6. Die Wartezeit.

Tritt einmal im Geist mit mir an's Ufer des Meeres, mein lieber Leser.

Von leichten Wellen gekräuselt, liegt tiefblau und prächtig das Meer;

blau und wolkenlos wölbt sich der Himmel drüber hin, und unten in der

Tiefe Spielen die Fische, und drüber in der Luft schweben die Vögel des

Himmels, Alles voll Leben und Lebensfreude. Und am Ufer liegt ein

Schifflein; bunt bemalt ist sein Rumpf, ein glänzendes Schild trägt

seine Vorderseite; ein Weib ist es, das auf einen Anker sich lehnt, das

ist des Schiffes Sinnbild und Name: »die Hoffnung.« Lustig spielt der

Wind mit den leichten bunten Fahnen, die von den Masten herabwehen, und

durch Segel und Tauwerk rauscht es in sanfter, heimlicher Weise. Auf dem

Schiffe treibt sich ein lustig Völkchen umher; Auswandrer sind es, die

von Osten kommen und nach Westen reisen, weil sie dort ihr Glück finden

wollen. Sie haben die Heimath verlassen, den trauten Ort der Kindheit;

froh und zuversichtlich sind sie vom Aelternhaus geschieden; sie haben

ihm nicht viel Thränen nachgeweint. Warum auch? Fluren, auf denen ein

ewiger Frühling herrscht, Bäume, die Blüthen und Früchte zugleich

tragen, Früchte der Erde, so süß und labend, Vögel unter dem Himmel,

bunt von Farben, und Gottes liebe Sonne Jahr aus, Jahr ein, und immer

glänzend und immer warm. Und dabei das Herz so frisch und froh, der

Wille so fest, die Hoffnung so stark. Fahr' hin, Schifflein, fahr' hin!

Wind und Wellen werden dich schonen, aber du trägst das Verderben in dir

selbst. Unten am Bild der Hoffnung, das du trägst, ist eine kleine

Oeffnung geblieben. In die ist ein Wurm gedrungen, und ist gewachsen,

und hat sich vermehrt, und der Wurm hat das Schifflein angefressen, und

es ist mürbe geworden und drohet zu versinken. Verstummt ist die Lust

seiner Bewohner; ihr Reigen ist verwandelt in eine Klage. Nach der

Heimath blicken sie zurück, klagend und weinend.

Fragst du, mein Leser, wo das Meer ist? Es ist das menschliche Leben.

Was das Schifflein ist, das bunt und geschmückt ausfährt? Es ist das

Menschenherz. Wo das ferne Land liegt, nach dem des Schiffleins Lauf

gerichtet ist? Es ist der Traum, den die Jugend träumt von einem

Paradiese, das doch hier unten nicht mehr wohnt. Wer der Wurm ist, der

sich in's Schifflein eingebohrt hat? Das ist der Feind, der da kommt,

wenn die Leute schlafen und säet Unkraut unter den Waizen, und geht

davon. Den Feind nehmen wir Alle mit aus der Kindheit in's Jugendalter.

Bald ist's die Sünde, die sich eingebohrt hat in's Herz, dem Wurme

gleich; bald ist's der Frühfrost der Sorge, der schon die junge Saat

unserer Kindheit gedrückt hat; bald ist's auch die Bosheit der Menschen,

die mit allen Waffen der List und des Trugs gegen ein Menschenherz

kämpfet, das hoffend ausgehet, das Plätzchen zu suchen, wo es unter dem

Frieden Gottes ruhen könnte.

So voll Freude und Hoffnung ging der junge Justus und seine Dorothe in's

Leben hinein. Sie hatten sich ja lieb, mehr glaubten sie nicht, daß zum

Leben gehöre; sie waren beide fromm und gottergeben, warum sollten sie

vom lieben Gott nicht das Beste hoffen!

So war ein Jahr vorübergegangen. Auf dem Grabe der Mutter blühten schon

Blumen, und die Wangen der Dorothe glühten von den ersten Rosen der

Jugend, und Mutter Kunigunde gewann sie täglich lieber. Denn wie sie

schön war von Angesicht, so war sie gut von Herzen, und was sie that,

das that sie mit Lust, also daß die Aeltern den Konrad glücklich

priesen, und seine Freunde ihn um diesen Schatz beneideten. Aber es war

ein Wurm in's Lebensschifflein der jungen Brautleute gerathen, an den

sie nicht gedacht hatten, und das war der Neid und die Rachsucht des

Advokaten Gerst. Der Mensch wußte nicht, was es heißt: mit den

Fröhlichen sich freuen, was es heißt: vergeben und vergessen. Er hatte

nicht vergeben, daß ihn die Mutter der Dorothe von sich gewiesen; hatte

nicht vergessen, daß das Mägdlein vielleicht doch sein geworden wäre,

wenn Konrad ihm nicht zuvorgekommen. Und er schwur, daß er sich an

Beiden rächen wollte und hat den Schwur treulich gehalten, und ist zum

Wurm geworden, der die Jugendblüthe zweier guten Menschen zerstörte.

