14. Die Versuchung.

Jahre sind indessen hingegangen, und um die Pfingstzeit, die so lieblich

ist auf diesen Bergen, kehren wir wieder einmal ein im Hause des

Schulmeister Justus. Noch finden wir die lieben Menschen alle vereint,

aber doch ist's nicht ganz wie ehemals. Die Kinder sind herangewachsen:

Heinrich zu einem stattlichen Burschen, die Töchter zu blühenden

Mädchen, und still und in sich gekehrt sitzt Selma in einer Ecke der

Stube, und auf ihre Bibel, in der sie lies't, fallen von Zeit zu Zeit

Thränen. Sie weiß selber nicht, wie ihr geschieht. Es ist morgen der Tag

ihrer Confirmation. Die Gespielinnen suchen Blumen und schmücken die

Kirche, und freuen sich des Tages, der ihrer wartet, und haben die

Freundin eingeladen, Theil an ihrer Freude zu nehmen. Aber Selma hat

keinen Sinn mehr für die Blumen, die sonst ihre Lieblinge gewesen, und

sie denkt des morgenden Tages nicht mit Sehnsucht, nur mit Angst, denn

ein schwerer Kummer lastet auf ihrem Herzen. Und der Kummer hat Alle

weich gemacht, Aeltern und Geschwister zugleich.

Denn wie sie heute aus der Beichte gekommen, da hat Mutter Dorothe sie

allein genommen, und hat ihr Alles erzählt, was sie noch nicht gewußt,

hat ihr Vater und Mutter genannt, und ihren eignen Namen, den sie noch

nicht gekannt, und hat ihr Taufschein und Angedenken ihrer Mutter

gegeben, und unter viel Thränen zu ihr gesprochen: »Liebe Selma, wir

haben lange mit uns gekämpft, ob wir dir sagen sollten, du seiest nicht

unser Kind, oder ob wir dich in deinem Glauben lassen sollten. Denn mein

Herz wollte mir springen bei dem Gedanken, du möchtest uns fremder

werden, und kein Genügen mehr bei uns finden, wenn du wüßtest, daß du

fremder, reicher Leute Kind seiest. Aber Justus meinte, jetzt oder nie

sei die Zeit gekommen, wo du solche Nachrichten hören könntest. Du

sollst unser bleiben, unser liebes Kind, wie du bisher gewesen bist, so

lange es Gott gefällt, dich uns zu erhalten; aber es könnte ja sein

Wille sein, daß deine Aeltern bald kämen, und dich von uns nehmen

wollten, und dann wäre dein Herz vielleicht weniger zum Abschied gefaßt,

wie jetzt, wo du Alles weißt.«

Ob dieser Rede war es dem Mädchen schaurig zu Muthe geworden; es war der

Mutter unter lautem Weinen um den Hals gefallen, und hatte einmal über

das andere Mal gefragt: »Nicht wahr, Mutter, du scherzest nur mit mir,

du bist mein und ich bin dein?« Wie aber Justus auch dazu gekommen, und

ihr voll Ernst und Rührung dasselbe gesagt hatte, da war sie in sich

zusammengesunken, und saß nun still weinend mit der Bibel in der Hand

da, und Niemand wagte sie zu stören, denn Alle wußten, daß ihr Herz

betete zu dem Vater der Waisen um Trost und Stärke. Wie denn der

Pfingstmorgen kam, wie das Geläute der Glocken von allen Dörfern im Thal

heraufschallte, wie die Nachtmahlskinder, mit Blumen geschmückt, und von

ihren Aeltern geleitet, dem Berg heraufschritten zur Kirche, da hing

Selma blaß wie eine Leiche und mit zitternden Händen das goldene Kreuz

ihrer Mutter um den Hals, und wer sie sah, der konnte sich der Thränen

nicht enthalten, dem erschien sie wie eine Einsame, Unbekannte,

Verbannte, Heimathlose mitten unter Glücklichen und Liebenden. Wie aber

das Fest vorüber war, da war auch Selma wie verwandelt. Sie nahm das

Kreuz wieder von ihrem Halse ab, legte es in die Hand Dorothea's und

sprach: »Mutter, ich bin und bleibe euer, laßt mich euren Namen führen

auch forthin. Ich begehre nichts, als euer Kind zu sein, denn das bin

ich ja, da ihr mich aufgezogen habt in der Zucht und Vermahnung zum

Herrn, bis auf diesen Tag.«

Und es war Freude im Hause des Schulmeisters, und das Pfingstfest ward

Allen, die drinnen waren, ein Fest des heiligen Geistes.

