Einige Wochen nach dieser Unterredung, die dem Justus manches Bedenken
verursachte, besuchte er am Nachmittag einen kranken Freund in
Reinhardshain. Das trauliche Gespräch that dem Kranken wohl, und er bat
den Schulmeister, als der mit der Nacht wieder heim wollte, noch um ein
Stündchen, und als das verflossen war, noch um ein zweites, und der
Wächter blies bereits die zehnte Stunde, als er Hut und Stock ergriff,
dem Kranken die Hand reichte, und in Gottes Namen hinaus schritt in die
Nacht. Die Nacht war dunkel, aber der Himmel frei von Wolken, und des
Weges wohl kundig, beschaute sich der Kalendermann die Sterne am Himmel
mit allerlei gottseligen Gedanken und ernsten Ueberlegungen. So schritt
er den Weg hinauf zum Wirberg.
Es hat aber auf dem Wirberg früher ein Kloster gestanden, von Nonnen
bewohnt, die zur Zeit, als Luther mit der Predigt des Evangeliums
auftrat, keines guten Gerüchtes sich erfreuten. Denn es ging auf dem
Wirberg gar ärgerlich zu, und die Klosterfrauen trieben allerlei
Kurzweil, die sich schlecht mit ihrem Stande vertrug. Da machte der
Landgraf von Hessen, mit Namen Philipp, kurzen Proceß mit ihnen, trieb
die Nonnen aus dem Kloster, und ließ des Klosters Güter und Gefälle zu
guten Zwecken verwenden. Jetzt steht nur noch die Kirche und das
Pfarrhaus mit der Wohnung des Glöckners dort oben, und sonntäglich rufen
die Glocken vom Wirberg die Bewohner der Dörfer im Thale zum
evangelischen Gottesdienst.
Nun sieht man noch heute in der Nähe der Kirche eine Höhle im Berge, von
außen einem Keller nicht unähnlich, denn man steigt auf vielen Stufen
hinab in die Tiefe. Ein Born klaren Wassers hemmt hier den Schritt, an
dem die Bewohner ihren Trunk holen. So ist's nicht immer gewesen; denn
in der Höhle war ehemals trockner Grund, und sie führte hinab in's Thal,
ja, wie die Sage erzählt, sogar bis nach dem entfernten Grünberg. Daß es
da unten nicht geheuer ist, versteht sich, daß aber da unten auch die
Nonnen ihre Schätze, ihre goldenen und silbernen Abendmahlsgefäße
vergraben hätten, als sie das Kloster verlassen mußten, das war von
jeher im Munde des Volks eine ausgemachte Sache. Kein Wunder, daß die
Höhle oft von Schatzgräbern besucht wurde, und die drinnen gewesen
waren, die erzählten Andern, da unten sei es nun und nimmermehr geheuer,
denn man höre allerlei sonderbare Töne, gleichsam das Stöhnen der
Geister, die die Schätze bewachten, und wer die zu citiren verstünde,
dem wäre geholfen.
Als Justus an dieser Höhle vorbeiging, und zufällig einen Blick
hineinwarf, drang der Schein eines Lichtes aus der Tiefe zu ihm herauf.
Betroffen ging er weiter; schämte sich aber bald seiner Angst, kehrte
zurück, und blickte wiederholt in die Tiefe. Jetzt drang der Ton einer
Menschenstimme an sein Ohr, und das bewog ihn, genauer hinab zu sehen.
