»Es ist ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässet ihm begnügen«,
sagt der Apostel, und der Herr, dem er es nachspricht, sagt, indem er
uns zur Gottseligkeit und Begnügsamkeit ermuntern will: »Sehet die Vögel
unter dem Himmel an, schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen.«
Von den Vögeln und den Blumen und der ganzen Schöpfung um uns her sollen
wir lernen. So hab' ich einst in heißer Sommerzeit nicht fern von einem
Brunnen gestanden; und ein Vogel kam geflogen und suchte Wasser, seinen
Durst zu löschen. Wohl stand vor dem Brunnen ein steinerner Trog, aber
der war leer, und der Vogel dauerte mich, daß er ungetränkt sollte
weiter fliegen. Indem, so läßt er sich auf dem Rand des Troges nieder,
bückt sein Köpfchen und hebt es wieder empor, und flattert singend
weiter; sein Durst war gestillt. Ich trat zum Troge, und sah im Stein
ein Löchlein, wie ein Fingerhut tief. Das wenige Wasser darin war für
den Vogel eine Quelle der Erquickung geworden; er hatte für jetzt genug
und begehrte weiter nichts. Das ist Genügsamkeit.
Wieder stand ich an einer Blume, voll Pracht und Wohlgeruch, und ein
Bienlein kam geflogen, summend und suchend, und erkor sich die Blume zur
Weide. Aber die Blume hatte keinen Honig, das wußte ich; wie, dacht'
ich, wird sie sich da benehmen? Summend kam sie zurück aus dem Kelch, um
weiter zu fliegen. Da sah sie die Staubfäden der Blume, wie sie so voll
Blumenmehl hingen, daraus das Wachs bereitet wird, und sie nahm die
beiden Beinlein voll, bis sie zu gelben Höslein wurden, wie der
Bienenvater sagt, und flog schwer beladen heim. Du hast Honig gesucht,
dacht' ich, und ihn nicht gefunden, und dich mit dem Wachs begnügt, und
es heimgebracht, daß deine Reise nicht zwecklos sei. Sei mir ein Bild
der Genügsamkeit!
Wer die Stimme Gottes aus der Natur vernimmt, der labt sich auch an
solchen Bildern, die dem Aufmerksamen überall begegnen. Aber wie freut
sich erst das Herz dessen, dem solche Bilder der Genügsamkeit im
Menschenleben begegnen, oder wenn vielmehr ein einzelnes Menschenleben
ein solches Bild christlicher Genügsamkeit ist. Und so war das Leben
unseres Justus. Im Hause des Wohlstandes aufgewachsen, fand er sich ohne
Murren in eine lange Wartezeit, in die ihn sein Gott, als in eine gute
Schule der Uebung, hineinführte, und jetzt, wo die Zeit kam, die man
gewöhnlich die Zeit der Ernte nennt, wo das langersehnte Amt sich
aufthat, und nur ein Aemtlein war voll Sorge und mit geringem täglichem
Brod, da konnte Keiner dankbarer und froher sein, als Justus. Die noch
vorhandenen Blätter seines Tagebuchs zeigen uns das Bild dieses
Ehrenmannes von allen Seiten und in allen Lagen. Sorge, Furcht, Hoffnung
wechseln auch in seinem Herzen ab; aber vergeblich sucht man auch nur
nach einer einzigen Klage über sein Loos, nach einem einzigen Wunsche,
daß sein Loos ein anderes sein möge. Rührend ist es, mit welcher
Innigkeit er von seinem Stande redet, wie hoch er sein Amt hält, und wie
laut er Gott preist, daß er ihn habe berufen, sein Werk als christlicher
Schulmeister zu treiben. O könnte ich euch, ihr Lehrer unserer Zeit, die
ihr, wie Sirach sagt, an eurem Amte verzagt und es selber verunehret,
weil ihr meinet, ihr wäret zu etwas Besserem bestimmt, könnte ich euch
doch alle die Trost-, Saft- und Kraftsprüchlein zu Herzen führen, mit
denen der Schulmeister vom Veitsberg sich sein Amt leicht und sein
Leben schön machte! Doch warum sollte uns diese heitere Genügsamkeit an
Justus überraschen? Ein Mensch, dem sein Glaube Alles ist, der aus ihm
allen Trost schöpft, und nie müde wird in seinem Glauben, dem muß Alles
zum Besten dienen, der thut Alles, was er thut, dem Herrn und nicht sich
selbst. Was ihm sein Amt war und was er seinem Amte sein wollte, das
drückt am Besten ein Lied aus, das in seinem Tagebuche steht, mit der
Aufschrift: »des Schulmeisters Morgensegen.«
»O Hirte deiner Heerde,
O mein Herr Jesus Christ,
Der du durch viel Beschwerde
Zum Himmel gangen bist;
Der du zum Trost der Deinen
Den Geist verheißen hast,
Und Denen, die hier weinen,
Nimmst ab des Tages last;
O gib den Geist der Stärke,
Den Geist der Zuversicht
Auch mir zu deinem Werke,
So oft er mir gebricht.
