»Halt' still, mein Herz, dem lieben Gott,
Halt' ihm getreulich still!
Fahr' hin, du Welt, mit deinem Spott!
Mich tröstet Gottes Will'.
Halt' still, mein Herz, dem lieben Gott,
Mein Auge, weine nicht!
Ich weiß, daß hell durch Nacht und Noth
Vom Himmel kommt mein Licht.
Halt' still, mein Herz, dem lieben Gott,
Sei treu und halte aus!
Es führt durch Spott und Noth und Tod
Dein Gott dich gut hinaus!«
»So denk' ich jetzt und so sing' ich jetzt, Bruder Büttner«, sprach in
seinem Lehnstuhl sitzend der Schulmeister an einem Samstag Abend zu
seinem Hausfreunde. »Draußen liegt der Schnee, wie er seit
Menschengedenken nicht gelegen hat, und das Wild wird von den Wölfen bis
in die Dörfer hinein gejagt, kurz es ist ein Winter sonder Gleichen. Und
ein Winter sonder Gleichen ist auch in meinem Leben. Ich merk', es geht
bald ganz mit mir bergab. Aus der Tiefe rufe ich darum zum Herrn und
bestelle täglich mein Haus, damit ich ziehen könne, wenn's scheiden
heißt. Mein Heinrich ist auf die Wandrung hinaus, die Mädchen sind in
Dienst gegangen, so bin ich denn mit meiner Dorothe wieder allein, und
nur die Selma hab' ich nicht von mir wollen lassen, die soll nicht
dienen, sondern in meinem Kreuz mich trösten. Denkt aber nicht, Büttner,
daß mir graue vor dem, das kommen soll. Ich bin in meinem Gott fröhlich,
wie nie. Seit Monden wollt' mir kein Lied aus der Kehle, heute aber hab'
ich wieder gesungen, und je mehr ich sang, desto getroster ward ich.«
»Recht so, Schulmeister«, sprach der Büttner, »ganz so, wie's dort heißt
im Psalm: »Ich will dem Herrn singen mein Leben lang.« Hat auch wahrlich
mit euch keine Noth. Ein gut Gewissen und ein fester Glaube, wer die
zwei Stücke noch hat, was kümmert sich der um der Neider List und Tücke.
Und sollt's ja zum Aeußersten kommen, und ihr von Amt und Brod getrieben
werden, so wird's auch Rath werden. Dazu kam ich just heute Abend
herauf, um euch einen Trost zu bringen, wenn ihr sein bedürfen solltet.
Gestern und heute habe ich meine Oberstube gefegt und gescheuert, und
gut eingeschlachtet hab' ich auch um Christtag hin, und was sonst noch
Noth thut im Haus, einen herzlichen Willkomm und ein heiter Angesicht, —
das Alles, Schulmeister, findet ihr bei mir. So lang' ich lebe und der
liebe Gott das Feld segnet, sollt ihr nicht Noth bei mir leiden. Und
nicht wahr, ihr schlagt's nicht aus? Gebt die Hand, Schulmeister, laßt
mich euer Freund in der Noth werden!«
»Büttner«, sprach der Schulmeister, indem er eine Thräne im Auge
zerdrückte, »Freund in der Noth seid ihr längst gewesen. Es ist Mancher
von mir abgefallen, seit man mich verfolgt, und weicht mir scheu aus,
gleichsam als fürchte er, durch mich in üblen Geruch zu kommen. Ihr aber
habt gethan nach Sirach's Wort: »Bleibe treu deinem Freunde in seiner
Armuth.« Das vergelt' euch Gott! Ja, Büttner, ihr liebet treuer, denn
ein Bruder, und liebet mit der rechten Liebe, warum soll ich des Bruders
Hand verschmähen! Ja, ich komme zu euch, wenn ich von hier fort muß,
aber nur auf so lange, bis Gott weiter hilft.
