7. Scheiden von der Heimath.

Wer je in der Fremde war, und ist zurückgekehrt zur lieben Heimath, der

denket gewiß noch in späteren Jahren, wie sonderbar es ihm damals um's

Herz war. Wie alte Bekannte grüßten ihn aus der Ferne die Berge der

Heimath, wie liebe Freunde nickten die Bäume ihm zu. Das Bächlein unter

den Erlenbüschen schien ihn mit seinem Murmeln zu grüßen, und der

Kirchthurm drüben, mit dem goldenen Hahn auf seiner Spitze, der allen

Kinderspielen zugesehen, wie gut schien der den Jüngling noch zu kennen!

Aber wer ist auch je zurückgekehrt in's Aelternhaus nach langer

Trennung, ohne daß ihm in der Nähe desselben das Herz nicht schwerer

geworden wäre! Berg und Baum und Thurm stehen noch, wird aber Alles in

dem Aelternhaus selber noch auf dem alten Flecke stehen? Vater und

Mutter waren alte Leute schon, als das Reisebündel geschnürt ward, und

Brüder und Schwestern sind ja auch wie die Blumen des Grases, ein Hauch

und man kennet ihre Stätte nicht mehr.

Solche Gedanken bewegten auch das Herz des Konrad Justus, als er aus der

Ferne das Jägerhaus erblickte, und unwillkührlich blieb er stehen und

legte die Hand auf sein klopfendes Herz und befahl Gott seinen Eingang.

Ja Gott hat in's Christenherz eine Ahnung vom künftigen Leid gelegt,

nicht um es zu quälen, sondern um uns, die wir eine kleine Zeit leiden,

vollzubereiten, zu stärken, zu kräftigen, zu gründen.

Freundlich wedelnd und an ihm hinaufspringend begrüßten ihn im Hofe die

treuen Hunde, und rüstig schritt er zur Hausthüre hinein. Es war stille

auf der Hausflur und stille in der Küche; ringsher Alles in der

gewohnten Ordnung, aber Niemand ließ sich sehen. Er öffnete die

Stubenthüre, aber auch hier sah er Niemand. Die Schlafkammer der Aeltern

stand offen; er trat hinein und sah Vater und Mutter bleich und krank im

Bette liegen, und vor ihnen stand Dorothe, nicht mehr das blühende

Mägdlein von ehemals, sondern leidend und krank, und reichte den Kranken

einen kühlenden Trank. »Willkommen, Konrad«, riefen die Aeltern, »du

kommst eben zu rechter Zeit in's Klagehaus, um den Segen deiner Aeltern

dir zu holen. Des Herrn Hand liegt schwer auf uns; wir sind allesammt

krank; ein böses Fieber hat uns bis an den Tod gebracht. Dorothe hält

sich unter Mühe noch aufrecht und droben liegt dein Bruder, der von der

Wanderschaft heimgekehrt ist, an gleicher Krankheit.« »Ach Gott«, rief

Konrad unter lautem Weinen, »sehe ich euch also wieder! Muß ich dazu

heimkehren, um euch dem Tode nahe zu finden.«

»Weine nicht, Konrad«, sprach die Försterin, »wir Alten haben unser

Tagwerk hier unten vollbracht und ein neues beginnt droben beim lieben

Gott. Sorge du jetzt nur, daß dein Herz auf unser Scheiden gefaßt sei,

und weise die Mägde und die Burschen an, daß das Haus nicht Noth leide,

während wir es nicht überwachen können. Dann schicke deine Dorothe

hinauf in ihre Kammer, sie bedarf der Ruhe; das Fieber rüttelt sie wie

uns, und sie will es nicht an sich kommen lassen.«

So stand denn Konrad in seinem Aelternhaus als einziger Gesunder unter

Kranken; aber sein Herz verzagte nicht, und er pries täglich Gott, daß

er ihm seine Kraft erhalten, und ihn berufen habe, Vater und Mutter in

ihrer Schwachheit zu pflegen, und den Geschwistern Trost und Stärkung an

ihr Krankenlager zu bringen.

