17. Es wird Licht.

So war wieder ein Herbst gekommen. Die Erndte von Acker und Baum war

eingethan und der Gallmarkt, dieß liebe Fest für Grünberg und seine

Umgebung rings umher, war abgehalten und die Vögel rüsteten sich zum

Flug in wärmere Länder.

Der Corporal Scheuermann war mit ehrenvollem Abschied und mit einem

kleinen Gnadengehalt zur Ruhe gesetzt worden. Jetzt zog er ein auf dem

Veitsberg, und mit ihm die Erinnerung an die alte Zeit, trotz ihrer

Sorgen und Mühen von ihm nur »die gute alte Zeit« genannt. Da saßen sie

denn zusammen, die alten Freunde; da ward das traute Dämmerstündchen mit

mancher alten Erinnerung ausgefüllt, da ward manch' alt Histörchen

wieder aufgewärmt, das aus des Corporals Munde allezeit mit »es war in

den dreißiger Jahren« begann, und von dem Justus und den Seinen mit

großer Geduld angehört. Und einen willigen Hörer fand Justus für seine

Sternwissenschaft und Kalenderkunst in dem Alten. Er schaute mit ihm

hinauf zu den Sternen, den ewigen Zeugen der Macht und Freundlichkeit

Gottes; er ließ sich die Bahnen der einzelnen Himmelskörper beschreiben,

und staunte darob; er sprach mit voll Glauben und Hoffnung, wenn des

Heilands Spruch bedacht ward: »In meines Vaters Hause sind viele

Wohnungen«, und Schauer der Nähe Gottes und Zeugnisse seines Geistes

gab's genug im stillen Schulhaus zum Veitsberg.

Einst an einem Abend saßen sie auch so traulich zusammen; da trat ein

Nachbar ein, bot freundlich einen guten Abend und sagte: »Schulmeister,

heute krieg' ich gewiß ein freundlich Gesicht von euch, denn ich bringe

einen Brief, der sonder Zweifel von eurem Heinrich kommt, und den ihr

gern auslösen werdet, so theuer er auch ist. Der Postreiter gab ihn mir

heute in Grünberg, und ich hab' ihn mit dreißig Albus müssen loskaufen.«

»Ja, ein Brief von Heinrich«, rief der Schulmeister aus, als er die

Aufschrift las: »Gott Lob, so lebt er noch. Und wie schwer und wie groß

ist der Brief, da muß viel drinnen stehen. Bleibt, Nachbar, ihr sollt

auch erfahren, was Heinrich schreibt, und mögt, so es euch gefällt, die

Abendsuppe mit uns essen.«

Und der Brief ward geöffnet, und die Zeit der Abendsuppe kam und ging

vorüber, und der Wächter rief die Mitternachtsstunde ab, und noch saßen

sie zusammen, der Schulmeister und sein Weib, der Corporal und der

Nachbar und Selma, denn die ging der Brief besonders an; sie saßen da,

ergriffen und weinend, von Hoffnung und Furcht erfüllt, und Eins nach

dem Andern fragte, und fragte wieder, und gab Rath; denn der Brief war

ein schöner, ernster Brief.

»Wohl dem, der Freude an seinen Kindern erlebt!« rief der Schulmeister

tief gerührt. »Wie doch dem Vater- und Mutterherzen ein solch' Wort aus

Kindesmund so wohl thut! Glaub' dir's, du treue Kindesseele, daß dein

Herz daheim ist bei Vater und Mutter, und daß du täglich betest für der

Schwestern Wohl! Glaub' dir's, daß du einen Sparpfennig sammelst für uns

daheim, zu vergelten die Wohlthat! Und Selma du, was sagst du zu dem,

das der Brief erzählt? Dir gibt er Hoffnung, Vater und Mutter wieder zu

finden, freust du dich darüber?« Aber Selma antwortete nicht; ihr war

zum Sterben wehe. Alles, was seit Jahren in ihr gelegen von Furcht und

Hoffnung, was sie oft gewaltsam zurückgedrängt, wonach sie sich gesehnt

und wovor sie sich doch gefürchtet, das war nun mit einem Male ihr nahe

getreten, und es brachte nicht Freude, nein, neuen Schmerz.