* * * * *

Ich sagte vorhin: Es waren Jahre hingegangen, und es war nicht ganz wie

ehemals im Schulhause auf dem Veitsberg, die Kinder wuchsen heran, und

waren gut geartet, aber Nahrungssorge war eingezogen. Die Besoldung

reichte nicht hin zum Unterhalt und zur Kleidung, und Justus mußte, so

schmerzlich es ihm war, mehrere Nebenämtchen übernehmen, deren eines,

das Amt eines Universitätsförsters, ihm vielen Verdruß bereitete. Es

stößt an den Veitsberg ein Wald, der der Universität Gießen gehört, und

über diesen übernahm Justus die Aufsicht. That er nun, was seines

Dienstes war, hielt er Ordnung im Walde und brachte die Frevler zur

Anzeige, so wurden ihm diese gram, und spotteten seiner, wie er als

Schulmeister ein Förster sein könne und legten es ihm als Habsucht aus,

obgleich die Noth ihn nur dazu zwang. Dazu kam noch die Sorge um sein

Weib; denn Dorothe kränkelte beständig, und konnte nicht wie ehemals Tag

und Nacht für der Familie Unterhalt arbeiten. Und obgleich die Töchter

rüstig Hand anlegten, und keiner Arbeit sich schämten, so wollt' es doch

nirgends ausreichen. Die Zeiten waren böse.

Die beständigen Kriege im deutschen Land, die vielen Mißerndten

verteuerten die Lebensmittel, und drückten den Landbewohner sehr. Und

gerade in dieser Zeit sollte Heinrich sich für seinen künftigen Beruf

bilden. Sein Vater hatte treulich für Herz und Geist gesorgt, und ihm

viel Gottesfurcht und Wissen mitgegeben; aber so sehr auch Alle sparten,

daß der Jüngling zur Schule oder zur Lehre hätte abgehen können,

nirgends wollte sich auch nur das Nothdürftigste zurücklegen lassen.

Viele in und um Gießen, an die sich der bekümmerte Vater wandte,

vertrösteten ihn von einer Zeit zur andern; und nicht Wenige wiesen ihn

ganz ab mit dem Bemerken, er sollte den Jungen zu einem Handwerker in

die Lehre thun; man brauche auch kluge Leute in diesem Stande.

Dazu hatte der Gerst wieder Unkraut genug ausgestreut, und ließ nicht

ab, den Justus und sein ganzes Haus zu verdächtigen. Auch waren die

alten Hausfreunde fast sämmtlich gestorben, oder in die Ferne gezogen,

und ihre Stelle war nicht wieder ersetzt worden. Denn so Viele ihrer

aus- und eingingen auf dem Veitsberg, sie hatten wohl schöne Worte auf

der Zunge, aber keine rechte Liebe im Herzen. Der alte Zacharias Storch

von Bolenbach, der Simon Kleinfelder, der gute treue Jäger, die Freunde,

die immer Rath und Trost gehabt hatten, sie waren in die Ewigkeit

eingegangen. Und ihnen war auch die alte Lindin gefolgt. Ihr starkes,

großes Christenherz war im Tode gebrochen, nach dem sie sich schon lange

gesehnt hatte. »Ich habe Lust abzuscheiden, und bei Christo zu sein«,

das war ihr letztes Wort. Auch der Corporal Scheuermann war nicht mehr

in Gießen, sondern hatte anderwärts seinen Dienst. Der Benjamin Laupus

aber war in ein fremdes Land gereis't, weil ihm in der Heimath sein

früheres Leben nicht verziehen ward.

