Daß ein solcher Mann wie unser Justus, in der Gegend, wo er lebte,
Aufsehen erregen mußte, das möchten wir wohl nach dem bisher Gehörten,
voraussetzen, und doch war dem nicht so. Justus war nicht der Mann, viel
Wesens aus sich selber zu machen; er trieb sein Tagewerk so für sich
hin, und man beachtete ihn nicht sonderlich. Also geschah es von Denen,
die sich vornehm in der Welt dünken; aber ein Anderes war es mit den
Stillen im Lande. Wer unser deutsches Volk kennt, der weiß auch, daß in
ihm Herzen schlagen, empfänglich für alles Schöne, Gute und Göttliche,
daß in seinen Dörfern und kleinen Städten ein Völklein wohnt, die man
nicht anders benennen darf, denn mit dem biblischen Namen »Stille im
Lande.« Stille sind sie, denn sie treiben ihren Lebensberuf in der
Stille hin; stille sind sie, denn im Getümmel der Märkte und der
Schenken seht ihr sie nie; stille sind sie, denn ihre Seele ruht in
irgend einem ernsten Gedanken aus. Sie sind die Grübler im Volke, die
gleich weit entfernt von Müßiggang wie von Weltgeschäftigkeit, irgend
einem Ziel ihr ganzes Herz geweiht haben, und dieses Ziel im Auge, gar
Wunderbares schaffen. Ich habe solche gekannt, die nach dem Stein der
Weisen suchten und die Goldmacherei trieben, zu deren Lob will ich nicht
reden; denn sie jagten einem Schatten nach, und gaben den Herrn auf, um
in Satans Dienst Schätze zu erbeuten und fielen über kurz oder lang in
die Grube, die sie sich selber gegraben. Aber ich habe auch solche unter
ihnen gekannt, die aus sich selber heraus eine wunderbare Geisteskraft
entwickelten, und diese zur Erfindung kunstreicher Handarbeiten, oder
zur Auflösung schwieriger Rechnungsaufgaben, oder zur Hervorbringung von
allerlei schönen Gedanken und Liedern benutzten, die dem Hörer gar nicht
selten wie Edelsteine vorkommen, die nur noch des Schleifers Hand
bedürfen, um in allen Lichtern und Farben zu glänzen. Am meisten aber
haben mich immer die Stillen im Lande angezogen, deren Herz dem
geschliffenen Edelsteine gleicht, in dem jeder Strahl von Gottes Güte
und Gnade wiederspiegelt. Die haben frühe den geheimnißvollen Zug nach
oben bekommen; und während nun Tausende um sie her leiden und im Leiden
klagen und verzagen, leiden sie auch und sind doch allezeit froh. Sie
kennen ihren Gott, wie sie sich von ihm gekannt wissen, und wie sie ihn
in allen ihren Lebensführungen erkannt haben; sie lieben ihren Heiland
mit einer tiefen Johannesliebe; sie sind eifrige und starke Beter, und
wer ihre Erfahrungen in diesem Stücke hört, der staunt über die Größe
ihres Glaubens. Habt ihr solche in eueren Gemeinden, ihr Lehrer des
Volks, machet um Alles die Stillen nicht irre, lasset sie ihr Wesen
treiben, auch wenn es euch manchmal sonderbar bedünket. Sie sind zarte
Pflanzen, fasset sie nicht mit rauher Hand an. Habt ihr sie zu euren
Freunden gemacht, und das hält nicht schwer, dann lieben sie euch fest
und treu wie Brüder, und ihr habt ein gut Fundament euch erbauet, darauf
ihr fortbauen könnet.
Die Zeit, von der wir reden, war noch viel reicher an diesen Stillen,
wie die unsrige. Das äußere Leben war noch enger und kleiner; so mußte
denn manch' kräftig Gemüth in die Tiefe wurzeln, weil man ihm nach außen
den Weg versperrte.
