gesprungen war. Er fand sie ohne Schwierigkeit und griff ohne
Bedenken nach der aus dem Graben emporragenden langen Stange, als er
sich plötzlich erinnerte, daß sie gebrochen war! ... Wo kam da die
unversehrte Stange her?
»Sonderbar!« dachte der Diakon, und nachdem er sich überzeugt hatte,
daß er sich nicht täusche, sondern tatsächlich aus dem Graben eine
tadellose Stange hervorragte, machte er sich zum Sprung bereit, als
sich von hinten plötzlich über seine Schultern hinweg zwei mächtige
Tatzen auf seine Brust legten. Sie waren mit dicker, filziger schwarzer
Wolle bekleidet und hatten gewaltige Eisenklauen.
Der Teufel!
Fünfzehntes Kapitel.
Achilla knickte augenblicklich unter dem ihn niederdrückenden
Teufel zusammen, packte ihn dann an den Pfoten und riß dieselben so
kräftig, daß das Kinn des Teufels dröhnend gegen seinen Scheitel
schlug und gleichsam daran kleben blieb. Der Teufel, der darauf nicht
gefaßt gewesen war, fing verzweifelt an zu zappeln, sah aber die
Vergeblichkeit seiner Bemühungen bald ein, wurde still und blieb nach
einem dumpfen Seufzer auf dem Rücken des Diakons hängen. Es war ihm
nicht nur unmöglich, sich loszureißen, sondern er vermochte sogar kein
Wort herauszubringen, denn sein Kiefer war wie mit einer Presse gegen
den Schädel Achillas gepreßt. Die einzige Bewegung, welche der böse
Geist zu machen vermochte, war das Strampeln mit den Beinen. Diese
Möglichkeit beutete er aber auch mit höllischer Lust und Arglist aus.
Achilla, der den Teufel ebenso leicht auf seinem Rücken hielt, wie ein
gesunder Bauer eine Garbe Erbsenstroh, tat ein paar Schritte rückwärts,
nahm einen Anlauf und sprang über den Graben. Der gewandte Teufel
benutzte diesen Moment, seine Beine um die ausgespreizten des Diakons
zu schlingen, gerade als sie beide jenseits des Grabens angelangt
waren. Der so plötzlich in seiner Bewegung gehemmte Achilla verlor das
Gleichgewicht und stürzte mit seiner Last in den mit kaltem, schneeigem
Brei gefüllten Graben.
Beinahe hätte die furchtbare Kälte ihn veranlaßt, seine Hände zu
öffnen und den Teufel loszulassen, doch überwand er sich und hielt
nach anderen Rettungsmöglichkeiten Umschau. Doch schien es die nicht
zu geben; die glatten Grabenwände bedeckte eine Eisschicht, so daß
es unmöglich war, an ihnen emporzuklimmen, ohne sich der Hände zu
bedienen. Dazu aber hätte Achilla den Teufel loslassen müssen und das
wollte er durchaus nicht. Er versuchte zu schreien, doch niemand hörte
ihn, und wenn ihn auch jemand gehört hätte, so würde er seine Tür nur
noch fester verschlossen und gesagt haben: »Da hat der Teufel schon
wieder einen am Wickel.«
Der Diakon begriff, daß er von der geängstigten Bevölkerung keine Hilfe
zu erwarten habe. Trotzdem wollte er den Teufel nicht loslassen, und so
hockten beide im Graben und froren. Sie waren fast völlig erstarrt und
hätten vielleicht hier ihren Tod gefunden, wenn nicht ein Zufall ihnen
zu Hilfe gekommen wäre.
Frühmorgens zog ein Spiritustransport nach der Stadt. Als er am
Friedhof vorbeikam, bemerkten die Bauern im Graben eine seltsame
Gruppe. Sie machten Halt, ergriffen aber entsetzt die Flucht, als sie
das blaue Gesicht eines Mannes erkannten, über dem sich die gehörnte
Teufelsfratze emporreckte. Der halberstarrte Achilla nahm seine letzte
Kraft zusammen, rief die Leute zurück, befahl ihnen, auf den Teufel
aufzupassen, zog die rechte Hand aus dem Graben heraus und bekreuzigte
sich.
