Das Gut war bald getheilt, denn der Förster Justus gehörte nicht zu
denen seines Standes in damaliger Zeit, die ihr Gut mehrten mit fremdem
Gut und sich durch Geschenke und Gaben verblenden ließen, ein Aug' im
Dienst zuzudrücken. Nur ein guter Wohlstand war im Hause, nicht ein
trüglicher Reichthum, von dem man nicht gewußt hätte, wie er
hineingekommen wäre.
Das Gut war bald getheilt, denn der Förster Justus war ein guter
Haushalter und hielt streng auf Ordnung im Großen wie im Kleinen; so
waren denn seine Bücher und Rechnungen so klar und verständlich, daß
keine Advokaten und Proceßkrämer sie zu entwirren brauchten, um im
Trüben selbst nach Herzenslust zu fischen.
Wenn ich also theilen sehe unter Geschwistern, und der Hader und die
Mißgunst sitzt dabei zu Rathe, so mein' ich immer, das Gut, das sie
theilen, muß kein ehrlich Gut sein, weil es schon jetzt nicht mehr bei
den Erben bleiben will, sondern hinaus möchte unter die bösen Rathgeber.
Das Gut des Försters Justus war bald getheilt, denn die Liebe saß dabei
zu Gericht, nicht mit verbundenem Aug', wie die Göttin Gerechtigkeit,
sondern mit dem klaren, offnen Aug' der Treue.
Aber Scheiden und Meiden thut weh, am wehesten, wenn Vater und Mutter
todt sind, und die Kinder den trauten Ort der Kindheit, das Aelternhaus,
verlassen müssen, um Jedes für sich eine neue Heimath zu suchen. Und die
Heimath ist oft so leicht nicht gefunden. So ward auch denen dort im
Jägerhaus der Abschied gar schwer; denn nach drei verschiedenen
Richtungen wandten sich ihre Wege. Heinrich ging nach Holland, Dorothe
zu einer braven Familie im Nassauischen, wo man sie lieb hatte, und wo
sie nur dem Namen nach diente, der That nach aber wie das Kind vom Hause
war; und Konrad Justus, wohin ging der? Die Seinen wußten es während
mehrere Jahre nicht; er suchte eine Heimath und ein Stück Brod.
* * * * *
So waren sieben Jahre hingegangen. Da saß an einem Novemberabend ein
Mann in mittleren Jahren an einem kleinen Tischchen, das just, weil es
kalt war, in die Nähe des Ofens gerückt war, und las und schrieb. Die
Stube war klein und niedrig; zwei Fenster mit alten runden Scheiben
erhellten sie nothdürftig am Tage, und an jenem Abend warf eine kleine
Oellampe ihren matten Schimmer auf das kleine Tischchen und auf das
blasse, aber geistreiche Angesicht des Mannes, der fleißig in seinen
Büchern las. Nicht fern vom Ofen stand ein Bette, und an der Seite, der
Thüre gegenüber, war ein langer Tisch mit Kreuzbeinen aufgestellt, vor
welchem und hinter welchem Bänke zum Sitzen standen, wie man sie in den
Schulen hat. Die obere Seite des Tisches stand etwas von der Wand ab,
und dorthin schien der Großvaterstuhl zu gehören, der jetzt dem Ofen
näher geschoben war, und in dem der Mann saß. In der Ecke, der Thüre
zunächst, stand, an die Wand gelehnt, eine Harfe mit etlichen
Notenblättern zwischen den Saiten, und an der langen Wand hin ging ein
sogenannter Kambank, auf welchem eine schöne Reihe Bücher stand. Das
Häuschen, in dem der Gelehrte wohnte, stand in der Stadt Gießen im
Lande Hessen und stieß mit seiner Vorderseite in ein enges Gäßchen, der
Tiefeweg genannt, während die hintere Seite, von der wir hier reden, die
Aussicht in ein dumpfes Gärtchen hatte, hinter welchem sich der Wall
erhob; denn Gießen war damals noch eine Festung. Es war eine
Todtenstille in dem Stübchen des Mannes, nur unterbrochen durch das
leise Umschlagen eines Blattes, oder durch das dumpfe Knarren der Feder
in der Hand des Schreibenden. Da klopfte, es mochte wohl acht Uhr am
Abend sein, eine Hand leise an die Thüre des Stübchens, und auf ein
lautes Herein! des Mannes, öffnete sich die Thüre, und ein altes
Mütterchen, angekleidet wie die unbemittelten Bürgerinnen der damaligen
Zeit, mit einem weiten Mutzen von Bieber, dessen Schöße wie Klappen über
den Rock von gleichem Tuch herabfielen, und ein gesteiftes Häubchen auf
dem Kopf trat zur Thüre herein, machte einen anständigen Knicks, und
sagte mit einer klaren Stimme, indem es die hellen und lebhaften Augen
auf den Dasitzenden richtete: »Ist es erlangt, Herr Justus, so kehr' ich
heute Abend ein wenig bei euch ein. Es ist mir drunten in meinem
Stübchen etwas unheimlich geworden, weil die Nachbarin, die Annelore,
mir heute nicht Gesellschaft leisten konnte. Mein Wollrad soll euch
nicht incommodiren, ich hab's just frisch geschmiert, und euch dazu hier
etwas mitgebracht, wofür ich wohl auch ein freundlich Gesicht bekomme,
Aepfel, wie sie nur auf dem Nahrungsberg wachsen können, einen Ranau,
einen wahren Prinzenapfel, und hier noch Borstorfer dabei, die einem mit
ihren rothen Bäcklein anlachen.« Und die Alte stellte den irdenen Teller
mit den Aepfeln auf das Arbeitstischchen.
