Es ist dir gewiß, mein lieber Leser, im bisherigen Gang unserer
Geschichte Manches dunkel geblieben, worüber du gerne Aufschluß haben
möchtest. Laß mich dir denn zuerst sagen, wer der Justus war, den du mit
mir lieb gewinnen sollst.
Folge mir einmal an den schönen Rhein, wo die Reben wachsen, deren Wein
Tausende erfreut, und an dessen Ufer schöne Städte und Dörfer liegen,
und in dessen hellen Wellen sich viele alte Schlösser beschauen, von
denen viel schöne und schaurige Sagen im Munde des Volkes gehen.
Dort am Rhein, im Herzogthum Nassau, liegt dicht am Ufer ein sauber
Städtlein, Braubach geheißen, und drüber auf hohem, hohem Berge steht
ein Schloß, noch wohl erhalten und bewohnt, das heißt die Marksburg.
Links von dieser Marksburg zieht durch eine tiefe Schlucht zwischen
steilen Bergen und durch Gestrüpp und Dorn ein Fußpfad über's Gebirge
nach dem Bade Ems. Etwa in der Mitte des Weges liegt zwischen Wäldern
und Bergwiesen ein stattliches Haus, das Jägerhaus genannt. Dem sieht
man auf den ersten Blick an, daß es noch neu ist, auch daß es
eingerichtet ist zum Nutzen und Vergnügen der Badereisenden, die jetzt
zu Tausenden die Bäder dort im Gebirge besuchen, und nicht Alle dort
gesund werden. So war es nicht in der Zeit, von der wir hier reden. An
der Stelle des Jägerhauses, das jetzt nicht viel mehr, denn ein Gasthaus
ist, lag die Wohnung des Landgräflich Hessischen Försters; denn die
ganze Gegend umher gehörte zu Hessen, auch ein Theil des Bades Ems
gehörte dazu, und war noch kein sonderlich Wesen mit dem Bade damals.
In dem Jägerhaus im Walde, mit den Hirschgeweihen über der Thüre und mit
den großen Schweißhunden an den Seiten, lebte damals der Förster
Zacharias Justus. Der hatte, wie man sich ausdrückt, von der Pieke auf
gedient; war erst Jägerbursche gewesen in verschiedenen Förstereien, und
hatte dann, nachdem er aufgedingt worden war, mit dem Hirschfänger an
der Seite, vieler Herrn Länder durchreist, vieler Menschen Städte
gesehen, und wußte von den Wölfen in Frankreich und von den Bären in
Polen eben so gut zu erzählen, wie von den Hirschen in Flandern. Doch
was er mitgenommen hatte in die Fremde, ein treues deutsches Herz, das
brachte er wieder mit heim, und man machte ihn, weil er die Försterei
aus dem Grunde verstand und ein meisterhafter Schütze war, zum Förster
auf dem Jägerhaus bei Braubach. Und der Justus fand noch mehr, denn sein
Försteramt, er fand auch ein Eheweib, und mit ihm was Gutes und
Wohlgefallen vom Herrn. Denn Kunigunde, des Försters Ehefrau, war armer
Leute Kind, aber ein sauber und züchtig Mägdlein und reich durch ein
demüthig, fromm Herz. Und Justus lebte sehr glücklich mit ihr, und
versicherte mehr als einmal, er habe manchen Meisterschuß gethan und
manchen guten Preis davon getragen, aber seine Kunigunde sei der höchste
Preis, den er gewonnen. In dem Försterhaus war viel Friede und viel
Frömmigkeit, ohne Sang und Klang, aber treu und wahr. Und in diesem
Sinne erzog Kunigunde ihre Söhne, Jakob Konrad und Johann Heinrich. War
der Jüngste dem Vater ähnlicher, so hatte der Aelteste ganz seiner
Mutter Herz, und Kunigunde freute sich innig, als ihr Konrad sich für
den geistlichen Stand bestimmte, während der Vater in dem Jüngsten
glücklich war, den er zu seinem Nachfolger zu erziehen gedachte.