»Denn Weg' hat er allerwegen,
An Mitteln fehlt's ihm nicht.«
* * * * *
Es war Sonntag Morgen. Der Schnee wirbelte in dicken Flocken zur Erde
nieder, und verhüllte die ganze Natur in graue Dämmerung. Der
Schulmeister vom Veitsberg hatte eben von den Seinen Abschied genommen,
um den Dienst seines kranken Amtsbruders in Queckborn für diesen Sonntag
zu versehen. In seinen Reisekleidern, einen langen Stock in den Händen,
ging er erst in seine Kirche, zog die Glocke zum ersten Kirchenzeichen
und schritt dann, des Weges wohl kundig, hinab in's Thal. Wer heute über
Feld wollte, der mußte auch des Weges kundig sein. Denn von einer Bahn
war in dem tiefen Schnee keine Rede; bei jedem Fußtritt brach man in die
Schneemasse ein. Doch das Ziel ward von unserem Justus bald erreicht,
der Dienst ward gethan, und am Krankenbette seines Amtsbruders sitzend,
ward manches trauliche Wort geredet, von Zeit und Weltbegebenheiten, von
des Freundes langer Krankheit und von Gottes wunderbaren Wegen.
»Sprecht nicht, Herr Bruder«, sagte Justus, »von eurem Kreuz, als sei es
so unerhört, und von Wenigen also erlebt. Wohl ist's hart, daß ihr
nunmehr schon in den dritten Monat hinein müsset das Bett hüten; glaub's
auch wohl, daß euch manchmal der Muth sinkt, und euer Gebet zum Seufzer
wird: Ach Herr, wie lange! Kann mir denken, wie es einem Hausvater sein
muß, wenn er die Kindlein ansieht, noch so zart und klein, und dabei
denken muß, wer wird sie nähren und kleiden und ihnen Obdach geben und
sie zur Gottesfurcht auferziehen, wenn des Versorgers Aug' im Tode
bricht? Ach, wir Schulmeister jetziger Zeit sind gar übel daran! Einen
Sold zum Leben und Sterben zu wenig, Sorg' und Mühe Jahr aus, Jahr ein,
und in steter Angst, daß man uns den Abschied gebe, ohne Urtheil und
Pension! Ist's ein Wunder, daß wir alle so gedrückt einher gehen, und
uns oft so winterlich und kalt zu Sinne ist. Aber, lieber Bruder, wie es
dort heißt im Lied: »Je größer Kreuz, je süßer Glaube«, so darf auch von
uns das beste Theil nicht genommen werden, sonst sind wir zwiefach arm
und verlassen. Christi Wort: »In der Welt habt ihr Angst, aber seid
getrost, ich habe die Welt überwunden«, soll uns sein die Inschrift auf
unserer Fahne, darauf wir wie der Soldat hoffend schauen, ob's auch
donnert und blitzt um uns her im Kampf, und die Wunden der zeitlichen
Trübsal wehe thun. Ihr steht dem Grabe nah' ob eures Leibes Schwachheit,
mir haben böse Zungen auch ein Grab gegraben, und vielleicht muß ich
hinab, und Niemand weiß, wie unrecht mir geschiehet, als mein Gott im
Himmel. »Sollte aber Gott nicht retten seine Auserwählten, die zu ihm
Tag und Nacht rufen?« Ja, sag' ich und sag' abermals ja, und rufe mit
Hiob: »Bis daß mein Ende kommt, will ich nicht weichen von meiner
Frömmigkeit!« Denn es steht geschrieben: »Fürchte dich nicht, denn ich
bin bei dir, weiche nicht, denn ich bin dein Gott!«
Da brach ein Sonnenstrahl durch die grauen Winterwolken und fiel auf's
Bett des Kranken und über sein Angesicht ging der Friede Gottes.
