Der fränkische Gräberkultus 210–211

Vierter Abschnitt: Der Name.

Zehntes Kapitel: Die Grundheiligen.

Stammgräber elf kirchlicher Provinzen: Der Ersten bis Vierten Lyoner,

der Ersten und Zweiten Belgischen, der Viennischen, Arelatischen,

Ersten und Zweiten Aquitanischen und der Narbonensis 212–222

Elftes Kapitel: Das Reichsheiligtum.

Das Martinsgrab. Die Martinskirche von Tours. Sankt Julian von

Brioude. Saint Denis 222–227

Zwölftes Kapitel: Missionen und Translationen.

1. Die gallischen Martinskirchen.

2. Die fränkische Martinsmission unter den heidnischen Germanen.

3. Tauschverkehr einheimischer Heiliger.

4. Einfuhr fremder Heiliger.

5. Die fränkische Verehrung der Urheiligen 227–237

Fünfter Abschnitt: Die Kraft.

Dreizehntes Kapitel: Die Reliquie.

1. Ausländische Reliquien, Memorialreliquien.

2. Die Reliquie als Kraftbehälter. Die Empfindlichkeit der Reliquie.

3. Die Reliquie als Persönlichkeit 237–248

Vierzehntes Kapitel: Der heilige Ort.

Heiligkeit ein kultischer Begriff.

1. Sankt Julian und die Kirchendiebe. Bestrafte Kirchendiebstähle.

2. Armenpflege und Gefangenenpatronage. Sankt Martin Patron der

Gefangenen.

3. Der kirchliche Schutz des Geächteten. Das Asylrecht zu Sankt

Martin in Tours 249–261

Fünfzehntes Kapitel: Amulet und Fluidum.

1. Die Reliquie in Laienbesitz. Kraftträger zweiter Ordnung.

2. Versinnlichung und Verstofflichung der Geisteswelt.

Profanation der Reliquienverehrung. Moralischer Defekt und

harmlose Naivität im Reliquienglauben 261–272

Sechster Abschnitt: Das Wunder.

Sechzehntes Kapitel: Die Erscheinung.

Der niedere Mythus Hauptschauplatz der Heiligenerscheinung.

1. Julian und Martin zweierlei Wetterheilige. Der Kampf gegen Wind-

und Wasserwichte. Heilige Quellen.

2. Das Floramirakel der Baum- und Feldheiligen. Heilige Pflanzen.

3. Heilige Thiere. Die Stadien der persönlichen Erscheinung des

Heiligen.

4. Anwendung physischer Reizung im Kultus: Krystallvision.

Offizielle und private Glasschauung 272–287

Siebenzehntes Kapitel: Die Heilung.

1. Diagnostische und abergläubische Beobachtung.

2. Gliederkranke. Blinde. Das mantische Wesen der Geisteskranken.

3. Das Heilverfahren. Tempelschlaf. Die therapeutische Vision.

4. Der Glaube als wesentlichste Vorbedingung tatsächlicher Heilung.

Der kirchliche Nutzen der Kurerfolge 287–304

Achtzehntes Kapitel: Der Glaube.

1. Die sieben Weltwunder und die sieben Himmelswunder. Die

Wundermacht des orthodoxen Bekenntnisses. Die Wundermacht des

Christentums gegenüber dem Judentum. Christus als

Oberwunderthäter.

2. Beziehungen zum Orient. Abhängigkeit vom römischen Christentum.

Der römische Geist der Heiligenorganisation. Die Deutung des

Zufalls und die Traumphantasie. Die Macht und Umsicht in der

Verwaltung des Wunderglaubens.

3. Heiligenglaube und Heidentum.

Der Germanenbekehrer Martin von Bracara. Das Weiterleben der

gestürzten Götter als Dämonen. Die Einbürgerung des Wunders

im täglichen Leben. Das typische Wunder als kirchliches Zucht-

und Beweismittel. Begründete Begeisterung der Franken für das

Christentum 304–334

Geschichtliche Würdigung des merowingischen Christentums.

Das Kulturfundament des Mittelalters 334–336

Die zwei Jahrhunderte merowingischer Geschichte, das sechste und das

siebente, sind, vor andern, dunkel, wild und grausam gewesen. Und

doch hat eben diese Zeit, mehr als sonst eine von diesem Umfange,

den Kalender um Hunderte von Heiligen bereichert. Wohl mochte die

Hegemonie des Lasters eine Steigerung der noch vorhandenen Tugend

hervorrufen, aber eher auf dem finsteren Untergrunde jeder als Heiliger

sich abheben, der nur einigermaßen einen rechten Wandel führte. Obwohl

für damalige Begriffe zum Heiligen mehr gehörte und in den höheren

Rang erst der hinaufrückte, der als Geistlicher zur Welt in Gegensatz

trat, stellen für jene Zeit die Heiligen doch etwa das dar, was man

heutzutage gute Gesellschaft heißt. Viele unter ihnen waren adelig,

einzelne sogar Prinzen. Auch die Merowingischen Könige, so unheilig

sie selbst waren, mit den Heiligen stellten sie sich, wo es nur immer

anging, gut; in ihren Augen waren es Gewaltsmenschen, die nützen und

schaden konnten. Auf alle Fälle waren im jungen Frankenreiche die

Heiligen eine Macht.

An Heilige giebt es jedoch zweierlei Gedächtnis: das Andenken an

den lebenden und das Andenken an den toten. Was sich an Erinnerung

aufsammelte, was sich an Sage damit verband, wurde zum ›Leben‹, zum

›Leiden‹: _Vita_, _Passio_. War der Heilige gestorben, barg die Gebeine

der geweihte Grabhügel, erhob sich über dem Hügel die Votivkirche,

stand überdies der Todestag im Kalender und wurde zum Wallfahrtsfeste,

so wurden die Gelübde, deren Empfänger, die Wunder, deren Urheber der

Heilige dann war, auch litterarisch ›Wunder‹ und ›Kräfte‹: _Miracula_,

_Virtutes_. Klause und Sarkophag sind Brennpunkte, um die sich

Heiligengeschichte elliptisch abspielt. Einsiedler oder Reliquie, vor

beiden sanken Fürst und Volk ins Knie. Der Glaube des Heiligen an Gott

und der Glaube des Laien an den Heiligen verschwisterten sich und

wirkten verbündet.

Die Ueberlieferung von den Heiligen ist fragwürdig. Desto mächtiger

fordert sie untersucht zu werden. Es gilt zunächst die Vorstellungen

der Nachwelt vom Heiligenleben zu betrachten und dann die gläubigen

Handlungen, die dem Heiligengrabe gewidmet waren.

Erstes Buch.

Das Heiligenleben.

Zu einer Heiligenlitteratur kam es im Christentum, als starke Naturen

zur landläufigen Frömmigkeit in einen vorbildlichen Gegensatz traten

und ihre Wirkung das Bedürfnis hervorrief, das Beispiel für künftige

Geschlechter festzuhalten. Den alten Christengemeinden haben die

Märtyrer die meiste Verehrung abgenötigt. Wer nun Christus treu

geblieben war bis zum Tod, wurde nicht nur von den Engeln ins Buch des

Lebens eingezeichnet, er wurde auch der Unsterblichkeit teilhaftig, die

eine schriftliche Fortpflanzung des Andenkens auf Erden verleiht. Die

echten unübermalten Märtyrerakten des zweiten und dritten Jahrhunderts,

mögen es nun übernommene amtliche Prozeßprotokolle der kaiserlichen

Gerichtshöfe oder briefliche Gedenkblätter christlicher Gemeinden sein,

fußen so unmittelbar auf erlebter Wirklichkeit, wie nur irgendwelche

Berichte des Altertums. Mit den Märtyrerakten bilden die apokryphen

Apostelgeschichten zusammen das erste Stadium der Heiligenschreibung.

Die Märtyrer oder die seligen Apostel und ihre Gefährten waren

die Heiligen des Christentums in der ersten Zeit. Mit dem vierten

Jahrhundert verschob sich das. Vom Orient war das Mönchtum eingedrungen

und erweckte ein den Märtyrern ebenbürtiges Interesse. Indessen schrieb

Hieronymus seine Mönchsleben nicht aus eigener Anschauung; in lebhafter

Erfindung verdichtete er, was er aus Aegypten so von ungefähr hatte

läuten hören. Aber auch wer damals auf Grund wirklicher Kenntnisse

heilige Einsiedler schilderte, darf noch lange nicht ihr Biograph

heißen. Die beiden Elemente einer Biographie, psychologische und

chronologische Auffassung des Gegenstandes, sind damals selten zusammen

und immer nur primitiv vorhanden. Naiv empfand der zeitgenössische

Schriftsteller, wenn er sah, und der nachgeborene, wenn er hörte. Sie

erzählen in guten Treuen was sie zu wissen glauben. Der günstigen oder

übeln Fügung blieb es überlassen, ob ihre Berichte glaubwürdig oder

getrübt sind.

Weitaus die ernsteste Ursache der verworrenen Ueberlieferung liegt

jedoch in den Heiligen selbst. Sie waren nicht wie andere Leute,

vielmehr waren es wunderliche, sonderbare, anormale Menschen. Da

reichte schließlich auch die eingehendste Kenntnis ihrer Lebensumstände

bis in alle Einzelheiten zu ihrem Verständnis nicht aus: mochte man

noch so viel von ihnen wissen, sie zu kennen war man auch dann immer

noch weit entfernt. Sie unterschieden sich von den Durchschnittlichen

durch ihr seltsames Seelenleben und durch die Kraft, Wunder zu

thun. Wenigstens zweifelte damals an der Möglichkeit übernatürlichen

Geschehens kein Mensch. Gleichgiltig im Sinne des modernen Unglaubens

verhielt sich Niemand, weil man sich die Welt nicht durch die ihr

innewohnende Mechanik, sondern durch außermenschliche Geister bewegt

dachte. Galten somit die Heiligen Jedermann als die Medien eines

Himmels guter Geister, so konnte man sie wohl hassen und fürchten,

aber über sie blasiert sein kaum. Anders heute, wo der Stand der

Erkenntnis uns nötigt, den Sitz der magischen Kräfte im Menschen

selbst zu suchen[003-1]. Möchten wir nun von den alten Heiligen

möglichst genaue Aufschlüsse haben, Nachrichten, die unser Wissen mit

Sicherheit bereichern, so steht diesem Begehren schon ganz allgemein

die Thatsache entgegen, daß jene überhaupt fast ausschließlich auf

das Gemüt der Zeitgenossen wirkten und die Wißbegier sich höchstens

hinterdrein verstohlen melden durfte. Davon abgesehen sind die

Schwierigkeiten der Beobachtung mystischer Personen und Ereignisse

doch ja nicht zu unterschätzen: sobald es sich nicht um Begebenheiten

des täglichen Lebens handelt, sondern um seltene Phänomene, über die

man nicht Herr ist, um unberechenbare Erscheinungen, die plötzlich,

unerwartet und meistens im Dunkeln auftreten, wird der Forscher

im Laboratorium unsicher, geschweige denn ein unvorbereiteter und

gänzlich ahnungsloser Augenzeuge, dessen Wege zufällig das Wunder

kreuzt; unter dem Einfluß irgend einer Gemütsbewegung ist kein Verlaß

mehr auf unser Wahrnehmungsvermögen. Zu den Beobachtungsfehlern,

die dann entstehen, gesellen sich alsbald die Gedächtnisfehler;

vergeht vor der Niederschrift des Beobachteten gar Jahr und Tag, so

schleichen sich wieder neue Ungenauigkeiten ein: nebensächliches

wird behalten, wichtiges vergessen, der Verlauf der Begebenheit

umgestellt. Planmäßige, methodisch durchgeführte Beobachtung kann nun

allerdings diese Fehler auf ein Minimum einschränken; unterbleibt sie

jedoch, so nehmen sie unablässig überhand. Hiezu kommt, daß ›eine

Beobachtung machen‹ keineswegs auf einem einzelnen, sondern einem aus

verschiedenen seelischen Tätigkeiten zusammengesetzten Vermögen beruht:

verschiedene Reize dringen zu gleicher Zeit auf uns ein, wir richten

unsere Aufmerksamkeit auf einen darunter; er weckt eine Empfindung;

diese ruft ältere Empfindungen ins Bewußtsein zurück; sie verbinden

sich und so entsteht, endlich, die Vorstellung von einem bestimmten

Ding in der Außenwelt. Und doch handelt es sich bei alledem nur erst

um die normalen Erschwerungen unserer Beobachtung. Wie aber, wenn

sich unser Bewußtseinsleben in ganz anderen Formen fortsetzt. Noch

die gewöhnlichste ist während des Schlafens der Traum. Im Schlaf

sind sowohl das Wahrnehmungsvermögen als die Aufmerksamkeit und

dadurch die Kontrolle des Geschauten mit der Umgebung aufgehoben;

infolge dessen erscheinen die Traumbilder, die nach eigenen Gesetzen

kommen und gehen, dem Träumenden als Wirklichkeit, stehen ihm als

wahre Erlebnisse vor Augen, unter Umständen auch nach dem Erwachen

mehr oder weniger lang. Einen Schritt weiter, und wir sind bei dem

merkwürdigen Zwischenzustande zwischen Schlafen und Wachen angelangt,

dessen mannigfache Erscheinungsformen man unter dem Namen der Hypnose

zusammenfaßt. Dieser Zustand wird auf die verschiedenste Weise

herbeigeführt, entweder durch einen eigenen Willensakt: Autohypnose,

oder durch den Genuß gewisser Gifte: Narkose, und endlich durch mehr

oder weniger krankhafte Eigentümlichkeiten wie Nachtwandeln und kleine

Hysterie. Bei all diesen Phänomenen ist jedoch noch das Bewußtsein

obenauf; wirkt das Unbewußte ins Bewußtsein hinüber, so entsteht eine

Reihe neuer Seelenvermögen, deren gemeinsame Eigenschaft darin besteht,

daß sie in der Regel von selbst an den Menschen herantreten, ohne

dessen Zuthun. Doch können Gesichts- und Gehörbilder bei einzelnen

Menschen auch auf künstlichem Wege hervorgerufen werden, entweder

durch langes Anstarren blanker Gegenstände: Kristallvision, oder durch

Horchen auf das ›Kochen‹ im Innern der Muschel: Konchylienaudition. Die

harmloseste Aeußerung des Unbewußten ist die Ahnung: eine Vorstellung,

die ohne nachweisbaren Anlaß den Zusammenhang der übrigen Vorstellungen

durchbrechend in uns auftaucht; sie erhält ihre eigentliche Bedeutung,

sobald sie weissagenden Inhalts ist und später durch ein wirklich

eintreffendes Ereignis bestätigt wird. Bei manchen Menschen, namentlich

Frauen, sind Ahnungen durchaus nichts seltenes; auch nehmen sie

eigentümliche Formen an, so zum Beispiel das ›Gefühl der Nähe‹, das

sich besonders zwischen Verliebten äußert. An sich ist Ahnung nur

Vorstellung oder Gefühl: doch kann eine Steigerung zur sinnlichen

Wahrnehmung unschwer stattfinden, einstweilen jedoch nur so, daß das

Beobachtete nicht die volle Intensität der Wirklichkeit hat und auch

nicht als etwas Reales im Raume aufgefaßt wird, sondern nur als ein

außerordentlich deutliches Erinnerungsbild. Wird dagegen diese Grenze

überschritten und das Geschaute oder Gehörte im Augenblicke selbst als

volle Wirklichkeit empfunden, so ist das Reich der Ahnungen abgelöst

durch das der Trugwahrnehmungen oder Hallucinationen. Sie können

durchaus normal und spontan auftreten, am besten im Dunkeln; plötzlich

nimmt dann das Auge oder das Ohr ein Bild oder einen Schall wahr, der

sowohl von dem augenblicklichen Bewußtseinsinhalt unabhängig, als

auch nicht unmittelbar durch einen Sinnenreiz hervorgerufen ist. Wäre

nicht ein unbewußter seelischer Vorgang im Spiel, so unterschiede

sich die trügerische Wahrnehmung nicht von einer einfachen Täuschung:

Illusion; vielmehr sind Hallucinationen plötzliche Träume, die sich

in das vollständig wache Bewußtsein einschieben, wie anderseits

außer des Bewußtseins automatische Bewegungen eine Art Nachtwandel

im wachen Zustande hervorbringen können. Damit ist nun zwar eine

beträchtliche Zahl scheinbar wunderbarer seelischer Vorfälle dem

Bezirk des Unbewußten überwiesen und somit natürlich erklärt; immerhin

bleibt ein kleiner zur Zeit noch unerklärbarer Rest übrig, wo

vielleicht wenn auch nicht geradezu unnatürliche, so doch jedenfalls

einstweilen noch vollkommen unbekannte Kräfte im Spiele sind, eine

Reihe von Fällen, da es selbst bei der sorgfältigsten Untersuchung

nicht möglich war festzustellen, wie der Hellseher zu seinem durch

die späteren Ereignisse bestätigten Wissen gekommen ist, während die

Ueberwindung der räumlichen und zeitlichen Schranke durch telepathische

Mitteilung, namentlich beim Sterbefall eines entfernten Freundes,

keineswegs vereinzelt feststeht, die statistische Richtigkeit dieser

weissagenden Hallucinationen immerhin vorausgesetzt. Selbst mit

diesen merkwürdigsten Erscheinungen ist nun aber das reiche Gebiet

des Seelenlebens noch nicht erschöpft; eine Fülle neuer Verbindungen

erscheint, sobald der äußere Sinnenreiz nicht unwillkürlicher Natur

ist, sondern von einem anderen bewußten Wesen mit Willen auf uns

ausgeübt wird: dann entsteht Eingebung oder Suggestion. An sich ist

die Suggestibilität, das heißt die Fähigkeit, sich von äußeren Reizen

fesseln zu lassen, ein durchaus normaler Zustand; jeder Mensch ist mehr

oder weniger suggestibel, im höchsten Grade allerdings das Kind und

der Wilde, am wenigsten dagegen ein zur selbständigen Persönlichkeit

ausgebildeter Mann. Suggestive Wirkung der Naturphänomene ist

keineswegs ausgeschlossen: wir gewahren am heißen Sommertag eine klare

Quelle und bekommen Durst; wir blicken vom hohen Gerüst ohne Geländer

in die Tiefe und werden vom Schwindel befallen; der Anblick imposanter

Wasserfälle oder das romantische Rauschen eines Bergstroms macht immer

wieder einzelne gemütvolle Menschen schwermütig bis zum Selbstmord. Im

allgemeinen geht aber der angreifende Reiz gewöhnlich von Menschen aus.

Entweder steckt das Beispiel an oder die Sprache erweckt Suggestionen.

Am meisten wirken die Leute suggestiv, die unsere Gefühle erregen.

