Einige Tage später stand Achilla weinend in einer Ecke des

Krankenzimmers und blickte auf den Vater Zacharia, der, tief über den

Sterbenden gebeugt, dessen letzte geflüsterte Beichte entgegennahm.

Doch was bedeutete das? Was für eine Sünde belastete das Gewissen

des greisen Sawelij, daß der Vater Benefaktow plötzlich in so große

Aufregung geriet? Er schien sogar völlig vergessen zu haben, daß er

eine Sakramentshandlung vollzog, die keinerlei Zeugen duldet, denn er

verlangte mit lauter Stimme, Vater Sawelij solle irgend jemandem irgend

etwas vergeben! Was machte den Vater Sawelij am Rande des Grabes so

unbeugsam?

»Sei friedfertig! Sei friedfertig! Vergib!« drängte Zacharia sanft,

aber fest. »Wenn du nicht vergibst, kann ich dir keine Absolution

erteilen.«

Der arme Achilla zitterte am ganzen Leibe und lauschte mit stockendem

Herzschlag auf jedes Wort.

»Im Namen des lebendigen Gottes flehe ich dich an, solange du noch am

Leben ...« rief Zacharia mit lauter Stimme und stockte plötzlich, ohne

den Satz zu Ende bringen zu können.

Der Sterbende richtete sich krampfhaft empor, fiel wieder zurück, hob

die Hand, um sich zu bekreuzigen, und nachdem er dies getan, sprach er

langsam und mit großer Anstrengung:

»Als Christ ... vergebe ich ihnen die Schmach, die sie mir angetan ...

aber daß sie, nur auf den toten Buchstaben bedacht ... daß sie hier ...

Gottes lebendiges Werk zugrunde richten ...«

Der Augenblick wurde immer ernster und feierlicher. Es knackte etwas in

der Gurgel Sawelijs, und er fuhr wie ein im Fieber Phantasierender fort:

»Diesen Schmerz will ich vor den Thron ... des Königs der Könige ...

und selbst dafür zeugen ...«

»Sei friedfertig. Vergib! Vergib ihnen alles!« rief Zacharia

händeringend.

Sawelij zog die Brauen zusammen, seufzte und flüsterte: »Wohl mir, daß

ich mich gedemütigt habe« -- und schloß dann mit unerwartet fester

Stimme:

»Nach dem Gerichte derer, so Deinen Namen lieben, erleuchte die

Unwissenden und vergib dem blinden und verderbten Geschlechte seine

Herzenshärte.«

Zacharia blickte mit seligem Lächeln zum Himmel und machte das Zeichen

des Kreuzes über Sawelijs Gesicht.

Dieses Gesicht bewegte sich schon nicht mehr, die Augen blickten starr

in die Höhe und erloschen. Das Ende nahte.

Achilla stürzte laut schluchzend zum Bette und warf sich über den

Sterbenden.

Mit einer letzten Kraftanstrengung legte der Verscheidende seine Hand

auf den Kopf des Diakons. Dann aber fing er auch schon laut zu röcheln

an, und seltsam mischten sich diese Töne mit den sanft rieselnden

Worten des Sterbegebets, das Zacharia mit tränenerstickter Stimme

sprach. Das Erdenwallen des Propstes Tuberozow war zu Ende.

Sechstes Kapitel.

Die Wirkung dieses Todes auf Achilla war entsetzlich. Er weinte und

schluchzte nicht wie ein Mann, sondern wie ein nervöses Weib, das einen

Verlust beklagt, den es nicht überleben zu können meint. Übrigens

war das Hinscheiden des Propstes Tuberozow auch für die ganze Stadt

ein großes Ereignis: es gab nicht ein Haus, in dem man nicht für den

Entschlafenen gebetet hätte.

In dem Totenhause drängten sich die Menschen: die einen kamen, um

dem Verschiedenen ihr letztes Lebewohl zu sagen, die andern, um zu

sehen, wie der Priester im Sarge aussah. In der Nacht, die dem Tode

des Propstes folgte, kam vom Konsistorium die Aufhebung des über den

Verstorbenen verhängten Banns, und so konnte Sawelij denn in vollem

Ornat bestattet werden. Riesengroß, lang lag er da, die Scheitelkappe

auf dem Haupte. Totenmessen wurden im Hause unausgesetzt gelesen, und

so viel eifrige Priester auch kamen und die auf dem Betpult liegenden

Gewänder und Binden anlegten, um die Messe zu singen, -- jeden bat

der Diakon Achilla um seinen Segen, daß er das Orarion anlegen und

mitsingen dürfe.