Diese Wünsche der Aeltern schienen in Erfüllung gehen zu wollen. Konrad
kam von der Universität zurück und hatte was Tüchtiges gelernt, und
Heinrich ging, wie einst sein Vater, mit Büchse und Hirschfänger auf die
Wanderschaft. Da geschah es, daß der Rhein einst gewaltig anschwoll.
Große Schneemassen waren in der Schweiz, von wannen er kommt,
geschmolzen, und das Wasser stieg und stieg, und das Städlein Braubach
war in großer Gefahr. Von der Marksburg herab donnerten die Kanonen, um
die Umgegend zur Hülfe aufzubieten; aber es hatte Jeder mit der eignen
Sorge genug zu thun, und die Noth ward von Minute zu Minute größer.
Vornen, dicht am Rhein, stand ein Häuschen, von dem man nur noch das
Dach sah, und vom Dache aus rangen zwei Frauensleute jammernd die Hände
und flehten um Rettung. Doch Jeder hatte mit sich und seiner Noth
vollauf zu thun, und der Strom war so gewaltig an der Stelle, daß
Niemand sein Leben wagen wollte. Da sah man plötzlich einen Mann sich
mit einer Fahrstange nach einem Baume hinarbeiten, an dem ein Nachen
angebunden war, sah ihn eilig hineinspringen, und sah, wie die Strömung
ihn rasch auf das Häuschen zutrieb. Mit aller Kraft stemmte er sich
gegen den Strom; mit übermenschlicher Anstrengung hielt er sich am
Gebälke des Häuschens fest, und im Nu trieb der Strom den Nachen mit den
beiden Geretteten und dem kühnen Schiffer den Strom hinab.
»Wenn dem der liebe Gott nicht tausend Engel zur Hülfe schickt«, rief
ein schnurrbärtiger Grenadier von der Marksburg, der helfend am Ufer
stand, »so ist er doch verloren, seht nur, der Nachen dreht sich wie
eine Nußschale auf dem Wasser. Schade um den guten Jungen, der hat ein
Herz im Leib, trotz dem besten Soldaten. Ha, jetzt geht's hinunter! So,
frisch auf! Victoria, sie sind am Ufer!« »Das war brav gemacht, Kamerad,
dich muß ich kennen lernen!« Und wie der Soldat nach der Stelle
hineilte, wo der Nachen an's Ufer trieb, da kam er gerade zur rechten
Zeit, um den Retter in seinen Armen aufzufangen, der von der ungeheuren
Anstrengung erschöpft niedersinken wollte. »So jung noch, Kamerad«, rief
er, indem ihm die Thränen der Rührung in seinen grauen Schnurrbart
flossen, »so jung noch und doch so viel Herz im Leib! Nun da, thut einen
rechtschaffenen Schluck aus meiner Feldflasche, und ruht euch hier aus,
ihr habt die Ruhe verdient!« »So ist's Recht«, sprach er dann zu den
geretteten Frauen, »betet immerhin zum lieben Gott, ihr habt's
Ursache. Nach der Schlacht an den Herrn gedacht, so will's das
Soldatensprüchlein, und das ist wahr wie ein Bibelspruch.«
Indessen kamen immer Mehrere herzu, auch der Förster vom Jägerhaus, und
kaum erblickte er den durchnäßten Jüngling, so schloß er ihn weinend in
seine Arme und rief laut: »Also du, mein Konrad, hast das Meisterstück
