aufgeschoben: der Diakon wohnte noch der Revision der Schatzkammer, der
Bücher und der Kirchengelder bei, immer schweigend und grollend. Zu
seinem großen Kummer bot sich ihm auch nicht die geringste Gelegenheit,
dem »Neuen« etwas am Zeuge zu flicken, -- bis Grazianskij endlich
davon zu reden begann, daß man auf dem Grabe Tuberozows ein kleines
Denkmal errichten müsse. Achilla sprang wie von einer Tarantel
gestochen in die Höhe.
»Warum denn ein ›kleines‹ Denkmal und kein großes? Er hat sehr lange
unter uns gewirkt und Verdienste errungen, wie sie mancher andere nicht
so leicht fertig brächte.«
Grazianskij sah den Diakon unwillig an und schlug, ohne ihm etwas zu
erwidern, eine Subskription zum Bau eines Denkmals für Sawelij vor.
Durch die Subskription kamen zweiunddreißig Rubel zusammen.
Der Diakon wollte überhaupt nichts zeichnen und fand den ganzen Plan
verkehrt.
»Weshalb bist du dagegen?« fragte ihn Benefaktow.
»Weil das alles eitel ist,« antwortete Achilla.
»Worin seht Ihr die Eitelkeit?« warf Grazianskij trocken dazwischen.
»Wie kann man einem solchen Manne namens der ganzen Gemeinde ein
Denkmal für zweiunddreißig Rubel setzen? So ein Denkmal ist nicht
besser als eine Pistole für einen Groschen. Nein, diese Kränkung will
ich ihm nicht antun. Ich bitte, mir das gütigst zu erlassen.«
Am Abend erbat sich der Diakon vom neuen Propst einen vierzehntägigen
Urlaub nach der Gouvernementsstadt, der ihm auch bewilligt wurde.
So begab sich Achilla auf die Wanderschaft, die er schon so lange
zur Verwirklichung seiner großartigen Absichten geplant hatte. Schon
in jenen Tagen, als er noch in seinem Kämmerlein auf der bretternen
Bettstatt lag, war ihm der Gedanke gekommen, dem Vater Tuberozow ein
Denkmal zu setzen, aber nicht für dreißig Rubel, sondern für all sein
Geld, für all die zweihundert Rubel, die er aus dem Verkauf seines
durch die Arbeit eines ganzen Lebens erworbenen Gutes gelöst hatte.
Achilla hielt diese Summe für völlig ausreichend, um ein Monument zu
errichten, das allen Zeiten und Völkern ein Wunder dünken müßte, ein so
gewaltiges Monument, daß sein idealer Entwurf sogar in seinem eigenen
Kopfe nicht Platz genug hatte.
Elftes Kapitel.
Kalt und trübe war die Oktobernacht. Hastige Wolken krochen am Himmel
entlang und der Wind brauste in den nackten Zweigen der Weiden. Achilla
schritt unermüdlich vorwärts und als die späte Herbstmorgendämmerung
graute, hatte er den halben Weg bereits zurückgelegt und konnte sich
getrost etwas Ruhe gönnen.
Er bog vom Wege ab, legte sich hinter einer großen Strohmiete, die ihn
vor dem Winde schützen sollte, auf den Boden, deckte sich den Mantel
übers Gesicht und schlief ein.
Der Tag war genau so wie die Nacht: die kalte Sonne tauchte bald
auf, bald verzog sie sich wieder hinter grauen Nebeln; der Wind
heulte und brauste wild, um sich dazwischen wieder, einer zischenden
Schlange gleich, am Boden zu winden. Das Ende des Mantels, welches
der Diakon über seinen Kopf gezogen hatte, war längst vom Winde
emporgerissen und flatterte hin und her, und wenn die Sonne hinter
den Wolken hervorschaute, fielen ihre grellen Strahlen gerade auf das
Heldenantlitz Achillas. Trotzdem erwachte er nicht. Es war schon ganz
warm geworden und auf dem zerstampften Stoppelfeld, das Achilla sich
zur Lagerstatt gewählt hatte, zeigten sich die letzten verspäteten
Bewohner des toten Kornfeldes: über Achillas Stiefel kroch ein harter
schwarzer Ohrwurm, und seinen Bart entlang kletterte mühsam und
zitternd eine frosterstarrte Hummel. Das arme Insekt, das in dem
dichten Barte des Diakons einen warmen Unterschlupf gefunden hatte,
fing bald an zu krabbeln und zu zappeln, wovon der Diakon erwachte.
