»Es ist kein Dörflein so klein,
Ein Hexenmeister muß drin sein.«
Dieses Sprüchlein, das aus dem Volke hervorgegangen ist, wird durch die
Erfahrung bestätigt. Man wird noch heute nicht leicht ein Dorf finden,
in welchem nicht Einer wohnte, von dem man sagt: »Er kann etwas.« Was er
aber nach der Meinung der Leute kann, oder zu können vorgibt, das ist,
daß er dem Vieh in Krankheiten zu helfen weiß mit allerlei
Hausmittelchen, auch wohl dem Herrn Doctor in's Handwerk pfuscht, und
allerlei Tränklein bereitet, und Pillen dreht, die der Kunst zu Schaden
und Schande manchmal helfen, da sie mit vollem Glauben genommen werden,
und so diesen Winkeldoctoren den Zulauf beständig erhalten. Unter ihnen
sind aber auch nicht Wenige, die dem Glauben des Volkes noch mehr
zusagen, indem sie durch ihr bloßes Wort, durch allerlei Sprüchlein, in
denen der Name Gottes nicht selten gemißbracht wird, Blutungen stillen,
behextes, d.h. krankes Vieh kuriren, Diebe ausfindig machen, ja bannen
und festmachen können gegen Hieb und Stich. Da mögen hundert Täuschungen
und Betrügereien an den Tag kommen, da mag man eifern, wie man will, und
durch alle mögliche Gründe der Vernunft und des Christenglaubens das
Uebel an der Wurzel angreifen, die Sache bleibt und wird bleiben noch
manches Jahr. Der ganzen Erscheinung, die man schlechthin Aberglauben
nennt, liegt das Bestreben zu Grunde, sich mit der Geisterwelt in
Verbindung zu setzen, denn nicht alle diese Hexenmeister sind Betrüger,
sie sind viel häufiger Betrogene, denen der Muth bei jedem Gelingen
wächst und damit der Glaube, »sie könnten wirklich etwas.«
Aus ihrer Mitte gehen auch die Schatzgräber hervor, ein unruhiges und
keineswegs kleines Völklein, die ihr Wesen wie die Nachteulen im Dunkeln
treiben, und unendliches Elend im Volke verbreiten. Sie gehen zu den
dummen, reichen Glückspilzen, die gerne ohne sonderliche Mühe noch
reicher würden, spiegeln denen allerlei Luftschlösser voll Gold und
Silber vor, locken ihnen aber dabei ihr liebes Geld listig aus der
Tasche, und sind bei Nacht und Nebel verschwunden. Zu ihnen gesellen
sich herunter gekommene Handwerker aus kleinen Städten, und Bauern, die
das Sprüchlein vergessen haben: »Sing', bet' und geh' auf Gottes Wegen,
verricht' das Deine nur getreu«, und die dann wachend und schlafend von
Schätzen träumen, die da und dort in verfallenen Schlössern, oder an
Orten liegen sollen, wo es nicht geheuer ist. Bisweilen ist auch Einer
unter ihnen, den man da am wenigsten suchen sollte, ein Mann von
Lebenserfahrung und Wissenschaft, der nur in diesem Einen Stücke wie von
einem bösen Geiste irre geführt wird, und es für möglich hält, mit Hülfe
von Erdspiegel und Wünschelruthe verborgene Schätze aufzufinden.