Liebe, Zutrauen, Respekt und Furcht steigern die Empfänglichkeit;

Abneigung, Mißtrauen, Haß, Gleichgiltigkeit setzen sie herab. Ebenso

wirkt der Glaube an die Richtigkeit einer bestimmten Anschauung,

einerlei ob religiösen, philosophischen, politischen oder sonst welchen

Inhaltes, an und für sich gebieterisch. Nur in den höchst gearteten

und geistig entwickeltsten Persönlichkeiten ist die Ueberzeugung das

Ergebnis ruhiger Einsicht und klarer Erkenntnis; je tiefer der Mensch

steht, desto weniger kümmern ihn Beweise, desto mehr beruht seine

innere Verfassung auf Gefühlen der Lust und der Unlust. Die Suggestion

kann vom Menschen auf sich selbst ausgeübt werden, falls er, am ehesten

durch irgend einen Glauben, seine Empfänglichkeit zu steigern versteht:

Autosuggestion; meistens aber wird sie von andern hervorgerufen:

Fremdsuggestion. Zweierlei ist dazu angethan, die Suggestibilität ins

Außerordentliche zu steigern: das Vertrauen, das man in einen Menschen

setzt, und das Zusammensein mit andern Menschen. Die Massen sind immer

mehr suggestibel als der einzelne Mensch für sich allein. Da nun ein

überlegener Geist seinem ihm unterworfenen Medium mühelos nicht nur

Anschauungen und Erinnerungen, Bewegungen und Handlungen, sondern auch

Hallucinationen, ja sogar die Empfindung organischer Veränderungen am

eigenen Leibe aus suggestivem Wege beibringen kann und Anblick oder

Erzählung des Vorfalls die Wirkung stromartig weiterleiten, so kann man

den abnormen Einfluß eines bedeutenden Menschen, der in naiven Zeiten

populär war, kaum überschätzen.

Weit entfernt also, an der Wunderbarkeit der Heiligen von vornherein

zu zweifeln, da sich ihre eigentliche Wirksamkeit ja doch meistens

in diesen noch wenig aufgehellten Sphären bewegt, wird indessen die

Forschung sich nicht einbilden, anders als nur sehr ungefähr dahinter

zu kommen. Einigermaßen zuverlässige Quellen sind selten; und da diese

von gläubigen Händen angefertigt sind, beruhen gerade sie meistens auf

ungenauer Beobachtung. Uns kann das nicht anfechten; wir wissen uns zu

bescheiden und versuchen, von unseren Heiligen so viel zu begreifen,

als eben heute noch zu begreifen ist.

Erster Abschnitt.

Die Memorie.

Erstes Kapitel.

Die Martinsschriften des Sulpizius Severus.

Ums Jahr 400 schrieb Sulpizius Severus das Leben des Martin von

Tours. Ein bedeutender Schriftsteller und ein bedeutender Gegenstand!

Aquitanien war damals die letzte Zufluchtsstätte der Bildung. Dort

allein kam noch über dem Studium der Grammatik die litterarische

Produktion nicht zu kurz, und gerne ließ man im lateinischen Abendland

gallische Rhetoren die Kosten der Beredsamkeit bestreiten. Diese Heimat

in dieser Zeit, die eigenen Ausweise litterarischer Tüchtigkeit,

seine Stellung in der Gesellschaft, der Ernst seiner Gesinnung, der

sich im Umtausch eines glänzenden Berufslebens an mönchische Armut

und Einsamkeit ausspricht, das ist es, was den Severus aus seiner

Umgebung heraushebt. Im Gegensatz zu seiner Chronik, an der man die

guten Quellen, den geschichtlichen Sinn und die klassische Darstellung

lobend bedenkt, gilt nun aber das Martinsleben als frommer Roman und

ein Seitenstück zu den Erzählungen von den ägyptischen Mönchen. Mit so

allgemeinen Urteilen wird man Severus nicht gerecht. Der in der Chronik

sich beweisende wirklich historische Blick, damals eine rühmliche

Ausnahme, ferner daß der Charakter nicht zu den Bedenken Anlaß gibt,

die etwa Hieronymus gegenüber geboten sind, endlich die mehrfache

Beteuerung, über Martin nur die Wahrheit zu sagen, weil es schon damals

an Zweiflern nicht fehlte, verlangen eine eingehendere Würdigung des

Schriftstellers in dieser ihm eigentümlichen kleinen Schrift. Ihrer

Anlage liegt entschieden Kunst zu Grunde. Der überreiche Stoff ist so

disponiert, daß die gewaltige Persönlichkeit, die geschildert werden

soll, gleichmäßig in allen ihren Eigenschaften beleuchtet wird:

Einleitung: _c._ 2–4 Martin als römischer Soldat.

Thema: Martin als christlicher Heiliger.

1) _c._ 5–8 Martin als Mönch.

2) _c._ 9–11 Martin als Bischof.

3) _c._ 12–15 Martin als Missionar.

4) _c._ 16–19 Martin als Wunderthäter.

5) _c._ 20 Martin vor dem Kaiser.

6) _c._ 21–24 Martin gegen den Teufel und die bösen Geister.

Schluß: _c._ 25–27 Martin nach dem persönlichen Eindruck auf den

Verfasser.

Und so möge zunächst das Thatsächliche dieses Lebensbildes in der

Sprache unserer Zeit nacherzählt und so das echte und warme Leben

entbunden werden, das Severus eben doch einzufangen wußte.

1.

Martin wurde zu Sabaria in Ungarn geboren, verlebte indessen seine

Jugend in Pavia[007-a]. Sein Vater war Offizier, die Familie heidnisch.

Aber schon der Knabe trug Gott im Herzen. Mit zehn Jahren wollte er

gegen den Willen seiner Eltern Katechumene werden, mit zwölfen machte

er aus seinen mönchischen Gelübden und Neigungen ernst, wurde aber mit

fünfzehn gewaltsam dem Heere einverleibt, dem er als Offizierssohn von

Gesetzes wegen beitreten mußte. Er begnügte sich jedoch mit nur einem

Burschen, bediente ihn, obwohl sein Herr, zog ihm die Stiefel aus, um

sie zu putzen, und teilte sein Mahl fast eher in der Stellung eines

Aufwärters. Ohne noch getauft zu sein, hielt er sich während seiner

drei Dienstjahre von den üblichen Lastern des Standes fern und trieb

überhaupt gegenüber den Kameraden die Gutmütigkeit auf die Spitze. Er

lebte auch unter der Waffe in opferfreudiger Nächstenliebe[008-a]:

in einem ungewöhnlich strengen Winter hatte er bis auf Waffen und

Uniform bereits alles verschenkt, da schnitt er für einen Bettler am

Stadtthor von Amiens noch die Hälfte des eigenen Mantels vom Leibe

und ließ sich unbeirrt auslachen, als er darauf in verstümmelter

Uniform weiterritt. Bald daraus erfolgte seine Taufe. Doch blieb

er noch zwei Jahre beim Heere, in der Hoffnung, dann auch zugleich

seinen Tribunen zum Abschied zu bewegen, da dieser ebenfalls Neigung

bekundet hatte, der Welt abzusagen. Jedenfalls hielt er es mit seinem

Christenstande nicht mehr vereinbar zu töten, und so war sein Austritt

aus dem Heere unvermeidlich, sobald das Regiment bei dem er stand,

im Ernstfall ausrücken mußte[008-b]. Am Vorabend einer Begegnung mit

den Germanen vor Worms teilte Kronprinz Julian ein Donativ aus. Die

Einzelnen wurden aufgerufen und mußten vortreten. Als die Reihe an

Martin war, hielt er den Augenblick für gegeben, um seinen Abschied

einzukommen: ein Streiter Christi dürfe nicht kämpfen. Der Kriegsherr

schob die sonderbare Ausrede auf Angst; aber Martin verwahrte sich,

er sei kein Feigling, er wolle sich ohne Waffen durch den Feind

helfen, nur allein mit dem Zeichen des Kreuzes. Man wollte ihm seinen

wunderlichen Willen lassen und ihn dadurch am sichersten strafen;

aber aus der Schlacht wurde nichts, da sich die Feinde am andern

Morgen ohne Schwertstreich unterwarfen. War da nicht Gottes Hand

im Spiel?[008-c] Hierauf begab sich Martin zu Bischof Hilarius von

Poitiers. Dieser wollte ihn für seinen Klerus gewinnen, doch lehnte

Martin die Weihe zum Diakonen ab und fand sich nur eben zum niederen

Dienste eines Geisterbeschwörers tauglich. Es trieb ihn dann nach der

Heimat, für die Bekehrung seiner Familie zu wirken. Nur unter dem

Versprechen wiederzukehren ließ man ihn in Gallien ziehn. Auf dem

Uebergang über die Alpen fiel er unter die Räuber, entwaffnete aber

den, dessen Obhut er anvertraut wurde durch seine Sanftmut[008-d]. In

der Nähe von Mailand suchte ihn ein Reisegefährte in seinem Vorhaben

irre zu machen, überzeugte jedoch Martin nur, daß dieser Versucher der

leibhaftige Teufel in Menschengestalt sei. Zu Hause brachte der Sohn

die Mutter auf seine Seite. Der Vater blieb Heide. Dagegen folgten

andere Martins Beispiel, dem überdies das arianische Christentum

Gelegenheit gab, für den rechten Glauben zu leiden: er ließ sich für

die Gottheit Christi öffentlich mit Ruten streichen. Seinen Meister

an der Loire hatte indessen das Schicksal der Verbannung ereilt, und

Martin, der seinerseits sich in Mailand klösterlich niederließ, wurde

von Bischof Auxentius, einem Oberhaupt der Arianer im Westen, Landes

verwiesen. In Begleitung eines gesinnungstüchtigen Priesters suchte

er die sogenannte Hühnerinsel an der toskanischen Küste zu besiedeln.

Dort betete er sich vom Genuß einer giftigen Nießwurz gesund. Als dann

auf die kaiserliche Verfügung hin Hilarius aus dem Orient heimkehren

durfte, wollte ihn Martin in Rom treffen. Sie verfehlten sich, Hilarius

war schon weiter[009-a]. Martin reiste nach und gründete nun in der

Nähe von Poitiers das von ihm geplante Kloster. Seine hingebende

Wirksamkeit brachte ihn beim Volke in den Ruf eines heiligen und

wunderthätigen Mannes. Sie gipfelte in der Erweckung zweier Toter.

Ein Katechumene unterlag der strengen Disziplin des Klosterlebens,

plötzlich, ohne noch getauft zu sein; von einer dreitägigen Reise

heimkehrend fand ihn Martin tot. Er hieß alle Anwesenden die Zelle

verlassen, schloß die Thüren ab und suchte den leblos Daliegenden zu

sich zu bringen, indem er sich über ihn ausstreckte, dazu laut betete,

dann aufstand und das entseelte Gesicht fixierte. Nach zweistündiger

Behandlung begann der Totgeglaubte sich wieder zu rühren und, da

das Augenlicht noch versagte, tastete er sich zurecht und schrie

vor Freude. Er versicherte in der Zwischenzeit vor dem Thron des

Weltenrichters gestanden zu sein: erst habe er sich an finsterem

Orte in gemeiner Gesellschaft befunden, bis ihn zwei Engel vor den

höchsten Richter geschleppt und als den vorgestellt hätten, für den

der heilige Martin bete. Kurz darauf trug sich ein zweites Wunder

derselben Art zu[009-b]. Aus dem Rittergute des Lupizinus war eben

großer Jammer, als Martin vorüberging: ein Knecht hatte sich erhängt.

Wieder befolgte der Heilige dieselben Manipulationen wie das erste

Mal, ohne jeden Beistand, und wieder mit Erfolg. Auf die Augenzeugen

des erst hingestreckten und dann wieder ermunterten Körpers wirkte der

außerordentliche Vorfall beide Mal als volles Wunder; schon die erste

Erweckung reichte hin, um Martin den Ruf einer geradezu apostolischen

Heilkraft einzutragen. Um diese Zeit wurde der Stuhl des Bistums Tours

ledig. Die Bürgerschaft wollte Martin[009-c]. Er fühlte sich jedoch

nicht zum Kirchenmann, sondern zum Mönch bestimmt und lehnte ab. Nur

mit förmlicher List setzte sich der öffentliche Wille durch. Rusticius,

ein Bürger von Tours schützte Krankheit seiner Frau vor. Als Martin

auf die kniefälligen Bitten des Mannes hin zum Besuche sich entschloß,

fand er auf dem Wege erst vereinzelte Volksgruppen, dann gegen die

Stadt hin immer dichtere Menschenmassen vor. Nicht nur aus Tours, auch

aus den umliegenden Städten waren sie zur Abstimmung zusammengeströmt.

Angesichts dieser mächtigen Kundgebung sagte Martin zu; die Laien

wollten einen von ihnen, einen Volksmann, in dem hierarchischen Klerus

haben. Die Bischöfe hatten Martins Erhebung mit allen Mitteln zu

hintertreiben gesucht. Sie stießen sich an dem gemeinen ungepflegten

Aeußern des Einsiedlers: zum Bischof bedürfe es eines vornehmen

Auftretens, eines ordentlichen Anzuges, einer anständigen Frisur,

während Martin mit Willen äußerlich nachlässig, schmutzig und ungekämmt

einherging. Schließlich brach den Widerstand ein Zufall. Die erregte

Menge versperrte dem zum Lektor der Synode bestimmten Geistlichen

den Eintritt. Sein in der Verwirrung rasch erkorener Stellvertreter

schlug die Bibel auf Geratewohl auf, und geriet dabei an die Stelle

im achten Psalm: »Auf daß du Feind und Verfechter vernichtest:

_defensorem_.« Da nun das Haupt der Kleriker, der Bischof von Angers,

Defensor hieß, lautete das Wort heiliger Schrift anzüglich genug, um

durch den Jubel der anwesenden Laien, die damals noch lateinisch und

deshalb die Anspielung verstanden, die Prälaten zu entwaffnen. Obwohl

nun Bischof änderte sich Martin doch in keiner Weise: dieselbe Demut,

dasselbe unscheinbare Auftreten[010-a]! Eine an das Münster angebaute

Zelle diente ihm zur Wohnung, da er sich dort zahlreichen Besuchen

nicht entziehen konnte, errichtete er sich zwei Meilen von Tours ein

Kloster. Versteckt und abgelegen, ersetzte der Ort die unwirtliche

Einöde: Felswände und Loire schlossen ihn ab, ein schmaler Saumpfad war

einziger Zugang. Martin und einzelne Brüder bauten sich Holzhütten,

andere hausten an der schützenden Berglehne in Höhlen. Die Schüler,

die zum Unterricht kamen inbegriffen, belief sich die Zahl auf etwa

achtzig. Das gemeinsame Leben beruhte auf den strengsten Grundsätzen:

es gab kein Eigentum, aller Besitz war Gemeingut. Niemand durfte kaufen

oder verkaufen. Außer Schreiben wurde keine Kunst betrieben, und auch

diese blieb den Jüngeren überlassen; die Aelteren lagen nur noch dem

Gebet ob. Nur mit dem gemeinsamen Gottesdienst wurde die Einsamkeit

der Zelle vertauscht und höchstens die Mahlzeit gemeinsam eingenommen,

wenn das Morgenfasten vorbei war. Niemand bekam Wein, außer der Kranke.

Die Kleidung der Meisten bestand in Fellen; ein weniger hartes Gewand

galt für unerlaubt. Auch die vielen jungen Adeligen der Gesellschaft,

der eine und der andere ein künftiger Bischof, teilten dieses Leben.

Seine kirchliche Macht benützte Martin zur Aufklärung des Landvolks vom

Aberglauben[010-b]. In der Nähe von Tours wurde ein Altar unterhalten,

ohne daß man wußte, wessen Grab es eigentlich sei. Unsicher, ob er in

diesem Fall zu bekämpfen oder zu unterstützen habe, beschwor Martin

den hier verehrten Toten: richtig erhob sich zur Linken finster und

trotzig ein Schatten und teilte auf Befragen mit, er sei ein gehenkter

Straßenräuber und nur aus Versehen zum Märtyrer geworden. Während

der Verhandlung hörten Martins Begleiter allerdings reden, aber der

Aufschluß selbst ging auf eine Vision des Bischofs zurück. War das

Grab eines Schelmen Grab, so konnte es mit gutem Gewissen zerstört

werden. Die heidnische Bevölkerung fürchtete den strengen Mann, und es

ist nicht zu verwundern, daß ein heidnischer Leichenzug, als Martin

des Weges kam, jählings halt machte[011-a]. Martin unterschied nicht

gleich, was ihm entgegenkomme, noch betrug die Entfernung eine halbe

Meile; doch war ihm, es seien Bauern, und als nun das weiße Laken etwas

aufflog, das den Leichnam zudeckte, schloß er auf einen heidnischen

Kultusakt, da er um die ländliche Sitte wußte, weiß-verschleierte

Götzenbilder durch die Saatfelder zutragen. Er schlug das Zeichen des

Kreuzes und donnerte sie schon von weitem an, die Bahre abzustellen.

Die armen Leute suchten zu entkommen, drehten sich aber in der

Bestürzung im Kreise herum und ließen schließlich Martin heran, ihres

Schicksals gewärtig. Nun jedoch überzeugte sich der Heilige, es handle

sich ja gar nicht um Götzendienst, sondern nur um ein harmloses

Begräbnis. Er winkte ihnen sofort beschwichtigend zu, sie möchten ruhig

ihres Weges ziehen[011-b]. Aber als Martin sich anschickte, in einem

Marktflecken an einer uralten Fichte bei einem heidnischen Heiligtum

Hand anzulegen, wurde der Widerstand ernsthaft. Der Oberpriester legte

sich ins Mittel; seine Leute standen zu ihm. Konnten sie den Tempel

nicht halten, unter keinen Umständen gaben sie die Fichte preis. Martin

legte ihnen dar, in einem Baumwipfel niste höchstens ein Teufel, aber

doch niemals Gott. Schlau meinte nun ein Heide, wenn Martin an seinem

Gott wirklich etwas habe, so solle er sich doch gegenüber aufstellen,

sie wollten die Tanne dann schon fällen; der Sturz des Heiligtums, der

nicht aufzuhalten war, hätte dann doch zugleich den Feind der Götter

vernichtet. Ohne Zögern ging Martin darauf ein und ließ sich an der

gefährlichsten Stelle festbinden. Mit dem Rächerdrang der Verzweiflung

hieben die Heiden auf die heilige Fichte, Martins Freunde wußten nicht

was thun. Er selber blieb zuversichtlich und bekreuzte sich, als der

Stamm zu wanken begann. Wider Erwarten stürzte der Baum rückwärts und

hätte beinahe seine Verehrer erschlagen. Alsobald errichtete Martin

eine Kapelle, wie gewöhnlich auf zerstörten heidnischen Opferstätten.