Er prustete laut, reckte sich, sprang auf, warf sein Bündel über die
Schulter und schritt der Stadt zu.
Als der Abend dämmerte, hatte er auch die übriggebliebenen
fünfunddreißig Werst zurückgelegt, und angesichts der Kreuze der
städtischen Kirchen setzte er sich an den Rand des Straßengrabens und
beschloß, zum erstenmal, seit er ausgewandert, etwas Speise zu sich zu
nehmen. Die beiden Fladen holte er aus seiner Tasche, welche sie rund
eine Woche beherbergt hatte, legte den einen auf den andern und begann
mit großem Appetit zu kauen. Aber die ganze Portion vermochte er doch
nicht zu zwingen und steckte den Rest wieder in die Tasche, um zur
Stadt zu wandern. Nachdem er bei bekannten Seminaristen übernachtet
hatte, ging er gleich früh am nächsten Morgen zum Adelsmarschall
Tuganow, ließ sich bei ihm melden und setzte sich auf eine Bank im
Vorzimmer.
Eine Stunde verging und noch eine. Niemand kümmerte sich um Achilla.
Mehrere Male schon hatte er den vorüberlaufenden Diener gefragt:
»Herr Haushofmeister, wann wird man mich denn rufen?«
Aber der Herr Haushofmeister würdigte den bäuerisch aussehenden Diakon
in der Nankingkutte nicht einmal einer Antwort.
Von der gestrigen Wanderung noch müde, wäre Achilla fast eingeschlafen,
doch besann er sich, daß es hier doch nicht recht schicklich sei. So
beschloß er, sich lieber die Zeit durch Essen zu vertreiben, was ihm
die von vorgestern übriggebliebenen Stücke der Zwiebelfladen sehr gut
ermöglichten. Kaum jedoch hatte er die Reste aus der Tasche seines
Leibrocks herausgeholt und sich darangemacht, den Staub von ihnen zu
blasen, als er plötzlich zur Salzsäule erstarrte, dann emporsprang und,
wie von einem giftigen Insekt gestochen, durch die vornehmen Gemächer
des Hauses zu rasen begann. Zufälligerweise geriet er bald in das
Arbeitszimmer des Adelsmarschalls, und als er sich ihm von Angesicht zu
Angesicht gegenübersah, brüllte er los:
»All ihr heiligen Väter! Wer an Gott glaubt, muß mir helfen! Sehen Sie
doch, was mir für ein Unglück passiert ist!«
»Was denn? Was ist geschehen?« fragte Tuganow erstaunt.
»Parmen Semenowitsch! Was hab' ich gemacht, ich Bösewicht!« jammerte
Achilla in wahnwitziger Verzweiflung.
»Hast du jemanden ermordet?«
»Nein, ich kam zu Fuß zu Ihnen gelaufen, damit Sie mir einen guten Rat
erteilen. Ich möchte dem Propst ein Denkmal setzen für zweihundert
Rubel.«
»Nun und --? Hat man dir das Geld gestohlen?«
»Nein, nein, etwas viel Schlimmeres!«
»Hast du es verloren?«
»Nein, ich hab's aufgegessen!«
Und voller Verzweiflung streckte Achilla dem Adelsmarschall die untere
Rinde des nicht ganz aufgegessenen Fladens entgegen, an der ein kleines
Fetzchen eines Hundertrubelscheines wie angebacken festklebte.
Tuganow berührte den Fetzen mit seinen feinen Fingernägeln, löste
ihn von der Rinde und sah, daß unter dem ersten Stückchen Papier ein
zweites von derselben Art noch fester klebte.
Der Adelsmarschall konnte nicht anders, er mußte lachen.
»Ja, sehen Sie, ganz aufgefressen,« wiederholte der Diakon und kaute
vor Verlegenheit den Nagel seines Mittelfingers. Dann wandte er sich
plötzlich um und sagte kurz: »Nun also, ich bitte um Entschuldigung,
daß ich Sie gestört habe. Leben Sie wohl.«
Tuganow aber zeigte sich hilfsbereit.
