9. Der Kalendermann.

Du hast es bisher fast rathen müssen, mein lieber Leser, daß der Konrad

Justus, dessen Leben ich dir erzählen will, eine Person sei mit dem

Kalendermann, den unser Büchlein als Titel führt. Aber ich konnte dem

Justus keinen andern Namen geben, einmal weil er unter diesem zu seiner

Zeit sehr bekannt war, und dann, weil er auch heute noch in seiner

Heimath von Vielen also genannt wird, die ihren Kindern von dem

Kalendermann erzählen. Es ist ein Eignes um die Namen, die das Volk

gibt; man kann Beides daraus erkennen, sein Lob und seinen Tadel. Dem

Justus aber sollte sein Name ein Lob sein, denn er ward zu seiner Zeit

von Vielen für einen Wundermann gehalten, weil er, was Wenige wußten,

den Kalender aus dem Fundament verstand. Und die Kalenderwissenschaft

war des Justus Steckenpferd, nur mit dem Unterschied, daß er es nicht

ritt wie die Kinder am Geist, die mit ihren Steckenpferden ihr eigen

Seelenheil und ihrer Brüder Glück niederreiten, sondern den Kalendermann

machte sein Zeitvertreib zu einem Gottesmann und Menschenfreund wie

Wenige.

Von dem Tage an, wo der Köhler im Wald bei Blankenau ihn gelehrt hatte,

die Schrift verstehen, die der liebe Gott mit seinen Sternen an's

Himmelsgewölbe geschrieben hat, da lernte Justus diese Schrift immer

deutlicher lesen; und was er fand in diesem heiligen Buche des

Sternenhimmels, das hat er selbst zu seiner Seelen Seligkeit benutzt und

zur Kräftigung des Glaubens Anderer. In vielen Häusern nah' und fern

sind noch ganze Schriften oder einzelne Stücke derselben zerstreut und

werden um des frommen Sinnes willen, der in ihnen herrscht, gar hoch

gehalten. Man weiß nicht, wenn man diese Büchlein liest, was man mehr

bewundern soll, ob den Fleiß, mit dem er sie gearbeitet, oder die

ungewöhnlichen Kenntnisse, die er in der Sternwissenschaft sich

erworben, oder mehr als dies Alles, das treue Christenherz, das auf

jeder Zeile bekennet: »Gebt unserm Gott allein die Ehre!« Werde denn

nicht müde, lieber Leser, wenn ich dir mit den eignen Worten des

Kalendermanns sage, was er vom Sternenhimmel dachte und warum er die

Wissenschaft davon so hoch hielt. Auch wir sollen ja verstehen lernen,

»daß die Himmel erzählen die Ehre Gottes.«

Auszug aus dem Tagebuch und den Schriften des Kalendermanns.