Mit einem Aufwand von Eifer, der ihn bis zur Erschöpfung in Anspruch

nahm und in kritischen Augenblicken in krampfhafte Ekstasen versetzte,

legte er auch die übrigen Schlupfwinkel des Sprengels in Asche, verlor

aber mitten in der Erregung niemals seinen Gerechtigkeitssinn und die

Herrschaft über sich selbst[011-c]. Als ein brennender Heidentempel

ein angebautes Privathaus anzustecken drohte, setzte Martin mit den

Löschanstalten sein Leben aufs Spiel, nur um die unverdient gefährdete

Liegenschaft zu retten. Einen Hauptherd, den reichen Tempel von

Levroux, konnte er nur mit der größten Anstrengung erobern. Erst als

er in Sack und Asche Buße that und so inbrünstig betete, bis er zwei

geharnischte Engel ihm zu Hilfe eilen sah, gelang der zuvor mißglückte

Ansturm auf die von den Bauern verteidigten Altäre. Desgleichen in

Autun[012-a]. Dort drang der wildeste der Gegner mit gezücktem Schwert

auf ihn ein. Martin knöpfte sein Gewand auf und hielt den Hals dar. Der

Heide verlor die Fassung. Ein anderer ließ in derselben Lage das Messer

fallen. Und so oft ein Bollwerk genommen war, beschwichtigte und gewann

Martins mächtige Predigt die Herzen der Heiden. Hand in Hand mit diesen

Erfolgen als Missionar gingen seine Erfolge als Arzt[012-b]. Zu Trier

lag ein Mädchen in den letzten Zügen, als Martin in die Gegend kam.

Der Vater hielt den Heiligen mitten auf der Straße an. Diesem war es

offenbar unangenehm, zumal bei Anwesenheit vielen Volkes und mehrerer

Bischöfe in eine den Evangelien parallele Lage geraten zu sein. Er

lehnte bestürzt ab: das übersteige seine Kraft, der Mann überschätze

ihn, so etwas habe der Heiland gekonnt, wie sollte er ihm es gleich

thun. Als aber alles in ihn drang, entschloß er sich zu dem Besuche und

erzielte durch Anwendung geweihten Oeles einen vollen Erfolg. Einen

tobsüchtigen Sklaven des Prokonsularen Tätradius beruhigte er und übte

auch über andere Verrückte Gewalt aus[012-c]. Am Stadtthor von Paris

umarmte und küßte er einen aussätzigen Bettler[012-d]. Stücke seiner

Kleidung, deren man habhaft werden konnte, wurden vom Volk als Amulete

benützt. Von seiner Kutte wurden Fransen abgezupft und den Kranken

an den Finger oder an den Hals gebunden. Arborius, ein Beamter, der

Christ war, schnitt das Viertagsfieber seiner Tochter dadurch ab, daß

er dem Kind bei jedem Anfall einen Brief Martins, den er zufällig

besaß, wie ein Pflaster auf die Brust legte[012-e]. Hauptsächlich

aber scheinen Martin Augenkuren geglückt zu sein. Paulinus, der dann

um Martins willen aus einem Millionär ein Mönch wurde, heilte er

von einer beginnenden schmerzhaften Erblindung durch Pinselungen;

bereits zog sich die benebelnde Haut über die Pupille, als Martin die

Operation vornahm. Dem heiligen Arzte selbst brachte ein Fehltritt beim

Treppensteigen beinahe den Tod; aber eine Salbe und eine Engelsvision

erwirkten seine Herstellung schon auf den folgenden Tag. Was für ein

unbeugsamer Charakter er war, zeigte Martin gegenüber dem Hofe. Kaiser

Maximus, der in Trier residierte, empfing die gallischen Bischöfe,

die von ihm für die schwer heimgesuchten Provinzen Unterstützung,

Milderung und Amnestie zu erbitten kamen[013-a]. Aber während die

Andern sich vergaben und zu unterwürfigen Höflingen herabwürdigten,

bewahrte Martin die Ehre und das Ansehen der geistlichen Gewalt vor

der weltlichen. Er trug sein Gesuch um Begnadigung einiger Personen

auf eine so vornehme Weise vor, daß es auf den Kaiser nicht wie eine

Bitte, sondern wie ein Befehl wirkte. Der Kaiser wollte ihn an seine

Tafel ziehen. Aber Martin erklärte offenheraus, mit einem Menschen,

der den einen Kaiser verjagt und einen zweiten ermordet habe, sitze

er nicht an den gleichen Tisch. Maximus suchte jedoch den Aufstand zu

rechtfertigen, die Schuld an Gratians Tod von sich abzuwälzen, und so

nahm Martin schließlich an. Entzückt über die Zusage verlieh Maximus

dem Fest außerordentlichen Glanz, indem er den Statthalter Evodius

sowie zwei Mitglieder des kaiserlichen Hauses, seinen Bruder und seinen

Onkel, heranzog. Martin saß zur Rechten des Kaisers, der Priester, der

ihn begleitete, zwischen den Prinzen. Als der Mundschenk dem Kaiser den

Trunk kredenzen wollte, ließ der Fürst den Becher dem Bischof reichen:

aus seiner heiligen Hand, nach der Berührung so heiliger Lippen wollte

er den Pokal empfangen. Der Heilige trank aus dem Kelch, reichte

ihn dann aber nicht dem Fürsten, der darauf wartete, sondern seinem

Priester, weil der geistliche Stand auch einem niederen Inhaber den

Vortritt vor den höchsten weltlichen Würdenträgern verleihe. Dieser

Verstoß fand jedoch nur gesteigerte Bewunderung. Die kundgegebene

Verachtung wirkte als Hoheit. Es ging von Mund zu Munde, Martin habe an

der kaiserlichen Frühstückstafel sich herausgenommen, was sonst kein

Bischof gegenüber einem einfachen Staatsbeamten hätte wagen dürfen.

Sein Scharfblick ließ ihn auch voraussagen, Maximus werde in Italien

auf Valentinian stoßen und ihn zwar besiegen, aber bald darauf selber

untergehen. Was denn auch, bei Aquileja, in der That in Erfüllung

ging. In seinen letzten Lebensjahren hatte Martin viel mit dem Teufel

zu schaffen[013-b]: Er hatte den Bösen so sichtbar und gegenständlich

vor Augen, daß er ihn bald in seiner leibhaftigen Gestalt, bald in

mannigfachen figürlichen Verkleidungen zu Gesicht bekam. So drang der

Teufel einmal polternd in Martins Zelle, ein blutiges Horn in der

Hand. Dieser ließ nachsehen; es stellte sich heraus, daß zwar keiner

der Mönche, wohl aber ein Taglöhner aus dem Gesinde vermißt werde. Man

fand ihn halbtot im Walde liegen. Er konnte eben noch berichten, als

er den Jochriemen straffer habe anziehen wollen, habe der eine Stier

gestoßen und ihm das Horn in den Leib gerannt[013-c]. Ja zu förmlichen

Auseinandersetzungen mit dem Teufel kam es bei Martin. Bald erschien

dieser ihm als Juppiter, bald als Merkur, bald auch als Venus und als

Minerva. Martin war unablässig bemüht, den Herrn der Finsternis zu

bekehren, er versprach ihm bei Gott Barmherzigkeit zu erwirken, wenn er

endlich einmal Buße thun und aufhören wolle, die Menschen zu verführen.

Bis in sein hohes Alter bewahrte Martin den guten Blick für das Echte

und entlarvte die schwindelhaften Absichten eines angeblichen Mönches

namens Anatolius aus dem Kloster seines jungen und hochgeborenen

Freundes Clarus[014-a]. Auch andere geistliche Abenteurer nah und fern,

die sich, sei es für Elias oder Johannes den Täufer oder Christus

selbst ausgaben, hat er durchschaut[014-b]. An zwei Schülern jedoch

erlebte er aufrichtige Freude, weil sie seinetwegen eine glänzende

weltliche Laufbahn verlassen und ihm in aufrichtiger Treue anhingen:

Paulinus von Nola und Sulpizius Severus[014-c]. Er freute sich, daß sie

in der Lage des reichen Jünglings entschlossener gehandelt hatten als

jener im Evangelium, und nahm sie beschämend freundlich auf, ja bestand

sogar darauf, ihnen eigenhändig die Fußwaschung zu verabreichen. Und

als Severus aus seinen schriftstellerischen Absichten keinen Hehl

machte, zog ihn der Heilige in sein Vertrauen und ließ ihn Blicke in

sein inneres Leben thun. Wenn Martin nicht arbeitete, so betete er,

nach der Sitte der Schmiede, die, wenn sie das Eisen hämmern, stets

einige Zwischenschläge auf den Ambos thun[014-d]. Kein Falsch war

in dem heiligen Manne. Nie daß er über jemand richtete oder lieblos

urteilte oder Böses mit Bösem vergalt. Von einer unerschütterlichen

Langmut ließ er, der Bischof, gelegentlich sogar untergebene Kleriker

ihm ungehörig begegnen. In seinem Wesen immer gleichmäßig nahm er

an allen Empfindungen des Menschenherzens teil, ohne an eine sich

hinzugeben: die höhere Natur schien überall den Grund seines Benehmens

zu bilden[014-e]. Er wurde nie zornig und nie bestürzt. Er klagte nie

und lachte nie. Ein himmlischer Glanz lag, war es wann es war, still

und selig über seinem Angesicht.

Den wesentlichen Zügen nach ist das der Inhalt von Severs Martinsleben.

Martin steht lebendig vor dem Leser als der prächtige, tapfere

Christuskrieger, der an Theologie nicht schwer trug und rascher zum

Ziel zu kommen meinte, wenn er persönlich auf den Vater der Sünde

losging. Auch wo Severus Bericht unglaublich klingt, hat man den

Eindruck, es sei keine Erfindung im Spiel. Vielmehr schimmerte für ihn

auf Schritt und Tritt die gewaltige Gestalt, die er zeichnen wollte, in

die Sphäre des Uebermenschlichen, Geisterhaften hinüber. Severus deutet

mehrfach an, er habe sich alle erdenkliche Mühe gegeben, den Stoff

zu bewältigen und deshalb nur das Wesentlichste für die Darstellung

aufbehalten, vieles jedoch ausgeschieden[014-f]: »Ich muß schließen,

nicht weil ich nichts mehr zu sagen hätte, sondern weil mich am Ende

meines Unternehmens die Wucht meines Gegenstandes niederdrückt. Denn

ich fühle mich vollkommen unfähig, selbst für den Fall, daß alles

äußere genau berichtet wäre, das innere Leben Martins in seinem

täglichen Wandel vor Gott und seinem stets nach dem Himmel gerichteten

Gemüte genügend darzustellen. Ja käme selbst, wie man zu sagen pflegt,

Homer von der Unterwelt, er würde nichts vermögen. Denn an Martin ist

alles zu groß, als daß es in Worte gebracht werden könnte.« Severus

hat die richtige Einsicht, für die Lösung seiner Aufgabe sei weniger

seine Kunst zu gering, als die Vorlage zu mächtig. Er fühlt lebendig

die Notwendigkeit, seinem Helden als Psychologe gegenüber zu treten. Da

aber die psychologische Analyse als litterarisches Kunstwerk ein Kind

moderner Kritik ist, so konnte er für seine Zwecke nur das naive Mittel

benutzen, das ihm dafür zu Gebote stand: die Anekdote.

Als die Schrift fertig vor ihm lag, betrachtete sie der Verfasser mit

gemischten Gefühlen. Er hatte sein Bestes aus sich heraus gesetzt und

wußte, wenn er es bekannt gab, so brach ein Sturm los für und wider.

Lieber hätte er es also für sich behalten. Aber dann drängte doch alles

wieder auf eine Veröffentlichung hin: die Spannung des Erstlingswerkes,

die Verantwortung des Verschweigens, der brennende Wunsch, vor aller

Welt etwas für Martin zu thun. So entließ er die Arbeit und schrieb

dazu einem wirklichen oder fingierten Freunde was folgt[015-a]:

»Mein lieber Desiderius! Es war meine entschiedenste Absicht, das

von mir verfaßte kleine Buch über Martin aus meinen vier Wänden

nicht herauszulassen. Schwung und geschmackvolle Darstellung sind

mir von Natur versagt; Grund genug, das öffentliche Urteil nicht

herauszufordern. Und nun hab ich mich noch gar an einen Gegenstand

gemacht, der Schriftstellern ersten Ranges vorbehalten bleiben sollte.

Zeig also mein Machwerk lieber Niemanden; wenn aber doch, so bitte das

Publikum, um des Inhalts willen mit der Form Nachsicht zu haben. Ist

doch von Fischern und nicht von Rednern der Welt das Heil verkündigt

worden, obwohl unser Herrgott, wäre es gut gewesen, es auch umgekehrt

hätte fügen können. Was ich mir sagte, war: ein Mann wie Martin

darf nicht unbekannt bleiben, mögen dann auch Unbeholfenheiten mit

unterlaufen; ein Virtuose war ich nun einmal nie und zudem ist es schon

eine Weile her, daß ich derlei als Student getrieben habe. Laß daher

das Büchlein, wenn du es zu veröffentlichen denkst, anonym ausgehen.

Tilge den Namen auf dem Titelblatt. Die Ueberschrift allein ohne Angabe

des Verfassers genügt«.

2.

So wurde das Martinsleben veröffentlicht. Sein berufenster

zeitgenössischer Beurteiler, Paulin von Nola, eben Severs Mitschüler

bei Martin, hatte nichts auszusetzen. Er schreibt dem Verfasser[016-a]:

»Es wäre dir nicht geschenkt gewesen, Martins Leben aufzuzeichnen, wenn

nicht eine reine Empfindung deine Arbeit beseelte. Wie glücklich bist

du nun, die Geschichte des Gottesmannes und Bekenners würdig und mit

gerechtfertigter Begeisterung verfaßt zu haben. Aber auch der Heilige

selbst ist selig zu preisen, daß er neben seinem Ruhm vor Gott nun

auch durch Deine Kunst bei der Nachwelt berühmt geworden ist«. In der

That fand der Traktat sofort ungewöhnliche Verbreitung. Es war ein

litterarischer Erfolg ersten Ranges. In Rom riß man sich darum. Die

Buchhändler rieben sich die Hände. Das Büchlein war ihr begehrtester

Artikel geworden und fand den sichersten Absatz. Ein Bekannter, der auf

einer Orientreise den wachsenden Leserkreis verfolgen konnte, berichtet

Severus[016-b]: »Wo dein Buch überall hingedrungen ist? Kaum ein Fleck

Erde, wo es sich noch nicht vorfände. In Rom hatte dein Freund Paulinus

für seinen Vertrieb gesorgt. Die Buchhändler sah ich in einem Glück,

weil trotz den hohen Angeboten die Nachfrage so groß sei. Zu Schiff war

mir dein Buch bereits vorausgeeilt. Als ich nach Afrika kam, verschlang

es bereits ganz Carthago. Nur ein Priester in der Cyrenaica hatte

es noch nicht; ich verhalf ihm dazu. Und erst in Alexandrien! Dort

kennen sie das Buch besser, als du selbst es kennen kannst. Aegypten,

die nitrische Wüste, die Gegenden von Theben und Memphis hat es

durchwandert, und sogar in der Wüste traf ich einen alten Mann, der es

las«. Auch in Illyrien war das Buch verbreitet[016-c].

Aber Severus bekam denn doch nicht nur Angenehmes zu hören. Mit dem

Gedächtnis lebte auch der Haß wieder auf. Die gebildete geistliche und

weltliche Gesellschaft Galliens hatte sich im Ganzen nie in Martins

eigentümliches Wesen finden können. Die Ueberläufer vom Schlage Paulins

und Severs blieben weit in der Minderzahl. In jenen Kreisen erregte

das Buch peinliches Aufsehen. Die allzu offene Absicht, den kaum erst

Toten zu verherrlichen, verletzte. Auch der Gläubigkeit der Gegner war

viel zugemutet. Während Volk und Mönche das Büchlein in alle Himmel

erhoben, lehnte es die Geistlichkeit ebenso leidenschaftlich ab, und

Severus mußte sich erzählen lassen[016-d]: »Nur die Kleriker, nur die

Priester unseres eigenen Landes sind neidisch genug und wollen nichts

von deinem Martin wissen. Begreiflicherweise; denn seine Tugenden

spiegeln ihre Fehler. Ich darf kaum sagen was mir jüngst zu Ohren

kam: du habest in deinem Buche allerlei frischweg erfunden. Und doch

hat Christus selbst gesagt, solche wunderbare Thaten, wie sie Martin

gethan, könne jeder thun, der Glauben habe. Wer also nicht glaubt, daß

Martin solches that, bezweifelt im Grunde die Verheißung Christi. Diese

Unglückseligen, Entarteten und Schlaftrunkenen erröten eben vor Thaten,

deren sie selbst nicht fähig sind und wollen lieber Martins Wunderkraft

leugnen als ihr Unvermögen eingestehen.«

Beides, Erfolg und Mißerfolg, mußte Severus ein Sporn sein, den Rest

seiner Kenntnisse über Martin nicht zu verschweigen. Da handelte es

sich vor allem darum, in welcher Form er diese Ergänzungen geben

wollte. Er bewies eine geschickte Hand und wählte den Brief und den

Dialog. Durch Hieronymus war der Kunstbrief, bei dem der Adressat nur

der Empfänger der Widmung ist, als Leser jedoch wie beim Buche ein

Publikum vorausgesetzt ist, für geistliche Stoffe im lateinischen

Westen eben klassisch geworden, und mit dem Dialog griff Severus

vollends auf eine ciceronianische Ausdrucksweise zurück, die früh in

die christliche Litteratur eindrang und sich dauernd in ihr erhalten

hat. Inhaltlich bedeuten die drei Briefe diejenige Ergänzung zum

Martinsleben, die nötig war, um das noch bei Lebzeiten des Heiligen

verfaßte Bild mit einer Schilderung seines Todes abzurunden. Im ersten

Briefe[017-a] jedoch kommt er zunächst noch auf einen Vorfall zurück,

über den pietätlose Bemerkungen ihm zu Ohren gedrungen waren: es

sollte für Martin ein Vorwurf sein, daß er, der so viele Heilungen

vollbrachte, selbst einmal die schwersten Brandwunden davongetragen

habe; sollte nun Martin deswegen weder gewaltig noch heilig sein? Die

Sache war einfach die: Martin hatte aus einer Visitationsreise mitten

im Winter die für ihn bereit gehaltene Lagerstätte viel zu weichlich

gefunden und den Strohsack weggeschoben, aus Versehen aber zu nah an

den Ofen, sodaß Feuer ausbrach. Er selbst war in seiner Müdigkeit auf

dem bloßen Boden sofort eingeschlafen und erwachte nun mitten in den

Flammen; er wäre, da er den Holznagel an der Thüre nicht losmachen

konnte, umgekommen, hätten nicht von außen her die Mönche den Riegel

erbrochen. Während dann der zweite Brief sich nur in allgemeinen

Betrachtungen über den schweren Verlust ergeht, enthält der dritte an

Severs Mutter Bassula gerichtete in ähnlichen Klagen und nach einer

Anekdote über Martin als Tierfreund Mitteilungen über Martins letzte

Stunden[017-b]. Martin hatte den Zerfall seiner Kräfte vorausgespürt.