Warum der liebe Gott wohl so viele Freundesgräber um uns aufhäuft, ehe

er das unsere uns bereiten läßt? Ich glaube, daß uns von diesen Hügeln

herab die Lust und Herrlichkeit dieser Welt immer kleiner, dagegen desto

näher der Sonnenaufgang aus der Heimath erscheine, von dannen der Lenz

kommt in's Land der Gräber, und mir ihm das Trostsprüchlein: »Ich will

euch wieder sehen und euer Herz soll sich freuen und diese Freude soll

Niemand von euch nehmen.«

Aus der Zeit stammt wohl das Lied, das wir noch vom Kalendermann haben,

wenigstens drückt es ganz die Stimmung aus, in der er sich damals

befand.

»Eins bitt' ich von dem lieben Gott,

Das bleibt mein täglich Beten,

Dass er mir geb' in Freund' und Noth

Ein Herz, vor ihn zu treten.

Ich nehm' es Alles dankbar hin,

Was mein Gott mir will geben,

Ich preis' ihn mit vergnügtem Sinn

Für Hab' und Gut und Leben.

Doch nehm' er's hin, wenn's ihm gefällt,

Ich will es freudig missen,

Ich weiß ja, daß in dieser Welt

Wir Alles lassen müssen.

Doch jenes Herz, das treu dich liebt,

Das deines Sohns sich freuet,

Das sich im Glauben dir ergibt,

Sich täglich neu dir weihet;

Dieß Herz, o Vater, wollest du

Mir jetzt aus Gnaden schenken,

Dann hab' ich Frieden, hab' ich Ruh'

Will Andres nicht bedenken.

Ein solches Herz wird nimmer ganz

Aus deiner Gnade weichen,

Selbst aus der Sünd' mit hellem Glanz

Wird neu heraus es steigen.

Und solch' ein Herz gib mir, o Gott,

Hilf, Jesu, mir's erwerben!

Was willst du, Welt, mit Noth und Spott?

Eins bleibt mir, _selig Sterben_.«

* * * * *

Es war im Herbste desselben Jahres, als eines Tages der Schreinerkaspar,

oder wie er eigentlich hieß, der Kaspar Greb von Harbach, dessen

Bekanntschaft wir früher schon machten, auf den Veitsberg kam. Das that

er von Zeit zu Zeit, ward aber immer weniger gern im Schulhaus gesehen,

weil er ein unruhiger Geist und ein schlechter Haushalter geworden war,

und sich überhaupt keines guten Gerüchtes erfreute. Der Schulmeister

hatte gethan, was er konnte, seinen Hausfreund auf dem rechten Wege zu

erhalten; aber der Schreinerkaspar gehörte eben zu jenem Menschenschlag,

die sich selbst gerne mit allerlei hochtrabenden Namen benennen, und auf

ihren Verstand viel einbilden, eigentlich aber nichts sind, als

Tagdiebe. Schon vor Jahren hatte er sein Schreinerhandwerk aufgegeben,

und war in der Gegend umhergezogen, die Uhren der Bauern zu repariren.

Durch Nachdenken und Uebung hatte er sich viele mechanische Kenntnisse

erworben, und benutzte dieselben zur Bildung von verschiedenen

Kunstwerken; aber weil er über solcher Düftelei Handwerk und Ackerbau

versäumte, so gerieth er mit Weib und Kind in die drückendste Armuth.

Das kümmerte ihn indessen nicht, und änderte nichts in seiner

Lebensweise, er machte nach wie vor Uhren, und ließ Weib und Kind im

Elend und in der Bettelei. Auf seinen Streifereien in die Nähe und

Ferne war er mit andern Gleichgesinnten zusammengetroffen, und es hatte

keine große Mühe gemacht, ihn in eine Schatzgräberbande hinein zu

ziehen. Man gab ihm Bücher zu lesen, wie wir sie früher geschildert

haben, und seine lebhafte Einbildungskraft entzündete sich dermaßen, daß

er in jedem alten Gemäuer und in jeder Kirche einen vergrabenen Schatz

witterte. Da er in diesen Büchern auch geheimnißvolle Andeutungen über

den Einfluß der Gestirne auf das Heben der Schätze fand, so richtete er

sein Augenmerk auch auf den Kalendermann, und hoffte zuversichtlich,

auch den für seine Pläne zu gewinnen.