Auf dem Grabe der Mutter nahm Konrad Abschied von seiner Dorothe; er

wollte als Gehülfe zu einem alten Pfarrer gehen, um so baldige Ansprüche

auf eine Stelle haben zu können. Und wie er schied, so sagte er: »Geh'

der Mutter rüstig zur Hand, Dorothe, will's Gott, so halten wir bald

Hochzeit, und dann ist alles Leid, das du bis dahin gehabt hast,

vergessen, und wir wollen täglich dem Herrn danken, daß er uns so

wunderbarlich zusammengeführt, und mit unserm Haus ihm dienen, wie es

sein Wille ist.« Und Dorothe lächelte unter Thränen und bat um einen

baldigen Brief.

Der Brief kam bald, und es kam noch mancher, und ging wieder ein Jahr

hin; aber die Aussicht zu Amt und Brod war nicht näher gerückt. Der alte

Pfarrer, bei dem Konrad gestanden, war gestorben, und man meinte, der

Gehülfe müsse den Dienst kriegen. Doch wie die Zeit der Entscheidung

kam, da kam ein Andrer in's Amt, ein Vetter des Gerst, und rühmte sich

laut, wie der Vetter sich's viel habe kosten lassen an Zeit und Mühe und

Geld, den verhaßten Justus um seine Hoffnung zu betrügen. —

Dem Herrn die Rache anheimgebend, der da recht richtet, zog Konrad

weiter und ward Informator bei Einem vom Adel, der ihm versprach, ihm

eine seiner Pfarrstellen zu geben, wenn er zwei Jahre bei ihm aushielte.

Die zwei Jahre waren ein saures Stück Brod; jeder Tag hatte seine eigne

Plage. In dem Haus des Edelmanns galt es als Grundsatz: Nur wer vom Adel

ist, der ist was werth und zu achten, alles Andere ist bürgerlich Pack,

mit dem darf man schalten und walten, wie man will. So waren denn die

Junker trotzig und vorlaut, und der Herr Papa lachte dazu; und die

Junker hatten mehr Freude am Fischfang und Vogelstellen, am Reiten und

Jagen, denn an ihren Büchern, und der Herr Papa hieß das gut und meinte,

das viele Wissen mache den Kopf schwer, und er habe auch nicht viel

gelernt und sei doch ein Mann von Kopf geworden. Doch die zwei Jahre

gingen unter Geduld und Hoffnung hin und auch das versprochene Amt that

sich auf; aber damit auch das Anerbieten, die Kammerzofe der gnädigen

Frau zu ehelichen, die auch längst ein ähnliches Versprechen erhalten

hatte.

Da nahm Konrad seinen Wanderstab, schüttelte den Staub von seinen Füßen

und ging weiter. Gebrochen war sein Muth nicht, denn die Welt war ja

weit und das Herz war warm von Glaube und Liebe, und die liebe Heimath

nicht fern, und in der Heimath treue, gutmeinende Herzen. Wie er heimkam

und dem Vater seine vereitelten Hoffnungen berichtete, da sagte der:

»Laß den Muth nicht sinken, Konrad, zu meiner Zeit war es mit dem Laufen

um Amt und Brod noch schlimmer, denn jetzt. Wen der liebe Gott warten

läßt, dem hat er etwas Besseres noch aufbehalten. Mir ist's auch also

ergangen, und ich hab' doch mein gut Theil empfangen, und meine

Kunigunde dazu. Nur hinaus und versucht. Der Mann muß sein Amt sich

erlauern, wie der Jäger das Wild.

Alles ohne Tück' und Lug,

Wie es will der Weidmannsspruch.