Dennoch begab er sich in den äußersten Teil seiner Provinz, um einen

dort ausgebrochenen Kirchenstreit zu schlichten: die schönste

Gelegenheit, meinte er, den letzten Rest seines Lebens aufzuzehren. In

der That brach er dort zusammen. Er sagte zu den Seinen, es sei das

Ende. Sie mußten weinen, und auch er hielt die Thränen nicht zurück:

wie gerne wollte er weiter wirken, wenn es Gottes Wille wäre. Es that

ihm beides weh, zu scheiden und von Christus länger getrennt zu sein.

Er betete: »Das Leben ist ein harter Krieg und ich habe lange genug

gekämpft. Aber soll ich mich noch ferner in die Schanze schlagen,

für dich, Herr Gott, will ich’s thun«. Er lag einige Tage im Fieber

da, auf Streu und Asche und wollte sich nicht auf die Seite legen,

damit sein Auge gen Himmel gerichtet bleibe. Im Todeskampf bewies

er große Festigkeit. Natürlich stellte sich der Teufel ein. »Was

willst du, blutiges Untier«, rief er ihn an, »weg mit dir! Ich bin in

Abrahams Schooß«. So starb er. Seine Züge wurden friedevoll und nahmen

einen glänzenden Ausdruck an. Seine Bestattung war ein Triumphzug.

Zweitausend Leute wohnten ihr bei. Ganz Tours kam ihm entgegegen. Von

den Dörfern und Höfen der Umgegend, ja aus entfernten Städten strömten

Teilnehmer herzu.

Auch die Dialoge wollen ein Nachtrag sein[018-a]. Aber nicht ein bloßer

Anhang wie die Briefe; sie bilden eine selbständige Ergänzung. Statt

einer planmäßigen Gliederung des Stoffes, wie sie im Martinsleben

vorliegt, wird der Leser ohne logische Vermittlung von Situation

zu Situation, von Gedanken zu Gedanken geführt, ohne daß freilich

die zwischen Epos und Drama rudimentär stecken gebliebene Form des

Kunstdialogs eine Nachbildung des wirklichen Lebens bis zur Illusion

zu Stande brächte. Severus war darum zu thun, durch Abwechslung auch

in der Form anzuziehen, er verwahrt sich aber, unter der kurzweiligen

Darstellung die Treue seiner Nachrichten etwa haben leiden zu

lassen[018-b]. Die an sich primitiven Mittel hat er nun geschickt zur

Zeichnung und Färbung seines Gegenstandes verwendet; er bringt in

seiner Charakteristik des heiligen Martin beinahe künstlerische Nuancen

zu stande. Drei Personen spielen die Hauptrolle. Zunächst Severus

selbst. Er tritt ansprechend auf und maßt sich als Martins Vertrauter

keine Allüren an. Er erzählt einfach von einem Gespräche, das er mit

einem keltischen Mönche, einem langjährigen Anhänger Martins gehabt

habe, als plötzlich ein alter Bekannter, Postumianus, zu ihnen gestoßen

sei. Eben war dieser von einem dreijährigen Aufenthalt aus dem Orient

zurückgekehrt. Sie hätten sich umarmt, geküßt, hätten Freudenthränen

vergossen und sich schließlich in der Zelle auf ein Ziegenfell gesetzt,

sich auszutauschen. Severus nimmt am Gespräche mehr als Empfangender

teil; er greift meistens nur ein, um es aufs neue anzuregen. In

Postumianus lernen wir einen jener gebildeten abendländischen

Geistlichen in der Art des Hieronymus und Rufinus kennen, die aus

Wissenstrieb und Sehnsucht nach dem heiligen Lande sich mehrere Jahre

im Orient aufgehalten und dasselbst namentlich das Mönchtum der

ägyptischen und der syrischen Wüste studiert haben. Die Gestalt ist

dem Leben entnommen. Die Reiseerlebnisse selbst dürfen uns hier nicht

beschäftigen, aber ebensowenig darf übersehen werden, wie glücklich

das Motiv für den Zweck verwendet ist, den Severus im Auge hatte. Es

erscheint als Abschweifung, nur ganz am Schluß der Episode spielt

Martin hinein. Aber gerade dadurch wird Martin charakteristisch ins

Licht gesetzt: von den Mönchen des Morgenlandes mit ihrer beschaulichen

Versenkung in Gott oder ihrem polternden Vortritt bei Volksagitationen

hebt er sich ab als der Beter und Arbeiter, als der stillthätige

Menschen- und Gottesfreund[019-a]. Ihren eigentlichen Erdgeruch erhält

aber Martins Persönlichkeit durch die Einführung von Severs anderem

Genossen, einem Kelten[019-b], dem Bauern gegenüber den Stadtleuten,

der sich geniert, unter Aquitaniern lateinisch zu reden; er sei ein

Sancerrer Kind und fürchte mit seiner bäurischen Aussprache verwöhnte

Ohren zu beleidigen. »Sprich wie es dir ums Herz ist«, versetzt

Postumianus, »sprich keltisch, sprich gallisch; nur sprich von Martin.«

In dieser Figur scheint Severus den Bauernstand in seinem Verhältnis

zum Heiligen haben schildern zu wollen. Er nennt den Mönch auch mit

dem Sammelnamen Gallus. Das schließt nicht aus, daß ein ausgeprägter

Vertreter des Typus wirklich Modell gestanden habe. Jedenfalls war es,

schriftstellerisch gewertet, ein feines Mittel, allerlei Geschichten,

die über den Heiligen im Lande herumgingen und für ihn charakteristisch

waren, die aber ein gebildeter Mensch schon damals nicht leicht für

bare Münze hinnehmen durfte, dem Publikum nicht vorzuenthalten,

ohne damit selbst irgendwelche Verantwortung zu übernehmen. Auch

darin verrät sich ein künstlerischer Zug und der Widerschein klug

beobachteten Lebens, daß die schlichte Situation in der Klosterzelle

ab und zu durch ein humoristisches Intermezzo unterbrochen wird. Als

Postumianus von einem wohlgemeinten Frühstück berichtete[019-c], das

ein Greis aus Freude, daß sie Christen seien, ihnen vorsetzte, an dem

jedoch ein halbes Gerstenbrot und Gummiblätter das beste waren, deutete

Severus im Spaß zu Gallus hinüber: »Ach, jammerschade, mein lieber

Gallus, daß du da nicht dabei warst. Was meinst du, ein paar Blätter

und ein halbes Brot zum Frühstück für fünf Leute?« Gallus wurde rot und

sagte: »Aber, Sulpizius, du lässest auch wirklich keine Gelegenheit

vorbeigehen, ohne mich an meinen guten Appetit zu erinnern. Sei doch

kein Unmensch! Sollen wirklich wir Gallier in unserem rauhen Klima wie

morgenländische Eremiten oder gar wie Engel leben. Und ein halbes

Gerstenbrot auf fünf Mann ist schon mehr ein Frühstück für Engel.«

Ja bei der nächsten Gelegenheit stellte der gute Gallus geradezu den

Grundsatz auf: »In Griechenland mag Gefräßigkeit Schlemmerei sein, bei

uns in Gallien ist sie Natur[020-a]«.

Der erste Dialog zerfällt in zwei Hälften, die später selbständig als

getrennte Bücher eingeteilt wurden: in der ersten erzählt Postumianus

seine Reise, in der zweiten Gallus von Martin. Einige Zeit nach

dem ersten entstand ein zweiter Dialog. Er setzt das Gespräch des

ersten am folgenden Tage fort vor erweiterter Zuhörerschaft, nämlich

einigen Geistlichen, aber nur zwei hochstehenden Beamten, da die

übrigen Laien, die sich hinzudrängten, abgewiesen wurden. Gallus

kommt zwischen den Statthalter und den Konsularen zu sitzen. Es geht

lange, bis er die Fassung erlangt, in solcher Gesellschaft ohne Scheu

zu reden. Die Anwesenden unterstützen ihn durch eingestreute eigene

Beiträge über Martin. Die so erhaltenen neuen Nachrichten verteilen

sich gleichmäßig auf die sechs Gesichtspunkte, unter denen Severs

Martinsleben steht. Greifen wir diese auf und illustrieren sie durch

die in den Dialogen gelieferten Beispiele. Der eigentliche Schwerpunkt

von Martins Persönlichkeit liegt in seinem Mönchsstande, insofern seine

Eigenschaften eines Volksheiligen dort wurzeln.

3.

Martin hatte in der Stadt eine Zelle für sich, die er nur verließ, wenn

er ausging[020-b]. In der Kirche hielt er sich für gottesdienstliche

Verrichtungen auf, sonst nicht und lehnte es ab, sich daselbst zu

setzen. Auch in seiner Zelle saß er nicht in einen seiner Würde

entsprechenden Lehnsessel, sondern auf ein dreibeiniges Stühlchen,

wie sich dessen sonst das Gesinde bedient. Auf dem Gang zur Kirche

traf er einst im Winter einen halbnackten Bettler, der Armenpfleger

des städtischen Klerus zog die Sache hin, sodaß Martin dem Armen,

der sich persönlich bei ihm beklagte, in aller Stille sein eigenes

Hemd vom Leibe gab und ihn wegschickte. Der Obersthelfer, eben jener

Armenpfleger, kam, Martin zum Kirchgang aufzufordern: das Volk warte.

Der Bischof antwortete, er könne nicht kommen, bevor der Arme sein Hemd

habe, meinte nun aber damit sich, da er unter der Kutte nichts weiter

mehr anhatte. Aber es sei ja gar kein Armer mehr da, versetzte jener

gereizt, mußte jedoch seinem Vorgesetzten gehorchen. Er erstand für

fünf Groschen ein grobes Hemd geringster Güte. »Und der Arme?« fügte er

bei. Martin bat ihn, draußen zu warten, zog rasch das Hemd an und begab

sich, ohne mehr ein Wort zu sagen, auf seinen Posten in die Kirche.

Als er dann die Messe celebrierte, umstrahlte ihn ein Heiligenschein.

Das Volk sah es. Dagegen wollten nur eine Nonne, ein Presbyter und

drei Mönche das Wunder bemerkt haben. Warum wohl vom geistlichen

Stande nur so wenige[021-a]? Arborius, ein Angestellter der Präfektur

versicherte steif, so oft Martin die Hostie segne, strahle seine Hand

Licht aus und sei mit Perlen bedeckt[021-b]. Auf einer Visitationsreise

scheuchte Martins schwarze Kutte die Zugtiere einer militärischen

Ambulanz. Die Soldaten kannten ihn nicht und maltraitierten ihn und

die Tiere[021-c]. Er hatte die Gewohnheit, seinem Gefolge ein gutes

Stück vorauszugehen. Seine Mönche fanden ihn daher halbtot mit von

Geißelhieben zerrissenem Rücken am Wege liegen. Sie konnten ihn noch

eben auf seinen Esel setzen, den sie für ihn nachführten. Seine

große Liebe für Tiere trug wesentlich zu seiner Popularität bei. Er

besänftigte eine bei einem Brand wütend gewordene Kuh, befreite ein

gehetztes Häslein von seinen Jägern und ihren Hunden[021-d]. Eine

Giftschlange verschwand auf seine Beschwörung in der Loire und befreite

so die am Ufer gelagerte Gesellschaft von ihrer gefährlichen Gegenwart.

»Die Schlangen gehorchen mir«, seufzte er, »die Menschen nicht«[021-e].

Es ging so weit, daß ein Mönch im Namen des Meisters einen bissigen

Hund zur Ruhe brachte[021-f]. Im Umgang mit dem Volk traf er den

rechten Ton[021-g]. Angesichts eines geschorenen Schafes rief er aus:

»Recht so. Wer zwei Röcke hat, gebe einen dem, der keinen hat«. Zu

einem armen Hirten meinte er: »Auch Adam hat im Fell die Schweine

gehütet. Das darf dich aber nicht abhalten, den neuen Adam anzuziehen«.

Vor einer Wiese, deren einer Teil vom Rindvieh abgeweidet und deren

anderer von Säuen aufgewühlt war, während in der unversehrten Mitte

Blumen blühten, predigte er: »Seht, liebe Leute, gerade so ist es mit

dem Heiraten. Wer ohne Ehe oder außer der Ehe sich versündigt, da ist

nur noch Dreck. Wer eine anständige Ehe führt, da ist saftiges Gras,

aber ohne Blumen. Bleibt jungfräulich, dann steht der Garten in Blüte«.

Ein alter Soldat wollte ein beschauliches Leben führen, wünschte aber

in seine Einsiedelei die Frau mitzunehmen. »Hast du in den Schlachten

das Weib auch mitgehabt?« fragte ihn Martin[021-h]. Als umgekehrt

eine Klausnerin in übertriebener Männerscheu es sogar ablehnte,

den Besuch ihres Bischofs zu empfangen und sich durch eine ihrer

Mitschwestern bei ihm entschuldigen ließ, zog Martin höchst erfreut

von ihrem Aeckerchen wieder ab, und als nun dieselbe ihm zum Entgelt

ein Geschenk nachsandte, schlug er, der sonst nichts annahm, die Gabe

nicht aus[021-i]. Bei dieser Leutseligkeit verbreitete sich denn auch

sein Ruhm sehr rasch und über die Landesgrenzen hinaus: in einem

Seesturm an der italienischen Küste rief ein Handelsmann aus Aegypten,

der noch nicht einmal Christ war: »Martins Gott, rett uns«[022-a].

Auch als Vorgesetzter bewies Martin seine Ueberlegenheit[022-b]. Auf

seine Weisung fing der Klosterverwalter Cato den zum Ostermahl nötigen

Fisch, den weder dieser, doch ein geübter Angler, noch die Fischer

von Beruf am Tage vorher hatten fangen können. Der Erzähler erinnert

bei diesem Vorfall in demselben Atemzug an den wunderbaren Fischzug

im Evangelium und an den profanen Vers: »Brachte den staunenden

Argern zurück den gefangenen Saufisch«. Wo die gute Sitte auf dem

Spiele stand, kannte Martin keinen Spaß[022-c]. So schlich sich

einmal ein Klosterbruder in Martins Abwesenheit in dessen Zelle und

machte sichs, als er auf dem Kohlenbecken noch Gluten fand, bequem,

indem er die untere Partie seines Gewandes aufknöpfte und sich mit

entblößtem Unterleib und gespreizten Beinen ans Feuer setzte. Er wurde

ertappt und furchtbar abgekanzelt. Martins Wohnung im Kloster hatte

ein Hinterpförtchen, durch das die Besessenen insgeheim zur Heilung

eingeführt wurden[022-d]. Sie war von einem Höfchen umgeben[022-e].

Gegen Martin, der das Mönchtum in Gallien so kraftvoll einzurichten und

gegen den Willen der Kleriker wirksam durchzusetzen wußte, befolgte

die Geistlichkeit die Taktik, ihn so viel immer möglich zu ignorieren.

Dennoch gelang es Martin in seiner Stellung als Bischof seinem Kloster

die kirchliche Unterstützung zu sichern[022-f]; es sollte nicht von den

eigenen Einkünften leben müssen, sondern von der Kirche vollständig

unterhalten werden. Von dieser Ansicht ging er nicht ab. Ein Geschenk

von hundert Pfund Silber bestimmte er zum Loskauf von Gefangenen, und

als ihm die Mönche nahelegten, er möchte doch einen Teil davon dem

Kloster zu halten in Rücksicht auf die schmale Kost und die Vielen

mangelnde Kleidung, war seine Antwort: »Uns soll die Kirche weiden und

kleiden und wäre es auch nur um den Schein zu umgehen, daß wir auf

das unsere ausseien«[022-g]. Sein beständiger Kampf mit den Bischöfen

erreichte seine Höhe auf der Synode von Trier, durch Martins Verhalten

im Priscillianistenstreit. Kaiser Maximus, sonst ein guter Mensch,

hatte sich durch die Priester verleiten lassen, nach Priscillians Tode

den Bischof Phacius, der das Urteil durchgesetzt hatte, sowie dessen

Anhang für unanfechtbar zu erklären[022-h]. Amtsgeschäfte anderer Art

riefen Martin um eben diese Zeit an den Hof. Es war nicht zu vermeiden;

er mußte zu der heiklen Angelegenheit Stellung nehmen. Die anwesenden

Bischöfe, alles Parteigänger des Ithacius, gerieten über Martins

unvermutete Ankunft in Bestürzung. Tags vorher hatte der Kaiser den

Synodalbeschluß bestätigt, wonach bevollmächtigte Geschäftsträger mit

bewaffneter Macht nach Spanien reisen, die Güter der Priscillianisten

einziehen und hochnotpeinlich Gericht halten sollten. Da Martins

Widerspruch außer Zweifel stand, wollten sie erst den Kaiser bewegen,

ihm durch entgegenreitende Boten den Eintritt nach Trier zu verwehren,

falls er nicht von vornherein den Beschluß gutheiße. Martin versprach,

er werde den Frieden der Versammlung nicht stören. Während der Nacht

ging er in die Kirche zum Gebet und begab sich dann zur Audienz in

den kaiserlichen Palast. Sein Anliegen war die Vertretung des Grafen

Narses und des Gouverneurs Leukadius, die beide als Anhänger Gratians

verschiedener Anschläge wegen in kaiserlicher Ungnade waren. Dann

aber verwahrte er sich auch dagegen, daß die Gesandten zu einem

Gericht über Leben und Tod nach Spanien reisen sollten. Ja er wollte

die Ketzer geradezu freigesprochen wissen. Um Martin nicht vor den

Kopf zu stoßen, um aber auch nicht sei es die Bischöfe aufzubringen,

sei es, was wahrscheinlicher ist, auf die eingezogenen Güter zu

verzichten, da er bei dem unabsehbaren Bürgerkriege Geld brauchte und

der Staatsschatz erschöpft war, ließ Maximus die Sache zwei Tage in

der Schwebe. Während dieser Zeit vermied Martin jede Gemeinschaft mit

den Bischöfen. Nur ein einziger von ihnen hatte öffentlich gegen den

Beschluß Verwahrung eingelegt, und wenn nun Martins Ansehen Theognit

unterstützte, so konnte alles umsonst sein. Sie machten dem Kaiser

Vorstellungen, Martin werfe sich geradezu zum Bluträcher Priscillians

auf, was nütze dann die Hinrichtung. Sie brachten den Fürsten herum:

Ithacius erhielt ein Vertrauensvotum von der Synode, und als Martin das

nicht zu kümmern schien, lehnte der Kaiser ab, ihn weiter zu hören.