»Es hat mich mein Gott je und je geliebet, hat mich wunderbarlich

geleitet von meiner Jugend an bis auf diesen Tag. Wo er mir nach seiner

Weisheit mit der einen Hand nahm, da hat er mir nach seiner Güte mit der

andern reichlich gegeben. Ein klein Amt und Brod hat er mir gegeben,

aber so reich hat er mich gemacht an Freud' und Seligkeit des inwendigen

Menschen, daß ich nicht tauschen mag mit denen, die satt haben, und doch

das Himmelsbrod entbehren. Denn wie der liebe Gott dem Bienlein ein sein

Zünglein gegeben hat, den Honig zu kosten, und die Blumen ihm

aufgestellt rings umher, voll Pracht und Wohlgeruch; so hat auch mir

mein Gott erst eine rechte reiche. Liebe gegeben zu seinem Weltgebäude,

sonderlich zu seinem Firmament, und mich denn auf meinen Veitsberg

gestellt, und das Firmament über mir ausgebreitet wie einen lustigen

Garten, daß ich dann auch wie das Bienlein von Blume zu Blume fliegen

und Nahrung suchen kann für meine Seele.«

[1] »Anaxagoras, ein berühmter Philosophus, ward gefragt, warum er in

die Welt geboren wäre? Und er gab zur Antwort: »Darum, daß ich den

Himmel, die Sonne, den Mond und andere Wundermale betrachten möchte.«

Darüber ward er von dem Lactantius mit Lachen sehr verhöhnet; gereicht

aber diese Verspottung nicht dem Anaxagoras, sondern dem Lactantius zur

Schande. Denn da Sonne, Mond und Sterne, ja das ganze Weltgebäude ein

großes Wundergebäude ist, so muß der Baumeister, der solches gemacht,

gewiß noch viel herrlicher, wunderbarer und größer sein. Sirach wußte

sich dieß besser als Lactantius zu Nutz zu machen; er sagt: »»Wer kann

sich seiner Herrlichkeit satt sehen?«« (Sirach 43,1.) Anaxagoras, ob er

schon ein Heide war, beschämt hierdurch viele Christen, die Gott aus

seiner Welt kennen wollen, und mögen doch sein Wundergebäu des schönen

Himmels nicht anschauen.«

* * * * *

»Wer das Werk eines Künstlers nicht achtet, der achtet auch nicht den

Künstler, der es gemacht hat. Heutiges Tages fragt man nicht viel nach

dem Sternenhimmel und der obern Welt, sondern man fragt vielmehr nach

Geld und guten Bißlein in der unteren Welt. Daher werden auch die,

welche die Himmelskörper betrachten, immerfort von den Weltgesinnten

verspottet, wie Anaxagoras. Solche Spötter leben in der Zeit und wissen

nicht, was die Zeit ist; weil sie an der Erde kleben, und nach dem

Himmel kein Verlangen haben, so neiden sie die, welche den Himmel

betrachten. Sie sitzen in der Tiefe und haben sich in das Untere

verliebt; da werden sie auch endlich immer bleiben, und nicht zum Glanz

der Sterne gelangen. Es ist eine besondere Sache, sich in das so sehr

verlieben, und an dem so hart hangen, dabei man doch nicht bleiben kann.

Edle Geister lieben den Himmel und nicht die Erde. Zwar dieweil man in

der Welt ist, muß man sich derselben annehmen und sorgen, aber doch

nicht ganz an derselben kleben bleiben, sondern es muß sein wie Paulus

sagt: »»Die sich freuen als freuten sie sich nicht, und die dieser Welt

brauchen, daß sie derselben nicht mißbrauchen. Warum denn? Darum, das

Wesen dieser Welt vergeht.«« (1 Corinther 7, 30 u. 31.)

»Solche Weltmenschen sagen wohl zum Schein: Die Berufsarbeit wird durch

die Sternguckerei versäumt. Aber hier frage ich: ob dem Menschen bei

seiner Berufsarbeit nicht eine Stunde erlaubt sei? Wenn nun ein

Liebhaber der edlen Astronomie in solcher Ruhestunde die Himmelskörper

als Geschöpfe des großen und wunderbaren Baumeisters in stiller

Ehrfurcht desselben betrachtet, und ihre Bewegung berechnet; ein

Weltmensch aber gehet zum Schmausen, sitzet im Rath der Gottlosen, wo

die Spötter sitzen (Psalm 1), beneficiret seinen Leib und haschet

einstweilen dem Nächsten seine Unterhaltungsgüter; so frage ich,

welcher unter diesen Beiden hat seine Nebenstunden am besten angewendet?

Mein lieber Leser, ich überlasse dir hierüber das Urtheil.«

* * * * *

»Der Stern- und Himmelsbetrachter ist vergnügt bei und mit dem, was ihm

Gott gegeben, und sagt mit Paulo: »Wir wissen aber, so unser irdisch

Haus dieser Hütten zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben von Gott

erbaut, ein Haus nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.« (2

Corinther 5, 1.) Und mit David: Ich werde sehen die Himmel, deiner

Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast.« (Psalm 8,

4.)

* * * * *

»Das ist die Freude und das Vergnügen eines christlichen Stern- und

Himmelsbetrachters, daß er, wenn er die irdische Hütte ablegt, in

solchem Glanz wie die Sterne und Sonne vor seinem Schöpfer prangt, davon

auch Daniel also sagt: Die Lehrer werden leuchten wie des Himmels

Glanz.« (Daniel 12, 3.)