»Eure Aepfel sind willkommen und ihr dabei, Mutter Lindin«, sagte der
Candidat Justus, denn dieser war der Mann in dem Stübchen. »Fürchtet
auch nicht, daß euer Wollrad mich störe; ich mache gerne Feierabend, und
plaudere mit euch ein Stündchen und drüber. Und so macht's euch denn
bequem und setzt euch, oder nehmt hier meinen Lehnstuhl, den ihr euch
ohnedieß schon in euren alten Tagen entzogen habt; von Rechtswegen
solltet ihr ihn behalten.« »Behüte, Herr Justus«, sprach abwehrend die
Alte, »Ehre, dem die Ehre gebührt; ihr sitzt leider Gottes mehr wie ich
und braucht ein Polster, euch am Abend für euer sauer Tagewerk
auszuruhen. Mein Alter hatte oft ein Sprüchwort im Munde, das hieß:
»Lehrerbrod, sauer Brod«, und geb' ihm Recht, seit ich euch um euer
täglich Brod also schanzen sehe. Wenn mir's nachginge, ich hätte längst
was Anders aus euch gemacht.«
Der Justus rütschte verlegen auf seinem Stuhle hin und her, und um dem
Gespräch eine andere Wendung zu geben, fragte er: »Sagt, Frau Lindin,
wie geht es denn der Kranken, zu der ihr heute Morgen gerufen wurdet,
ist sie besser, oder hat sie der liebe Gott zu sich genommen?«
»Die Schuckin meint ihr, Herr Justus, des Daniel Schucks am Burggraben
Ehefrau? Die ist sanft und selig im Herrn entschlafen. Sie war ziemlich
von meinem Alter, und hat wie ich Manches in der Kreuzschule gelernt,
und wir haben uns oft einander getröstet und uns versprochen im letzten
Stündlein uns beizustehen. Das hab' ich denn nach des Herrn Rath thun
müssen, und hab's gethan ohne Heulen und Greinen. »Was hilft's, Frau
Schuckin«, sagt' ich zu ihr, »wenn ich euer Herz durch Klagen schwer
mache, laßt uns vielmehr mitsammen uns freuen, daß ihr bald ausgespannt
werdet und zum Herrn kommt!« »Und wie ich ihr dann das Kopfkissen
zurecht gelegt, und zu beten anhub: »Christi Blut und Gerechtigkeit, das
ist mein Schmuck und Ehrenkleid«, da sprach sie mit einer Stimme, die
aus dem tiefsten Herzen kam: »Darin will ich vor Gott bestehen, wenn ich
zum Himmel werd' eingehen.« Und dann ist sie entschlafen, und hat mir
droben Quartier gemacht, und wie sie gestorben ist, so will ich auch
sterben;
»Ich glaub' an Jesum, welcher spricht:
Wer gläubt, der kommt nicht in's Gericht.
Gott Lob, daß ich es glauben kann!
Auch meine Schuld ist abgethan.«
»Doch, daß ich von etwas Anderm rede, noch eine Neuigkeit für euch, Herr
Justus, die euch gewiß erfreuen wird. Wie ich heute zum Thore am
Neuenweg hinaus will, um in meinen Garten zu gehen, so wandelt just ein
Soldat in der Sonne auf und ab, den ich bis dahin nicht gesehen hatte,
wie denn überhaupt die Compagnie, die dort lag, eine fremde zu sein
schien. Ich biete dem Soldaten die Zeit und der Soldat dankt freundlich,
und fragt: »Wohin so eilfertig, Mütterchen?« »Mit der Eilfertigkeit
pressirt es just nicht, sagt' ich, Unsereins lehrt das Alter gemach
thun; will noch etwas in meinem Garten am Nahrungsberg holen«, sagt'
ich. »Ist doch jetzt keine Zeit mehr zum Gartenbesuch«, sagt' er. »Ja
wohl«, sagt ich, »sind aber noch etliche Kohlstengel draußen geblieben,
die hätt' ich gerne heim. Eure Compagnie scheint noch nicht lange in der
Stadt zu sein, und habt ihr etwa noch Niemand, der euch wascht und
flickt, so wisset, daß ich dergleichen um ein Geringes gern thue. Ich
wohne auf dem Tiefenweg neben dem Wall, fragt nur nach der Barbara
Lindin, jed' Kind kann euch zu mir weisen; und sollt' ich ja nicht zu
Haus sein, so gebt nur meinem Hausmann das schwarze Zeug, der Herr
Justus wird es sorgsam aufbewahren.« »Der Herr Justus«, sagt' er, »was
ist's mit dem, heißt euer Miethsmann Konrad Justus, und ist er seines
Berufs ein Theologe?« »Ja«, sagt' ich, »der wohnt bei mir; und woher
kennt ihr ihn?« »Ich bin der Corporal Scheuermann«, sagt' er, »und habe
den Herrn Justus eher gekannt, als ihr.« »Ja«, sagt' ich, »wenn ihr der
seid, so kenne ich euch auch, denn der Herr Justus hat von euch auch
schon erzählt, und euch ein gut Zeugniß gegeben.« »Hat er das gethan?«
sagt' er, und dem Mann flossen ja, so wahr ich lebe, die Thränen über
die Backen herunter. »Und was ist Herr Justus hier«, fragt er, »und geht