»Es ist ein Christenmensch, Kinder!« riefen die Bauern, zogen den
Diakon und den Teufel heraus, steckten einen Strohhalm in das Spundloch
eines der Fässer und setzten Achilla davor. Den Teufel aber warfen sie
vorn auf den Schlitten und fuhren weiter zur Stadt.
Nachdem er etwas Spiritus eingesogen hatte, zuckte der Diakon zusammen
und fiel der Länge nach auf den Schlitten. Er befand sich in einem
entsetzlichen Zustande. Ganz durchnäßt und blau, wie ein Kessel,
zitterte er so, daß er kaum atmen konnte. Der Teufel aber lag da wie
ein Eiszapfen. So brachte man ihn in die Stadt, wo der Diakon das
Fahrzeug vor dem Polizeiamt halten ließ.
Achilla hob den Teufel aus dem Schlitten, ließ ihn in die Kanzlei
tragen und schickte nach dem Polizeichef. Er selbst ließ sich vom
Polizeidiener ein trockenes Hemd und einen Soldatenmantel geben und
legte sich auf das Sofa.
Trotz der frühen Stunde war bald die ganze Stadt von dem großen
Ereignis unterrichtet, und eine dichte Menschenmenge wogte, wie
Meereswellen um einen Felsen, um das Gebäude des Polizeiamtes, wo auch
der Rittmeister Porochontzew seine Amtswohnung hatte. Trotz ihres Amtes
und ihrer Würde gelang es den einflußreichsten Persönlichkeiten der
Stadt, wie dem Propst Grazianskij, dem Vater Zacharia und dem Hauptmann
Powerdownia, nur mit großer Mühe, sich einen Weg durch die Menge zu
bahnen, und auch nur deshalb, weil die Menge die Anwesenheit der
Geistlichkeit bei der an dem Teufel vorzunehmenden Exekution für eine
religiöse Notwendigkeit hielt. Dem Hauptmann Powerdownia aber kam sein
Säbelgriff zugute, mit dem er kräftige Hiebe und Püffe nach rechts und
nach links austeilte.
Sechzehntes Kapitel.
Während draußen die Menge sich drängte und lärmte, ging es im Hause
nicht weniger erregt zu. Der Polizeichef, Rittmeister Porochontzew,
kam in Barchentunterhosen und einer Flanelljacke in die Kanzlei
gestürzt und sah tatsächlich den Teufel mit Hörnern und Klauen kläglich
zusammengekauert am Boden hocken und ihm gegenüber auf dem Sofa, das
sonst die Bittsteller einzunehmen pflegten, eine unförmliche zitternde
Masse, bedeckt mit einem Soldatenmantel und zwei Schafpelzen: der
Diakon.
Um den Teufel herum gruppierten sich in den verschiedensten Stellungen
sämtliche Stargoroder Honoratioren, auf deren Gesichtern nichts von dem
Grauen zu lesen war, das die Nähe des bösen Geistes ihnen von Rechts
wegen hätte einflößen sollen. Jeder sah, daß dieser Teufel ein ganz
jämmerliches Geschöpf war, welches vor Kälte bebte und schlecht und
recht in die traurigen Reste eines Kosakenmantels aus haarigem Filz
gewickelt war, den der Diakon Achilla einmal dem Kommissar Danilka
geschenkt hatte, weil das Kleidungsstück zu nichts sonst zu gebrauchen
war. Auf des Teufels Kopfe, den ein Fetzen desselben Mantels bedeckte,
ragten zwei mit einem schmutzigen Bindfaden ungeschickt befestigte
Kuhhörner empor, und an den Händen, die in ein paar Stückchen Schaffell
gewickelt waren, baumelten zwei gewöhnliche Eisenhaken, wie man sie zum
Aufwinden von Getreidesäcken verwendet. Das merkwürdigste aber war,
daß einer der Soldaten, als er mit der Hand unter den Anzug des Teufels
griff, eine Schnur zu packen bekam, an der ein altes Messingkreuzchen
mit der Aufschrift: »Es stehe Gott auf, daß seine Feinde zerstreuet
werden« hing.
»Ich sagte doch, daß alles Betrug wäre,« bemerkte der Propst
Grazianskij.