So kramte er denn in's Lange und Breite seine ganze Weisheit vor dem

Schulmeister aus, und fragte namentlich, was er von den Astralgeistern

halte, und welche Zauberformeln und Sprüchlein er kenne, um diese

Geister sich zu Dienst zu machen.

»Kaspar«, sagte der Schulmeister, »eure Rede verstehe ich nicht, weiß

überhaupt nicht, wie solch' faules Geschwätz aus dem Munde eines

Christenmenschen kommen kann. Mein geringes Wissen beschränkt sich nur

auf das, was ich über den Gang und Lauf der Gestirne von andern

Sternkundigen gelernt, und durch eigne Beobachtung und Berechnung mir

angemerkt habe. Darnach sind Sonne, Mond und Sterne Lichter an der Beste

des Himmels oder Werke des großen Baumeisters, die da scheiden Tag und

Nacht, und geben Zeichen, Zeiten, Jahre und Tage. Da sie das sind, so

regieren sie wohl die Welt, die wir bewohnen, sind auch wohl dienstbare

Geister, gemacht zum Dienst um Deren willen, die ererben sollen die

Seligkeit, da sie uns Gott kennen und seine große Oekonomie bewundern

lehren, und uns verlangend machen nach dem Licht, das droben ist, in

das nicht eingehen kann irgend etwas Unreines und Beflecktes. Aber von

euren Stern- und Astralgeistern weiß ich nichts, denn es steht davon

nichts in heiliger Schrift.«

»Ihr habt Recht«, sagte der Kaspar darauf, »aber wisset ihr denn nicht,

daß es neben der Weisheit, die in heil. Schrift steht, noch eine andere

gibt, die den Patriarchen und Propheten und Aposteln und vielen Weisen

der Vorzeit ist insgeheim mitgetheilt worden, und die sich so von

Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt hat, gleichsam auch als ein

heilig Wort neben dem geschriebenen? Diese Weisheit aber ist nicht

Jedermanns Ding, sondern nur der Auserwählten und insonders Begnadigten,

die da lehret einschauen in die Tiefen und Abgründe aller Dinge, die im

Himmel und auf Erden sind, und mittelst des wahren Schlüssels

aufschließen alle Schätze in der Höhe und in der Tiefe.«

»Hört, Kaspar«, sprach der Schulmeister mit tiefem Ernst, »jetzt

verstehe ich euch, aber jetzt warne ich euch auch, wohl vor euch zu

sehen, daß euch der Stein der Weisen, den ihr suchet, nicht zum Stein

des Anstoßes werde. Ihr treibet Fürwitz mit dem heiligen Bibelbuch. Wohl

weiß ich, daß es dort im Hiob heißt: »Ach, daß Gott mit dir redete, und

thäte deine Lippen auf und zeigte dir die heimliche Weisheit;« wohl

kenne ich das Sprüchlein aus David's Bußpsalm: »Du lässest mich wissen

die heimliche Weisheit;« aber solche heimliche Weisheit ist nichts

anders, als was der Geist Gottes einem Jeden gibt, der darum bittet,

nämlich immer tiefere Erkenntniß von Gottes väterlichem Rath, daß in

keinem Andern Heil sei, denn in Christo Jesu. Der ist und bleibt der

wahre Stein der Weisen, und daran hebt, so lange ihr lebt. Denn diese

Weisheit, die von oben kommt, die ist am ersten keusch, darnach gelinde,

lässet ihr sagen, voll Barmherzigkeit und guter Früchte.

»Alles ganz gut, was ihr da sagt, Schulmeister«, hub der Schreinerkaspar

wieder an, »aber widerspricht eurem Worte nicht die Erfahrung? Diese

heimliche Weisheit, die ihr verwerft, hat doch schon Wunderdinge gethan.

