20. Der Tag ist da.

»Ein Brief aus Holland! Komm, Dorothe, meine Liebe, wir wollen ihn

gemeinsam lesen«, rief einige Wochen darauf der alte Schulmeister Justus

seinem Weibe zu. »Nimm du ihn, mein Engel, und öffne ihn! Ist es Alter,

oder ist es Erwartung, meine Hände zittern, ich kann ihn nicht öffnen!«

»Ich auch nicht, Väterchen, ich auch nicht«, sprach Dorothe, »wir wollen

uns Zeit lassen. So, nun ist er auf, und nun lies du ihn. Frohe

Nachricht steht oben drüber; da ist sein Inhalt gewiß herzerquickend.«

Der Schulmeister las, und ließ die Arme sinken, und wischte sich die

Augen. »Dorothe«, sagte er, »ich kann nicht weiter; Heinrich und Selma

sind Mann und Weib, — mein Bruder Heinrich, der Todtgeglaubte, ist

zurückgekommen aus fernen Landen, — der alte van der Bruck ist deiner

Mutter Bruder! — Dorothe, ich muß den Brief hinlegen, die Freude preßt

mir das Herz ab, ich werde schwach, zum Sterben schwach!« und der Alte

lehnte sich zurück in seinen Sessel, und bedeckte mit der Hand die

Augen. Dorothe öffnete das Fenster und kühlend wehte die Morgenluft um

das weiße Haupt des Alten. Schweigend saßen die beiden Eheleute einander

gegenüber; was in ihnen vorging, das ist Gott allein bewußt.

»Dorothe«, sprach endlich der Schulmeister, »wir Beide gehen bald zur

Ruhe; laß uns nicht scheiden, bevor wir uns Rechenschaft abgelegt von

unserm Tagewerk und Gott die Ehre gegeben. Laß uns Zeugniß ablegen von

den großen Thaten Gottes an uns, denn er hat überschwänglich an uns

gethan über Bitten und Vergehen. — Er hat uns gegeben fromme Aeltern,

die jetzt vor Gottes Thron stehen, und uns behütet in den Tagen unsrer

Schwachheit, und uns eine frohe Kindheit gegeben. Dann hat er uns in

seine Uebungsschule genommen, auf daß er unser jugendlich Herz bewahre

vor Sünd' und Schand', und es dem zuwende, vor dem ein reines Herz mehr

gilt, denn Gold und Edelstein. — Als wir müde wurden vom Warten, da hat

er uns Obdach gegeben und Brod, daß wir satt wurden, und Kinder lieb und

gut und treu. Und wir haben der Keines verloren, nur Eins, das wollte

der liebe Gott uns droben auferziehen. Sie sind Alle versorgt, und haben

ihr Brod, und Heinrich sogar reichlich. — Laßt uns nicht gedenken der

Mittagshitze, die unser Lebenstag hatte; das Weh, das uns falsche Brüder

thaten, haben treue Freunde in der Noth reichlich versüßt, von denen

noch Viele leben, Etliche aber sind entschlafen. Es ist mir leid um

dich, mein Bruder Scheuermann, ich habe große Freude und Wonne an dir

gehabt, und auch um dich, Schwester Lindin! Ruht sanft ihr Freunde all',

eurer Liebe will ich bald gedenken vor Gottes Thron! — Ist doch die

Nacht der Trübsal, die uns manchmal einhüllte, vergangen, ist doch der

Morgen gekommen! Und auch die Nacht hatte ihre Sterne und ich hab' zu

ihnen aufgeschaut, und bin Schauens nicht müde geworden. Ging einer

unter, so ging ein neuer auf, und jeder hielt mir das Licht,

einzuschauen in die Tiefe des Reichthums, beides der Weisheit und

Erkenntniß Gottes. — Nun ist's Abend für unser ganzes Leben, und unseres

Lebens Sonne geht so schön unter! Wir sind müde am Leib, aber wach am

Geist, denn Du, Herr, hältst die Augen, daß sie wachen; wir wachen zu

Dir! — Laßt euch grauen vor den Tod, ihr Weltmenschen, ich fürchte ihn

nicht; ich weiß daß mein Erlöser lebt; darum habe ich Lust, abzuscheiden

und bei Christo zu sein.«

»Und nun Dorothe, gib mir noch einmal die Hand, und versprich mir, wenn

ich früher sterben sollte denn du, daß nichts an meinem Grabe geredet

werde, als das Eine Wort: »Bis hierher hat der Herr geholfen!«

»Kommst du Justus? Herr, ich komme!

Dein mein Leben, dein mein Ende;

Herr, in deine treuen Hände

Leg' ich freudig Leib und Geist,

Herr, dein Name sei gepreist!«

Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk · 第 24 / 25 题