Am zweiten Tage war der Sarg fertig, und nun begann, nach einer

alten örtlichen Sitte, die auch heute noch in einigen Gegenden bei

der Einsargung von Geistlichen ausgeübt wird, eine feierliche und

schauerliche Zeremonie. Die versammelte Geistlichkeit, mit Kerzen

in den Händen, in Trauergewändern, trug den toten Sawelij dreimal um

den mächtigen Sarg herum, und Achilla hielt in der Hand des Toten ein

rauchendes Weihrauchgefäß, so daß es aussah, als weihe der Tote selbst

seine letzte kalte Wohnstätte. Dann legte man den entschlafenen Propst

in den Sarg, und alle gingen fort bis auf Achilla; er verweilte die

ganze Nacht bei seinem toten Freunde allein, und da geschah etwas, das

Achilla selbst nicht bemerkte; wohl aber sahen es die andern für ihn.

Siebentes Kapitel.

Seit dem Hinscheiden Sawelijs hatte der Diakon sich nicht mehr zu

Bette gelegt und die drei schlaflosen Nächte nebst der gespannten

Aufmerksamkeit, die er unausgesetzt dem Toten widmete, hatten die

stahlharten Nerven Achillas in einen Zustand äußerster Erregung

versetzt.

Die Instinkte und Leidenschaften, welche sonst vor allem das Tun und

Lassen des Diakons bestimmt hatten, schienen jetzt völlig verstummt zu

sein und an ihre Stelle traten Seelenzustände, wie sie ihm bisher gar

nicht eigentümlich gewesen waren.

Von seiner einstigen Zerfahrenheit und seinem Leichtsinn war nichts

mehr zu merken. Er war in sich gekehrt und ganz im Banne schwerer

Gedanken, von denen er sich nicht zu befreien vermochte. Er war nicht

bleich geworden und seine Augen blickten nicht matt: im Gegenteil, über

seiner gebräunten Haut lag ein mattrosiger Schimmer. Er sah alles mit

einer Deutlichkeit und Schärfe, daß ihm die Augen schmerzten. Jeden Ton

hörte er, als käme er aus seinem eigenen Innern, und vieles war ihm

verständlich geworden, woran er früher überhaupt nie mehr gedacht hatte.

Er begriff jetzt alles, was der verstorbene Sawelij gewollt und

angestrebt hatte, und er nannte den Entschlafenen einen Märtyrer.

In den drei Nächten der Totenwache redete er wiederholt mit dem

Verstorbenen und wartete allen Ernstes darauf, daß unter dem

Brokattuch, das über das Antlitz des toten Propstes gebreitet war, eine

Antwort erschallen würde.

»Väterchen!« sprach der Diakon leise, sich im Lesen des Evangeliums

unterbrechend und in der nächtlichen Stille an den Sarg herantretend,

-- »stehe auf! Wie? Für mich allein stehe auf! Du kannst nicht? Du

liegst da wie Gras?«

Und dann stand oder saß er einige Minuten stumm da, um endlich das

monotone Lesen wieder aufzunehmen.

In der dritten und letzten Nacht war Achilla für einen Augenblick

eingeschlummert. Als er kurz vor Mitternacht erwachte, löste er den

Vorleser ab und schloß die Tür hinter ihm zu.

Nachdem er das Sticharion angelegt hatte, stellte er sich vor das Pult,

berührte die Schulter des Toten mit der Hand und sagte:

»Nun höre, Väterchen, heut lese ich zum letztenmal,« -- und dann fing

er an, das Johannisevangelium zu lesen. Vier Kapitel las er, und als

er beim fünften angelangt war, stockte er bei einem Vers, seufzte

tief auf und wiederholte die große Verheißung zweimal: »Denn es kommt

die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden seine

Stimme hören, und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur

Auferstehung des Lebens.«

Nachdem er diesen Satz zweimal laut gesprochen hatte, wiederholte

Achilla ihn in Gedanken noch einige Male, -- und kam nicht weiter.