Sie hat Etliche zur glücklichen Auffindung des Lebenselixirs gebracht,

daß sie ihr Leben in's Unglaubliche verlängert haben; sie hat Etliche

das Goldmachen gelehrt, daß sie so reich geworden sind, wie Keiner vor

ihnen; sie hat den Weg gezeigt, wie Etliche manch' schönen vergrabenen

Schatz zu Tage gebracht haben, der sie Zeitlebens von aller Sorge

bewahrte.«

»Alles nichts als Wind und Aufschneiderei«, sagte trocken der

Schulmeister, »womit Einer den Andern betrügt, ihm sein Geld aus der

Tasche lockt, und hinten drein in's Fäustchen lacht. Sagt selbst,

Kaspar, was ist bei allen Schatzgräbereien, die wir bis jetzt erlebt,

herausgekommen? Wie ist's denen dort im Gartenhäuschen bei Gießen

ergangen? Man hat sie am Morgen mit umgedrehten Hälsen gefunden. Was hat

der Dreher Müller in seiner Schachtel gefunden, statt des Goldmännleins,

das sie ihm hineinzuzaubern versprochen? So wahr ich lebe, nichts als

eine todte stinkende Ratte! Was haben die Schälke dem dummen Pachter

dort in der Wetterau, der schier eine Meste weißer Sommerkälber

einfangen ließ, damit sie sich bei ihm in Ducaten verwandelten, was,

sage ich, haben sie ihm zurückgelassen? Einen leeren Beutel und ein bös

Gewissen, und Hunger und Kummer im Hause.«

»Je nachdem man's angreift«, antwortete der Kaspar; »wer den Gaul am

Schwanz aufzäumt, der kann auch hierbei nicht fortkommen. Man muß nur

die Sache recht anzugreifen wissen. Und, mein' ich denn, unsere Herrn

Kameraden verstehen das Ding; sie sind nicht alle auf den Kopf gefallen.

Wir haben sogar Etliche darunter, vor denen ihr, Herr Schulmeister, den

Hut abthun müßtet; verstehe das also, daß sie, gleich wie ihr,

Wissenschaft haben von Allem droben am Himmel und hier unten auf Erden.«

»Das glaub' ich gern«, sagte Justus heiter lächelnd, »daß sie mehr

wissen als ich, denn mein Wissen blähet mich nicht; aber kennen möchte

ich wohl den Hauptinhalt ihrer Wissenschaft, wäre es auch nur, um zu

lernen, was mir noch fehlt.« »Nun mit einem Stücklein davon«, war des

Kaspars Antwort, »kann ich euch wohl dienen. Kennt ihr die Geister der

sieben Planeten?« »Nein«, war Justus Antwort; »die Planeten kenne ich,

aber ihre Geister nicht.«

»Dann kann ich ihre Namen euch auch nicht nennen«, sagte der

Schreinerkaspar, »wenigstens heute nicht, denn der Tag ist nicht

günstig. Wisset nur vor der Hand, daß diese Geister es sind, die alle

Witterung in der Luft wirken und zu der Geburt aller mineralischen,

vegetabilischen und animalischen Essentien ihre Kräfte geben. Daher muß

man mit solchen himmlischen Intelligenten in geheime Kundschaft treten,

und beobachten, welcher Planet über irgend eine Kraft sein Dominium

habe. Wenn ich nun weiß, welcher Planet regieret, so muß ich mich mit

seinem Geist heimlich besprechen, welches geschieht, wenn ich mein

Sinnen und Verlangen auf ihn richte. Dann theilt sich mir des Planeten

Geist mit, welches sich kund thut durch ein Getön wie mit einer

Schellen. Hörst du das, dann mußt du ein Glöcklein bei dir haben, damit

du könnest die Losung geben, daß du zu hören bereit bist. Hiernächst

wird dich bald eine Exstasis überfallen, in welcher dir Alles gegeben

wird, was du begehrest: Weisheit, Schätze, Güter. Das Glöcklein muß aber

gar magisch bereitet werden. Auf seinem Schwengel muß stehen: Adonai,

auf seiner Rundung: Tetragrammaton und auf seiner Handhabe: Jesus.