Aber was stand denn in dem Briefe? — Aus einer Stadt am Rhein, wo er

Arbeit und Brod gefunden, hatte Heinrich zum letzten Male geschrieben;

das war um Ostern hin gewesen. Da hatte er erzählt, wie ihn der liebe

Gott bis dahin gut geführt; wie er überall gute Menschen gefunden, und

wenig Hunger bis dahin gelitten; wie er sich etwas Geld gespart, um

damit nach Holland zu reisen, und den Onkel aufzusuchen, und über

Selma's Aeltern sich zu erkundigen.

Es war aber Holland damals, was jetzt Amerika ist, das Land der Hoffnung

für Jeden, dem es daheim nicht gefiel, und der sein Glück in der Fremde

suchen wollte. Denn reich war damals Holland noch; es hatte viel Schiffe

auf dem Meere gehen, und brauchte viel fremde Hände, und die ihm

dienten, die bezahlte es gut, und hatte namentlich die Deutschen gerne

als Soldaten und Handlungsdiener und Dienstboten. Nach diesem Holland

stand auch Heinrich's Sinn. In diesem Lande war ja der Pathe und hatte

es gut dort; von diesem Lande, seinem Reichthum, seiner Sauberkeit,

seinen Schiffen und Kanälen hatte der Vater ihm so viel erzählt, und in

diesem Lande sollten auch die Aeltern Selma's wohnen, und zwar in der

Stadt Delft, die er sich genau gemerkt hatte, sowie nicht minder den

Namen von Selma's Vater. Einzelne Andeutungen hatte zwar immer nur

Justus davon gegeben, und liebte es um Selma's willen nicht, viel

darüber zu reden; aber dem aufmerksamen Knaben war das Wenige nicht

entgangen, und er beschloß, es zu nützen. Auch hatte er in seinem

letzten Briefe keinen Hehl daraus gemacht, und Selma war damals schon

nachdenklich darüber geworden. Was sie aber jetzt hörte, wie mußte sie

das ergreifen!

Heinrich war geraden Weges nach Delft gereist, hatte sich dort erkundigt

nach dem Kaufmann van der Bruck, und sein Haus sich bezeichnen lassen.

Er war hineingegangen und hatte gefragt, ob man keinen Menschen seines

Alters und seiner Geschicklichkeit brauchen könne, und war in die

Schreibstube gewiesen worden zum obersten Buchhalter. Der war ein altes,

dürres Männchen, mit schneeweißem Haar, und einer großen Brille auf der

Nase, und saß gesondert von den übrigen Schreibern, hinter einem

Gitterverschlag auf erhöhtem Sitze, von wo er die ganze Stube übersehen

konnte. Heinrich trug in gebrochenem Holländisch, denn er war der

Sprache noch nicht mächtig, sein Gesuch vor. Der Buchhalter warf einen

schnellen Blick auf ihn, und schrieb dann weiter. Etwa nach einer

Viertelstunde, die unserm Heinrich lang wie ein Tag vorkam, drehte er

sich langsam um, betrachtete den Jüngling von oben bis unten, und sagte

dann in gutem Deutsch: »Man wünscht bei van der Bruck in Dienste zu

treten?«

»Ja!«

»Hat man sich schon anderswo im Handel umgesehen?«

»Nein!«

»Hat man Testimonia aufzuweisen?«

»Nein!«

»Als was wünscht man denn bei van der Bruck placirt zu werden?«

»Wozu eure Edlen mich brauchen können.«

»Ist er nicht zu stolz, im Packhaus zu dienen, bis er seine

Qualifikation zu etwas Anderem gezeigt hat?«

»Von Herzen gern!«

»So zeig' er seine Hände her! — Nun thu' er seine Brust auf, daß ich

sein Hemd beschauen kann! — Heb' er einmal dort den Geldsack auf, und

trag' er ihn auf den Schultern bis dort zu jenem Pulte.«

Heinrich that wie ihm befohlen wurde, und stand bald wieder vor dem

Buchhalter. Der sah ihn noch einmal von oben bis unten an, und sagte

dann: »Er ist von jetzt an Aufseher im Packhaus von van der Bruck, und

erhält wöchentlich vier holländische Gulden und freie Kost bis auf

Weiteres.« »Friedrich«, so rief er einem der Schreiber zu, »man führe

diesen Burschen in's Packhaus, und weise ihn in seine Geschäfte ein!«

So war Heinrich Aufseher im Packhaus. Er hatte die Waaren, die ankamen

und abgeholt wurden, in Empfang zu nehmen und abzugeben und in die

Lagerbücher einzutragen, und über die Waaren zu wachen.