Also that Konrad, und erwarb sich, wohin er kam, viel Liebe. So hatte er

wieder ein Jahr einer lateinischen Schule in einem Städtchen

vorgestanden, und der Magistrat glaubte die Stelle in keine besseren

Hände legen zu können, denn in die seinen. Er ward dem Landesherrn

vorgeschlagen, und er erwartete täglich seine Bestallung. Statt deren

aber kam vom Consistorium ein Schreiben des Inhalts: »Man habe in

Erfahrung gebracht, daß der Justus, den man als ein tüchtiges Subject

vorgeschlagen, keines guten Rufes genieße; wie er denn da und dort, wo

er bisher gedient, kein gutes Gerücht hinter sich gelassen.« Da war es

aus mit der Gunst, die man ihm bisher erwiesen hatte; Niemand grüßte

ihn auf der Straße, Niemand wollte seine Kinder ihm zum Unterricht

anvertrauen, und Konrad mochte hoch und theuer seine Unschuld

versichern, und auf seine Zeugnisse sich berufen; man zuckte die Achseln

und meinte, das Consistorium müsse das besser wissen. Wie nun Justus das

Consistorium selbst um Aufschluß anging, da hieß es: »Es sei schon

schlimm, wenn ein solch' Gerede über einen Candidaten im Schwange gehe,

er solle nunmehr durch seine Aufführung beweisen, daß die Leute auf ihn

gelogen hätten.« Das hatte Konrad nicht erwartet. Mit einem Male

durchschaute er die ganze Bosheit seines alten Feindes, des Gerst, und

beschloß, diesen selbst zur Rede zu stellen. Aber wo fand er ihn? In

einem Amte, das er durch seine Schleichwege sich erbeutet, und das so

einflußreich und hoch war, daß der bescheidene Candidat es nicht wagen

durfte, ihm mit Fragen und Vorwürfen zu nahen. »Als ich solche

Schelmerei und Tücke wahrnahm«, schreibt er in seinem Tagebuch, »und ich

schier gestrauchelt mit meinen Füßen, weil es mich verdroß auf die

Ruhmredigen, da ich sahe, daß es den Gottlosen so wohl ging, da hab' ich

Assaph's Psalm, der da ist der 73te, vielmal gelesen, daß ich ihn fast

auswendig gekannt, und mich sonderlich getröstet an dem Wort: »Ich

dachte ihm nach, daß ich es begreifen möchte; aber es war mir zu schwer,

bis daß ich ging in das Heiligthum Gottes und merkte auf ihr Ende.«

»Laß' mich denn, Herr, mein Gott, bleiben an dir, und halt' mich bei

meiner rechten Hand. Leit' mich nach deinem Rath und nimm mich endlich

mit Ehren an! Amen.«

Den 13. Februari. »Hab' ich doch nimmer geglaubt, daß so viel Bosheit

auf der Welt sei, und daß es so weh' thue, gehaßt zu werden ohne

Ursache. Ich bin weggegangen aus meinem Lande und von meiner

Freundschaft; denn ich bin wie der Prophet ein Spott meinem Volk und

täglich ihr Liedlein. Soll ich warten, bis man mich gehen heißet, und

mich bedeutet, daß ich daheim kein Amt finden werde, so will ich lieber

selber in die Fremde gehen. Was mein Gott will, gescheh' allzeit! Ist

ein sauer Brod, das ich in der Fremde essen muß. Daheim wär's süßer, und

würde mir gern von Vater und Mutter gereicht, noch manches Jahr; aber

wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen. Thu' denn, was deines

Amtes ist; Zwanzig Thaler und ein Weniges an Kleidung ist ein geringer

Lohn für Einen, der von Morgen bis Abend muß informiren. Geb' der liebe

Gott nur seine Kraft, daß Alles mög' zu seinem Dienst geschehen.«

Den 3. Martii. »Ist doch ein sauer Amt, das ein Schulmeister hat; man

sollt' ihn doppelter Ehre werth halten um seines Amtes willen. Gestern

war ein harter Tag. Hatte den Jüngsten knien lassen, weil er

Narretheidinge getrieben; ist der Herr Principal hereingekommen während

der Pönitenz, und hat mich mit Worten hart angefahren. Ist auch die Frau

hinten drein gekommen ob des Lärms, den der Herr gemacht, und hat mir

gedroht, sie wolle mir die Suppen versalzen, daß ich daran denken solle.

Habe mich exkusiret aus aller Macht; hat aber nichts gefruchtet, sondern

haben den Jüngsten mitgenommen und ihm einen Pfefferkuchen gegeben, mit

dem er wieder herein gekommen und es getrieben, wie vorher. »Wer seiner

Ruthen schonet, der hasset seinen Sohn.« Sprüchwörter Salomonis 13, 24.

Den 11. Septembris. »Wie doch das Menschenherz ein trotzig und verzagt

Ding ist.« Mein Herr glaubt nicht an Jesum, daß er der Christ sei, auch

nicht, daß wir Alle müssen offenbar werden vor dem Richterstuhle

Christi, und hat zu verschiedenen Malen die Gelegenheit vom Zaun

gebrochen, mit mir zu disputiren. Ich hab' kräftiglich Zeugniß gegeben

von der Hoffnung, die in mir ist, und aus göttlichem Wort manchen Spieß

und Nagel nach seinem Herzen gerichtet, aber das Wort sähet nicht in

ihm. Will mich manchmal schier bedünken, als wenn etliche Menschenherzen

des Glaubens nicht ein Fünklein in sich hätten. Doch der Herr weiß seine

Zeit. Nun liegt der starke Geist, wie er sich selbsten gerne tituliret,

auf seinem Schmerzenslager und stöhnt, daß es zum Herzbrechen ist, und

flucht auch mitunter gar fürchterlich, aber an Gott, der das Kreuz

schickt, will er nicht denken. »Wir rühmen uns der Trübsal, dieweil wir

wissen, daß Trübsal Geduld bringet.« Röm. 5, 3.

Den 24. Septembris. »Richtet nicht vor der Zeit«, das Sprüchlein muß

dich meistern, Justus! Hast wieder des Herrn Macht bezweiflen und seines

Worts vergessen wollen: »Meine Zeit ist noch nicht hie, eure Zeit aber

ist allezeit.« Mein Herr hat mich zu sprechen begehrt außer der Zeit, wo

ich ihm die Aufwartung gethan; und als ich zu ihm eingetreten, da hat er

mich an sein Bett sitzen lassen, und mich fleißig aus Gottes Wort

examiniret. Wie ich denn freudig Zeugniß gegeben von der Hoffnung, die

in mir ist, auch die Gnade Gottes laut gerühmt, die sich unser wider

Verdienst und Würdigkeit erbarmet, und die Vergebung der Sünden noch

heut' anbeut Allen, die Gottes Zorn fürchten; da hat mein Herr das Wort

ein rechtes Trostwort und Labsal geheißen, und mich ersucht, ihm etliche

Kapitel aus heiliger Schrift zu lesen. Darauf hab' ich am ersten den

sechsten Psalm gebetet: »Ach Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn und

züchtige mich nicht in deinem Grimm &c.« Zum andern, so hab' ich den 51.