»Jetzt hat er doch schon die Stimme des Gottessohnes gehört und ist zu

neuem Leben erwacht ... Ich sehe ihn nur nicht, aber er ist hier.«

Er merkte nicht, daß die Nacht schon vergangen war und am Himmel der

erste bleiche, bernsteinfarbene Streif der Morgenröte aufleuchtete, die

letzte Morgenröte, die auf Erden die sich auflösenden Reste dessen

beleuchten sollte, der einst Vater Sawelij war und die Stimme seiner

heimischen Erde so gerne hörte und so gut verstand.

Als der Diakon sah, daß es hell geworden war, seufzte er, trat vom Pult

zum Sarge, stützte sich mit den Armen auf die beiden Seitenwände, so

daß die hohe Brust Sawelijs unter seiner Brust lag, hob sachte mit zwei

Fingern das Brokattuch empor, das über dem Gesicht des Toten gebreitet

lag, und sprach:

»Väterchen, Väterchen, wo ist jetzt dein Geist? Wo ist dein flammendes

Wort? Gib mir Unverständigem etwas von deinem Geiste!«

Achilla fiel an die Brust des Toten, zuckte plötzlich zusammen und

fuhr zurück: ein Schauer war ihm durch seine Glieder gefahren. Er sah

sich nach allen Seiten um: alles war still, nur seine schwergewordenen

Augenlider klebten zusammen und eine große Müdigkeit zog seinen Kopf

abwärts.

Der Diakon raffte sich auf, warf sich zum Gebet nieder und erschrak vor

dem Laut seines fallenden Körpers: über sich glaubte er ein Knacken

zu vernehmen, und es schien ihm, als sitze Sawelij aufrecht, das

Brokattuch vor dem Gesicht und das Evangelienbuch in den todesstarren

Händen.

Achilla sprang auf und flüsterte, die Arme vorstreckend:

»Friede sei mit dir! Friede! Ich lasse dir keine Ruhe!«

Nach diesen Worten nahm er wieder das Buch und wollte weiterlesen, aber

mit Staunen fand er dasselbe zugeschlagen. Und er konnte sich nicht

mehr entsinnen, wo er stehen geblieben war.

Er schlug das Buch aufs Geratewohl auf und las: »Er war in der Welt und

die Welt kannte ihn nicht ...«

»Was suche ich denn da?« dachte er. Sein Kopf war ganz verwirrt. Er

schlug eine andere Stelle auf. Dort stand:

»Und es werden ihn sehen alle Augen und die ihn zerstochen haben.«

Aber wie Achilla das Blatt umwenden will, merkt er, daß seine Hand ganz

schwer geworden ist und jemand ihn festhält.

»Was will ich denn? Was suche ich eigentlich? Welche Perikope?

Was ist denn heute für ein Tag?« denkt Achilla und kann es nicht

herausbekommen, denn er ist ganz von der Erde entrückt ...

In der strahlend erleuchteten Kirche steht Sawelij im hellen,

festlichen Meßgewand, mit der hohen violetten Scheitelkappe vor

dem Altar und liest mit voller runder Stimme, jedes Wort wie eine

leuchtende Kugel von sich stoßend: »Im Anfang war das Wort und das Wort

war bei Gott und Gott war das Wort.«

»Was ist das? Gott im Himmel! Und ich meinte, der Vater Sawelij wäre

gestorben! Ich habe den Introitus verschlafen! Ich bin zu spät zur

Frühmesse gekommen!«

Achilla zuckte zusammen und öffnete die Augen. Er merkte, daß er

wirklich geschlafen hatte, und draußen heller Morgen war. Das rote

Leuchten der Begräbniskerzen erstarb in den Strahlen der aufgehenden

Sonne. Die Luft war dick vom Qualm, trauriges Glockengeläute klang von

draußen herüber und an die Zimmertür wurde heftig gepocht.

Achilla fuhr sich hastig mit der trockenen Hand über das Gesicht und

öffnete.

»Eingeschlafen?« fragte ihn der eintretende Benefaktow leise.

»Ein wenig,« erwiderte der Diakon und trat zur Seite, um den Priestern

Platz zu machen, die dem Vater Zacharia folgten.