»Ja, ja, dem Kostüm nach ist es ein richtiger Teufel, aber das
Kreuzlein läßt auf anderes schließen,« stimmte Zacharia ihm bei, trat
auf das rätselhafte Geschöpf zu und fragte: »Hör mal, mein Lieber, wer
bist du? He? Hörst du, was ich dir sage? ... Lieber Freund! ... Heda!
... Hörst du? ... Sprich doch! ... Sonst gibt es Prügel! ... So rede
doch!«
Hier mischte sich der Polizeichef ein und fing selbst an, den Teufel
auszufragen, aber ebenso erfolglos.
Der Teufel, der allmählich warm wurde und zu sich kam, rückte nur
sachte hin und her und verkroch sich wie eine Schildkröte immer tiefer
in seinen Mantel.
Von den verschiedenen Seiten wurden allerlei Meinungen darüber laut:
was man jetzt mit diesem Teufel anfangen sollte. Der Polizeichef
neigte zu der Ansicht, man müsse ihn, so wie er sei, zum Gouverneur
schicken und berief sich dabei auf das alte Gesetz über Ungeheuer und
Mißgeburten. Aber alle waren so neugierig, daß sie sich diesem Beschluß
energisch widersetzten und die mannigfaltigsten Gründe anführten, um
den Polizeichef zu überzeugen, daß der Dämon unbedingt sofort entlarvt
werden müsse, um die allgemeine, brennende Neugier endlich zu stillen!
Zwei der Anwesenden nahmen an den Debatten keinen Anteil:
der Bürgermeister und Vater Zacharia, denn beide waren in
Spezialuntersuchungen vertieft. Der Bürgermeister schlich sich immer
ganz leise an den Teufel heran, bald von der einen, bald von der
anderen Seite, machte das Zeichen des Kreuzes über ihn und sprang dann
geschwind wieder zur Seite, um nicht mit dem Bösen gemeinsam in die
Tiefe zu versinken. Zacharia aber riß ihn an den Hörnern und flüsterte
ihm zu:
»Hör mal, mein Lieber, sag mir nur das eine: warst du es, der beim
Vater Propst die Decke entlang gelaufen ist? Gesteh's und du bekommst
keine Schläge.«
»Ich war's,« stöhnte der Teufel dumpf.
Diese ersten Worte des Dämons riefen unter den Anwesenden eine
unerwartete Panik hervor, welche durch das wilde Geschrei des draußen
stehenden Volkes noch verstärkt wurde. Die Menge hatte die Geduld
verloren und drängte ins Haus mit der Forderung, der Teufel solle ihr
ausgeliefert werden, wobei ganz laut der Verdacht geäußert wurde, die
Polizei beabsichtige, sich vom Teufel »schmieren« zu lassen und ihn
dann unbehelligt in sein höllisches Reich heimzusenden. Einige machten
den Vorschlag, die Tür aufzubrechen und den Teufel mit Gewalt den
Händen der gesetzlichen Obrigkeit zu entreißen. Dieser Drohung folgte
ihre Verwirklichung auf dem Fuße, denn man schlug donnernd gegen die
Türe. Jedoch der Rittmeister fand das richtige Gegenmittel. Er gab dem
Revieraufseher ein Zeichen, worauf dieser sofort die Feuerspritze aus
dem Schuppen zog, mit dem Schlauch auf den Zaun kletterte und einen
Strahl eiskalten Wassers über die Menge ergoß. Hiermit war das Signal
zu einem wilden Tohuwabohu gegeben. Die Menge fuhr zurück, schrie,
pfiff, lachte, dann aber wurden die heiteren Gesichter plötzlich ganz
ernst, die Leute bissen die Zähne zusammen und drängten von neuem
vorwärts. Das kalte Sturzbad hatte seine Schrecken verloren, die Tür
krachte, Steine flogen ins Fenster, der Aufseher wurde an den Beinen
vom Zaun heruntergerissen, die Menge bemächtigte sich der Spritze und
besprengte nun den Aufseher vor den Augen seiner Vorgesetzten. Der
Polizeichef und die Honoratioren stürzten in die innern Gemächer und
schlossen die Türen hinter sich zu, der Hauptmann Powerdownia aber, der
ihnen nicht so schnell hatte folgen können, rannte in der Kanzlei hin
und her und schrie:
»Meine Herren! Keine Furcht! Gott mit uns! Wer Waffen hat ... rettet
euch!«
Sein Blick fiel auf den geöffneten Aktenschrank, er sprang geschwind
hinein und schlug die Tür hinter sich zu, durch die zerschlagenen
Fensterscheiben aber kamen immer mehr Steine geflogen, und der Teufel
selbst schrie laut auf vor Entsetzen und Verzweiflung.