* * * * *

»Unter allen Wissenschaften ist keine unschuldiger, als die

Sternwissenschaft; denn mit deren Umgang und Ausübung wird weder Gott

noch der Nächste beleidigt, welche mich auch so ergötzet, daß ich alle

meine Nebenstunden dieser anmuthvollen, unschuldigen Wissenschaft in der

stillen Einsamkeit gewidmet habe.«

* * * * *

[2] »Wenn ich den wunderbaren und hohen Himmel mit seinem

hellleuchtenden Sternenheere anschaue und betrachte, so ist dieses meine

höchste Freude, daß ich endlich auch einmal, wenn ich aus dem irdischen

Haus meiner Hütte ausgehe, und in das neue Jerusalem, allwo mein

himmlisches Bürgerrecht ist, welches mir mein Heiland durch sein Kreuz

und Tod erworben, eingehe, noch viel heller als alle Sterne glänzen

werde, und daß ich daselbst mit meinen geistlichen Augen in der frohen

Ewigkeit auch also meinen Heiland in voller Freude und Wonne anschaue,

so wie ich jetzt und hier mit meinen leiblichen Augen das helle

Sternenheer des Himmels sehe und anschaue; und daß ich vor seinem

göttlichen Thron ihm in der allerhöchsten Freude dienen, auch ihm zu Lob

mit allen Heiligen und Auserwählten ein: Heilig! Heilig! Heilig ist Gott

der Herr Zebaoth! über das andere anstimmen werde. Ja! Ja! Eja! Ach wäre

ich nur schon da!«

»Ach wär, o Jesu, ich doch schon zu dir gerücket,

Daß meine Seele sich an deiner Huld erquicket!

Da wollt ich herzen dich, da wollt mit vielen Küssen

Dich, o mein Jesu, ich in meine Arme schließen!«

Hier stehe auch ein Lied des Kalendermanns, in welchem sich dieselbe

Innigkeit des Glaubens an seinem Gott, den Herrn des Weltalls,

ausdrückt.

»Wie ist das Werk so wohl bedacht,

Das, Vater, du hervorgebracht,

Daß ich mit Fleiß es schaue,

Mein Herz daran erbaue.

Es sagt's ein Tag dem andern nach,

Es ruft's die Nacht dem Tage nach,

Es rühmen alle Werke,

Herr, deine Huld und Stärke!

Wie glänzt die Sonn', wie lacht die Au!

Wie prangt die Blume schön im Thau!

Wie glänzt des Vogels bunt Gefieder!

Zu deinem Preise singt er Lieder!

Es sinkt die Sonn', aus ihrem Thor

Gehn tausend Sternlein jetzt hervor;

Sie wandeln ihre Bahnen stille,

Ihr Gang und Glanz es ist dein Wille.

O auf, mein Aug', zum Himmel auf!

Sieh der Gestirne hellen Lauf,

Ein Gott hält sie in Händen,

Daß sie den Lauf vollenden.

Kannst du sie zählen? löschen aus,

Wie's Abendlicht im eignen Haus? —

Nur Einer zählt sie, läßt erbleichen

Vor'm Sonnenglanz die Feuerzeichen.

D'rum Menschenherz, von Sorgen schwer,

Schau doch hinauf zum Sternenheer!

Wo Gottes Augen auf dich blicken,

Soll nimmer dich der Kummer drücken.

O Sternlein mit dem trauten Licht,

Von euch die frohe Botschaft spricht:

Im Vaterland, bei euch dort oben

Ist ewig Heil uns aufgehoben!

O Heiland, Morgenstern der Nacht!

