorgestellt wurde, freute sich, einen Landsmann zu treffen; er hatte
die Eltern wohl gekannt und bei näherer Bekanntschaft stellte sich
heraus, daß sie überhaupt noch entfernt verwandt waren. Auf Ansuchen
des Abtes von Lerinum nahm er die Priesterweihe an Cäsarius vor. Obwohl
dieser damit in den geistlichen Verband der Kirche von Arles überging,
befolgte er doch nach wie vor den Psalmenkanon und alle Regeln seines
Klosters. Als dann im Jahre 499 auf der Arles unterstellten Insel
die Klosterzucht nachließ und der Abt gestorben war, beauftragte der
Bischof seinen Verwandten mit der Reform. Cäsarius unterzog sich der
Aufgabe und wurde den kühnsten Erwartungen gerecht. Zu jener Zeit nun
begann Bischof Aeonius alt zu werden und hatte nur noch einen Gedanken,
nämlich bei Klerus, Bürgerschaft und beim Könige die Wahl seines
Vetters sicher zu stellen. So kam es, daß Cäsarius, der erst dreißig
Jahre alt, schon Abt geworden war, nun gar noch, kaum dreiunddreißig,
Primas von Gallien wurde. Diese außerordentliche Ehre war durchaus
nicht nach seinem Sinne; er suchte sich ihr gewaltsam zu entziehen,
indem er sich auf dem Kirchhof hinter den Grabsteinen verbarg. Alarich,
der König der Westgothen, dem Arles damals botmäßig war, hatte diese
Wahl bestätigt, obwohl der Gewählte ein Ausländer sei. Immerhin
wußte ihn einer der bischöflichen Kanzlisten namens Licinianus durch
Zwischenträger beim Könige zu verleumden; die Folge war Cäsarius’
Verbannung nach Bordeaux im Jahre 505. Dort verbrachte er einen Winter
mit Ruricius, seinem bischöflichen Kollegen von Limoges, und errang
sich durch seine furchtlose Hilfeleistung bei einer Feuersbrunst die
rückhaltlose Verehrung der dortigen Bevölkerung. Unterdessen war zu
Hause seine Unschuld an den Tag gekommen; er durfte frei in seine
Stadt zurückkehren, und nur seiner Fürbitte hatte es der Verleumder
zu danken, daß er nicht um seinen Kopf kam. Am 11. Sept. 506 trat in
Agde das Konzil der katholischen Bischöfe des westgothischen Reiches
zusammen, 507 ein gleiches in Toulouse. Da Cäsarius als Metropolit die
Beschickung des Landeskonzils für jeden Bischof verbindlich erklärte,
ansonst die brüderliche Gemeinschaft suspendiert werden müßte, überwarf
er sich mit Rusticius von Limoges, der ihm grob erklärte, es sei ihm
doch noch lieber, wenn die Stadt des Bischofs wegen, und nicht der
Bischof der Stadt wegen bekannt sei. Kurz darauf mußte dann aber
der innerkirchliche Zwist vor den weltgeschichtlichen Ereignissen
verstummen, die nun eintrafen. Alarich war bei Veuillé von Chlodowech
geschlagen worden und gefallen. Die siegreichen Franken drangen bis in
die Provence vor und belagerten mit den verbündeten Burgundern Arles.
Wohl versammelte der ostgothische König Theodorich auf den 24. Juni
desselben Jahres 508 das Heer, das dann in der That die schwerbedrohte
Stadt entsetzen sollte. In der Zwischenzeit aber litt sie und nichts
kann uns mit größerer Verehrung vor ihrem jungen Erzbischof erfüllen,
als die Unerschrockenheit und die selbstlose Hingabe, mit denen er in
diesen Tagen höchster Not und Gefahr seine Pflicht that. Er hatte eben
im Südosten der Stadt ein Nonnenkloster bauen und es sich nicht nehmen
lassen, selbst mit Hand anzulegen. Nun mußte er es von der Stadt aus
mit eigenen Augen ansehen, wie die Franken und Burgunder, übrigens
entgegen dem Tagesbefehle Chlodowechs und trotz starker Sympathien
im burgundischen Heere, den Bau größtenteils wieder niederrissen und
Steine und Holz für ihre Sturmwälle benutzten. In Arles selbst wurde
er schwer verleumdet. Vor wenigen Jahren hatte er seiner burgundischen
Freundschaft wegen in die Verbannung gehen müssen, und nun waren in
mehr als einer Stadt die katholischen Bischöfe offen zu Verrätern
des westgothischen Vaterlandes geworden. Zum Unglück war auch ein
Chorherr des bischöflichen Kapitels, zudem ein Verwandter des Cäsarius,
aus Furcht vor der drohenden und in jenen Zeiten kaum erträglichen
Gefangenschaft nachts an einer Strickleiter über die Mauer hinunter zu
den Feinden übergelaufen. Es schien, als sei es um Cäsarius geschehen.
Das Volk wollte ihn in die Rhone werfen. Er wurde aufs strengste im
Palatium bewacht, sein Haus von Arianern bezogen. Am meisten hatten
die Juden gegen ihn gehetzt, weil er auf dem Konzil von Agde im Jahre
506 ein altes Verbot mit den Juden zu speisen von den Klerikern auf
alle Katholiken hatte ausdehnen lassen. Da wurde aber bei einem Ausfall
der Belagerten ein an einem Stein befestigter Brief gefunden, den
ein Areletenser Jude, als er den Wachtdienst versah, zu den Feinden
hinübergeschleudert hatte: er verriet die Mittel zur Einnahme der Stadt
mit der Erwartung, daß dann Freiheit und Besitz aller Juden in Arles
unangetastet bleibe. Die gothischen Machthaber ließen nun Cäsarius
frei und verhafteten die Juden. Auch rückte jetzt das ostgothische
Ersatzheer heran, und es siegte. Arles wurde dadurch mit Gefangenen
angefüllt, und Cäsarius übernahm die Fürsorge für diese Unglücklichen.
Dabei nahm er auf die heidnischen Franken und die arianischen Burgunder
genau die gleiche Rücksicht wie auf die gefangenen Katholiken. Aus
dem reichen Kirchenschatz schaffte er Nahrung und Kleider. Als dieses
Hilfsmittel erschöpft war, ließ er mit Axthieben die reichen silbernen
Verzierungen im Innern der Hauptkirche von den Säulenuntersätzen und
den Schranken abtrennen; ja schließlich schmolz er die heiligen Gefäße
ein, man denke sich unter welchem Widerspruch der Kleriker. Er hatte
darauf die schöne Antwort: »Möchten doch gewisse Herren Bischöfe und
sonstige Geistliche mir Rede stehen, die aus ich weiß nicht was für
einer Liebe zu überflüssigen Dingen nicht wollen, daß man fühlloses
Silber und Gold aus den Schatzkammern Christi für Knechte Christi
verwende, wenn sie selbst zufällig von einem solchen Unglück betroffen
wären, ob sie es dann auch für Tempelschändung erklären würden, wenn
ihnen jemand mit den gottgeweihten Gaben zu Hilfe käme? Ich glaube
nicht, daß es Gott mißfällt, Dinge, die zu seinem Dienst bestimmt
sind, zum Lösegeld zu verwenden, da er sich selbst für die Menschen
zum Lösegeld dahingab.« Im festen Gottvertrauen setzte der Bischof
sich und seine nächsten Angehörigen dem Mangel aus, um den Gefangenen
zu helfen. Sein Verwalter erklärte, wenn die Gefangenen auch nur
einen Tag weiter unterstützt würden wie bisher, könne er morgen kein
Brot beschaffen für den Tisch des Bischofs; warum man denn nicht die
Gefangenen einfach in den Gassen betteln lasse. Der Bischof zog sich in
seine Zelle zurück und kehrte dann mit wunderbarer Zuversicht wieder.
Er lachte den Verwalter wegen seines Unglaubens aus und sagte zu seinem
Sekretär Messianus: »Wir wollen heute alles verbacken und morgen wenn
es sein muß fasten. Das steht uns immer noch besser an, als Leute aus
guter Familie zum Betteln zu zwingen.« Einem Anwesenden aber flüsterte
er ins Ohr: »Morgen wird Gott geben, wer den Armen giebt, leidet nicht
Mangel.« Der nächste Tag graute: da kamen drei große Getreideschiffe
die Rhone herunter; König und Kronprinz von Burgund sandten sie, um
Cäsarius in seiner Liebesthätigkeit zu unterstützen, um so mehr als
sie wußten, wie viel davon ihren gefangenen Unterthanen zu Gute kam.
Auch als Prediger stellte Cäsarius in diesen Schreckenstagen seinen
ganzen Mann: »Ja, einen bitteren Rauschtrank kredenzt die Welt ihren
Liebhabern. Zu euch spricht jetzt die rauhe Wirklichkeit, ihr Liebhaber
der Welt: ›Wo ist das was ihr so hoch hieltet und nicht fahren lassen
wolltet?‹«[069-1].
Dem Kriege folgte eine so große Sterblichkeit, daß die noch Lebendigen
kaum ausreichten, die Toten zu begraben. Die Umgegend war verwüstet,
ganze Provinzen deportiert, besonders schrecklich war das Los der
Frauen: vornehme Damen waren zu Mägden geworden. Um so mehr mußte
für Cäsarius darin eine Aufforderung liegen, seine Gründung eines
Nonnenklosters wieder aufzunehmen. Seine Schwester Cäsaria hatte er
nach Marseille in das Frauenstift des Cassianus gesandt, damit sie
dort das Leben nach der Regel erlerne. Darauf war sie einem neuen
Hause neben der Kirche von Sankt Stephan vorgesetzt gewesen, während
zwei oder drei Gefährtinnen bereits Einzelzellen bezogen hatten, bis
endlich am 26. August 512 das Kloster eingeweiht wurde. Die Zahl der
Nonnen stieg im Lauf der Jahre auf zweihundert. Im folgenden Jahre
wurde Cäsarius vor den Ostgothenkönig Theodorich geladen und unter
militärischer Eskorte nach Ravenna abgeführt. Die Gründe der Anklage
sind unbekannt und mögen mit dem Klosterbau zusammenhangen. Jedenfalls
wußte Cäsarius auch diese Verdächtigung durch die bloße Darlegung
des Sachverhalts zu entkräften, und Theodorich sah sich bewogen,
den Bischof noch ausdrücklich durch ein kostbares Ehrengeschenk
auszuzeichnen. Cäsarius verkaufte die silberne Platte und löste mit dem
Gelde Gefangene aus; er veranlaßte durch dieses sein Beispiel überdies
reichliche Liebesgaben großer Herren, durch die der Loskauf fast aller
in Italien noch gefangenen Burgunder möglich wurde. Uebrigens scheint
Cäsarius von Theodorich nicht nur als Kirchenmann, sondern auch als
politischer Vertreter der Stadt Arles zur Rechenschaft gezogen worden
zu sein. Von Ravenna reiste er nach Rom und wurde von Papst Symmachus
sowie dem römischen Adel sehr ehrenvoll aufgenommen. Es galt am
apostolischen Stuhl einige fragwürdige Angelegenheiten zu erledigen.
