»Ich fror derart am offenen Fenster, daß ich, nur um ihn schneller

loszuwerden, meinte: ›Ich kenne noch einen Hundenamen, werter Herr,

aber ich habe nicht den Mut, ihn Euch zu sagen.‹ -- ›Tut nichts,‹

schrie er, ›sag ihn ruhig!‹ -- ›Ich kannte einen Herrn, dessen Hund

hieß Wiesie.‹ Vater Achilla machte ein ganz verdutztes Gesicht. ›Was

ist das für Unsinn, du bist wohl verrückt geworden?‹ -- ›Nein,‹ sagte

ich, ›verrückt bin ich nicht, ich weiß nur ganz genau, daß in Moskau

ein Fürst einen Hund hatte, der hieß Wiesie.‹ Achilla Andrejewitsch

geriet nun in fürchterliche Wut, gab seinem Pferd die Sporen, ritt

hart an die Mauer heran und schrie: ›Wie darfst du alter schamloser

Kerl solche Dinge reden? Weißt du nicht, daß ich einen christlichen

Namen trage und daß ich ein Diener des Altars bin?‹ Mit Müh und Not

konnte ich ihn beruhigen, Vater Propst, und ihm erklären, was es mit

dem Wiesie für eine Bewandtnis hatte. Darauf schwang er sich auf sein

Pferd, holte das Hündchen aus seinem Pelz, wo er es verborgen gehalten

hatte, heraus und rief: ›Guten Tag, Wiesiechen!‹ Und sprengte fröhlich

von dannen.«

»Das große Kind!« sagte Sawelij lächelnd.

»Ja, er muß immer spaßen.«

»Tadele ihn nicht. Das Kind muß sein Spielzeug haben, damit es nicht

weint. Er hat eine schwere Last zu tragen. Rundherum liegt alles in

tiefstem Schlaf und in ihm brennen tausend Leben.«

»Sehr richtig. Ich kann mir auch gar nicht denken, wie er einmal

sterben wird.«

»Ich auch nicht,« meinte der Propst lächelnd. »Er ist die verkörperte

Verneinung des Todes. Was aber wurde weiter aus dem Wiesie?«

»Ja, was meint Ihr wohl? Seinetwegen gab es noch Zank und Streit ohne

Ende. Es konnte ja auch gar nicht anders sein. Der Vater Diakon hatte

sich nämlich folgendes angewöhnt: Wenn er besonders große Sehnsucht

nach Euch bekam, nahm er sein Wiesiechen auf den Arm und begab sich

zur Poststation. Dort setzte er sich vor die Tür und wartete. Kaum

zeigte sich nun ein vornehmer Reisender oder eine Dame, so sagte er

gleich: ›Lache, mein Hündchen!‹ Und das kleine Vieh lachte. Das machte

den Reisenden Spaß und sie fragten: ›Wie heißt denn das Hündchen, Herr

Pfarrer?‹ Er antwortete: ›Ich bin kein Pfarrer, sondern bloß Diakon,

meinen Pfarrer haben die Hunde gefressen.‹ ›Wie heißt denn aber das

Hündchen?‹ fragten sie erneut. ›Das Hündchen, das heißt Wiesie.‹ Auf

diese Weise geriet er mit allen in Streit. ›Ich will sie so alle ins

Gesicht Hunde nennen,‹ sagte er, ›und der Friedensrichter kann mir doch

nichts anhaben.‹ So nimmt er Rache für Euch, Vater Sawelij; aber was er

eigentlich damit erreicht, das bedenkt er gar nicht. Dem Vater Zacharia

ist es seinetwegen schon einmal schlimm ergangen: der Propst sah den

Hund bei ihm und fragte, wie er hieße. ›Er heißt Wiesie, Hochwürden‹ --

sagte Zacharia und zog sich einen ernsten Verweis zu.«

Sawelij lachte Tränen. »Dieser ehrliche Zacharia ist köstlich. Ein

Gefäß Gottes und ein Beter, wie ich keinen zweiten gesehen. Ich sehne

mich, ihn wieder zu umarmen.«

Von der Anhöhe, welche die Reisenden jetzt erreichten, ward plötzlich

die ganze Stadt sichtbar, diese alte, eigentümliche Stadt, die für

Tuberozow so viele Erinnerungen barg; sie überkamen den Alten mit einer

solchen Macht, daß er sich zurücklehnen und die Augen schließen mußte,

als hätte ihn zu grelles Sonnenlicht geblendet.

Sie ließen den Kutscher langsamer fahren, denn erst, wenn es dämmerte,

wollten sie in der Stadt sein. Als sie im Halbdunkel mit dem eisernen

Ring gegen das wohlbekannte Tor schlugen, ertönte von innen Achillas

Stimme: »Wer da?« Tuberozow wischte sich eine Träne aus dem Auge und

bekreuzigte sich.

»Wer denn sonst als ich und Vater Sawelij,« antwortete der Zwerg.

Der Diakon schrie laut auf, flog die Verandastufen herunter, öffnete

das Tor weit, rollte wie eine Lawine in den Wagen hinein und

umklammerte den Hals des Propstes.