Solche Stille fanden an unserm Justus den rechten Mann. Auch ihn zog
Gemüth und Beruf und ein tiefgründiger Glaube von der Welt ab; so waren
denn auch solche ihm willkommen, die sich in der Stille mit ihm freuen
konnten. Denket aber nicht, daß die Besuche, die dem Schulmeister vom
Veitsberg galten, eine Art Kirchlein in der Kirche zum Zwecke hatten;
des Justus Hausfreunde waren vielmehr derbe, deutsche Kernnaturen von
altem Schrot und Korn, die in dem Einen, das Noth thut, festgewurzelt
waren, und dessen niemals einen Hehl machten, von denen aber Jeder noch
nach dem Sprichwort sein eigen Steckenpferd ritt, für das sie Futter bei
dem Kalendermann suchten und fanden. Und wie Justus über seine
Hausfreunde dachte, das drückt er selber in dem Sprüchlein aus:
»Ist fromm dein Haus, so ziehen ein
Viel' guter Freund', sich dein zu freu'n;
Auf gutem Haus der Storch nur wohnt,
Die Freundschaft nur den Treuen lohnt.
Drum an dem Freund' halt' treu und feste,
Er ist der Gottesgaben beste.«
So füllte sich denn auch an einem schneehellen Februarabend des Jahres
1744 das Stübchen des Schulmeisters mit seinen Freunden an. Es war ein
traulich liebes Stübchen das des Schulmeisters vom Veitsberg, und Alle,
die einmal dort gewesen waren, versicherten, es sei ihnen am warmen Ofen
noch niemals so wohl gewesen. Denn die Herzensgüte, die aus dem Auge des
Justus leuchtete, that Allen wohl, und wenn er sprach, dann war seine
Rede so eindringlich und überzeugend, daß Jeder von ihm nur belehrt
sein wollte. Und Dorothe, wie freundlich empfing die die Gäste, wie
sorgsam erkundigte sie sich nach dem Befinden der Ihren, und wie
überlegsam wußte sie Jeden so zu setzen, wie es seinen Körperumständen
am zuträglichsten war!
So kam der alte Zacharias Storch von Bolnbach allezeit in den Sorgstuhl
neben den Ofen, und nicht selten ward ihm auch ein gewärmter Backstein
unter's linke Bein gelegt, das er steif aus dem Türkenkrieg mit
heimgebracht hatte. Denn der alte Storch hatte unter Prinz Eugen gegen
den Erbfeind gefochten, und wußte viel zu erzählen von den Schlachten
bei Peterwardein und Belgrad, und von der Türken Blutgier und von dem
Pascha, den er selber vom Pferd heruntergehauen und seinen Fingerring
erbeutet, von Gold und grünem Stein, auf dem ein Spruch in arabischer
Schrift gestanden, und der ihm leider von einem Kroaten war gestohlen
worden; »denn dieß Gesindel«, so sagte er immer, »stiehlt wie die
Elstern, und hat nicht soviel Gewissen, wie diese losen Vögel.«
Das Bänkchen an der andern Seite aber gehörte dem Förster Simon
Kleinfelder von Winnerod, auch der Kirschenförster genannt, weil der
Kirschbaum sein Lieblingsgewächs war, das er anpflanzte, wo er konnte,
und von dem er sprach, er mochte reden, mit wem er wollte. Der war
unseres Justus Lehrer in der Baumzucht, und daß er an ihm einen
gelehrigen Schüler hatte, davon zeugen noch heute die Kirschbäume um die
Kirche her, die der Justus gepflanzt, und so manche gute Obstsorte, die
um den Veitsberg her sich findet. Denn Justus sagte und lehrte auch
seine Schüler das Verslein:
»Ein jeder Baum in seiner Pracht,
Der lobet den, der mit Bedacht
Ihn einst gepflanzt und bezweigt,
Und Sorg' und Wartung ihm gereicht.