Psalm vorgenommen, und wie ich kommen bin an den 12. Vers: »Schaffe in

mir, Gott, ein reines Herz, und gieb mir einen neuen, gewissen Geist;

verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen heil. Geist

nicht von mir«, — da ist mein Herr gewesen, so bußfertig wie David war,

da der Prophet Nathan zu ihm kam, und hat unter viel Weinen und Seufzen

einmal über das andere Mal gerufen: »Herr, nimm deinen heil. Geist nicht

von mir!« Mich selber aber hab' ich gedemüthiget vor dem Herrn ob solch'

großer Gnade, die er mir erwiesen, sein Wort zur Buße predigen dürfen,

und ist mir gewesen denselbigen ganzen Tag, wie ich meine, daß es Paulo

muß gewesen sein, da er sprach: »Ich ward entzückt bis in den dritten

Himmel. Hilf nur, Herr, mein Gott, daß ich nicht Andern predige und

selbst verwerflich werde!« (1. Korinther 9, 27.)

Den 30. Novembris. »Mein Herr ist durch Gottes Gnade wieder gesund und

ein neuer Mensch geworden. O wie ist doch wahr Pauli Wort: »Ist Jemand

in Christo, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe,

es ist Alles neu worden.« (2. Kor. 5, 17.)

»Mein Herr hat eine große Liebe zu mir gefaßt, also daß ich nicht mehr

als ein Fremdling im Haus bin, sondern schier als ein lieber Freund. Er

will auch, daß ich im Land Sachsen bleiben soll und hat mich Einem von

Adel recommandiret, der eine Pfarre zu besetzen hat. »Was mein Gott

will, gescheh' allzeit!« Die Erd' ist überall des Herrn, und man kann im

fremden Land' auch ein frommer und getreuer Knecht sein. Aber auf

Menschenwort und Trost bau' ich nicht viel, seit ich weiß, daß solch'

Trauen eitel ist.«

* * * * *

Den 1. Januari. »Wie gedacht, so geschehn! War schon mit einem Bein' im

neuen Amt, hat auch meine Dorothe schon getröstet mit einem süßen

Hoffnungswörtlein; da ist ein Andrer gekommen und hat erlangt, wonach

mein Sinn stand. Ob wohl noch zuviel Eitelkeit und Hoffahrt in meinem

Herzen sein mag, weßhalb der liebe Gott mich warten lässet? »Nun, Herr,

so zeige mir deinen Weg, daß ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein

Herz bei dem Einigen, daß ich deinen Namen fürchte!«

* * * * *

Ein Jahr später. »Ich bin beides, dein Pilgrim und dein Bürger, wie

meine Väter alle.« (Psalm 39, 13.) Es muß wieder geschieden sein; will

einmal wieder mein Glück daheim versuchen. Vater und Mutter mahnen gar

dringend an die Rückkehr. Sie meinen, es sollt' mir jetzt daheim auch

gelingen und meine Wartezeit nach Gottes Willen zu Ende gehen. Aber das

Scheiden thut auch weh', sonderlich wenn man eins geworden ist,

einmüthig und einhellig.«

»Barmherz'ger Gott und Vater,

Du treuer Menschenrather!

Auf dein Wort zieh' ich aus,

Auf unbekannten Straßen

Wollst du mich nicht verlassen,

So bin ich überall zu Haus.

Behüte mich vor Feinden

Und heuchlerischen Freunden,

Gieb mir die Engel zu;

Geleit' all' meine Werke,

Sei Morgens meine Stärke,

Und dann am Abend meine Ruh'.

Auf der Reise. »Also hab' ich gebetet, ehe ich mein Bündel schnürte und

den Wanderstab in die Hand nahm. Der treue Gott hat mein Gebet erhört.

Wie ich an die hessische Gränze kommen bin, hab' ich Herberg' genommen

in einem Flecken, allda zu rasten. Wäre gerne weiter gegangen, als ich

kaum den Reisesack abgelegt. Denn in der Herberg' ging's toll her.

Kaiserliche Werber lagen da; die hatten gute Geschäfte gemacht, und

tranken den Rekruten vollends den Verband weg. Und die Rekruten waren

schier wie toll; Einer sang den Prinz Eugenius und schrie dabei wie

besessen; ein Anderer soff und heulte dabei, daß einem weh' zu Herzen

ward, und ein Dritter raufte sich mit den Dirnen. Die nicht mehr brüllen

und saufen konnten, die hatte man wie die Schlachtschweine unter einen

Schoppen gelegt, und dabei standen schnurrbärtige Grenadiere und hüteten

ihrer. Wie ich mir den Heidengräuel etwas angesehen und des Sprüchleins

eingedenk worden: »Besser allein, denn in böser Gemein«, da wollt' ich

wieder meines Weges gehen, obgleich der Abend nahe war. Wie ich mich

umwenden will, so kommt ein freundlicher Herr auf mich zugegangen, faßt

mich bei der Hand und sagt: »Monsieur scheint auch keinen Gefallen zu

haben an solch' unfläthigem Saufen. Theile in dem Stück ganz Monsieurs

Meinung. Beliebt's demselben, ein wenig hereinzutreten und einen

freundlichen Rath zu halten, so wird Monsieur mich sehr verbinden!« »Das

Wort gefiel mir sehr, sintemal meine Füße vom langen Gehen wund geworden

waren, und ich trat mit dem Herrn in ein sauber Zimmerlein. Dort

hielten wir selbander angenehmen Rath, bis es dunkel ward und erzählten

uns unser Lebensschicksal. Und des Fremden Leben war gar wunderbar.

