Eine milde Octobernacht breitete sich über die Stadt Grünberg aus. Die
Sterne schienen friedlich vom dunkelblauen Herbsthimmel hernieder, aber
Friede brachte ihr Glanz nicht allen Menschenseelen an diesem Abend. Die
Buden auf dem Marktplatz waren geschlossen, um erst am Morgen zu neuer
Geschäftigkeit geöffnet zu werden, und mit festen Schritten und einander
zurufend, schritten die Wächter auf und ab. In den Bäckereien war man
emsig beschäftigt, neuen Vorrath zu backen, und aus den Häusern der
Metzger hörte man das taktvolle Fallen der Hackmesser. Aus allen
Gasthäusern und Herbergen schallte Tanzmusik und Jubel, und die Mühe des
Tages ward vergessen in der neuen Mühe, die man Freude nannte.
Auch im Riesen war Tanz, und von dem Saale auf dem Hinterbau drang der
Ton der Instrumente und das Jauchzen der Fröhlichen durch alle Zimmer
des Hauses. Eben drängte sich der Wirth, dicke Schweißtropfen auf seiner
Stirne, zum hundertsten Male durch das Getümmel, um den Durstigen einen
neuen Trunk zu bringen; da winkte ihm die Hausmagd zur Seite und sagte
in ängstlichem Tone, indem sie sich schüchtern umsah: »Herr, mit den
Fremden, die heute hier eingekehrt sind, ist es nicht geheuer. Denkt
nur, ich ging eben an ihrer Stube vorbei, da hörte ich Kindergeschrei
drinnen, so wahr ich lebe, Kindergeschrei; ist das nicht fürchterlich?
Darum lassen sie Niemanden hinein, und liegen wie die Dachse im Baue,
während der unleidliche Jäger wie ein Jagdhund davor liegt, und
Unsereinem nicht einmal ein freundlich Gesicht gönnt, zumal am
Gallustag.« »Nun was wird's sein, Susann'«, rief der Riesenwirth, »was
wird's sein! Geh' deiner Wege, Mädchen, und laß' mich in Ruh', zumal
heut' Abend. Kehr' vor deiner Thür', sag' ich, und lern' dein' Lektion,
statt durch die Schlüssellöcher zu gucken. Wer in meinem Haus einkehrt,
der mag in seiner Stube treiben, was er will. Der Herr ist ein Holländer
und ist ein Kaufmann und ist reich, das ist mir schon genug, mehr
brauch' ich nicht zu wissen.« Damit ließ er die Hausmagd stehen und ging
weiter. —
Und doch hatte die Susanne recht gehört. Es hatte wirklich in der Stube
der Fremden ein Kind geweint, und ein Kind war es gewesen, was der
Reisende unter seinem Mantel verbarg, als er aus dem Wagen stieg. An dem
Bette ihres Kindes saßen die Aeltern an diesem Abend, während die
Tanzmusik schallte, und weinten und klagten, und je lauter das Jauchzen
der Fröhlichen wurde, desto betrübter wurden sie. »Ist's denn gar nicht
zu ändern, Lewin«, sprach weinend die fremde Dame, indem sie einen Kuß
auf die Stirne eines lieblichen Mädchens drückte, das schlafend im Bette
lag; »ist's denn gar nicht zu ändern, und muß ich mich von meinem
kleinen Engel scheiden? Ach ich halt' es nicht aus! Thue Alles, was du
willst; sage lieber vor aller Welt, ich wäre nicht dein Weib, nur nimm
mir mein Kind nicht, meine Selma. Sage deinem Vater, was du willst; sage
ihm, wir seien nicht getraut. Geh' allein zurück, vergiß mich, wenn du
kannst, aber laß' mir mein Kind. Ach, in fremdem Land es zurücklassen,
Wochen und Monate nichts von ihm hören, wie kann ein Mutterherz das
ertragen?« — »Mora«, hub der Fremde an, indem die Thränen fast seine
Stimme erstickten, »hältst du mich denn für einen Wilden, ohne Gefühl
und Glauben? Weißt du nicht, wie ich selber gekämpft, bis dieser
fürchterliche Entschluß gefaßt war? Meinst du, ich wäre so stark, daß
ich mit lachendem Munde unser Kind in fremde Hände geben könnte? O,
schon daß ich dich nöthigen mußte, das Kind abzugewöhnen, damit es in
fremde Hände könne gegeben werden, das hat mir tief in's Herz
geschnitten. Aber es muß sein; morgen am Tage muß das Kind von uns, und
wir müssen mit aller Schnelligkeit nach Hause. Und ich, o schrecklicher
Fluch! muß mein Weib und mein Kind vor meinem Vater verläugnen, und mich
von dir scheiden, gebe Gott, auf recht kurze Zeit.« »Aber, Lewin«,
fragte schluchzend die Frau, »ist es denn gar nicht möglich, das Herz
deines Vaters zu erweichen? Wenn du ihm dein Kind bringst, wenn du ihm
sagst, daß ich schon seit zwei Jahren mit dir vermählt sei; wenn du ihn
beschwörest, dich und dein Kind nicht unglücklich zu machen, sollte dann