gemacht! Nun Junge, das war brav! Hat mir doch das Herz geklopft, als
ich dich im Wasser sah; hätt' ich gar gewußt, du seist es, ich glaube,
ich wäre schier vor Angst gestorben. Aber nun schnell hinauf in meines
Gevatters Heinzmanns Wingertshäuschen, da will ich dich letzen und
umkleiden, ehe das Gerücht dich todt sagt, und die Mutter nicht
deinetwegen sich prest.« »Und ihr, Frau«, so wandte er sich freundlich
zu der Geretteten, »könnt mit eurer Tochter, — das wird ja wohl das
zitternde Mägdlein dort sein, — zu uns in's Jägerhaus hinauf ziehen;
denn ihr scheint fremd hier im Orte zu sein. Ich bin wohl manches Jahr
in Braubach aus- und eingegangen, aber euch habe ich mit Wissen nie
darin gesehen.«
Die Frau gab auf die freundliche Rede keine Antwort; sie schien in
Gedanken versunken zu sein; ihr Blick ruhte bald auf ihrer Tochter,
einem zarten Mägdlein von sechszehn Jahren, bald auf dem Häuschen, das
sie kaum verlassen und an das noch immer die Wellen gleich drohend
schlugen. Der Förster wiederholte noch einmal seine Einladung, fast noch
dringender denn zuvor. Da fuhr das Weib wie aus einem Traume auf und
sprach wehmüthig: »Ihr scheint es gut mit einer Unglücklichen zu meinen,
und nach eurer Kleidung seid ihr ein Jäger; habt ihr ein treues Herz in
der Brust, so nehmt mein Kind hier mit euch und gebt ihm eine trockne
Kleidung, mich aber laßt hier, bis ich weiß, was es mit meinem Häuschen
da drüben giebt. Dort im Wasser liegt Alles, was ich habe, mein ganzer
Reichthum und meine Hoffnung und meines Kindes Glück. Wenn das Wasser
mein Häuschen umgeworfen hat, dann gönnt freundlich mir armen Weib ein
Stückchen Brod, und gebt mir Gottes Segen mit auf den Weg; denn dann bin
ich sehr arm.« Und die Fremde weinte laut.
Da sprach der Förster heimlich mit dem Grenadier von der Marksburg, und
hieß ihn, auf das Weib achten; nahm seinen Konrad an einer und das
fremde Mägdlein an der andern Hand, und nach einer Stunde schon hatten
sie das Jägerhaus erreicht, in trockne Kleider sich gehüllt und mit
Speise sich erquickt. Das Mägdlein brachte die Försterin zu Bette,
sprach ihm Muth und Trost ein, denn es war gar schüchtern, und saß lange
an seinem Lager, den Blick voll Theilnahme auf das schöne Angesicht
gerichtet, und manchmal über die hohe glatte Stirn ihm streichend, wenn
es im Schlafe auffuhr und nach seiner Mutter rief, und im Traum den
gehabten Schrecken dieses Tages wiederholte. »Sei ruhig, mein lieber
Engel«, flüsterte sie leise, über das Gesicht der Schlafenden gebeugt,
»der Herr gebe dir gute Träume und Friede in dein junges Herz. Du hast
wohl noch nicht viel Stürme im Leben gehabt, darum zagt dein Herz so. Ja
Herr, gieb dem Kinde deinen Frieden! Amen.« Damit schritt sie auf den
Zehen, den Kopf oft umwendend, nach der Thüre zu.