»Aber ich ... weißt du ... ich habe nicht geschlafen: ich habe die

ganze Nacht an der Leichenrede gearbeitet,« flüsterte Benefaktow dem

Diakon zu.

»Nun, und ist sie fertig?«

»Nein, es kommt nichts heraus.«

»Ja, so geht es Euch allemal.«

»Vielleicht könntest du etwas sagen?«

»Ich, Vater Zacharia? Ich bin doch kein Gelehrter!«

»Was denn? Du hast doch das Sticharion! Das Recht hast du.«

»Was hilft mir das Recht, Vater Zacharia, wenn ich weder die Gabe noch

den Verstand dafür besitze?«

»So betet recht inbrünstig um die Gabe, werter Herr, dann wird sie von

selber kommen,« mischte sich flüsternd der Zwerg ins Gespräch.

»Beten? Nein, Freund Nikolascha, vielleicht betest du für mich. Mich

hat der Schmerz um den Verstand gebracht. Ich habe selbst in wachem

Zustande Gesichte.«

»Gut, ich will beten, wenn Ihr es wünscht,« erwiderte der Zwerg.

Achtes Kapitel.

Ganz Stargorod geleitete den Leichnam Tuberozows zur Kirche. Der

Trauergottesdienst wirkte infolge des Verhaltens des Diakons

grauenhaft. Jedesmal wenn Achilla seinen Mund öffnete, versagte ihm

die Stimme und er brach in Tränen aus. Sein Schluchzen, das man in der

ganzen Kirche hörte, erfüllte aller Herzen mit tiefer Trauer.

Nur während der Leichenrede, die einer der Priester hielt, bezwang

Achilla seinen Schmerz, hörte aufmerksam zu und weinte nur ganz leise

in sein Taschentuch. Als er jedoch aus der Kirche heraustrat und all

die Plätze sah, über welche er so viele Jahre an der Seite Tuberozows

gegangen war, da fühlte Achilla das Bedürfnis, nicht nur zu weinen,

sondern zu heulen und zu schreien. Um dem Weh, das seine Brust zu

zersprengen drohte, einen Ausweg zu schaffen, sang er »Heiliger,

Unsterblicher, erbarme Dich unser«, aber mit einer derartigen

Stimmgewalt, daß eine blinde hundertjährige Frau, die beim Herannahen

des Trauerzuges von ihren Enkeln vor das Tor geführt worden war, damit

sie sich vor dem Sarge neige, plötzlich die Hände zusammenschlug und in

die Knie sinkend rief:

»O, er hört es, Gott der Herr hört es, wie Achilla zum Himmel schreit!«

Da war auch schon der von einem Graben und einer Weidenhecke umgebene

Friedhof, auf dem Tuberozow abends so gerne spazieren gegangen und

dessen Instandhaltung ihm so sehr am Herzen gelegen. Der Sarg wurde

durch das dunkle Tor getragen; die letzte Litanei war gesungen, die

weißen Leinenseile rollten den Erdhügel hinab und spannten sich über

den finstern Abgrund des Grabes. Noch einen Augenblick und es ertönt

das letzte Amen ... der Sarg sinkt in die Tiefe.

Aber vorher sollte sich noch etwas ereignen, was niemand erwartet

hatte. Achilla, der schon so viele Male in seinem Leben die Stargoroder

in Staunen versetzt hatte, fühlte sich gedrungen, es auch dieses Mal zu

tun, und zwar auf eine ganz neue Weise. Bleich und starr streckte er

die Hand gegen einen der Totengräber aus, welche die Seile festhielten,

und rief, wehmütig zu den Priestern hinüberblickend:

»Ihr Väter, ich bitt' euch ... wartet noch etwas ... Ich will nur ein

paar Worte sprechen ...«

Der schluchzende Zacharia gab den Totengräbern hastig ein Zeichen,

streckte dem Diakon beide Hände entgegen und segnete ihn.