Siebzehntes Kapitel.
Der Augenblick war kritisch. Er harrte seines Helden, und dieser kam.
Die Pelze, mit denen der von allen vergessene Diakon Achilla bedeckt
war, gerieten in Bewegung, sie fielen zu Boden, und er selbst, barfuß,
im kurzen und engen Soldatenhemd, stürzte auf das Wesen los, das man
noch jüngst für den Teufel gehalten hatte, und begann es heftig zu
schütteln.
»Zieh dich aus!« kommandierte er, »zieh dich aus und zeige, wer du
bist, oder ich reiße dir das alles samt deinem eigenen Fell vom Leibe!«
Ein kurzer Moment -- und der Teufel war verschwunden. An seiner Statt
zeigte sich den erstaunten Augen des Diakons der frosterstarrte
Kleinbürger Danilka.
Achilla riß ihn ans Fenster, steckte den Kopf durch die zerbrochene
Scheibe hinaus und rief:
»Ruhe, ihr Schafsköpfe! Das ist Danilka, der sich als Teufel verkleidet
hatte! Schaut her!«
Und der Diakon hob den blaugefrorenen Danilka in die Höhe und warf zu
gleicher Zeit seine Teufelsausrüstung Stück für Stück auf die Straße
hinab:
»Da habt ihr seine Klauen! Und seine Hörner! Und den übrigen Kram! Und
jetzt paßt auf: ich will ihn verhören.«
Und der Diakon drehte den Danilka so herum, daß dieser ihm ins Gesicht
sehen mußte, und fragte ihn mit ungeheuchelter Freundlichkeit:
»Warum hast du dich so scheußlich verkleidet, du Narr?«
»Vor Hunger,« flüsterte der Kleinbürger.
Achilla rief es dem Volke zu und fuhr dann mit seiner gewaltigen
Donnerstimme fort:
»Und jetzt, ihr braven Christenleute, begebt euch nach Hause, denn wenn
die hohe Obrigkeit wieder Mut faßt, läßt sie -- was Gott verhüten möge
-- gleich schießen.«
Lachend ging das Volk auseinander.
Achtzehntes Kapitel.
Wirklich hatte die Obrigkeit »Mut« gefaßt, kam wieder aus ihrem
Schlupfwinkel heraus und begann Ordnung zu stiften.
Der nasse und kaum noch schnaufende Danilka wurde in einen trockenen
Arrestantenkittel gesteckt, und das peinliche Verhör begann. Er
gestand, daß er, von Hunger und Frost geplagt, von allen wegen
seines liederlichen Lebenswandels gemieden, lange Zeit obdachlos
umhergeirrt sei, bis ihm der Gedanke gekommen sei, sich als Teufel
zu verkleiden. Auf diese Weise habe er den Leuten bei Nacht Angst
eingejagt, gemaust, was ihm irgendwie unter die Finger gekommen sei, es
den Juden verschachert und davon gelebt. Achilla hörte aufmerksam zu.
Als das Verhör beendet war, sah er immer noch Danilka an und bemerkte
plötzlich, wie die Gestalt des Kommissars vor seinen Blicken sich bald
ganz hoch emporhob, bald tief senkte. Achilla zwinkerte ein paarmal
mit den Augen, denn ein neues Schauspiel begann: Danilka glänzte jetzt
wie blankes Gold, dann wie weißes Silber, dann wieder schien er ganz
in Flammen zu stehen, daß einem die Augen schmerzten, wenn man ihn
betrachtete, dann erlosch er mit einemmal und war fort. Und er war doch
da! Diesem kaleidoskopartigen Wechsel der Erscheinungen zu folgen war
eine unerträgliche Marter; schloß man aber die Augen, so wurde es noch
bunter und tat erst recht weh.