»Nicht gleich verzweifeln, mein Lieber,« sagte er. »Das hat nichts zu
bedeuten, man wird mir in der Bank deine Papiere schon einwechseln,
inzwischen gebe ich dir ein paar andere, dann kannst du deinem Pfarrer
Sawelij das Denkmal setzen. Ich habe ihn ja auch sehr lieb gehabt.«
Damit reichte er dem Diakon zwei neue Hundertrubelscheine und legte
die angekauten Fetzen beiseite, um sie später in die Sammlung seiner
Familienkuriositäten einzureihen.
Diese Not war also behoben, aber eine neue nahte: es galt ein Denkmal
auszusinnen, wie Achilla es wünschte, aber sich selbst nicht vorstellen
konnte. Auch diese seine Sorge beichtete er dem Adelsmarschall.
»Ich möchte, Parmen Semenowitsch,« meinte er, »daß das für mein Geld
errichtete Denkmal möglichst groß und schön sei.«
»So laß doch eine Pyramide aus Granit aufrichten.«
Tuganow ließ sich aus dem Schrank eine Mappe reichen und nahm die
Abbildung einer ägyptischen Pyramide heraus:
»So in dieser Art.«
Der Gedanke sagte dem Diakon ungemein zu, nur zweifelte er, ob er mit
seinem Gelde auskommen würde, worauf ihm Tuganow erklärte, falls die
zweihundert Rubel nicht reichen sollten, so wolle er, Tuganow, aus
Verehrung für den alten Tuberozow, für den Überschuß eintreten.
»Du aber«, sagte er, »sollst der Baumeister sein. Baue ganz, wie es dir
gefällt und was du willst.«
»Das ist ...« fing Achilla in höchster Verlegenheit an, aber er kam
nicht weiter, sondern machte nur eine tiefe Verbeugung bis zur Erde und
faßte dann plötzlich Tuganows Hand und küßte sie.
Tuganow war gerührt. Er nannte Achilla einen »braven Kerl« und schlug
ihm vor, bei ihm im Gartenhaus zu logieren.
Zwölftes Kapitel.
Der Diakon lief von einem Steinmetz zum andern, bis schließlich seine
Wahl auf den allerschlechtesten, einen Mühlsteinfabrikanten namens
Popygin fiel. Zwei deutsche Steinhauer hatten den Diakon in hellen
Zorn versetzt, weil sie immer wissen wollten, ob »der Maßstab es
gestatten werde«, eine so große Pyramide aufzubauen, wie der Diakon sie
haben wollte, der die Fläche einfach durch Schritte und die Höhe mit
emporgereckten Armen bezeichnete.
Meister Popygin als biederer Russe verstand ihn besser: sie maßen alles
nach Schritten und mit ausgestreckten Armen ab und schlossen einen
mündlichen Vertrag, den sie durch Handschlag besiegelten. Damit war die
Bestellung gemacht und der Bau der Pyramide begann. Achilla sah zu, wie
man die riesigen Steine schob, wendete und glättete und war über ihre
Dimensionen entzückt.
»So ohne Maßstab ist's viel besser,« sagte er, »wie es uns paßt, so
bauen wir.«
Der russische Meister Popygin stimmte ihm durchaus bei.
Tuganow ließ sich von Achilla über die Fortschritte der Arbeit Bericht
erstatten und widersprach ihm weder, noch stritt er mit ihm. Er suchte
den Recken durch das Denkmal bei Laune zu erhalten, wie man einem
betrübten Kinde ein Spielzeug gibt.
Nach einer Woche war sowohl die Pyramide als auch die Inschrift fertig,
und der Diakon kam zu Tuganow und bat ihn, das Wunderwerk seiner
schöpferischen Phantasie in Augenschein zu nehmen. Es erwies sich als
furchtbar breite, etwas plattgedrückte Pyramide, mit einem Kreuz oben
und je einem großen holzgeschnitzten, vergoldeten Cherub an den vier
Ecken.