* * * * *
Der Rückweg nach dem Veitsberg war eben so mühsam, als der Weg am
Morgen. Obgleich das Schneegestöber nachgelassen hatte, war doch die
Spur vom Morgen gänzlich verwischt, und wieder mußte Justus den Weg
brechen; denn bei diesem Wetter mochte kein Fußgänger hinaus. So war er
an jene Stelle im Walde gekommen, wo der Fußpfad von Queckborn nach
Veitsberg die Grünberger Landstraße durchschneidet. Jetzt führt dort
eine bequeme Chaussee, aber der damalige Weg ging bald über Hügel weg,
bald durch Hohlwege hindurch. Einen solchen Hohlweg durchschnitt auch
der Fußpfad.
Eben war Justus in denselben eingetreten, und arbeitete sich rüstig
durch den Schnee, als das Wiehern eines Pferdes an sein Ohr drang.
Dieser Ton, der einzige Laut in der erstorbenen Natur, machte ihn
stutzig; er stand stille und horchte, und hörte deutlich nicht weit von
der Stelle wo er stand, auch das Rasseln einer Kette. Er rief laut ein
»Ho!« »Ho!« in den Wald hinein, aber keine menschliche Stimme gab ihm
Antwort, sondern das Wiehern und Kettenrasseln wiederholte sich. Ein
Unglück vermuthend arbeitete sich der Schulmeister auf den Rand des
Hohlweges, und erblickte zu seinem Schrecken eine Chaise, die mit nach
oben gekehrten Rädern tief im Schnee steckte, während die Pferde mit der
abgebrochenen Deichsel sich so in's Dickicht des Waldes verschlungen
hatten, daß alle ihre Anstrengungen, sich frei zu machen, umsonst waren.
Nicht fern von den Pferden lag der Kutscher, halb vergraben im Schnee,
ein Stück von dem Zügel noch in den Händen, wie es schien ohne alle Spur
von Leben. Mühsam schaffte Justus mit den Händen den Schnee von den
Seiten der Chaise weg, um einen Blick in das Innere thun zu können; und
nicht lange, so faßte er die kalte Hand eines Mannes, der halb in, halb
außer der Chaise lag, so als habe er im Fallen des Wagens herausspringen
wollen. Sein Gesicht war jämmerlich verschunden und blutig, aber seiner
Kleidung nach schien er ein Mann von Stand und Vermögen zu sein. Auch er
gab, wie der Kutscher, kein Lebenszeichen von sich.
Was sollte der Schulmeister beginnen! Der Tag war schon weit vorgerückt;
alle Dörfer rings umher lagen eine starke halbe Stunde entfernt, und
doch mußte schnelle Hülfe geschafft werden; denn der Zustand der
Beschädigten war gar kläglich, und die Gefahr von Wölfen seit einigen
Wochen sehr groß. Eilig verließ er daher die Stätte des Jammers, und mit
starken Schritten eilte er dem Veitsberg zu. Nicht lange, so sah man
unter seiner Anführung alle Männer von Veitsberg und Saasen mit Laternen
und Hebstangen der Stelle zueilen, wo die Verunglückten lagen. Die
Verwundeten wurden auf Bahren gelegt, die man in der Eile aus jungen
Bäumen gemacht hatte; die Pferde wurden ausgeschirrt, aber den Wagen
mußte man liegen lassen, wo er lag, denn es war keine Möglichkeit
vorhanden, ihn über die Feldwege in Sicherheit zu bringen, zumal jetzt
am Abend. So langte denn der Zug am Dorfe an, wo die Frauen und Kinder
fragend und bedauernd den Ankommenden entgegen gingen.