Außerdem weiß ich noch Manches, aber erstlich darf ich's euch, als einem

Uneingeweihten, nicht sagen, und dann versteht ihr's auch jetzt noch

nicht, thut wenigstens so. Könnt ich euch für uns gewinnen,

Schulmeister, ich weiß nicht, was ich euch zu Lieb' thäte; ihr wäret

ganz unser Mann.«

»Wollt ihr mir was zu Lieb' thun, Kaspar«, sprach der Schulmeister, »so

laßt's für heute genug sein mit dieser unnützen Rede. Mein Gewissen

beißt mich schon, daß ich diesem gotteslästerlichen Gerede mein Ohr

geliehen habe. Geht doch heim, Kaspar, und nehmt wieder Hammer und Säge,

und arbeitet für Weib und Kind, die bereits auf der Bettelfahrt

begriffen sind. Es ist ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässet

ihm genügen, und im Schweiße des Angesichtes sein Brod isset; wer aber

der Narren Geselle ist, und nach Schätzen sucht, der wird Unglück

haben.«

»Schulmeister«, antwortete der Schreinerkaspar mit großer Heiterkeit,

»stellt euch nicht so zimpferlich, wie ihr thut. Euren Unglauben nehme

ich euch nicht übel, denn gerade so war es bei mir ehemals; aber ihr

gerade solltet am wenigsten gegen das Schatzgraben etwas einwenden, da

euch, wie ich weiß, die Güter dieser Welt eben so Noth thun, denn mir.

Faßt einmal Muth und gesellt euch zu uns; gelingt, was wir eben

vorhaben, dann sind wir Alle versorgt auf Zeit Lebens, und ihr mit, wenn

ihr von der Compagnie seid.«

»Hab' ich euch je geklagt, Kaspar«, war des Schulmeisters Antwort, »daß

es mir übel gehe, und je gewünscht, reich zu werden? So lange mir mein

Gott einen genügsamen Sinn läßt, worum ich ihn täglich anflehe, bin ich

reich genug, und werde auch lernen, die Ungeduld des Fleisches zu

überwinden und mich der Trübsal zu rühmen. Wie ich es aber anfange, und

meine Dorothe mit mir, um in der Genügsamkeit mich zu üben, davon,

Kaspar, hört ein Pröbchen. Neulich komme ich just dazu, wie Dorothe die

Hühner füttert, und bemerke eins darunter, das gewaltig gluckst, ja

schier kräht wie ein Hahn. Dorothe, sag' ich und deute auf das Thier:

Wenn das Huhn fängt an zu krähen, magst du ihm den Hals umdrehen. Dazu

kann Rath werden, sagt' sie, zudem hat das Huhn ausgelegt, und

übermorgen ist Sonntag. Wie ich nun Sonntags aus der Kirche komme, da

fällt mir auch das Huhn wieder ein, und die Suppe, die davon gekocht

werden sollte, (ich hatte auch wohl früher schon etliche Male daran

gedacht,) und sagte schmunzelnd zu mir selbst: »Justus, heute issest du

Hühnersuppe und ein Stücklein Fleisch darein«, und der Mund begann mir

zu wässern. Wie wir nun sitzen, und Dorothe die Teller füllt, da kommt

eitel Mehlsuppe zum Vorschein. Nun, denk' ich, das Huhn kommt noch nach,

etwa gebraten oder gekocht, und tröstete mich. Aber statt des Huhns

kommt ein Eierkuchen. Da sah ich Dorothe an, und sie verstand meinen

Blick und lächelte und sagte: Ich habe das Huhn um zehn Albus verkauft

und dafür dieß und das in's Haus geschafft, das fehlte; versuch's

einmal, Lieber, ob's auch so thut! Und ich lachte und Dorothe mit und

die Kinder auch, und hat uns unser Mittagsbrod gar trefflich geschmeckt.

Da hab' ich abermals gelernt, was der Apostel sagt: »Lasset euch

begnügen mit dem, das da ist.«

Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk · 第 18 / 25 题