Von Herbst bis zu Christtag verlautete aus Holland kein Wort, eine lange
Zeit des Wartens selbst für so geduldige Seelen, wie der Schulmeister
und seine Familie.
Am dritten Christtag, zu ungewöhnlicher Zeit, erschien der Amtsbote von
Grünberg, und lud den Schulmeister zum augenblicklichen Erscheinen vor
Amt. Nicht ohne Besorgniß, es möge ein neues Leid ihm bevorstehen,
rüstete sich Justus zu diesem Gange.
Wie er in die Amtsstube eintrat, so saß neben dem Herrn Amtmann ein
altes Männlein, von bedächtigem Ansehen, aber freundlichen Mienen, das
schien in Berathung mit dem Herrn Amtmann begriffen, und las eifrig in
einzelnen Papieren, die auf dem Tische lagen. Bei Justus Eintreten
erhoben sich die beiden Männer, und der Amtmann ging auf Justus zu und
sprach: »Hier, Herr Schulmeister, habe ich euch vorzustellen den
vielgelehrten Herrn Advokaten Zoom aus Delft in Holland, der von dem
Handlungshaus van der Bruck in Sachen eines Kindes hierher geschickt
worden ist, das ihr vor Jahren unter dem Namen Selma, als Kind eines van
der Bruck in eurer Haus aufgenommen habt. Da gedachtem Handlungshaus van
der Bruck sehr viel an Ermittlung des wahren Thatbestandes gelegen ist,
so fordere ich euch auf, Alles zu Protokoll zu geben, was ihr von dem
Kinde wißt, und was sich bis dahin mit ihm begeben hat, Alles der
Wahrheit gemäß, so daß ihr es mit einem körperlichen Eide erhärten
könnet.«
Das Protokoll begann. Justus beschrieb genau den Tag der Ankunft des
Kindes; sagte, was sein Bruder ihm über die Verhältnisse des Hauses van
der Bruck mitgetheilt habe, beschrieb Kleidung und Schmuck des Kindes,
nannte den Inhalt der Briefe, die er selber nach Holland geschrieben
habe, und gab das Datum der Briefe genau an.
Mit großer Ruhe und Langsamkeit verglich der Advokat die einzelnen
Aussagen mit den Papieren, die er bei sich hatte und legte zu Justus
Erstaunen ihm seine eignen Briefe zur Anerkennung vor. Dann mußte Justus
gleichsam Rechenschaft geben über die Erziehung des Kindes, mußte seine
Gemüthsbeschaffenheit angeben und die Krankheiten, an denen es bis dahin
gelitten habe.
Wie nun Justus alle diese Fragen mit deutlicher Stimme und mit großer
Gewißheit beantwortet hatte, wie er bei der Schilderung von Selma's
Jugend immer ergriffener und gerührter wurde, wie ihm endlich die
Thränen unaufhaltsam über die Wangen herabflossen, als er von der Liebe
des Mädchens gegen seine Pflegeältern sprach; da ward das Gesicht des
Holländers immer liebreicher, man sah es ihm an, wie er, ein Fremdling,
den Mann lieb gewann, dessen treues Herz aus jedem Worte sprach.
»Ihr seid ein Ehrenmann, Herr Schulmeister«, sprach er dann. »Ich bin
auch Vater, und weiß, was es heißt, Liebe haben für die, die mir Gott
gab. Wenn ich Eins verlieren müßte und fände es nach langer Trennung bei
euch wieder, ich würde die Trennung für nichts achten, denn ich wüßte,
daß ich's doppelt wieder empfinge. Jetzt aber, da Alles zu meines Herrn
Zufriedenheit geordnet ist, da ich Selma als das Kind Lewin's van der
Bruck erkannt habe, so laßt uns zusammen in euer Haus einkehren und mich
das Mägdlein als Tochter des Hauses van der Bruck begrüßen.«
In einer Chaise fuhren sie vor dem Schulhause an. Selma, bekümmert über
des Vaters ungewöhnliche Vorladung vor das Amt, war die Erste, die aus
dem Hause eilte, die mit offnen Armen dem Vater entgegeneilte, die,
unbekümmert um den Fremden, sich teilnehmend nach der Ursache der
Vorladung erkundigte. Wie aber der fremde Mann vor sie hintrat, wie er
sich ehrerbietig vor ihr bückte, wie er ihre Hand ergriff und sie küßte,
wie er sie zum ersten Male mit ihrem Namen Selma van der Bruck benannte,
wie er ihr sagte, daß er gesandt sei von ihrem Großvater, sie, die
sehnsüchtig gewünschte Enkelin, in das Haus der Väter einzuführen; — da
stand Selma vor ihm, ein Bild der Verlegenheit und der Angst stand vor
ihm, das einfache Landmädchen in der dürftigen Kleidung, so sittig und
kindlich, daß dem alten Manne die Augen vor Wehmuth übergingen. Und wie
dann Dorothe kam, und, von dem Gefühl der nahen Trennung ergriffen, das
Mädchen an sich drückte, und Selma mit scheuem Blick auf den Fremden
sich inniger an Dorothe anschmiegte; da rief der Fremde: »O Gott, gib,
daß ich dieß Kind nicht in's Haus des Jammers führe aus dem Haus des
Friedens!«
Und die Zeit der Trennung kam, kam für Alle zu früh, selbst für den
Holländer, dem es so wohl geworden war unter den guten Menschen, daß er
wiederholt sagte: »Kommt mit mir nach Holland, Herr Schulmeister; ihr
seid mir lieb geworden wie ein Bruder; ich möchte mit euch leben und
eures Umgangs mich freuen.« Darauf aber sagte Justus nur: »Laßt uns
Freunde sein auch in der Ferne und für einander beten. Ich bin ein
alter, knorriger Baum, dem thut das Versetzen nicht mehr wohl. Hier, wo
ich gelebt und gelitten habe, will ich auch sterben.«
Am Tage vor der Abreise ging Selma von Haus zu Haus, Abschied zu nehmen;
gab Jeder ihrer Gespielinnen ein Andenken, denn reichlich hatte sie ihr
Großvater beschenken lassen; besuchte alle Plätze, die ihr lieb waren,
Lenchen's Grab und ihren Stand in der Kirche, das Plätzchen unter den
Kirschbäumen, von dem man weit hinaus in die Ferne sieht, und den Wald,
in dem sie zur Sommerszeit geruht und Erdbeeren gesucht. Und wie denn
die Stunde des Scheidens kam, da lag sie schweigend in den Armen der
Aeltern und Geschwister, da konnte sie nichts rufen als »Dank, Dank euch
Allen!« und fort ging's, der neuen Heimath, dem neuen Vaterhause zu.