»Wohin mit den Verunglückten?« hieß es da. »Den hier auf der vordersten
Bahre nehm' ich in mein Haus auf«, war des Justus schnelle Antwort, »und
ich will für den Fuhrmann Sorge tragen«, sprach der Elias Büttner,
»nehmt ihr, Nachbar Kurz, die Pferde in euren Stall, bei euch sind sie
am beßten aufgehoben.«
Das war eine unruhige Nacht für die beiden Dörflein Veitsberg und
Saasen. Da gingen Wenige zur Ruhe. Denn Etliche liefen hin und her nach
Doctor und Feldscherer und Arzneimitteln, und die Andern standen um die
Verwundeten her, und bedauerten sie und halfen waschen und verbinden und
Belebungsversuche machen. Die beiden Beschädigten waren zum Glücke nicht
todt, aber schwer beschädigt waren sie beide, namentlich der Herr, den
Justus aufgenommen und in sein eigenes Bette gelegt hatte. Der schien
besonders am Kopfe beschädigt zu sein, denn die Betäubung wollte nicht
weichen, trotz aller Mittel, die man anwandte. Anders war es mit dem
Kutscher. Nachdem sein zerbrochenes Bein eingerichtet war, gab er
Auskunft über die Reise und über den Unfall, der sie betroffen, über
seinen und seines Herrn Namen und empfahl seine Pferde und sein Fuhrwerk
seinen Rettern gar dringend, denn er war ein guter Knecht.
Am Morgen nach dieser unruhigen Nacht ging der Schulmeister hinab gen
Saasen, nach dem kranken Knecht zu sehen, und den Namen seines Gastes zu
erforschen. Die Nachricht, die er da erhielt, machte einen
furchtbar-schrecklichen Eindruck auf ihn, und man sah ihn blaß werden
und schweigend sich entfernen. Wie er eintrat in seine Stube, so stand
Dorothe am Bette des Kranken, und flößte mit einem Löffelchen dem halb
Bewußtlosen eine stärkende Suppe ein, und der Kranke lag da mit
geschlossenen Augen, und nahm die Stärkung an wie ein Kind, das sich
sein noch nicht bewußt ist. Justus trat schweigend an das Bette; lange
haftete sein Auge am entstellten Angesichte des Kranken. Dann sprach er
leise zu Dorothe: »Weißt du, Liebe, wen wir herbergen, wer unser Lager
einnimmt, und wem du eben die Erquickung reichst? Es ist unser Todfeind,
es ist der Gerst; Gott hat ihn in unsere Hand gegeben. Was wollen wir
thun, Dorothe, wollen wir uns freuen des Falls unseres Feindes, und
unser Herz froh sein lassen über sein Unglück? oder wollen wir thun nach
dem Wort: »Hungert deinen Feind, so speise ihn mit Brod, dürstet ihn, so
tränke ihn mit Wasser?«
Dorothe sprach nichts, nur ein leises Zittern ihrer Hand verrieth die
Bewegung ihres Herzens; Thräne auf Thräne fiel herab auf's Angesicht des
Kranken, und sie hörte nicht auf, dem Schwachen die Stärkung zu reichen.
Als sie vollendet hatte, da faltete sie schweigend ihre Hände; ihr Herz
betete, und dem Todfeind war verziehen. Und ihre Hände pflegten sein,
und ihr Auge wachte über ihm bei Tag und bei Nacht, und von ihr empfing
er Speise und Labung.
So gingen drei Tage hin. Am dritten des Morgens stand Dorothe wieder am
Bette des Kranken, und reichte ihm eine Stärkung; da schlug er zum
ersten Male die Augen auf, seufzte tief, als erwache er aus schwerem
Traum, blickte forschend in's Angesicht seiner Wärterin, und fragte in
leisem Tone: »Wo bin ich?« »Im Schulhaus zum Veitsberg«, war Dorothe's
Antwort. »Und wer seid ihr, gute Frau, die ihr mich so sorgsam pfleget?
In lichten Augenblicken meiner Krankheit habe ich euch allezeit helfend
und theilnehmend an meinem Bette gesehen. Auch Thränen waren manchmal in
euren Augen; ihr müßt es recht wohl mit mir meinen; sagt mir, wer seid
ihr?« »Ich bin Dorothe, des Schulmeisters Justus Eheweib«, gab sie ruhig
zur Antwort.
