1. Der Gruß an den Leser aus der Heimath des Kalendermannes.

Wenn in unsern Tagen ein junger Mann sein Studium oder sein Handwerk

gelernt hat, wenn er auch seine Wartezeit hinter sich hat, wenn er

draußen gewesen ist in der Welt mit dem Reisebündel auf dem Rücken, und

er kehrt zur lieben Heimath wieder, wer will's ihm verargen, daß er dann

nach dem Plätzchen sich umsieht, wo er sein Haus bauen und sein Geschäft

treiben, und manchen stillen Herzenswunsch befriedigen kann? Und unsere

Zeit ist eine gütige Mutter, für alle Wünsche ihrer Kinder hat sie auch

die Erfüllung; sie weiß Mittel und Rath, und wer es anders nur klug

angreift, der findet auch Haus und Brod. Ueberall wächst die

Bevölkerung, aber mit ihr auch die Klugheit, der Erde ihr Gewächs

abzugewinnen, daß es den Tausenden nicht an Brod fehle, und überall auch

der Kunstfleiß, der Neues schaffet und das Alte verbessert. Hätten wir

vor hundert Jahren gelebt und könnten einmal wieder unsere alte Heimath

besuchen; sähen wir da die Länder mit Straßen durchzogen, die wüsten

Stellen in fruchtbare Aecker umgewandelt, die Sümpfe ausgetrocknet und

die Eisenbahnen im Flug die Menschen zu einander führen; sähen wir in

Städten und Dörfern das Volk sich wie in einem Ameisenhaufen

durcheinander winden; wir würden uns wie Träumende vorkommen, und die

Heimath nicht wieder erkennen.

Denn an's Wunderbare gränzt der Fortschritt, den unsere Zeit vor den

früheren gemacht hat, unsere Zeit, die so Vielen nicht gefallen will.

Manchen gefällt sie nicht, weil sie nicht schnell genug geht, weil der

junge Mensch, der mit hoffendem Herzen in sie hineintritt, nicht seine

Zeit, oder vielmehr Gottes Zeit mit ihm, abwarten kann, und murret und

klagt, daß ihm nicht schnell genug geholfen werde.

Höre doch einmal, du Unzufriedener, von der Väter Zeit; die lehrte

warten. Da war auch das Herz der Jugend ungestüm, aber die lange

Wartezeit machte es kühl; da ward auch die Jugend gelehrt und

unterwiesen, länger und fast gründlicher, denn jetzt; aber die Mühe fand

nicht so schnell ihren Lohn; das Brod kam oft lange in kleinen Laiben

nur in's Haus, und unter Geduld und Warten mußte es im Schweiße des

Angesichtes gegessen werden. Wie viele Meister gab es damals, die

niemals eine eigne Werkstätte erlangten, sondern froh sein mußten, Zeit

Lebens das Gesellenbrod zu essen! Wie viel Künstler gingen damals umher,

den Kopf voll großer Entwürfe und schöner Gedanken, und war Niemand da,

der sie verstand! Wie viel studirte Leute, die was Tüchtiges gelernt

hatten, sah man noch über die Mitte ihres Lebens hinaus umhergehen und

nach einem Aemtchen suchen, das ihnen das tägliche Brod geben könnte,

und suchten oft lang und immer vergebens! Wie ist in dem langsamen,

tiefgründigen Strom jener Zeit so manches Haupt untergegangen, das man

jetzt hochheben würde, damit es seiner Zeit leuchte! Wie ist damals

manches Herz in Ungeduld und Trübsinn gebrochen, dem nichts gefehlt

hätte, als ein verwandtes Herz, daran sich's anschmiegen und festhalten

konnte!

Aber wie viel schöne, stille Bilder der Genügsamkeit, wie viel Bilder

der Gottseligkeit und einer Tugend, die wir fast nicht kennen, bot auch

wieder jene Zeit dar! Manches Herz, dem die Welt nicht hielt, was sie

ihm versprach, baute sich ungekannt von ihr ein stilles Haus des

Gottesfriedens. Unzerstreut und unverworren durch das Geräusch der Welt

ward Mancher ein Weiser in Gesinnung und in That und half das Reich

Gottes im kleinen, engen Raum ausbauen.

Von einem solchen weiß ich dir zu erzählen, mein lieber Leser, und bitte

dich, du mögest mir in jene Zeit folgen, wo in unserm lieben Deutschland

das äußere Leben noch gar eng und klein war, wo aber das Leben, das aus

Gott ist, in manchem Dörfchen, in manchem unscheinbaren Haus eine

trauliche Stätte gefunden hatte, und dort zu Thaten trieb, die _auch_ in

Gott gethan waren. Erwartest du, daß ich dir von Menschen erzähle, die

Tausende beglückt oder über die Tausende geweint, daß ich dich mit

Staunen erregenden Begebenheiten unterhalte, oder wohl gar

Mordgeschichten dir vor's Auge führe, wie das hin und wieder geschieht;

dann, mein lieber Leser, lege das Büchlein schon jetzt bei Seite. Nein,

in ein stilles Dörfchen, auf einer grünen Höhe im lieben Vaterland, will

ich dich führen; in ein Häuschen will ich dich geleiten, arm und klein;

von einem Manne will ich dir erzählen, der im kleinen Kreise des Guten

viel that, und heiß geliebt und innig betrauert zum Herrn ging, an den

er im Leben treu geglaubt hatte. Noch spricht man in jenen Thälern, wo

unsere Geschichte sich zugetragen, vom Kalendermann vom Veitsberg, noch

steht sein Häuschen in seinem alten Zustande da, noch grünen die Bäume,

die er gepflanzt, noch weht sein guter Geist des Glaubens und der Liebe

in den Enkeln seiner Schüler. Ist auch Manches untergegangen, was er

gewirkt, sein Gedächtniß lebt noch im Segen, und manches Blatt Papier

gibt hier und da Zeugniß von seinem Fleiß und seiner Frömmigkeit.

Und so begleite mich denn, mein lieber Leser, in die Heimath des

Kalendermanns. Ich weiß gut Bescheid daselbst, denn sie ist auch meine

Heimath, mein liebes Hessenland, mit seinen grünen Hügeln und waldigen

Höhen und fruchtbaren Ebenen, auf die Gottes Auge allezeit segnend

herabblicken möge! Während ich die gelben Blätter betrachte, die der

Kalendermann geschrieben, denk' ich der Zeit, wo ich am Haag, der sein

Grab umgränzt, Veilchen gesucht, oder von seinen Bäumen die Kirschen

gebrochen. Lieb ist mir sein Gedächtniß, möchte es auch dir lieb werden!

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Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk · 第 3 / 25 题