Nach einigen Minuten wagte er sich sogar in die Oeffnung, und schritt
leise einige Tritte hinab. Das Gewölbe war von mehreren Laternen
erhellt. Um einen Kreis von Männern, die mit dem Gesichte nach dem
Mittelpunkt gekehrt waren und mit gesenktem Haupte da standen, ging
Einer mit einem irdenen Rauchfaß umher, und erfüllte mit einem
übelriechenden Dampf das ganze Gewölbe. In der Mitte des Kreises stand
ein Mann, mit einem weißen Hemde über den Kleidern und einer Kappe von
Papier auf dem Haupte, vornen weiß, hinten schwarz, mit sonderbaren
Figuren bemalt. Um ihn her war ein Kreis gelegt von weißem Papier,
wieder mit Figuren bemalt, und der Mann in der Mitte hatte eine
Wünschelruthe von Messing in seiner Hand, drehte sich bald da- bald
dorthin, und murmelte allerlei Zaubersprüchlein vor sich hin, die von
den andern wiederholt wurden. Plötzlich schwieg Alles, das Rauchwerk
dampfte stärker, und mit lauter Stimme rief der Beschwörer, indem er die
Ruthe auf der Spitze seines Mittelfingers in's Gleichgewicht brachte:
»Ich Johannes beschwöre dich Ruthe bei allen denen über dich
gesprochenen Worten Adonai, Agla, Tetragrammaton, daß du mir richtig
antwortest, durch deinen vorwärts ziehenden Ruthenschlag, wo der
verborgene Schatz liegt. Und dich allerheiligsten Engel und Fürsten
Ariel des Elements der Erden, bitte und beschwöre ich, daß du diese
meine Ruthe führest und leitest, durch Adonai, Agla, Tetragrammaton,;
dieses sollt ihr helfen all' ihr heilige Chöre der Engel durch den Engel
aller Engel Jesum — Christum, in Nomine Patris † et Fili † et Spiritus
Sancti † Amen.«
Erstaunt über diese Gotteslästerung, und heftig erschreckt, wollte
Justus sich eben schweigend zurückziehen, als er sich plötzlich von
hinten am Kragen gefaßt und niedergeworfen fühlte. Im Nu füllte sich das
ganze Gewölbe mit Strickreitern, Amtsdienern und Bauern. Die Leuchten
erloschen, und Freund und Feind wälzten sich in buntem Knäul auf einem
Haufen umher. Da und dort entwischte Einer; und als man Lichter
herbeibrachte, so hatte Mancher statt eines Schatzgräbers einen von der
Wache erfaßt und aus dem Gewölbe geschleppt. Der den Justus gefaßt
hatte, leuchtete ihm in's Gesicht, — es war der Rathhausdiener von
Grünberg, — und rief: »Dachte ich's doch, Schulmeister, daß ihr auch
unter den sauberen Vögeln wäret. Hab' euch längst auf dem Strich gehabt,
und es den Herrn vom Rath versprochen, den Justus krieg ich gewiß auch
einmal, wo er sich's am wenigsten versieht. Kalendermänner und
Schatzgräber sind allezeit Gebrüder und des Teufels Diener.«
Der erschrockene Mann mochte seine Unschuld betheuern, wie er wollte,
mochte der Seinen Angst, wenn er nicht heim komme, noch so lebhaft
schildern, es half Alles nichts. Man schleppte ihn mit nach Grünberg,
und steckte ihn mit den Schatzgräbern in den Thurm.
Schon mit dem frühsten Morgen erschien Dorothe vor dem Amtmann, und kurz
nach ihr der treue Hausfreund Elias Büttner. Beide gaben sich alle Mühe,
den Richter von der Unschuld des Gefangenen zu überzeugen, baten
wenigstens um seine Freilassung, damit ihm der Schimpf erspart werde,
aber es half nichts; die kurze Antwort lautete: »Mitgefangen,
mitgehangen.« Das war ein schlechter Trost. Und was die Sache noch
verschlimmerte, war, daß die Schatzgräber aus purer Bosheit den Justus
als Einen von Ihresgleichen angaben, und sich an seinem Schmerze labten.
Dazu war der Kranke, den Justus an jenem Unglücksabend besucht hatte,
gestorben, und die Seinen waren über den Trauerfall so bestürzt, daß sie
sich in ihren Aussagen widersprachen; kurz, der redliche Justus, der
alles Schatzgräberwesen verachtete, und alle Gemeinschaft mit diesen
Leuten vermied, saß jetzt als Mitgenosse im Gefängniß, und hatte kein
Mittel, seine Unschuld zu beweisen. Denn was er auch vorbrachte, sich zu
rechtfertigen, da hieß es immer: Er habe schon lange in bösem Verdachte
gestanden, als treibe er Teufelswerk, denn er trage den Namen
»Kalendermann« nicht umsonst.