Diesen Aberglauben nähren und erhalten eine Anzahl Bücher, die sich da
und dort noch unter dem Volke finden, und in so hohem Ansehen stehen,
daß sie fast um Geld nicht feil sind, und wie die köstlichsten Schätze
vor den Dieben müssen gewahrt werden. Sie stammen größtentheils aus
alter, finsterer Zeit, sind auch wohl, wenigstens der Titel sagt's, aus
dem Arabischen übersetzt, und manche sind nicht einmal gedruckt, sondern
finden sich nur in einzelnen, höchst seltenen Handschriften. In diesen
Büchern wird geredet von der verborgenen Weisheit; nicht aber von
jener, wie man durch Christum selig werden soll, sondern von jenem
Vorwitz, wie man sich mit erdichteten Geistern in Verbindung setzen,
durch ihre Hülfe Schätze heben, sein Lebensschicksal in den Sternen
lesen, und den Stein der Weisen auffinden könne. Dazu sind nun diese
Bücher nicht in gutem Deutsch geschrieben, daß sie Jedermann lesen und
vergehen könnte, sondern die meisten sind ein leeres Geschwätz voller
hochtrabender oder dunkler Bilder, Redensarten und Gleichnisse, und
durchspickt mit Worten aus fremden Sprachen. Ja etliche sind sogar in
Figuren geschrieben, und der Schlüssel zu diesen verborgenen Schätzen
der Weisheit ist nicht dabei gegeben, so daß ein nüchterner
Christenmensch, dem ein solch' Buch in die Hand fällt, es mit dem
Gedanken zur Seite legt, wäre, was da drinnen steht, nütz zur Lehre, zur
Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit, so wäre es
gewiß auch mit deutlichen Worten geschrieben. Aber gerade an diese
Bücher wagen sich die Grübler. Wenn ein Christ seinen Abendsegen betet
und sich in Gottes Namen zur Ruhe legt, dann sitzen diese Jünger der
geheimen Weisheit die Nächte hindurch vor ihrem Lämpchen, und ein böser
Geist nach dem andern nimmt Wohnung in ihnen. Erst der Geist der
thörichten Fragen, darnach der Geist des Hochmuths, darnach der Geist
des Abfalls von dem lebendigen Gott.
Eine besondere Classe dieser Düsterlinge ist jetzt seltner geworden,
aber aufgehört hat sie heute noch nicht ganz, lange Zeit hindurch eben
so unentbehrlich an den Höfen der Fürsten, wie die Hofnarren. Die
Erfahrung, daß durch Mischung von mehreren Stoffen ein neuer entsteht,
von neuer Farbe, Beschaffenheit und Brauchbarkeit, und daß verschiedene
Metalle, mit einander verbunden, ein neues geben, rief die Scheidekunst
in's Leben, eine Wissenschaft, der wir tausend wohlthätige Erfindungen
verdanken. Doch während sie jetzt auf allen Hochschulen öffentlich
gelehrt wird, betrachtete man sie noch vor hundert Jahren als ein
Geheimniß, das Einer dem Andern abzulauschen suchte. Denn dieß Geheimniß
ging auf nichts anders hinaus, als den Stein der Weisen zu heben, d.h.
Gold zu machen, und dieses mittelst des Lebenselixirs, das dem
glücklichen Finder eine willkührliche Verlängerung seines Lebens und
jedes wünschenswerthe zeitliche Gut verschaffen könnte.
O man muß einen dieser Goldmacher selbst gekannt haben, um einen rechten
Begriff von ihrem Thun und Treiben zu bekommen. Denke dir, lieber Leser,
du hast ein altes Männlein kennen gelernt, mit einem Fuß bereits im
Grabe, dessen ganze Gestalt von Vernachlässigung und selbstgewählter
Peinigung dürr und gebeugt ist, in dessen Augen aber ein lebhaftes Feuer
glüht, und dessen Gespräch immer tiefsinnig und dunkel ist. Es ist dir
gelungen, sein Vertrauen dir zu erwerben, und du bittest, der seltsame
Mann möge dich in seine Weisheit einschauen lassen. Da geht ein feines
Lächeln über sein Angesicht; da sieht er dich mit sonderbaren Augen an
und spricht: »Wohlan, es sei; aber junger Mann bedenke, der Stein liegt
tief, und es gehört viel Ausdauer dazu, ihn zu heben. Hier nimm zuerst
dieß Buch und lies es mit Bedacht und unter viel Beten und Ringen und
sei nüchtern und wachsam, denn die Weisheit von oben ist am ersten
keusch. Du nimmst das Buch, es ist von Jakob Böhm und führt den
seltsamen Titel: »Aurora, oder die Morgenröthe im Aufgange.« Du liesest
in dem Buche und bringst es mit der Versicherung wieder, du könnest es
nicht verstehen. Wieder lächelt das Männlein fein und gibt dir ein
zweites, das heißt: »Theologia mystica, oder geheime und verborgene
Lehre von den ewigen Unsichtbarlichkeiten.« Fängt es nun ein wenig an in
dir zu dämmern, wo es eigentlich mit dieser verborgenen Weisheit hinaus
will, und du wirfst da und dort ein Wörtlein in's Gespräch hinein, so
nimmt dich dein Lehrer auch wohl einmal in seine Werkstätte mit. Die ist
von Rauch geschwärzt und mit Staub bedeckt. Auf zerbrochenen Bänken
stehen Gläschen mit Flüssigkeiten von verschiedenen Farben, und auf
einem kleinen Herde siehst du eiserne Tiegel zum Schmelzen der Metalle.