Tuganow betrachtete das Monument. »Das lebt!« sagte er, und der Diakon
war beglückt. Die Pyramide wurde auseinandergenommen und ihre Teile auf
neun Schlitten nach Stargorod geschafft. Auf dem zehnten Schlitten,
der die Karawane beschloß, saß Achilla selbst, zusammengekauert,
in einem speckigen Schafpelz zwischen den vier vergoldeten, in
Matten gewickelten Cherubim. Er war immer noch ganz entzückt von der
Herrlichkeit des Denkmals, aber in dieses Entzücken mischte sich eine
gewisse Unruhe: er fürchtete, es könnte jemandem einfallen, an seiner
Pyramide Kritik zu üben, an dieser einzigartigen Schöpfung seines
Geistes und Geschmacks, dem Zeugnis seiner Ergebenheit und Liebe zu
dem entschlafenen Sawelij. Um dem zu entgehen, beschloß Achilla, den
Aufbau möglichst im geheimen zu bewerkstelligen. Als er daher Stargorod
erreicht hatte, ging er nachts nur zu Zacharia und erzählte ihm von
allen Schwierigkeiten, die er bei der Herstellung der Pyramide zu
überwinden gehabt hatte.
Es gelang dem Diakon aber nicht, unbemerkt das Monument
zusammenzustellen. Die auf den Schlitten lagernden Teile der
Sawelij-Pyramide erregten gleich am nächsten Morgen allgemeines
Aufsehen. Die sich scharenweise herandrängenden Städter interessierten
sich besonders für die unter den Matten hervorblinkenden Arme und
Flügel der vergoldeten Cherubim. Die Biederleute stritten heftig
über die Frage, was das wohl für Engel sein mochten: silberne oder
vergoldete.
»Silbern und vergoldet und von innen mit Brillanten gespickt,« erklärte
Achilla und trieb die Mitbürger auseinander, die sich um die Arbeiter
drängten.
Auch die feinen Herrschaften ärgerten den Diakon. Diese schienen ihm
eigens zum hämischen Kritteln gekommen zu sein.
Der sonst so wenig selbstbewußte und ehrgeizige Achilla wurde in seiner
wachsenden Reizbarkeit zuletzt ganz unerträglich. Er konnte kein Wort
über Tuberozow mehr ruhig anhören. Sogar wenn man den Seligen lobte,
geriet er in Wut: er fand all und jedes Lob unangebracht.
»Was gibt's denn da zu loben?« sagte er zu Benefaktow. »Ihr seid, nehmt
mir's nicht übel, ein leichtsinniger Mensch, Vater Zacharia. Ihr redet
von ihm, wie man von Milch redet, wenn man eine Kuh gesehen hat.«
»Habe ich denn etwas Schlechtes über ihn gesagt?«
»Man soll überhaupt nicht von ihm reden. Die Zeit ist nicht danach,
über die Glaubensstarken zu streiten.«
Gegen andere war Achilla noch viel schroffer als gegen Benefaktow, und
als nach und nach alle, durch seine Empfindlichkeit abgestoßen, ihn
zu meiden anfingen, geriet er immer mehr unter die Herrschaft eines
Gedankens: der Vergänglichkeit alles Irdischen und des Todes.
»Sagt was ihr wollt,« philosophierte er, »das ist auch keine
Kleinigkeit, plötzlich so hinzusterben und dann Gott weiß wo an einem
ganz andern Ort wieder zu sich kommen.«
»Darüber hast du noch Zeit genug nachzudenken,« tröstete ihn Zacharia,
»du stirbst nicht so bald.«
»Woraus schließt Ihr das, Vater Zacharia?«
»Aus deinem Körperbau und ... dann hast du solche Ohren ... so
feste ...«
»Ja, was meine Statur und meine Ohren betrifft, so brauchte ich in
hundert Jahren nicht zu sterben; man müßte mich rein mit einem Knüppel
totschlagen. Aber, wißt Ihr, das hängt doch auch von der Phantasie ab,
und deswegen muß der Mensch auch daran denken.«
Und endlich verfiel der Diakon in eine ganz trübe Hypochondrie, die
auch den andern nicht entging. Man fing an zu reden, daß er sich den
Tod herbeirufe.
