2. Der Gallusmarkt.

Es war Gallustag des Jahres 17.., und in Grünberg, dem freundlichen

Städtchen im Lande Hessen, war Jahrmarkt. Weithin über die Felder am

westlichen Theile der Stadt breitete sich eine vielfache Reihe von

Zelten aus, manche einfach von Leinwand, manche groß und mit mehr Kunst

von Baumästen aufgeführt, zum Nutzen und Vergnügen der Marktgäste. Da

sah man hoch aufgeschichtet die Holzwaaren vom Vogelsberg, Löffel und

Küchengeräthe, zierlich mit Figuren geschmückt, und vor Allem

Spinnräder, bunt von Farben und künstlich ausgedreht, mit Ringlein und

hölzernen Springmännlein, die bei jedem Umschwung des Rades tanzten.

Zwischen den Spinnrädern durch gingen sittig und prüfend die Mägdlein,

mit den Krämern feilschend, und der Winterabende gedenkend, wo die

bunten Räder zum lustigen Gespräch der Spinnstube schnurren sollten.

Und neben die Spinnräder hatten die Bänderkrämer aus Sachsen ihre Buden

aufgeschlagen. Hoch von den Stangen herab flatterten lustig und lockend,

von Seide und Wolle, theuer und wohlfeil, aber brauchbar und sehr

beliebt, die bunten Bänder, und die Krämer priesen den Mägdlein die

breiten, mit Flittergold durchwirkten Streifen zu Rockenbändern an.

Von vielen Kunden besucht, bekannten und unbekannten, und manchen Gruß

rufend und manchen Händedruck gebend, sah man dort die Schuhmacher von

Alsfeld und Homberg guten Markt halten, während die Messerschmiede von

Lauterbach mit den Kindern um die Batzenmesserlein feilschten, klein und

mit hölzernen Stielen, indeß der Kaufmann von fern her, auf dem Nagel

den Stand der Messer und Gabeln prüfte und dutzendweise sie mit sich

nahm.

Hell glänzten dort in der Octobersonne die Zelte und Buden der Blech-

und Kupferschmiede von Grünberg, und ihnen zur Seite hatten auf dem

grünen Rasen einer Wiese zwischen den Herbstzeitlosen, die Niemand

beachtete, die Töpfer von Marburg und Hausen ihre bräuchliche Waare

ausgestellt.

Es war gute Zeit im Lande, die Erndte war reichlich ausgefallen, in den

Säcken des Bauern war Geld und die Kaufleute waren billig und ließen

Alles um den halben Preis, wie sie sagten, aus lauter guter

Freundschaft. Wohin man nur sah, da bemerkte man frohe Gesichter. Selbst

um die Bude eines reisenden Doctors her gab's mehr Lachen, als Weinen;

denn so schrecklich der Mann selber aussah in seiner ungeheuren Perücke

und seinem dreieckten Bordenhut darauf und seinem rothen Rock mit

thalergroßen Stahlknöpfen und seinem Halsband von Menschenzähnen; so

hatte er doch neben sich ein Männlein stehen, bunt gekleidet und immer

lachend, das mit seinen Späßen auch die bittersten Pillen und Pulver

versüßte, und so drollige Gesichter schnitt, während er die Köpfe zum

Zahnausziehen hielt, daß aller Schmerz nicht der Rede werth war.

Und was doch in der Bude gegenüber das Bier so trefflich schmeckte und

die Würste so lieblich dufteten; denn wer that's je den Metzgern von

Grünberg in ihrer Blutwurst gleich! Nur Einer wagte zu versichern, die

seine sei besser, fetter und delicater, das war ein Metzger aus

Schotten, der seine Bude nicht fern von dem Grünberger aufgeschlagen

hatte, und allen Kunden mit Stirnrunzeln nachsah, die hinüber zu dem

Grünberger gingen; »denn Schotten«, sagt er, »liefert die beste Wurst

auf weit und breit;« und »alls herein, meine Herrn«, rief er, »alls

herein, hier ist Alles zu haben für Mund und Herz, Musik und Schauspiel,

wenn's beliebt!«

Das Schauspiel war aber eine Gesellschaft von Hunden, theils in

Bordenröcke gekleidet, mit Hüten und Perücken auf den Köpfen, theils in

Reifröcke gehüllt und die Damen vorstellend. Die führten nach dem Ton

einer Sackpfeife, die ihr Herr blies, allerlei kurzweilige Tänze aus,

machten einander Diener und Knickse, und benahmen sich ganz anständig,

bis ein Spaßvogel ihnen ein Stück Wurst zuwarf, worauf sie schnell in

ihre Hundenatur zurückfielen.