Daheim war Herzeleid ohne Gränzen; und so oft auch Dorothe den Ihren
Trost einsprach, und sie auf Hiob's Wort hinwies: »Der Unschuldige wird
vom Herrn errettet werden«, so bedurfte sie des Trostes doch selber,
denn sie sah kein Ende dieser langen, schmählichen Gefangenschaft. Da
war eines Morgens Selma verschwunden. Mutter und Geschwister meinten,
sie sei nach Grünberg gegangen, den Vater zu besuchen, wie sie oft that,
und ihm Trost in sein unverdientes Gefängniß zu bringen. Als aber der
Abend kam, und das Mädchen nicht heimkehrte, da gesellte sich eine neue
Angst zu der alten. Doch am folgenden Abend, als man zu Nacht läutete,
kam sie wieder und mit ihr der Vater. Aber wer beschreibt die Rührung
Aller, als Justus sein Pflegkind an der Hand nahm und also sprach: sehet
hier meinen Engel und Retter! Dieß Kind hat, vertrauend auf den starken
Gott, der einen Daniel von der Löwen Rachen schützen kann, mich befreit
durch nichts, als durch das Wort der Wahrheit aus Kindesmund. So hab'
denn Dank, du mein Kind, für dein Wort zur rechten Stunde; du hast
reichlich vergolten, was ich an dir gethan. Uns alle aber lasset Gott
danken auch für diese Anfechtung, und ihn bitten, daß er sie uns helfe
vollführen, denn noch ist der Böse geschäftig, Unkraut zu streuen.«
Und so war es wirklich. Denn gerade Selma's fromme That der Kindesliebe
hatte die Sache des Schulmeisters nur verschlimmert. Auf die Freiwerdung
des Vaters hatte das gute Kind es abgesehen, und die erlangte es auch,
aber es hatte dem bittersten Feinde der Aeltern, dem Gerst, die neue
Noth der Familie geklagt, und der baute darauf einen neuen teuflischen
Plan. Wie Selma an jenem Morgen, wo sie heimlich das Aelternhaus
verlassen hatte, um für ihren Vater zu bitten, an der Mauer des
Kirchhofs, der vor Gießen liegt, hinging, da trat das Bild ihrer
mütterlichen Freundin, der alten Lindin, lebhaft vor ihre Seele, und
sie wünschte ihr Grab zu sehen, um auf ihm sich Stärke für ihren sauren
Gang zu erbeten. Der Todtengräber grub an der Mauer ein neues Grab, und
gab dem Mägdlein auf seine Frage nach dem Grab der Mutter Lindin
freundlichen Bescheid. »Seht dort«, sprach er, »dort, wo die Aeste der
Linde über die Mauer herüberhängen, liegt die Alte. Gott hab' sie selig.
Das war ein Weib nach dem Herzen Gottes, beides bei Alt und Jung wohl
gelitten. Ich bin nun schier 36 Jahre Todtengräber hier in der Stadt;
und wenn sie Einen nach dem Andern hier herausbringen, dann überdenk'
ich so dieß und das aus ihrem Leben, denn es denkt mir schon lange, und
vor allem an das Sprüchlein denk' ich: »Herr, lehre uns bedenken, daß
wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.« Als sie die alte Lindin
heraustrugen, da konnt' ich nichts bedenken, als dieses: »Meine Seele
müsse sterben des Todes der Gerechten, und mein Ende werde wie dieser
Ende.« — Du weinst, mein Töchterlein? Nun weine immerhin, solch' Thränen
sind köstliche Perlen auf ihrem Grab. Hast du sie gekannt wie ich, und
ihre Liebe erfahren, wie ich und die Meinen, dann weißt du, daß der alte
Kramer die Wahrheit sagt. — Doch komm' mit; meine Arbeit ist für jetzt
hier gethan, und ich muß den Kirchhof schließen. Willst du zur Stadt, so
gehen wir ein Weilchen mit einander, und reden noch ein Wörtlein von der
alten Lindin.«
Das thaten sie denn, und bis sie zum Thore der Stadt kamen, wußte auch
der alte Kramer den Kummer im Hause des Schulmeisters, und versprach dem
Mädchen seine Hülfe. Er führte sie zu Diesem und Jenem, von dem er sich
eine Hülfe für den Schulmeister versprach; und ehe Mittag ward, konnte
Selma schon mit einem Schreiben nach Grünberg aufbrechen, in welchem
dem Amtmann bedeutet ward, den Gefangenen bis auf weiteren Befehl frei
zu geben. — Aber der alte Kramer hatte sie auch zu dem Rath Gerst
geführt, und dieser, der mit der Untersuchung nichts zu thun hatte, und
wahrscheinlich auch sobald nichts von ihr erfahren hätte, gab die
schönsten Vertröstungen mit dem Munde, im Herzen aber erwog er böse
Tücke.
