Wer je in der Fremde war, und ist zurückgekehrt zur lieben Heimath, der
denket gewiß noch in späteren Jahren, wie sonderbar es ihm damals um's
Herz war. Wie alte Bekannte grüßten ihn aus der Ferne die Berge der
Heimath, wie liebe Freunde nickten die Bäume ihm zu. Das Bächlein unter
den Erlenbüschen schien ihn mit seinem Murmeln zu grüßen, und der
Kirchthurm drüben, mit dem goldenen Hahn auf seiner Spitze, der allen
Kinderspielen zugesehen, wie gut schien der den Jüngling noch zu kennen!
Aber wer ist auch je zurückgekehrt in's Aelternhaus nach langer
Trennung, ohne daß ihm in der Nähe desselben das Herz nicht schwerer
geworden wäre! Berg und Baum und Thurm stehen noch, wird aber Alles in
dem Aelternhaus selber noch auf dem alten Flecke stehen? Vater und
Mutter waren alte Leute schon, als das Reisebündel geschnürt ward, und
Brüder und Schwestern sind ja auch wie die Blumen des Grases, ein Hauch
und man kennet ihre Stätte nicht mehr.
Solche Gedanken bewegten auch das Herz des Konrad Justus, als er aus der
Ferne das Jägerhaus erblickte, und unwillkührlich blieb er stehen und
legte die Hand auf sein klopfendes Herz und befahl Gott seinen Eingang.
Ja Gott hat in's Christenherz eine Ahnung vom künftigen Leid gelegt,
nicht um es zu quälen, sondern um uns, die wir eine kleine Zeit leiden,
vollzubereiten, zu stärken, zu kräftigen, zu gründen.
Freundlich wedelnd und an ihm hinaufspringend begrüßten ihn im Hofe die
treuen Hunde, und rüstig schritt er zur Hausthüre hinein. Es war stille
auf der Hausflur und stille in der Küche; ringsher Alles in der
gewohnten Ordnung, aber Niemand ließ sich sehen. Er öffnete die
Stubenthüre, aber auch hier sah er Niemand. Die Schlafkammer der Aeltern
stand offen; er trat hinein und sah Vater und Mutter bleich und krank im
Bette liegen, und vor ihnen stand Dorothe, nicht mehr das blühende
Mägdlein von ehemals, sondern leidend und krank, und reichte den Kranken
einen kühlenden Trank. »Willkommen, Konrad«, riefen die Aeltern, »du
kommst eben zu rechter Zeit in's Klagehaus, um den Segen deiner Aeltern
dir zu holen. Des Herrn Hand liegt schwer auf uns; wir sind allesammt
krank; ein böses Fieber hat uns bis an den Tod gebracht. Dorothe hält
sich unter Mühe noch aufrecht und droben liegt dein Bruder, der von der
Wanderschaft heimgekehrt ist, an gleicher Krankheit.« »Ach Gott«, rief
Konrad unter lautem Weinen, »sehe ich euch also wieder! Muß ich dazu
heimkehren, um euch dem Tode nahe zu finden.«
»Weine nicht, Konrad«, sprach die Försterin, »wir Alten haben unser
Tagwerk hier unten vollbracht und ein neues beginnt droben beim lieben
Gott. Sorge du jetzt nur, daß dein Herz auf unser Scheiden gefaßt sei,
und weise die Mägde und die Burschen an, daß das Haus nicht Noth leide,
während wir es nicht überwachen können. Dann schicke deine Dorothe
hinauf in ihre Kammer, sie bedarf der Ruhe; das Fieber rüttelt sie wie
uns, und sie will es nicht an sich kommen lassen.«
So stand denn Konrad in seinem Aelternhaus als einziger Gesunder unter
Kranken; aber sein Herz verzagte nicht, und er pries täglich Gott, daß
er ihm seine Kraft erhalten, und ihn berufen habe, Vater und Mutter in
ihrer Schwachheit zu pflegen, und den Geschwistern Trost und Stärkung an
ihr Krankenlager zu bringen.