Zunächst hatte Cäsarius, um das Geld zum Klosterbau aufzutreiben,
arelatensischen Kirchenbesitz veräußert und damit ein schlechtes
Beispiel gegeben, das nicht ermangelte, befolgt zu werden. Im Kloster
selbst trat bald der Uebelstand zu Tage, daß die Nonnen, ob sie
wollten oder nicht, von Freiern zur Heirat entführt wurden. Cäsarius
bestand überdies auf dem noch von seinem Vorgänger gehandhabten Recht,
eine durch Klerus und Bürgerschaft zu Stande gekommene Bischofswahl
als Metropolit zu bestätigen und wollte weltliche Würdenträger zum
geistlichen und gar zum bischöflichen Stande nicht zulassen, ohne
über Jahre zurück ihren Leumund in Erwägung zu ziehen. Außerdem war
dieses ein Jahrhundert alte Privilegium des Stuhles von Arles auf
den Primat von ganz Gallien nun durch die diplomatischen Künste
des Avitus von Vienne sehr ins Schwanken geraten. Trotz dieser
mannigfaltigen und vielfach zweifelhaften Umstände erzielte Cäsarius
mit seiner Anwesenheit am päpstlichen Hofe einen vollen Erfolg, und
schon ein Jahr darauf sah der Erzbischof von Arles seine Rechte eines
apostolischen Vikars nicht nur über Gallien, sondern auch über Spanien
ausgedehnt. In Rom hatte Cäsarius auch starke liturgische Eindrücke
in sich aufgenommen und traf sofort Anstalten, den römischen Ritus
in Gallien einzubürgern. Namentlich aber brachte er ein Vermögen von
achttausend Goldstücken als Fonds für den Rückkauf der Gefangenen mit
nach Hause; er organisierte eine ganze Beamtenschaft aus Aebten und
Klerikern, um die Armen zu befreien, und begab sich selbst in dieser
Angelegenheit nach Carcassone. Papst Hormisdas, der 514 Symmachus
nachfolgte, sicherte dem Kloster von Arles den Schutz des heiligen
Stuhles zu und legitimierte, wenn auch nicht ohne Zögern die im Grund
unrechtmäßigen Vergabungen, die vom Kirchengut an das Frauenstift
geschlagen worden waren. Im April 515 fand das von Cäsarius einberufene
zweite Konzil von Arles statt, an dem siebzehn Bischöfe teilnahmen,
dessen Beschlüsse uns jedoch unbekannt geblieben sind. Auch das
Weihfest der Marienkirche im Jahre 524 gestaltete sich zu einer Synode,
ebenso vier Jahre später die Kircheneinweihung von Orange; dort
bekämpfte Cäsarius den Semipelagianismus des Erzbischofs von Vienne.
Auf dem Konzil des Jahres 529 brachte er dagegen die liturgische
Bewegung in Fluß; es handelte sich darum, die italienische Praxis in
folgenden Punkten zu befolgen: ob alle Pfarrer jüngere ledige Lektoren
bei sich haben und mit ihnen die Psalmen, Vorlesestücke und heilige
Schrift studieren sollten, um sich so ihren Nachfolger heranzuziehen,
ob das Kyrie eleison und in allen Messen das dreimalige Sanktus zu
sprechen sei und ob nach jedem Schluß hinter dem »Gloria« nicht ein
»Wie es war im Anfang« zu folgen habe, um die arianische Irrlehre Lügen
zu strafen. Bis jetzt hatten Presbyter und Diakone nur das Evangelium
lesen dürfen; nun sollte ihnen auch das Predigen erlaubt werden und
zwar nicht nur denen in der Stadt, sondern auch denen auf dem Lande.
Für sie hatte nun Cäsarius ein Vademecum verfaßt, ein Handbüchlein,
mit Predigten, die an Festen und Feiertagen hergesagt werden konnten.
Auch wurde beschlossen, der Name des regierenden Papstes sei in den
Dorfkirchen der Provinz von Arles zu nennen. Auf dem Konzil von
Marseille vom Jahre 533 mußte der Bischof von Rei wegen Ehebruch und
Diebstahl, deren er geständig war, seines Amtes entsetzt werden; auf
Cäsarius Veranlassung waren die strengsten Maßregeln ergriffen worden,
den Fehlbaren unschädlich und, was er veruntreut hatte, wieder gut zu
machen. Papst Johannes billigte sein Vorgehen; leider aber lieh sein
Nachfolger Agapet dem Bösewicht Contumeliosus Gehör, und obwohl auch
die von ihm eingesetzte Revisionskommission die ersten Verfügungen im
Ganzen bestätigte, mußte sich Cäsarius die päpstliche Ungnade in sehr
fühlbarer Form gefallen lassen. Als Arles dann in fränkischen Besitz
überging, 536, war Cäsarius bereits ein alternder Mann. Noch hatte
er bei König Theudebert sich einer Botschaft des Papstes Vigilius zu
entledigen, am 6. Mai 538, und wirkte in allgemeinen Kirchenfragen noch
mit seinem bewährten Rate mit. Doch hat er an keinem fränkischen Konzil
teilgenommen, er war zu leidend und fiel oft in Ohnmacht. Als er seinen
Tod herannahen fühlte, ließ er sich in das Nonnenkloster hinübertragen,
um sie zu trösten, nahm Abschied von den Schwestern und kehrte nach
der Stephanskirche zurück. Vierzig Jahre lang hatte er der Kirche von
Arles vorgestanden und dreißig waren vergangen, seit er das Kloster
gegründet hatte. Am Morgen nach dessen Weihetag ist er gestorben, den
27. August 542. An der Trauer um ihn ließ sich erkennen, wie er geliebt
war. Sogar die Juden, die ihn einst verleumdet hatten, schlossen sich
dem Leichenzuge an. Begraben ist er in der Marienkirche neben der
Schwester, die ihm im Tode vorangegangen war.
In dieser kurzen Skizze von Cäsarius Lebensgang sind allerdings
die Mitteilungen der Doppelvita aus andern Quellen ersten Ranges
ergänzt und gelegentlich sogar berichtigt; aber diese liefert doch
den fortlaufenden Zusammenhang, ohne den ein Gesamtbild undenkbar
wäre. Immerhin sind die exakten chronologischen Daten, die uns die
Vita zu erschließen ermöglicht, von ihr als einer echten Memorie nur
vermittelt, nicht aber selbst geliefert. Die zweite Vita, die sich
überhaupt mehr der innerlichen Wirksamkeit des Cäsarius zuwendet,
gibt dementsprechend keinen einzigen Anhaltspunkt zu chronologischer
Fixierung. Dagegen enthält die erste von den drei Bischöfen verfaßte
Schrift nicht weniger als zwölf historisch sichere Zeitangaben: doch
beweist sie ihren Charakter einer Memorie eben dadurch, daß nicht sie
selbst die Jahreszahlen ausdrücklich mitteilt, sondern diese, ohne
äußere kalendarische Mittel zu Rate zu ziehen, auf inner biographischem
Wege umschreibt.
* * * * *
Um aus unserer Uebersicht über die spätlateinischen und altgallischen
Heiligenmemorien die Summe zu ziehen, muß vor allem erinnert werden,
die erste und wichtigste unter ihnen sei zugleich ohne Vorgänger,
sondern der unvermittelte Urheber der ganzen Gattung. Das Martinsleben
des Sulpicius Severus ist nämlich von den Heiligenschriften des Rufinus
unabhängig und wohl überhaupt etwas älter als sie, indem es 400–402,
während diese 402–404 verfaßt sind. Höchstens der gemeinsame Einfluß
des Hieronymus kann sich spürbar machen. Im Unterschied von Hieronymus
gebührt dem weit weniger begabten Rufin das Verdienst, christliche
Einsiedler des Morgenlandes auf Grund wirklicher Kenntnisse geschildert
zu haben. Er hat es hauptsächlich auf die Darstellung einmal der
Seelenkämpfe und dann der Wunderkraft abgesehen. Ein langjähriger
Aufenthalt in Aegypten hatte ihn mit der Gedankenwelt und den
Lebensgewohnheiten der Mönchskolonien vertraut gemacht und er verdient
als Berichterstatter Zutrauen, da er von Natur nicht eben an einem
Uebermaß von Erfindungsgabe litt. Zwar kleidet er seine Erzählung in
die damals beliebte Form der Reisenovelle, aber schon nach dem ersten
Kapitel versagt die Kunst. Er bleibt ein trockener Aufzähler, ohne alle
Mannigfaltigkeit des Ausdrucks. Auch wuchert es von Wundergeschichten:
Kranke werden geheilt, wilde Tiere in den Dienst der Menschen
gezwungen, Räuber entwaffnet, ein heidnisches Idol samt seinen auf
einer Prozession begriffenen Begleitern auf die Stelle gebannt und
anderer Dinge mehr[073-1]. Obwohl eigene Anschauung den Schilderungen
zu Grunde liegt, kann doch von eigentlichen Memorien in dem hier
entwickelten Sinne nicht die Rede sein.
Andrerseits ist der Memoriencharakter jener andern ausschließlich
römischen Gattung von Heiligenlitteratur nie ganz abhanden gekommen,
die im Unterschied von der ausführlichen Einzelvita eine ganze Sammlung
kürzerer Lebensskizzen enthält. Mit Rufin anhebend, fand sie ihre
Krönung im Dialogenwerk Gregors des Großen. Auch ihm fehlt es nicht
an memorienhaften Zügen und darum auch nicht an echtem Leben. Wer
verweilte nicht mit stiller Freude vor jenem italienischen Idyll,
von dem sich der Papst hatte erzählen lassen, dem demütigen Bischof
Bonifacius von Ferent[073-a], der seinen Leuten die verhagelte
Weinernte wieder einbringt, der zwölf Goldstücke, den Erlös vom
verkauften Pferde seines Neffen, diesem stiehlt und den Armen schenkt,
sie aber dann wieder zusammenbetteln muß, um nicht als Dieb dazustehen,
den vorüberziehenden Gothen ein Faß Wein auf den Weg mitgibt, in Jesu
Namen die Kohlraupen aus seinem Garten scheucht und mit demselben
Mittel einem Fuchs das geraubte Huhn abjagt!
Zweiter Abschnitt.
Die Forschung.
Die Heiligenmemorie, noch ein Erzeugnis des römischen Geistes,
war als litterarische Gattung erstarkt und ausgebildet, bevor die
junge fränkische Kultur diesen geistigen Betriebszweig übernahm
und einstweilen als den einzigen ihr litterarisch möglichen
weiterpflegte. Blieb nun aber wirklich die Kenntnis von den
Heiligen auf die Aufzeichnung unmittelbarer persönlicher Erinnerung
beschränkt? Wie, wenn man der Erinnerung mit den Mitteln gelehrter
Erkenntnis nachträglich aufhalf und so die Lücken der persönlichen
Befangenheit überwand? In der That stellt sich die Fortbildung der
Heiligenlitteratur im merowingischen Zeitalter, ideal betrachtet, unter
diesem Gesichtspunkt dar. Nicht nur Gregor von Tours, sondern auch
einige vor und nach ihm haben sich dem Bann eines einzelnen Heiligen
entzogen und ganze Gruppen beschrieben.