Jetzt, so sagt' er, war er auf einer langen Reise, und könnte just einen

Secretär und Gesellschafter brauchen, wie ich sei; ich solle mit ihm

ziehen. Der Vorschlag leuchtete mir schnell ein; aber ich bedung mir

Ueberlegung aus bis zum andern Tag. Da ließ der Herr Wein kommen, denn

wir hatten bisher einen Krug Bier mit einander geleert, und ward immer

redsprächiger, also daß auch mir das Herz auf die Zungen kam. Da rückte

der Fremde mir näher und rief: »Besinnt euch nicht lange mehr, jetzt

kennt ihr mich, sagt ja und wir sind Handels einig; da nehmt zum Voraus

etwas Reisegeld und schlagt ein.« Wußte nicht, wie mir geschah und hielt

die Brabanter, die er in meine Hand gelegt, in den Fingern und sah ihm

ihn's Auge. Indem klopft's draußen und es erschien Einer in der Thüre,

der ein Diener des Herrn zu sein schien und rief ihn hinaus. Wie ich

noch auf die Thaler blicke, so kommt aus einem Kämmerlein zur Seiten ein

Mägdlein heraus, noch sehr jung an Jahren und sagt in leisem Tone:

»Herr, ist euch euer Leben lieb, so werft das Blutgeld auf die Erde und

macht euch auf und davon, sonst geht es euch wie den Rekruten drüben im

Hof. Der Hauptmann ist ein Erzschelm und betrügt euch wie die Andern.« —

»Wie ich das Wort gehört, da hab' ich das Fenster aufgerissen, das nach

dem Garten hinsah, hab' schnell mein Bündel hinabgeworfen, und bin

hinabgesprungen, wohl an 10 Fuß hoch. Und gleich als wär' der böse Feind

hinter mir, bin ich dem Walde zugeeilt, den ich heute erst durchwandert

hatte, und hab' nicht eher mit Laufen eingehalten, bis der Wald dichter

ward.«

»So hat mich abermal mein treuer Gott wunderbarlich erhalten und hat mir

seinen Engel gesandt, der den Löwen den Rachen zugehalten.« (Daniel 6,

22.) Aber der treue Gott hat noch mehr an mir gethan damals, als ich den

Werbern entging, wofür ich ihm Dank sagen will all' mein Leben lang;

denn er hat mich dazumalen ein Sprüchlein aus seinem heil. Wort erkennen

lassen, das ich bis dahin nicht ganz verstanden, und das Sprüchlein

steht Psalm 19. Vers 2. und heißt: »Die Himmel erzählen die Ehre

Gottes.« »Wie der Wald dichter um mich ward, bin ich langsam und

fürsichtig gegangen, und habe mit meinem Reisestock den Grund vor mir

geprüfet; denn es war so finster, als in einem Sack um mich her, und nur

manchmal schien ein Sternlein durch die Büsche, gleich als wollt' es

sagen: »Geh' nur getrost, Justus; ob du schon wandelet im finsteren

Thal, so fürchte doch kein Unglück, denn ich, dein Hirte, bin bei dir.«

(Psalm 23, 4.)

»Wie ich wohl eine Stunde im Dickicht herumgetastet, so ist der Wald

lichter geworden, und ein Pfädlein hat sich durch die Bäume

geschlängelt, und dem Pfädlein bin ich nachgegangen. Da ist mir bald ein

Licht in's Auge gedrungen; und wie ich dem Schein nachging, so hab' ich

bald vor einem Kohlenmeiler gestanden, neben dem ein lustig Feuer

brannte und ein Mann stand, der mit einer Schaufel Erde auf den Meiler

warf, wo die Lohe durchbrechen wollte. Da hab' ich den Mann freundlich

gegrüßt, und ihm gesagt, daß ich ein Fremdling sei, der des Weges

verfehlet, und wie ich ihn bäte, mir aus christlicher Lieb' die rechte

Straße zu weisen. Da hat der Köhler meinen Gruß mit einem »schönen Dank«

erwiedert und gesagt: »Ihr seid nicht der Erste, der verirrt zu mir

kommt, und werdet auch nicht der Letzte sein, denn der Wald ist tief

und die Wege gerade nicht leicht einzuhalten. Aber vergebt, wenn ich

euch in dieser Nacht nicht geleiten kann; ihr seht wohl, mein Meiler

bricht aus und ich darf ihn keine halbe Stunde allein lassen.