Du fragst nach dem Zweck von diesem und jenem, aber du hörst wenig, und
was du hörst, verstehst du nicht, und bekommst immer nur den Rath:
»Gemach, junger Freund; lernt erst in euch selber graben nach dem Stein,
dann wird euch ein Wunder nach dem andern aufgeschlossen werden.«
Doch warum schildere ich das Alles gerade an diesem Orte? Weil es Leute
dieses Schlages waren, die in das Leben unseres Justus störend
eingriffen und ihm der trüben Tage viel bereiteten. Seine Beschäftigung
mit dem Sternenhimmel, seine Kalender, die, so schlicht und einfach sie
auch waren, doch nicht von Allen verstanden wurden, ließen ihn Vielen
von diesen Grüblern als einen von Ihresgleichen erscheinen, den man
herzuziehen und brauchen müsse.
So dachte auch der Fleischhauer von Grünberg, dessen wir schon einmal
bei Gelegenheit gedachten, wo Justus mit seinen Hausfreunden über den
Kometen von 1744 redete.
Der Fleischhauer aber war ein geheimnißvolles Geschöpf, ein alter
Junggeselle, aber ein unzugängliches, störriges und boshaftes Männlein.
Er wohnte in einem alten Häuschen an der Stadtmauer, und ging wenig
aus, sah aber und beobachtete Alles, was seine Nachbarn trieben, machte
die Kinder, die in der Nähe seines Hauses spielten, scheu, und
vergiftete alle Katzen, die er erreichen konnte; denn gegen diese Thiere
hatte er eine sonderliche Abneigung. Daß er deßhalb gescheut und
gemieden wurde, und man allerlei sonderbare Dinge von ihm erzählte,
versteht sich von selbst.
Einer wollte ihn gesehen haben, wie er Abends um die Kirchhofsmauer
geschlichen sei; ein Zweiter sagte, der Fleischhauer sei nie lustiger,
als wenn ein Nachbar sterbe, und manch' alt Mütterchen erzählte es
zähneklappernd und mit scheuem Blicke am Born, wie der Böse gar nicht
selten in Gestalt eines feurigen Drachen in seinen Schornstein
hineinfahre. Wo es aber etwas gab, im Trüben zu fischen; wo es sich um
eine Hexerei handelte, oder ein Schatz gehoben werden sollte, da kamen
die Geisterbanner und Schatzgräber bei Nacht und Nebel in's Haus des
Fleischhauers, und wußten sich viel von der sonderlichen Erfahrung des
Mannes zu erzählen, und wie er gar kostbare Bücher, namentlich »die
schwarze Rabe«, habe, und diese Bücher zu lesen verstünde, und wie sein
Rath Goldes werth sei.
Dieser Fleischhauer hatte es auf unsern Justus abgesehen; und als dieser
einst in der Nähe seines Hauses ein Geschäft zu besorgen hatte, sah er
sich plötzlich von einem Männlein begrüßt, und unter vielen Bücklingen
in ein Häuschen zur Seite gezogen. Dort erst gab sich das Männlein als
den Herrn Fleischhauer zu erkennen, und versicherte mit vielen
Redensarten, wie es sich freue, den Herrn Schulmeister Justus bei sich
zu sehen, und wie er nach solcher Ehre schon lange getrachtet, und gerne
auf den Veitsberg gekommen, wenn seine Geschäfte es erlaubt hätten.