Der Propst Grazianskij besuchte den Diakon und machte ihm Vorwürfe
wegen seines freiwilligen Exils; er sagte, es wäre unvernünftig, die
Menschen zu fliehen; Achilla aber erwiderte ihm ruhig:
»Den Vernünftigen sucht Ihr jetzt vergebens. Er liegt im Grabe.«
Dem Arzt Pugowkin, den der Diakon einst beim Baden untergetaucht hatte
und der trotzdem sein guter Freund geblieben war und jetzt zu ihm kam,
ihn zu trösten und ihm einzureden, er sei krank und müsse sich ärztlich
behandeln lassen, erwiderte Achilla:
»Du hast recht, mein Bester, alle meine Gedanken gehen durcheinander
... Ich grübele -- ich weiß selber nicht worüber ... und immer quält
mich ... weißt du (Achilla zog die Brauen zusammen und schloß im
Flüstertone) die Sehnsucht.«
»Nun ja, man nennt das erhöhte Sensibilität, Reizbarkeit.«
»Reizbarkeit, das ist es! Alles drückt mich. Weißt du, es ist, als ob
ein Pfahl in meiner Brust stäke, und nachts sitze ich da und weiß lange
nicht, weswegen ich mich quäle und weine.«
Da trat unerwartet ein Ereignis ein, das den Diakon aufrüttelte: der
Tod des Zwerges Nikolai Afanasjewitsch. In seinem Testament hatte er
verfügt, daß Vater Zacharia und Achilla ihm das letzte Geleit geben
sollten, jedem von den beiden hatte er dafür fünf Rubel in bar, zwei
Paar selbstgestrickte Strümpfe und eine baumwollene Nachtmütze
hinterlassen.
Als man vom Begräbnis nach Hause ging, schien der Diakon heiterer als
sonst. Er scherzte sogar.
»Seht ihr wohl, meine Lieben, wie Er unsere Gemeinschaft auflöst?«
sagte er, »einen nach dem andern holt Er sich: nun ist auch Nikolai
Afanasjewitsch hin. Und dann kommt die Reihe an mich und Vater
Zacharia.«
Achilla täuschte sich nicht. Als er Seinen Besuch erwartete, stand Er,
der Milde und Unüberwindliche, schon hinter ihm und breitete seine
kühlen Flügel über ihn.
Die Chronik muß eingehend über die letzten Taten des Recken Achilla
berichten, denn diese Taten waren seiner durchaus würdig und gaben ihm
die Möglichkeit, auf seine eigene, ganz besondere Weise die Fahrt nach
dem jenseitigen Ufer des Lebensmeeres anzutreten.
Dreizehntes Kapitel.
Der Frühling kam und Stargorod erwachte zu neuem Leben. Der Fluß wollte
die starre Eisdecke abwerfen, blies sich auf und wurde blau. Immer
höher türmten sich an beiden Ufern die Berge von Getreidesäcken, und
schon wurden die breiten Barken instand gesetzt.
Aus den Dörfern, die den Winter hindurch gehungert hatten, kamen
täglich Scharen zerlumpter Bauern in Bastschuhen und weißen Filzkappen
in die Stadt. Sie ließen sich als Schlepper dingen, gegen Bezahlung
ihrer Steuern und Beköstigung, und waren glücklich, das Getreide, das
ihnen daheim so mangelte, in entfernte Gegenden schaffen zu können.
Selbstverständlich wurden nicht alle dieses Glückes teilhaftig. Das
Angebot übertraf die Nachfrage ganz bedeutend. Und um die Überflüssigen
kümmerte sich kein Mensch.