Doch ein harter Augenblick stand ihm noch bevor. Eins wie sie im Leben
gewesen, waren auch die alten Förstersleute eins im Tode; der Herr rief
sie in _einer_ Stunde ab, und ließ sie ruhen in _einem_ Grabe. Unter
Gebet für ihr Seelenheil und für ihre Kinder schieden sie. Ohne Sang und
Klang, aber von viel weinenden Freunden begleitet, wurden sie auf dem
Kirchhof zu Braubach bestattet, und der Pfarrer, der ihr Grab
einsegnete, rief ihnen die Worte der Schrift nach: »Selig sind die
Todten, die in dem Herrn sterben, von nun an. Ja der Geist spricht, daß
sie ruhen von ihrer Arbeit; denn ihre Werke folgen ihnen nach!« Und
alles Volk, das dastand und zuhörte, sprach: »Amen!« Der Gerechten
Gedächtniß bleibet im Segen.
Unter den Leidtragenden war auch der Grenadier von der Marksburg
gewesen, den wir damals kennen gelernt, als Konrad die Dorothe und ihre
Mutter rettete, und der Soldat weinte wie ein Kind, und wollte sich
nicht trösten lassen, denn im Förster war ihm ein guter Freund
gestorben. Seit jenem Tage, wo Dorothe das Jägerhaus betreten hatte, kam
auch der Grenadier öfter dorthin, und ob ihn gleich Niemand einlud, so
sah man ihn doch gerne, und hatte sich an sein Kommen und Gehen so
gewöhnt, daß er fast zu den Hausfreunden gerechnet wurde. Der Grenadier
Scheuermann, denn so hieß er, war eine alte deutsche Soldatennatur, wie
man sie jetzt gar nicht mehr findet. Von frommen Aeltern aus einem
Dörfchen des Vogelsberges ausgegangen, war er gezwungen Soldat geworden,
hatte aber sein Handwerk, wie er es nannte, lieb gewonnen, und begehrte
nichts anders zu werden, denn Soldat. In fünfundzwanzigjährigem Dienst
hatte er es noch nicht weiter gebracht, denn zum Corporal, ob er gleich
ein Muster von Ordnung im Dienst, und, wie seine Officiere sagten, ein
sehr tapferer Soldat im Kriege war. Selbst ohne Weib und Kind, hielt er
das Familienleben sehr hoch, war gern bei friedfertigen Eheleuten, und
liebte die Kinder so sehr, daß sie ihn, wo er war, schnell kannten und
freundlich grüßten. Dabei war der Corporal gläubig, wie der Hauptmann
von Kapernaum, und nach dem Heil begierig, wie Cornelius, und wer mit
ihm redete von Gottes Wort, dem war er Freund und ging für ihn durch ein
Feuer, wie das Sprüchwort sagt. Das war es, was ihn nach dem Jägerhaus
zog und was ihn festhalten ließ an den treuen guten Menschen, die dort
wohnten. Wußte er dem alten Förster oder seiner Hausfrau einen Dienst zu
thun, oder gar der Jungfer Dorothe, die sein Augapfel war, so war Keiner
froher, als der Scheuermann. Wie dann die bösen Tage in's Haus des
Försters kamen, da ließ er sich Urlaub geben, und wich nicht aus dem
Jägerhaus, und kam Wochen lang in kein Bette, und war die
Dienstfertigkeit und Freundlichkeit selbst. War es ein Wunder, daß die
treue Seele am Grabe der Förstersleute weinte und sich nicht wollte
trösten lassen! Wenige kannten dich, du guter Soldat, und dein treues
Herz; aber wie dort der Geist Gottes zu Cornelius sprach: »Dein Gebet
ist erhöret und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott«, so ist auch
deiner Treue droben im Himmel gedacht worden. Gehe ein zu deines Herrn
Freude! —
Zurückgekehrt von der Aeltern Grab, lastete eine neue Sorge auf Konrad's
Herz. Er wollte seinem Bruder, der noch krank lag und für sich selber
nicht sorgen konnte, den Dienst des Vaters verschaffen, damit der liebe
Ort der Heimath der Familie erhalten bliebe. Er schrieb Briefe auf
Briefe an alle Gönner und Freunde seines Vaters; er warb bei der
Landesbehörde um die Stelle, und der Corporal Scheuermann that manchen
Gang um Gunst und Fürsprache, wie es damals noch mehr geschehen mußte,
denn heut' zu Tage. Von einem solchen kam der Soldat einst in trüber
Stimmung zurück. Er war dem Gerst begegnet, den man jetzt den Herrn Rath
nannte, und der hatte ihm zugerufen: »Scheuermann, ich weiß, was euer
Gehen und Laufen bedeuten will, geht nur heim und schonet eure Beine, so
lange der Gerst lebt, kommt kein Justus wieder als Förster in's
Jägerhaus und auch kein Justus in's Pfarramt. Das sagt den Söhnen des
alten Försters und der Jungfer Dorothe richtet auch meinen schönen Gruß
aus, wenn es euch gefällt.« Da hatte der Corporal nicht Ansehen der
Person geachtet, sondern war dem Gerst mit Worten und Werken so zu Leibe
gegangen, daß der Corporal einige Tage bei halber Kost auf dem
Gefängnißthurm hatte sitzen müssen. Als er wieder frei war, erzählte er
es dem Konrad, und tiefe Trauer ergriff darob das Herz des Jünglings.