Verdrießt's euch nicht, so bleibt bei mir bis zum Morgen; dann soll

weiter Rath werden. Geht einstweilen dort in die Hütte und ruht euch

aus; aber bückt den Kopf, wenn ihr hineintretet; eines Köhlers Häuslein

ist eben nicht für hohe Herrn, sondern für Solche, die sich gern vor

Gott und Menschen bücken.«

»Da kroch ich hinein in die Hütte und setzte mich auf das Mooslager des

Köhlers, und mein Bündel legt' ich neben mich, nicht ohne daß ich für

mich hin betete: »Das walt Gott der Vater, der Sohn und der heil.

Geist.« »Wie ich ein Weniges geruht, so kommt der Köhler auch herein,

steckt einen großen Kienspahn in eine eiserne Gabel und stößt die Gabel

vor dem Eingang in die Erde. »So«, sagt' er, »nun haben wir Licht und

können uns in's Angesicht sehen wie zwei Christenmenschen. In meinem

seht ihr, trotz Kohlenstaub und Ruß, daß ich ein alter Mann bin, und in

eurem lese ich, daß ihr jung seid und müde, und wie steht es mit dem

Appetit? Ekelt euch nicht vor eines Köhlers rauher Kost, so seid mein

Gast, bis euch morgen ein besserer Tisch gedeckt ist.« »Und von einem

Bänklein herab holte der Köhler ein großes schwarzes Brod, schnitt zwei

gewaltige Stücke ab und legte jedes auf einen hölzernen Teller, und oben

drauf ein Stück gekochten Speckes. Und wie er von dem Bänklein auch zwei

Messer herabgeholt, und eins mit dem andern gesäubert hatte; da nahm er

die Ledermütze zwischen seine gefaltenen Hände und betete mit tiefer

Stimme: »Aller Augen warten auf dich, Herr, und du giebst ihnen ihre

Speise zu seiner Zeit; du thust deine Hand auf und erfüllest Alles, was

lebet, mit Wohlgefallen! Amen.« »Und wie ich auch »Amen!« gesagt, da aß

der Köhler sein Abendbrod und ich mit ihm, und hat mir lange kein

Abendbrod so gut geschmeckt. Wie er damit zu Ende war, griff er hinter

sich, und langte einen Wasserkrug von Stein hervor, deckte ihn auf und

that einen herzhaften Zug. Dann schüttete er ein Weniges ab, reichte mir

den Krug und sprach: »Trinkt, guter Freund, ein Schelm gibt's besser,

als er's hat; im Wald wächst kein ander Getränk; aber das Wasser aus dem

Heiligenbörnlein ist dafür auch ein sonderlich und vornehm Wasser, und

schmeckt frisch und süß, und hat viel Kranken schon geholfen.« Da trank

ich auch nach Herzenslust; und wie ich den Krug geschlossen, da nahm der

Köhler wieder die Ledermütze ab und sprach: »Nun, unser Gott, wir danken

dir, und rühmen den Namen deiner Herrlichkeit!«

»Wie es mir da so wohl ward um's Herz, das kann ich gar nicht sagen; es

war mir, als wenn ich den Köhler schon lange gekannt und plötzlich

wiedergefunden hätte. So macht das Wort Gottes die Menschen zu Freunden,

daß sie sich erkennen und lieb haben; und war doch nichts geschehen,

denn daß wir mitsammen gebetet und das Brod gebrochen hatten. Da ward es

mir, als müßt' ich dem Köhler sagen, was mich zu ihm geführt habe, und

ich that es und sagte ihm auch Dieß und Das aus meinem Leben: was ich

gelitten und worüber ich mich gefreut, und was ich von der Zukunft hoffe

und fürchte. Da lächelte der Alte und sprach: »Das ist nur das alte

Lied, das schon Sirach sang: Es ist ein elend jämmerlich Ding um aller

Menschen Leben, von Mutterleibe an, bis sie in die Erde begraben werden,

die unser aller Mutter ist. Da ist immer Sorge, Furcht, Hoffnung und

zulegt der Tod. So ist es mir ergangen, so wird es auch euch ergehen und

euren Kindern und Enkeln nach euch. Man meint, eine Zeit müsse der

andern ablernen, wie man's besser machen und dem Schicksal in der Welt

das Feld abgewinnen, und seine Schneide stumpf machen könne. Aber es muß

wohl so sein sollen, weil unser lieber Gott die Jungen immer wieder von

vorne anfangen und in den Schranken laufen lässet. Was euch bis dahin

betroffen hat, das vergleich' ich dem Wind, der in der Frühlingszeit,

wenn die Saat schon grünt und die Lerche schon singt, mit den Bäumlein

umspringet, als wollte er sie schier zerzausen. Da gilt aber auch: »Du

machest deine Engel zu Winden, und deine Diener zu Feuerflammen;« denn

lauter Engel und Diener Gottes sind die Schicksalsstürme in der Jugend.