Um indessen der Hoffnung auf eine Bereicherung unserer heutigen
Erkenntnis vorzubeugen, sei eine Erwägung allgemeiner Natur
vorausgeschickt. Erst unsere Zeit hat es zu einer Wissenschaft
gebracht, die unter Verzicht auf die eigenen Wünsche nur den
Gesichtspunkt sprechen läßt. Alle frühere Wissenschaft ist sozusagen
egoistisch. Sie gründete sich auf ein persönliches Interesse, um
dessentwillen der Gegenstand studiert wurde. Die Ergebnisse einer
solchen Forschung werden nun in dem Maße als Quellen brauchbar sein,
als die Gesinnung, in der sie verfaßt wurden, rein und lauter war. Je
mehr aber die unmittelbare Liebe zum Gegenstand durch fremde Zwecke
abgelenkt wurde, desto verdächtiger wird dann auch das Zeugnis. Wir
haben feststellen müssen, daß die Memorie ihrem Wesen nach nicht
im Stande ist, eine Figur zeitgeschichtlich aufzufassen, aus dem
natürlichen Grunde, weil der Erzähler selbst in dieser Zeit mitten drin
steht und daher nicht über sie hinaus zu sehen vermag. Wir durften
das feststellen in einer Zeit, da sich Psychologie und Chronologie
zum biographischen Kunstwerk verbunden haben. Aber eben das bewahrt
uns davor, in der Forschung, wie wir sie damals neben der Memorie
und aus ihr heraus erwachsen sahen, einen Fortschritt im Sinne einer
Bereicherung unserer Kenntnisse zu erblicken. Vielmehr wird es im
folgenden unserer Weisheit letzter Schluß sein, daß damals die Memorie
nach wie vor der eigentliche Kern der historischen Treue bleibt und daß
jeder Betrieb der Forschung durch Gelehrte die Ueberlieferung öfter
getrübt als geklärt hat. Je mehr und je reineres persönliches Andenken
vorliegt, mag es an sich noch so befangen sein, desto wertvoller ist
und bleibt das Zeugnis. Nachträgliche Forschung dagegen kann uns
höchstens als Ersatz für die nicht mehr mögliche Erinnerung willkommen
sein, so lange nicht geradezu ein wissenschaftliches Werk im heutigen
Sinn erwartet werden darf, das dann allerdings eben die Entfernung vom
Gegenstande sich zum Vorteil wendet durch das freie und liebevolle
Verständnis des Helden aus Zeit und Umgebung heraus.
Wie alle geschichtlichen Anfänge, ist auch der Anfang des spezifisch
merowingischen Heiligenlebens unserer Kenntnis entzogen. Trotz
vereinzelter Spuren, daß es vor Fortunat und Gregor merowingische
Heiligenschreiber gegeben hat, ist sicheres darüber nicht auszumachen.
Immerhin mögen einige dieser Schriften nicht streng memorienhaften
Charakter getragen haben, sondern eher aus einer Art Annalistik
hervorgegangen sein oder sich direkt an die Form der alten
römischen Protokolle eines Märtyrerprozesses angelehnt haben. So
überrascht in einem durch Gregor uns aufbehaltenen Fragment einer
Saturninspassion[075-a] das präzise Datum: »Unter dem Konsulat
des Decius und Gratus« — nie hat sich etwas dergleichen in einer
Memorie blicken lassen. Mit dieser Schrift fällt auch die alte
Julianspassion unter eine litterarische Rubrik, die sich, der ›Vita‹
entrückt, unzweideutig als Abkömmling der römischen Märtyrerakte
zu erkennen gibt[075-b]. Allem nach war auch jene Schrift über den
Todeskampf des arvernischen Märtyrers Liminius eine Passion[075-c],
wie auch für Vincenz von Agen und Genesius von Bigorre solche
verzeichnet werden[075-d]. Die Passion des Felix von Nola hatte
Gregor nicht zur Hand, als er aus ihr schöpfen wollte[075-e].
Ein altes Symphoriansleiden dagegen, auf das er sich beruft, ist
auch uns noch erhalten, ebenso vielleicht seine Ferreolus- und
Ferruciuspassion[075-f]. Von diesen ›Leiden‹ unterscheidet Gregor zehn
Heiligenleben: die darin beschriebenen Männer sind Remigius, Patroklus,
Hilarius, Maximus, Symeon, Romanus, Bibianus, Marcellus, Medardus,
Albinus[075-g]. Das Albinsleben bezeichnet er als von Fortunat und das
Maximusleben als in Versen verfaßt. Da jedoch aus solchen zerstreuten
Andeutungen nicht klug zu werden ist, greifen wir eine andere Folge von
Spuren auf, die uns unmittelbar zu Venantius Fortunatus und damit zum
festen Ausgangspunkt unserer Erörterungen hinführen.
Viertes Kapitel.
Die panegyrische Heiligenforschung des Venantius Fortunatus.
Das über die persönliche Erinnerung hinaus verlängerte Andenken an
Heilige im alten Frankreich nimmt seinen Ausgang bei Martin von Tours.
Wie er den ihn schildernden Schüler überwältigte, so geht von ihm auch
die Kraft aus, die in jener Zeit gelehrte Bemühungen um die Heiligen
ins Leben zu rufen vermochte. Seine Heldengestalt mußte indes weit mehr
zu dichterischem Lobpreis, als zu kritischer Betrachtung auffordern.
Und so wurde nun, um von den zahlreichen alten Martinshymnen hier zu
schweigen, auch die erste biographische Darstellung von Martins Leben,
an die man sich nach Sever wagte, in Versen unternommen. Von ihrem
Verfasser, Paulinus von Perigueux, wissen wir nur das Todesjahr 475.
Zu seinem Heldengedicht bediente er sich der Quellen, die er vorfand,
nämlich der Martinsschriften des Severus[075-h]. Er gesteht selber,
weiter nichts zu thun, als die ihm vorliegende Prosa rythmisch zu
erweichen; zu den Quellen könne nicht jeder dringen, und so müsse man
denn bei ihm mit abgeleitetem Wasser vorlieb nehmen, dem es an Frische
fehle. Auch entbehrt es des Interesses nicht, daß Paulinus aus Severs
Vorlage nicht ein einheitliches Lebensbild zusammenschweißt, sondern
die doppelspurige Behandlung des Severus beibehielt. In drei ersten
Gesängen schöpft er die Vita aus, in einem vierten den zweiten Teil
des ersten Dialogs, in einem fünften den zweiten Dialog. Das meiste,
was Sever bietet, benützt er und überspringt nur wenig. Das sechste
und letzte Buch zieht dann eine neue Quelle hervor, nämlich die dem
Verfasser durch Bischof Perpetuus von Tours zur Verfügung gestellte
Liste von sechzehn Wundern, die am Grabe des Heiligen nach seinem Tode
geschehen waren.
War mit Paulinus von Perigueux Martin einem Poeten in die Hände
gefallen, der nach eigenem Geständnis keiner war, so hatte er mit
seinem nächsten Biographen scheinbar mehr Glück, insofern Venantius
Fortunatus für den letzten römischen Dichter gilt[076-1]. Aber auch
dieser befolgt das Rezept des Paulinus, und gibt im ersten und zweiten
Gesang die verblümte Vita, im dritten und vierten eine Paraphrase der
Dialogen[076-2]. Er behandelt den Gegenstand fabrikmäßig, von seiner
poetischen Begabung ist nicht viel zu spüren, finden sich doch unter
den zweitausend zweihundert und dreiundvierzig Versen kaum fünfzig
gute[076-3]. Wie Paulinus hat er sich zum Martinsgedicht des einfachen
Hexameters bedient, während er sonst über gewähltere Maße verfügte. Er
deutet auch an, daß er in Paulins Spuren wandelt.
Reich an Talent, an Ahnen, an Glauben und Herz hat Paulinus
Martins Satzung in Versen erzählt, des heiligen Lehrers.
Aber nun ich, bin ich würdig genug das selige Leben
Auch zu berühren mit zitternder Hand und mit stammelnder Zunge?
Sowohl das Martinswerk des Paulinus als das des Venantius Fortunatus
kommen daher als poetische Leistung kaum, als ernst zu nehmende
Lebensschilderungen gar nicht in Betracht. Die gelehrten Verdienste
Fortunats um die Heiligen liegen anderswo.
1.
Fortunat verfaßte sechs Heiligenleben in Prosa. Da sie für das Volk
berechnet waren, sah er von dem höfischen Stil ab, mit dem für
uns erfreulichen Resultat, daß diese Traktate in einer einfachen,
natürlichen Sprache gehalten sind, während sonst gerade seine Prosa
nicht auszustehen ist. Zuerst beschäftigt uns sein Leben des Hilarius
von Poitiers. Es ist wichtig als der erste bedeutendere Vertreter
einer Prosavita, die nicht auf persönliche Erinnerung zurückgeht,
also nicht Memorie ist. Sprang schon bei seinem Martinsgedicht der
enge Anschluß an Sever in die Augen, so ist er bei näherem Zusehen
hier in nicht geringerem Maße vorhanden. Nun hat Sever allerdings
keine Hilariusgeschichte hinterlassen, aber in seiner Chronik doch
mehrere biographische Daten untergebracht und im Martinsleben dessen
Beziehungen zu Martin kurz erwähnt; alle diese Stellen finden sich
in Fortunats Hilariusleben gewissenhaft übernommen und der Anklang
sogar bis auf einzelne Ausdrücke nicht vermieden. Die Angaben des
Hieronymus über Hilarius hat Fortunat nicht benützt, obwohl er
in der Vorrede Hilarius und Hieronymus nebeneinanderstellt; und
auch anderswoher seine Kenntnisse über Hilarius Lebensgang nicht
bereichert: er steht also mit diesem Werk so sehr im Bann des Sulpitius
Severus, als das bei dessen spärlichen Angaben über Hilarius möglich
war. Aber auch aus einem andern Grunde war sein Hilariusleben das
Seitenstück zu Severs Martinsleben: Hilarius von Poitiers nahm
zu dem größeren Nachbarheiligen von Tours für die Empfindung der
Nachwelt gewissermassen eine sekundierende Stellung ein: war Martin
Reichsheiliger, so war Hilarius dasselbe im zweiten Gliede; der
Martinsmission unter den Alamannen trat eine Hilariusmission an die
Seite; den Martinskirchen folgten Hilariuskirchen. Für die Abfassung
der Hilariusvita steht das Jahrzehnt 565 bis 575 zur Verfügung; in der
Vorrede zum Albinsleben sagt Fortunat allerdings, er habe in dieser
Litteraturgattung, eben der Heiligenschriften, noch keine Uebung; das
schließt die Priorität der Hilariusvita nicht unbedingt aus, denn da
der Adressat der Albinsvita Bischof Domitian von Angers 569 starb,
bleiben vier Jahre, in denen die beiden Schriften jede der andern den
Vortritt hatte lassen können. Daß dagegen das Hilariusleben es mit
einem längst Verstorbenen zu thun hat, dessen Grab bereits wieder auf
eine Geschichte zurückblicken kann, giebt sich auch schon in seinem
Anhang kund, in den Virtutes, die in der Hilariusbasilika von Poitiers
sich ereignet haben: ein so loser Anhang immerhin, daß es sich um
ein eigenes Büchlein handelt, mit eigener Widmung und dem sechsten
nicht mehr dem vierten Jahrhundert zum Gegenstande. Das älteste der
erzählten Wunder greift in die Zeit Chlodowechs zurück: der König hatte
vor der Schlacht bei Poitiers die Nacht im Hilariusmünster bis zum
Tagesanbruch zugebracht, bis er das feste Bewußtsein besaß, der Heilige
werde sein mächtiger Mitkämpfer sein. Diese »Hilariuswunderthaten«
sind vielleicht das früheste selbständige Beispiel dieser zweiten Art
hagiographischer Schriftstellerei, die sich nicht mit dem lebenden,
sondern mit dem toten Heiligen beschäftigt. Gewidmet sind beide
Schriften dem Pascentius, Bischof von Poitiers, der im Hilariuskult
von Kindesbeinen an erzogen war, dann Priester der Hilariuskirche von
Paris und schließlich auf König Chariberts Befehl nach dem Tode des
Pientius Bischof der Hilariusstadt wurde. Auf desselben Königs Geheiß
und Drängen verfaßte Fortunat dann auch die beiden Schriften.