Ist auch mein Amt so kleine,
Mein Loos so niedrig hier,
So ist es doch das Deine,
Was du einst suchst bei mir.
Ich soll die Heerde weiden,
Wie du von mir gethan,
An treuer Hand sie leiten,
So gut ich Schwacher kann;
Ich soll zu frischen Bronnen
Geleiten deine Schaar,
Daß sie als lauter Sonnen
Sich einst dir stellen dar.
O Herr, du starker Streiter,
Steh' denn zur Seite mir,
Führ' mich im Kampfe weiter,
Der Sieg, er steht bei dir!«
* * * * *
Die Bestallung des Justus lautete dahin, »daß dem ehrsamen und
wohlgelahrten Candidaten Jakob Konrad Justus das Amt eines
Schulmeisters, Organisten und Glöckners zum Veitsberg übergeben werde,
daß man sich aber zu demselben versehe, er werde seines Amtes getreulich
warten.« Dieses Rathes hätte es bei Justus nicht bedurft; denn bei ihm
galt: »Alles was ihr thut, das thut dem Herrn und nicht den Menschen.«
In jedem Theil seines Amtes war er drum ein treuer Knecht, und wie er
der Schule fleißig wartete, so that er den Kirchendienst, der häufig an
ihn kam, zur großen Erbauung der Gemeine, und in allen Dörfern der
Gegend ward die Uhr gerichtet nach der vom Veitsberg, denn es hieß
überall: »Der Kalendermann kennt die Zeit am Besten.«
Ist es heut zu Tage immer noch kein Kleines um einen guten und treuen
Schulmeister, weil kein Amt mehr Sorgen und Grämen hat, denn seines, so
war das zu des Justus Zeit, vor hundert Jahren, noch viel mehr der Fall.
In Sommerszeit war wegen des Weidgangs fast kein Kind zur Schule zu
bringen, und wenn im Winter der Schnee die Wege ungangbar gemacht hatte,
so blieben die Schüler von den Ortschaften rings umher auch aus, und
Dräuen und Strafen half auch nicht viel, weil man den Schlendrian
gewohnt war, und Niemand da war, der dem Schulmeister half. Doch wußte
sich Justus selber zu helfen, er half sich nach dem Sprüchlein, das er
sich selber gemacht:
»Wer Kinder will zur Schule bringen,
Darf mit dem Stock nicht viel umspringen;
Die Furcht macht Schul' und Köpfe leer,
Die Liebe lockt und bauet sehr.«
Und diese Liebe lockte und bauete auch in der Schule zum Veitsberg. Was
auch der Schulmeister mit den Kindern tractirte, er brachte allezeit ein
freundlich Gesicht dazu mit, und wußte neben dem Worte Gottes, das er
fleißig trieb, auch manche andere Wissenschaft den Schülern angenehm zu
machen. Lieder, die er selbst gedichtet, oder aus guten Gesangbüchern
gewählt, und wozu er selbst die Weisen gemacht, sang er mit den Kindern
und spielte die Harfe dazu, also daß Jung und Alt sich daran erbaute;
denn, pflegte er zu sagen:
»Wer singen kann ein frommes Lied,
Der hat den Herrn noch im Gemüth.
Und frommes Lied aus frommer Brust
Treibt aus die Sünd', gibt Himmelslust.«
Zur Frühlingszeit, wo die Felder noch leer waren, nahm er die Knaben mit
hinaus in's Feld, und zeigte ihnen, wie sie die gelernte Rechenkunst zum
Feldmessen brauchen könnten, wie er denn selber zum Gebrauch seiner
Schüler eine Anweisung zum Feldmessen, und für schon Geübtere im Jahr
1741 ein Büchlein verfaßte, das den Titel führt: »Geodaesia, oder
Feldmeßkunst, nämlich wie aller Felder Größe zu messen und zu rechnen,
sammt einem Anhang, wie alle Höhen, Weiten und Tiefen zu finden seien,
auch mit einer Zugabe, wie das Verhältniß der Planeten gegen unsere
Erdkugel gefunden werden könne;« Alles durch die reinsten Zeichnungen
erläutert, und durch Exempel aller Art erklärt.