Die machen, daß das Bäumlein hübsch seine Wurzeln hinabtreibt und stehen

lernt auf seinen eignen Füßen, wenn der Winter des Lebens kommt, und mit

ihm noch mehr Tage, von denen wir sagen: »Sie gefallen uns nicht.« Auch

glaubt mir das, mein junger Herr, ich sag's aus eigner Erfahrung, der

Mensch macht sich darum in seiner Jugend so viel Herzeleid, weil er

immer Eins ganz fest im Sinne hat, und meint, es geschähe ihm ein

gewaltig Unrecht, daß der liebe Gott ein Anderes mit ihm will. So läuft

denn Einer wie ein Schaf, das die Drehkrankheit hat, immer auf einem

Fleck umher, oder rennt wie ein Gaul, der den Koller hat, gerade hinaus,

bis er sich den Kopf zerstößt. Ihr wollt mit Gewalt ein Pfarrer werden,

und ich dachte, als ich euer Alter hatte, ich müßte ein Schulmeister

werden. Ja, Herr, seht mich an, wie ihr wollt, ich, der Köhler Martin

Ebert von Blankenau, wollt' ein Schulmeister werden, und ging Jahre lang

umher und haderte mit Gott und mit der Welt, daß es nicht nach meinem

Kopf gehen wollte. Damals sagte unser Nachbar, der alte Hufschmied

Nagel, Gott hab' ihn selig! »Martin«, sagt' er zu mir, »wart' doch

unsers lieben Gottes Zeit erst ab, ob er dich brauchen kann als

Schulmeister und geh' erst mit deinem Vater hinaus und lerne Kohlen

brennen. Wie du es jetzt treibst, so lernst du beides nicht, weder die

Schulmeisterei, noch das Kohlenbrennen.« »Und ich hing damals über

solche Rede das Maul und stand am Meiler meines Vaters wie ein

Blödsinniger. Da nahm mich mein großer Meister im Himmel in seine Lehre

hinein, und gab mir die Lection, daran ich noch lerne, und so lange

lernen will, bis er mich in seine himmlische Werkstatt abholt. Mein

Vater starb und meine Mutter stand als ein schwaches Weib mitten unter

sieben unversorgten Kindern. Herr, damals lernt' ich Kohlenbrennen und

das vierte Gebot thun: »Du sollst Vater und Mutter ehren,« lernt aber

damit auch die Verheißung kennen: »Auf daß dir's wohl gehe.« Und von da

an ist mir's wohl gegangen; im Schweiße meines Angesichtes hab' ich mein

Brod gegessen, aber ich habe auch geschmeckt und gesehen, wie freundlich

der Herr ist und wie wahr sein Wort: »Denen, die mich lieben und meine

Gebote halten, thue ich wohl bis in's tausende Glied.« Geht hin in unser

Ort, dort stehen sieben Häuser, alle blank von außen und rein von innen;

in den sieben Häusern wohnen des seligen Haneberts sieben Kinder, und

haben sich gemehrt zum Erstaunen, und ist eine schöne, feine Sippschaft.

Wenn dem Vetter Martin das Essen soll hinausgetragen werden zum Meiler,

dann solltet ihr hören, was ein Reißen um das Körbchen ist, und wie die

Jungen mit den Alten hadern um den Liebesdienst! Und ich selber hier an

meinem Meiler, den ich nur Samstags verlasse, um zur Kirche zu gehen,

hab' nichts verlernt von Allem, was ich als Junge gewußt, sondern hab'