Was in aller Welt scheint einfacher, als die Untersuchungssache gegen
den Kalendermann! rufst du wohl aus, lieber Leser. Aber bedenke, unsere
Geschichte spielt vor etwa 100 Jahren und das Rechtsverfahren war damals
nicht so geregelt, wie heut zu Tage, und das sogenannte Menschliche
hatte oft einen solchen Einfluß auf die Richter, daß noch viel
einfachere Sachen verwickelt, und noch viel Unschuldigere, denn unser
Justus, für Schuldige gehalten wurden. Denn was gegen ihn sprach, das
war die Meinung Vieler, die hinter dem Namen Kalendermann etwas
Absonderliches suchten; und dann war er mit den Schatzgräbern gegriffen
worden, und diese legten manch' falsch Zeugniß gegen ihn ab. Man verfuhr
mit großer Strenge gegen die ganze Bande, unter welcher viele Ausländer
sich befanden; die aber aus der nächsten Nähe, auf welche es
hauptsächlich abgesehen war, der Schreinerkaspar und der Herr
Fleischhauer, waren entflohen.
Unser Justus war nun zwar frei, aber fast jeden Tag ward er zum Verhör
vorgeladen, und der Amtmann that nichts, um ihm diese sauren Wege zu
erleichtern, und ging ihn oft so hart und grausam an, daß er oft fast
die Geduld in diesen ungerechten Verhören verlor. Ueber sein ganzes
früheres Leben wurden ihm Fragen vorgelegt, manche so verfänglich, daß
man offenbar sah, es sei auf seinen Fall abgesehen. Niemand kannte sein
früheres Leben nach allen seinen Einzelheiten, als der Gerst, nur von
ihm konnten die Aufhetzungen herrühren. Aus zuverlässiger Quelle erfuhr
sogar der gequälte Mann, daß der Gerst mehrere Reisen nach Grünberg
unternommen habe, um den Amtmann völlig zum ungerechten Urtheil zu
stimmen.
Da war denn Trauer im Hause des Schulmeisters, aber doch eine andere,
als sie in solchem Falle in den Häusern Vieler zu sein pflegt. Sein
Glaube glich nicht dem Haus auf Sand gebaut, das jeder Windstoß des
Schicksals zertrümmern konnte, sondern er war auf Felsen gegründet, und
mit ihm überwand er die Furcht vor der Zukunft. Was aus ihm und den
Seinen werden sollte, wenn man ihn von Amt und Brod triebe, das bedachte
er nicht mit menschlicher Sorge, das befahl er dem treuen Gott, dem er
von ganzem Herzen diente. Täglich betete er mit den Seinen seinen
Lieblingspsalm: »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln«, und
es gab Stunden, wo in der schwerbedrängten Familie eine Glaubensfreude
herrschte, die sie früher in besseren Tagen nicht gekannt hatten.