Da gab's unmäßiges Gelächter, in das eine Schaar von Knaben aus vollem

Halse einstimmte, die mit Holz und Strohbündeln unter den Armen den

benachbarten Höhen zueilten. Denn wer mag ein Knabe sein in der guten

Stadt Grünberg und kein Gallusfeuer sehen! Zwei Freuden auf einmal; von

den Höhen herab den Markt sehen mit seinem bunten Gewimmel und vor sich

das Gallusfeuer! Da klingt erst das Lied recht gut.

»Gallmarkt ist da!

Drum heraus

Aus dem Haus!

Wer Bier hat, der trink's,

Wer Holz hat, der bring's

Zum Gallusfeuer,

Zum Gallusfeuer!«

Während so Geschäftigkeit und Frohsinn den Jahrmarkt belebte, schallte

durch das Getümmel hindurch der dumpfe Ton einer Trommel, in den sich

schrillernd die Melodie einer Querpfeife mischte. Alles was abkommen

konnte, drängte sich der Stelle zu, und man sah, was man lange nicht

gesehen hatte, zween Polacken in Pelzkleidern und mit großen Prügeln in

den Händen, die führten an einer langen Kette einen Bären, und auf dem

Rücken des fürchterlichen Thieres saß, o Wunder und Entzücken! ein

Aefflein in einem rothen Jäckchen, sonst nichts um und nichts an. Das

Aefflein tanzte auf dem Bären und schlug Purzelbäume, und aß Aepfel und

warf die Krutzen nach den Zuschauern. Und der Bär tanzte auch, aber viel

ungelenkiger und schien gar keine Freude an seinem Tanzen zu haben, und

bekam viele Prügel, daß er zum Entsetzen von Jung und Alt erschrecklich

brummte.

In der Menschenmenge, die den Bären von allen Seiten umgab, hielt seit

geraumer Zeit eine Chaise; denn es war nicht möglich, auch nur einen

Schritt weit vorwärts zu kommen. Der Kutscher war abgestiegen und stand

vor den Pferden, und hielt ihnen die Augen zu, und strich ihnen den

Hals, und gab ihnen Schmeichelnamen aller Art; denn den Pferden war's

bange vor dem Raubthier, und wollten nicht Stand halten. Ein Bedienter

in Jägeruniform hatte derweil seinen Rath mit Einem aus der

Bürgerschaft, der zur Marktwache gehörte, und auf seinen Spieß gestützt,

das einzige Zeichen seiner Würde, in das Treiben hineinsah und behaglich

sein kurzes Pfeifchen rauchte. Der Rath zwischen dem Jäger und dem

Spießmann schien nicht sehr freundlich zu sein; denn der Jäger hatte ein

zornrothes Gesicht und rief in einem fort: »Macht Platz, oder ich ziehe

vom Leder!« Der Spießmann blickte lächelnd auf die halbgezogene Waffe

und sagte gelassen: »Stecket euer Schwert an seinen Ort, mein Freund;

nach gutem alten Marktrecht spielt der zuerst, der zuerst kommt, und da

der Polack mit seinem Pelz zuerst auf dem Fleck war, so spielt der

zuerst, dann kommt die Reihe auch an euch. Was ihr nun in eurem Kasten

dort habt — es will mich bedünken, als wären auch fremde Thiere drinnen

— das laßt später sehen. Eile mit Weile.« — »Aber seht ihr denn nicht,

Mann«, rief der Jäger noch ungeduldiger, indem er den Hirschfänger

völlig aus der Scheide zog, »daß der Kutscher die Pferde nicht halten

kann, die Bestie dort bringt meine Herrschaft in's Unglück!« — »Das ist

ein Anderes, Freund«, sagte der Spießmann, »das hättet ihr gleich sagen

können, daß ihr Reisende führt. Ich will gleich Platz machen; nur sag'

ich noch einmal: Steckt euer Schwert an seinen Ort; nach gutem

Grünberger Marktrecht kommt Jeder dort in den Thurm, der sich

erdreistet, wider hochlöbliche Bürgerschaft, zumal im Marktdienst, das

Gewehr zu ziehen!« So sagend schwang er seine Waffe und gebot in

gebrochenem Deutsch, das sie selber redeten, den Bärführern zur Seite zu

gehen.