Die Blüthe, die auf's Grab einst fällt
Vom Baume, den man selbst bestellt,
Kein Marmor gibt ihm solche Zier; —
Drum sei der Baum ein Denkmal mir.«
Auch an diesem Abend unterhielt sich der Förster mit dem Justus über die
Baumzucht, und sie theilten sich ihre Hoffnungen und Befürchtungen über
das neue Jahr mit; unter den Befürchtungen war eine recht große, wie wir
bald hören werden.
Sie wurden aber unterbrochen durch einen andern Hausfreund, den
Schreinerkaspar, der einen Schemel unter die Wanduhr gestellt hatte, und
sich am Werk zu schaffen machte. »Schulmeister«, sprach er von diesem
hohen Standpunkt herab, »eure Uhr hat keinen gleichen Schlag mehr, auch
ist der Guckuck, der die Stunde abruft, etwas rauhhälsig geworden,
woraus man merket, sag' ich, daß das Werk in Unordnung ist. Gebt sie mir
auf einige Tage mit heim, dann soll sie wieder gehen, daß es ein Staat
ist.« »Kaspar«, sagte der Schulmeister, »die Uhr geht wirklich besser,
als ihr glaubt, und was die Rauhhälsigkeit des Guckucks betrifft, so ist
eben des Vogels Zeit nicht, wie ihr wißt, sich hören zu lassen; wartet
nur bis zum April, dann ruft er heller.« — »Da haben wir's«, rief vom
Schemel herab der Schreinerkaspar, der den Scherz des Schulmeisters ganz
überhört hatte; »da ist ein Rädchen verbogen, gleich als hätte einer mit
Unverstand am Werke gerissen. Das geht so nicht, die Uhr muß neu
gerichtet werden; also herunter damit! Der Schreinerkaspar läßt sich
nicht nachsagen, daß eine Uhr schlecht gehe, die er selbst gemacht hat.«
»Nun meinetwegen, nehmt sie mit heim, Kaspar«, sagte der Schulmeister
lächelnd, »nur Eins bitte ich mir aus, laßt mir den Vogel in der Uhr und
setzt mir kein ander Gethier hinein; denn so kunstreich auch die Uhr
sein mag, die ihr dem Müller von Queckborn gemacht habt, so will mich's
doch bedünken, es nähme sich in der Stube eines Christenmenschen gar
sonderbar aus, wenn nach jeder Stunde des Tages und der Nacht ein
Geisbock aus dem Thürlein springt, und ein Männlein hinter ihm drein,
das so lange auf das Thier schlägt, bis das die Stunde abgeblöckt hat.«
»Schulmeister«, sagte lächelnd der Schreinerkaspar, »laßt mir meinen
Spaß; jedem Narren gefällt seine Kappe; und das müßt ihr doch sagen, es
hört Keiner den Geisbock die Stunde abrufen, er muß auch lachen, er mag
wollen oder nicht; und ein Mensch, der lacht, sag' ich alls, ist immer
um ein Lebensstündlein reicher geworden. Aber jetzt habe ich ein Werk in
Arbeit, das, wenn's gelingt, euch erlustiren soll, sonderlich den
Förster da. Da singt ein Vöglein die Stunden ab, nicht ein Guckuck,
sondern ein Vöglein wie's auf dem Baume sitzt, nur fehlt mir noch etwas
am Orgelwerk drinnen, und das soll mir der Herr Fleischhauer zu Grünberg
helfen ausdenken.«
»Schreiner«, sprach ernst der Schulmeister, »wollt ihr Rath annehmen, so
sag' ich euch, geht nicht zu dem Fleischhauer. Treibt eure Kunst daheim,
so gut ihr sie treiben könnt, Gott und Menschen zum Dienst; aber von dem
Fleischhauer bleibt weg, in dessen Nähe ist's nicht geheuer. Der kommt
mir vor, wie der leibhaftige Satan, und sein Häuschen an der Mauer, wie
die Höhle des Löwen, wo viele Spuren hinein, wenige wieder herausgehen.