Doch ein harter Augenblick stand ihm noch bevor. Eins wie sie im Leben

gewesen, waren auch die alten Förstersleute eins im Tode; der Herr rief

sie in _einer_ Stunde ab, und ließ sie ruhen in _einem_ Grabe. Unter

Gebet für ihr Seelenheil und für ihre Kinder schieden sie. Ohne Sang und

Klang, aber von viel weinenden Freunden begleitet, wurden sie auf dem

Kirchhof zu Braubach bestattet, und der Pfarrer, der ihr Grab

einsegnete, rief ihnen die Worte der Schrift nach: »Selig sind die

Todten, die in dem Herrn sterben, von nun an. Ja der Geist spricht, daß

sie ruhen von ihrer Arbeit; denn ihre Werke folgen ihnen nach!« Und

alles Volk, das dastand und zuhörte, sprach: »Amen!« Der Gerechten

Gedächtniß bleibet im Segen.

Unter den Leidtragenden war auch der Grenadier von der Marksburg

gewesen, den wir damals kennen gelernt, als Konrad die Dorothe und ihre

Mutter rettete, und der Soldat weinte wie ein Kind, und wollte sich

nicht trösten lassen, denn im Förster war ihm ein guter Freund

gestorben. Seit jenem Tage, wo Dorothe das Jägerhaus betreten hatte, kam

auch der Grenadier öfter dorthin, und ob ihn gleich Niemand einlud, so

sah man ihn doch gerne, und hatte sich an sein Kommen und Gehen so

gewöhnt, daß er fast zu den Hausfreunden gerechnet wurde. Der Grenadier

Scheuermann, denn so hieß er, war eine alte deutsche Soldatennatur, wie

man sie jetzt gar nicht mehr findet. Von frommen Aeltern aus einem

Dörfchen des Vogelsberges ausgegangen, war er gezwungen Soldat geworden,

hatte aber sein Handwerk, wie er es nannte, lieb gewonnen, und begehrte

nichts anders zu werden, denn Soldat. In fünfundzwanzigjährigem Dienst

hatte er es noch nicht weiter gebracht, denn zum Corporal, ob er gleich

ein Muster von Ordnung im Dienst, und, wie seine Officiere sagten, ein

sehr tapferer Soldat im Kriege war. Selbst ohne Weib und Kind, hielt er

das Familienleben sehr hoch, war gern bei friedfertigen Eheleuten, und

liebte die Kinder so sehr, daß sie ihn, wo er war, schnell kannten und

freundlich grüßten. Dabei war der Corporal gläubig, wie der Hauptmann

von Kapernaum, und nach dem Heil begierig, wie Cornelius, und wer mit

ihm redete von Gottes Wort, dem war er Freund und ging für ihn durch ein

Feuer, wie das Sprüchwort sagt. Das war es, was ihn nach dem Jägerhaus

zog und was ihn festhalten ließ an den treuen guten Menschen, die dort

wohnten. Wußte er dem alten Förster oder seiner Hausfrau einen Dienst zu

thun, oder gar der Jungfer Dorothe, die sein Augapfel war, so war Keiner

froher, als der Scheuermann. Wie dann die bösen Tage in's Haus des

Försters kamen, da ließ er sich Urlaub geben, und wich nicht aus dem

Jägerhaus, und kam Wochen lang in kein Bette, und war die

Dienstfertigkeit und Freundlichkeit selbst. War es ein Wunder, daß die

treue Seele am Grabe der Förstersleute weinte und sich nicht wollte

trösten lassen! Wenige kannten dich, du guter Soldat, und dein treues

Herz; aber wie dort der Geist Gottes zu Cornelius sprach: »Dein Gebet

ist erhöret und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott«, so ist auch