Dein harr' ich, bis mein Tag erwacht,

Bis du mich führst zu Gottes Throne,

bis du mir reichst die Ehrenkrone!«

* * * * *

Wenn man eine Beschäftigung als recht nutzlos bezeichnen will, so nennt

man sie eine brodlose Kunst, sagt auch wohl im Sprüchwort, man könne mit

ihr keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken. Das muß auch dem

Kalendermann oft gesagt worden sein, von Solchen, die von der

Sternwissenschaft keinen Begriff hatten, und darum auch keinen Sinn für

sie haben konnten. Denn er kommt in seinen Schriften allezeit darauf

zurück, wie eine solche Meinung eine gar thörichte sei. »Denn was mich

selig macht, sagt' er, und mir einen Vorschmack gibt künftiger

Herrlichkeit, sollte das nicht auch Viele reizen zu gleicher Lust? So

hab' ich denn allezeit, die Spötter nicht achtend, zu meines Gottes

Himmel hinaufgeschaut und auch Andere gelehrt, hinaufzuschauen,

sonderlich die Meinigen, auch dazu meine Nachbarn, Freunde und Schüler,

und mit Gottes Gnade Manchen zu einem fleißigen Himmelsbeschauer und

Gottesfreund gemacht. Denn die die Schrift, von Gott an sein Himmelszelt

geschrieben, hatten lesen gelernt, die sind darnach um so eifriger

geworden, die Gottesschrift im heiligen Bibelbuch zu erforschen, und

darauf zu achten als auf ein Licht, das da scheinet im dunklen Ort, bis

der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in ihren Herzen.«

* * * * *

»Auch sind die Himmelsbetrachter und Kalendermacher, welche stets mit der

Zeit umgehen, nicht zu verachten, denn das ganze bürgerliche Wesen hängt

davon ab. Was Elend würde im gemeinen Leben entstehen, wenn man nichts

wüßte von Sonne und Mond und ihrem Lauf, wenn Jahr und Tag wechselte,

und wüßte Niemand wie und warum; lebte man denn nicht dahin, wie das

unvernünftige Vieh? Die Kalender sind daher nützlich und nöthig im

gemeinen Leben, denn sie sind solche Bücher, darinnen Alles, was nur am

Himmel unter den Sternen vorgeht, ausgerechnet und zu finden ist,

welches Alles keine geringe Arbeit ist, zumal was die Sonn- und

Mondsfinsternisse betrifft.«

* * * * *

»Darum so soll der Kalender in jeglichem Haus der Hausfreund sein, also

daß man gerne mit ihm redet, und zu ihm kommt, seinen Rath zu holen.

Meine darum, es dürfe nichts darinnen vergessen werden, das dem Menschen

Anleitung gebe, seinen Beruf und Erwählung feste zu machen. Zum Ersten,

so sagt dir der Kalender: »Mensch, du bist nichtig, und die Zeit ist

flüchtig, davon Salomo spricht: Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt

und es ist Alles ganz eitel.« (Prediger 1. 2. 4.) Zum Zweiten, so sagt

er dir: »Brauche deine Zeit weislich, denn sie ist Gottes Zeit, nicht

deine. Ob du säest oder erndtest, ob du wachest oder schlafest, ob du

arbeitest oder feierst, gedenk, was dein Herr sagt: »Eure Zeit ist

allezeit, und schaffet, daß ihr selig werdet mit Furcht und Zittern.«

»Siehst du den Zeichen an, denk', daß zum Ende gehet;