Was der Mann treibt, das verstehe ich nicht, man sagt, er soll den Stein
der Weisen suchen; das aber weiß ich, daß ihrer Etliche, die mit ihm
angebunden hatten, sind ärmer geworden, denn Hiob. Ein Spielzeug wird
der liebe Gott jedem Christenmenschen gönnen, wenn aber in der Kurzweil
das Heil der Seelen auf dem Spiel steht, dann gilt auch, was dort
geschrieben steht: »Aergert dich dein rechtes Auge, so reiß es aus und
wirf es von dir.«
»Ja, so mein' ich's auch«, sprach der Elias Büttner von Saasen, der
seinen Sitz am Fenster genommen hatte und von Zeit zu Zeit in die Nacht
hinaus sah, »so mein' ich's auch; was nicht Gott und Menschen zu Dienst
und Wohlgefallen gethan wird, das acht' ich für eitel Narretheiding.
Treib' ein Jeder nur hübsch seinen Beruf, dahin ihn sein Gott gesetzt
hat, und sag' Keiner, sein Aemtlein sei ihm zu klein. Es sind mancherlei
Gaben und Aemter, aber es ist Ein Geist. Und wenn einst Abend wird im
Leben, und der Tag sich neiget, und der Herr kommt und macht ein Ende
mit aller unserer Noth, dann wird er gewiß zuerst fragen, ehe er uns
dahin nimmt, wo Freude die Fülle ist und liebliches Wesen zu seiner
Rechten ewiglich: Hast du mit deinen Centnern, die ich dir gab, noch
andere gewonnen, oder dein Pfund in die Erde vergraben? Ueber Weniges
treu sein, Alles, was Gott thut, für gute und vollkommene Gabe erkennen,
an den Werken Gottes sein herzlich Wohlgefallen haben, bis wir ihn einst
von Angesicht zu Angesicht erkennen, das sollt' aller Menschen Dichten
und Trachten sein. Schulmeister, ihr habt den Kindern wieder ein neu
Sprüchlein mit heimgegeben, das ist mir aus dem Herzen herausgesprochen.
Ja, wahr bleibt's:
»Die Welt liebt Geld,
Und tracht' mit Macht,
Wie sie allhie
Viel rafft und schafft,
Da doch hier noch
Die Welt sammt Geld
Zerrinnt geschwind.«
»Laßt euch nicht irre machen, Schulmeister, durch der Spötter Gerede,
als würde in eurer Schule zu viel in Liedern und Sprüchlein gelehret.
Laßt euch, sag' ich, nicht irre machen; wäre zu meiner Zeit also in der
Schule gelehrt worden, ich hätte wohl auch gelernt, meines Gottes Lob in
ein Liedlein kleiden, wie ihr das könnt. Alles, was ihr wißt, das gönn'
ich euch, aber um Eins beneide ich euch, daß ihr mit David sagen könnt:
»Mein Herz dichtet ein feines Lied.« Ist das Gebet schon so süß, und süß
ein Wort aus heiliger Schrift, so muß es noch viel süßer sein, aus dem
Herzen heraus die frommen Seufzer in schöne Reimlein fassen zu können.