Und da entschloß sich nun Martin, nicht aus Mangel an persönlichem

Mut, sondern aus Furcht vor den Folgen zu dem Zugeständnis, er werde

die Gemeinschaft mit den Bischöfen aufnehmen, falls die Abordnung

nach Spanien zurückgezogen würde. Noch in derselben Nacht erlangte

er vom Kaiser diesen Vergleich ohne Aufschub und erschien am andern

Morgen bei der Weihe des Felix von Trier in den Reihen der Synodalen.

Nur gab er seine Zustimmung auch jetzt nicht schriftlich und reiste

am folgenden Tage ab. Das Bewußtsein durch seine Nachgiebigkeit den

spanischen Sektierern das Leben gerettet zu haben, vermochte ihn nicht

über seine Gewissensbisse hinwegzutrösten, daß er schwach gewesen und

seiner Ueberzeugung entgegengehandelt habe. Auch zu Hause verbitterte

ihm die klerikale Partei das Leben[023-a]. Sein empfindlichster Gegner

war Briccius. Bei Severus erscheint er als ein bis zum Wahnsinn

zanksüchtiger und nichts als Ränke spinnender Mensch. Martin habe

keinen anderen Trost gehabt als: »Wenn Christus sich Judas gefallen

ließ, so kann ich mir auch Briktion gefallen lassen«.

Für seinen eigentlichen Beruf hielt Martin indessen nach wie vor die

Bekehrung des Landvolkes vom Heidentum[024-a]. Obschon Severus gerade

in diesem Stück schon in der ersten Schrift sehr ausführlich gewesen

war, erzählt er nun noch die Zerstörung des Heidentempels in Amboise,

zu der Martin durch sein unablässiges Zureden endlich den handfesten

Pfarrer von Ambiakum bewegen konnte, nachdem dessen Meinung erst dahin

gelautet hatte, kaum mit einem Zug Soldaten und auf dem Wege einer

massenhaften Anstrengung könnte ein solches Nest ausgehoben werden,

geschweige denn durch Dummköpfe von Klerikern oder Schwächlinge von

Mönchen. Daran schließt sich der Bericht an eine andere ähnliche That,

aber ohne lokale Präzisierung und auch als Vorgang ganz ins Fabelhafte

aufgelöst[024-b]. Auf dem Wege nach Chartres bekehrte Martin sodann ein

ganzes heidnisches Dorf, das noch keinen einzigen christlichen Bewohner

zählte, auf einen Schlag und machte alle Anwesenden auf offenem Felde

durch Handauflegung zu Katechumenen[024-c]. Das Wunder, wodurch er

dies zu stande brachte, war eine Totenerweckung, eine dritte zu den

beiden früher berichteten: Beweis, daß er auch als Bischof noch zu den

höchsten mirakulösen Kraftleistungen fähig gewesen sei. Es war ein

Knabe, dem er nun vom Tode half; doch ist die Behandlung des leblosen

Körpers diesmal nicht näher beschrieben. Von Krankenheilungen[024-d]

stehen die Genesung des Evanthius, Severs Onkel, und die Errettung

eines vom Schlangenbiß gefährdeten Knaben im Vordergrunde. In Chartres

heilte er ein zwölfjähriges Mädchen[024-e], das nicht sprechen konnte,

in Gegenwart zweier Bischöfe und des Vaters, durch geweihtes Oel,

indem er den Anfang des Exorcismus darüber sprach und darauf die Zunge

mit dem Erfolg bestrich, daß das Mädchen auf die Frage, wie es heiße,

nun seinen Namen sagen konnte. Von Martin geweihtes Oel besitzt dann

aber auch fern von ihm wunderbare Eigenschaften, deren volkstümlichste

darin besteht, daß es selber unerschöpflich und das enthaltende Gefäß

unzerbrechlich ist[024-f]. Die frommen Schwestern von Clion zwischen

Tours und Bourges plündern den Strohsack in der Sakristei, als der

Heilige auf der Durchreise eine Nacht daselbst zugebracht hatte, und

benützen die Halme als Amulete, um sie namentlich Besessenen auf

den Nacken zu binden[024-g]. Die Berührung seines Gewandes heilte

— »nach dem Beispiel jenes Weibes im Evangelium« — eine Frau vom

Blutfluß[024-h]. Im Namen Martins thaten Andere Wunder[024-i]. Auch

einige Andeutungen über Martins persönliche Verfassung beim Wunderthun

werden uns nicht vorenthalten: es gab Fälle, wo der Heilige spürte, er

sei den an ihn gestellten Anforderungen nicht gewachsen[025-a]. Nach

seinem nachgiebigen Verhalten in Trier ließ er es sich nicht nehmen,

obschon der Erfolg ihm später unrecht gab, seine Wunderkraft habe sich

stark verringert. Als er auf jener Rückreise in Sandweiler Station

machte, drückte ihn dieses Gefühl der Ohnmacht im Wunderthun stark

nieder. Und als die ganze Familie des Lycontius an den Blattern krank

lag, brauchte er sieben Tage und sieben Nächte, bis er sie freigebetet

hatte[025-b].

Ueber Martins Beziehungen zu den hohen weltlichen Würdenträgern

sind die Dialogen ausführlicher als ihr Vorläufer, und wissen von

allerlei Verkehr. Der Gouverneur Vincentius wollte auf der Durchreise

durch Tours von Martin im Kloster empfangen sein und wiederholte

dieses Gesuch mehrere Male, zumal ja auch Ambrosius von Mailand hohe

Beamte gelegentlich bei sich zu Gast lud. Martin fühlte sich dazu

nicht verpflichtet[025-c]. Dagegen hatte er es darauf abgesehen, den

berüchtigten Raubgrafen Avitanus zu zähmen[025-d]: es stellte sich

ein förmlicher Wettkampf zwischen den beiden Gewaltmenschen, dem

heiligen und dem sündhaften ein, der auch in Offizierskreisen mit hohem

Interesse verfolgt wurde. Martin suchte den wilden Gesellen, sobald er

sich vor Tours blicken ließ, mehrmals, sogar mitten in der Nacht in

seinem Lager auf und hatte denn auch bald heraus, daß das wüste Wesen

von einem häßlichen schwarzen Teufel herrührte, der dem Avitanus im

Nacken saß und ihn auftrieb. Martin beschwor ihn: von Stund an war

Avitanus etwas milder gestimmt. Ueberhaupt betrug er sich in Martins

Nähe stets manierlicher; während er sonst das reine Tier war und ganz

entsetzlich zu hausen pflegte, hatte Tours nicht von ihm zu leiden.

Allerdings stand seine Gattin mit Martin im Einvernehmen. Anderer Art

war Martins Beziehung zu Ausspizius, dem Präfekten der Gegend von

Sens[025-e]. Diese wurde Jahr für Jahr von Hagelschlag heimgesucht, der

die ganze Ernte zu nichte machte; nicht nur die Bauern, auch Ausspizius

selbst, der Ländereien besaß und daher die Einbuße schwer empfand,

sandten an Martin. Wie sehr der durch ihn veranstaltete Bittgang

wirkte, zeigt die Thatsache, daß während der zwanzig Jahre, die Martin

noch lebte, kein Hagelwetter mehr niederging, sobald er jedoch nicht

mehr da war, das Jahr nach seinem Tode, die Landplage wieder begann.

Während ferner im Martinsleben nur vom Verhältnis zu Kaiser Maximus

die Rede ist, berichten die Dialogen auch von einem solchen zu Kaiser

Valentinian[025-f], insofern lange Zeit einem vergeblichen, als Martin

in Trier erst gar nicht die nachgesuchte Audienz erlangen konnte;

das Geschichtchen, daß er schließlich unter fabelhaften Umständen

doch sich Einlaß verschafft habe, klingt allerdings unglaublich;

möglich ist seine Zulassung immerhin, und daß sich Valentinian dann

über Erwarten freundlich gezeigt hat. Der jedenfalls nicht geringe

Widerstand lag in dem arianischen Bekenntnis des Kaisers und der hierin

noch entschlosseneren Kaiserin. Genau der umgekehrte Fall lag aber

vor gegenüber Maximus, der sich in die Freundschaft zu dem Heiligen

mit seiner Frau zu teilen hatte[026-a]. Diese wurde den heiligen und

rechtgläubigen Mann nicht müde und überbot sich in seiner Verehrung.

Sie wollte Tag und Nacht um ihn sein; ohne alle Rücksicht auf ihren

kaiserlichen Stand war sie nicht vom Boden wegzubringen; immer aufs

neue umschlang sie Martins Füße. Aber die Rolle der Maria genügte ihr

nicht; sie wollte auch Martha sein und ließ dem Bischof keine Ruhe,

ehe er ihr erlaubte, ihn zu bewirten. Eigenhändig bereitete sie das

Mahl, richtete das Ruhebett, deckte den Tisch, brachte das Waschbecken,

bediente ihn mit Speisen, die sie selber gekocht hatte und so lang er

am Tisch saß, hielt sie sich bescheiden hinten im Zimmer, genau wie

eine Magd. Sie schenkte ein und kredenzte den Trank. Nach beendeter

Mahlzeit fand sie ihren Lohn in den Brosamen, die sie den Leckerbissen

der kaiserlichen Tafel vorzog. Das alles ließ Martin, der nie ein

Weib in seiner Nähe duldete, nur ungern mit sich geschehen; er ist

wahrscheinlich von seiner Strenge nur darum abgewichen, weil er dadurch

weitgehende Begnadigungen für Verurteilte erwirken konnte.

Schließlich bringen die Dialogen auch neue Belege zu Martins Verkehr

mit der Geisterwelt. Es war dies sein persönlichster Besitz, sein

innerstes Geheimnis. Er gestand diese Dinge seinem Lieblingsschüler

auf Befragen, denn es gab nichts, was Severus ihm nicht entlocken

konnte[026-b]. Als dieser darüber zu berichten beginnt, meint er,

allerdings müsse er nun der Gläubigkeit viel zumuten. Aber, bei

Christo, er lüge nicht, und wer denn so frivol sei, Martin Lügen zu

zeihen. Als einmal in der Zelle des Heiligen ein Getöse losging und

Severus sich nach der Ursache erkundigte, erzählte Martin, soeben seien

die heilige Agnes, die heilige Thekla und die Mutter Gottes bei ihm

zu Besuch gewesen. Er konnte jede beschreiben wie sie aussah, wie sie

angezogen war. Er erklärte, solche Gäste öfters zu haben, auch Sankt

Peter und Sankt Paul kämen wohl zu ihm. Die Engel waren seine Freunde.

Als er zu seinem Bedauern einer Synode von Nimes nicht beiwohnen

konnte, hat ihn ein Engel über die Verhandlungen unterrichtet, sodaß

er alles schon wußte, als es ihm seine heimkehrenden Freunde erzählen

wollten. Unter den bösen Geistern kannte er sich ebenfalls aus. Er

unterschied sie einzeln. Für den verderblichsten hielt er den Merkur,

Juppiter hieß er dumm und stumpfen Sinnes. Der alte, harte, trockene

Kriegsmann war also ein fertiger Visionär und in seiner ekstatischen

Welt so zu Hause, wie auf der harten Erde. So konnte er sich auch mit

einer altväterischen Theologie begnügen[027-a]. Als gelegentlich die

Rede auf die letzten Dinge kam, frischte er den verjährten Gedanken

wieder auf, erst müßten Nero und der Antichrist erscheinen, Nero

werde im Westen zehn Königreiche erobern, während der Antichrist vom

Morgenland Besitz ergreife mit Residenz in Jerusalem, wo er Stadt und

Tempel herstellen werde. Von ihm gehe dann die Verfolgung aus nebst dem

Zwang, die Gottheit Christi zu leugnen, vielmehr ihn den Antichristen

als Christus anzuerkennen und sich insgemein beschneiden zu lassen.

Zuletzt werde Nero vom Antichristen vertilgt werden und unter seiner

Herrschaft die ganze Welt noch einmal vereinigt sein, bis durch die

Wiederkunft Christi alsdann der Gottlose überwältigt werde. Auch stehe

es außer Zweifel, daß der Antichrist vom bösen Geist empfangen und

geboren sei und sich bereits in den Knabenjahren befinde, um dann bei

eingetretenem Mannesalter die Herrschaft anzutreten. Das war Martins

Ansicht kurz vor seinem Ende. Mochte sie auch aus der Mode sein, sie

war ihm doch eine Unterlage zu klarem, kraftvollem Handeln in diesen

Dingen. Schon als jungem Christen hatte ihm vor allen priesterlichen

Funktionen das Exorcieren am meisten zugesagt, und noch als Greis

verstand er sich am besten auf die Befreiung der Besessenen von den

Dämonen. Von seinem Umgang mit den Verrückten erhalten wir aus den

Dialogen einen ergreifenden, großartigen Eindruck[027-b]. Er trainierte

sich auf den Feind. Niemand durfte ihn dann anrühren, Niemand ihn dann

sprechen. Wie ein Tierbändiger den Käfig seiner Bestien betritt, um

sie zu zähmen, betrat er, in ein Fell gekleidet, Asche auf dem Haupt,

die Kirche, in der die Irren zusammengesperrt tobten und brüllten. Er

streckte sich mitten unter ihnen zum Gebet auf den Boden aus. Die einen

suchten ihn durch unzüchtige Haltung von sich abzuschrecken, die andern

stürzten um so unterwürfiger auf ihn zu und stellten sich ihm ungefragt

als Juppiter oder Merkur vor. Und mitten in diesem entsetzlichen Jammer

bethätigte er seine Heilkunst Leibes und der Seele. Severus durfte

sagen, Martin habe jenes Wort des Neuen Testamentes wahrgemacht, das

den Heiligen Herrschaft über die Geister verheiße[027-c].

4.

Dies sind die Mitteilungen des Sulpizius Severus über Martin von

Tours. Als maßgebend für die Beurteilung seiner Leistung liegt die

Erkenntnis vor uns da: Severus hat nicht ~ein~ Lebensbild von Martin

hinterlassen, sondern zwei, jedes in seiner Art selbständig abgerundet,

obgleich das zweite ein erstes voraussetzt. Schriftstellerisch

gemessen ist das eine Unvollkommenheit, kein Vorzug. Gerade weil

Severus maßhalten wollte und damit bewies, daß ihm an Oekonomie liege,

war es ihm unmöglich, des Stoffes in einem einzigen Wurfe Herr zu

werden. Er sammelte die Brosamen, die von der allzu reichbesetzten

Tafel fielen, und siehe, sie reichten aus zu einer zweiten Mahlzeit.

Wer weiß, wie viel schwerer es ist, einen Gegenstand, an dem das

Herz hängt, nachbildend zu gestalten, als einen persönlich fremden

und gleichgiltigen, wird die litterarhistorische Merkwürdigkeit des

Doppelportraits hinreichend erklärt finden aus dem überwältigenden

Eindruck, den Martin seinen Anhängern hinterlassen hatte. Damit hängt

zusammen, was über die Geschichtlichkeit von Severus’ Angaben zu sagen

ist. Von der Glaubwürdigkeit der erzählten Wunder ist abzusehen. Das

nackte Ja oder Nein der Möglichkeit oder Unmöglichkeit verkürzt das

Verständnis der großen Wichtigkeit, die das vom Heiligen berichtete

Wunder, ob geschehen, ob nicht geschehen, ob anders geschehen in

jedem Fall für die Heiligenforschung hat. Lassen wir auch diese

Frage hier auf sich beruhen, die Geschichtlichkeit der Berichte

Severs über Martin hat immer noch ihre Schranke. Einmal kommt Severs

Parteilichkeit gegenüber der damals in Gallien vorhandenen starken

Spannung zwischen Klerus und Mönchtum, besonders in den Dialogen, zu

unverhohlenem Ausdruck. Heilige Tendenz ist die Seele seines ganzen

Unternehmens: Galliens größter Gottesmann soll auch litterarisch in den

Himmel erhoben werden. Oefters wird Martin neben Christus gehalten,

und nicht weniger oft der gallische Weltklerus mit den Pharisäern

auf gleiche Linie gestellt[028-a]. Die Schriften Severs über Martin

waren Streitschriften; sie sollten mit für das Mönchtum in Gallien

Bahn brechen. Gewissermaßen eine Folge davon ist auch die einseitige

Darstellung des Priscillianistenstreites bei Sever, obwohl er sich

hier nicht zu maßlosen Ausfällen hinreißen läßt. Diese Befangenheit

zu Gunsten der Mönche und Sektierer ist indes begreiflicher, als ein

anderer empfindlicher Mangel in Severs Martinsschriften, zumal er nun

nicht dem Menschen, sondern ausschließlich dem Schriftsteller aufs

Konto zu setzen ist: die chronologische Nachlässigkeit, die er sich in

der Vita zu schulden kommen ließ und in den Dialogen nicht gut gemacht

hat. Man muß sich füglich wundern, daß der Verfasser einer Weltchronik

über dem charakteristischen Detail es so völlig vergaß, die Gestalt

seines Helden in den zeitgeschichtlichen Rahmen hineinzustellen. Kein

einziges Datum als solches findet sich vor. Bekannte zeitgenössische

Namen und Ereignisse, an denen man sich zur Not orientieren kann,

sind so sorglos gelegentlich mit einbezogen, daß sie teilweise nur

noch Verwirrung stiften, statt unsere Unsicherheit zu heben[029-1].

