Wieder waren zwei Jahre hingegangen. Selma war in's Haus des Großvaters
eingetreten, und das Herz des alten menschenfeindlichen Mannes war weich
geworden in der Liebe für seine Enkelin. Nun saß er nicht mehr allein
unter seinen Blumen und Vögeln, ein Armer, Verlassener in Reichthum und
Ueberfluß; an seine Brust schmiegte sich das holde Mädchen und ihre
Hände glätteten die Furchen auf seinem Angesicht. Und mit inniger
Rührung blickten Lewin und Mora auf die Tochter, das feste Band ihrer
Wiedervereinigung mit dem Vater. Alles war vergessen, das Leid der
Jugend, der Groll des Vaters; die Prüfung war vorüber, die Herzen waren
bewährt gefunden worden im langen Kampf, der Friede Gottes hatte sein
Werk und seine Wohnung unter ihnen.
»Wie sind wir so glücklich jetzt, Vater«, sagte Lewin, »könnten wir nur
_den_ lohnen für seine Liebe und Treue an unserm Kinde, der fern von uns
ist, den guten Justus und sein Weib. Er verschmäht Alles, Heimath und
Obdach, die wir ihm bei uns angeboten haben; er verschmäht Geld und Gut,
mit dem ich ihn reichlich versehen möchte, und nimmt nur die kleinen
Gaben an, die ihm Selma schickt. Er schreibt: ›Von dem Kinde dürfe der
Vater die Wohltat annehmen; aber Fremde dürften und könnten nicht
lohnen, was die Liebe gethan.‹ Und so sehr mich das schmerzt, so hat
Vater Justus Recht.«
»Ich weiß einen Weg zum Dank für unsern alten Freund«, antwortete sein
Vater, »und gefällt er euch, so wollet ihn mit mir gehen. Er geht durch
das Herz seines Kindes. Als ich neulich mit Heinrich von Vater und
Mutter redete, da nannte er mir den Familiennamen seiner Mutter. Ich
forschte weiter, und erkannte in ihr meine Nichte, die Tochter meiner
Schwester, die in Arnsberg in Westphalen an einen Kaufmann mit Namen
Kunz verheirathet war. Ich habe, wie ihr wißt, den Familiennamen
abgelegt, und den meines Schwiegervaters angenommen, als ich der Erbe
des seligen van der Bruck ward. So ist dann Heinrich unser Vetter. Das
Unrecht, das ich an der Schwerer that, daß ich mich nicht um sie
kümmerte, das möcht' ich an ihrem Enkel wieder gut machen. Selma, du
liebst Heinrich mehr und anders, denn die Schwester den Bruder;
Heinrich, dein Auge ruht so lange schon liebend auf Selma, reicht euch
denn die Hand zum Bund der Ehe, und der Herr, der mir vergeben wolle
mein schweres Unrecht, um meiner Buße willen, und der euch so sichtlich
geleitet und zusammengeführt, der wolle euren Bund segnen von Anfang bis
zu Ende!«
Von dem Tage an flatterte die Fahne von Holland vom Hause der Herrn van
der Bruck zu Delft, wie es dort zu Lande üblich ist, wenn eine Braut im
Hause wohnt. Ein schöner Gebrauch, daß das Brautpaar unter den Farben
des Vaterlandes die ersten Tage seiner Liebe feiert. Denn wie unter der
Fahne Christi, so sollen Brautleute unter der Fahne des Vaterlandes sich
froh fühlen; denn dem Vaterlande gehört der Bund ihrer Herzen; seine
Früchte sind die Bürger des Landes und seine Tugenden des Landes
schönster Schmuck.
Der Einwilligung der Aeltern daheim gewiß, hielt Heinrich schon nach
einigen Wochen sein Hochzeitsfest. Haus und Garten des alten Herrn, in
denen bis dahin nur schweigender Mißmuth geherrscht hatte, waren voll
von fröhlichen Gästen. Heinrich und Selma und die Aeltern fanden sich
zusammen am Marmorteich. An diesem stillen Orte sahen sie lange dem
Spielen der Goldfische im hellen Wasser zu, und manch' Wort der Liebe
und des Preises Gottes redeten sie mit einander. Da nahte sich ein
Fremder in ausländischer Tracht und mit gebräuntem Angesicht. Er blieb
vor ihnen stehen, beugte das Haupte und sprach: »Vergönnt, edle Herrn
und Frauen, daß auch ein ungebetener Gast heute bei euch einspricht,
seinen Glückwunsch darzubringen!«
Van der Bruck sah dem Fremden forschend in's Auge, und rief dann
überrascht: »Werden die Todten lebendig? Heinrich Justus, mein alter
treuer Diener, seid ihr es?« »Ja, der bin ich«, rief der Fremde, »und
zur guten Stunde bin ich zurückgekehrt. Ist das nicht meine edle Frau,
und hier mein Pathe Heinrich, und hier Selma, das Kind der Sorge! Und
ich sehe den Brautkranz in ihrem Haar; ich sehe Glück in allen Zügen und
das Haus van der Bruck einig und froh! Dem Herrn sei Dank, lauter Dank
für seine Treue!«
Da gab's viel Händedrücken und Fragen, aber Justus sprach: »Erlaßt mir
heute noch die Schilderung meines bewegten Lebens; ich bin zu ergriffen
von Allem, was ich heute sehe und hörte. Ich habe viel gelitten und bin
lange ein Gefangener gewesen unter Seeräubern, bis ich frei ward, und
auf fremdem Boden es zu einigem Wohlstand brachte. Jetzt war ich auf der
Reise in's Vaterland zu meinem Bruder, um mich dort auszuruhen. Hier
wollt' ich nur sehen, ob das Haus van der Bruck noch stehe. Und es steht
noch und es blüht, und einen Justus sehe ich mit ihm vereint, das ist
viel mehr, als ich zu hoffen wagte.«
Wie es Abend ward, da rief Lewin seinen alten Diener zur Seite und
sprach: »Justus, wollt ihr mir noch einmal dienen, treu und willig, wie
ihr sonst gethan?« »Von Herzen gern«, war des alten Jägers Antwort. »So
nehmt«, sprach Lewin, »dieses Päckchen Geld und bringt es einem alten
Manne, der krank und verlassen auf seinem Lager liegt. Dieser Diener
wird euch seine Wohnung zeigen. Nennt dem Kranken euren und meinen Namen
und sagt ihm, er solle von heute an nicht mehr Mangel leiden; und sagt
ihm auch das noch: »Lewin van der Bruck rufe ihm Joseph's Wort an seine
Brüder zu: »Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, Gott aber hat es
gut mit mir gemacht.« Der Jäger ging und fand auf dem Krankenlager den
alten Buchhalter.