Wer das kann, der rühme sich getrost: »Mir ist ein schön Erbtheil
geworden.«
»Aber da ist er ja, den wir heute Abend hier erwartet haben, der Bote
Gottes, sehet nur, wie hell sein Licht! ›Ja Licht ist sein Kleid‹, ›und
durch den Nebel bricht sein Licht‹, ›und es ist süße das Licht‹, ›und
ich bin das Licht der Welt‹, wem fallen solche Worte der Schrift nicht
mit einem Male ein, wenn er solch' Wunder beschaut.«
Welch' ein Anblick, als die Hausfreunde an's Fenster eilten! Ueber einer
herrlichen Winterlandschaft war der Mond aufgegangen. Die Dächer des
Dörfleins im Thale glänzten im Silberlicht, und es war eine Helle in der
Natur daß man die entferntesten Gegenstände wie am Tage erkannte; nur
schauerlicher war das Licht, nur dunkler die einzelnen Schatten von
Häusern und Bergen und den Wäldern, die auf den Höhen hinzogen. Solches
Licht vermochte der Mond, der im ersten Viertel stand, nicht allein zu
spenden, solches Licht kam von dem Kometen des Jahres 1744. Sein Kern
hatte die Größe von mehreren Sternen zusammen, und erschien dem Auge von
blauem Licht; und über den Stern hinauf ging ein Schweif in einer Länge
von fünf Fuß, und von einer Stärke und einem Feuerglanze, daß das Auge
nicht lange darauf haften konnte. Im Januar war der Komet aufgegangen,
erst ganz klein und kaum erkennbar; dann hatten ihn Wolken bedeckt, und
als der Himmel wieder hell ward, und mit seinen Millionen Sternen sich
schmückte, und der Mond aufging; da war es ordentlich, als wolle der
Komet sie alle an Klarheit übertreffen; denn die Helle des Abends nahm
ihm nichts von seinem wundervollen Glanze.
»Das hätten wir ja nicht besser treffen können, ihr Nachbarn«, sprach
der Büttner heiter lächelnd zu seinen Freunden. »Hatten wir uns doch
heute hierher bestellt, von euch, Herr Justus, dieß Wunder Gottes uns
verdolmetschen zu lassen; und nun thut uns die Lieb' an, und sagt uns,
was ihr von den Kometen haltet und was die Sterngucker von ihnen sagen.
Wißt ihr, wie mir der Stern da oben vorkommt? Wie ein Text aus
göttlicher Schrift, und nun werdet ihr sein Ausleger, wir wollen eure
Hörer sein.«
»Ja, der Stern ist ein Wunder Gottes«, sagte der Kalendermann, »aber ich
meine, man muß, um sich's selber deutlich zu machen, erst einen Trunk
thun aus dem Born, der in's ewige Leben quillet, erst gedenken an des
Propheten Wort: »Hebet eure Augen in die Höhe und sehet, wer hat solche
Dinge geschaffen und führet ihr Heer bei der Zahl heraus? der sie alle
mit Namen rufet; sein Vermögen und starke Kraft ist so groß, daß es
nicht an Einem fehlen kann!«
»Manches Jahr habe ich nun schon meine Augen in die Höhe gehoben, und
wohl erkannt, daß es der Herr ist, der Himmel und Erde füllet; wohl
manches Jahr habe ich schon in den Schriften der Sternseher älterer und
neuerer Zeit geblättert, aber wer kann die großen Thaten Gottes
erforschen, wer kann sie ausreden! Mit meinem geringen Wissen will ich
gern meinen Nachbarn zu Dienst sein; vergesset aber nicht, daß mein
Wissen Stückwerk bleibet. Nun kommt hierher zum Fenster, von Gottes
Wundern kann man nur recht reden, wenn man sie im Auge hat. Dorothe,
meine Liebe, lösche einmal das Licht aus, und laß deinem Rädlein auf ein
Stündchen Ruhe; hier unter'm Licht des höchsten Gottes ist alles
irdische Licht Finsterniß.«
»Was sind die Kometen? darüber wollen wir zuerst Rath halten. Wie die
übrigen Sterne sind sie nicht, sonderlich nicht wie die Planeten. Die
haben die Sonne zu ihrem Mittelpunkt, und gehen in engerem oder weiterem
Kreise um sie herum; und wenn sie einmal ihren Umgang gehalten, dann ist