Die wenigen eigentlichen Zeitbestimmungen sind entweder persönlicher

oder innerbiographischer Natur[029-a]: es sei ein Jahr her, daß

Martin ihnen das erzählt habe; oder noch sechszehn Jahre nach der

Anwesenheit in Trier und dem Zwischenfall mit Maximus habe Martin

gelebt; eine wenn auch nur indirekte annalistische Festsetzung des

Datums findet sich nirgends. Auf diesen bei einem so trefflichen

Chronisten wie Severus doppelt befremdlichen Umstand wirft nun aber

die Thatsache ein unmißverständliches Licht, daß Martin in Severus

Chronik nirgends vorkommt. Am Schluß des zweiten Buches wäre doch

Gelegenheit genug gewesen, Martin in die zeitgenössischen Ereignisse

hineinzustellen, sogut als Hilarius von Poitiers, der auf diese Weise

seine chronologische Unterlage erhielt[029-b]. Aber das war es ja

eben: Martin stand nun einmal für Severus außerhalb der Zeit in einer

höheren Welt einsam da. Der Meister wirkte zu gewaltig, als daß er

geschichtlich assimilierbar gewesen wäre. Eine organische Verbindung

wollte sich nicht einstellen. Der bewundernde Zeitgenosse stand zu

dicht vor der Riesengestalt und sah, sobald er nur den Blick auf

Martin richtete, eben dann auch weiter nichts mehr als Martin. Seine

Befangenheit erklärt sich aus seinem Enthusiasmus[029-c]: »Ich hörte

seiner Zeit vom Glauben, vom Leben, von den Tugenden Martins; ich hörte

alles, da brannte mein Herz; es trieb mich hin zu ihm. So unternahm ich

die Reise, ich kann sagen die Lustreise, bis ich ihn sah. Und weil ich

mich schon damals getrieben fühlte, sein Leben zu schreiben, forschte

ich bei ihm selbst, soweit mir da eine Frage freistand. Er erschöpfte

sich in freundlichen und freudigen Ausdrücken und in Versicherungen,

wie er Gott danke, daß man so große Stücke von ihm halte und um

seinetwillen so weit hergereist komme. Hat er nicht, kaum wag ichs zu

gestehen, mich, lieber Gott mich, an seine heilige Tafel gezogen, ja

mir selber abends die Füße gewaschen. Ich brachte es nicht übers Herz,

mich zu sträuben oder auch nur im geringsten zu widerstreben. Seine

Erscheinung hatte etwas so überwältigendes für mich; ein Verbrechen

wäre es gewesen, nicht still zu halten«. Diese große Persönlichkeit

schriftstellerisch festzuhalten, daran lag Severus alles. Aber ebenso

sicher wollte er lieber schweigen, als auch nur eine einzige Unwahrheit

sagen, eigene Anschauung und sichere Information seien die Grundlage

für ihn gewesen[029-d]: »Ich habe natürlich nicht alles in Erfahrung

bringen können. Ueberall da, wo nur er der Wissende war, giebt es

keine Mitwissenden. Da es ihm nie um das Lob der Menschen zu thun

war, liebte er es, von seinen Thaten möglichst wenig zu verlauten«.

»Ich kann bei meinem gewissen versichern, nur die volle reine Wahrheit

gesprochen zu haben. Den von Gott bestimmten und erhofften Preis wird

empfangen nicht wer da liest, sondern wer da glaubt«. Innerhalb seiner

begreiflichen Befangenheit war Severus somit gewissenhaft und, alles

in allem erwogen, vielleicht der beste Schilderer Martins, der damals

möglich war. Jedenfalls ist es ihm gelungen, Martins Andenken wirksam

aus die Nachwelt weiterzuleiten.

5.

Freilich giebt auch der Heilige selbst, so imposant er ist, Anlaß

zu Vorbehalten. Es war ein großer, aber ein durchaus einseitiger

Mensch. Neben seiner Milde und seinem weichen Herzen blieb für Enge

und Starrheit immer noch Raum. Gewiß, es bedurfte ihrer, um in

Gallien das durchzusetzen, was er im Auge hatte. Aber neben seinen

Freunden Ambrosius und Hilarius, denen es doch an Festigkeit des

Charakters auch nicht gebrach, fällt er durch seine ausschließlich

praktische Bethätigung der Religion doch auf. Schriftliches hat er

nicht hinterlassen; der von ihm erwähnte Brief[030-a] mag eine Rarität

gewesen sein. Auch als Bischof fühlte er sich nicht berufen, an der

theologischen Gedankenarbeit seiner Zeit teilzunehmen. Es war ihm

durchaus wohl bei den dunkelmännischen Ansichten über das Weltende,

die in den Zeiten der Märtyrerkirche lebendig gewesen waren, die

dann zu Anfang des vierten Jahrhunderts Viktorinus von Pettau zum

letzten Mal vertrat, die aber zu Martins Zeiten nach dem einstimmigen

Urteil von Autoritäten wie Hieronymus und Augustin als falsch kurzer

Hand beseitigt wurden[030-1]. Auch sein Hirtenamt hat er vorwiegend

mönchischen Idealen unterstellt und ist damit zweifelsohne manchem

Bedürfnis seiner Gemeinde nicht gerecht geworden. Die Hoheit seiner

Demut steigerte sich bis an die Grenze des Gegenteils: er war ein

Aristokrat der Bettler und Asketen. Und gar, daß in der Nähe des

Weibes auch der Teufel nie weit sei, war für ihn ein Grundsatz, von

dem er nicht abging. Für die rührende Gattenliebe, die es jenem alten

Soldaten unmöglich machte, ohne seine Frau Gott zu dienen, hatte er

vielleicht Verständnis, aber keine Duldung. Wer dagegen unbedenklich

Familie und Welt dahinten ließ, war unter allen Umständen sein Mann.

Wahrscheinlich bildeten seine Anhänger unter den Christen Galliens die

Minderheit. Vielen blieb er sonderbar und unverständlich; andern war

er eine komische Figur. Zwar sagt Severus[030-b]: »Seiner Widersacher

waren glücklicherweise nur wenige; aber leider durchgehend Bischöfe,

sonst Niemand. Es braucht kein Name genannt zu werden. Was hilfts aber,

da Andere um uns her es ausschreien, daß die Ohren gällen«. Aber die

Wahl seines Nachfolgers enthält doch einen bedeutsamen Fingerzeig; die

Gemeinde von Tours berief seinen erklärten Feind Briccius zu ihrem

Bischof. Man wollte bei aller Verehrung für Martin nicht schon wieder

einen ›Heiligen‹ an der Spitze der kirchlichen Angelegenheiten.

Nichts desto weniger stand alt Frankreichs Kirche in Martins mächtigem

Bann und Schatten jahrhundertelang. Nur eine schon bei Lebzeiten

riesenstarke Natur konnte mit einem solchen Einfluß durchhalten. Das

Geheimnis dieser persönlichen Kraft beruht in der eigentümlichen

Wechselwirkung zweier sich entgegenstehender Pole, sozusagen einem

Tagpol und einem Nachtpol. Der eine Herd seiner Erfolge war sein

kräftiger, volkstümlich gesunder Erdinstinkt, ein frischer, energischer

Trieb, Hand anzulegen und Greifbares zu schaffen. Was er als

Mönchsvater, als Heidenmissionar und als Arzt ausgerichtet hat, quillt

alles aus diesem freudigen Verlangen nach Arbeit und Wirksamkeit.

Die Einrichtung und Leitung von Marmoutiers bei einer Zahl von gegen

hundert Mitgliedern läßt auf ein hervorragendes organisatorisches

Talent schließen, zumal es in so früher Zeit in Gallien erst nur sehr

wenige Klöster gab, die man zum Muster nehmen konnte und wohl kaum

eines, das solche Dimensionen aufwies. Ueber gehandhabte Zucht und

erforderlichen Wandel verlautet allerlei, das die lockere Anlage eines

Asketenvereins überbietend schon auf die ganze Strenge einer späteren

Klosterregel hindeutet. Gründung und Einrichtung des einen Klosters

war ja aber das geringste. Vor Martin, schreibt Severus[031-a], hatte

nur eine kleine Anzahl oder im Grunde fast Niemand hier den Namen

Christi angenommen. Einzig seiner Wirksamkeit, seinem Beispiel ist es

zu danken, daß bald kein Ort mehr war, wo sich nicht in Hülle und Fülle

Kirchen und Klöster erhoben. Deutlich zeigt sich Martins gewaltiger

Wille in seiner Bekämpfung heidnischen Götzendienstes. Da setzte er

immer aufs neue sein Leben ein. Er trat als Aufklärer auf, der Licht

brachte und der überall durch die Ueberlegenheit seines Auftretens

durchschlug. Staunenswert war aber seine Suggestionskraft gar gegenüber

Kranken, die bei ihm Heilung suchten: zwei der frappantesten Fälle

mögen hier mit Severus eigenen Worten unverändert folgen; zunächst das

stumme und gelähmte Mädchen in Trier[031-b]: »Martin sah die Kranke

und griff alsbald zu den ihm vertrauten Waffen gegen das Uebel; er

warf sich zur Erde auf sein Angesicht und betete. Dann betrachtete

er die Kranke und verlangte Oel. Nun segnete er das ihm dargereichte

Oel und träufelte von der geheiligten Flüssigkeit in den Mund des

Mädchens. Augenblicklich kehrte der Gebrauch der Zunge, die Sprache

wieder. Und so belebte er durch seine Berührung der Reihe nach die

einzelnen Glieder, bis die Genesene festen Fußes sich erhob und vor den

Augen der staunenden Volksmenge erschien«. Einen Besessenen, der alle

ihm Begegnenden anfiel und biß, heilte er in folgender Weise[032-a]:

»er trat vor den Wütenden und befahl ihm ruhig zu sein. Der Besessene

fletschte die Zähne, und sein geöffneter Mund schien beißen zu wollen.

Als aber Martin ihm seine Finger in den Mund steckte und dazu sprach:

Wenn du Macht hast, so verschlinge sie — da floh der Besessene davor

zurück wie vor einem glühenden Eisen, um nicht in Berührung mit ihnen

zu kommen. So wurde der böse Geist ohne Aufschub gezwungen, den Körper,

dessen er sich bemächtigt hatte, zu verlassen, da ihm seine Qualen

zu bleiben nicht gestatteten. Es floh der Satan zwar nicht durch den

Mund, in dem ja die Finger des Heiligen staken, sondern durch einen

andern, des unreinen Geistes vollkommen würdigen Ausgang aus dem

Leibe des Besessenen, nicht ohne ekelhafte Spuren seines Entweichens

zurückzulassen«. Aber Suggestion war nicht die einzige Form, in der

Martin in seiner Wirksamkeit als Volksarzt den Krankheiten zu steuern

suchte; vielmehr griff er gelegentlich auch chirurgisch ein[032-b]:

»Paulinus wurde von einer Augenkrankheit befallen. In einem Auge

hatte schon eine dichte Wolke die Pupille bedeckt; da kam er zu

Martin. Dieser berührte ihm den Augapfel mit dem Wattebausch: der

Schmerz ließ nach; die Sehkraft kehrte wieder«. Es kann somit kein

Zweifel bestehen, das Geheimnis von Martins Erfolgen beruht auf seiner

eminent praktischen Natur, auf seinem rastlosen und unermüdlichen

Zugreifen, auf seiner Hilfsbereitschaft gegenüber den hundert Anliegen

und Bedürfnissen der Stunde. Innerhalb seiner durch sein Mönchtum

ihm gesteckten, allerdings nicht unbeträchtlichen Schranken war er

grenzenlos vielseitig und versagte vor sogut wie keiner Anforderung.

Mit Leib und Seele Mönch hatte er nun aber seinem eigentlichen Wesen

nach nicht im Diesseits Posto gefaßt. Seine Heimat war das Jenseits;

dort holte er seine Kräfte. Auch ist Martin ein so einheitlich

geschlossener und runder Charakter, daß seine transcendentalen

Gewohnheiten nicht unvermittelte Seitensprünge, sondern natürliche

Ergänzungen zu seinem Tagewerk bilden müssen. Schon seine Zeitgenossen

merkten den Unterschied seines ›Bete und Arbeite‹ von der apathischen

Kontemplation der orientalischen Mönche. Er entfaltete keine Schwingen,

um sich in ein seliges Wolkenheim zu erheben; solche Flüge pflegen

Enttäuschung und Abspannung gegenüber der Erde zur Folge zu haben,

und diese Erschlaffung kannte Martin nicht. Vielmehr senkte sich

die höhere Weltschicht für ihn zur harten Wirklichkeit nieder,

vermengte sich mit ihr, ging in sie über, weshalb Martin, ohne seine

seelische Verfassung anders einzustellen, nur allein im Zufall des

täglichen Wandels bald auf der Erde der Menschen und bald sozusagen

auf einer Erde der Geister sich befand. Die beiden Hemisphären dieser

seiner Doppelwelt lösten sich für ihn unversehens aneinander aus;

jetzt sprach er mit wem es war und im Handumdrehen mit Engel oder

Teufel. Selten sind Vorstellungen, die wir als illusorisch ansehen,

in solcher Verdichtung gesehen und geglaubt worden, wie von ihm. Der

Rarität halber mögen die wichtigsten Stellen hier in Severs Wortlaut

folgen[033-a]: »Es ist ausgemacht, daß ihm Engel öfters erschienen

und er selbst selige Gespräche mit ihnen führte.« Was den bösen

Geist betrifft, so war er für Martin sichtbar und er erkannte ihn

in seiner natürlichen Gestalt oder in seinen tausend Verkleidungen,

unter denen die Geister der Finsternis sich zu verhüllen pflegen. Er

erkannte ihn unter jeglichem Bilde. Aus Verdruß darüber, den Blicken

des Heiligen nicht entgehen zu können, noch ihn in seine Schlinge

zu bekommen, rächte sich oft der Teufel, indem er ihm einen Streich

nach dem andern spielte. Eines Tages, als der Heilige in seiner

Zelle betete, erschien ihm der Böse, um und um in hellstrahlendes

Purpurlicht gehüllt, um durch den Glanz die Täuschung zu vollenden,

am Leibe ein Königsgewand, ein Diadem von Gold und Edelsteinen auf

dem Haupte und an den Füßen golddurchwirkte Schuhe. Sein Antlitz

war gewinnend, die Züge lauter Liebe, die Lippen lauter Lob; nichts

verriet den Satan. Martin war auf den ersten Anblick ganz betroffen.

Kein Wort, tiefes Stillschweigen auf beiden Seiten. »Martin, kennst

du den, der vor deinen Augen ist?« redete endlich der Satan ihn an.

»Ich bin Christus; ich wollte, bevor ich auf die Welt niederstieg,

mich dir zeigen«. Martin antwortete nichts. Der Teufel verstieg sich

ein anderes Mal zu seiner unverschämten Behauptung: »Martin! Wie! Du

schwankst zu glauben, was du siehst? Ich bin Christus«. In diesem

Augenblick offenbarte aber der heilige Geist die Wahrheit und ließ

Martin erkennen, daß unter dieser Hülle der böse Geist sich verberge.

»Der Herr Jesus«, sagte er, »hat nicht gesagt, daß er in Purpur mit

einer glänzenden Krone wieder erscheinen werde; wenn ich Christus

nicht in der Gestalt und dem Aeußern, in dem er gelitten hat, sehe,

wenn ich seine Wundmale nicht schaue, so glaube ich nicht, daß er

es ist«. Auf diese Worte hin verschwand das Gespenst, und ein Rauch

erfüllte plötzlich die Zelle mit einer Pestluft, die deutlich genug

den bösen Geist erkennen ließ. Diese Begebenheit, die wir soeben

erzählten, hörte der Schreiber dieser Zeilen aus des Heiligen eigenem

Munde; nehme sich daher Niemand heraus sie für eine Fabel anzusehen.

Nichts gewährt besser einen Einblick in den grobkörnigen Realismus von

Martins Glaubenswelt, als dieser sein Umgang mit dem Teufel: da zeigt

sie sich in ihrer ihm eigentümlichen Beschränkung. Das begriffliche

Element ist ziemlich vollständig eliminiert zugunsten des visionären;

alle theologischen Werte sind gewissermaßen umgebogen in theooptische.

Das große augustinische Problem von Sünde und Gnade findet bei Martin

eine Analogie, die beinahe humoristisch anmutet: der Syllogismus vom

_Posse non peccare_ zum _Non posse peccare_ entspricht bei Martin einer

ganz anderen Gleichung; ebenso unphilosophisch als gemeinverständlich

hieß es für ihn: die Welt ist des Teufels, daher die Sünde in ihr;

man bekehre den Teufel, so hört die Ursache der Sünde auf, die Welt

wird Gottes. Das ist freilich eine Logik sehr auf eigene Faust, nicht

eben stichhaltig gegenüber Gründen, aber umso handfester, um im Leben

etwas auszurichten. Daß ein solcher Glaube Martins innerstem Wesen

zu Grunde lag, zeigen wieder Severs eigene Worte am unmittelbarsten:

»Man hörte oft Anklagen und Vorwürfe, die die Schaar der bösen

Geister dem Heiligen in den verschiedensten Tönen machte; aber der

Heilige wußte, daß sie logen, und ließ sich durch diese Vorwürfe

in keiner Weise rühren. Mehrere seiner Schüler versicherten, der

Teufel habe ihm eines Tages die bittersten Vorstellungen gemacht:

das Kloster gewähre einigen Menschen Unterkunft, die durch jede Art

von Verirrung die Taufgnade verloren und noch nach ihrer Bekehrung

Aufnahme gefunden hätten; zu gleicher Zeit enthüllte er die Fehler

eines jeden einzeln. Martin widerlegte diese Beschuldigungen: die

alten Sünden seien durch die Werke eines besseren Lebens ausgewischt

und durch die Barmherzigkeit Christi seien die Sünden denen verziehen,

die fortan nicht mehr sündigten. Der Teufel wollte widersprechen und

behauptete, die Schuldigen hätten keinen Anspruch auf Erbarmen. Da

aber, so erzählt man sich, rief Martin aus: ›Wenn du, Elender, einmal

aufhören wolltest, die Menschen zu versuchen und in dieser Stunde, da

der Tag des Gerichtes vor der Thüre steht, anfingest, deine Verbrechen

zu bereuen, so hätte ich Gottvertrauen genug, um durch meine Fürbitte

dir Christi Barmherzigkeit zu erlangen.‹ O du gütiger Himmel, was für

ein unerhörtes Vertrauen, so etwas zu versprechen, was nicht einmal

Christus selbst jemals versprochen hat!« Die ekstatischen Fähigkeiten

Martins äußern sich meistenteils als persönliche Auseinandersetzungen,

als eigene innere Seelenkämpfe. Doch fehlt die reine Sehergabe nicht

ganz[034-a]: er sagt dem Kaiser Maximus den Sieg über Valentinian, aber

auch dessen nach Jahresfrist erfolgenden Tod voraus. Sonst vermischen

sich seine telepathischen Eigenschaften gleich mit Visionen: das Wissen

um den Unfall eines Knechtes spielt sich drastisch als Teufelsvision

ab, während die Kenntnis der Verhandlungen auf dem Konzil von Nimes in

derselben Stunde ihm ebenfalls visionär vermittelt wird. Das bildlose

Aufblitzen einer Eingebung entsprach seiner Natur nicht.