In einsamen und abgelegenen Gassen der Stadt begann sich, ohne
sichtliche Veranlassung, allerlei Teufelsspuk zu zeigen. Ein solcher
Teufel, in voller höllischer Ausrüstung, mit Hörnern und Klauen,
überfiel nacheinander zwei Weiber, einen betrunkenen Schmied und einen
völlig nüchternen Kanzlisten, der zu einem nächtlichen Stelldichein
mit einer Kaufmannstochter pilgerte. Den Armen wurde alles abgenommen,
was sie bei sich hatten, und später sagten sie aus, der Teufel, dessen
Opfer sie geworden wären, hätte Stierhörner gehabt und Klauen ganz wie
jene Eisenhaken, mit denen die Hafenarbeiter die Getreidesäcke auf
die Barken zerren. Niemand wagte mehr nach Sonnenuntergang durch die
Stadt zu gehen; aber der Teufel trieb sein Unwesen ruhig weiter. Einmal
wurde er von den Wachtposten gesehen, die vor dem Salzdepot und vor
dem Gefängnis standen. Er hatte sogar die Unverschämtheit, näher als
auf Schußweite an die Soldaten heranzukommen und sie mit kläglicher
Stimme um ein Stückchen Brot zu bitten. Man sandte daher nachts
Patrouillen aus; eine, vom Polizeichef, dem uns längst wohlbekannten
tapfern Rittmeister Porochontzew, selbst geführt, begegnete dem
Teufel tatsächlich und rief ihn sogar an. Als er aber darauf: »Gut
Freund« erwiderte -- bekamen die Leute Angst und rannten davon. Der
Rittmeister, welcher glaubte, sich auf die Polizei nicht mehr verlassen
zu können, wandte sich nun an den Hauptmann Powerdownia und bat um den
Beistand seines Invalidenkommandos zur sofortigen Festnahme des die
Stadt in so große Erregung versetzenden Teufels. Aber der Hauptmann
wollte sich mit dem Höllenfürsten nicht einlassen, ohne vorher die
Genehmigung seiner unmittelbaren Vorgesetzten eingeholt zu haben,
und so spazierte der Teufel nach wie vor in der Stadt herum, und das
Entsetzen der Bürgerschaft wuchs von Tag zu Tag. Endlich mischte
sich der Propst Grazianskij hinein. Er wandte sich an das Volk mit
einer Predigt über den Aberglauben und behauptete, Teufel, die den
Leuten Mäntel und Kopftücher fortnehmen, gäbe es überhaupt nicht.
Der nachts in der Stadt umgehende Teufel sei nichts weiter als ein
fauler Taugenichts, welcher glaube, die Leute leichter um ihr Hab
und Gut betrügen zu können, wenn er ihnen durch seine Teufelsmaske
vorher einen gehörigen Schreck einjage. Diese Rede rief eine große
Entrüstung hervor. Der Vorsteher der altgläubigen Gemeinde erklärte,
das sei wieder einmal eine Ketzerei der neuen Kirche, und es gelang
ihm ohne alle Mühe, ein paar Schäflein aus der Domherde für seine
Sekte zu gewinnen. Der Teufel aber nahm noch in anderer Weise Rache an
dem ungläubigen Grazianskij. Am Tage, welcher seiner Predigt folgte,
entdeckte man im Vorhause der Grazianskijschen Wohnung an der Decke die
Spuren schmutziger Stiefel. Natürlich war alle Welt darüber erstaunt
und entsetzt; denn wer kann mit dem Kopf nach unten an der Decke
entlang laufen?! Man neigte daher zu der Ansicht, nur der Teufel könne
es gewesen sein, und selbst der Propst war nicht imstande, seiner
Frau dies auszureden. Allen seinen Ermahnungen zum Trotz wuchs die
Hochachtung vor dem Teufel erst recht; kein Mensch wagte mehr, ihn zu
erzürnen, aber auch niemand ging in der Dämmerung mehr aus.
Indessen, der Teufel hatte es doch zu toll getrieben und das bekam
ihm schließlich übel. In den Straßen gab es für ihn schlechterdings
nichts mehr zu erbeuten. Es begannen infolgedessen die Messingkreuze,
die Heiligenbilderschreine und die Lämpchen auf dem Friedhofe zu
verschwinden, wo der Vater Sawelij unter seiner Pyramide ruhte.
Die Stadt, durch die verschiedenen Teufelsstreiche in Schrecken
versetzt, schrieb auch diese neue Schändlichkeit ohne weiteres
demselben bösen Feinde zu.
Bei der Untersuchung des Schadens bemerkte man, daß auch das Denkmal
des Vaters Sawelij gelitten hatte: das Kreuz und der vergoldete Knopf,
welche die Pyramide krönten, waren mit Hilfe eines Brecheisens stark
verbogen und gelockert, einer der vergoldeten Cherubim abgerissen,
erbarmungslos mit dem Beil zerhackt und dann verächtlich weggeworfen,
da er keinen nennenswerten Marktwert besaß.