Ganz in Tränen gebadet, wischte sich Achilla mit seinem baumwollenen

Taschentuche die mit roten Flecken bedeckte Stirn und stammelte mit

krampfhaft verzerrten Lippen: »Er war in der Welt und die Welt kannte

ihn nicht.« Und dann fand er keine Worte mehr, wurde feuerrot und

mit einem wilden Blick aus seinen entzündeten Augen, der den Worten

nachzujagen schien, die für ihn in der Luft geschrieben standen, rief

er drohend: »Aber es werden ihn alle sehen, die ihn zerstochen haben!«

Und damit warf er eine Handvoll Erde auf den Sarg, nahm hastig das

Sticharion ab und verließ den Friedhof.

»Ihr habt sehr schön gesprochen, werter Vater Diakon,« flüsterte ihm

der Zwerg unter Tränen zu.

»Der Geist Sawelijs war über ihn gekommen,« antwortete ihm Zacharia,

während er sein Meßgewand ablegte.

Neuntes Kapitel.

Nach der Beerdigung Tuberozows wurde es im Hause des Propstes

unheimlich still. Achilla war nirgends zu erblicken. Die Sonne geht auf

und beleuchtet den vereinsamten Hof. Öde ist er und tot; Wolken ziehen

vorüber und spiegeln sich in den Scheiben der Fenster, wie Schatten aus

einer andern Welt -- aber drinnen regt sich nichts.

Diese unheimliche Ruhe erfüllte die Nachbarn mit Angst. Man fing an,

sich ernstlich um den Diakon zu sorgen.

Zacharia besuchte ihn. Lange ging der sanfte Alte aus einem Zimmer ins

andere und rief:

»Diakon, wo bist du? Höre doch, Diakon!«

Aber niemand antwortete. Endlich öffnete Vater Zacharia die Tür zur

kleinen Kammer, welche der Diakon bewohnt hatte.

»Was ruft Ihr so laut, Vater Zacharia?« kam aus der Finsternis die

Stimme Achillas.

»Du fragst noch, mein Lieber? Wo steckst du die ganze Zeit?«

»Macht die Tür etwas weiter auf. Ich bin hier in der Ecke.«

Benefaktow tat, wie Achilla ihm geheißen, und sah ihn auf einer an

der Wand befestigten schmalen bretternen Lagerstatt ausgestreckt

daliegen. Der Diakon trug ein grobes Leinenhemd mit zurückgeschlagenem

Kragen, das nach kleinrussischer Art durch eine lange bunte Schnur

zusammengehalten wurde, und breite gestreifte Beinkleider.

»Was soll denn das, Diakon?« fragte Benefaktow und sah sich nach einer

Sitzgelegenheit um.

»Ich will ein bißchen weiterrücken,« erwiderte Achilla und schob sich

auf das hart an die Wand stoßende Brett.

»Was ist mit dir, Diakon?«

»Gepeinigt,« brummte Achilla.

»Was peinigt dich denn so?«

»Lächerliche Frage! Was? Eben das! Der Tod des Vaters Sawelij peinigt

mich.«

»Ja, was ist da zu machen? Der Tod ... gewiß ... er ist der Natur

zuwider ... ist ein Hemmnis aller Gedanken ... aber er ist doch

unvermeidlich ... unentrinnbar ...«

»Eben dieses Hemmnis ist's, was mich peinigt.«

»Was kommst du immer mit deinem ›peinigt, peinigt‹! Das ist nicht gut,

mein Lieber.«

»Ja, was ist denn überhaupt noch gut? Nichts!«

»Nun, wenn du selbst einsiehst, daß es nicht gut ist, so mußt du auch

Vernunft haben: gegen das Naturgesetz kannst du nichts.«

»Ach, was redet Ihr nun wieder vom ›Naturgesetz‹, Vater Zacharia! Wenn

mich nun eben dieses Naturgesetz peinigt!«

»Ja, was willst du denn machen?«

»O du grundgütiger himmlischer Vater! So laßt mich doch mit Euren

Gesetzen in Ruh', Vater Zacharia! Nichts will ich machen!«

»Ja, wirst du denn von nun ab immer so daliegen?«

Der Diakon schwieg. Dann seufzte er und sagte ganz leise:

»Ich trauere immer noch sehr und Ihr kommt und redet von gleichgültigen

Dingen. Was also wollt Ihr von mir haben?«

»Raffe dich auf, denn bei all unserer Trauer sind wir doch schwache

Menschen, die ohne Essen und Trinken nicht auskommen können.«

»Gewiß, davon ist gar nicht zu reden. Essen und Trinken werden wir

schon, aber da eben steckt's!«

»Was? Was steckt da? Wo steckt was?«

»Darin steckt's, daß wir das, was gewesen ist, nach und nach vergessen

werden. Und wenn wir es eines schönen Tages ganz vergessen haben -- was

dann?«

»Ja, was ist da zu machen?«

»Das ist zu machen, daß ich mit meinem Charakter ganz und gar nicht

damit einverstanden bin, ihn zu vergessen.«

»Gewiß, lieber Freund, aber die Zeit vergeht und du vergißt doch.«

»Vater Zacharia, sagt mir solche Dinge nicht! Ihr wißt, wie wild ich im

Schmerz bin!«

»Das fehlte auch noch! Nein, mein Bester, die Roheiten laß du lieber

beiseite!«

»Ja, beiseite lassen! Wer kann mich jetzt noch im Zaume halten?«

»Wenn du willst, tu ich es.«

»Ihr wäret mir gerade der Rechte!«

»Warum sollte ich es nicht sein?«

»Machen wir uns doch nichts vor! Ihr habt nicht die geringste Gewalt

über mich.«

»Weißt du, Diakon, du bist einfach frech,« sagte Zacharia gekränkt.

»Gar nicht frech, denn ich hab' Euch lieb; wie könnt Ihr aber Gewalt

über mich haben, wo Ihr doch so schwach von Charakter seid, daß sogar

der Subdiakon Sergej Euch Grobheiten sagt.«

»Das tut er! Gegen mich sind alle grob! Deine Reden aber sind einfach

dumm!«

»So zeigt jetzt, was Ihr über mich vermögt, und verhindert mich, so zu

reden.«

»Ich will dich nicht verhindern, ich ... ich will nicht, weil ich als

Freund zu dir kam und du gegen mich grob warst ... Lebe wohl!«

»Wartet doch, Vater Zacharia! So war's nicht gemeint!«

»Nein, nein, laß mich, du hast mir weh getan.«

»So geht in Gottes Namen.«

»Du bist ein Grobian, ein ganz schlimmer Grobian.«

Und Zacharia ging in der Hoffnung, der Diakon werde allgemach des

Rekelns müde werden und von selber wieder herauskommen; jedoch es

verging noch eine ganze Woche und Achilla zeigte sich nicht.

»Sie werden vergessen,« sagte er immer wieder vor sich hin, »bestimmt

werden sie vergessen.« Und dieser Gedanke ließ ihn nicht los, und

vergeblich strengte er sein Hirn an, wie er das Übel abwehren könnte.

Um Achilla aus seiner Höhle ans Tageslicht zu locken, bedurfte es eines

ganz besondern Ereignisses.

Eines Morgens wachte Achilla früh gegen sechs auf und blickte nach

den ersten Sonnenstrahlen, die durch das winzige Fensterlein über der

Tür in seine Kammer zu dringen versuchten, -- da kam Vater Zacharia

in großer Hast gelaufen und erzählte, daß an Stelle des verstorbenen

Tuberozow ein neuer Propst ernannt sei.

Achilla wurde bleich vor Ärger.

»Freut es dich denn nicht?« fragte Zacharia.

»Was geht es mich an?«

»Wieso geht es dich nichts an? Frag doch erst, wer ernannt ist.«

»Als ob mir das nicht ganz gleichgültig wäre!«

»Ein Akademiker!«

»Na ja, ein Akademiker! Und darüber freut Ihr Euch! Nein, bei Gott, Ihr

steckt noch voll Eitelkeit, Vater Zacharia!«

»Wieso Eitelkeit? Ein Akademiker -- das will sagen: ein kluger Kopf!«

»Wieder was Neues: ein kluger Kopf! Mag er doch klug sein! Werden wir

zwei davon etwa klüger?«

»Du wirst wieder grob.«

»Fällt mir gar nicht ein. Ihr denkt daran, wie Ihr den Neuen empfangen

sollt, und ich -- daß ich den Alten nicht vergesse. Wo steckt da die

Grobheit?«

»Es lohnt gar nicht, mit dir zu reden,« sagte Zacharia und zog geärgert

von dannen. Achilla aber erhob sich sofort, wusch sich und lief zum

Polizeichef mit der Bitte, dieser möchte ihm behilflich sein, sobald

wie möglich sein Haus und seine beiden Pferde zu verkaufen.

