»Ein Brief aus Holland! Komm, Dorothe, meine Liebe, wir wollen ihn
gemeinsam lesen«, rief einige Wochen darauf der alte Schulmeister Justus
seinem Weibe zu. »Nimm du ihn, mein Engel, und öffne ihn! Ist es Alter,
oder ist es Erwartung, meine Hände zittern, ich kann ihn nicht öffnen!«
»Ich auch nicht, Väterchen, ich auch nicht«, sprach Dorothe, »wir wollen
uns Zeit lassen. So, nun ist er auf, und nun lies du ihn. Frohe
Nachricht steht oben drüber; da ist sein Inhalt gewiß herzerquickend.«
Der Schulmeister las, und ließ die Arme sinken, und wischte sich die
Augen. »Dorothe«, sagte er, »ich kann nicht weiter; Heinrich und Selma
sind Mann und Weib, — mein Bruder Heinrich, der Todtgeglaubte, ist
zurückgekommen aus fernen Landen, — der alte van der Bruck ist deiner
Mutter Bruder! — Dorothe, ich muß den Brief hinlegen, die Freude preßt
mir das Herz ab, ich werde schwach, zum Sterben schwach!« und der Alte
lehnte sich zurück in seinen Sessel, und bedeckte mit der Hand die
Augen. Dorothe öffnete das Fenster und kühlend wehte die Morgenluft um
das weiße Haupt des Alten. Schweigend saßen die beiden Eheleute einander
gegenüber; was in ihnen vorging, das ist Gott allein bewußt.
»Dorothe«, sprach endlich der Schulmeister, »wir Beide gehen bald zur
Ruhe; laß uns nicht scheiden, bevor wir uns Rechenschaft abgelegt von
unserm Tagewerk und Gott die Ehre gegeben. Laß uns Zeugniß ablegen von
den großen Thaten Gottes an uns, denn er hat überschwänglich an uns
gethan über Bitten und Vergehen. — Er hat uns gegeben fromme Aeltern,
die jetzt vor Gottes Thron stehen, und uns behütet in den Tagen unsrer
Schwachheit, und uns eine frohe Kindheit gegeben. Dann hat er uns in
seine Uebungsschule genommen, auf daß er unser jugendlich Herz bewahre
vor Sünd' und Schand', und es dem zuwende, vor dem ein reines Herz mehr
gilt, denn Gold und Edelstein. — Als wir müde wurden vom Warten, da hat
er uns Obdach gegeben und Brod, daß wir satt wurden, und Kinder lieb und
gut und treu. Und wir haben der Keines verloren, nur Eins, das wollte
der liebe Gott uns droben auferziehen. Sie sind Alle versorgt, und haben
ihr Brod, und Heinrich sogar reichlich. — Laßt uns nicht gedenken der
Mittagshitze, die unser Lebenstag hatte; das Weh, das uns falsche Brüder
thaten, haben treue Freunde in der Noth reichlich versüßt, von denen
noch Viele leben, Etliche aber sind entschlafen. Es ist mir leid um
dich, mein Bruder Scheuermann, ich habe große Freude und Wonne an dir
gehabt, und auch um dich, Schwester Lindin! Ruht sanft ihr Freunde all',
eurer Liebe will ich bald gedenken vor Gottes Thron! — Ist doch die
Nacht der Trübsal, die uns manchmal einhüllte, vergangen, ist doch der
Morgen gekommen! Und auch die Nacht hatte ihre Sterne und ich hab' zu
ihnen aufgeschaut, und bin Schauens nicht müde geworden. Ging einer
unter, so ging ein neuer auf, und jeder hielt mir das Licht,
einzuschauen in die Tiefe des Reichthums, beides der Weisheit und
Erkenntniß Gottes. — Nun ist's Abend für unser ganzes Leben, und unseres
Lebens Sonne geht so schön unter! Wir sind müde am Leib, aber wach am
Geist, denn Du, Herr, hältst die Augen, daß sie wachen; wir wachen zu
Dir! — Laßt euch grauen vor den Tod, ihr Weltmenschen, ich fürchte ihn
nicht; ich weiß daß mein Erlöser lebt; darum habe ich Lust, abzuscheiden
und bei Christo zu sein.«
»Und nun Dorothe, gib mir noch einmal die Hand, und versprich mir, wenn
ich früher sterben sollte denn du, daß nichts an meinem Grabe geredet
werde, als das Eine Wort: »Bis hierher hat der Herr geholfen!«
»Kommst du Justus? Herr, ich komme!
Dein mein Leben, dein mein Ende;
Herr, in deine treuen Hände
Leg' ich freudig Leib und Geist,
Herr, dein Name sei gepreist!«