Nach vier Wochen kam der Buchhalter, der sonst schweigend an ihm

vorbeigegangen war, auf ihn zu und sagte: »Man ist zufrieden mit ihm; er

bekommt von heut an wöchentlich sechs Gulden.«

Nach Verlauf von abermals vier Wochen kam der Buchhalter in's Gewölbe,

und hatte eine Schiefertafel in seiner Hand. »Da«, sagte er, »wenn man

sich auf's Rechnen versteht, so löse man dieß Exempel.« Heinrich löste

es mit großer Schnelligkeit, denn auf die edle Rechenkunst hatte sein

Vater viel Fleiß gewendet. »Man löse diese schwerere Aufgabe«, sagte der

Buchhalter, und hielt abermals die Tafel hin. »Das hat er gut gemacht«,

sprach ernst der Buchhalter, als er die Aufgabe geprüft hatte. »Nun

schreib er in zehen Minuten einen Brief nach Amsterdam an das

Handlungshaus Heeren und Comp., und zeig' er an, daß die verlangten

Waaren abgegangen seien.« Mit der Uhr in der Hand stand der Buchhalter

neben dem Jüngling; nahm dann den Brief in Empfang, durchsah ihn und

sagte: »Man gehe hinein, und setze sich rechter Hand an den ersten Pult;

man ist von heute an Schreiber mit unbestimmtem Gehalt.«

So war denn Heinrich Schreiber im Hause des Herrn van der Bruck zu

Delft; aber dem eigentlichen Zweck seines Hierseins war er in zwei

Monaten um keinen Schritt näher gekommen. Seinen Herrn hatte er noch mit

keinem Auge gesehen; der wohnte in einem Hause, das im Hintergrunde

eines großen Gartens lag, der das Kaufhaus nebst den dazu gehörigen

Gewölben und Speichern von der Herrnwohnung schied. Der Buchhalter holte

Morgens die Befehle bei dem »alten Herrn«, wie er genannt wurde, und von

einem jungen Herrn war durchaus keine Rede. Auch war jede Stunde im Tag

so eingeteilt und mußte so benutzt werden, daß zu Fragen und

Erkundigungen wenig Zeit übrig blieb. Schweigend verrichteten alle

Hausgenossen ihre Arbeit; Ordnung wurde in Allem, im Schlafen, im Ruhen,

in der Arbeit, wie in der Erholung gehalten, strenge Ordnung, und wer

sich dieser nicht unterwerfen wollte, der ward seines Dienstes

entlassen. Dem Buchhalter zu Gefallen leben, war nicht leicht.

Doch Einer war im Hause, von dem Heinrich sich Aufschluß versprach über

alle Fragen, die ihm je länger je mehr das Herz beschwerten; das war der

alte Kammerdiener seines Herrn, ein Deutscher von Geburt, mit Namen

Siegmund. Der Mann hatte ein so Zutrauen erweckendes Ansehen, und grüßte

unsern Heinrich so freundlich, wenn er ihm begegnete, und hatte selbst

schon einmal ein kurzes, aber herzliches Gespräch mit ihm geführt.

Einst an einem Sonntag Morgen traf Heinrich den Alten, wie er mit einem

Gebetbuch in der Hand in einer Hütte des großen Gartens saß. Der

Jüngling wollte sich schweigend zurückziehen, aber der Alte winkte ihm,

und sie redeten mit einander wie Landsleute thun, von Vaterland und vom

Glauben der Väter, und der Alte gewann den Heinrich lieb, und lud ihn zu

sich auf den Abend in seine Stube im Herrnhaus.

Wie erstaunte Heinrich, als er am Abend in die Nähe desselben kam. Das

Haus lag mitten in einem Meere von Blumen, auf zierlichen Ländchen mit

Buxbaum eingefaßt, und mit wunderbarer Kunst gepflanzt. Das Auge konnte

sich nicht satt sehen an der Farbenpracht der Tulpen, und die Luft war

rings erfüllt von dem Wohlgeruch der Hyacinthen. Das Wasser eines

Springbrunnens fiel in verschiedenen Strahlen in einen Teich, aus Marmor

gehauen, in welchem Goldfischchen schwammen; und über den Rand des

Teiches bogen sich wieder Blumen herab, gleich als wollten sie sich in

dem klaren Wasser beschauen. Das Gebüsch zu beiden Seiten der

Blumenbeete war mit einem Drahtgitter umzogen und überbaut, und Vögel

aller Art, zum Theil aus fremden Ländern, mit buntem, glänzendem

Gefieder, trieben da ihr Wesen, und erfüllten die Luft mit ihren

Gesängen.