Doch die Noth ging damit nicht zu Ende, sie stieg vielmehr von Tag zu
Tage. Es kamen eine Menge Beschuldigungen zum Vorschein über die Art
seines Schulunterrichts, über die Behandlung der Kinder, ja sogar
über seine Rechtgläubigkeit. Das meiste Gewicht legte der
Untersuchungsrichter auf die Beschuldigung, daß der Schulmeister
mehrmals unter der Predigt den Gottesdienst verlassen und im
Universitätswäldchen nach Holzfrevlern gespäht habe. Mußte diese
Beschuldigung nicht furchtbar für einen Mann von des Justus frommem Sinn
sein! Und doch schienen gerade in diesem Punkte seine Neider recht zu
haben. Ja, der Schulmeister war wirklich mehrmals unter der Predigt aus
der Kirche weggegangen; aber nicht um seines Dienstes als
Universitätsförster zu warten, sondern um daheim nach seinem kranken
Weibe zu sehen. Dorothe lag an schwerer Krankheit darnieder, und die
Angst um sein geliebtes Weib hatte ihn zweimal seiner Pflicht vergessen
lassen und ihn heimgetrieben, ehe die Predigt vollendet war. Immer hatte
er sich vorgenommen, sein Unrecht, das ihn in ruhiger Zeit bitter
schmerzte, seinem Pfarrer zu gestehen, aber andere Sorgen hatten den
Vorsatz wieder verdrängt, und jetzt wurde ihm diese That der Liebe zum
Verbrechen gemacht. Keine Betheurung half, und der Gerst schürte das
Feuer seines Verderbens, daß es in lichten Flammen über der
unglücklichen Familie zusammen zu schlagen drohte.
Eines Tages als der Druck der Trübsal wieder einmal recht fühlbar wurde
im Hause des Schulmeisters, als Krankheit und Mangel drinnen herrschte,
und man in jedem Eintretenden einen Unglücksboten fürchtete; da trat
Heinrich vor seinen Vater hin und sprach also: »So manchmal hab' ich
bisher euch und die Mutter gebeten, ihr möchtet mich ziehen lassen, daß
ich draußen mein Brod mir suche, das im Aelternhause gar zu knapp ist.
Ihr kennt mich wohl, Vater, und wisset, daß ich nicht hinaus möchte, auf
daß ich eurer Zucht los würde, sondern lernen möchte ich, was mir noch
fehlt, in welchem Dienst und Beruf es auch sei, und mein Brod mir selbst
erwerben. Allen euren Gründen und Vertröstungen habe ich mich bis dahin
schweigend unterworfen, aber die Noth wächst in unserm Hause von Tag zu
Tage, und ich schäme mich, irgend einem Menschen in's Angesicht zu
sehen; es ist mir, als dächte Jeder, der mich ansieht: Es ist des
Schulmeisters Heinrich doch alt genug, sein Brod sich zu verdienen, was
sitzt er daheim und gehet müßig! Müßig bin ich nun zwar nicht gegangen,
sondern habe euch im Haus und in der Schule nach meiner Kraft gedient;
auch so Vieles von euch gelernt, das ich endlich einmal zu Markt bringen
möchte. Hier bringe ich's zu nichts. Der Schreiberdienst in Gießen ist
mir wieder genommen worden, obgleich ich ohne Klagen trug, was zu tragen
war, und es scheint fast, als habe die ganze Welt sich gegen uns
verschworen, und helfe mit, unser Grab zu graben. Laßt mich weg, Vater,
laßt mich weg; vielleicht gibt der liebe Gott mir die Gnade, euch von
draußen her helfen zu können.«
»Heinrich«, sprach der Schulmeister tief bewegt, »seit wir dich haben,
war es allezeit mein Vorsatz, dir das Leben leichter zu machen, als
deines Vaters Leben gewesen ist. Aber ich sehe wohl, ohne die Wander-
und Wartezeit bringt's heut zu Tag kein Sohn zu etwas, nicht einmal zu
einem ehrlichen Stück Brod. Geh' denn hinein zu der Mutter, und gibt die
ihren Segen zu deinem Vorhaben, so nimm in Gottes Namen dein Reisebündel
auf den Rücken und ziehe aus. Aber Kind, mach' die Mutter nicht weich,
sie leidet ohnehin mehr als wir Alle.«
Heinrich blieb lange am Krankenbett der Mutter. Was die Mutter mit dem
Sohne gesprochen, wie sie geweint mit einander, und mit einander
gebetet, das hat Niemand gehört, denn der Herzenskündiger im Himmel.