»Was ist das nur!« dachte der Diakon und fuhr sich mit der Hand über
das Gesicht. Dabei bemerkte er, daß seine Handfläche, wenn sie die
Gesichtshaut berührte, knisterte und hängen blieb, wie wenn man mit
Tuch über Flanell streicht. Dann war's ihm plötzlich, als liefe ein
heißer Feuerstrom durch sein Blut, stoße gegen den Scheitel und beraube
ihn des Gedächtnisses. Der Diakon wußte nicht mehr, warum er hier
war, weshalb dieser Danilka da stand wie ein gerupftes Hühnchen und
ungeniert erzählte, wie er den Leuten Angst machte, wie er sie sich
durch allerlei Künste vom Leibe hielt und wie er unvermutet in die
Gewalt des Vaters Diakon geriet.
»Nun erzähle mal,« fragte Zacharia wieder, »erzähle mal, mein Lieber,
wie bist du beim Vater Propst mit dem Kopf nach unten die Decke entlang
gelaufen?«
»Ganz einfach, Vater Zacharia,« antwortete Danilka. »Ich nahm meine
Stiefel ab, steckte sie auf einen Stock und stieß sie dann mit den
Sohlen gegen die Decke.«
»So laßt ihn doch endlich gehen, was quält ihr ihn immer noch,« sagte
endlich Achilla.
Alle sahen ihn erstaunt an.
»Was redet Ihr da? Wie kann man einen Kirchenschänder ziehen lassen?«
fiel ihm Grazianskij ins Wort.
»Ach was, Kirchenschänder! Der Mann hatte Hunger. Laßt ihn laufen um
Christi willen.«
Grazianskij bemerkte, ohne Achilla anzusehen, sein Eintreten zugunsten
des Verbrechers sei völlig unpassend.
»Warum denn? So ein armer Kerl ... er hungerte doch ... die Apostel
rauften auch Ähren aus ...«
»Wie kommt Ihr dazu?« sagte der Propst streng und drehte sich nach ihm
um. »Ihr seid wohl gar Sozialist?«
»Was weiß ich von Sozialisten! Die heiligen Apostel, sag ich, gingen
über Feld und rauften Ähren aus. Ihr städtischen Pfarrerssöhne wißt
nichts davon, aber wir Subdiakonskinder vom Lande haben in der Schule
auch manchmal Eßwaren gemaust. Nein, laßt ihn gehen um Christi willen,
ich gebe ihn Euch ja doch nicht heraus.«
»Ihr habt wohl den Verstand verloren? Wie könnt Ihr Euch unterstehen?«
Diese letzten Worte schienen dem Diakon eine so unerhörte Kränkung, daß
er feuerrot wurde, und seinen nassen Leibrock überwerfend, aufschrie:
»Ich geb' ihn Euch nicht heraus und damit Schluß! Er ist mein
Gefangener und ich habe ein Recht auf ihn!«
Mit diesen Worten wankte der Diakon auf Danilka zu, stieß ihn zur Tür
hinaus, packte mit beiden Händen die Türpfosten, um keinen Verfolger
durchzulassen, und wollte noch etwas sagen, als er sich plötzlich immer
größer und breiter werden, in feurigen Gluten aufgehen und verschwinden
fühlte. Er schloß die Augen und fiel bewußtlos nieder.
Achillas Zustand war jener des seligen Vergessens, in den das Fieber
den Menschen versetzt. Er vernahm die Worte, wie »Unfug«, »Protokoll«,
»Schlag«, fühlte, daß man ihn berührte, umdrehte, aufhob, hörte das
Flehen und Jammern des draußen wieder eingefangenen Danilka, aber er
hörte das alles nur wie im Traum, und dann wuchs er wieder und dehnte
sich unendlich weit und strömte süße Gluten aus und zerschmolz in der
läuternden Flamme der Krankheit. Da kam es, das Ende des Lebens, der
Tod!
Achillas »Tat« wurde zu Protokoll gebracht, wobei der alte Freund und
Kamerad, Woin Porochontzew, sich die größte Mühe gab, das Benehmen des
Diakons in möglichst harmlosem Lichte erscheinen zu lassen. Trotzdem
wurde das Dokument betitelt: »Von dem frechen Unfug, den der Domdiakon
Achilla im Beisein der Stargoroder Polizeiverwaltung angestiftet.«
Der Rittmeister Porochontzew konnte nur das Wort »frech« ausstreichen,
der Unfug Achillas aber wurde zum Gegenstand einer polizeilichen Akte,
auf die früher oder später ein strenges Urteil erfolgen mußte.