Martin war Romane. Aber wie er sein ganzes Leben an der Nordgrenze

des Reiches verbrachte, so hielt er sich auch gegenüber dem geistigen

Besitz der versinkenden Antike am äußersten Rande. Seine Rusticität in

Dingen der Bildung, auch der theologischen, erlaubte ihm fast wieder

den Enthusiasmus des Urchristentums: bald ging die Welt unter, also

galt es für Christus noch zu wirken, was möglich war. So ist es ihm

gelungen, die christliche Religion, die bis dahin nur in den großen

gallischen Städten Gastrecht genoß, im Lande dauernd einzubürgern, und

das nur durch die riesige Energie, die ihn befähigte, der asketischen

Lebensweise in einem so rauhen Klima die Existenz zu sichern. Ohne

Mönche läßt sich die Christianisierung Galliens nur schwer vorstellen;

das Werk, so hart angefochten es war, bewies gerade den Feinden

gegenüber seine Ueberlegenheit; denn im fünften Jahrhundert verdankte

der gallische Klerus seine innere Vertiefung und äußere Geschlossenheit

doch zum guten Teil den Anregungen, die von mönchischen Metropoliten

auf ihn ausgingen. Und als dann die Franken kamen, war es nicht

am wenigsten der großartige Eindruck der als Klerus und Mönchtum

organisierten Kirche, der den Uebertritt Chlodowechs veranlaßte.

Martins Erdenleben hat im Verlauf der Jahrhunderte eine merkwürdige

Bestätigung erfahren, indem nichts so sehr als eben seine Wirksamkeit

das eigentümlich rohreligiöse, paganistische Wesen des merowingischen

Christentums vorgebildet, ja geradezu begründet und ermöglicht hat.

Martin ist der Standardheilige der Merowinger. Mit seinem kräftigen

Reduktionsinstinkt gegenüber den Geistesfinessen der alternden

Antike erscheint er als erste, unerläßliche Voraussetzung einer der

wichtigsten und schwierigsten geschichtlichen Entwickelungen aller

Zeiten: der Bekehrung der germanischen Welt zum römischen Christentum.

Zweites Kapitel.

Die Panegyriker.

Aus dem fünften Jahrhundert wissen wir vom litterarischen Betrieb in

der gallischen Kirche noch eben genug, um die Spuren von Heiligenleben

sicher festzustellen, wenn auch die Ueberlieferung, selbst im

günstigeren Falle, uns nicht mehr rein erhalten ist. Gegen das

Martinsleben des Severus gehalten, handelt es sich nun zwar nicht um

eine Nachahmung, wie es bei einer zeitlich unmittelbaren Fortsetzung

der Gattung anzunehmen wäre. Vielmehr begegnen wir hier einer neuen

Gattung von Heiligenleben, wo das keineswegs fehlende Moment der

Memorie indessen durch hinzutretende rhetorische Einflüsse eine gewisse

Veränderung erleidet.

1.

Severs Freund Paulin von Nola gedenkt in zweien seiner Briefe[036-a]

des gallischen Bischofs Viktricius von Rouen, der 417 gestorben

ist. Diese Briefe sind an jenen Bischof selbst gerichtet und bieten

im Gewande einer ihm dargebrachten Huldigung die Elemente zu einer

Beschreibung seines Lebens dar. In der That ist das so gespendete

Material, allerdings nach Jahrhunderten, noch zu einem Heiligenleben

verarbeitet worden[036-b]. Dies mag hier einleitungsweise erwähnt sein,

um zu zeigen, daß es mit biographischen Notizen nicht gethan, daß

vielmehr eine Form zum Begriff des Heiligenlebens unerläßlich ist.

In den gallischen Heiligenleben aus dem fünften Jahrhundert ist diese

Form nun nicht wie bei Sever, litterarischer, sondern rhetorischer

Natur. Es sind Reden, Lobreden, und da es sich um ein kirchliches

Gedächtnis handelt, Predigten. Solche liturgisch eingegliederte

Eulogien finden wir in einigen bedeutenderen gallischen Bischofsstädten

dann, wenn es einen verstorbenen städtischen Bischof kultisch zu

ehren gilt. Der Anlaß ist die erste Wiederkehr des Todestages, an

der sich dann der Nachfolger seiner Aufgabe entledigt. So hielt

Hilarius von Arles am ersten Jahrestage seines Vorgängers Honoratus

die Gedenkrede, indem er vor der Gemeinde ein Lebensbild des Heiligen

entwarf. Dieses Honoratusleben ist nun eine gehaltene Predigt und

hat durchaus oratorischen Charakter; doch sagt der Vortragende,

er werde sich kurz fassen, weil ja seinen Zuhörern der Mann, der

der Gemeinde so lange vorstand, noch lebendig im Gedächtnis sein

werde[036-c]: »Indessen, geliebte Brüder, kann ich das einzelne mehr

nur berühren, als erzählen, auch das, was anderen vielleicht bekannter

ist als euch. Und nun gar von der Zeit, seit er der eure war, muß

ich nur die Summe ziehen«. Dennoch versteht es Hilarius sich seiner

Aufgabe mit Wärme zu entledigen; es kommt ihm vom Herzen, weil seine

Verehrung für den Heimgegangenen aufrichtig ist, verdankt er ihm doch

seine Bekehrung[036-d]: »Ja, ja, die Fürbitte des Heiligen führt

die Abtrünnigen zurück, unterwirft die Hartnäckigen, gewinnt die

Aufständischen«. Bei allem Schwung des Ausdrucks ist doch unnatürlicher

Schwulst vermieden, und die Sprache bewegt sich noch im guten Latein.

Diese Vorzüge vermögen indes das sachliche Interesse nicht sehr

zu steigern, obschon der Gegenstand dessen doch auch nicht ganz

entbehrt[037-a]; denn Honoratus ist der Gründer des Klosters Lerinum.

Er wurde geboren in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts, als

Mitglied einer hochstehenden gallischen Adelsfamilie. Sein Vater war

Heide und wollte seinen Sohn zum Weltmann erziehen. Dieser aber ließ

sich taufen und neigte dem asketischen Leben zu. Diesen Hang bestärkte

eine Reise, die er in Begleitung seines Bruders Venantius nach dem

heiligen Lande unternahm. Unterwegs starb sein Bruder. Nach Italien

zurückgekehrt, hielt sich Honorat vorzugsweise in der Gesellschaft von

Bischöfen auf. Namentlich fesselte ihn Bischof Leontius von Frejus;

in seinen mönchischen Absichten konnte ihn freilich dieser Umgang

nicht irre machen, und so gründete er auf der Insel Lerinum einen

Asketenverein; an starkem Zuzug sollte es nicht fehlen. Honorat regelte

die Einrichtung des Klosters selber und ging mit dem guten Beispiel

voran. Er stand, trefflicher Briefsteller der er war, besonders mit

Bischof Eucherius in Korrespondenz. Unter denen, die er bekehrte, war

auch ein Verwandter, eben sein späterer Nachfolger Hilarius. Wider

Willen folgt Honorat einem Rufe als Bischof nach Arles. Sein Lebensende

war seiner würdig. Die Rede schließt mit einer Anrufung des Heiligen.

Ein schönes Beispiel eines solchen homiletischen Lebensbildes läge

uns vielleicht in dem Germanusleben des Constantin von Lyon vor.

Aber die Ueberlieferung ist unsicher. Doch lassen sich an eine auch

uns zugängliche ältere Fassung einige Beobachtungen anknüpfen. Der

Charakter einer Rede läßt sich nicht strikt nachweisen, wohl aber

die gottesdienstliche Bestimmung der Schrift, die nicht nur mit

einer Doxologie schließt, sondern auch nachweislich am Ende des

fünften Jahrhunderts in die gallikanische Liturgie als Einlage des

Germanusfestes Aufnahme fand. Sie ist im Lapidarstil des Tacitus

und Sallust gehalten und gibt Aufschlüsse zur Zeitgeschichte. Wir

sind im Stande, diese Mitteilungen einigermaßen zu kontrollieren.

Ueber die Mission des Germanus von Auxerre in Britannien haben

wir das gleichzeitige und vollständig glaubwürdige Zeugnis des

Prosper[037-b]. Dieser kennt jedoch weder den Bischof Lupus von Troyes

als Reisegefährten, noch eine zweite Reise des Germanus. Von beiden

Umständen weiß auch der ältere Text des Germanuslebens nichts[037-1].

Wieder eine andere Frage ist, ob ein ursprüngliches Germanusleben

wirklich den Priester Constantin von Lyon zum Verfasser hatte. Wenn

ja, so ist der Verlust des Originals um so mehr zu bedauern, als wir

hier ein neues Mal einen bedeutenden Menschen, wie Germanus, von einem

nicht unbegabten Schriftsteller beschrieben hätten. Der in der Auswahl

seiner Gesellschaft sehr wählerische Apollinaris Sidonius hielt auf

Constantin große Stücke und schreibt gelegentlich[038-a]: »Ich habe

acht Bücher Briefe für Constantin geschrieben, einen Mann von nicht

gewöhnlichen Anlagen und gesundem Urteil, der, ohne daß ich damit den

andern Schriftstellern unserer Tage zu nahe treten will, sie doch durch

die Fertigkeit treffenderen Ausdrucks in jeder Hinsicht aus dem Felde

schlägt.«

Auch jener Hilarius von Arles, der das Leben des Vorgängers schrieb,

hat selber einen alten Darsteller gefunden[038-b], immerhin nicht

seinen Nachfolger Ravennus und auch nicht Honoratus von Marseille,

sondern einen Unbekannten am Ende des fünften Jahrhunderts. Dieser

schildert vielleicht den Heiligen auf Grund eigener Bekanntschaft;

daß jedoch schriftliche Hinterlassenschaft, nämlich der Briefwechsel

zwischen Hilarius und Eucherius zur Kenntnis systematisch ausgebeutet

wird, rückt die Schrift bereits an die Grenze memorienhafter

Aufzeichnung und spielt in das Gebiet der Nachforschung hinüber.

Hilarius, der ein Mann war und energisch, wenn auch erfolglos die

Unabhängigkeit der gallischen Kirche von Rom verfocht, hätte einen

wirklichen Schüler von ihm auch soweit in seinem Bann gehabt, daß in

dem Lebensbilde die Parteigängerschaft zu Tage träte, während nun sein

Streit gegen Leo mit dem Gleichmut eines schon Fernerstehenden erzählt

ist und in der Mitteilung eines urkundlichen Beleges gipfelt. Auch

dieses Lebensbild schließt mit einem Lobe des Heiligen. Die Sprache

überwuchert von Pathos; Hilarius selbst war hierin feiner gewesen.

Ebenso schieben Ansätze zu eingeflochtenen Kunstreden, die Schrift

in die Nähe des Ennodius. So geringe Ausbeute auch unsere Umschau

nach Heiligenleben in Gallien und im fünften Jahrhundert ergeben hat,

sie läßt uns doch auf einen umfangreicheren Betrieb der geistlichen

Gedächtnisrede schließen, die indessen dann auf italienischem Boden

neue kräftigere Wurzeln schlug. Doch entkeimte auch sie der gallischen

Saat. Denn gestammt hat Ennodius aus Arles; er war seiner Heimat nach

Gallier.

2.

Ennodius war einer Tante zu lieb nach Pavia gezogen, hatte dann reich

geheiratet und sich schließlich mit der Uebernahme des Bistums Pavia

in Italien vollends naturalisiert. Im Jahre 502 bis 503 schrieb er das

Leben seines Vorgängers Epiphanius[038-1]. Es war eine Vorlage, die

reicher geschichtlicher Beziehungen nicht entbehrte.

Epiphanius war von Pavia[038-c]. Seine Eltern Maurus und Focaria

gehörten guten Familien an. Unter Bischof Crispinus trat er in den

Dienst der Kirche und erhielt, acht Jahre alt, das Amt eines Lektors.

Bald darauf erlernte er die Kurzschrift und wurde als Schreiber

verwendet; er hätte aber statt nachzuschreiben, damals ebensogut schon

selber diktieren können. Mit sechszehn Jahren war er reif, in allen

Dingen ein wahres Muster und überdies ein schöner Mensch. Seine Wangen

lachten, selbst wenn er traurig war; sein wohlgestalteter Mund empfahl

sein eindringliches Wort und wohin er sein Auge richtete, kündete sein

Blick die Heiterkeit seiner Seele. Eine Stirne wie aus Wachs und von

ätherischer Weiße. Eine Nase so wohlgebaut, daß kein Maler sie schöner

hätte erfinden können. Die Arme rund und voll, die Finger lang; es

machte auch dem Fremden Freude, aus dieser Hand etwas in Empfang zu

nehmen. Der hohe Wuchs deutete auf den künftigen Bischof. Sein Benehmen

war natürlich und ungekünstelt; seine Art zu reden, wo er vorzutragen

hatte, ansprechend, wo zu schmeicheln, gewählt, wo zu vermitteln,

schon damals fein berechnet, wo zurechtzuweisen, voll Nachdruck, wo

zu ermuntern, eindringlich, ohne sich jedoch etwas an seiner Feinheit

zu vergeben; die Stimme klang voll, männlich elegant, nicht bäurisch

derb, doch auch nicht schwach und gebrochen. Im achtzehnten Lebensjahre

wurde er im zweiten Range vor den Leviten dem Chor der Alten

zugeteilt[039-a]. Viele, doch nur Fremde, fragten erstaunt, welche

Vorzüge ihn dem reiferen Alter zuwiesen. Die ihn kannten, meinten,

diese Würde sei ihm zu spät verliehen worden. Nur zwei Jahre war er

Subdiakon. Er wurde Levite ohne sich je einen Wunsch darnach erlaubt zu

haben. Eine That von ihm aus jener Zeit mag hier erwähnt werden. Das

summische Feld heißt ein Distrikt am Po, wo der sich schlängelnde Strom

dem einen Anwohner schenkt, was er dem andern stiehlt, und der Gewinn

des einen der Schaden des andern Nachbarn ist. Ueber dieses Grundstück

führte ein gewisser Burko einen alten Prozeß mit der Geistlichkeit. Den

Hader zu schlichten, wurde der junge Mann hingeschickt. Im Verlauf der

Verhandlungen verlor Burko die Fassung und schlug den Heiligen blutig.

Da stürzte sich die Mutter des Thäters dazwischen. Aber Epiphanius

hatte sich auch ohnedies vollkommen in der Gewalt, suchte nach wie

vor zu begütigen und auch später, als alle Christen in Pavia Burkos

Tod verlangten und der Bischof weinte, war er der einzige, der ruhig

blieb. Und dabei war er so schüchtern, daß er Diakon geworden die erste

Zeit verlegen dem Blick der Leute auswich. Der Bischof vertraute ihm

das ganze Armenvermögen an, da er sehen wollte, wie er sich einmal als

sein Nachfolger anließe. Auch führte Epiphanius einen reinen Wandel;

daß er Mann sei, merkte er nur an seiner Arbeitskraft, daß er Fleisch

habe, nur bei dem Gedanken an seine einstige Auflösung. Und spielte

sinnliche Lust in seine Traumgebilde — »ich weiß das von ihm selbst« —

so sprang er sofort auf, wachte, fastete, und verbrachte lange Zeit in

aufrechter Stellung. Lesen bildete seine Erholung, die heilige Schrift

unterhielt ihn. Was er einmal durchgesehen, konnte er auswendig,

und so lebendig ging es ihm in Fleisch und Blut über, daß man unter

Umständen aus seiner Handlungsweise auf die Bibelstelle schließen

konnte, mit der er sich zuletzt beschäftigt hatte. Den Haushalt der

Kirche verwaltete er weder verschwenderisch noch knickerig. Er übte

sich schon damals auf das Amt eines Vermittlers ein. Denn wohin er

immer für eine Beisteuer an die Armen von seinem Bischof geschickt

wurde, verstand er sich vortrefflich aufs Bitten; mehr als einer meinte

nach einem solchen Besuch, es sei ihm ein Vorteil erwachsen, daß der

Bischof nicht in Person gekommen sei. Er wurde täglich beliebter,

und zwar gründete sich diese Liebe auf Urteil. Ohne daß man den

Bischof in den Himmel wünschte, konnte man doch seinen Nachfolger

kaum erwarten. Jener selbst fand bei der zunehmenden Altersschwäche

in Epiphanius seine einzige Stütze. Er war ihm Fuß, Hand und Auge.

Im Ganzen blieb Epiphanius acht Jahre Diakon. Auch hatte er in dem

damals sehr tüchtigen Clerus von Pavia Collegen, auf die er stolz sein

durfte: der Archidiakon Sylvester, ein Mann der alten Schule, und der

dem gallischen Adel entstammende Priester Bonosus. Vor seinem Ende

begab sich Bischof Crispinus noch einmal nach Mailand und legte dort

an maßgebendem Orte seine Empfehlung für den Nachfolger nieder, dann

kehrte er nach Pavia wie zu seinem Grabe zurück und starb in der That

bald darauf an der Gelbsucht. Sofort war man einig(040–b). Epiphanius

fühlte sich noch zu jung und wurde wider seinen Willen zur Weihe nach

Mailand geführt. Als er in der Bischofsmütze erschien, jubelten ihm

auch Auswärtige zu. Man beneidete das kleine Pavia um seinen Hirten,

während anderswo die Bischöfe sich im bloßen ~Namen~ »Metropoliten«

gefielen. Er begann seine Regierung damit, sein eigenes Leben aufs

strengste enthaltsam einzurichten. Er gewöhnte sich das Baden ab und

nahm unter dem Verzicht erst auf das Frühstück und dann auch auf das

Mittagessen täglich nur eine Mahlzeit zu sich, des Abends. Er drang

darauf, Hausmannskost zu haben, ohne ungewöhnlichen Gaumenreiz, zumal

er nur Kohl und Hülsenfrüchte aß. Wein trank er wenig und eigentlich

nur, nach dem Rezept des Apostels, gegen Magenschwäche. Er ging bei

jedem Wetter aus und war alle Zeit der Erste am Platze. Er der Bischof

ging den Lektoren voran und bestimmte den Gang der Vigilien. Vor dem

Altare stehend wohnte er jedem Gottesdienste bei, sodaß er mit dem

Dunst seiner Füße den Platz befeuchtete und schon von weitem kennbar

machte. In der Mußezeit beschäftigte er sich immer auch, um nachher auf

die wirkliche Arbeit besser gerüstet zu sein. Dabei wurde Epiphanius

zu hohen politischen Sendungen berufen. Der in Mailand residierende

Patricius Ricimer läßt sich von dem ligurischen Adel bestimmen,

den Epiphanius mit der Aussöhnung zwischen ihm und dem Kaiser zu

betrauen. Der Bischof begab sich zu diesem Zwecke nach Rom mit vollem

Erfolge[041-a]. Seine jüngere Schwester Honorata widmete sich ebenfalls

dem geistlichen Stande und wurde vom Bruder an eine besonders fromme

Nonne Luminosa gewiesen[041-b]. Nach Ricimers und Anthemius Tode folgte

Olybrius, auf ihn Glycerius und auf diesen Nepos. Zwischen ihm und

den Westgoten, die Eurich mit eiserner Faust beherrschte, brach Zwist

aus. Im achten Jahre seines Episkopats[041-c] wurde Epiphanius von

Nepos angegangen, einen Ausgleich zu Stande zu bringen. Die an sich

schon beträchtlichen Beschwerden der Reise nach Tolosa verdoppele er,

indem er bei jeder Station stehend die Psalmen und andere geistliche

Lesung vornahm und dann an einem schattigen Platze auf grünem Rasen

sich dem Gebete hingab. Auch diese Mission glückte, da er sowohl König

Eurich als dessen Minister Leo vollständig einzunehmen verstand.