ein Jahr um. Die kommen regelmäßig um dieselbe Jahreszeit und um
dieselbe Stunde der Nacht an ihre Stelle, die sie schon vor
Jahrtausenden gehabt haben. Und noch weniger Verwandtschaft haben die
Kometen mit den Fixsternen, davon also genannt, weil sie so weit von uns
sind, daß sie _fest_ zu stehen scheinen auf _einem_ Flecke; und die
Sternseher sagen, das seien auch Sonnen, wie die unsrige, und um sie her
drehten sich wieder Planeten, so wie unsere Erde mit ihrem Mond um
unsere Sonne. O wenn man das ausdenket, soweit menschliches Denken
reicht, da möchte man mit David sagen: »Solches Erkenntniß ist mir zu
wunderlich und zu hoch, ich kann es nicht begreifen!«
»Von Planeten und Fixsternen sind also die Kometen sonderlich
verschieden, einmal ihres Lichtschweifes wegen, den kein anderer Stern
hat, und davon sie den Namen tragen, und dann ihres Laufes wegen, der
unserm Verstand nach ohne Ordnung ist. Und weil sie so selten sind, auch
oftmals eines Mannes Alter nicht hinreicht, einen Kometen sehen zu
können, so haben dieselben nach ihrer Beschaffenheit und nach ihrer
Bewegung bis dahin noch nicht völlig können erkundigt werden, obgleich
Vieles von Alten und Neuen ist über sie aufgezeichnet worden.«
»So sind Etliche unter den Heiden der Meinung gewesen, die Kometen seien
eine Zusammenfügung zweier oder mehrerer Sterne, die ihr Licht
miteinander vermischen. Andere meinten, es seien noch unzählig viele
Sterne am Himmel, die andere Kreise und Umgänge hätten, denn die wir
kennen, und welche, wenn sie an die äußerste Spitze ihres Kreises
kommen, uns als Kometen erscheinen. Etliche haben sie auch für feurige
Luftzeichen gehalten, die aus den warmen und trocknen Dünsten der Erde
zusammenwüchsen und sich darnach entzündeten. In unseren Tagen haben
zwei Meinungen über die Kometen den Vorrang erhalten. Die eine ist die,
daß die Kometen dichte Körper seien, wie die andern Sterne, daß die
Schweife aber von den Ausdämpfungen des Kopfes am Sterne rührten. Daß
sie sich nur in gewissen Zeiten zeigten, komme daher, weil sie in
länglichen Kreisen um die Sonne hergingen, und nur dann von uns gesehen
werden könnten, wenn sie der Sonne sich näherten.«
»Dieser Meinung bin ich nicht, möchte vielmehr Denen beistimmen, welche
die Kometen für außerordentliche Himmelskörper halten, aus allerlei
Dünsten locker zusammengedrückt, die, wenn sie entzündet sind und
anfangen zu brennen, dann wegen ihrer starken Bewegung durch die Luft
einen lohenden Schweif hinter sich drein ziehen. Denn wären die Kometen
beständige Weltkörper, so müßten sie, nachdem sie am größten scheinen,
nach und nach wieder kleiner werden. Dieses aber geschiehet nicht also,
sondern nachdem sie sich entzündet haben und völlig in Brand gerathen
sind, verlöschen sie auf einmal. Auch ist nach meinem Dafürhalten die
Sonne nicht vermögend, ihre Strahlen durch einen beständigen und dichten
Körper zu stoßen, so daß dieselben auf den Gegenseiten als ein Schweif
zu sehen sei. Bleibe dabei, es sind die Kometen Dunstkörper, von dem
allmächtigen Gott an den Himmel gestellt, daß sie Jedermann sehen und
von andern Gestirnen unterscheiden kann, auf daß die Menschen durch
solche stumme Luftbußprediger bewogen würden, zurückzudenken, sich ihres
Frevels und Muthwillens zu erinnern und dem erzürnten Gott mit wahrer
Reu' und Buße entgegenkommen.[3]«
»Die Herrn Astronomi, die solche Kometen für beständige Weltkörper
ausgeben, thun nach meiner Meinung ein großes Unrecht, indem sie die
ohnehin sichere Welt nur noch sicherer machen. Denn der allmächtige
Schöpfer zeigt an den Kometen nicht nur seine hohe Weisheit, sondern