Hoch erstaunt über all' diese Pracht, die er bis dahin noch nicht

gekannt hatte, trat Heinrich in's Stübchen des Alten. Das war nett und

freundlich, und von einer Reinlichkeit, als hauste nicht ein alter

Junggeselle, sondern ein Mägdlein drinnen. »Wie muß unser Herr sich so

glücklich fühlen«, sprach Heinrich, »daß er dieß Alles sein nennen

kann! Solche Pracht habe ich nicht für möglich gehalten!« »Ja reich ist

unser Herr«, gab Siegmund zur Antwort, »reicher als man weiß und glaubt,

aber glücklich ist er eben nicht. Es gilt auch hier, was dort

geschrieben steht: »Es ist Mancher arm bei großem Gut, und Mancher reich

in seiner Armuth.« »Aber was fehlt ihm denn, und warum ist er nicht

glücklich?« fragte neugierig Heinrich. »Seid, wie ich, erst einmal ein

Viertel Jahrhundert in einem und demselben Hause, mein Sohn«, sprach der

Alte, »dann seht ihr, wo eure Herrschaft der Schuh drückt; aber dann

lernt ihr auch schweigen, und eurer Herrschaft schwache Seiten vor

Fremden verbergen.«

»Ich will euch kein Geheimniß ablocken, Vater Siegmund«, sagte

bescheiden Heinrich, »sondern ich suchte eure Bekanntschaft, um euch

selbst eins zu vertrauen. Hört denn!«

»Es mögen etwa sechszehen Jahre sein, da kam in der Herbstzeit, am

selben Tage, als wir unser Lenchen begruben, das jüngste von uns

Kindern, mein Onkel Heinrich Justus, der in Delft bei einem Kaufmann mit

Namen van der Bruck als Jäger in Diensten stand, mit einem Kinde auf den

Veitsberg, das er für das eheliche Kind seines jungen Herrn, eines van

der Bruck, ausgab, und bat meine Aeltern, sich des Mägdleins anzunehmen,

bis die Aeltern es wieder holen würden. Und das Kind hieß Selma. Meine

Aeltern nahmen es auf, und mein Onkel versprach, bald zu schreiben. Aber

alle Nachricht blieb von ihm und den Aeltern des Kindes aus; und

obgleich mein Vater wiederholt hierher schrieb, so haben wir doch nichts

wieder gehört. Sagt, könnt ihr mir Aufschluß geben über diese Sache, und

ist Selma's Vater ein Sohn unseres Herrn?«

Auf dem Angesicht des Alten hatten bei dieser Rede Blässe und Röthe

schnell gewechselt; er war aufgestanden, und hatte dem Jüngling starr

und schweigend in's Angesicht gesehen. Dann ging er zur Thüre, sah sich

ängstlich draußen um, verschloß sie dann vorsichtig, trat wieder vor

Heinrich hin und fragte in leisem Tone:

»Also lebt das Kind noch, und ist ein Mägdlein, und ist daheim bei

euch?«

»Es ist mit uns auferzogen worden«, gab Heinrich zur Antwort, »und Vater

und Mutter haben keinen Unterschied unter uns gemacht; Selma ist wie das

Kind vom Hause gewesen, und hat erst am Tage ihrer Confirmation

erfahren, daß sie aus der Fremde zu uns gebracht worden sei.«

»Dann ist es Zeit«, sprach vor sich hin der Alte; »nun darf nicht mehr

geschwiegen werden. Wisset, ich wollte das Schicksal des Hauses, dem ich

diene, vor euch, einem Neuling, verbergen, aber ich kann nicht mehr.

Euch sendet der liebe Gott zur Rettung mehrerer Menschen. Seht, es ist

ein böses, heimliches Schicksal, das auf diesem Hause ruht; fast möcht'

ich sagen, ein Fluch. Denn so reich man hier im Hause ist an Geld, so

arm ist man an Herzensfrieden. Ich glaube, mein Herr hat nie gewußt, was

Friede sei, denn so lange ich ihn kenne, ist er in sich gekehrt,

mürrisch und unfreundlich. Fast scheint mir's, als habe er nie einen

Menschen geliebt, was Wunder, wenn er nie ist wieder geliebt worden.