Als Achilla davon Kenntnis erhielt, unterzog er das beschädigte
Monument einer genauen Besichtigung und meinte:
»Und wenn du Beelzebub selber wärst, das wirst du mir büßen müssen.«
Vierzehntes Kapitel.
In der darauffolgenden Nacht, gegen elf Uhr, verließ der Diakon, ohne
vorher jemandem etwas gesagt zu haben, leise das Haus und schlich sich
nach dem Friedhof. Eine lange Stange und eine starke Hanfschlinge trug
er in der Hand.
Niemand kam ihm in den Weg, niemand bemerkte ihn. Kurz vor halb zwölf
erreichte er den Friedhof. Er betrachtete das Tor: es war geschlossen
und klapperte leise, vom frischen Frühlingswind gerüttelt. Allem
Anschein nach pflegte der Teufel nicht durch dieses Tor zu gehen,
sondern nahm einen andern Weg.
Achilla trat zur Seite und stieß mit der Stange in den weichen
Schnee, der den rund um den Friedhof gezogenen Graben füllte. Die
Stange durchbohrte die dünne Eisschicht und drang etwa bis zur Hälfte
ein. Der Graben war ungefähr zwei und eine halbe Arschin tief. Auf
der gegenüberliegenden Seite bildete die abgegrabene Erde einen
glitschigen, von außen leicht befrorenen Lehmwall.
Achilla stieß die Stange fester in den Boden, stützte sich auf sie,
flog drachengleich empor und gelangte glücklich hinüber. Für die
Stange, mit deren Hilfe er diesen gigantischen Sprung allein hatte
ausführen können, erwies sich die Wucht seines massigen Leibes
allerdings zu schwer: sie brach in demselben Augenblick, in dem die
Sohlen des Diakons den Wall berührten. Achilla kümmerte es nicht;
er hoffte, auf dem Friedhof irgend etwas anderes zu finden, das ihm
auf dem Rückwege denselben Dienst leisten könnte. Außerdem hatte ihn
jenes Gefühl erfaßt, das sich nachts auf dem Friedhof unser so leicht
bemächtigt. Nicht Furcht, sondern eine Art Spannung, bei der alle fünf
Sinne erregt und scharf arbeiten. Achilla atmete tief auf, nahm das
schwarze Tuchkäppchen vom Kopf, schüttelte die grau gewordenen Locken
und sah mit Vergnügen, wie hell das silberne Licht des Mondes über den
Gottesacker floß. Wehmut erfaßte ihn, und doch fühlte er sich zugleich
so frisch, wie schon lange nicht; er gedachte der alten Zeiten und
ihrer Kämpfe und sandte dem Monde einen scherzhaften Gruß hinauf:
»Guten Abend, Kosakensonne!«
Tiefe Stille ringsum! Ja, hier herrschte wirklich Frieden! ...
Der Diakon ging zum Grabe Sawelijs, setzte sich auf den Hügel und
lehnte sich mit dem Rücken gegen einen der Cherubim. Immer noch tiefe,
durch nichts gestörte Stille, nur die Wolkenschatten zogen lautlos
dahin. Neue und immer neue, ohne Ende.
Der Diakon wurde schläfrig. Er lehnte sich fester gegen die Pyramide
und fiel in Halbschlaf. Nur für kurze Zeit; denn plötzlich schien es
ihm, als stampfte jemand kräftig auf. Er öffnete die Augen: gleiche
Stille ringsum, nur der Himmel hatte sein Aussehen verändert, der Mond
war blasser geworden und längs der Pyramide lief ein einziger langer
und breiter Schatten. Wolken ballten sich zusammen und die Luft wehte
morgenkühl. Achilla erhob sich und wiederum hatte er die Empfindung,
als wandele jemand auf dem Friedhof umher.
Der Diakon ging hinter die Pyramide. Niemand war zu sehen.
Nur eine frische Spur. Aber auch sie konnte von früher herstammen. Wie
sollte man das unterscheiden, wenn der Schnee schon zum dünnen Brei
geworden war, in den der Fuß riesige, fast formlose Gruben drückte? In
der Stadt krähten die Hähne ihren Morgengruß. Nein, heute kommt der
Teufel nicht mehr!