es ihm wohl?« »Es geht ihm wohl«, gab ich zur Antwort, »könnt' ihm aber
auch besser gehen;« und so redeten wir ein Langes und Breites von euch
und wurden gute Freunde mit einander. Und wie ich ging, so trug mir der
Corporal einen freundlichen Gruß an euch auf und er wolle euch bald
besuchen.«
»Der gute Scheuermann von der Marksburg«, sprach gedankenvoll der
Justus; »also denkt er mein noch. Habt Dank Frau Lindin für die
Nachricht, sie hat mir wohl gethan. Man hört selten von seinen alten
Freunden; hat Jeder seine Last mit sich und seine Lust für sich, das ist
so der Welt Lauf.«
»Ihr könntet wohl auch eure Lust für euch haben, Herr Justus«, hub die
Alte mit leisem Tone an, indem ihre scharfen Augen den Eindruck zu
beobachten schienen, den ihre Rede auf den Zuhörer mache, »ihr könntet
auch eure Lust für euch haben, sag' ich, wenn ihr euch nur darnach
stelltet. Nehmt es nicht für ungut, wenn ich alte Frau mir einmal ein
Herz fasse und von der Leber weg zu euch rede; seit ich mit dem Corporal
Scheuermann über euch gesprochen, mein' ich ordentlich mehr Muth
gesammelt zu haben. Also laßt mich frisch heraus reden. Ihr seid eures
Standes ein Gottesgelehrter, und das ein rechtschaffener und kapitaler,
und wenn's mir nachginge, ich machte euch heute noch zum
Superintendenten, oder mindestens zum Inspector. Statt dessen wohnt ihr
nun schon sieben Jahre in meinem Hause, arbeitet wie Einer, der erst
anfängt, helft den lockern Studenten, die ihrer Aeltern Geld und Gut
verpraßt haben, durch's Examen, stutzt den Faulenzern den Doctorhut
zurecht, tretet den Herrn Professoren all' ihren lateinischen Quark aus;
und so lange sie euch brauchen, heißt's Herr Justus hier, Herr Justus
dort; und wenn sie haben, was sie wollen, was geben sie euch? Einen
Lohn, dessen sich diese sauberen Herrn schämen sollten. Heißt's doch:
»Dem Ochsen, der da drischt, sollst du das Maul nicht verbinden«, »und
ein Arbeiter ist seines Lohnes werth;« aber euer Lohn ist für's Sterben
zu viel und für's Leben zu wenig, und Keiner ist so ehrlich, eurer zu
gedenken und euch zu einem Stück Brod zu verhelfen. Sind Alle sammt und
sonders wie der Mundschenk, der des Joseph vergaß. O Schande über dieß
Pack!«
»Und wenn ich gar an die Rangen denke, denen ihr Tag für Tag hier am
Tische das Latein einbläut, Herr, dann vergeht mir ganz mein bischen
Geduld. Von eurem Latein versteh ich nichts; aber von der Unterweisung
zur Seligkeit, die ihr ihnen gebt, glaub' ich ein gutes Theil wohl
begreifen zu können, und doch sitzen die Rangen da, so dumpf und stumpf,
so verhagelt und vernagelt, daß ich an eurer Stelle längst den Bakel
gebraucht und ihnen Moses und die Propheten durch den Rücken
eingetrieben hatte. Und wenn sie dann zur Treppe herunterkommen, dann
solltet ihr einmal die Gesichter und Gestus sehen, die sie machen, man
sollte meinen, es hätte Jeder droben sein Prämium verdient. Einer stellt
dem Andern ein Bein, schlägt ihm die Bücher unter'm Arm weg, oder klemmt
ihm gar den Zopf in die Hausthüre. Aber, mein' ich dann, ich hab's ihnen
vertrieben; thut euch der Herr Justus nichts in seiner Engelsgeduld,
dacht' ich, so will ich euch Mores lehren. Ich nahm den Ziemer, der noch
von alter Zeit her hinter dem Ofen hängt, in meine Fäuste, und sagte
kein Wort, und stellte mich nur unten an der Treppe auf, und sah Einem
nach dem Andern in die Augen; mein' ich dann, das Toben verging ihnen!
Das ging so zwei Tage; am dritten, als sie herunterkamen, boten sie mir
schon freundlich die Zeit: »Schön Dank, ihr jungen Herren«, sagt' ich,
und hing meinen Ziemer wieder hinter den Ofen. Doch damit ich meine Rede
nicht vergesse, das erzähl' ich Alles nur darum, damit ich euch
begreiflich mache, daß Undank der Welt Lohn sei. Die Buben sind lauter
Söhne von unsern schönsten Leuten hier aus der Stadt: Rathssöhne,
Professorssöhne, Officierssöhne; wo fällt es nur Einem dieser vornehmen
Herrn einmal ein, für den Herrn Justus ein gutes Wort einzulegen!
Bewahre! Als frischmelkende Kuh betrachten sie ihn, daß sie diesen
Büffeln von Buben die Milch gebe. Ich für mein Theil ließe es bleiben.