Am Abend kam der Grenadier in's Jägerhaus, und erzählte, wie das Wasser
im Abnehmen begriffen sei, wie alle Leute von der schönen That des
Konrad Justus viel Rühmens machten, wie aber die fremde Frau keine
Nahrung und kein Obdach annehmen wolle, sondern immerfort am Ufer hin
und her laufe und nach ihrem Häuschen sähe, sie müsse zweifelsohne große
Schätze in demselben haben. Er für sein Theil meine, wer sein Leben im
Trocknen habe, der soll von seinem Geld und Gut denken: »Laß fahren
dahin, sintemal der Mensch nichts mit in die Welt gebracht, und also
auch nichts mit hinausbringen werde.«
Am nächsten Tage, nach einer Nacht voll trüber Besorgnisse, lief die
Nachricht ein, das Wasser sei bedeutend gefallen; und nicht lange, so
kam auch die fremde Frau, blaß wie der Tod und zitternd wie das Laub im
Winde. Sie trug ein Bündlein nasser Kleider unter dem Arm und sprach,
wie aus dem Grabe schien ihre Stimme zu kommen: »Wenn du ausgeruht hast,
Dorothe, dann laß uns gehen, arm sind wir hierher gekommen, noch ärmer
gehen wir weiter. Das Kästchen, das meine Hoffnung enthielt, ist im
Wasser versunken, und mit ihm unser Lebensglück! Habt Dank, ihr guten
Leute, für euren Liebesdienst, und ihr besonders, junger Mann, daß ihr
uns dieß nackte Leben gerettet. Wer tief im Elend steckt, kann nicht mit
vielen Worten danken; der Herr vergelt's und mach' euch reich an
zeitlichem und ewigem Heil. Und nun Dorothe, komm', komm', Kind, die
Zeit drängt!« So eilte die Fremde nach der Thüre, und zog ihre Tochter
hinter sich her. Doch plötzlich sank sie mit einem lauten Schrei zu
Boden; eine Ohnmacht hatte sie niedergeworfen. Kälte und Hunger und
Angst hatten ihr eine schwere Krankheit zugezogen, und die Ohnmacht war
der Anfang derselben.
Da war an kein Weggehen mehr zu denken; die Kranke ward zur Ruhe
gebracht, und Wochen gingen hin, in welchen sie kaum ein Stündlein ihrer
bewußt war; das Fieber raubte ihr alles Bewußtsein, alle Erinnerung an
ihr gehabtes Leid. Ihre Dorothe war wie umgewandelt; aus dem ängstlichen
Kinde war eine kräftige Krankenpflegerin geworden, und Anstrengungen und
Nachtwachen, denen ihr zarter Körper sonst unterlegen wäre, ertrug sie
mit Kraft und Heiterkeit. So versetzt der gute Gärtner manches zarte
Pflänzchen in rauhen Boden, damit es stark werde in seinem Dienst. Darum
wollen wir uns rühmen der Trübsal, weil wir wissen, daß sie Geduld
bringet.
An dem Krankenbette der Mutter, die bewußtlos da lag, erzählte dann
Dorothe unter vielen Thränen ihr Lebensschicksal. Ihr Vater war ein
wohlstehender Kaufmann gewesen in Arnsberg in Westphalen, und hatte
plötzlich all' sein Hab' und Gut durch den Bankerott eines
Handlungshauses verloren, auf dessen Wohlstand er zu viel getraut hatte.
Der Kummer darüber hatte den ehrlichen Mann auf ein Krankenlager
geworfen, von dem er nicht wieder aufgestanden war. Seit zwei Jahren
stand seine Wittwe mit ihrer Dorothe allein in der Welt. Niemand nahm
sich ihrer an, denn die Geschäftsfreunde, die vor dem reichen Herrn Kunz
die Diener nicht tief genug hatten machen können, die wollten jetzt
seine Wittwe und Tochter gar nicht kennen. Alle Thüren waren
verschlossen und alle Herzen ohne Mitleid und Trost. Da ging ein
Hoffnungsstern für die Verlassenen auf. Es war in der Grafschaft
Katzenelnbogen, in der Nähe von Braubach, ein reicher Anverwandter der
Familie, ohne Weib und Kinder zu hinterlassen, gestorben. Die Verwandten
in der Nähe, obgleich nur entfernt mit dem Verstorbenen verwandt, hatten
zugegriffen, und die Erbschaft an sich gerissen. Zu spät hatte die
Wittwe des Kaufmanns Kunz, die nächste und rechtmäßige Erbin, davon
gehört, und war mit den Papieren, die ihr die Erbschaft sichern sollten,
nach Braubach gereist, um am dortigen Amte ihre Sache verfechten zu
lassen. Unbekannt an dem Orte, hatte sich ein junger Advokat, mit Namen
Gerst, erboten, ihren Proceß zu führen. Die Mutter hatte anfangs dem
Advokaten großes Vertrauen geschenkt, weil sie den Eifer und die
Ausdauer sah, mit der er ihre Sache verfocht; dann aber hatte sie
Mißtrauen gegen ihn gefaßt, weil ihr mancherlei Nachtheiliges von ihm zu
Ohren gekommen war, und endlich hatte sie sich nach einer langen
Unterredung, der aber Dorothe nicht beigewohnt, mit ihm völlig entzweit.