Die Pferde zogen rasch an mit manchem gefährlichen Seitensprung, mit

manchem scheuen Blick nach dem Bären hin, und nach wenigen Minuten

rollte der Wagen durch die Marktgasse hinauf auf den Marktplatz und vor

das Gasthaus zum Riesen. Da war ebenfalls ein reges Leben und Treiben.

Unter Mühe nur konnte der Kutscher eine Anfahrt gewinnen; denn Fuhrwerke

von allen Arten hatten bereits die Straße besetzt. Der Riesenwirth, ein

kleines fettes Männlein, mit einem langen steifen Zopf, stand, ein

weißes Schürzlein vorgebunden, und die weiße Mütze unter dem linken

Arme, unter seinem Hofthore und machte einen Bückling hinter dem andern,

während der Jäger zur Seite des Schlages stehen blieb, um abzuwarten,

bis drinnen die Thüre des Wagens geöffnet werde. Das kam dem Riesenwirth

sonderbar vor und noch sonderbarer seinen Gästen, die zu allen Fenstern

heraussahen und sich über die Kutsche von so fremder Gestalt und über

die Passagiere unterhielten, die gar nicht aus dem Wagen heraus wollten.

Da es endlich dem Riesenwirth scheinen wollte, als thue der Jäger seine

Schuldigkeit nicht, so trat er an den Kutschenschlag, um ihn zu öffnen,

wurde aber von dem Jäger ziemlich unsanft zur Seite geschoben. Da

öffnete sich von innen die Thüre und statt eines alten, gebrechlichen

Reisenden, den man vermuthet hatte, sprang schnell und leicht ein junger

Mann, in einen weiten Reisemantel gehüllt, heraus, und half mit der

rechten Hand, während er die linke unter dem Mantel verborgen hielt, als

trüge er etwas, einem, wie es schien, eben so jungen Frauenzimmer aus

dem Wagen. Ueber das Alter seiner Reisegefährtin ließ sich nichts sagen,

denn ein dichter Schleier verbarg ihr Angesicht; aber mit rüstigen

Schritten folgte sie dem Begleiter in ein Zimmer im obern Stocke, indeß

der Jäger sich mit den Koffern und Reisepäcken zu schaffen machte.

Der Riesenwirth, der die Fremden auf ihr Zimmer geleitete, sprach vom

Wetter und vom Vergnügen, das er habe, solche vornehme Marktgäste

beherbergen zu dürfen, und wie er es bedaure, den Herrschaften heute

kein besseres Zimmer anbieten zu können, sintemal die Marktbesucher

schon Alles besetzt hätten, und machte Bücklinge über Bücklinge; aber es

kam aus dem Munde der Fremden keine Antwort. Ein Wink des Herrn nach der

Thüre gab zu vergehen, daß die Reisenden allein zu sein wünschten, und

kopfschüttelnd entfernte sich der Riesenwirth. Nach einiger Zeit

erschien der Jäger, der ab- und zugegangen war, und verlangte für seine

Herrschaft ein Mittagessen, nahm aber alle Schüsseln dem Riesenwirth vor

der Thüre ab und trug sie selber hinein. Das kam dem Wirthe immer

sonderbarer vor, und er säumte nicht, seinen Gästen mitzutheilen, wie in

seiner langen Wirthschaft ihm so eigne Leute noch nicht vorgekommen

seien, und wie dahinter gewiß etwas stecke. Und die Gäste theilten seine

Meinung und blickten von Zeit zu Zeit hinab auf die Straße und staunten

den Wagen an, vor dem bereits eine Anzahl Schaulustiger sich gesammelt

hatten.

»Hätte ich nicht mit meinen Augen gesehen, wie der Jäger das Fuhrwerk

ausgepackt bis auf den Grund, es möchte mich schier bedünken, es wär'

noch allerei fremdes Gethier in dem Kasten«, sagte Einer aus den

Umstehenden. »Und sehet nur«, hub ein Zweiter an, »wie tief die Axen

hinabreichen, fast scheint es, der Wagenkasten schleife auf dem Boden.