Auf dieß Wort schloß sich schnell das Auge des Kranken; mit einer
raschen Bewegung faßte er sein Haupt, ließ eben so schnell die Hand
wieder sinken, warf einen ängstlich-scheuen Blick auf seine Pflegerin,
und stöhnte dann aus dem tiefsten Herzen. Der Anblick dieses inneren
Kampfes war zu fürchterlich und Dorothe entfernte sich schnell aus der
Stube.
Während dieses ganzen Tages hörte man den Kranken oft seufzen;
schweigend und mit niedergeschlagenen Augen nahm er alle Pflege an. Am
nächsten Morgen aber schien sein Herz gebrochen zu sein; er rief den
Justus und sein Weib an sein Lager; er that ein laut Bekenntniß seines
Unrechts; er legte Geständnisse ab, die ihn als Dieb und Ehrenräuber
brandmarkten; er erzählte, wie er die Familienpapiere von Dorothe's
Mutter mit List an sich gebracht, und um eine bedeutende Summe den
unrechten Erben verkauft habe; er schilderte die Schleichwege, auf denen
er dem Schulmeister Ehre und Brod geraubt; ja er gestand sogar, daß die
Reise nach Grünberg, die so üblen Ausgang gehabt, von ihm nur
unternommen worden sei, um den Richter durch allerlei falsche
Vorspiegelungen zu einem ungerechten Urtheil zu bestimmen, fügte aber
hinzu, daß ihm das nicht gelungen sei, sondern daß des Schulmeisters
Sache gut stehe, und seine Unschuld bald völlig erkannt werden würde.
»Daß ihr nach Allem, was ihr von mir habt erdulden müssen«, sprach er
dann, »noch so gut gegen mich gehandelt, das möcht' ich in seiner
Möglichkeit begreifen, aber ich kann's nicht; ich muß wohl zu schlecht
dazu sein. Ich fühle eure Liebe und doch verstehe ich sie nicht; aber
Eins begreife ich, und das steht fest bei mir, ich will mein Unrecht
wieder gut machen, soweit ich kann, und euch euren Liebesdienst
reichlich vergelten.«
»Denkt nicht an uns, Herr Rath«, sprach ernst der Schulmeister, »auch
nicht daran, wie ihr uns lohnen wollt für alles angethane Leid, denkt
vielmehr daran, wie ihr nach allem Geschehenen mit eurem Herrgott
stehet, und wie ihr ihm Dank schuldig seid für seine gnädige Hülfe in
der Stunde der Noth.«
Darauf gab der Gerst keine Antwort. Denn sein Ohr hatte den Klang des
Namens Gottes längst verlernt, und in seinem Herzen hatte das Wort
Gottes keine Stätte mehr. Es glich dem Wege, dem hartbetretenen, davon
die Vögel den guten Samen aufgefressen.
So gingen einige Tage hin. In dem körperlichen Befinden des Gerst ging
keine große Veränderung vor sich, denn die Beschädigungen am Kopfe waren
nicht ungefährlich, und ließen ein langes Krankenlager fürchten. Aber
auch sein geistiges Befinden besserte sich nicht. Nachdem er einmal ein
oberflächliches Bekenntniß seiner Sünden gegen den Schulmeister und sein
Haus abgelegt hatte, fiel er wieder in seine alte Herzenshärtigkeit, war
äußerst reizbar, ungenügsam und launig, und man sah so recht deutlich,
wie das körperliche Leiden sein Gewissen noch mehr verstockte. Es war
darum nur Freude im Hause des Justus, als Etliche seiner Freunde ihn
sorgsam einpackten und nach Gießen brachten, wo er sich in seiner
gewohnten Umgebung eine baldige Wiederherstellung versprach.