Als er Tolosa wieder verließ, gab ihm die ganze Stadt das Geleite.

Auf dem Rückweg besuchte er die heiligen Stätten, die Medianen, die

Stöchaden und Lerinum, die flache Mutter der höchsten Berge. In Pavia

brach dann die Revolution aus, weil Odoaker die Hand nach der Krone

ausstreckte[041-d]. Orestes hatte sich im Vertrauen auf ihre Festigkeit

in diese Stadt zurückgezogen. Beide Kirchen gehen in Flammen auf,

die ganze Stadt brennt. Der Bischof konnte seiner Schwester, die

gefangen wurde, das Leben retten und verwandte sich ebenso für viele

andere, namentlich für Hausfrauen. Unter seiner Autorität erhob sich

die Stadt wieder, und als Orestes bei Piacenza gefallen war, stand

Odoaker nicht an, dem Bischof besondere Ehren zu erweisen. Rüstig

ging dieser ans Werk, die Gotteshäuser wieder aufzubauen; auch ohne

Geld: es sei doch schwer denkbar, daß einem Menschen Ueberfluß zu Teil

werde, der ein Bettler von Gemüt sei. So brachte er die Summe zusammen.

Nun stürzte aber beim Bau die Säulenwand der einen Kirche ein; um so

entschlossener ging Epiphanius wieder ans Werk. Seinem Gebete ist es

auch beizumessen, daß der Einsturz der Kuppel mit samt dem Gerüst

keinem der Bauleute auch nur einen Beinbruch zuzog. So wurden unter

seiner Leitung erst die kleinere und dann die größere Kirche wieder

aufgebaut. Auch für die politische Wohlfahrt war er besorgt und

bewirkte bei Odoaker für die Städte einen Nachlaß der Steuern auf fünf

Jahre. Ebenso erhob er Einsprache beim König, als der Präfekt Pelagius

durch maßlose Getreideankäufe Ligurien bedrückte. Wieder wechselte

das Regiment[041-e]. Theodorich erschien und erkannte mit seinem

Scharfblick den Bischof in dessen ganzem Werte. Als die Partei Odoakers

unter Tuffa noch einen letzten Versuch machte, konzentrierte König

Theodorich sein Heer in Pavia. Die Stadt wurde dadurch übervölkert.

Da konnte Epiphanius Segen stiften. Als Freund sowohl Odoakers als

Theodorichs genoß er bei beiden Parteien Ansehen. Seinen Frieden störte

auch der Krieg nicht. Täglich bewirtete er liebevoll die Räuber und

verabreichte innerhalb der Stadtmauer das Nötige denen, die draußen

seine Landgüter verwüstet hatten. Die Auslösung der gefangenen Weiber

und Kinder ging durch seine Hand. Dem Könige war er der rechte Mann und

galt ihm für verehrungswürdig vor allen Heiligen. Alle Römer, die seine

Gothen abfingen, stellte der Fürst ihm zurück. Wie vielen Unterthanen

verschaffte er Grund und Boden wieder, wie viele schützte er vor

Bedrückungen! Und was mußte er sich feindlicherseits an Grobheiten

und Beleidigungen gefallen lassen! Drei Jahre stand er unter diesem

Kreuz. Nach dem Abzug der Gothen wurde die Stadt den Rugiern übergeben.

Es war ein wildes Volk, dem ein Tag ohne Gewaltthat für verloren

galt[042-a]. Doch auch sie gewann Epiphanius, ihn, den Katholiken und

Römer, hochzuschätzen. Zwei Jahre verlebte er mit ihnen im besten

Einvernehmen, bis sie wieder abzogen. Als endlich Theodorich nach allen

Seiten gesiegt hatte, benützte Epiphanius die wiederkehrende Ruhe zur

inneren Befestigung seiner Gemeinde[042-b]. Unterdessen gefiel es

Theodorich, nur jenen Römern ihre Rechte nicht zu beschränken, die ihre

frühere Anhänglichkeit an ihn beweisen konnten; wen dagegen irgend ein

Grund fern gehalten hatte, der sollte des Rechtes zu testieren und

aller Freiheit in der Willenserklärung verlustig gehen. Da durch ein

solches Gesetz bei dem größten Teile alle Rechte vernichtet wurden,

erlag Italien einem beklagenswerten Rechtszustande. Epiphanius, und,

da er sich diesmal allein zu schwach fühlte, auf seine Bitte hin auch

Laurentius von Mailand begaben sich nach Ravenna und wurden mit Achtung

aufgenommen. In einer ersten Audienz erwirkte Epiphanius zunächst den

Erlaß einer allgemeinen Amnestie durch den Quästor Urbicus, in einer

zweiten geheimeren Unterredung beauftragte der König den Bischof,

die Leitung zur Zivilisierung des verwüsteten ligurischen Landes zu

übernehmen. Er wies ihm auch mit das nötige Geld an, um bei König

Gundobald von Burgund die italienischen Gefangenen auszulösen. Kaum

nach Pavia zurückgekehrt, unternahm Epiphanius sofort die Reise über

die Alpen, obgleich es noch Winter war, der März die Flüsse noch in

des Eises Banden geschlagen hielt und die grauen Schneehäupter der

Alpen den Reisenden Verderben drohten; aber seine Glaubenswärme ist

mächtiger als die tödliche Kälte und das Eis. Er reiste ab, sobald er

für die Wegzehrung Anstalten getroffen, in Begleitung Bischof Viktors

von Turin. In Gallien wurden sie mit offenen Armen empfangen. Ueberall

die reichste Aufwartung. In Lyon kam ihm Bischof Rustikus über die

Rhone entgegen und öffnete ihm die Augen über die Verschlagenheit

des Königs. Damit ihn dessen verschmitzte Einwürfe und Entgegnungen

nicht unvorbereitet fänden, übt sich Epiphanius im Stillen darauf ein.

Gundobald war indessen sehr gnädig; er ließ nach der Audienz durch

seinen Minister Laconius den Gnadenerlaß ausfertigen und dem Epiphanius

überreichen. Ennodius war es, der die Zettel an die Kastelle schrieb.

Blos aus der Gemeinde Lugdunum wurden an einem Tage vierhundert

Menschen in die Heimat nach Italien entlassen. So war es in allen

Städten Sapaudias und anderer Provinzen. Deren, die nur allein die

Bitte des Bischofs befreite, waren mehr als sechstausend Seelen; die

Zahl die man mit Gold loskaufte, ließ sich nicht so genau feststellen,

da viele darunter ihren Herrn ohne Lösegeld entliefen. Zur Bestreitung

der Auslösungskosten trug namentlich eine edle Frau, Syagria, und

Bischof Avitus von Vienne bei. Ihnen dankt man das Zustandekommen des

Liebeswerkes zum guten Teil. Epiphanius aber sah überall persönlich

nach. So auch in Genf, der Residenz des Königsbruders Godegisel.

Bald wimmelten Weg und Stege von den Schaaren der Heimkehrenden. Das

hatte Epiphanius innerhalb eines Vierteljahres zu Stande gebracht.

Er vollendete seinen Liebesdienst, indem er durch Bittschriften an

Theodorich den Befreiten den vollen Genuß ihres Vermögens erwirkte. Und

als zwei Jahre später dem erschöpften Ligurien eine unerschwingliche

Abgabenlast aufgebürdet wurde, übernahm er abermals die Sache der

Bedrängten[043-a]. Er eilt nach Ravenna. Der König ängstigte sich um

des Bischofs Gesundheit und gewährte an der erhobenen Steuer einen

Abstrich von nicht weniger als zwei Dritteilen. An einem schneeigen

Tage, an dem man sich ans Kamin flüchtete, verließ Epiphanius Ravenna

und schnell ging es durch alle Gemeinden an der ämilischen Straße, als

eile er zu seiner letzten Herberge. Gegen alle Priester an der Straße

war er herablassend und freundlich. Als er aber nach Parma an derselben

Straße gekommen war, befiel ihn ein Katarrh und warf sich bald auf

die unteren Teile. Noch erreichte er Pavia scheinbar gesund. Aber am

Tage des Einzugs selbst fühlte er sich unwohl, mußte sich legen, und

nun ging es jeden Tag schlechter. Die Krankheit wurde gefördert durch

die Unwissenheit der Aerzte. Am siebenten Tage trat die Krisis ein. Er

starb, Psalmverse auf den Lippen, im achtundfünfzigsten Jahre seines

Lebens, dem achtunddreißigsten seines Priesterstandes. Seine heiligen

Reste sah man bis auf den dritten Tag, da sie beigesetzt wurden, mit

solchem Licht und Schmuck bekleidet, daß das Antlitz des Heimgegangenen

den Glanz seines Lebens bezeichnete[043-b]. In der großen Menge an

seinem Grabe war Niemand, der ihm nicht etwas zu danken hatte.

In diesem Auszug aus dem Epiphaniusleben des Ennodius[044-1] sind die

vielen Reden, die bei jeder Gelegenheit gewechselt werden, übergangen

worden. Sie sind in ihren immer wiederkehrenden schönrednerischen

Schablonen das eigentliche Merkmal, daß in diesem Heiligenleben

klassische Muster befolgt wurden; ist es doch eine Gewohnheit der

alten Historiker in die Erzählung längere Reden einzuflechten, die

sie der Situation gemäß passend erfinden zu müssen glaubten, und so

erscheinen die Reden auch hier durchaus als rhetorische Kunstprodukte

des Autors. Schon die ganze Person des Verfassers weist aber auf den

Zusammenhang mit der heidnischen profanen römischen Litteratur hin.

Denn wenn ein Sulpizius Severus nur durch einen Bruch mit seiner

Bildung christlicher Schriftsteller hat werden können, so wohnen bei

geistlichen Grandseigneurs wie Sidonius Apollinaris und auch Ennodius

weltliche und heilige Empfindung in oft erstaunlicher Eintracht

bei einander. Eine weltliche Lobrede besitzen wir von Ennodius auf

Theodorich den Großen. Das Epiphaniusleben gibt sich durchaus als

dessen geistliches Seitenstück. Obschon es nicht eine Ansprache an

den zu Lobenden, sondern an dessen Verehrer ist, also von dem Helden

in dritter Person erzählt, obschon ferner nicht bewiesen werden kann,

daß die Schrift mündlich vorgetragen wurde, wird doch ohne Zweifel

ihr Charakter am richtigsten getroffen, wenn man in ihr schlechthin

einen vom profanen ins kirchliche Leben verpflanzten Brauch sieht

und sie als christlichen Panegyrikus auffaßt[044-2]. Dann ist die

Schrift aber zugleich ein rühmliches Beispiel, wie innerhalb des

Panegyrikus und der bei ihm obligaten blumigen Verschnörkelungen doch

auch wahrheitsgetreue Beobachtung zu ihrem Rechte kommen kann: denn

alles in allem ist das Lebensbild reich an zuverläßigem historischem

Stoff. Aber das freilich zeigt ein Vergleich mit der Arbeitsweise

der mönchischen Memorienschreiber deutlich: so sauer wie ihnen ist

Ennodius seine Pflicht bei allem Fleiß, den er sich kosten ließ, nicht

geworden. Er hat nicht Blut geschwitzt, wie Sulpizius Severus und

nicht vor Mangel an Selbstvertrauen gezittert wie Eugipius. Und er

brauchte es auch nicht. Denn sein Gegenstand war gar nicht geartet, den

Verfasser innerlich so mitzunehmen. Es handelte sich um einen frommen,

tugendhaften, vorbildlichen, aber nicht um einen ungewöhnlichen,

genialen, wunderbaren Menschen. Nicht geringes Vertrauen zu der

Berichterstattung des Ennodius über seinen Vorgänger im Amt muß der

Umstand einflößen, daß er von seinem Heiligen nur ein Wunder zu

berichten weiß, übrigens nur ein halbes Wunder: eine schwermütige Frau

soll sich nach Empfang seines Segens leichter gefühlt haben[045-a].

Aber gegen große Volksheiligen gehalten, steht der wackere Epiphanius

armselig da. Man kann nicht in die Nähe jener merkwürdigen Gestalten,

wie Martin oder Severin treten, daß es vor unsern Augen nicht von

Zeichen und Wundern zuckt. Der Saum von Martins Kutte knistert

förmlich, weil er mit Kräften gesättigt ist. Nichtsdestoweniger gehören

bei aller Verschiedenheit ihrer Helden Panegyrikus und die mönchischen

Schriften zusammen, weil eben auch jener seinem Inhalt nach Memorie ist

und auf persönliche Erinnerung zurückgeht. Er teilt auch den Mangel

der Memorie; er entbehrt des chronologischen Rahmens. Aus den vielen

Anspielungen an die zeitgenössische Geschichte kann man es ja zur Not

berechnen, aber ausdrücklich zu sagen versäumt Ennodius, was er doch

sicher wußte, daß Epiphanius 439 geboren, 467 Bischof wurde und 497

gestorben ist.

Im Jahre 508 verfaßte Ennodius ein zweites Heiligenleben. Seinem Inhalt

nach gehört es gewissermaßen bereits in den Kreis des eugipischen

Severinus; denn der Mönch Antonius war ein Mündel des Severinus von

Noricum[045-b]: »Gepriesen sei der ungeteilt dreieinige Gott, der

seinen Knecht Antonius, so vieler Tugenden Träger, an den Ufern der

Donau im Staate Valeria als Sohn des Sekundinus die Schwelle der Welt

überschreiten hieß. Schon an der Mutterbrust fühlte dieser durch

Gottes Gnade seine künftige Bestimmung und, damit sein Entschluß nicht

durch die Schmeichelkünste der Eltern durchkreuzt würde, ging er etwa

im Alter von acht Jahren der väterlichen Obhut verlustig (was heißen

will, sein Vater sei gestorben!). Bald darauf schwang sich seine

ungeschminkte Jugend zu dem hoch berühmten Severinus, der ihn mit

Küssen liebkoste und die künftigen Fähigkeiten des Knaben zum voraus

überschlug, als wären sie schon entwickelt«. In diesem verblümten

Stil geht es fort. Das Antoniusleben steht allerdings selbständig

da, aber mit Eigenschaften, die nicht gerade ein Vorzug sind. Die

Wundergeschichten fehlen ja nicht etwa aus Kritik des Verfassers,

sondern weil mit dem besten Willen keine zu erzählen waren. Nicht

schriftstellerische Oekonomie, sondern ein allzu ärmlicher Inhalt

erklären den geringen Umfang. Immerhin füllt sie im Druck vier

Quartseiten: und doch ließ sich das Sachliche an ihr in einem Satze

sagen: Antonius, aus angesehener Familie in Pannonien gebürtig, aber

früh Waise und daher erst von Severin und dann von seinem Onkel,

dem Bischof Constantius, zum Geistlichen erzogen, flieht vor der

Völkerwanderung nach Italien, ist erst eine Zeit lang im Veltlin auf

unzugänglicher Bergeshöhe Einsiedler und birgt sich dann vor den

ihm lästigen Besuchen frommer Pilger im Kloster Lerinum, wo er auch

sein Leben beschließt. Auch hier handelt es sich um ein Gedächtnis,

aber nicht um schriftstellerische Erlösung von einem übermächtigen

persönlichen Eindruck, sondern eben nur um einen wohlgemeinten Nekrolog

eines unbedeutenden Menschen, wie eine Mumie noch mit einigem Balsam

vor allzuschnellem Verfall bewahrt werden soll.

So hat denn von Gallien ausgehend und in Ennodius gipfelnd die

Manieriertheit des römischen Rhetorentums mit allen Unarten

und Verkünstelungen ebenfalls in die beginnende litterarische

Heiligenindustrie ihren Einzug gehalten. Sobald die bescheidene

Befangenheit verschwand, sobald mit ihr die Scheu vor dem Gegenstande

und der damit verbundene Glaube an das eigene Unvermögen verloren

gingen, quoll auch das tönende Pathos und der wattige Schwulst der

Wohlredenheit unaufhaltsam zu Tage. Fast notwendig trat dieser Fall

ein, wenn das Heiligenleben nicht mehr einer persönlichen inneren

Notwendigkeit, sondern einem äußeren kirchlichen Bedürfnis seine

Entstehung verdankte. Begleitet wird dieser Wechsel auch äußerlich

durch die Verschiebung im Stande des Schriftstellers. Nicht mehr ein

Mönch greift nun zaghaft, unter beständigen Entschuldigungen zur Feder,

sondern irgend ein hochwürdiger Bischof erhebt, selbst durch den Mangel

an Thatsachen nicht abgehalten, seinen Schützling in den Himmel.

Drittes Kapitel.

Severinus von Noricum, Fulgentius von Ruspe, Cäsarius von Arles.

Immerfort unter dem Einfluß unseres Hauptgedankens, daß das

unmittelbare persönliche Andenken an den Heiligen den echten

lebenspendenden Kern aller Heiligenschreibung bildet, greifen wir

nun noch drei Lebensbilder aus der ersten Hälfte des sechsten

Jahrhunderts auf, an denen das deutlich zu Tage tritt. Zwar waren

auch jene oberflächlicheren Lobredner unzweifelhaft noch authentische

Berichterstatter. Aber überwältigend und unmittelbar zur Aufzeichnung

drängte das Andenken immer erst dann, wenn nicht geistlicher

Amtstrieb oder sonst eine Veranlassung zweiter Hand, sondern das

unwiderstehliche, eigene Bedürfnis zur Niederschrift führten. Die drei

namhaften Heiligenleben, bei denen das der Fall war, fallen in die

Jahre 511, 530 und 548. Das erste ist unüberarbeiteter Originalentwurf

eines einzigen Verfassers, das zweite anonym und das dritte, in zwei

Teile zerfallend, das Werk mehrerer Hände und Herzen.

1.

Mehr als ein Jahrhundert nach Severus, im Jahre 511, schrieb der Abt

Eugipius in Lucullanum bei Neapel das Leben Sankt Severins von Norikum.

Der Heilige, der 482 gestorben ist, ist Martin ebenbürtig.

Die Heiligen der Merowinger · 第 6 / 13 题