Das Hilariusleben blieb jedoch Fortunats einziger Versuch, eine
Gestalt der fernen Vergangenheit zu schildern. Die fünf andern
Heiligen, die er beschrieb, sind mehr oder weniger seine Zeitgenossen:
vier fränkische Bischöfe und die heilige Radegunde. Von dieser muß
ausführlich die Rede sein. An den Bischofsleben dagegen mag nur eben
das Charakteristische hervorgehoben werden. Mit Germanus von Paris
stand Fortunat in persönlichem Umgang; für die Vita, die er ihm widmet,
ist davon leider wenig genug abgefallen. Der Eindruck, den ein Mann
wie Germanus Auge in Auge doch gewiß ausübte, kommt um alles Recht.
Einen treffenden Zug über den Heiligen erfahren wir von Fortunat nicht
hier, sondern im Leben der Radegunde, daß nämlich Germanus die in der
Fastenzeit an die Armen auszuteilenden Kuchen eigenhändig buk[078-a].
Dafür strotzt das Germanusleben von Wundern, nicht nur von solchen,
die der Heilige selbst gewirkt hat, sondern auch von übernatürlichen
Vorfällen, mit denen der Volksglaube zu allen Zeiten eine ihm genehme
Heiligengestalt umrahmt hat. Die Geburt wird in unerquicklicher
Weise wundersam verbrämt[078-b]. Als Muster des damaligen Geschmacks
in diesen Dingen ist die Episode hier anzuführen: Germanus hatte
rechtschaffene und angesehene Eltern. Seine Mutter schämte sich in
weiblicher Scheu, schon wieder ein Kind zu bekommen, da sie eben erst
eines gehabt hatte. Sie beschloß die Frucht abzutreiben, so lange es
noch Zeit sei und nahm den üblichen Trank, um das Verbrechen wider das
keimende Leben einzuleiten. Darauf erhob sich nun ein Streit zwischen
der Mutter und dem ungeborenen Kinde; dieses wünschte durchaus das
Licht der Welt zu erblicken und überwand die abtötende Wirkung der
Medizin. Das war gewissermaßen des Heiligen erstes Wunder, durchaus
geeignet, die künftige Kraft des Heiligen anzudeuten. Uebrigens knüpft
dieser sprechende Zug vielleicht doch an die Wirklichkeit an, und zeigt
dann, was damals eine sonst anständige Frau ohne Anstoß zu erregen sich
erlauben durfte.
Die übrigen drei von ihm beschriebenen Heiligen hat Fortunat nicht
selber gekannt. Im Kloster Tincallense, wo Bischof Albin erzogen
worden war, wurde Fortunat von dessen Nachfolger aufgefordert, die
Stadt Angers zu besuchen. Nach Mitteilungen eines Ungenannten fertigte
Fortunat sein Büchlein an: »Damit dieses Heiligenleben zur Erbauung
des Volkes schwarz auf weiß aufbehalten werden könne«, und widmete
es eben jenem Domitian, Bischof von Angers. Auf Geheiß des Germanus
von Paris verfaßte Fortunat sodann das Leben von dessen Vorgänger
Marcellus. Akten dieses Heiligen waren vorhanden gewesen, aber verloren
gegangen; die mündliche Ueberlieferung über ihn war aber noch sehr
lebendig. Paternus endlich, der Bischof von Avrenches, der noch auf
dem dritten Konzil vom Jahre 556 anwesend war, wurde von Fortunat dem
Abt Martianus zuliebe geschildert, dessen Kloster wahrscheinlich eine
Stiftung des Heiligen war.
So dürftig indessen diese Heiligen-Lebensbilder für ein nur
menschliches Interesse ausgefallen sind, mangeln ihnen wertvolle
Beiträge zur Zeitgeschichte nicht ganz. Diese zeigen uns den
bekanntlich sehr kirchenfreundlichen König Childebert im Verkehr mit
hervorragenden Prälaten. Als Albin nach Paris kam, um nach seiner
Erwählung zum Bischof von Angers im Jahre 529 die übliche Aufwartung
bei Hofe zu machen, Childebert dagegen in der Frühe auf die Jagd
geritten war, suchte der König, da dem geistlichen Herrn das Gehen
sauer war, diesen persönlich auf[079-a]. Dem Paternus von Avrenches
schickte er seine schließbare Reisekutsche zum Besuch bei Hofe und gab
ihm für Armensachen einen unbeschränkten Kredit[079-b]. Dem Germanus
stellte er nach dessen Wahl nach Paris sechstausend Goldstücke zur
Verfügung; Germanus brauchte nur dreitausend: für die ganze Summe
gebe es nicht Arme genug[079-c]. Als ihm aber der König ein Leibpferd
schenkte mit dem ausdrücklichen Wunsche, der Bischof möge es nun ja zum
eigenen Gebrauche verwenden, löste Germanus einen Gefangenen, der ihn
um die Freiheit bat, damit aus, weil für den Priester des Armen Stimme
mehr gelte als des Königs Stimme.
2.
Von Fortunats fünf zeitgenössischen Lebensbildern ist also das der
Königin Radegunde weitaus das bedeutendste. Auch es steht in mehr
als einer Hinsicht unter dem Einfluß von Severs Martinsleben. Als
Radegunde eine junge Klosterschwester erweckte, die für tot galt, in
ihrer eigenen Zelle, ohne Zuschauer, nach siebenstündiger Behandlung,
erinnert Fortunat an das erlauchte Vorbild: _more beati Martini tempore
praesenti antiqui norma miraculi_[079-d]. Aber das ganze Bild der
frommen Frau steht in Martins Bann. Wie einst Martin seinem Burschen
Dienste leistete, die dieser ihm erweisen sollte, so reinigte auch
die Fürstin das Schuhwerk ihrer Schwestern. Zwei Stunden brachte
Martin allein bei einem entseelten Klosterbruder zu und Radegunde
zwei Stunden am Bett einer kranken Schwester. Sicher haben wir es
hier nicht mit einer schriftstellerischen Abhängigkeit Fortunats von
Sever zu thun, wohl aber deuten solche Stellen auf die Abhängigkeit
Radegundens von Martin hin, dessen Gestalt in Severs Darstellung der
Nachwelt erhalten war. Doch stellt sich selbst eine litterarische
Parallele zwischen Sever und Fortunat ein. Auch Fortunat wird dem Stoff
in seiner Vita nicht Meister: aus seinen Gedichten ersehen wir, daß er
von Radegunde sehr viel mehr und sehr viel Charakteristisches weiß,
was er in der Beschreibung nicht unterbringt. »Je mehr wir der Kürze
wegen auslassen müssen, eine desto größere Sünde ist es«, sagt auch
er. Und in der That, was hätte er noch alles erzählen können! In einem
seiner Gedichte wird uns in ergreifender Weise ein Einblick in ihr
menschliches Empfinden gewährt! Auch in vielen kleinen Zügen, die in
Fortunats Gedichten zerstreut sind, zeigt sich uns das unvergleichliche
Frauenwesen von Mutter Radegunde, wie sie sich nennen ließ. Sie
besteckt zu Ostern den Altar der Klosterkirche mit Blumen, erfreut
ihren Dichterfreund mit allerhand Aufmerksamkeiten, Pflaumen, Eiern,
frischer Milch und nimmt von ihm Veilchen, Blumen oder ein Körbchen
mit zahmen Kastanien an. Auch im Kloster zeichnet sie sich aus durch
ihren Eifer in der Kochkunst und durch ihr Geschick, Rahm zu Sahne zu
schlagen. Daneben liest sie fleißig Kirchenväter. Von diesen anmutigen
und intimen Einzelheiten enthält die Darstellung nichts. Ebenso
verschweigt sie den Namen der Adoptivtochter und Aebtissin Agnes und
Radegundens näheren Umgang mit ihr. Die Chronologie ist vernachlässigt.
An Fortunats wichtigstem Heiligenleben äußern sich somit in allen
wichtigen Punkten bei doch ganz andern Umständen ähnliche Bedingungen
der Konzeption und Ausführung, wie wir sie bei Sever an dessen
Behandlung Martins beobachtet haben: es ist das Unvermögen der
Memorie, bei allzugroßer Liebe zum Stoff diesen schriftstellerisch zu
bemeistern. Aber trotz alledem, welch ein Stoff!
Das zarte Königskind Radegunde von Thüringen[080-1] war die edelste
Beute der Franken nach der Schlacht an der Unstrut im Jahre 531. Die
königlichen Brüder stritten sich um das in seiner Jugend, seiner
Trauer, seiner Schüchternheit unbeschreiblich schöne Mädchen, auf
dessen Kinderjahren schon die ganze Bitterkeit eines wehrlosen
Waisenstandes gelastet hatte. Im Kampfe der Fürsten fiel sie dem rohen
Chlotar zu. Er brachte sie auf seinen Meierhof Athies bei St. Quentin,
um sie dort zu seiner Gemahlin erziehen zu lassen. Und da schenkte ihr
nun also die Gefangenschaft und die Fremde, was ihr mehr werden sollte,
als Heimat und Familienglück und irdische Liebe: das Christentum.
Ueber die zum Glauben nötige Unterweisung hinaus lernte sie lateinisch
und las Kirchenväter und die damals noch jungen lateinischen Hymnen.