»Warum denn das?« fragte Porochontzew.

»Sei nicht neugierig,« antwortete Achilla. »Später, wenn ich's gemacht

habe, wirst du alles erfahren.«

»So sag' doch ungefähr, um was es sich handelt.«

»Darum, daß Vater Sawelij nicht sobald vergessen wird.«

»Dann soll doch Vater Zacharia in seinen Predigten öfter auf ihn

hinweisen.«

»Was kann Vater Zacharia? Nein, der liebt heute schon die

Wissenschaften, ich aber ... ich liebe nach altem Brauch den Menschen.«

Damit war die Unterredung zu Ende und Achillas Besitz wurde seinem

Wunsche entsprechend verkauft.

Indessen war man gespannt, was er weiter unternehmen würde.

Der Diakon hatte für alles zweihundert Rubel bekommen und steckte die

beiden Scheine in die Tasche seines Nanking-Leibrocks; er begebe sich

in die Gouvernementsstadt, erklärte er. Er hatte sich bereits einen

Wanderstab aus einer langen Latte zurechtgeschnitten, packte seine

Sachen in ein kleines Bündel zusammen, kaufte sich auf dem Markt zwei

große Roggenmehlfladen mit Zwiebeln, die er in dieselbe Tasche steckte,

in der er sein Geld hatte, und wollte sich eben auf die Wanderschaft

begeben, als unerwartet der neue Propst Irodion Grazianskij eintraf.

Es war ein sehr wohlaussehender Herr von schwer zu bestimmendem Alter.

Seinem Äußern nach konnte man ihm ebensogut sechsundzwanzig als auch

vierzig Jahre geben.

Achilla ging dem neuen Vorgesetzten entgegen und wollte, nachdem er den

Segen von ihm empfangen hatte, seine Hand küssen. Allein er zog sie

zurück und schlug dem Diakon einen brüderlichen Kuß vor. Und so küßten

sie sich auf Mund und Wangen.

»Siehst du, wie gut er ist,« sagte nach einer Stunde, als sie zusammen

nach Hause gingen, Zacharia zum Diakon.

»Wie habt Ihr denn in so kurzer Zeit so viel Güte entdeckt?« fragte

Achilla gleichgültig.

»Wie denn? Er wollte sich nicht die Hand von dir küssen lassen, sondern

bot dir den Mund ... das zeugt doch von großer Güte.«

»Ich meine, das ist nichts weiter als so eine Art von Wichtigtuerei,«

erwiderte Achilla.

Er war bereits von einer wilden Eifersucht auf den neuen Propst erfaßt

und suchte allerlei schlechte Eigenschaften an ihm zu entdecken, die

jeden Vergleich mit dem verstorbenen Tuberozow ausschließen mußten.

Je mehr der neue Propst allen Stargorodern gefiel, desto heißer mußte

Achilla ihn hassen.

Zehntes Kapitel.

Am Tage darauf zelebrierte der neue Propst zum erstenmal die Messe und

hielt eine Predigt, in der er seinen Vorgänger mit Lobeserhebungen

überschüttete und auf die Notwendigkeit und Pflicht eines ständigen

Gedenkens und einer Ehrung seiner Verdienste hinwies.

»Wozu das? Was beabsichtigt er damit?« zürnte der Diakon, als er mit

Zacharia aus der Kirche ging.

Er fühlte selbst, daß er ungerecht war, aber er konnte sich nicht

beherrschen, und als Zacharia ihm zuzureden versuchte und betonte,

wie edel das ganze Verhalten Grazianskijs sei, da zerbrach Achilla

ungeduldig das Stöckchen, das er in der Hand hielt, in zwei Stücke und

sagte:

»Das ist's ja gerade, was mich so ärgert.«

»Wäre es denn besser, wenn er nicht so gut wäre?«

»Natürlich ... viel, viel besser wäre das,« unterbrach ihn Achilla

ungeduldig. »Wißt Ihr denn nicht, daß wer nicht gesündigt hat, auch

nicht Buße tut!«

Zacharia machte nur eine abwehrende Handbewegung.

Die Klerisei · 第 22 / 25 段