deiner Treue droben im Himmel gedacht worden. Gehe ein zu deines Herrn

Freude! —

Zurückgekehrt von der Aeltern Grab, lastete eine neue Sorge auf Konrad's

Herz. Er wollte seinem Bruder, der noch krank lag und für sich selber

nicht sorgen konnte, den Dienst des Vaters verschaffen, damit der liebe

Ort der Heimath der Familie erhalten bliebe. Er schrieb Briefe auf

Briefe an alle Gönner und Freunde seines Vaters; er warb bei der

Landesbehörde um die Stelle, und der Corporal Scheuermann that manchen

Gang um Gunst und Fürsprache, wie es damals noch mehr geschehen mußte,

denn heut' zu Tage. Von einem solchen kam der Soldat einst in trüber

Stimmung zurück. Er war dem Gerst begegnet, den man jetzt den Herrn Rath

nannte, und der hatte ihm zugerufen: »Scheuermann, ich weiß, was euer

Gehen und Laufen bedeuten will, geht nur heim und schonet eure Beine, so

lange der Gerst lebt, kommt kein Justus wieder als Förster in's

Jägerhaus und auch kein Justus in's Pfarramt. Das sagt den Söhnen des

alten Försters und der Jungfer Dorothe richtet auch meinen schönen Gruß

aus, wenn es euch gefällt.« Da hatte der Corporal nicht Ansehen der

Person geachtet, sondern war dem Gerst mit Worten und Werken so zu Leibe

gegangen, daß der Corporal einige Tage bei halber Kost auf dem

Gefängnißthurm hatte sitzen müssen. Als er wieder frei war, erzählte er

es dem Konrad, und tiefe Trauer ergriff darob das Herz des Jünglings.

»Also meine Prüfungszeit soll noch nicht vorübergehen«, rief er, »nun

Herr, dein Wille geschehe! Euch aber, Scheuermann, bitte ich, behaltet

das böse Wort des Gerst für euch und theilt es dem Heinrich und der

Dorothe nicht mit; es ist genug, daß ich allein davon leide. So meint's

wohl der Apostel, wenn er sagt: Die Liebe sucht nicht das Ihre, sie

träget der Schwachen Gebrechlichkeit.« —

Auch kam der Tag der Entscheidung bald. Kaum hatten Heinrich und Dorothe

sich einigermaßen von ihrer Krankheit erholt, so erschien ein fremder

Förster und wünschte Besitz von Amt und Haus zu nehmen. Die Brüder

suchten nicht das Unrecht eines Andern an dem Fremdling, als an einem

Broddieb, zu rächen, wie denn überhaupt ihr Herz keine Rache kannte.

Sie hießen den Fremden willkommen, ja Heinrich sprach sogar: »Es ist mir

lieb, Konrad, daß dein Bemühen zu meinen Gunsten nicht geglückt ist; es

gefällt mir nicht in der Heimath; ich gehe lieber wieder nach Holland,

wo ich einen guten Dienst gefunden habe, und auch einst, wenn es Gott

gefällt, meine Heimath finden will. Und meinst du es wohl mit dir, so

gehe auch von hier weg; es ist selten, daß man die Söhne um der Väter

willen lieb hat und hochhält. Undank ist der Welt Lohn. Aber eine Bitte

habe ich an dich, ehe wir scheiden, die mußt du mir erfüllen, um der

Liebe willen, die du zu mir hast. Laß' Dorothe mit uns theilen, als wäre

sie unsere Schwester. Sie hat Jahre lang den Aeltern gedient, und ist

von ihnen als eine Tochter gehalten worden, soll sie jetzt leer

ausgehen! Sie ist ein schwaches Mägdlein und steht einsam in der Welt,

und wer weiß, wie lange es noch dauert, bis sie in dein Haus eingehen

kann als dein Weib.« —

Da griff Konrad in seine Tasche und reichte dem Bruder ein Papier, und

dann bedeckte er mit den Händen sein Angesicht und weinte laut. Das

Papier war von des Försters Hand geschrieben, kurz vor seinem Ende, und

in demselben bat er die Söhne, um der Liebe willen, die sie zu ihm

gehabt, Dorothe als ihre Schwester zu betrachten und ihr Erbgut mit ihr

zu theilen. Und sie riefen die Schwester und zeigten ihr des Vaters

Testament und theilten mit ihr das Gut. — »Siehe, wie fein und lieblich

ist es, daß Brüder einträchtig bei einander wohnen. Wie der köstliche

Balsam ist, der vom Haupt Aaron's herabfließt — wie der Thau, der vom

Hermon herabfällt auf die Berge Zion.

Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk · 第 9 / 25 题