Haben sie euch ausgemolken, und seid ihr alt und steif, so giebt euch
Keiner das Gnadenbrod. Das war's, was ich sagen wollte; nichts für
ungut, Herr Justus!«
Der Kandidat Justus hatte die Rede seiner Hauswirthin mit der größten
Ruhe angehört, und als sie fertig war, und sich mit der Schürze den
Schweiß von der Stirne gewischt, auch den verlorenen Faden auf ihrem
Wollrad wieder gesucht hatte; da sah er sie an mit einem Blick, von dem
es schwer zu sagen war, ob er ein billigender, oder ein vorwurfsvoller
sein sollte. Er putzte das Licht und dann sagte er gelassen: »Ich habe
euch euer Herz einmal ausschütten lassen, Frau Lindin, wozu ihr, seitdem
wir zusammen leben, schon manchen Ansatz gemacht habt; und damit ihr
seht, daß ich euer Wohlmeinen verstehe, ob es gleich etwas derb an Mann
gebracht worden ist, so laßt mich euch sagen, was ich von mir und meinen
Ansichten halte. Für's Erste, so weiß ich, daß unser Keiner ihm selber
stirbt und unser Keiner ihm selber lebt: daß unser Herrgott uns an
seinen getreuen Händen leitet und führet, und daß Alles von ihm kommt:
Glück und Unglück, Leben und Tod, Armuth und Reichthum. Da ich solches
weiß, was soll ich meinem Gott den Gehorsam aufkündigen und ihm sagen:
»Deine Wege gefallen mir nicht, führ' mich besser!« Nein, da will ich
lieber in seiner Schule bleiben und mit David sagen: »Du leitest mich
nach deinem Rath und nimmst mich endlich mit Ehren an.« Zum Andern, so
hat es mir bis dato nicht sonderlich gemangelt, und ich muß auch, wenn
der Herr mich fragte: »Hast du je Mangel gehabt?« wie seine Jünger
sagen: »Herr, nie keinen.« Wenn ich einem meiner Mitmenschen kann einen
Dienst thun, zu dem ich Geschick und Zeit habe, und ist keine unehrliche
Handthierung, warum soll ich so ängstlich um den Lohn feilschen? Und
sind sie einig mit mir geworden um ein Geringes, was soll ich hinten
drein scheel sehen und sagen: »Hätte auch mehr geben können.« So meint's
meine Dorothe auch, und wenn ich heute zu ihr käme, und sagte: »So hab'
ich's bis dahin gemacht; macht' ich's anders, so konnt' ich dich
vielleicht früher freien,« sie würde mir sicher zur Antwort geben:
»Bleibe fromm und halte dich recht, denn solchen wird es zuletzt
wohlgehen.« Auch hab' ich in den sieben Jahren, die mich mein Gott hat
abermals warten lassen, so viel Neues gelernt, daß ich nun um so besser
bereitet bin, wenn er kommt und spricht wie zu Petro, auch zu mir:
»Justus, hast du mich lieb?« »So weide meine Lämmer.« Zum Dritten, und
das ist's wohl, was sie am Liebsten hören möchte, weil sie mich
nachgerade für ein Schaf hält, das nicht aus seinem Stall möchte, so
hab' ich manchen Schritt gethan bis dahin, zu Amt und Brod zu kommen.
Denn ich habe gesehen, wie alle meine Kameraden sind vor mir in's Amt
gekommen, und waren nicht lauter berufene Diener, und ist auch Mancher
wie ein Dieb in den Schafstall hineingestiegen. Ich hab' auch angeklopft
an dieser und jener Thüre; ich hab' den Rücken gebeugt und den Hut in
der Hand gehabt; ich hab' gebeten und bin Bittens nicht müde geworden;
aber es gebt mir eben wie dem Kranken am Teich Bethesda, ich habe
Keinen, der mich hineinträgt, wenn das Wasser bewegt wird. Daraus merk'
ich, daß meines Herrn Zeit noch nicht da ist. Laß' sie denn, Frau
Lindin, laß' sie den für mich sorgen, der die Vögel nährt und die Lilien
kleidet.«
Und wie die alte Lindin sich die Augen mit der Schürze abgetrocknet, und
solche Rede eine gute Rede geheißen, und sich verabschiedet, und den
frommen Miethsmann in ihren Abendsegen eingeschlossen hatte; da hörte
sie aus dem Oberstübchen herab den sanften Ton der Harfe und hinein
klang voll und kräftig das Lied: »Was mein Gott will, gescheh' allzeit!«
Wieder war es Abend, und der Candidat Justus saß wie gestern in seinem
Lehnstuhl und las und schrieb; da kam die Hauswirthin keuchend zur Thüre
hereingerannt, und rief: »Um Gottes Willen, Herr Justus, es sind
Soldaten drunten mit Einem von der Polizei, die fragen nach euch und
wollen euch arretiren!« Und wie die Alte das kaum gesagt, und die Augen
mit der Schürze bedeckt hatte, da traten die Soldaten mit ihren Gewehren
in der Hand in die Stube hinein, und der Mann von der Polizei sprach:
»Seid ihr der Candidat Justus?« »Ja!« sagte ruhig der Angeredete.
»Dann«, war die Antwort, »lautet mein Auftrag, euch zu verhaften und auf
die Hauptwache abzuliefern; auch eure Schreibereien soll ich mit mir
nehmen.« — Und wie er das gesagt, so raffte er alles Geschriebene, das
auf Tisch und Kambank lag, auf; durchsuchte auch die Kiste in der Ecke,
und nahm daraus mit, was geschrieben war.
Das geschah Alles so plötzlich, so schnell und unerwartet, daß die alte
Lindin selbst, die sonst nicht leicht aus der Fassung zu bringen war,
wie versteinert in einer Ecke stand und Einen nach dem Andern anstarrte.
Nur einmal brach Justus das Schweigen und fragte: »Was gibt man mir denn
Schuld?« »Wird der Herr selbsten am Besten wissen«, lautet die Antwort.