Aber es muß einen Frieden geben, der über aller Menschen Vernunft ist;
denn als Heinrich in seine Dachkammer ging, sein Bündel zu schnüren, da
lag Dorothe still betend auf ihrem Lager, und Heinrich war gefaßter,
denn die Schwestern, gefaßter selbst als der Vater.
»Hier, Heinrich«, sprach der Schulmeister, »ist dein Zehrgeld für den
heutigen Tag, für Morgen muß der schon sorgen, der die jungen Raben
nähret. Da nimm auch, daß du den rechten Versorger nicht vergissest,
das Gebetbüchlein mit, das ich schon lange für dich abgeschrieben habe,
wenn du uns einst verlassen müßtest. Wie es da drinnen steht, so hab'
ich und mein Haus bis dahin dem Herrn gedienet, diene du ihm auch also,
daß wir in _einer_ Zunge und in _einem_ Geiste zum Vater treten. Sei und
bleib' in der Furcht Gottes, die der Weisheit Anfang ist. Fleuch die
Lüste der Jugend, und schaffe mit deinen eignen Händen. Laufe denn mit
Geduld in den Kampf, der dir verordnet ist, und wisse, es wird Keiner
gekrönt, er kämpfe dann recht. Der rechte Kampf gibt die rechte Krone,
und die sei dein und unser köstlich Gut, wenn wir uns wiedersehen. Der
Gott deiner Väter, der niemals einen Justus verlassen hat, der segne und
behüte deinen Aus- und Eingang um Christi willen. Amen.«
Wie nun die Schwestern, die Eine dieß, die Andere das noch in's
Reisebündel hineingeschoben hatten, wie sie Alle unter viel Weinen am
Halse des Bruders gehangen hatten; da kam auch der Schulmeister noch
einmal herein und sagte: »Heinrich, nimm auch die Geige mit dir. Als
Spielmann sollst du nicht durch die Welt reisen, denn das ist ein leicht
verdient Stück Brod und gedeiht nicht. Aber wie David des Saul bösen
Geist mit Saitenspiel dämpfte, so kann deine Geige in der Zeit der Noth
manches Menschenherz weicher machen zur Liebe gegen dich.«
* * * * *
Eine Stunde vom Veitsberg, hart am Wege, der nach Gießen führt, liegt
ein hoher, schlanker Berg, die Nonne geheißen. Von da aus übersieht man
die ganze Gegend auf weit und breit. Lieblich ist der Ort und schattig
durch hohe Kiefern. Diese Höhe bestieg Heinrich. Unter den
herabhängenden Aesten sitzend, nahm er aus der Tasche das
Haus-Betbüchlein seines Vaters und schlug das Reisegebet auf. O wie ward
ihm so wohl dabei! Es waren seines guten Vaters Worte, die er las, es
war seines Gottes Wort, das ihm Trost in die Seele goß. Wie fest prägten
sich die Worte seiner Seele ein: »Ich bitte Dich, erhalte mich bei
Deinem Wort, daß ich nicht abweiche vom rechten Wege des ewigen Lebens.
Führe mich auf den Steig Deiner Gebote und behüte mich vor unrechtem
Glauben.« Wie herzlich ward sein Vertrauen durch die Worte des Gebetes:
»Du wollest auch Deine heiligen Engel mir zugeben, ihnen Befehl thun,
daß sie mich hüten auf allen meinen Wegen; daß sie mich führen auf
rechte Straße, auch mich gesund und frisch wieder anheim zu den Meinigen
bringen.«
Neu gestärkt erhob sich der Jüngling. Nun noch ein Blick auf die liebe
Heimath, und dann hinaus auf die Wanderschaft!