»Also meine Prüfungszeit soll noch nicht vorübergehen«, rief er, »nun
Herr, dein Wille geschehe! Euch aber, Scheuermann, bitte ich, behaltet
das böse Wort des Gerst für euch und theilt es dem Heinrich und der
Dorothe nicht mit; es ist genug, daß ich allein davon leide. So meint's
wohl der Apostel, wenn er sagt: Die Liebe sucht nicht das Ihre, sie
träget der Schwachen Gebrechlichkeit.« —
Auch kam der Tag der Entscheidung bald. Kaum hatten Heinrich und Dorothe
sich einigermaßen von ihrer Krankheit erholt, so erschien ein fremder
Förster und wünschte Besitz von Amt und Haus zu nehmen. Die Brüder
suchten nicht das Unrecht eines Andern an dem Fremdling, als an einem
Broddieb, zu rächen, wie denn überhaupt ihr Herz keine Rache kannte.
Sie hießen den Fremden willkommen, ja Heinrich sprach sogar: »Es ist mir
lieb, Konrad, daß dein Bemühen zu meinen Gunsten nicht geglückt ist; es
gefällt mir nicht in der Heimath; ich gehe lieber wieder nach Holland,
wo ich einen guten Dienst gefunden habe, und auch einst, wenn es Gott
gefällt, meine Heimath finden will. Und meinst du es wohl mit dir, so
gehe auch von hier weg; es ist selten, daß man die Söhne um der Väter
willen lieb hat und hochhält. Undank ist der Welt Lohn. Aber eine Bitte
habe ich an dich, ehe wir scheiden, die mußt du mir erfüllen, um der
Liebe willen, die du zu mir hast. Laß' Dorothe mit uns theilen, als wäre
sie unsere Schwester. Sie hat Jahre lang den Aeltern gedient, und ist
von ihnen als eine Tochter gehalten worden, soll sie jetzt leer
ausgehen! Sie ist ein schwaches Mägdlein und steht einsam in der Welt,
und wer weiß, wie lange es noch dauert, bis sie in dein Haus eingehen
kann als dein Weib.« —
Da griff Konrad in seine Tasche und reichte dem Bruder ein Papier, und
dann bedeckte er mit den Händen sein Angesicht und weinte laut. Das
Papier war von des Försters Hand geschrieben, kurz vor seinem Ende, und
in demselben bat er die Söhne, um der Liebe willen, die sie zu ihm
gehabt, Dorothe als ihre Schwester zu betrachten und ihr Erbgut mit ihr
zu theilen. Und sie riefen die Schwester und zeigten ihr des Vaters
Testament und theilten mit ihr das Gut. — »Siehe, wie fein und lieblich
ist es, daß Brüder einträchtig bei einander wohnen. Wie der köstliche
Balsam ist, der vom Haupt Aaron's herabfließt — wie der Thau, der vom
Hermon herabfällt auf die Berge Zion.