Neben ihrem frommen Gemüt fiel sie durch ihr kluges Wesen und durch
ihre Liebe zu Kindern auf. Nichts wünschte sie mehr, als einst für
ihren Glauben das Leben lassen zu dürfen. Sie sammelte die arme Jugend
von der Gasse um sich, wusch die Kinder, gab ihnen zu essen; ja ein
Geistlicher mußte ein hölzernes Kreuz vorantragen und sie zog hinter
ihm mit der Schar der Kleinen Psalmen singend zur Kirche. Dort fegte
sie den Boden mit ihrem Kleide und wischte mit ihrem Taschentuch den
Altar vom Staube frei. Der drohenden Heirat mit dem König suchte sie
sich vergeblich durch heimliche Flucht zu entziehen. Die Verlobung
erfolgte auf dem königlichen Sommersitz zu Vitry, die Krönung zur
Königin in Soissons, 540. Das unvermeidliche Los suchte sie nach bestem
Vermögen auszugleichen. Die Hochzeit mit dem irdischen Fürsten trennte
sie nicht von dem himmlischen; an Christus war ihr mehr gelegen als
an ihrem Gemahl. Als sie einst zu einer vornehmen Frau ritt und an
der Straße einen Götzentempel bemerkte, der den heidnischen Franken
sehr hoch stand, hielt sie an und befahl den Dienern Feuer einzulegen.
Alsobald großer Tumult, bloße Schwerter, Knüttel und Zetergeschrei:
Radegunde saß unbeweglich im Sattel, bis das teuflische Heiligtum in
Asche lag; das besänftigte die Menge. Von allen Einkünften, über die
sie verfügte, gab sie den Zehnten der Kirche als regelmäßige Steuer;
aber auch den Rest brauchte sie meistens im Dienst der Wohlthätigkeit.
Reich beschenkte sie die Klöster; sogar die Einsiedler, die sich
gänzlich zurückzogen, wußte ihre Gabe zu erreichen. Fürstin von
Geblüt und Ehe wurde sie die Magd der Armen. In Athies errichtete
sie ein Spital für bedürftige Leute, übernahm selber die Leitung und
behielt sich persönlich die Pflege der abschreckendsten Krankheiten
vor, die letzten Stadien der Entzündungen und stinkende Geschwüre
wie den Krebs. An der Hoftafel lebte sie von Bohnen und Linsen. Sie
unterbrach die Mahlzeit und eilte hinaus, entweder um in der Kirche
am Horengesang teilzunehmen oder um sich zu erkundigen, ob und was
jetzt die Armen zu essen bekämen. Sie konnte auch, einmal in der
Kirche, die Essenszeit überhaupt vergessen. Sie griff zu Listen, um
sich den Ansprüchen ihres Gemahls zu entziehen und stahl sich eines
Nachts, eine Anwandlung leiblicher Notdurft vorschützend, aus dem
Schlafzimmer, in Wahrheit zu keinem andern Zweck, als um im leichten
Nachtgewande drunten in der kalten Schloßkapelle Bußübungen obzuliegen;
dabei erkältete sie sich und vermochte weder am Kamin noch im Bette
mehr warm zu werden. Aergerlich meinte der Gemahl, was übrigens längst
die Höflinge zischelten, das sei ja gar keine Königin, das sei eine
Nonne. So war es. In der Fastenzeit trug sie ein härenes Hemd unter
dem Seidenkleid. Jede Abwesenheit des Königs benützte sie, um alles,
was sie in ihrer Stellung an geistlichen Uebungen sich versagen mußte,
nachzuholen. Jeder Priester, der bei Hofe erschien, erfuhr ihre Huld:
er mochte bei Schnee, Kot oder Staub gekommen sein, ~sie~ wollte
seine Füße waschen und trocknen, ~sie~ ihm den Becher kredenzen. So
lange der geistliche Gast blieb, überließ sie die Hofgeschäfte ihren
Vertrauten und widmete sich ausschließlich ihm. Erfreute sie gar der
Bischof mit seinem Besuch, so war sie in einem Entzücken und immer
traurig, wenn er dankerfüllt Abschied nahm. Zierte ein kostbares
Linnen mit Schmuck von Gold und Edelsteinen ihr Schultern oder Haupt
und ihre Dienerinnen priesen den Anzug, schickte sie sofort das Tuch
als Altardecke in die nächste Kirche. Nie bemühte sie sich eifriger
ihren Einfluß auf den König geltend zu machen, als wenn ein Verbrecher
zum Tode verurteilt war; da bot sie ihren ganzen Liebreiz und alle
Freunde auf, um die Begnadigung durchzusetzen. Dieses Leben hätte sie
wohl in Demut weiter geführt, wäre nicht das Schreckliche geschehen,
das alle Bande ehelichen Gehorsams in ihr zerriß. Neben ihr war ihr
Bruder aufgewachsen; nun aber groß geworden, wollte er seinen Vetter
Amalfried in Byzanz aufsuchen, und im Osten ebenfalls sein Glück
machen. Radegunde bewog mit den zärtlichsten Bitten diesen letzten und
liebsten Menschen aus der Heimat, sie doch nicht zu verlassen. Der
Prinz blieb. Offenbar schien er nicht ungefährlich; er wurde ermordet.
Nicht einmal in seinen letzten Zügen konnte die Schwester ihn sehen,
nicht einmal dem Begräbnis konnte sie beiwohnen. Nun hielt sie aber
auch nichts mehr von dem Schritt zurück, zu dem ihr ganzes Wesen sie
antrieb. Unter einem Vorwande begab sie sich, 557, nach Noyon, dem
Sitz des Bischofs Medard. Sie traf ihn in der Kathedrale, wo er eben
Messe las; inständig bat sie ihn sogleich um die Weihe, da sie der Welt
entsagen wolle. Medard, selbst ein Heiliger, hatte nicht den Mut, der
Gattin des Königs den Schleier zu reichen; er setzte ihr in Erinnerung
an die Vorschrift des Apostels auseinander, sie sei gebunden und dürfe
die Ehe nicht lösen wollen. Er versuchte alles, ihre Einkleidung zu
verhindern. Er war durch die Drohungen der Edelleute in Radegundens
Gefolge eingeschüchtert. Die Hofleute waren von der Erklärung der
Herrin aufs äußerste überrascht: der Bischof habe keinerlei Recht, die
Königin geistlich zu machen, denn sie sei nicht eine beliebige Person,
sondern gewissermaßen ein staatliches Versatzstück. Sie vermochten
nicht an sich zu halten: vom Altar weg rissen sie den Bischof und
zerrten ihn durch die Kirche. Unterdessen schlüpfte Radegunde in die
Sakristei und daselbst in ein bereitgehaltenes Nonnenkleid, kehrte in
die Kirche zurück, trat aufs neue vor den Bischof und machte ihm so
deutliche Vorstellungen über seine Amtspflichten, redete ihm so scharf
ins Gewissen, beschwor ihn so eindringlich bei dem höchsten Hirten,
sie nicht durch seine Menschenfurcht zum verlorenen Schaf zu machen,
daß er erschrocken nachgab. Er legte die Hand ihr auf das Haupt und
weihte sie. Da nahm die fürstliche Nonne den goldenen Gürtel, der noch
eben ihren Leib umfaßt hatte, brach ihn entzwei, warf die Stücke unter
die Armen, nahm ihr Königsgewand, breitete es auf den Altar und legte
ihre Juwelen darauf. Dann wallfahrtete sie nach Tours und Candes, an
die Erinnerungsstätten des heiligen Martin und beschenkte mit ihrem
Vermögen größtenteils Klöster und Bistümer. Vorerst ließ sie sich nun
auf ihrer Besitzung Saix, zwischen Tours und Poitiers, nieder. Damals
träumte ihr, sie sehe ein riesiges Roß, das die Gestalt eines Menschen
habe, und auf allen Gliedern und Körperteilen säßen Leute, sie selber
aber auf den Knieen des Uebermenschen und eine Stimme sprach zu ihr:
Jetzt sitzest du noch auf dem Knie, bald wirst du an meiner Brust
Platz finden. Aber noch war sie nicht in Sicherheit; es verlautete,
Chlothar sei über ihre Flucht vom heftigsten Schmerz erfüllt und habe
erklärt, er wolle nicht mehr leben, wenn er sie nicht wieder zum Weibe
haben könne. In ihrer Herzensangst legte Radegunde sich noch härtere
Bußübungen auf, als die, denen sie sich bisher schon unterzogen, und
flehte Tag und Nacht zum Himmel um Schutz vor dem Gatten: lieber
sterben, als wieder sein werden! Das letzte Stück ihres Schatzes einen
reich verzierten goldenen Becher schickte sie in dieser Seelennot durch
einen ihrer Vertrauten an einen frommen Einsiedler und bat ihn um seine
Fürbitte, um Rat und um ein gröberes Bußgewand. Der Einsiedler ließ
ihr zum Troste sagen, allerdings sei es des Königs Wille, sie wieder
zum Weibe zu nehmen, aber Gott werde es nicht zulassen. Später als
Radegunde nach Poitiers übergesiedelt war, kam Chlothar von seinem
Sohn Sigibert begleitet, nach Tours, angeblich um dort sein Gebet
zu verrichten, in Wahrheit, um Radegunde zu entführen. Diese hörte
von der Gefahr und schrieb sofort an Bischof Germanus von Paris, der
sich im Gefolge des Königs befand. Der wußte sich nicht anders zu
helfen, als er fiel vor Chlothar nieder und bat ihn, Poitiers nicht
zu betreten. Da endlich ging auch diesem schlechten und ausgeschämten
Menschen eine Ahnung heiligen Lebens auf, gegen das er machtlos sei. Er
warf sich seinerseits dem Bischof zu Füßen, sandte ihn nach Poitiers,
um von ihr Verzeihung für alles zu erflehen, was er durch schlechte
Ratgeber verleitet, gegen sie gesündigt habe. Er erhielt Verzeihung.
Aber gesehen hat er die Heilige nie mehr. Unterdessen schritt der Bau
ihres Frauenklosters rüstig vorwärts. Unter den Thoren von Poitiers
führte sie, vom Bischof und vom Herzog der Stadt unterstützt, im Laufe
mehrerer Jahre ein mächtiges Gebäude auf, das gleich einer Festung, von
Mauern und Thürmen umgeben, im Notfall auch einer Belagerung trotzen
konnte. Alle die reichen Besitzungen, die sie zum Brautschatze und
zur Morgengabe von ihrem Gemahl empfangen hatte, übertrug sie mit
dessen Zustimmung ihrer neuen Stiftung, nur das ausgenommen, was sie
bereits einem Mönchskloster in Tours vermacht hatte. Endlich konnte
das Nonnenstift eingeweiht werden. Feierlich zog Radegunde mit den
Jungfrauen ein. Kopf an Kopf stand die Menge auf den Straßen von
Poitiers, alle Dächer waren von Neugierigen oder Andächtigen besetzt.
Radegunde hat das Kloster zeit ihres Lebens nie mehr verlassen. Sie
blieb die Seele der Gemeinschaft, aber wollte nicht deren Haupt sein,
sondern ernannte zur Aebtissin ein junges Mädchen namens Agnes, das
sie von Kindesbeinen an ganz in ihrer Denkweise erzogen hatte. Jeder
Ehrenstellung im Kloster wußte sich die Stifterin zu entziehen. Nach
Agnes wurde Dedimia Aebtissin, der Küche stand Felicitas vor und
Partnerin war Erdegunde. Aller fremden Verpflichtungen frei konnte
Radegunde nun endlich ein christliches Leben, wie sie es verstand,
führen, still, dienstfertig, gottgeweiht, deutsche Frau im wälschen
Lande. Sie vergaß, daß sie Gattin, daß sie Königin gewesen war; sie
versammelte die Schwestern um sich und sprach zu ihnen: »Euch habe ich
zu meinen Töchtern auserlesen, ihr seid meine Lichtsterne, ihr mein
Leben, ihr meine Ruhe und mein ganzes Glück, ihr meine neue Pflanzung.