Neunzehntes Kapitel.
Achilla wußte nichts von alledem: er glühte ruhig und sorglos weiter
in den Flammen seiner Krankheit. Der Arzt hatte ihn ins Krankenhaus
schaffen lassen und erklärt, es handle sich um eine sehr schwere Form
von Typhus, die gleich mit Bewußtlosigkeit und hohem Fieber anfange und
zu den schlimmsten Befürchtungen Veranlassung gebe.
Dem Rittmeister Porochontzew kam diese Äußerung des Arztes sehr
gelegen. Er fragte sofort, ob man das Benehmen Achillas nicht durch
seinen krankhaften Zustand erklären könne. Der Arzt war durchaus dieser
Meinung. Achilla aber war schon fünf Tage ohne Bewußtsein und lebte
immer noch in denselben unklaren, aber süßen Vorstellungen und in
demselben Gefühl einer wohltuenden Hitze. Neben seinem Bette saß auf
einem wackeligen Stühlchen der Vater Zacharia und hielt ein mit kaltem
Wasser getränktes Handtuch dem Kranken auf die Stirn. Gegen Abend kamen
noch ein paar Bekannte und der Arzt.
Der mit geschlossenen Augen daliegende Diakon hörte, wie der Arzt
sagte, daß, wenn es jemandem um die Seele des Kranken zu tun sei, er
den ersten lichten Augenblick wahrnehmen müsse, denn die Krisis nahe
heran, von der nicht viel Gutes zu erwarten sei.
»Nehmt den Augenblick wahr,« sagte er, »der Puls ist schon ganz
unzuverlässig.« Dann fing der Arzt mit Porochontzew und den andern an
zu reden, die es gar nicht begreifen konnten, daß Achilla im Sterben
liege und noch dazu infolge einer Erkältung! Dieser Recke sollte
sterben, und Danilka, der mit ihm im kalten Bade gesessen hatte, befand
sich in seiner Gefängniszelle ganz wohl und munter. Der Arzt erklärte
es dadurch, daß Achilla schon seit längerer Zeit angegriffen und
leidend gewesen wäre.
»Ja, ja, Sie sprachen davon ... erhöhte Sensibilität,« stammelte
Zacharia.
»Eine merkwürdige Krankheit,« bemerkte Porochontzew. »Auch hier alles
neu. Ich lebe nun schon so lange auf der Welt und habe noch nie von so
einer Krankheit gehört.«
»Ja, ja, ja,« sagte Zacharia zustimmend, »die Lebensgewohnheiten
verfeinern sich und die Krankheiten werden komplizierter.«
Der Diakon öffnete leise die Augen und flüsterte:
»Gebt mir zu trinken!«
Man reichte ihm einen Metallkrug, an den er seine flammenden
Lippen preßte. Und während er das kühle Moosbeerengetränk gierig
herunterschlang, musterte er die Umstehenden mit seinen entzündeten
Augen.
»Nun, wie geht es unserer lieben Orgel?« fragte der Bürgermeister
teilnehmend.
»Dumpf, dumpf,« antwortete der Diakon schwer atmend und fing nach
einer Minute ganz unvermittelt in erzählendem Tone an: »Nach meinem
Hündchen Wiesie -- als die Post es überfahren hatte -- wollte ich mir
wieder eins zulegen ... Da seh' ich in Petersburg auf dem Newskij
einen Hundejungen ... ›Verschaff mir‹, sagte ich ... ›ein nettes
Hündchen‹ ... Da antwortete er: ›Heutzutag -- gibt's keine Hunde mehr
... Heutzutag gibt's nur noch Pointer und Setter,‹ sagte er ... ›Was
sind denn das für Viecher?‹ fragte ich ... ›Das‹ -- sagte er -- ›sind
ebensolche Hunde, bloß nennt man sie anders.‹«
Der Diakon stockte.
»Wie kommt Ihr auf diese Geschichte?« fragte ihn der Arzt in
freundlichem, aufmunterndem Tone, denn es schien ihm, als phantasierte
der Kranke.