Eigenthümlich bleibt freilich die Lehrweise, die in seiner Schule
herrschte; sie trägt ganz das Gepräge seiner Zeit, einer Zeit, wo man
meinte, dem Gedächtniß der Kinder dadurch zu Hülfe kommen zu können,
wenn man die Lehrgegenstände in Verse kleide. So haben wir von Justus
noch ein »Rechenbuch, darinnen die ganze allgemeine Rechnungsart mit
allen ihren Regeln deutlich vorgetragen, und mit Exempeln erklärt ist,
vom Jahr 1739.« In diesem Rechenbuche, das wie alle Schriften des
Kalendermanns äußerst sorgfältig und sauber gearbeitet und mit schönen
Handzeichnungen verziert ist, wird außer einer Menge gewöhnlicher
Exempel immer eins in Versen gegeben und ein Bildchen dazu. Davon ein
Beispiel aus der Regel de Tri mit Brüchen:
»Es thut ein Schiffmann fahren fort
Mit seinem Schiff an andre Ort'
Bei gutem Winde sag' ich rund
Gar recht in einer Viertelstund'
Fünfsechstheil Meil', wie mir bericht,
Der Schiffer, der da lüget nicht.
Nun möcht' ich wissen, wie viel dann
Der Schiffmann Meilen fahren kann,
Wenn er dreiviertel Stunden führ',
Und guter Wind das Schiff berühr'.«
Noch ein Anderes machte den Justus zu einem besonders guten Schulmeister
und gewann ihm die Herzen der Jugend, das war seine große Liebe für die
Natur. Nie ist er inniger und beredter, als wenn es gilt, von der Macht
Gottes in seinen Werken zu reden, oder die Liebe Gottes in den
tausendfachen Wundern der Schöpfung zu preisen. Wie man den lieben Gott
und die Weisheit seiner Wege in allen seinen Geschöpfen finden könne,
das zeigte er beständig seinen Schülern. Und wie man ihn zur Sommerszeit
niemals ohne eine Blume in der Hand sah, so trieb sein frommes Herz
manche schöne Blüthe der Dichtkunst und der Begeisterung für die Werke
Gottes. Laß' es dich nicht verdrießen, lieber Leser, wenn ich dir jetzt
und auch noch später des Justus eigne Gedanken mittheile. So mögen denn
hier zwei Lieder von ihm stehen.
Das Vöglein auf dem grünen Ast.
Sing-Vöglein auf dem grünen Ast,
Wie herzig ist dein Sang!
Gönnst dir nicht Ruh', gönnst dir nicht Rast,
O sag', wem gilt dein Klang?
Kommt aus der Nacht hervor der Tag,
Ist schon dein Tisch bestellt,
Und deiner Kehle lauter Schlag
Singt Dank dem Herrn der Welt.
Das Brünnlein, das aus Bergen quillt,
Das gibt dir deinen Trank,
Und hast du deinen Durst gestillt,
Vergißt du nie den Dank.
Du singst und trillerst wohlgemuth,
Für morgen nicht verzagt,
Als wüßtest du, ein Vater gut
Hält über Alles Wacht.
Wie friedlich ist die Ruhe dein,
Du weißt nichts von Gefahr,
Den Kopf wohl unter'm Flügelein
Bist du der Sorge bar.
O wüßt' ich doch, wie du es weißt,
Daß über aller Welt,
Mein Gott, der ewig Vater heißt,
Gar treulich Wache hält;
Daß er mir gibt mein täglich Brod,
Mir reichet, was mir nützt,
Daß er mir hilft aus aller Noth,
In Trübsal mich beschützt.
O Vöglein auf dem grünen Ast,
Gib mir die weise Lehr',
Lehr' singen mich ohn' Ruh' und Rast,
Das Lied zu Gottes Ehr'!«
* * * * *
Das Bienlein auf der Weide.
O Bienlein, nimm mich mit in's Feld!
Wie schön ist meines Gottes Welt.
Nun um mich her geworden!
Es grünt der Wald, der Anger lacht,
Der Baum steht weiß in seiner Pracht,
Und Blumen aller Orten.
O Bienlein, laß' mich mit dir zieh'n,
In's Thal hinab, hinab in's Grün,
Und zeig' mir deine Weise!
Von Blum' zu Blume eilest du,
Und gönnst dir nimmer Rast noch Ruh'
Und singst dein Lied so leise.
Du fliegest lustig ein und aus;
Viel süßer Kost trägst du nach Haus,
Und willst nicht müde werden;
Der Frühling geht, der Sommer auch,
Du läßt nicht von dem alten Brauch,
Bis Winter wird auf Erden.
O Bienlein ohne Rast und Ruh',
Dir seh' ich mit Vergnügen zu,
Du lehrst mich wohl ermessen:
Ich soll als Christ hier meine Zeit
Treu nützen für die Ewigkeit,
Des Heimgangs nie vergessen.