Seinen einzigen Sohn, den Vater des Mädchens, hat er gut erziehen

lassen, aber lieb hat er ihn wohl nie gehabt, und eben so wenig des

Kindes Mutter, die frühe gestorben ist. Dem Sohn soll es immer ein

Fürchterliches gewesen sein, vor dem Vater zu erscheinen. Und doch war

Lewin ein Kind guter Art, und hätte gerne seinen Vater lieb gehabt,

denn sein Herz war gar weich und treu, wenn ihn sein Vater nicht immer

durch seine Härte von sich gestoßen hätte. Lewin liebte ein Mädchen, arm

aber unbescholten, und wünschte es zu ehelichen; er vertraute sich dem

Buchhalter und bat den, ein gutes Wort bei dem Vater einzulegen. Aber da

war er an den Unrechten gekommen; der Mann hat schlecht an dem Sohne

seines Herrn gehandelt. Dem war eine solche Heirath wie ein Schandfleck

für das reiche Haus van der Bruck. Er rieth, den Sohn auf Reisen zu

schicken. Da ließ sich Lewin heimlich mit seiner Geliebten trauen, und

euer Oheim war dabei behülflich. Der Vater erfuhr Alles; ich vermuthe,

durch Spionen, die er ihm nachschickte. Lewin ward zurückgerufen, mit

den gröbsten Drohungen empfangen, und fast mit Gewalt, unter Androhung

von Enterbung und Fluch, auf ein Schiff gebracht, das nach Batavia unter

Segel ging. Dem Patron des Schiffes ward mit aller Strenge verboten,

irgend Jemand mit dem jungen van der Bruck reisen zu lassen. Aber was

vermag die Liebe eines Weibes nicht! Mora mischte sich, als Schiffsjunge

verkleidet, unter die Matrosen; das Schiff fuhr ab, und der Capitain gab

sich nach langem Zögern und Schelten zufrieden, als ihm Lewin den Beweis

lieferte, Mora sei sein ehelich angetrautes Ehegemahl. Auch euer Onkel

wollte auf demselben Schiffe mit hinüber, ward aber ergriffen und

zurückgebracht. Später soll er auf einem andern Schiffe seiner

Herrschaft nachgereist sein; was aber aus ihm geworden, das weiß

Niemand. Nach Batavia scheint er nicht gekommen zu sein, wenn man Alles,

was sich später begab, zusammenhält. Denn nun beginnt erst die Sache

recht schwarz und böse zu werden.«

»Die Briefe eures Onkels an euren Vater, reich mit Geld beschwert,

fielen durch List und Bestechung in die Hände des Buchhalters, eben so

die, welche euer Vater hierher schrieb. Euren Onkel verfolgte er, und

ließ ihm von Ort zu Ort keine Ruhe, daß ich fast glauben möchte, wenn

solcher Glaube nicht gar zu sündlich wäre, er hat ihn den

Seelenverkäufern in die Hände gespielt. Aber wer kann einem solchen

Gedanken verargen, wenn man weiß, was ich weiß, und worüber ich nun

schon manches Jahr getrauert habe; denn solch' Bubenstück ist gar zu

groß. Denkt nur, der Unglücksmensch hat einen Brief geschmiedet, als

käme er von eurem Vater, worin der Tod Selma's gemeldet ward, und hat

den Lügenbrief nach Batavia gesendet, und der armen Aeltern Herz bis zum

Tode betrübt. Der Alte weiß nun, daß Mora bei ihrem Manne ist, aber er

thut nicht, als wenn er es wüßte. Er schreibt nicht an ihn, wie ein

Vater an seinen Sohn, sondern der Buchhalter schreibt nur an das

Handlungshaus von Lewin van der Bruck zu Batavia. Was hilft nun den

armen Leuten das Vermögen, das sie dort erworben haben; sie sind