auch seine große Gerechtigkeit in deren Gestalt und Figur, denn die
Kometen gleichsam die Hand des erzürnten Gottes mit einer darin
haltenden Ruthe darstellen, dadurch uns Menschen anzudeuten, sein
heiliges und gerechtes Vorhaben, daß er mit der gezückten Ruthe auf uns
schlagen will, darum, weil wir ihn, den lebendigen Gott, verlassen. Auch
berichten uns die Historiker, daß allezeit auf einen Kometen etwas
Sonderliches in der Welt geschehen ist, Krieg, Mißwachs, theure Zeit,
Erdbeben, wie ich auch das eines Weiteren auseinandersetzen könnte. Und
hat darum unser treufleißiger und für die Ehre Gottes eifriger Herr
Pfarrer sehr weislich gethan, daß er am letzten Sonntag dem Volk die
Bosheit und Gottlosigkeit scharf und nachdrücklich unter die Augen
gestellt, indem er gleichsam mit Fingern die am Himmel gezückte Ruthe
des erzürnten Gottes gezeigt hat. Und solche Predigt ist auch für uns
gehalten worden, daß wir uns reizen lassen zur Buße und guten Werken.«
»Bin bis dahin in Allem eurer Meinung, Herr Justus«, sprach bescheiden
der Elias Büttner, »und habe des Herrn Pfarrers Predigt mit sonderlicher
Erbauung gehört, wünsche auch aus Herzensgrund, es möge an der Predigt
in Erfüllung gehen, was dort Jesaias sagt: »Gleichwie der Regen und
Schnee vom Himmel fällt, und nicht wieder dahin kommt, sondern feuchtet
die Erde und macht sie fruchtbar, — also soll das Wort, das aus meinem
Munde gehet, auch sein. Es soll nicht wieder zu mir leer kommen, sondern
thun, was mir gefällt, und soll ihm gelingen, dazu ich es sende.« So
schön dieß liebe Gotteswort nun ist, so wahr ist doch auch ein anderes,
das im Jeremias, im zehenten Kapitel, im anderen Vers zu lesen ist, und
heißt: »Und sollt euch nicht fürchten vor den Zeichen des Himmels, wie
die Heiden sich fürchten.« Nach diesem Sprüchlein will mir denn ein
Zweifel kommen, ob's auch recht gethan sei, einen solchen Stern mit der
Inbrunst zu beschauen, wie wir thun, und ihn gerade Weges einen Boten
Gottes zu nennen.«
»An den Spruch, lieber Nachbar Büttner, habe ich auch schon gedacht«,
antwortete der Schulmeister, aber ich habe mir ihn von allen Seiten wohl
erwogen, und da heißt er mir nur soviel, als: »Ihr sollt euch nicht
fürchten vor den Zeichen des Himmels, wie die Heiden sich fürchten.« Die
wußten aber nichts vom wahren, lebendigen Gott und stellten ihr
Vertrauen auf selbstgemachte Götter, waren auch so ersoffen in
Aberglauben, daß sie, wenn ein ungewöhnlich Zeichen am Himmel erschien,
sie sich vor dem Zeichen selbsten fürchteten, als wenn das die Macht
hätte. Wir Christen aber glauben an den Allmächtigen, der die Zeichen am
Himmel erschaffet; so fürchten wir denn nicht die Zeichen, sondern den
Schöpfer, und betrachten sie als Vorausläufer, uns zu erinnern, daß er
bereit sei, uns zu strafen, wenn wir nicht diesen großen König Himmels
und der Erde kindlich fürchten, und mit Geschenken ihm entgegen gehen,
ich meine, mit wahrer Reu' und Buße.«
»So, ihr Nachbarn, will ich's mit dem Kometen da über uns halten, und
will acht haben auf die Zeichen der Zeit und auf mein Herz, und auf das
Wort dessen, der sagt: »Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen.«
Und zum Gedächtniß an diesen Abend und an so manch' selig Stündlein, das
mir der Komet des Jahres 1744 gebracht hat, will ich mir ein Bild machen
vom Kometen, wie er heute steht, und wie er mit dem Mond zur Seite sein
Licht herabwirft auf meinen Veitsberg und auf mein Kirchlein hier unten,
und darunter will ich schreiben:
Was zeigt der Vorbot' an, der sich dort präsentiret?