Was der Grund des Streites gewesen, das hatte Dorothe nicht erfahren;
die Mutter hatte es auch nicht sagen wollen, hatte viel geweint und an
jenem ganzen Abend nicht aufgehört zu beten und die Hände zu ringen.
»Bete mit mir, Dorothe«, hatte sie gesagt, »der Satan hat unserer
begehret, daß er uns sichten möchte wie den Waizen.« Seitdem habe die
Mutter sich verschiedentlich nach anderer Hülfe umgesehen, aber Einer
habe gesagt: der Proceß sei nicht zu gewinnen, ein Andrer: er werde zu
viel kosten, ein Dritter endlich: er wolle es dem Gerst nicht zu Leide
thun. — Ja. Herrendienst geht bei den Kindern dieser Welt allezeit über
Gottesdienst, und sie drücken die Verlassenen, weil sie nicht glauben an
den Vater der Waisen und an den Richter der Wittwen.
Bei solchen Unterredungen ward manch' schönes Trostwort von den guten
Förstersleuten gesprochen. »Man soll Gott nicht vorgreifen wollen«,
sagten sie, »seine Gedanken seien nicht unsere Gedanken, und seine Wege
nicht unsere Wege; und wen er warten lasse auf ein Glück, dem wolle er
es doppelt süß machen; sein Rath sei wunderbar, aber er führe Alles
herrlich hinaus!«
Wenn die Alten so sprachen, und die trüben Augen der Dorothe ob der
freundlichen Rede vom Glanz der Hoffnung prahlten, dann saß Konrad
schweigend da, und schüttelte nur mit dem Kopfe; denn er konnte die
Hoffnung der Aeltern nicht theilen. Er hatte mit dem Gerst Jahre lang
auf der Universität zugebracht, und kannte ihn genau. Er wußte, daß er
zu den bösen Buben gehörte, die viel Gutes verderben, und daß er sich in
Fressen und Saufen, in Kammern und Unzucht, in Hader und Neid
umhergetrieben habe. Auch manche verführte Seele hatte der
Unglücksmensch auf dem Gewissen, und hatte sie nicht eher aus den Klauen
gelassen, bis er ein Kind des Satans aus ihr gemacht. Wenn er dann in's
reine Angesicht des Mägdleins schaute, in's Auge so blau und klar und
schuldlos, wenn er seine Stimme hörte, so mild und fromm, dann ergriff
ein inniges Mitleid ihn. Und das Mitleid ward zum Wunsche, dieser
verlassenen Unschuld ein Tröster und Schützer zu werden, und aus dem
Wunsche ward die Liebe geboren, die Liebe zu dem geliebten Weib, die
unser Herr so schön schildert in den Worten: »Darum wird ein Mensch
Vater und Mutter verlassen und an seinem Weibe hängen, und werden die
zwei Ein Fleisch sein.« Aber kein Wort von dieser stillen Neigung kam
über seine Lippen; denn Konrad war ein sittiger Jüngling, und ehrte des
Mägdleins Jugend und Sorge, und hielt der Aeltern Rath und Stimme gar
hoch.