nicht endlich sein Widerwille gegen mich aufhören, und er mir um
deinetwillen erlauben, dein Weib sein zu dürfen?« — »O Mora«, rief
hastig der Fremde, indem eine brennende Röthe sein blasses Gesicht
überzog, »zwinge mich nicht, daß ich dir meinen Vater schildere, wie er
mir erscheint nach seiner Härte gegen mich. Du kennst ihn nicht. Ich
habe nie gehört, daß er jemals etwas zurückgenommen hätte, das er
gesagt. Als er durch feile Zwischenträger von unserer Liebe hörte, da
beschied er mich einst in seine Arbeitsstube. Lange schien er nach
Fassung zu ringen, und ging mit gesenktem Kopfe auf und ab. Dann blieb
er plötzlich vor mir stehen und sprach in leisem Tone: »Lewin, du hast
die Wahl, entweder du gibst dein Vorhaben mit jenem Mädchen auf, oder du
bist enterbt, und bekommst meinen Fluch oben drein. Jetzt geh' und
wähle!« »Aber um Christi willen, Lewin«, rief das Weib in höchster
Aufregung, »warum hast du mir davon nichts gesagt? Nur obenhin
berührtest du, dein Vater mißbillige unsere Verbindung vor der Hand;
sie müsse darum heimlich vollzogen werden. O hättest du mich doch bei
meiner alten Base gelassen, und mich junges, unerfahrenes Mädchen nicht
in einen Stand hineingezwungen, der mir jetzt, wie ich sehe, zum
Verderben werden wird. Sag' mir, Lewin, ich frage dich bei Gott, dem
Allwissenden, nicht wahr, dein Vater nöthigte dich selbst zu der Reise
nach Deutschland, damit du mich vergessen solltest?« »Ja, Mora, so ist
es«, sprach der Fremde mit niedergeschlagenem Auge; »ich that Unrecht,
großes Unrecht, beides an dir und an meinem Vater. Ich sehe unendliches
Herzeleid über uns hereinbrechen, und es ist mir manchmal, als wenn mein
Herz mit tausend Messern durchbohrt würde. Ja, Gottes Gerichte sind
ernst und strenge! Laß mir nur den Trost, daß du mich nicht hassest, daß
du mit mir tragen willst, was Gott mir auferlegt hat!« — »Hast du je
daran gezweifelt, Lewin«, sprach mit sanfter Stimme die Frau, indem sie
ihren Arm um des Mannes Nacken schlang. »Komme, was da wolle, ich bin
auf Alles gefaßt; ich bin dein Weib, rechtmäßig durch den Segen der
Kirche dir angetraut, und das will ich bleiben, ob man mich von dir
reißt oder nicht. Laß uns aber zum Herrn beten, daß er uns unsere Sünden
vergebe und die Last uns leicht mache, nach seinem gnädigen Willen; ach,
daß er vor Allem unser Herz stark mache für die bittere Trennung von
unserm Kinde, und es uns bald wieder schenke, an Leib und Seele gesund.«
— Ein Kuß besiegelte den frommen Vorsatz und still betend und weinend
saßen sie am Lager ihres Kindes, bis der Morgen graute.
Wie der Tag anbrach, verlor sich ein Tänzer nach dem andern vom
Tanzplatze; die Musik verstummte, und auf den Straßen begann es laut zu
werden, denn der zweite Markttag brach an. Mit dem Verstummen der Musik
sanken die Fremden in einen kurzen Schlaf; böse Träume unterbrachen ihn
oft.
Ein leises Pochen an die Thüre weckte zuerst den Herrn; und wie er sich
erhob, da fuhr mit einem Schrei auch die Frau auf, und griff hastig nach
dem Kinde an ihrer Seite. Es war der Jäger, der anfragte, ob's der
gnädigen Herrschaft gefällig wäre, das Frühstück zu nehmen? Ein
Kopfnicken war die einzige Antwort. Im Hinausgehen fragte der Herr
hastig: »Bist du fertig, Heinrich?« »Zu dienen, Ihre Gnaden«, war die
Antwort.
Unberührt stand noch das Frühstück, als der Jäger bald darauf in einen
weiten Mantel gehüllt zur Stube hineintrat und an der Thüre stehen
blieb. Da schritt die junge Frau hastig auf das Bett zu, wo das Kind
ruhte, schlang mit Hast mehrere Tücher um dasselbe, knüpfte eine
Perlenschnur von ihrem Halse ab und band sie dem Kinde um, und unter
sanftem Weinen sprach sie: »Nimm den letzten Kuß, Engel meines Lebens;
der Herr sei mit dir, mein Herzenskind. Und nun fort, Heinrich, fort,
oder ich sterbe auf der Stelle!« »Hier, Heinrich«, rief mit abgewandtem
Angesicht der Fremde, und legte einen schweren Beutel in des Dieners
Hand. »Alles bleibt nach der Verabredung.«
O Menschenherz, wie viel Jammer bereitest du dir selbst! Wie wahr bleibt
deines Heilands Wort: »Wenn du es wüßtest, so würdest du auch bedenken
zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dienet. Aber nun ist es vor
deinen Augen verborgen.«