»Weil Sie vorhin von neuen Krankheiten redeten. Sie alle -- man mag sie
nennen, wie man will -- laufen doch auf ein und dasselbe Ziel hinaus --
auf den Tod.«
Hier verlor der Diakon von neuem das Bewußtsein und erwachte bis
Mitternacht nicht mehr. Dann fing er plötzlich wieder zu phantasieren
an:
»Arkebusier, Arkebusier ... geh fort, Arkebusier!«
Bei dem letzten Wort sprang er auf und setzte sich, völlig wach,
aufrecht im Bette hin.
»Du solltest beichten, Diakon«, sagte Zacharia.
»Ja, ja,« sagte Achilla, »nehmt meine Beichte entgegen ... Schneller
... ich will beichten, um nichts zu vergessen ... In allem hab' ich
gesündigt ... Vergebt mir um Jesu Christi willen ...« Und mit einem
Seufzer fügte er hinzu:
»Schickt schnell nach dem Propst.«
Grazianskij erschien sogleich.
Achilla grüßte ihn von weitem mit den Augen, bat um seinen Segen und
küßte ihm zweimal die Hand.
»Ich sterbe,« sagte er, »und ich wollte Euch um Vergebung bitten. Gegen
alle Gebote hab' ich gesündigt.«
»Der Herr wird Euch vergeben,« antwortete Grazianskij.
»Ich war ja nicht bösen Willens ... aber ich redete oft unverständlich.«
»Laßt doch ... Ihr habt ein edles Herz.«
»Nein, nein, so sollt Ihr nicht reden,« unterbrach ihn der Diakon.
»Ich tat nicht immer das, was ich sollte ... und zuletzt ... zürnte
ich wegen des Denkmals ... Leere Phantasien: Himmel und Erde werden
verbrennen und alles wird versinken ... Was für ein Denkmal! Und alles
meine Unvernunft!«
»Er ist schon weise,« flüsterte Zacharia, den Kopf senkend.
Der Diakon warf sich auf seinem Bette hin und her.
»Vergebt mir um Christi willen,« sagte er hastig, »und zwingt Euch
nicht, hier zu bleiben. Mich packt die Krankheit schon wieder ... Lebt
wohl.«
Der gelehrte Propst segnete den Sterbenden, worauf Zacharia ihn
hinausbegleitete. Als er in das Zimmer zurückkam, blieb er entsetzt auf
der Schwelle stehen.
Achilla lag im Todeskampf und seine Agonie war ebenso verblüffend wie
grauenerregend. Einige Sekunden war er ganz still, und wenn er genügend
Luft eingesogen hatte, stieß er sie plötzlich mit einem langgedehnten
»Hu--u--u--u« heraus; dabei fuchtelte er jedesmal mit den Armen in der
Luft herum und richtete sich auf, als ob er sich von etwas befreie,
etwas von sich werfe.
Zacharia stand wie erstarrt, und die schwachen Bretter der Bettstelle
bogen sich und krachten immer stärker unter der Last des Sterbenden,
und schauerlich bebte die Wand, durch die gleichsam die so lange
gefesselt gewesene elementare Kraft sich einen Weg bahnen wollte.
»Geht es zu Ende?« erriet Zacharia plötzlich und stürzte zum Fenster
nach dem dort liegenden Gebetbuche, aber in diesem Augenblick rief
Achilla mit fest zusammengebissenen Zähnen:
»Wer bist du? Du mit dem Feuergesicht? Laß mich durch!«
Zacharia sah sich ängstlich um und machte ein verblüfftes Gesicht,
denn kein feuriger Mann war zu sehen; aber in seiner Angst war es ihm
vorgekommen, als hätte Achilla sich von seinem eigenen Leibe gelöst
und wäre hier in der Stube auf jemand gestoßen, mit dem er gerungen und
den er dann überwunden hätte ...
Der ängstliche Alte bebte am ganzen Leibe, schloß die Augen und lief
hinaus. Einige Minuten später ertönte vom Turme der Domkirche das
traurige Geläut der Totenglocke für den verstorbenen Diakon Achilla.
Zwanzigstes Kapitel.
Die Chronik von Stargorod geht zu Ende, und ihr letzter Punkt soll der
Nagel sein, der in den Sargdeckel des Vaters Zacharia geschlagen ward.