Kaum war er weg, so erfolgte auch das Urtheil über die Schatzgräber und
über ihren Mitbeschuldigten, den Kalendermann. Justus ward völlig
freigesprochen; aber für alle ausgestandenen Mühen, für alle gehabte
Kränkungen gab man ihm keine Entschädigung. Dessen bedurfte es auch bei
Justus nicht. »Mein Trost ist der«, sprach er, »daß ich ein gut Gewissen
habe und befleißige mich, reinen Wandel zu führen bei Allen.«
Den Schatzgräbern aber erging es übel; sie wurden theilweise zu langem
Gefängniß verurtheilt, auch der Schreinerkaspar, den man später
eingefangen hatte. Nur der Fleischhauer war und blieb verschwunden, und
von Obrigkeitswegen ward Beschlag auf sein Häuschen gelegt, und auf
Alles, was sich drinnen fand. Da kam denn manches merkwürdige Stück zu
Tage, Werkzeuge, deren Gebrauch Niemand verstand, und Inschriften, die
Niemand enträthseln konnte.
Noch vor zwanzig Jahren waren diese, damals den Schatzgräbern
abgenommenen Gerätschaften: der Erdspiegel und die Wünschelruthe, der
papierene Zauberkreis und der Stab des Beschwörers, auch etliche der
Zaubersiegel, die die Gehülfen getragen, noch vorhanden, und ich hab'
sie selber wiederholt beschaut, und meine Betrachtungen darüber gemacht.
Noch ist die Zeit der Schatzgräberei nicht vorüber, trotz Aufklärung und
Eisenbahnen, und wem eine Heerde vertraut ist, der wache; denn während
die Leute schlafen, kommt noch derselbe alte Feind und säet Unkraut
unter den Waizen.
Und abermals, nach einem Winter voll trüber Erfahrungen, kehrte der
Frühling als willkommener Gast auf dem Veitsberg ein. Aber so friedlich
es auch in den Herzen der Bewohner des Schulhauses aussah, so stille
ward er doch begrüßt. Heinrich in unbekannter Ferne, die Töchter im
Dienst bei fremden Leuten, Dorothe gebeugt von Krankheit, und der
Schulmeister zurückgezogener und ernster, denn je. Wenn dann Selma
allein und mit ihrer Handarbeit beschäftigt am kleinen Fenster saß; wenn
sie herabsah in's Thal, wo sich im warmen Frühlingswetter Menschen und
Thiere eines neuen Daseins freuten; wenn sie hinübersah in die blauen,
waldigen Berge, wer kann's dem Mägdlein verargen, daß dann allerlei
Gedanken an Vater und Mutter, an die ferne Heimath und an ihr künftiges
Lebensloos in ihr aufstiegen! Es gibt ein Heimweh, das fühlen Blumen und
Vögel in der Fremde, zumal wenn der Frühling wieder kommt; sollte nicht
ein Menschenherz viel mehr davon leiden? Ja, wir leiden Alle daran und
die Jugend am meisten, denn sie sucht nach. O, daß sie immer _recht_
suchte, und im Suchen den rechten Führer und die rechte Heimath nicht
aus dem Auge verlöre! —
Mit den ersten Tagen des Frühlings gelangte auch die Nachricht auf den
Veitsberg von dem Tode des Gerst. Die Wunden hatten nicht heilen wollen
und bewirkten einen langsamen und schmerzhaften Tod. Man erzählte viel
von seinem Ende, wie schmerzhaft und wie herzzerreißend das gewesen sei;
wie die Geister seiner Sünden in schreckhaften Gestalten an seinem Lager
gestanden, und wie er sich mit all' seinem erwucherten Gelde keine treue
Pflege in seinen Leidensstunden und kein fröhlich Ende habe erkaufen
können. Oft, so erzählte man, habe er den Vorsatz gefaßt, den
Schulmeister vom Veitsberg noch einmal zu sich zu bescheiden, und
wiederholt habe er geäußert, Justus sei der einzige Mensch auf Erden,
dem er wünsche, daß es ihm wohl gehe.
Im Hause des Justus ward nichts von dem Todten gesprochen, kein Wort des
Tadels oder der Freude über sein Ende, sondern Justus sprach, als er die
Kunde von seinem Abscheiden erhielt: »Gedenke seiner, Herr, nach deiner
Barmherzigkeit.« So schien auch hier sein Andenken für immer erloschen.