Faß Jesum in der Zeit, dein' Sach' alsdann wohl stehet!«

»So oft die Glocke schlägt, betrachte, ob du die vergangene Zeit wohl

oder übel angelegt. Alsdann bessere dich von Stund' an in der

gegenwärtigen Zeit, dieweil es noch heute heißt; denn du weißt nicht,

wie lang die zukünftige Zeit noch bei dir währet, daß alsdann, wenn der

Bräutigam kommt, du wachend erfunden wirst, und also mit ihm zur

Hochzeit eingehest in den himmlischen Freudensaal, denn allda ist Freude

und Wonne und liebliches Wesen und Leben immer und ewiglich.«

»Zum Dritten, so soll der Kalender dir deines Gottes Wundergebäu

begreiflich machen, so weit es ein Mensch begreifen kann. Er soll dir

nennen die Sterne mit ihrem Namen, und wie sie mit einander wandeln,

auch welche Bahnen der Herr sie führt. Auch wie daraus Tag und Nacht,

Sommer und Winter, Saat und Erndte entsteht; was es auf sich hat mit der

Zahl der Tage und Monate, mit den ordentlichen und Schaltjahren und wie

die Finsternisse kommen und zu verstehen sein; denn das Alles muß ein

Christenmensch wissen und verstehen.«

»Zum Vierten, so will der Kalender wie das Frühlingsvöglein

Spitzdieschaar ein Mahner sein, daß Dieß und Das zu Haus, im Garten und

im Feld nicht vergessen werde; denn auch der sorglichste Landmann

bisweilen einen Deuter haben muß, und ein guter Rath oft Geldes werth

ist.«

»Es werden auch viel Narrentheidinge mit der Kalenderwissenschaft

getrieben, und etliche Kalenderschreiber thun, als könnten sie in die

Tiefe des Reichthums Gottes hineinsehen, da er doch in einem Lichte

wohnt, dahin Niemand kommen kann, und unser Wissen Stückwerk bleibet.

Die aber thun, als könnten sie in Gottes Werk hineinsehen und weissagen

und orakeln frisch weg, und wollen bös und gut Wetter voraussagen, ja

sogar Krieg und Frieden, Gesundheit und Krankheit; ist aber Alles ganz

eitel, und wird damit nur die arge Welt noch verstockter und

gottvergeßner gemacht.«

»Wer nach den Bauernregeln, die auch mancher Kalendermann für ein

Evangelium ausgibt, seine Wirthschaft einrichtet, der hat schon oft zu

seinem Schaden müssen inne werden, daß der Herr im Regimente sitzt und

den Rath der Menschen vereitelt.«

»Gott der Herr kann allein das Erdreich frucht- und unfruchtbar machen.

Jedoch ist ein frucht- oder unfruchtbar Jahr zu schließen aus dem Leben

und Wandel der Menschen. Denn der große Gott sagt im 5 Buch Mose, im 28.