Laßt uns nun das Leben im Diesseits so gestalten, daß wir uns einst im
Jenseits seiner aufs neue freuen dürfen. Laßt uns mit ganzer Zuversicht
und mit der vollen Hingabe unserer Herzen dem Herrn dienen. Laßt uns
ihn suchen in Ehrfurcht und Einfalt, damit wir vertrauensvoll ihm
sagen können: Schenk uns, o Herr, nach deiner Verheißung, denn wir
thaten nach deinem Befehl.« Für die Erfüllung ihrer Forderungen ging
sie dann selber mit einem Beispiel voran, in dem ihr Niemand folgen
konnte: nicht nur, daß sie im Beten, im Psalmensingen, im Lesen und
Auslegen der heiligen Schrift die erste und die letzte war, sie war
von einer unerhörten Strenge und Unbarmherzigkeit gegen ihre Person.
Seit der Einsegnung lebte sie nur noch vegetabilisch, aß aber auch
Aepfel nicht und trank keine geistigen Getränke. Sie verschärfte dann
im Kloster ihre Entsagung zu der strengen Lebensweise einer Klausnerin,
aß nur Sonntags Brot, sonst ausschließlich Kräuterwurzeln und wilden
Kohl, in rohem Zustande ohne Oel und Salz, und erlaubte sich nur zwei
Gläser Wasser täglich. Ihr Lager bestand aus einer Streu von Asche,
über die eine grobe härene Decke gebreitet war. Sie mutete sich alle
Arbeit der Dienstboten zu. Wo sie etwas schmutzig sah, putzte sie und
scheuerte sie. Gerade weil sie von hoher Geburt war, adelte sie in
ihren Augen niedrige Dienstleistung desto mehr. Sie trug Holz herbei
auf ihren Armen, schürte die Glut im Herde mit Balg und Feuerzange, zog
das Wasser aus dem Sodbrunnen selber heraus und verteilte es in die
Gefäße. Dann schabte sie Rüben und wusch das Gemüse, überwachte die
brodelnden Speisen in den Pfannen, hob die Kessel ab und zu, reinigte
das Geschirr, sobald die Tafel aufgehoben war, und fegte dann die Küche
rein, bis alles glänzte. Schliefen die Schwestern, dann wichste sie
ihnen die Stiefel und stellte sie jeder einzelnen wieder vor das Bett,
ja die abstoßendsten Geschäfte einer Haushaltung nahm sie für sich in
Anspruch. Dabei erschöpfte sie sich gelegentlich bis zur Ohnmacht;
doch auch, wenn sie auf den Boden hinfiel, nahm sie nie Schaden. Das
war allerdings in ihrer Dienstwoche. Außerhalb dieser beschäftigte sie
sich mit Krankenpflege und kannte darin ebenfalls keine Grenzen. Jeden
Dienstag und Samstag empfing sie Arme und Kranke in dem Badehause des
Klosters und badete, reinigte und kleidete sie eigenhändig; als sich
einmal eine Wärterin die Bemerkung erlaubte, wenn Radegunde immerfort
aussätzige Weiber umarme, werde sie bald niemand mehr küssen wollen,
gab sie zur Antwort: »Das ist ja allerdings sehr schade, wenn du mich
nicht mehr küssen wirst«. Sie war unermüdlich die Kranken zu besuchen
oder die heilsamen Säfte abzukochen und kehrte stets nüchtern in ihre
Zelle zurück. Trotz all dieser harten Arbeit ergab sie sich noch den
schonungslosesten Kasteiungen. In der Fastenzeit spannte sie ihren Hals
und ihre Arme in drei breite Eisenringe und schnürte den bloßen Leib
in ebensoviel Ketten ein, bis er blutete und sie fast zusammenbrach.
Ja sie zwickte sich mit glühenden Eisen, um den brünstigen Geist zu
Paaren zu treiben. Einer so heiligen und bescheidenen Frau konnte die
Wundergabe nicht versagt sein. Bella, die Gattin eines hochgestellten
Mannes namens Gislaad und eine Nonne suchten und fanden Heilung von
ihrem Augenübel bei Radegunde. Ein Mädchen Namens Fraifledis in Saix,
eine Leubilia und zwei Ungenannte, wovon die eine eines Sattlers
Frau, wurden durch ihre Hilfe teuflische Besessenheit los. Dabei
ging der böse Geist einmal durch den Unterleib und das andre Mal
durch das Ohr ab. An innern Krankheiten heilte sie einen Fall von
Quartanfieber; ferner wurde ein kränkliches Mädchen, namens Goda,
das überdies durch das viele Doktern medizinsiech geworden war, in
Radegundens Behandlung gesund, ehe noch die Votivkerze von der Länge
seines Körpers heruntergebrannt war; desgleichen heilte sie die Nonne
Animia von der Wassersucht und den Steuerverwalter Domolenus von seinem
Rachenleiden. Ein ihr ergebener Schiffer, in Lebensgefahr, stillte den
Seesturm, indem er ihren Namen ausrief. Absinthusblätter, die sie auf
der Brust getragen hatte, wurden ein wirksames Augenpflaster, und ein
sterbendes Waisenkind kam auf ihrem Schoße, durch die Berührung mit
ihrer Kutte, zu sich. Im Kreise der Schwestern war sie gewissermaßen
Virtuosin im Wundertun: die Aebtissin benutzte die ihr untergebene
Fürstin förmlich zu Vorstellungen, indem sie einmal, scherzweise, bei
Strafe der Exkommunikation den Termin von dreien Tagen zur Heilung
einer Verrückten stellte, das andere Mal die Wiederbelebung eines
beim Versetzen verdörrten Lorbeerbaumes unter Androhung des Entzugs
der Speise gebieterisch forderte. Alle diese wunderbaren Kräfte
bezog Radegunde aus einer anderen Welt, wie sie ja bereits mit ihrem
ganzen Wesen vorzeitig im Himmel lebte. Als einmal eine der Nonnen,
die Dichterin war, zu Radegunde kam und ihr erfreut mitteilte, zwei
oder drei ihrer Lieder seien Volkslieder geworden und würden vor der
Klostermauer vom tanzenden Volk zum Saitenspiel gesungen, erkannte
Radegunde die Begabung an, die ihr gänzlich abgehe, den Sinn für
weltliches Leben mit der Hingabe an Gott zu vereinigen, jedoch nicht
ohne beizufügen: »Ich habe weiß Gott kein Ohr mehr für weltliche
Gesänge«.
Kaum drang noch hie und da ein Notschrei von den Bürgerkriegen in ihre
heilige Stille hinein. Dann schickte sie vielleicht ein mahnendes
Wort zum Frieden an die hadernden Könige und Großen, deren Gattin und
Mutter sie einst gewesen war. Tag für Tag aber betete sie mit den
Nonnen für das Leben ihres früheren Gemahls und ihrer Stiefsöhne. Die
Insassen des Klosters, deren Zahl schließlich bis auf zweihundert
stieg, waren meistens vornehmer Abkunft. Nicht alle nahmen es ernst mit
ihrem Stande. Uebrigens war die Klosterzucht für sie nicht übertrieben
streng und nach der Regel des Nonnenklosters von Arles eingerichtet,
die indes nur die Morgenstunden von sechs bis acht Uhr dem Studium der
heiligen Schrift vorbehielt und Brettspiel und geistlichen Herrenbesuch
erlaubte. Radegunde selbst liebte es, bedeutende Männer an der Tafel
zu bewirten. Der liebste war ihr Venantius Fortunatus. Ein Priester
aus der Gegend von Treviso, machte er im Jahre 565 eines Gelübdes
halber eine Wallfahrt nach Tours. Er suchte Verkehr in jedem vornehmen
gallischen Hause, mochte es Bischofssitz oder Schloß sein, und vergalt
die Gastfreundschaft, die er überall genoß, durch seine tadellosen
Gelegenheitsgedichte. Zwischen der Fürstin deutschen Blutes und ihm,
dem graziösen Südländer, schlang sich ein Band reiner und herzlicher
Gefühle. Radegunde verwöhnte ihn mit allerlei angenehmen kleinen
Dingen, für die sie an ihm eine Schwäche entdeckt hatte, setzte ihm
heute Creme vor und briet ihm morgen einen fetten Hahn, oder der Tisch
war mit besonders schönen Blumen besetzt, wenn Fortunat der Gast war.
Umgekehrt verfaßte er für Radegunde Briefe und Gedichte, und es ist
ihm gelungen, das Vertrauen, das sie ihm schenkte, künstlerisch zu
bewältigen. Sein schönstes Gedicht, betitelt »Thüringens Untergang«
hat ihm die erlauchte Freundin so sehr inspirirt, daß sie redend
darin auftritt. Sie hat als Kind ihren Vetter Amalfried geliebt,
den Stammhalter des Geschlechtes, den einzigen Sohn des letzten
thüringischen Königs. Er war von seiner Mutter, einer ostgothischen
Prinzessin, nach Italien gerettet worden und dann in den Hofdienst
von Byzanz eingetreten. Man spürt es wohl, daß dieser verbannte
Germanenfürst fern im Osten im Herzen der fränkischen Königin heimlich
weiterlebte. An ihn muß Fortunat in ihrem Namen sein Gedicht richten,
die schöne und tieftraurige Erinnerung an die gemeinsame Jugend, mit
der brennenden Burg der Ahnen im Hintergrund. Ein späteres Gedicht
an den selben galt dem Toten. In dieser dichterischen Vermittlung
Fortunats fließt uns Frauenliebe in einer unübertroffenen Tiefe und
Innigkeit zu.
Am 13. August 587 ist Radegunde gestorben. Ihr Andenken schien denen,
die sie gekannt hatten, mit dem Lebensbilde Fortunats, so lobenswert
es sei, doch nicht genügend gesichert zu sein. Deshalb gelangten die
Aebtissin und alle Schwestern an eine Schriftstellerin in ihrer Mitte,
namens Baudonivia, sie möchte doch das Leben Radegundens, das sie aus
persönlichem Umgang genau kannte, nochmals beschreiben. Sie entsprach
der Bitte in den ersten Jahren des siebenten Jahrhunderts, also etwa
ein halbes Menschenalter, nachdem die Heilige die Augen geschlossen
hatte. Die Schreiberin spricht die Absicht aus, Fortunats Mitteilungen
zu ergänzen, da er selber gestehe, nicht vollständig zu sein. Sie
giebt daher ihre Arbeit auch äußerlich in diesem Zusammenhang, als
ein zweites Buch des Radegundenlebens; es verhält sich zu Fortunats
Werk, wie Severs Dialoge zum Martinsleben oder das zweite Buch des
Cäsariuslebens zum ersten. Inhaltlich ist diese neue Vita durch
manche anschauliche intime und bezeichnende Züge der fortunatischen
ebenbürtig; der schriftliche Niederschlag eines starken persönlichen
Eindrucks, die litterarische Befreiung von einem übermächtigen Bann.