Es sieht das Ding fast einer Feuerspritze ähnlicher, denn einem

Herrnwagen.« »Aber das bleibt gewiß«, sprach ein Dritter, »schön ist das

Fuhrwerk; seht nur, wie bunt die Räder gemalt sind; und so wahr ich

lebe, Goldleisten überall. Gebt Acht, das sind keine geringen Leute, die

also fahren; aber weit her sind sie, darauf möcht' ich wetten!«

So ging eine Stunde des Gallustages nach der andern hin. Der Markt vor

der Stadt nahm seinen fröhlichen Fortgang, die Gäste im Riesen gingen

aus und ein, und der Jäger bediente die fremde Herrschaft allein. Als es

Abend ward, trat er unter das Thor und schaute sich die Marktbesucher

an, wie sie gingen und kamen. Eben ward das Marktglöcklein gezogen, zum

Zeichen, daß für heute das Kaufen und Verkaufen aufhören solle, da trat

der Riesenwirth zu dem Jäger heran und sagte, auf das Fuhrwerk der

Fremden zeigend: »Schön Fuhrwerk das!« »Wem's gefällt«, war des Jägers

Antwort. »Scheint im Ausland gebaut zu sein?« »Denk's auch«, sagte der

Jäger. »Ist die Herrschaft schon lang auf der Reise?« fragte der

Riesenwirth. »Ziemlich!« — »Weit her?« — »Soll's meinen!« »Aus

Frankreich?« — »Nein!« — »Holland?« — »Ja!« — »Also aus Holland ist die

Herrschaft?« fragte erfreut der Riesenwirth. »O das ist schön, große

Ehre für Grünberg. Doch wohl ein Kaufmann, der auf unserm Gallusmarkt

denkt Geschäfte zu machen? Glück zu! Gibt auch nur einen Gallusmarkt auf

weit und breit.« Damit folgte der Riesenwirth zweien Gästen, die eben in

sein Haus eingingen.

»Hört Landsmann«, rief der Jäger einem Bauer zu, der näher getreten war,

sich das fremde Fuhrwerk zu besehen, »wo seid ihr her, wenn's erlaubt

ist, zu fragen?« Der Bauer lüftete seinen dreieckigen Hut und sprach

»Wie's euren Edlen gefällt, ich bin von Göbelnrod.« »Nun dann seid ihr

ja nicht weit vom Veitsberg«, sprach der Jäger, »und könnt mir wohl

sagen, ob der Schulmeister Justus noch lebt?« — »Wird wohl noch leben«,

war des Bauers Antwort, »denn wär' er gestorben, so hätt' ich's sicher

erfahren. Doch wart', alleweile fällt mir ein, daß der Kalendermann noch

lebt. Denn mein Nachbar, der Bornpeter, sagte vorgestern zu mir, er

wolle bald auf den Veitsberg, und sich den Kalender holen für's künftige

Jahr. Wenn ihr den Schulmeister kennt, so wißt ihr auch, daß Keiner auf

weit und breit den Kalender besser versteht, denn der Justus. Ehe die

Sterngucker, Gott weiß wo sie sind, ihn gemacht haben, da haben wir ihn

hier herum längst und Einer schreibt ihn vom Andern ab, und wenn die

Drucker ihn endlich liefern, so um Weihnachten hin, da weiß Unsereiner

schon längst im neuen Jahr Bescheid. Und wenn er's wissen will, so sagt

ihm der Kalendermann vom Veitsberg auch jede Sonn- und Mondsfinsterniß

voraus, und das auf die Minute. Kurz der Mann versteht seine Sache, das

muß man ihm lassen.« »Dank für die Nachricht, guter Freund«, sprach der

Jäger freundlich, »da trinkt, ehe ihr heimgeht, noch ein Frisches auf

die Gesundheit des Kalendermanns, und gedenkt auch mein dabei, wenn's

euch nichts verschlägt!« — Ehe noch der erstaunte Bauer seinen Dank

sagen konnte, war der Jäger in's Haus zurückgegangen.

Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk · 第 4 / 25 题