Kapitel, daß, wer in allen seinen Geboten einhergehet, und solche hält

und thut, den wolle Gott segnen in allem seinem Thun, wer aber ihm, dem

großen Gott, nicht gehorchet, den wolle er nicht segnen, sondern das

Verderben über ihn kommen lassen. Wenn man nun den Lauf und das Leben

der Menschen untersuchet und betrachtet, so kann man diesem nach bald

schließen, was für ein Jahr zu gewarten.«

»Was nun den Krieg betrifft, den Etliche voraussagen wollen, wie nämlich

Krieg zu erwarten, wenn am neuen Jahrestage der Morgen roth erscheine

oder wenn an Pauli Bekehrungstag der Wind stark weht, so ist nur das

wahr, der Krieg ist eine Strafe Gottes, damit er die Bosheit der

Menschen heimsuchet. Und es bleibt allein dabei: wie die Arbeit, so der

Lohn; denn Gott ist nicht ein Gott, dem gottlos Wesen gefällt, wer böse

ist, bleibet nicht vor ihm. Er dreuet täglich, will man sich nicht

bekehren, so hat er sein Schwert gewetzet und seinen Bogen gespannt und

zielet. Darum, wenn wir also leben, daß er ein Wohlgefallen an uns hat,

so wendet er allen Krieg und Unruhe von uns ab.«

»Ob ein gesundes, oder ein ungesundes Jahr zu erwarten sei, solches

vorher zu sagen, läßt sich nicht wohl thun. Doch aber, wenn man den

Ursprung der Schwachheiten und Krankheiten eigentlich untersuchet, so

kann man endlich leicht schließen, daß in einem jeden Jahre

Schwachheiten und Krankheiten sich einfinden. Denn der eigentliche

Ursprung der Krankheit ist Sünde. Da nun kein Jahr, kein Tag, keine

Stund', keine Minute vorübergeht, daß die Menschen nicht sündigen, so

können auch allezeit Krankheiten und Gebrechen sich ereignen. Denn

Paulus sagt Römer 6: »Der Tod ist der Sünden Sold.«

Nach diesen Grundsätzen verfuhr der Kalendermann vom Veitsberg in seinen

Kalendern; muß nicht der Nutzen, den er seiner Umgebung brachte, gar

groß gewesen sein? Er hat ihrer in seinem Leben viele verfaßt, auf jedes

Jahr einen für den Hausgebrauch, und wenigstens ein Dutzend größere

Kalenderwerke, für geübtere Liebhaber der Sternkunde und der

Kalenderwissenschaft, die mit großer Gründlichkeit, vielem Fleiße und

tiefer Gelehrsamkeit geschrieben sind. Ob eines dieser Werke zu seiner

Zeit gedruckt worden sei, habe ich nicht erfragen können; ich zweifle

auch daran, denn der Kalendermann war zu bescheiden, um nach Ruhm von

draußen her zu trachten. Die Werklein sind aber so schön und mit

Handzeichnungen so sauber gezieret, daß man sie noch jetzt mit

Wohlgefallen betrachtet, und den Mann bewundert, der sie allein zu

Gottes Ehre, und sich selber zu Nutzen und Ergötzen schrieb. Daher sein

inniger Dank gegen Gott am Schlusse eines jeden Werkleins. Sein

immerwährender Kalender schließt mit den Worten:

»Nun sag' ich zum Beschluß:

Mein Jesu habe Dank

Für seiner Weisheit Gaben,

Die mir zu diesem Werk

Sehr wohl gedienet haben;

Ich will dich loben hier

Ja noch in dieser Zeit,

Und endlich auch bei Dir

In froher Ewigkeit.

Da will ich schauen Dich

In solchem Glanz und Wonne,

Sowie ich habe hier

Geschaut' die Stern' und Sonne.«

Am Schlusse des ersten Theils der Kalenderlust stehen die Worte:

»Nun hab' den ersten Theil von der Kalenderlust

Historice vollbracht, soviel davon gewußt.

Jehova, Dir sei Dank, der Du mich stark gemacht,

Daß ich hab' diesen Theil soweit zu Stand' gebracht!

Wenn mir der treue Gott wird geben Glück und Heil,

So soll auch folgen noch hierzu der zweite Theil.

Der wird von solcher Lust die Praxis legen dar,

Wie man Kalender macht auf ein begehrtes Jahr.«

Und der Schluß des ganzen Werkes heißt:

»Da nun der zweite Theil von dieser Lust geendet,

So ist das ganze Werk durch Gottes Gnad' vollendet.

Ich leg' die Feder hin, erhebe mein Gemüthe

Mit innigster Begier, und preise Gottes Güte.

Dem, der das große Rund so prächtig dargestellt,

Und der der Zeiten Lauf eintheilt, wie's ihm gefällt;

Dem, der da ist der Herr des Himmels und der Erden,

Ja, der da ist und war und nie kann anders werden;

Demselben sag' ich Dank für seines Geistes Stärke,

Die mich hat ausgerüst zu machen dieses Werke;

O große Majestät; o Vater, Sohn und Geist,

O tiefer Weisheit Brunn', hör', wie mein Lied dich preist!«

Fußnoten:

[1] Aus der ungedruckten Schrift: »Historische und praktische

Kalenderlust. Erster Theil, darinnen eine kurze Beschreibung von dem

Anfang und Ursprung des römischen, nunmehr Christen-, wie auch Juden-

und Türkenkalenders enthalten, zusammengetragen von eJnem

Calender-LJebhaber. — Anno 1764.« Unter einem schönen Titelkupfer von

des Kalendermanns eigner Hand, auf welchem man den Veitsberg und seine

Umgebung sieht, steht das Sprüchlein:

»Es gibt viel Lust, vergnügt auch sehr,

Wenn man betracht' das Sternenheer.«

[2] Aus dem ungedruckten Schriften des Kalendermanns: »Tägliches

Handbüchlein, darinnen ein Gebetbüchlein, ein immerwährender Kalender,

die Feldmeßkunst, und dann wie man des Nachts bei hellem Himmel am

Nordpol oder kleinen Bären die wahre Stunde der Nacht finden kann,

welches sowohl zu Haus als auch auf der Reis' dienlich und nützlich zu

gebrauchen ist. Gemacht und verfertigt von Jakob Konrad Justus,

Schulmeister zum Veitsberg. Anno 1741.«

Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk · 第 12 / 25 题