noch mehr dazu gelernt, und mein Wissen blähet mich nicht, sondern

demüthigt mich nur. Hier steht meine Weisheit, hier im Bibelbuch, das

ich aufschlage, wenn ich allein bin und mein Meiler Ruhe hält. Und

wenn's Abend wird, dann hat der liebe Gott ein ander Buch vor mir

ausgeschlagen, den Himmel mit seinen Sternen, und hat mich auch gelehrt,

ein Stücklein dieser heil. Schrift zu lesen. Höret, wie das zuging!«

»Wie ich ein Kohlenbrenner ward, da wußte ich von der Sternwissenschaft

nur, was ich darüber aus der heil. Schrift gelernt hatte, namentlich aus

dem Buche Hiob, wo es heißt: »Er versiegelt die Sterne«, und »die Sterne

sind nicht rein vor seinen Augen«, und »kannst du die Bande der sieben

Sterne zusammenbinden?« Wie ich dann so manche Nacht hier saß, und die

Welt um mich her schwarz und todt wie ein Grab lag, so sah ich um so

lieber zum Himmel hinauf, von dem man hier oben ein ziemlich Stück

übersehen kann. Anfangs trieb ich mit meinen Gedanken allerlei Fürwitz

und die Sterne mußten dabei mithelfen, nachher aber sah ich mir sie an,

wie sie zu einander stunden, auch wie einer den andern in der Klarheit

übertraf; auch wie sie nicht stille Bünden, sondern zu bestimmten

Stunden hier, zu andern wieder dort sichtbar wurden. Dann sah ich auch,

wie Etliche in einer Art von Kameradschaft standen, so daß sie ihre

Figur behielten und selbander ihre Reise am Himmel machten. Dann nahm

ich mir ein Papier und stach mir mit einer Nadel die Sternfiguren so

hinein, wie ich dachte, daß sie zusammengehören möchten; und wenn ich

nach Haus kam, dann malte ich mir die Sternlein aus und verband sie

durch Striche mit einander, und gab ihnen auch Namen, denn ich dachte,

ich sei der erste Sterngucker, der sich die Mühe nähme, des Herrn Werke

zu bewundern. Diese Sternkärtlein zeigt ich einmal dem Nachbar Nagel,

der in allerlei Künsten erfahren war, und fragte ihn unter viel

Stottern, denn ich schämte mich, was er davon halte? »Martin«, sagte

der, »du bringst deine Nachtwachen recht im Dienst des Herrn zu, denn

wer die Werke Gottes achtet, der hat eitel Lust an ihnen, und kannst

noch einmal ein Kalendermann werden.« »Das wäre!« sagt' ich, »muß denn

der Kalendermann auch ein Sterngucker sein?« »Allemal«, sagt' er, »woher

wüßt' er denn sonst Frühlingsanfang und die andern Zeiten, wozu den

Neumond und die Finsternisse, die noch kommen sollen, voraus? Und heißt

es nicht im ersten Buch Mosis, im ersten Kapitel: »Und Gott sprach: Es

werden Lichter an der Veste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht,

und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre!« »Da du so fleißig nach den

Sternen siehst, so mußt du sie besser kennen lernen, und er gab mir aus

seinen Büchern, deren er viele hatte, ein Büchlein aus dem vorigen

Jahrhundert, das hieß: »Der edelen Sternwissenschaft fürnehmste Stücke.«

O Herr, wie ich das Buch verschlang, das kann ich euch gar nicht sagen;

ich glaub' sogar, ich hab's zu Zeiten geküßt. Nach und nach lernte ich

das ganze Buch verstehen, einige lateinische Brocken abgerechnet, die

hin und wieder vorkamen, und die hat mir auf meine Bitte später der Herr

Pfarrer verdolmetscht. Stand aber nicht sonderlich viel in dem Latein,

und hätt' nach meiner Meinung auch deutsch können geschrieben werden.

Aus dem Buch lernte ich auch den Kalender berechnen und Sonnenuhren

machen, wie ihr deren, wenn es jetzt Tag wäre, an vielen Bäumen rings

umher sehen könntet. Seitdem hab' ich, durch guter Leute Hülfe, noch

manches Buch über die edle Sternwissenschaft gelesen, und habe nie

darüber mein Kohlbrennen versäumt, sondern bin immer mit um so

herzlicherem Eifer an meine Tagsarbeit gegangen, weil ich dabei gute

Gedanken in meinem Kopf gehabt. Habt ihr euch je mit der

Sternwissenschaft und mit dem Kalender abgegeben, Herr, dann fahrt fort,

also zu thun; und habt ihr's nicht gethan, so thut es auf eines alten

Mannes Rath. In der Welt ist viel Traurigkeit, und wir haben hier keine

bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir; da hilft die

Sternwissenschaft gar sonderlich, daß unser Wandel sei im Himmel, von

dannen wir auch warten des Heilands Jesu Christi. Doch jetzt laßt uns in

Gottes Namen schlafen, und haltet einem alten Mann die Redsprächigkeit

zu Gute. Mitternacht ist vorbei, das seh' ich an den Sternen hier über

uns, sonderlich am Wagen. Also schlaft wohl und der Herr, der treue

Wächter Israel's, geb' euch gute Ruh' und fromme Träume.«

»O Herr, mein Gott, hab' Dank für diese Nacht! In ihr hab' ich viel Ruhe

funden und bin erwacht wie ein Kindlein, das in seiner Mutter Aug'

sieht, wenn's die Aeuglein aufthut.«

»Wie ich mich erhob, so brannte schon das Wachtfeuer wieder, und der

Köhler stand wieder mit der Schaufel in der Hand am Meiler, und die

Vögel sangen ihr Morgenlied, und die Sonne zeigte dem Meiler gegenüber

auf einer schöngemalten Uhr die fünfte Stunde des Morgens.«

»Gott zum Morgengruß, mein Schlafkamerad«, rief fröhlich der Köhler;

»beliebt's euch, so laßt uns singen mit den Vögeln um die Wett':

»Wach auf mein Herz,

Die Nacht ist hin,

Die Sonn' ist aufgegangen!«

Und wir sangen mit einander das Lied. Dann rief der Köhler mit einem

Pfiff auf dem Finger seine Ziege herbei; die gab willig ihre Milch zum

Morgentrank, und wir gingen selbander durch den Wald. Nach einer halben

Stunde ward der Wald licht; noch einige Schritte, und man sah in ein

Thal hinab, durch das ein Flüßchen ging und in dem mehrere Dörfer lagen.

»Dort, Herr«, sagte der Köhler, »liegt Blankenau; geht nur immer hier

dem Pfad nach auf den weißen Thurm zu. Und nun geb' der Herr euch das

Geleit' heim in's Vaterhaus und auf eure ganze Lebensreise! Vor Gottes

Thron sehen wir uns zunächst wohl wieder. Laßt uns halten, was wir

haben, daß uns Niemand die Krone raube.« »Amen!« sagt' ich, und wir

drückten uns die Hände und schieden. Und wie ich fürbaß ging, so sprach

ich: »Das war ein Stiller im Land, und sein Wort hat mich stille gemacht

und hat mich gelehret David's Wort verstehen: »Meine Seele ist stille zu

Gott, der mir hilft.« Pf. 62, 2.

Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk · 第 8 / 25 题