»Und nun, Freundchen«, sprach er, »mein lieber Kunstgenosse, oder soll
ich euch lieber Meister nennen in der Wissenschaft aller Wissenschaften,
gönnt mir auf ein Stündlein eure erbauliche Rede. Bin selbst ein armer
Jünger nur und habe kaum den Ort entdeckt, da der Stein liegt. Ihr seid
sicherlich weiter; sagt, wie habt ihr ihn gehoben, habt ihr schon den
weißen Schwan gesehen? Denket nur, ich Unwürdiger muß es gestehen, bei
mir ist das Leben des Lebens, die gesegnete Tinctur noch im Mercurio
verborgen; bin erst im schwarzen Raben, und ist auch die Schwärze eine
gesegnete und selige Schwärze, so sehne ich mich doch, sie mit der
allerweißesten Weiße überkleidet zu sehen. Helft mir, Meister; auf euch
hab' ich längst mein Hoffen gestellt, denn wer in Astronomia so weit
ist, wie ihr, der muß in Alchemia noch weiter sein. Zudem kennt ihr ja
das Sprüchlein unsrer Weisen:
Der Stein liegt tief, es hebt ihn Keiner
Aus eigner Kraft; es zeig' es ihm denn Einer,
Sein bester Freund, es geb' aus lauter Gnad'
Der Herr vom Himmel dazu seinen Rath.«
»Das Sprüchlein, das ihr da sagt, Herr Fleischhauer«, sprach Justus,
»ist schön, und euer Vertrauen wäre werth, belohnt zu werden; aber ich
kann euch in eurer Kunst keinen Rath geben, denn ich verstehe von allem
dem, was ihr gesagt, kein Wort.«
»Kein Wort, mein lieber Herr Justus?« sprach der Goldmacher und blickte
mit ungläubigem Lächeln seinen Gast an. »Kein Wort? Verstehe wohl, ihr
wollt mich erst recht lüstern machen nach eurer Weisheit. Oder traut ihr
mir vielleicht nicht recht, meint, ich schwatze aus der Schule. Kommt
her, ich will euch zeigen, wie weit ich bin, damit ihr Vertrauen zu mir
gewinnt. Seht ihr den Tiegel da am Boden in zwei Stücke geborsten?
Gestern laborirte ich, und so war ich lebe, zum ersten Male seit ich der
Lebenstinctur nachtrachte, erschien der Löwe im Blut, Freund, ich sage,
der Löwe im Blut; und wie ich mit klopfendem Herzen in den hellen
Goldglanz hineinsehe und die Sonne aller Sonnen vor mir aufgeht, und wie
ich laut ausrufe: Nun, fahr' hin, Fall, Hölle, Fluch, Tod, Drache,
Thier, Schlange, — da springt der Tiegel, und als ein blau Flämmlein
steigt der Stein in Rauch auf, und roch süß wie Veilchenduft. Nun muß
ich wieder anfangen. Helft mir dabei, daß meine Mühe sich eher lohne.«
»Ich euch helfen, Herr Fleischhauer«, antwortete überrascht Justus, »ich
kann's wahrlich nicht. Diesmal habt ihr euer Vertrauen einem Unwürdigen
geschenkt. Ich kenne euren Stein der Weisen nicht, und weiß nicht, wie
er gehoben wird. Ich weiß nur von einem Stein der Weisen, von dem dort
der Prophet sagt: »Siehe ich lege in Zion einen Grundstein, einen
bewährten Stein, einen köstlichen Eckstein, der wohl gegründet ist.« An
dem Stein nun hebe ich schon seit vielen Jahren, und er ist mir köstlich
erschienen bis dahin, und seine Last ist mir leicht, und er soll einst
mein Grabstein werden, mit dem Sprüchlein darauf: »Christus ist mein
Leben und Sterben mein Gewinn.«
»Aber«, hub der Fleischhauer halb ängstlich und halb trotzig an, »wie
könnt ihr euch denn den Kalendermann nennen und als Astrologus gelten
wollen, wenn ihr die göttliche Alchemia nicht kennen wollt? Sind nicht
beide Wissenschaften mit einander verschwistert, ja vermählt, wie wir
sagen?«
»Die mich den Kalendermann nennen«, sprach ernst der Schulmeister, »die
mögen's mit ihrem Gewissen ausmachen, warum sie mir mein Spielzeug wie
eine Ruthe auf den Rücken binden; aber die Astrologia habe ich in meinem
Leben nicht getrieben, eben so wenig wie die Goldmacherei. Als ich
anfing, die Milch der Sternwissenschaft zu kosten, da ist mir wohl auch
eine und die andere Schrift in die Hände gefallen, darinnen von
namhaften Männern gesagt war, die Sterne hätten Einfluß auf des Menschen
Leben und Sterben. Aber mir schien solch' Dichten eitel Fürwitz und ein
Raub an Gottes Ehr' und Macht, und ich ließ ab von solch' eitlen
Fragen.«
Auf dieß Wort ließ auch der Fleischhauer von dem Justus ab, aber in
seinem Herzen blieb dennoch die Meinung, der Schulmeister wisse mehr,
als er sagen wolle.