»Wiewohl ihre Predigten noch vorgelesen werden«, sagt die Schreiberin,
»so fehlt doch der süße Laut ihrer Stimme; denn welch ein Gesicht,
welche Gestalt sie hatte, wer vermöchte es auszudrücken: Qual ist
es, daran zu denken. Ihr Wandel war heilig, und süß und rein war ihr
Anblick.« Schriftstellerisch jedoch bleibt die Darstellung nicht
auf der Höhe. Die Klosterfrau schreibt ein sehr schlechtes Latein
voller Anakoluthe und barbarischer Ausdrücke und verproviantiert sich
stilistisch überdies wacker aus den Viten ihres Partners. So sehen wir
denn zum Lobe der heiligen Radegunde den zierlichen Pegasus des letzten
römischen Dichters einträchtig ins Joch gespannt mit dem schwerfälligen
Ackergaul der fränkischen Mönchssprache.
Fünftes Kapitel.
Die Heiligengelehrsamkeit des Gregor von Tours.
Fortunat hat sich in seinen Heiligenleben nicht viel von der Memorie
entfernt und sich dabei meist auf Gebieten bewegt, wo man ohne
ein großes Wissen bei einigem Darstellungsgeschick wohl auskommen
konnte. Er schrieb überhaupt auch diese Stücke, wie seine Gedichte,
gelegentlich, aus Liebenswürdigkeit, der richtige Italiener. Die
Gründlichkeit, deren es bedarf, um eine neue Gattung ins Leben zu
rufen, mangelte ihm. Aber die ersten Ansätze zur außermartinischen, auf
Forschung, nicht auf bloßer Erinnerung beruhenden Prosavita finden sich
eben doch bei ihm. Er ist damit der Vorläufer eines Größeren geworden,
der sich in seiner Bescheidenheit selber nur wie ein Nachtreter
Fortunats vorkam.
An Gregor von Tours überrascht uns nun mit einem Schlage die ganz
andere Art des Interesses an den Heiligen. Es ist, um es gleich bei
dem wesentlichsten Merkmal zu fassen, das Interesse des geborenen
Gelehrten. Der Stoff schwillt ins Unbegrenzte: statt eines halben
Dutzend, das persönliche Bekanntschaft oder andere private Beziehungen
vermittelten, drängen sich nun aus den gesammelten Pergamenten und
eingezogenen Erkundigungen hunderte von neuen Personen und Thatsachen
ans Licht. Das individualisierende Element tritt vor dem statistischen
in den Hintergrund. Wißbegier und Sammeleifer decimieren die keineswegs
fehlende Anekdotenpsychologie.
1.
Vor allem aber kommt nun endlich zu seinem Rechte, was wir bis
jetzt immer wieder vermißten: die chronologische Auffassung der
Heiligenfigur. Betrachten wir nun die spärlichen Mitteilungen, die
Gregor über Sever hinaus zu Martins Lebensgeschichte beibringt,
ganz abgesehen davon, daß Gregor gelegentlich geradezu versucht,
Martins Tod zum Ausgangspunkt einer eigenen nationalfränkischen
Zeitrechnung zu machen[088-a], wobei er sich allerdings durch den
Ansatz 445 um nahezu fünfzig Jahre versieht. Er, der Bischof des
fränkischen Centralheiligtums, widmet seinem heiligen Vorgänger auf
dem Stuhl von Tours im ersten Buche seiner Geschichte der Franken
zunächst folgende vier Daten[088-b]: 1) Geburt Martins im elften
Jahre Constantins, 2) Ankunft Martins in Gallien um das zwanzigste
Jahr Constantins _II_, 3) Bischof von Tours im achten Jahre des
Valens und Valentinian, 4) Martins Tod im zweiten Jahre des Arkadius
und Honorius. Nun ist allerdings das zweite Datum von vornherein
unbrauchbar, da Konstantin _II_ nur vier Jahre regierte; mit seinem
zwanzigsten Regierungsjahre ist jedenfalls das Jahr 355 gemeint. Aber
abgesehen von der Unrichtigkeit dieser Daten war es im Prinzip ein
Fortschritt, für Martins Leben überhaupt einen chronologischen Ansatz
zu versuchen, zumal bereits zweihundert Jahre verstrichen waren und
niemals ein solcher Versuch gemacht worden war. Hand in Hand damit
geht die bis auf den Tag sich erstreckende genaue Bestimmung der
Regierungszeit als Bischof: sechsundzwanzig Jahre vier Monate und
siebzehn Tage, gemäß Gregors Berechnungen aus den durch den Kultus
bestimmten Martinstagen vom elften November und vierten Juli; überdies
beziffert Gregor Martins Lebensalter auf einundachtzig Jahre. Neben
diesen chronologischen Anstrengungen verrät sich Gregor von Tours auch
durch andere gelegentliche Beiträge zur Martinsgeschichte als geborenen
Historiker, so durch seinen Abriß einer Geschichte des Bistums Tours
vor und nach Martin, ferner durch seine allgemeinen Mitteilungen über
die Christianisierung mit den urkundlichen Belegen bischöflicher
Briefe, über Martinsreliquiendienst, worüber uns sonst nichts bekannt
wäre, da der von Gregor citierte Brief des Paulinus uns verloren ist
und schließlich durch die einigermaßen mildere Darstellung von Martins
Nachfolger Briccius, aus dessen wirklichem Verhältnis zu Martin wir
jedoch auch jetzt so wenig klug werden, als aus der Ursache seiner Wahl
zum Bischof. Er gibt außerdem einen knappen Auszug der Angaben Severs
und betrachtet im übrigen ein Martinsleben nach Sever nichts weniger
mehr als für ein Bedürfnis. Seine dürftigen Notizen über Martin,
gelegentlich eingestreut, verleihen aber auch so dem Bilde Martins
nach Sever den zeitgeschichtlichen Rückgrat, den ihm jener sonst
vortreffliche Schilderer nicht gab und nicht geben konnte.
Gregors große und angeborene Liebe zu gelehrten Studien hat ihm
möglich gemacht, neben seinen ausgedehnten und gewissenhaft erfüllten
Amtspflichten eine ganze Reihe von Schriften abzufassen[089-1].
Seine Thätigkeit als Schriftsteller erstreckt sich über die zwanzig
Jahre von 574–593. Das erste war ein Buch über die am Martinsgrabe
geschehenen Wunder. Allem Anschein nach hatte dieser Beginn von
Gregors litterarischem Schaffen eine amtliche Veranlassung. Im fünften
Jahrhundert wurde im bischöflichen Kapitel von Tours ein Register
geführt, das die am heiligen Grabe geschehenen Wunder verzeichnete.
Wir sahen, daß zur Zeit des Bischofs Perpetuus diese Liste sechszehn
Nummern aufwies, die Paulinus von Perigueux zum sechsten Buche seines
Martinsgedichtes verarbeitet hat. Es lag somit für Gregor nahe,
seinerseits solch einen Wunderkatalog anzulegen. Schwerlich hat er
selbst jedoch jenen alten Index vorgefunden, sonst hätte er wohl
kaum seine Zusammenstellung Paulins poetischer Paraphrase entnommen,
sondern die Quelle selbst zu Worte kommen lassen. Dieses erste Buch
der Martinswunder umfaßte vierzig Nummern. Es folgte bald darauf ein
zweites mit fünfzig; vor dem dritten, das dann deren sechzig zählte,
fügte er jedoch ein Buch über die Julianswunder in Brioude ein,
gab um dieselbe Zeit eine Uebersetzung der Siebenschläfer aus dem
Syrischen, vor 587, und ebenso in dem Jahre 586/587 die Schrift vom
Ruhm der Märtyrer; war er damit bereits halbwegs auf das Gebiet der
Biographie übergegangen, so begann er nun mit einzelnen Heiligenleben
und schilderte zunächst, seit 587, Emilianus und Bärchen, Senoch,
Venantius und Monegunde; dicht daran schließt sich die Schrift vom
Ruhm der Bekenner ohne den Prolog, noch im Jahr 587. Im Jahre 591 läßt
die Abfassung des Nicetiuslebens und im Jahre 592 die Abfassung des
Leobarduslebens ungefähr erkennen, worauf er dann die unterdessen im
Martinsgrabe geschehenen Wunder in einem vierten und letzten Buche
der Martinsthaten zusammenfaßt, 591/593. Nun legt er auch die letzte
Hand an die Väterleben und schließt sie zu der so betitelten Sammlung
zusammen, 593. Dann schrieb er noch die Andreaswunder und, falls sie
von ihm sind, die Thomaswunder. Nicht ansetzen lassen sich der uns
verlorene Psalmenkommentar und die merkwürdige Abhandlung über den Lauf
der Sterne. Die letzten Erzeugnisse seiner Feder sind der Prolog zu den
»Bekennern« und das zehnte Buch seiner Geschichte der Franken, die, das
läßt sich schließen, ihn neben seinen Heiligenschriften her unablässig
beschäftigt hat. Er konnte die letzte Feile nicht ansetzen, und so
liegt das Buch uns gewissermaßen unfertig vor, obschon es zu einem
dem Abschluß sehr nahen Grade der Ausführung gediehen ist. Das große
Geschichtswerk steht jedoch in keinem Gegensatz zu den Heiligenbüchern.
Es ist durchaus von demselben Geiste durchzogen; das gibt ihm erst
seinen Stil, daß es auf Schritt und Tritt seine Gläubigkeit nicht
verhehlt. Nur moderne Engherzigkeit kann darin einen Fehler sehen;
eher wäre zu bedauern, daß der Verfasser sich nicht noch enger an die
Legende angeschlossen hat. Es ist ansprechend, aber nicht durchaus
geboten, die Entstehung des Werkes auf drei Hauptwürfe zu verteilen,
und so die erste Hauptmasse bis in die Mitte des fünften Buches um
577, die zweite bis gegen das Ende des achten um 584/585 und den Rest
um 590/591 geschrieben sein zu lassen. Unter der Obhut der beiden
hohen Vorgänger auf dem Gebiet christlicher Chronologie Hieronymus
und Eusebius beginnt Gregor erst schematisch dürr und nähert sich
dann mit immer reicherer Mitteilung seiner eigenen Zeit, wo die Fülle
der Nachrichten schließlich eine bis zum Stillstand des zeitlichen
Fortschritts sich ausdehnende Breite annimmt. Die vier ersten Bücher
bilden einen Hintergrund; es besteht eine Entfernung zwischen ihnen und
dem Autor, die er durch mehrfache Rekapitulationen und nachträgliche
Berechnungen auszugleichen strebt. Vom fünften Buche an redet er als
Augenzeuge und, mehr als das, als thätiger Teilnehmer, der bei der
Entwicklung der Dinge sein Wort mitgesprochen und die Geschichte, die
er nun beschrieb, in aller Schüchternheit ein bischen mit hatte machen
helfen. Und nun fesselt er seine Leser in hohem Grade und hält sie in
beständiger Spannung. Dasselbe gilt von den Heiligenschriften, sobald
es der Leser fertig bringt, die dumpfe Atmosphäre, die Gregor hier mit
seiner Zeit teilt, mitzuatmen. Oft unterbrochen und eine Arbeit an die
andere tauschend, hat Gregor seinem ganzen Schriftstellerwerke, der
Geschichte der Franken und den »Acht Büchern Wunder«, wie er seine
Heiligentraktate in ihrer Gesamtheit überschrieb, einen einheitlichen
Geist und Stempel ausgeprägt. Im ganzen ist es eben dieser Geist, um
dessentwillen wir uns mit Gregor als unserem wertvollsten Gewährsmanne
beschäftigen.