»Und auf wessen Befehl werde ich verhaftet?« fragte er noch einmal. »Auf
Befehl des Herrn Rath Laupus«, antwortete der Polizeibeamte.
Wie er ging und stand wurde dann der Candidat Justus abgeführt, und die
Thüre ward hinter ihm versiegelt. Und wie sie hinaus traten, war schon
allerlei neugierig Volk um das Haus versammelt; das theilte sich so
laut, daß es der arme Gefangene hören konnte, seine Bemerkungen über
den Vorfall mit, und je weiter man ging, desto mehr schlossen sich dem
Zuge an. Es war Martinsabend, und wer daheim keine Gans zu verzehren
hatte, der wollte doch wenigstens bei einem vollen Glas einen guten Rath
halten über den Preußenkönig und die Kaiserlichen.
So langte der Zug auf der Hauptwache an, und Justus wurde in das
Arrestzimmer im oberen Stock geführt, und die Thüre schnell hinter ihm
verschlossen.
Da stand er denn, der Vielgeprüfte, stand in der Dunkelheit völlig
allein, nur Einer war bei ihm, sein treuer Gott, und vor dem prüfte er
sein Gewissen, und zu dem betete er aus Herzensgrund um Trost und
Stärke. »Herr, mein Gott«, so betete er, »du treuer Wächter, der du
nicht schläfst, noch schlummerst, der du die Armen hörest und die
Gefangenen nicht verachtest, laß vor dich kommen mein Seufzen und hilf
mir aus meiner Noth. Herr, ich wandre im finsteren Thal und doch fürchte
ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten
mich!« Und wie er das Gebet gesprochen und nach dem Fenster sich
hingetastet, von wo ein Lichtstrahl von der Laterne vor dem Wachthause
in die Stube fiel, so wurde es laut vor der Thüre. Man zündete Feuer im
Ofen an, und das Knistern der Funken tröstete ihn. Nicht lange, so ging
die Thüre auf, ein Soldat trat mit einem Lichte herein, stellte es auf
die Pritsche und fiel unter Weinen dem Gefangenen um den Hals. »Ich
bin's, Herr Justus, erschrecket nicht, ich bin's, der Corporal
Scheuermann ist es«, rief er schluchzend; »muß ich euch so wiedersehen,
meines alten Freundes vom Jägerhaus Sohn, als Gefangenen wiedersehen,
und bestimmt sein, euch zu arretiren und euch zu bewachen? Gelt, ihr
habt nicht gewußt, wer euch gefangen nahm dort in eurer Wohnung. Ich
schlug das Auge vor euch nieder, als sei ich der Arrestant. Aber um
Christi willen, was habt ihr denn gethan, daß ihr bei Nacht und Nebel
einem Diebe gleich müßt ausgehoben werden?« »Ich weiß nicht, wessen man
mich anklagt«, sprach mit fester Stimme der Gefangene. »Wir fehlen Alle
mannigfach, aber die Sünden des Herzens richtet ja die Obrigkeit nicht,
und einer Sünde, die meinen Nächsten gekränkt hätte, weiß ich mich nicht
zu erinnern. Ich habe sieben Jahre lang hier in der Stadt mir mein Brod
verdient, und ich glaube ehrlich und sauer genug; meine Unschuld wird
bald an's Tageslicht kommen.« »Nun, wie es auch sei«, sprach der
Corporal mit einem herzlichen Händedruck, »so bleib' ich euer Freund;
der alte Scheuermann vergißt seiner Freunde nicht. So lang ihr hier
sitzet, tausche ich mit meinen Kameraden, daß ich die Wache bei euch
behalte. Da nehmt einstweilen meinen Mantel und stellt euch an den Ofen;
es friert euch.«
Damit ging er, und kam bald mit einem Pausch Stroh wieder, den er auf
die Pritsche warf. »Ein besseres Bett darf ich euch heute nicht machen«,
sagte er; »der Dienst erlaubt's nicht; aber mein Gast dürft ihr sein;
hier in dem Körbchen ist mein Abendbrod, das theilt mit mir.« So that
Justus.
Nur auf kurze Zeit verließ ihn manchmal der Corporal, um seines Dienstes
zu warten; und als um neun Uhr das Licht in der Arreststube gelöscht
werden mußte, saßen die Beiden, der Gefangene und sein Wächter, noch
manche Stunde bei einander und redeten von der Vergangenheit: von Vater
und Mutter, von Heinrich und Dorothe, vom Jägerhaus und der Marksburg,
vor Allem aber vom Rath Gottes in der Menschen Schicksal, und daß man
ihm stille halten und nicht verzagen müsse.
Einst, wenn des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, dann
wird er sagen zu denen zu seiner Rechten: »Ich bin gefangen gewesen und
ihr seid zu mir gekommen. Wahrlich, ich sage euch, was ihr gethan habt
Einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr Mir gethan.«
So gingen drei Tage hin; ein Verhör ward nicht gehalten, auch ward dem
Gefangenen nicht gesagt, warum man ihn festgenommen. Er sah Niemand bei
sich, als den Corporal; denn auch seine Hausfrau, die ihm regelmäßig das
Essen brachte, durfte nicht zu ihm; so lautete der Befehl.