kinderlos und gebeugt, und den alten Herrn hier, was hilft ihn seine

Strenge, der Spruch der Schrift, den er nicht beherzigt: »Ihr Väter

reizet eure Kinder nicht zum Zorn«, rächt sich schwer an ihm! Trügen

mich meine alten Augen nicht, denn ich bin Tag und Nacht um ihn, so kann

er sich vor den Qualen des Gewissens nicht mehr retten, und würde gerne

die Hand zum Frieden bieten, wenn der Buchhalter nicht wäre. Was der

aber will, daß er sich wie ein Satansengel zwischen Vater und Sohn

stellt, das weiß ich nicht. Denkt er, hier Erbe zu werden, so geht das

nach den Gesetzen nicht, und dazu ist er selbst zu alt. Ich meine, es

muß Herrschsucht und Herzenshärtigkeit sein. Aber nun, da ich weiß, daß

das Kind noch lebt, da will ich nicht ruhen und rasten, selbst auf die

Gefahr hin, in meinem Alter noch aus dem Hause fort zu müssen, bis ich

meinen alten Herrn mit sich und dem lieben Gott wieder ausgesöhnt habe.

Dazu sollt ihr mir helfen; aber schwer, sehr schwer ist die Sache; ich

weiß euch nicht in seine Nähe zu bringen, und von mir darf der Anfang

nicht ausgehen.«

Und lange saß der Alte da und stützte sein weißes Haupt in die Hand.

Nach einer Weile sprach er: »So wird's gehen. Tretet manchmal in den

Abendstunden in den Garten ein und nehmt eure Geige mit. Ihr spielt sie

gut, wie ich gehört habe. Unser Herr liebt die Musik, namentlich die

Geige; hört er euch im Garten spielen, so läßt er euch vielleicht vor

sich kommen, fragt euch auch wohl um Herkunft und Namen, und der Herr

möge euch denn in's Herz geben, was ihr reden sollt. Aber redet im

Anfang nicht zu viel, der Herr liebt das nicht; redet bedächtig und seht

ihm recht treuherzig in's Gesicht, so sehr er euch auch von der Seite

beschauen möge.«

Heinrich that nach dem Rath des Alten. Wenn die Dämmerung kam, dann ging

er mit seiner Geige in den Garten, setzte sich in eine Laube, die dem

Gartenhaus nicht fern war, und spielte alle Lieder, die er kannte, auch

die Lieder der Heimath spielte er, die mit ihren süßen Lauten Jung und

Alt erquicken. Nicht lange, so kam der alte Siegmund und beschied den

Jüngling zum Spiel vor seinen Herrn. Heinrich fand in ihm einen schönen

Greis mit etwas gebeugtem Nacken; aber den lauernden Zug in seinem

Angesicht, auf den ihn Siegmund schon aufmerksam gemacht hatte, fand er

auch; es war ihm nicht gut in's Angesicht sehen. Heinrich bezwang seine

Bangigkeit; er strich die Geige und spielte die schönsten Weisen, die er

gelernt hatte, und spielte sie mit Ausdruck und Gefühl.

In einer Pause fragte der alte Herr:

»Wie heißt man?«

»Heinrich Justus, ihr Edlen!«

Bei Nennung dieses Namens zuckte der Alte sichtlich zusammen; Heinrich

aber stimmte die Geige, als kümmre ihn die Frage nicht.

»Wo stammt man her?« war die weitere Frage.

»Aus Veitsberg im Lande Hessen!«

»Wie heißt der Vater?«

»Jakob Konrad Justus!«

»Weß' Standes?«

»Schulmeister, ihr Edlen.«

»Hat man noch Geschwister?«

»Ja, ihr Edlen.«

»Wie heißen sie?«

»Maria, Anna und Selma.«

»Man kann abtreten«, sagte in sichtbarer Aufregung der Alte.

Heinrich entfernte sich schweigend, und als er in's Gebüsch einbog,

hielt ihn der alte Kammerdiener auf und fragte ängstlich:

»Wie steht es? Hat er nach Name und Herkunft gefragt?« Doch wie Heinrich

antworten wollte, schellte es stark aus dem Gartenhaus herüber, und bald

darauf kam Siegmund, dem der Ruf der Schelle galt, mit starken Schritten

vorüber und rief im Vorbeigehen: »Mein Herr ist in einer bösen Stimmung,

ich soll den Buchhalter rufen. Gebe Gott, daß heute ein Wunder

geschieht; denn ein Wunder muß der Herr an diesen harten Herzen thun,

sonst werden sie nicht weich.«

Betend für einen glücklichen Ausgang, und überlegend, wohin er sich

wenden solle, wenn seines Bleibens hier nicht mehr sei, ging Heinrich

seit einer Stunde in seiner Stube auf und ab; da kam Siegmund und

beschied auch ihn in's Gartenhaus. »Seid weise, klug und treu«, sprach

er flüsternd zu ihm, »von dieser Stunde hängt das Glück dreier guten

Menschen ab. Geht in Gottes Namen hinein; ich will für euch beten.«

Ohne sonderliche Angst trat Heinrich in das Zimmer, wo die beiden Alten

ihn erwarteten. Der Buchhalter führte das Gespräch; er wollte unbefangen

scheinen, aber er konnte es nicht, er wollte Kreuz- und Querfragen thun,

aber man merkte, wie ihm seine Verschlagenheit dießmal nicht helfen

wolle. Denn Heinrich erzählte, als wisse er nichts von dem Zusammenhang

der Sache, von dem Leben und Leiden daheim; erzählte von Selma's Ankunft

im Aelternhause, von ihrer Kindheit und Jugend, von ihrer Schönheit und

Herzensgüte, von ihrem Wunsche, Vater und Mutter wiederzufinden, und das

Alles so treu und kindlich, daß der alte Herr die Rührung nicht

unterdrücken konnte. Er hielt die Hand vor's Angesicht, und unbekümmert

um die Blicke und das verlegene Husten des Buchhalters, seufzte er tief

auf und rief: »O Lewin, mein Sohn!«

Da fühlte sich Heinrich von dem Buchhalter am Arme gefaßt und vor die

Thüre geschoben.

Was nun nach Heinrich's Entfernung zwischen dem Herrn van der Bruck und

seinem Buchhalter sich zugetragen, das hat Niemand erfahren, nur

vermuthen kann man, daß der gute Geist in dem alten Herrn gesiegt, und

daß der Versucher von ihm weichen mußte. Der Kammerdiener hörte Stunden

lang ein lautes Reden in der Stube, das sogar mehrmals in lautes

Schreien überging, bis die Thüre sich öffnete, und der Buchhalter

drohend herausstürzte, hinter ihm her der alte Herr mit zornrothem

Angesicht und geballter Faust.

Am andern Morgen erschien statt des Buchhalters der Herr selbst auf der

Schreibstube, was seit Jahren nicht geschehen war, gab dem ersten

Schreiber das Amt des Entlassenen, und hieß dann Heinrich ihm in seine

Stube folgen. Dort mußte er Alles, was er von Selma wußte,

niederschreiben, und mit diesem Aufsatz und einem Briefe von des Herrn

eigner Hand, ging mit dem ersten Schiff ein Reisender nach Batavia ab.

In Heinrich's äußeren Verhältnissen aber änderte sich nichts.

Das war der Inhalt von Heinrich's Brief; darf man sich wundern, wenn er

auf alle Hausgenossen einen tiefen Eindruck machte! Schweigend saßen die

Männer da, und Selma lehnte still-weinend den Kopf an Dorothe's

Schulter. »Weine nicht, Selma«, sprach selbst tief ergriffen Dorothe,

»was ich längst gehofft und doch gefürchtet, und wonach du dich still

gesehnt hast, trotz deiner Liebe zu uns, das wird nun bald geschehen. Du

wirst bald von uns genommen werden; du wirst aus der Hütte der Armuth in

das Haus des Reichthums übergehen; aber laß uns nicht vergessen, daß es

Gottes Wille also ist, und in Demuth seine Weisheit bewundern. Denk' an

das Glück von Vater und Mutter, die sechszehn Jahre lang um dich

getrauert haben, und die dich nun wiederfinden sollen. Vertrauend gaben

sie dich einst in unsere Hände, voll Stolz und Freude geben wir dich

ihnen zurück, und können getrost sagen, wir haben mit des Herrn Hülfe

dein Herz dem lieben Gott treu erhalten. Und nun, mein Töchterchen, du

Kind unserer Seele, geh' schlafen, deine Augen sind schwer vom Weinen;

danke Gott, ehe du schläfst und der treue Wächter deiner Jugend gebe dir

schöne Träume von Vater und Mutter und der neuen fernen Heimath.«

Und wie der Schulmeister den Hausfreund vor die Thüre begleitet, da sah

er seufzend auf zu den Sternen, die schimmernd vom Herbsthimmel

herniederglänzten, und vor sich hin sprach er: »Wie ist doch Alles ganz

eitel, was unter der Sonnen geschieht, stark ist nur deine Hand, Herr,

und hoch ist deine Rechte, und droben bei dir ist noch eine Ruhe

vorhanden!«

Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk · 第 21 / 25 题