Nach einigen Wochen konnte Dorothe's Mutter das Bett verlassen, und auf
ihrer Tochter Arm gestützt, freute sie sich wieder des warmen
Sonnenscheins und der frischen Luft, die über die Berge hinzog. So waren
sie einst auf dem grünen Waldweg hingegangen, der hinab nach Braubach
führt, und der Mutter Herz hob sich in Dank und Preis gegen Gott, und
ihr Ohr lauschte dem frommen, heiteren Gespräch der guten Tochter. Wie
die Jugend denkt, heiter und sorglos, so dachte auch Dorothe, und malte
der Mutter eine gar frohe Zukunft. Wie sie so fleißig sein, und für die
Mutter arbeiten wolle, wenn sie wieder daheim seien; wie der liebe Gott
Mittel und Wege genug finden werde, ihnen ihr täglich Brod zu geben, wie
vielleicht auch die Erbschaft ihnen noch zufallen könne, denn es seien
ja schon größere Dinge möglich geworden; davon sprach Dorothe, und ward
immer heiterer, und auch über der Mutter Angesicht breitete sich eine
leichte Heiterkeit.
Da kam von Braubach herauf ein Mann auf die Frauen zu, und wie er näher
kam, erkannten beide in ihm den Advokaten Gerst. Die Mutter erschrack
bei seinem Anblick, und wollte einen Seitenweg einschlagen, aber der
Gerst trat ihr in den Weg und sprach, indem er sein Gesicht zu einem
wohlwollenden Lächeln zusammenzog: »Weichet mir nicht aus, gute Frau
Kunz, und höret einmal auf, so böse von mir zu denken, wie ihr bisher
gethan. Ich meine es gut mit euch, und hab' mich täglich nach eurem
Befinden erkundigt, da ihr im Jägerhaus krank laget. Jetzt, wo ihr auf
dem Wege der Besserung seid, laßt mich euch noch einmal meine geringen
Dienste anbieten. Willigt ihr in den Lohn, den ich mir bedungen habe, so
ist die Erbschaft binnen Jahresfrist in euren Händen. Besinnt euch nicht
lange, und nehmt das Gewisse für das Ungewisse. Denn verschmäht ihr
mich, so ist eure Sache verloren.«
»Die ist ohnehin verloren«, sprach mit mühesamer Fassung die Frau;
»sparet darum die Mühe. Wären die Papiere, auf die es ankommt, noch in
meinen Händen, so könnte mir auch ein Andrer helfen, der es ehrlicher
meinte, denn ihr. Versucht mich nicht mehr mir euren Reden und
Versprechungen. Meinen Entschluß wißt ihr, und in meinem Herzen habe ich
die Hoffnung auf das Geld niedergekämpft, und Gott wird mich auch diesen
Verlust tragen lassen. Geht also und quält mich nicht.« Da trat der
Gerst schnell auf die Frau zu und flüsterte ihr einige Worte in's Ohr
und die Frau taumelte zurück, und hielt sich, einer Ohnmacht nahe, an
einem Baume fest. »Wie nun«, rief der Advokat mit lauerndem Blick, »wie
nun, Frau Kunz, ist sie jetzt bereit, meinen Willen zu thun?« Da sah ihn
die Frau Kunz mit einem Blicke tiefer Verachtung an und rief mit starker
Stimme: »Nein, auch jetzt nicht. Geh', du Ungeheuer, jetzt erst kenne
ich dich ganz! Thue, was du nicht lassen kannst; bestiehl Wittwen und
Waisen, aber verlange nicht, daß sie ihre Seligkeit dir verkaufen.
Glaubst du nicht an Gott und an's künftige Gericht, so laß' mich doch
daran glauben, und verlange nicht, daß ich vom Herrn weiche, um Ehr' und
Geld zu gewinnen!« Damit zog sie schnell ihre Dorothe hinter sich her
und sank bewußtlos auf ihr Krankenlager.
Und das Krankenlager sollte nach Gottes Willen ihr Sterbebette werden.
Die Unterredung mit dem bösen Gerst hatte ihre Krankheit wieder
zurückgerufen; sie brach in neuer Heftigkeit aus. Wieder folgten Nächte
der Angst auf Tage der Sorge, wieder wachte Dorothe am Lager der Mutter,
still und hoffend. Aber der Herr hatte es anders beschlossen.