Aber es ward bald neu aufgefrischt. Von mehreren Seiten ward dem Justus
gemeldet, wie man in Erfahrung gebracht, so habe der Rath Gerst die
Dorothe Justus, geborne Kunz, mit einer bedeutenden Summe in seinem
Testamente bedacht; und so um die Heuerndte hin geschah eine förmliche
Aufforderung an Dorothe von Seiten des Sachwalters des Verstorbenen, der
Eröffnung des Testaments beizuwohnen.
Als Stellvertreter seines Weibes erschien Justus am bestimmten Tage in
der Wohnung des Verstorbenen. Lachende Erben, größtenteils arme Leute,
waren aus der Ferne gekommen, und sahen gespannt dem entscheidenden
Augenblick entgegen. Auch Leute aus der Stadt, die mit dem Gerst in
Verkehr gestanden, oder in seinen Diensten gewesen waren, hatten sich
eingefunden. Zuletzt drängte sich noch ein Weib herein, blaß und in
ärmlicher Kleidung. Sie führte ein Kind an der Hand, und eins trug sie
auf dem Arm. Man wußte nicht, wo sie herkam, noch welche Ansprüche sie
an den Verstorbenen habe.
Das Testament wurde den Anwesenden als unverletzt gezeigt und dann
geöffnet. Es war von neuem Datum, und von dem Verstorbenen an die Stelle
eines ältern gesetzt worden, das damit seine Gültigkeit verloren hatte.
Die Verwandten waren in demselben mit kleinen Summen bedacht, und an
ihren Gesichtern sah man deutlich die Täuschung. Auch seine Dienstboten,
namentlich der Knecht, der ihm zuletzt gedient und jenen Unfall mit ihm
erlitten hatte, erhielt einen anständigen Jahrgehalt. Alles Uebrige,
eine sehr bedeutende Summe, war zwischen Justus Ehefrau und einem
gewissen Felix Fleck, Sohn von Johannes Fleck, den Keiner der Anwesenden
kannte, getheilt.
Wer der Felix Fleck gewesen sei, darüber hat man nie etwas Zuverlässiges
erfahren. Viele hielten ihn für einen natürlichen Sohn des Verstorbenen.
Der Felix Fleck kam und nahm, da seine Papiere in Ordnung waren, später
die Erbschaft ohne Widerrede in Empfang.
Das Testament war verlesen, und Stille herrschte im Gemach; Jeder gab
sich seinen Betrachtungen hin; Keiner schien ganz befriedigt. Da trat
mit tiefer Blässe auf dem Angesicht das Weib mit den beiden Kindern vor
den Tisch des Richters, wollte reden, aber die Zunge versagte ihr den
Dienst. Unter großer Anstrengung fragte sie endlich den Richter, ob kein
Nachtrag zum Testamente vorhanden sei? Als das verneint wurde, bedeckte
sie mit beiden Händen das Angesicht, und weinte laut und rief: »Kann
auch ein Mensch so grausam sein, daß er sein eigen Fleisch und Blut
vergesse und verläugne! Doch, was klag' ich, und wer erbarmt sich mein!
Kommt, meine Kinder, ihr sollt nicht wissen, wer euer Vater war!«
Damit wollte sie zur Thüre hinaus. Aber Justus faßte sie freundlich bei
der Hand, trat zum Tische des Richters, und sprach mit lauter Stimme:
»Das Geld, das nach dem Willen des Rath Gerst meiner Frau, Dorothea,
gebornen Kunz, vermacht ward, gehört von Gott und Rechtswegen ihr.