Gregor war, wiewohl Hirt, nicht aufgeklärter als die Herde: er glaubte
mit dem Volk und wünschte nicht mehr, als in allen Punkten dessen
Inbrunst im Glauben und in der Verehrung zu teilen. Er betrieb das
Studium der meist rohen, bäurischen Volksmenge, die das von ihm
gehütete Heiligtum umdrängte, somit ja nicht etwa als kritischer
Beobachter, sondern als deren gläubiges Organ. Vielleicht hat er
sich auch von einem praktischen Interesse leiten lassen und schuf,
um zur Erbauung und Bildung der zahlreichen Pilger beizutragen, eine
Art Wallfahrtslitteratur. Jedenfalls schrieb er ausschließlich für
erbauliche Zwecke: es schien ihm als Diener der katholischen Kirche
geradezu geboten, »die geschichtliche Begebenheit, die zur kirchlichen
Erbauung das ihre beitragen könne, kurz und einfach aufzusetzen,
damit die Wunderkraft des Heiligen bekannter und so dessen Verehrung
gefördert werde«[091-a]. Daß er ein barbarisches Latein schrieb, das
auch das klare Bewußtsein von der eigenen Verwilderung nicht mehr zu
säubern im Stande war, hat er selber offen eingestanden[091-b]; die
Sprache, die bei einem Schriftsteller von Bedeutung immer dessen Wesen
spiegelt, setzt sich bei ihm in der That aus Einflüssen der Itala und
des gallischen Schönschreibers Apollinaris Sidonius zusammen [091-1];
aber so sehr er schriftstellerisch hoffnungsloser Epigone war, empfand
er eben gerade im Hinblick auf das klassische Altertum seinen Beruf
eines christlichen Schriftstellers als dem Gehalt nach wertvoller
und fruchtbringender: »Unsere Pflicht ist es«, schreibt er[092-a],
»das zu schildern und zu sagen, was zur Erbauung der Kirche des Herrn
beiträgt und durch heilige Belehrung die ohnmächtigen Geister zur
Kenntnis des vollkommenen Glaubens befähigt. Hier handelt es sich
nicht darum, trügerische Fabeln zu erzählen oder die gottfeindliche
Weisheit der Philosophen zu befolgen, womit man leicht des Herrn Urteil
herausfordern und dem ewigen Tode verfallen könnte. Wenn ich von den
Wundern der Heiligen zu berichten willens bin, so wünsche ich wirklich
nicht in diesem Netz und Garn mich zu verfangen. Nicht Saturns Flucht,
nicht Junos Zorn, nicht Jupiters Ehebruch, nicht Neptuns Meineid,
nicht des Aeolus Herrschaft, nicht der Aeneiden Kriege sollen hier zur
Sprache kommen, das alles ist ein Bau auf Sand gebaut und dem Einsturz
nahe, wofür wir nur Verachtung haben.« Immerhin steht Gregor dann
doch nicht an, den durch Taubenflug geleiteten Helden Hillidius mit
dem römischen Konsul Marcus Valerius zu rechtfertigen, der sich des
Beistandes eines Raben erfreute[092-b].
Die hagiographische Forschung Gregors verteilt sich auf ein doppeltes
Interesse: einmal gewissermaßen auf eine Besuchsstatistik begangener
Wallfahrtsorte, namentlich der beiden berühmtesten des Frankenlandes,
des Martinsgrabes in Tours, seinem Bischofssitze, und des Juliansgrabes
bei Clermont, seiner Vaterstadt; sodann auf die Lebensgeschichte der
Heiligen, aber in der summarischen Verkürzung des Einzelnen, wie es
eine kompendiarische Sammlung mit sich bringt. Diese beiden Interessen
erscheinen in Gregors Schriften mit Uebergewicht bald des einen bald
des andern gemischt. Jedenfalls aber stellt sein Material eine Summe
von Gelehrsamkeit dar, die eine Vergleichung mit Kenntnissen, wie sie
etwa Fortunats Viten voraussetzen, nicht zuläßt. Diese Gelehrsamkeit
hat sich Gregor auf die gewissenhafteste Weise erworben. Betrifft
sie Länder, die er nicht selbst besucht hatte, vor allem den Orient,
so hat er sich fleißig nach Lektüre umgethan. Für die Geographie
des Orients, namentlich die Topographie des Jordans und des toten
Meeres, ist seine Hauptquelle die Schrift des Theodosius »Das heilige
Land«. Ueber die in den Jahren 536–552 unternommene katholische
Mission unter den in Palästina noch ansäßigen Juden berichtet er nach
Evagrius Scholastikus, während er sich für die christliche Urzeit an
Pseudomelito, Rufin, Johannes von Antiochien, Prudentius, Abdias,
Modestus oder die apokryphen Akten hält. Daneben verwendet er, was er
von lebenden Zeugnissen nur habhaft werden kann, nimmt die von Pilgern
heimgebrachten Merkwürdigkeiten in Augenschein und verhört einen
auf dem Taufplatz Christi getauften und geheilten Aussätzigen aus
Gallien sowie andere Aussätzige, die im Jordan oder in den Wassern von
Livia gesund geworden waren[093-a]. Das kostbare Vorlesepult in der
Cypriansbasilika von Karthago beschreibt er als eine Sehenswürdigkeit
auf Grund genauer Nachrichten ausführlich[093-b]. Stand dagegen ein
Gebiet in Frage, das ihm selber zugänglich war, so unterließ er nicht,
an Ort und Stelle Erkundigungen einzuziehen: wenn er vor dem heiligen
Grabhügel sein Gebet verrichtet hat, sieht er sich die Inschriften
an und fragt den Wächter aus[093-c]. Offenbar hatte Gregors ganze
Umgebung und nicht zum mindesten seine Verwandtschaft die Augen auf
ihn gerichtet, voller Hoffnung, er werde der Geschichtsschreiber des
nationalen und kirchlichen Lebens im jungen fränkischen Reiche werden.
»Ich habe«, sagt er[093-d], »keine litterarischen Studien getrieben und
mich keineswegs an gelehrter Lektüre der Weltlitteratur ausgebildet;
aber ich gehorche dem beständigen Zuspruch des Vaters Avitus, Bischofs
von Auvergne, der mich ermahnte, kirchliche Werke zu schreiben. Wenn
auch die Dinge, die ich in seinen Predigten hörte oder die er mich zu
lesen veranlaßte, mein Urteil nicht zu bilden vermochten, da ich ja
nun einmal nicht zu beobachten verstehe, so ist er es doch gewesen,
der mich erst in Davids Psalmen, dann in die Worte des Evangeliums,
sowie in die Apostelgeschichte und in die Briefe einführte, und er
brachte mir die Erkenntnis Jesu Christi bei.« Einst nahm ihn sein Onkel
Bischof Nicetius von Lyon in die dortige Heliuskrypta mit, und Gregor
erzählt[093-e]: »Als ich mein Gebet gesprochen hatte, sah ich mir voll
Bewunderung das Grabmal an, überdachte, was ich von den Verdiensten des
Heiligen wußte, da fiel mir an der Wand eine Inschrift auf, und nun zog
ich mündlich über die dort enthaltene Meldung noch nähere Erkundigungen
ein.« Ueber die Art, wie er zaghaft unter der Menge stehend und ihre
Befangenheit teilend, sich fast wider seinen Willen entschließt, unter
den Augenzeugen eines Wunders nun als deren Schriftsteller aufzutreten,
belehrt uns vielleicht das erste Blatt, das er überhaupt beschrieben
hat, auf das rührendste. Er sagt[093-f]: »Ich rufe den allmächtigen
Gott zum Zeugen an, daß ich jüngst im Traume mitten in der Basilika des
Herrn Martinus viele Sieche und mit den verschiedensten Krankheiten
Behaftete gesund werden sah. Neben mir stand meine Mutter und sagte
zu mir: ›Was zauderst du, das aufzuschreiben, was du hier siehst?‹
Da sag ich: ›Du weißt ja, wie ohnmächtig ich in den Wissenschaften
bin; viel zu dumm und beschränkt, als daß ich es wagte, Thaten, die
höchste Bewunderung verdienen, der Oeffentlichkeit zu übergeben. Wäre
doch Severus da oder Paulinus noch am Leben oder käme Fortunat und
schrieb es auf! Denn ich müßte nur unthätig mit dem Kiel in der Hand
dasitzen, wenn ich dies aufzuzeichnen unternähme.‹ ›Weißt du denn
nicht‹, versetzte die Mutter, ›daß du weit und breit im Rufe eines
Schriftgelehrten stehst. Versäume nicht, Hand anzulegen. Ein Verbrechen
wäre es, schwiegest du.‹ So hab ich mich denn mit gemischten Gefühlen
der Sache unterzogen. Schrecken und Furcht halten mich nieder. Aber in
der Hoffnung auf Gottes Güte trete ich an die Aufgabe heran, zu der ich
ermuntert werde. Warum sollte er es schließlich nicht auch durch meine
Sprache geschehen lassen können, wie er ja einst auch in der Wüste aus
dem harten Steine Wasser springen ließ und so den brennenden Durst des
Volkes stillte. Oder er wird ein zweites Bileamswunder geschehen lassen
und aufs neue einem Esel den Mund aufthun, wenn er mir die Lippen
öffnet und durch mich ungelehrten Menschen dieses verkündigen will.«
Ein kritischer Beobachter war also Gregor nicht. Er hat sich niemals
bestrebt, die geschehene Begebenheit von den vielen andern Daten
und Ereignissen u sichten, die sich der geschichtlichen Gestalt im
Laufe der Zeit vorgelagert haben. Aber nie hat seine Eigenschaft
als Gewährsmann unter seiner Einfalt und Treuherzigkeit zu leiden;
denn sobald Sinn für sein naives Detail vorhanden ist, erscheint er
in jeder Zeile interessant. Als echte Gelehrtennatur kommt er auch
nicht dazu, alles was er weiß aus sich herauszusetzen: »Es würde mich
zu weit führen, das viele, was ich von diesen Heiligen weiß, hier
mitzuteilen. Das Gesagte wird, denk ich, genügen«[094-a]. Und bei
Gelegenheit einer Reliquienüberführung vergißt er nicht anzubringen,
daß der Genfersee vierundsiebzig Kilometer lang und siebenundzwanzig
Kilometer breit sei[094-b]. Unvergleichlich wird Gregor jedoch durch
das römisch-germanische Zwielicht, in dem er steht. Diese Dämmerung,
die ihn umflort, hat einen doppelten Ursprung: von der untergehenden
Antike und vom aufgehenden Mittelalter.
2.