Der aber ging voll Angst und Grauen von dem Versucher weg, und ward
keineswegs froh darüber, als ihm an der Thüre der Rathhausdiener
begegnete, und lächelnd sprach: »Nun Schulmeister, ihr hier beim
Fleischhauer? Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu, und Gleich und Gleich
gesellt sich gern. Seid aber doch auf eurer Hut; der Rath hat längst ein
Aug' auf die Eule da drinnen, und auf alle die, so hier aus- und
eingehen.« Und als Justus ihm erzählte, wie er zu dem Besuch gekommen,
da sagte der Rathhausdiener: »Will's glauben als euer guter Freund; aber
vergeßt nicht das Wörtlein: Mitgefangen, mitgehangen!« —
Aber der Rathhausdiener war des Justus guter Freund nicht, wie er
versicherte; er hatte nichts Eiligeres zu thun, als dem Rath Anzeige zu
machen: auch der Schulmeister vom Veitsberg sei in's Haus des
Fleischhauers gegangen und geraume Zeit drinnen geblieben. Nun muß man
wissen, daß der Rath seinem Diener den Auftrag gegeben hatte, ein
wachsames Auge auf den Fleischhauer zu haben und auf Alle, welche bei
ihm aus- und eingingen, weil seit einiger Zeit eine Schatzgräberbande in
der Umgegend ihr Wesen trieb, mit welcher der Fleischhauer sonder
Zweifel in Verbindung stand. Als nun bald darauf der Superintendent von
Gießen nach Grünberg kam, so gab man ihm den Justus als Einen an, der
mit verdächtigen Leuten Umgang habe, und von dem überhaupt allerlei
sonderbares Gerede im Schwange gehe.
Auch dauerte es nicht lange, so wurde er nach Gießen vorbeschieden, und
ihm vor versammeltem Consistorium eröffnet: »Wie man ihm vor Jahren den
Schuldienst zum Veitsberg anvertraut aus besonderer Gnade und in
Rücksicht auf höhere Fürsprache, obgleich ihm schon damals kein
sonderlicher Ruf vorangegangen sei. Wie man sich aber nunmehro in dem
auf ihn gesetzten Vertrauen sehr getäuscht habe, weil ihm für's Erste
Schuld gegeben werde, er habe Umgang mit einem der Zauberei verdächtigen
Manne in der Stadt Grünberg. Für's Zweite, so treibe er Allotria, sehe
nach den Sternen und schreibe Kalender, was Alles für einen Schulmeister
nutzlose, ja gefährliche Beschäftigungen seien. Zum Dritten, so tractire
er in seiner Schule Dinge, die gar nicht hinein gehörten, lehre die
Rechenkunst in Versen und pfropfe in die Köpfe der Schuljugend allerlei,
davon sie nie Gebrauch machen könne, dadurch nur die edle Zeit verdorben
und das Wort Gottes nicht gehörig getrieben werden könne. Zum Vierten,
so habe man von einem zuverlässigen Manne gehört, wie er, Justus,
allerlei verlaufenes Gesindel in seinem Hause beherberge, ohne nach
Herkunft und Namen zu fragen, auch schon seit etlichen Jahren ein
fremdes Kind in seinem Hause erziehe, das ihm bei Nacht und Nebel
gebracht worden sei, obgleich er selbst wisse, wie wenig es sich für
einen christlichen Schulmeister schicke, solche Findlinge aufzunehmen.«
Ueber diese vier Punkte solle er sich nun protocollariter erklären und
der Wahrheit die Ehre gehen.