Am Abend des vierten Tages ließ sich bei dem Rath Laupus eine Frau aus
der Stadt melden, die in einen Schanzenloper gewickelt, und mit einer
Laterne in der Hand, auf der Hausflur stand. Der Herr Rath hatte
dringende Arbeit und nahm die Frau ungern an; doch willigte er endlich
in ihr Begehren, und die Frau Lindin vom Tiefenweg stellte ihre Laterne
an die Thüre und trat ein. »Der Herr Rath wollen gnädigst
entschuldigen«, sprach sie, »daß ich dieselben noch am Abend zu
incommodiren mir erlaube; aber mein Miethsmann, der Candidat Justus,
sitzt nun schon seit vier Tagen ohne Verhör und Urtheil auf der
Hauptwache, und ich möchte wissen, wen ich denn eigentlich bis dahin in
meinem Hause beherbergt habe ganzer sieben Jahre, einen kreuzbraven,
lammfrommen Menschen, oder einen Spitzbuben, den man bei Nacht und Nebel
mit Soldaten aus dem Hause holt?«
Der Herr Rath sah die Sprecherin von oben bis unten an, und meinte mit
kurzen Worten, das gehe die Frau Lindin nichts an, sie solle der Sache
ihren Gang lassen. »Die Sache gehe mich nichts an, Herr Rath«, rief die
Frau; »ei, wen soll sie denn sonst angehen? Hätte der Herr Justus noch
Aeltern und Geschwister, die sich seiner annehmen könnten, dann gelte
mir auch: 'Was deines Amtes nicht ist, davon laß' deinen Fürwitz;' so er
aber Niemanden hat, denn mich, und allein steht in der Welt, und seinen
Feinden nicht zum Spott werden soll, so lange ich lebe, und ich ihn lieb
habe wie ein Kind, und nicht von ihm lassen werde, und wenn man ihn
gleich zu Boden werfen will; so möge der Herr Rath einer armen, alten
Frau die freie Rede zu gute halten, und mir reinen Wein einschenken,
warum der Herr Justus wie ein Verbrecher in Ketten und Banden gehalten
sei.« »Nun, nun«, sagte begütigend der Herr Rath, »bis zu Ketten und
Banden sind wir noch lange nicht; was aber dem Justus schuld gegeben
wird, und wobei ein dringender Verdacht auf ihm ruht, das ist, daß er
bei der Fälschung einer Urkunde soll mitgeholfen haben, ja vielleicht
die Fälschung selbsten gethan hat.«
»Fälschung einer Urkunde?« sagte die Frau und ging einen Schritt zurück,
um eben so schnell wieder vor den Herrn Rath hinzutreten; »Fälschung
einer Urkunde?« fragte sie noch einmal. »Wie, Herr Rath, nicht wahr, die
Roßkaut' an der Lahnbrücke ist tief, und hat noch Niemand Grund in ihr
gefunden, und stirbt jeder Christenmensch gerne eines seligen Todes auf
seinem Bette; aber seht, Herr Rath, ich Barbara Lindin, des seligen
Matthes Lind vom Tiefenweg eheliche Hausfrau, will mit gleichen Füßen
von der Lahnbrücke herab in die Roßkaut' springen, meintwegen an jedem
Bein noch einen Stein wie die Löwen auf dem Marktbrunnen, wenn der Herr
Justus ein Fälscher ist. Der Herr Justus ein Fälscher; ei, Herr Rath,
fließt auch aus einer Quelle süßes und salziges Wasser zugleich, und
tragen die Weinstöcke auch Distelköpfe? Und wer sieben Jahre lang kein
Kind geärgert, und im Schweiße seines Angesichtes sein Brod gegessen
hat, und mit dem Abendsegen in's Bett gegangen und mit gottseligen
Gedanken aufgestanden ist, der soll der Diebe und Lotterbuben Geselle
werden? Sucht die Spitzbuben unter den Müßiggängern und Tagdieben, unter
den Säufern und Spielern, aber sucht sie nicht in meinem Hause; solche
Unzucht dulde ich nicht, die thut auch der Herr Justus nun und
nimmermehr. Der und betrügen, der und fälschen! Wo hätte er denn den
Sündenlohn! Was er einnimmt, das gibt er mir für Hausmiethe, Wasche und
Kost und hat nicht immer die Kasse voll, sondern viel öfter leer. Traut
ihr ihm aber mit Gewalt etwas Arges zu, so seht in seine Schreibereien
hinein; da steht Alles, was er treibt und thut, ich glaube schier, sogar
was er denkt. Nicht daß ich's schon gesehen hätte, denn ich kann
Geschriebenes nicht sonderlich lesen; auch schickte sich das Spioniren
in fremder Leute Stuben nicht; sondern der Herr Justus hat mir selber
gesagt, daß er aufschreibe, was ihm geschieht im Leben, damit er immer
sehen könne, wie gut ihn der liebe Gott geführt und ob er zu- oder
abgenommen.«
Ein Anderer an des Herrn Raths Stelle hätte der Frau ob ihrer freien
Rede kein freundlich Gesicht gemacht, hätte sie wohl mit harten Worten
angelassen. Aber das that der Herr Rath nicht, denn einmal war er ein
gar feiner, liebreicher Mann, und mäßigte als ein Vernünftiger seine
Rede, und dann kannte er die Weise der Frau Lindin gar genau, wie sie
die ganze Stadt kannte; er wußte, daß ihre Rede zwar nicht immer wie
Honig war, daß ihr Herz aber ein warmes, treues Christenherz sei, voll
Liebe zu Gott und voll Treue gegen die Menschen.