Ja nichts, als Gott ist auf, zu strafen unsre Sünd';
Ach, wenn derselbe uns die Herzen doch so rühret,
Daß wenn der Richter kommt, er Reu' und Buße find't.«
Fußnoten:
[3] Will dir Manches, was hier über den Kometen des Jahres 1744 gesagt
worden ist, sonderbar vorkommen, mein lieber Leser, und du wohl gar
glauben, ich wolle dir die Meinung des guten Justus für etwas Gewisses
ausgeben, so würdest du irren. Ich ließ den Kalendermann seine Ansicht
von den Kometen vor seinen Hausfreunden entwickeln, weil ich eine treue
Schilderung von ihm und seiner Zeit geben wollte. Und ist unser Justus
nicht selbst in dem, was du vielleicht Aberglauben nennen möchtest, ein
frommer Mann? Wer kann es ihm verargen, daß er nicht weiter war, als
seine Zeit? — Jetzt weiß man recht wohl, daß die Kometen keine
Dunstmassen, sondern Weltkörper sind, wie die übrigen Sterne; aber ihre
innere Beschaffenheit und die Ursache ihres Schweifes weiß man auch
heute noch nicht genau. Auch das weiß man, daß die Kometen sich um die
Sonne bewegen, aber nicht in kreisrunden, sondern in länglich-runden
Bahnen, daß sie darum der Sonne manchmal sehr nahe kommen, und sich dann
in unendlichen Weiten wieder von ihr entfernen. Ja sogar die Umlaufzeit
einzelner Kometen hat man berechnet, aber von den meisten weiß man sie
nicht. — Wer aber will es Aberglauben nennen, wenn bei der Erscheinung
eines Kometen der Christ gläubig hinauf zum Vater des Lichts, und
prüfend hinein in sein Herz blickt? Etwas anderes will auch die Schrift
nicht, wenn sie David sprechen läßt: »Wenn ich sehe den Himmel, deiner
Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast; was ist der
Mensch, daß du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, daß du dich
seiner annimmst?« — Möge nur recht bald Einer auftreten, der unserm
deutschen Volk den Sternenhimmel bekannt mache, und in weiteren Kreisen
für Gottes Erkenntniß in seinen Wundern des Himmels eben so treu wirke,
wie Justus einst in seinem engen Kreise wirkte. Aber zweierlei muß er
dazu mitbringen: das rechte Herz und das rechte Wort. Wer die Wunder in
der Höhe verstehen und dolmetschen will, der muß erst die Wunder in der
Tiefe des Menschenherzens verstanden haben.
Uebrigens hat Justus seine ganze Ansicht von den Kometen in einem eignen
Schriftchen niedergelegt, dem ich hier gefolgt bin, und das den Titel
führt:
»Einfältige Gedanken von den Kometen, veranlaßt wegen des neulich
erschienenen Kometen. Mit angehängtem Bericht, wann und in welcher
Gegend des Himmels, und in was für einem Gestirn derselbe auf dem
Veitsberg gesehen worden, nach welcher Himmelsgegend er sich bewegt,
wann und wo er sich am Himmel wieder verloren. Auch zur Anzeige seines
Laufs eine Figur verfertigt und beigefüget von