Warum? das wußte der Verstorbene und ich weiß es auch, aber Niemand
soll's erfahren. Ehe ich herging, gab mir mein Weib Vollmacht, mit der
Erbschaft zu thun, was ich für recht erkennen würde; »in meine Hände«,
sprach sie, »soll kein Pfennig kommen von diesem Gelde, denn es ist
unrein durch Blut und Thränen.« Hier steht des Gerst Weib, und da sind
seine Kinder; nehmt denn, Herr Richter, Folgendes von mir zu Protokoll:
»Ich Jakob Konrad Justus, Schulmeister zum Veitsberg, erkläre kraft und
in Vollmacht meines Eheweibes, Dorothea, geborener Kunz, daß ich auf die
Erbschaft des Rath Gerst zu Gunsten seiner natürlichen Kinder verzichte.
So wahr mir Gott helfe!« »Und hier meine Unterschrift.« —
Da lief ein Murmeln des Beifalls durch die Versammlung, und das Weib
fiel auf ihre Knie und pries Gott mit lauter Stimme. Und wie sich Justus
leise aus der Stube entfernen wollte, da erhob sich ein Advokat, der dem
Richter zur Seite gesessen hatte, ging ihm nach, und drückte ihm die
Hand; und von dem Tage an wurden Beide die innigsten Freunde. Und der
Advokat war mein Großvater, und ist nun schon an sechsundsechzig Jahre
todt. In seinen Händen war ein Theil der Papiere des Kalendermanns, und
von ihm stammen die Erzählungen, die ich, in diesen bunten Strauß
gebunden, dir, mein lieber Leser, reiche. Mein Großvater pflegte zu
sagen, so oft er von ihm sprach: »Arm wird der Justus bleiben bis an
sein selig Ende; und doch ist er der glücklichste Mensch, den ich kenne;
er ist reich in Gott.«
Noch eine freudige Ueberraschung war heute dem Justus vorbehalten, ehe
er heimging. Wie er in ein Gäßlein einbog, kam ihm sein alter Freund,
der Corporal Scheuermann, entgegen; aber nicht mehr die kräftige
Soldatengestalt von ehemals; das Gesicht war hager, das Haar gebleicht
und der Nacken gekrümmt. »Es ist vorüber mit meinem Dienst«, sprach er,
als er dem Schulmeister kräftig die Hand geschüttelt hatte, »ich fühl's,
es ist vorüber hier unten, und der liebe Gott wird mich bald in ein
ander Regiment versetzen. Da wart' ich denn täglich auf meinen Abschied,
und gibt mir mein gnädiger Herr noch ein Geringes an Gnadengehalt dazu,
so ist Alles erfüllt, was ich wünsche. Doch ja, ich wünsche noch Eins,
Herr Justus, und hab' bisher oft daran gedacht; könnt ihr mir nicht ein
Plätzchen gönnen auf eurem Veitsberg? So lang ich einen Justus hatte,
mit dem ich reden konnte, war mein Herz allezeit guter Dinge; jetzt, wo
ich alt bin, möcht' ich das Labsal nicht entbehren. Hat Dorothe den
alten Scheuermann noch lieb, wie er sie lieb hat, so wird sie ihm ja ein
Plätzchen am Ofen gönnen, bis man ihn zur Ruhe legt. Sagt ja, Herr
Justus! Es will Abend werden und mein Tag hat sich geneigt, und ich habe
Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein. Aber ich möchte, daß ich
unter Gottes Wort einschliefe, und fromme Hände mir die Augen
zudrückten. Da hab' ich freilich meine Verwandten im Vogelsberg, aber
die herzen mich nicht. Die sehen lüstern nach dem Wenigen, das ich noch
habe, und gönnen mir das Bischen Leben nicht.«
»So langer Rede hätte es nicht bedurft, Scheuermann«, sprach herzlich
der Schulmeister; »kommt nur, sobald ihr den Abschied habt; Haus und
Brod wollen wir mit euch theilen, und ein traulich Wort und ein
freundlich Gesicht soll euch nicht fehlen.«
Da wischte sich der alte Corporal die Augen, und mit herzlichem
Händedruck schieden die alten Freunde.