Wohl kannten dich noch Mehrere so, du gute, alte Lindin. Noch leben
Etliche, denen ihre Aeltern von der treuherzigen, oft etwas derben Weise
der alten Lindin erzählt haben, und wie sie als uraltes Mütterchen, auf
ihren Stock gestützt, die Kranken und Sterbenden besucht, und mit dem
Verdienst Jesu Christi getröstet und aufgerichtet habe. Dabei immer noch
der Wille so fest, der Abscheu gegen die Alltagssünde so scharf und
scheltend, das Auge so klar und feurig, die Rede so tief und feierlich,
und das Herz in der Brust so warm. So mein' ich, müßte Hanna gewesen
sein, die auf den Trost Israel's wartete, und mit Simeon den Herrn
preisete, daß ihre Augen den Heiland gesehen hatten.
Als sie der Herr Rath Laupus nun mit freundlichen Worten ermahnet, sich
zu geduldigen, weil die Sache bald sich endigen würde und sie entlassen
hatte, da ging er nachdenkend in der Stube auf und ab. Und während die
alte Lindin die Hauptwache aufsuchte, um sich nach dem Befinden ihres
Schützlings zu erkundigen, und ihm durch den Corporal Scheuermann ein
freundlich Trosteswort sagen zu lassen, da nahm der Herr Rath die
Papiere vor sich, die aus der Wohnung des Justus waren mitgenommen
worden, und begann darin zu lesen. Was ihm zuerst in's Auge fiel, das
waren Arbeiten, in verschiedenen fremden Sprachen geschrieben, die er
für Studenten und Doctoren gemacht, die gerne durch's Examen hatten
kommen wollen, ohne sich selbst eine sonderliche Mühe zu machen; und war
manche Arbeit dabei, die bereits dem, der sich nicht gescheut, mit
fremdem Kalbe zu pflügen, einen Doctorhut, dem armen Justus aber nur
wenige Gulden eingebracht hatte. Da lagen weiter Abarbeitungen, so groß
wie Bücher und so sauber gearbeitet, daß man sie gleich hätte dem
Drucker übergeben können; und was drinnen stand, das verrieth, wie treu
der Kandidat Justus den Rath des alten Köhlers im Walde bei Blankenau
befolgt habe; denn die Schriften handelten von der Sternwissenschaft und
waren mit feinen Zeichnungen versehen, also daß man jeglichen Stern, der
Nachts am Himmel steht, auf dem Papiere verzeichnet fand. Dabei lagen
fromme Betrachtungen über einzelne Texte aus heiliger Schrift, Gebetlein
voll Saft und Kraft, und Lieder, wie sie der singt, deß' Herz dem
Heiland anhängt, und dem Gott die Zunge des Geistes gelöst hat, daß er
in frommen Weisen seine Thaten preisen kann. Was aber besonders den
Herrn Rath viele Stunden auf seinem Stuhle festhielt, und nicht müde
werden ließ, das war des Justus Tagebuch. Was ihm geschehen war von
frühester Jugend auf; wie er die Aeltern geliebt, wie er Gott und den
Heiland in seiner treuen Führung erkannt, wie er Dorothe, das Weib
seiner Jugend gefunden, und was er seitdem gelitten, aber ohne zu sagen
durch wen; das stand Alles in dem Buch, so treu und fromm erzählt, ohne
Hoffarth und Eitelkeit, daß dem Herrn Rath bei'm Lesen mehr wie einmal
die Augen übergingen und er ausrief: »Ach Gott, warum hast du mir keinen
solchen Sohn gegeben!« Denn sein Vaterherz war gedemüthigt; er hatte
einen Sohn gehabt, und der war wie der verlorene Sohn im Evangelio
weggegangen und noch nicht zurückgekehrt. Besonders aber zog eine
Bemerkung im Tagebuch, fast am Ende desselben, seine Aufmerksamkeit auf
sich. Die lautete also:
Den 12. Octobris. »Gestern zu Abend ist ein Männlein zu mir
hereingekommen, das sich für einen Advokatenschreiber ausgegeben, und
hat ein Documentum bei sich gehabt, auf Pergament geschrieben und mit
Siegeln von Wachs versehen, die daran gehangen, begehrend, ich solle ihm
das Schreiben lesen, sintemal er des Lateins nicht sonderlich erfahren.
Wie ich sein Begehren erfüllt, und ihm die Urkunden verdeutscht, da hat
er eine Abschrift begehrt, die ich ebenfalls in seiner Gegenwart
gefertigt, und von ihm ein Ansehnliches pro labore empfangen. Darauf ist
er weggegangen, aber am andern Abend um dieselbe Stunde wiedergekommen;
hat gar freundlich gethan bei'm Eintreten, und mich gefragt, ob ich ein
schön Stück Geld verdienen wolle? Wie ich gesagt, daß ich ein ehrlich
verdientes Geld nicht von mir weise, so hat er sich an meine Seite
gesetzt, das Documentum vor mir ausgebreitet und gesagt: »Schreibt mir
hier auf die Stelle, die ich bereits gesäubert und geglättet habe, dieß
Wort hinein, das hier auf dem Zettel steht.« Wie ich aber auf den Zettel
sehe, und das Wort in den Zusammenhang hineinpasse, da ist ein ganz
anderer Sinn herausgekommen, und wollte mich also dieser Verführer
verleiten, daß ich sollt' zu einer gräulichen Fälschung meine Hand
hergeben. Da habe ich mit dem Herrn ausgerufen: »Hebe dich weg, Satan,
weißt du nicht, daß geschrieben stehet: Du sollst Gott, deinen Herrn,
nicht versuchen« (Luc. 4, 12). Und zu dem Versucher sagt' ich: »Geht
hinaus von mir, Mann, ehe ich euren Namen weiß, sonst möchte ich leicht
an euch thun, was ich schier nicht lassen kann.« Da wich das Männlein
von mir, eiferte und drohete aber gewaltig, wie der Satan allezeit
thuet, wenn man ihm Gottes Wort unter Augen hält« (Jakobus 4, 7).