»Das habe ich denn auch gethan«, erzählt er selbst, »in aller Demuth,
wie es mir geziemte, weil ich wohl sah, daß meine Herrn Vorgesetzten
waren irre geleitet worden. Ich hab' mit kurzen Worten Zeugniß von
meinem Wandel abgelegt und Rechenschaft gegeben von meinem Amte, auch
nichts verschwiegen, was einen Flecken auf mein liebes Pflegekind hätte
werfen können; hab' aber zum Schluß auch erklärt, daß ich meinen
Ankläger wohl kenne und bereit sei, von ihm ein Zeugniß abzulegen, das
nicht zu seinen Gunsten ausfallen dürfte. Doch das hat man nicht hören
wollen, und bin also mit dem Bedeuten entlassen worden, hinfüro wohl
Acht zu haben, daß ich vor Gott und Menschen ein gut Gerücht behalte.«
»So ist denn durch Gottes Gnade abermal eine Prüfung an mir
vorübergegangen, und sage zum Schluß mit Paulo: »Ich bin mir wohl nichts
bewußt; aber darinnen bin ich nicht gerechtfertiget; der Herr ist es
aber, der mich richtet.«
* * * * *
»Also der Höllenbrand, der Gerst, schiert noch am Feuer eurer zeitlichen
Trübsal!« rief voll Unwillen die alte Lindin aus, als Justus nach dieser
schweren Stunde sie besuchte. Krank und müde von Alter lag die Alte in
ihrem Bette, aber ihre Stimme war laut und ihr Auge noch voll Feuer.
»Ich glaubte den Menschen niedergetreten zu haben wie einen Wurm, denn
er krümmte sich unter meinen Füßen«, rief sie, »aber er lebt wieder, und
ist dieselbe alte Schlange, ja giftiger, denn zuvor. Denkt nur, der
Unglücksmensch wagte sich sogar an mich alt Weibsbild, und suchte mich
da und dort bei meinen Gönnern und Freunden zu verfuchsschwänzen. Aber
warte, dacht' ich, du kennst die alte Lindin vom Tiefenweg schlecht. Ich
ließ mein Maul zum Schwert werden, und mein' ich denn, das Schwert hat
geschnitten. Sag' meinetwegen, du Lotterbube, ich sei ein alt, bös
Weibsbild; kannst Recht haben und mein Heiland muß Geduld mit mir haben,
wenn's zum Himmel mit mir eingeht; aber der muß noch kommen, der mir
nachsagt, die alte Lindin habe je einen Pfennig veruntreut oder einen
Bissen unverdienten Brods gegessen. — Geht getrost heim, Herr Justus,
und fürchtet euch nicht, der starke und eifrige Gott, dem ihr gedienet
von Kind auf, der lebt noch und wird bei euch sein, der Wagen Gottes
viel tausend mal tausend um euch her. Eilt heim, sag' ich, Justus, damit
die Euren sich nicht euretwegen bresten; grüßt Weib und Kind von mir,
und nehmt meinem Herzblatt, der Selma, dieß Kreuzlein von Bernstein mit,
daß sie mein dabei gedenke und dessen, der sein Blut am Kreuz vergossen
hat für uns arme Sünder. Der hat noch viel bösere Widersacher gehabt,
denn ihr, und hat sie doch überwunden. — So wahr Gott lebt und seine
Verheißung Ja und Amen ist, der Gerst kommt noch zu euch wie einst
Judas, der Verräther, mit dem Bekenntniß: »Ich habe übel gethan, daß ich
unschuldig Blut verrathen habe.«