Wie die Mutter fühlte, daß ihr Ende herannahe, da sprach sie zum Förster
Justus, der mit den Seinen neben ihrem Bette stand: »Förster, ihr habt
Großes an mir gethan, mehr als ein Bruder an der Schwester thun kann,
und habt's gethan mit stillem, gutem Sinn. Der Herr vergelt's euch und
eurem lieben Eheweib. Wenn ich zu Gott komme, will ich für euch beten,
daß euer Leben leicht, und euer Ende selig werden möge. Es wird mir das
Sterben schwer, weil ich mein Kind unversorgt muß hinter mir lassen.
Nehmt euch seiner an, und macht ihm eine gute Herrschaft aus, daß es
sein Brod ehrlich verdienen kann. Wacht über dem Mädchen, soweit ihr
könnt. Vor Allem aber, Förster, gebt mir eure Hand darauf, und auch ihr,
gute Frau, bewahrt es vor dem Gerst. Mein Geld hat er gestohlen, meines
Kindes Herz soll er nicht rauben dürfen; das soll dem Herrn bleiben.« —
»Und du, Dorothe, habe du dein Leben lang Gott vor Augen und im Herzen,
und hüte dich, daß du in keine Sünde willigest, noch thust wider Gottes
Gebot. Sündigest du aber, so wisse, daß du einen Fürsprecher hast beim
Vater; an den halt' dich fest, auf den bau' und trau', daß er dein
bleibe und du sein für Leben und Sterben. Das ist mein Erbe, das du von
mir empfängst, sonst habe ich nichts zurückzulassen. Wohl hab' ich noch
einen Bruder, aber der ist weit, weit in Holland, und wird schwerlich
sich deiner annehmen wollen, denn er hat nie nach mir gefragt, und lebt
dort als reicher Mann unter fremdem Namen. Verlaß' du dich nicht auf
Menschen, verlaß' dich auf den Herrn; Vater und Mutter haben dich
verlassen, aber der Herr wird dich aufnehmen. Amen, sein Wille geschehe
mit dir und mit mir!«
Wie dann die Kranke erschöpft zurücksank, und Dorothe mit lautem Weinen
ihre Hand küßte, da trat Konrad weinend vor seine Aeltern hin, und
sprach also: »Vater und Mutter, ich muß mir ein Herz fassen, mit euch zu
reden. Ich hab' Dorothe von Herzen lieb, gebt mir das Mägdlein; sie ist
fromm und gut, und steht jetzt so einsam in der Welt. Sagt ja, daß ihre
Mutter uns noch segnet, ehe sie stirbt, und den Trost mit hinübernimmt,
daß sie Vater und Mutter und den Schützer gefunden hat.«
»Konrad«, sprach da der Förster, »kommt's vom Herrn, was du beginnst, so
sag' ich ja, und gebe dir meinen Segen.« »Dorothe, willst du mit diesem
Manne ziehen?« fragte mit schwacher Stimme die Sterbende. Und Dorothe
legte schweigend ihre Hand in die Rechte des Jünglings. »Amen!« lispelte
die Mutter und starb. Und wie Konrad und Dorothe an dem Bette
niederknieten, Hand in Hand und die Augen voll Thränen, da brach die
Abendsonne roth und golden durch die Regenwolken und ihr Schein röthete
das blasse Angesicht der Todten. Der Friede der Seligen ruhte drüber.
Es ist noch eine Ruh' vorhanden;
Auf, müdes Herz und werde Licht!
Du seufzest hier in deinen Banden,
Und deine Sonne scheinet nicht.
Sieh' auf das Lamm, das dort mit Freuden
Dich wird vor seinem Stuhle weiden;
Wirf hin die Last und eil' ihm zu!
Bald ist der schwere Kampf vollendet,
Bald, bald der saure Lauf geendet,
Dann gehst du ein zu deiner Ruh'! —