»Das ist also das Ende vom Lied«, rief in hoher Entrüstung der Herr Rath
aus; »ein Schuldiger giebt einen Unschuldigen an, um sich zu reinigen.
Doch warte Fuchs, du hast dich selbst gefangen; einem Andern hast du
eine Grube gegraben und bist selbst hineingefallen. Und dieser Andere,
welch' ein treues Herz, und das Herz hat leiden müssen, um eines
Lotterbuben willen! Auf denn, und wieder gut gemacht, was geschehen ist,
so lange es heute heißt!«
Das sagend eilte der Herr Rath sogleich auf die Hauptwache. Es war Abend
und war schon zehn Uhr vorüber. Die Wache rief ihn mit vorgehaltenem
Gewehre an, und erst als er sich hatte zu erkennen gegeben, ward er
eingelassen. Herzklopfend öffnete ihm der Corporal Scheuermann die Stube
des Gefangenen; aber wie staunte er, als der Herr Rath auf den Justus
zuging, ihm, der sich verwirrt und geblendet von dem plötzlichen
Lichtstrahl von seinem harten Lager aufrichtete, freundlich die Hand
reichte, und in gar lieblichem Tone sprach: »Vergebt, Herr Justus, daß
ich euch um des Amtes willen, das ich habe, wehe thun mußte; es ist euch
Unrecht geschehen. Ein böser Bube hat euch verderben wollen, um sich
selbst zu retten. Gott hat eure Unschuld an den Tag gebracht, und ich
bin selber hierhergekommen, um euch eure Entlassung zu verkünden. Geht
denn heim, mein lieber Justus, und ruht euch wieder einmal auf eurem
Bette aus, und wie ihr bisher gethan, so haltet fest an Gott, und
wisset: »Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden.« Und
wie dann der Justus mit thränenden Augen dem Herrn Rath die Hand
gedrückt und seinen Freund in der Noth brüderlich umarmt hatte, da ging
er heim, ohne zu ahnen, wem er nächst Gott seine Erlösung zu verdanken
habe. Denn wie eine Mutter ihr wiedergefundenes Kind, empfing ihn die
alte Lindin, aber über ihre Zunge kam kein Wort von dem, was sie für ihn
gethan. Das meint wohl der Apostel, wenn er sagt: »Die Liebe blähet sich
nicht.«
Am andern Morgen mußte Justus noch einmal im Verhör erscheinen, und hier
kam seine Unschuld völlig an den Tag. Der Verläumder gab nach manchen
Wendungen und Winkelzügen der Wahrheit die Ehre, und ward mit der
verdienten Strafe belegt. Nach dem Verhöre behielt der Herr Rath den
Justus bei sich, und redete mit ihm von seinem Leben und seinen
Aussichten. »Ich habe euch lieb gewonnen, Herr Justus«, sagte er zu ihm,
»denn ihr habt das Joch eurer Jugend wie ein guter Streiter Christi
getragen, und ich möchte gerne etwas für euch thun, damit euer späteres
Leben ein froheres würde. Sagt mir darum, womit kann ich euch dienen?«
»Es gab eine Zeit in meinem Leben«, antwortete Justus, »wo ich nicht
anders meinte, als Gott habe mich berufen, von der Kanzel herab seinen
Namen zu verkündigen. Da ich aber 40 Jahre alt geworden bin, ohne daß er
mich in seinen Weinberg gerufen hat, so will er wohl haben, ich soll
mich mit einem kleineren Aemtlein und knapperen Stück Brod begnügen. Und
darum hab' ich denn bisher den Herrn angefleht, und wollt ihr an mir
thun, wie der Herr Christus an dem Kranken am Teich Bethesda that und
mir hineinhelfen, so thut es, Herr Rath, und seid versichert, ich will
mit Gottes Hülfe meines Amtes warten und eurer Empfehlung Ehre machen.«
Da wischte sich der Herr Rath die Augen und sagte: »Ich bin heute schon
für euch ausgewesen bei meinen guten Freunden; aber man kennt euch in
diesem Landestheile nicht, und trägt darum Bedenken, euch ein Pfarramt
zu übergeben, auch soll just keins in der Nähe erledigt sein. Aber da
ist eine Schulmeisterstelle auf dem Veitsberg, in schöner Gegend, aber
mit schmalen Mitteln, wollt ihr die zum Anfang annehmen, so läßt sich
vielleicht später ein Weiteres für euch thun.«
Als ein Geschenk von Gott mit dankbarem, stillem Herzen nahm Justus das
Aemtchen an, und bald zog der Candidat Justus als Präceptor, Organist
und Glöckner in das kleine Schulhaus auf dem Veitsberg ein. Und es
währte nicht lange, so stand er mit seiner Dorothe am Altare der
Pfarrkirche zu Veitsberg, und ward über Beide unter Gebet und Segen der
Spruch der Schrift ausgesprochen: »Ich will ihnen einerlei Herz geben,
daß sie mich fürchten sollen ihr Leben lang, auf daß es ihnen und ihren
Kindern nach ihnen wohl gehe.« Und wie der Herr Pfarrer Amen gesagt, da
hieß es noch einmal: »Amen!« »Amen!« Denn als Zeugen standen am Altar
die alte Lindin vom Tiefenweg zu Gießen und der Corporal Scheuermann.