So saßen beide umarmt im Wagen und schluchzten lange und bitterlich,

während der Zwerg daneben stand und seine sanften, befreienden Tränen

leise mit der kleinen, frosterstarrten Faust wegwischte.

Als der Diakon sich ausgeweint hatte, fing er an zu sprechen. Beinahe

hätte er nach Natalia Nikolajewna gefragt, aber er besann sich noch im

rechten Augenblick und gab dem Gespräch schnell eine andere Wendung,

indem er dem Propst das Hündchen zeigte, das zu seinen Füßen spielte.

»Das ist mein neuer Hund, Vater Propst, mein Wiesiechen. Ein ganz

famoses Vieh. Wir brauchen bloß zu befehlen, dann lacht er. Was sollen

wir wegen unnützer Dinge Trübsal blasen!«

»Wegen unnützer Dinge!« klang es unerträglich schmerzvoll in Vater

Sawelijs Herzen nach, aber er sprach die Worte nicht aus, sondern

drückte nur des Diakons Hand, so fest er konnte.

Viertes Kapitel.

Als der Propst sein Haus betreten hatte, dessen einziger Bewohner und

Herr so lange Zeit der Diakon Achilla gewesen war, küßte er den wilden

Riesen auf den trockenen Scheitel seines Lockenkopfes, ging dann mit

ihm durch alle Zimmer, machte das Zeichen des Kreuzes über dem leeren,

verwaisten Bettchen Natalia Nikolajewnas und sprach:

»Nun, alter Freund, jetzt hat es wohl keinen Sinn mehr, daß wir uns

wieder trennen? Bleiben wir zusammen.«

»Mit tausend Freuden. Ich hatte es mir selbst auch schon so gedacht,«

entgegnete Achilla und schloß den Propst wieder in seine Arme.

So hausten sie denn zu zwei hier. Achilla sang in der Kirche und sorgte

für die Wirtschaft, Tuberozow saß zu Hause, las seinen John Bunian,

dachte und betete.

Er lebte das intensive, konzentrierte Leben eines Geistes, der mit sich

selbst ins Reine zu kommen sucht.

Achilla hielt ihm alle kleinen Alltagssorgen fern und gab dem Alten die

Möglichkeit, ganz und gar der innern Sammlung zu leben.

Aber dieses Glück sollte nicht lange dauern. Dem Diakon ward eine

große Ehre zuteil: der Bischof, der zur Session des Heiligen Synods

berufen war, nahm ihn mit nach Petersburg, weil der Protodiakon der

Gouvernementskathedrale erkrankt war.

Der Abschied des Diakons von Tuberozow war rührend. Achilla, der in

seinem Leben noch keinen Brief geschrieben hatte, nicht wußte, wie man

einen schreibt noch absendet, erklärte nicht nur, daß er dem Propst

regelmäßig schreiben werde, sondern er tat es auch wirklich.

Seine Briefe waren ebenso eigenartig und seltsam wie seine ganze

Denk- und Lebensweise. Zuerst erhielt Tuberozow einen Brief aus der

Gouvernementsstadt, und in diesem Brief, dessen Umschlag die Aufschrift

trug: »An den Vater Propst Tuberozow geheim und eigenhändig«, meldete

Achilla, daß er während seines Aufenthaltes im Kloster für Tuberozow

Rache an dem Zensor Troadij genommen habe: er habe dem Kater des

Zensors eine Wurst auf den Rücken gebunden mit der Aufschrift:

»Diese Wurst bring ich, der Kater,

Meinem Herrn, dem frommen Vater«

und ihn in den Klosterhof laufen lassen.

Einen Monat später schrieb Achilla aus Moskau, wie sehr ihm die Stadt

gefallen hätte; doch seien die Leute dort gar arglistig, insbesondere

die Kirchensänger, die ihn zweimal aufgefordert hätten, mit ihnen

Blachdnublach zu trinken, er aber habe »aus der Praxis wohl wissend,

was sothanes Blachdnublach zu bedeuten habe, sich ob dieser ihrer

Sängerfrechheit nicht wenig verwundert«.

Einige Zeit später schrieb er aus Petersburg:

»Mein vielgeliebter Freund und Euer Hochwürden Vater Sawelij. Freuet

Euch. Ich lebe herrlich im Klostergasthof, in dem es freilich an

Versuchungen jeglicher Art nicht fehlt, denn es geht hier fast ebenso

zu, wie mitten im Lärm der großen Stadt. Und doch sehne ich mich sehr

nach Euch. Wenn wir zusammen hier wären, könnten wir gemeinschaftlich

viel schöner und mit viel mehr Freude alles bewundern. Eure weisen

Ratschläge habe ich mir wohl gemerkt und werde von allen mit größter

Achtung behandelt, was Euch ja das Moskauer Blachdnublach beweist,

welches mitzutrinken ich mich weigerte. Ich trinke nur ganz wenig,

und auch nur deshalb, weil ich sonst fürchte, gute Bekanntschaft zu

verlieren. An Schönem ist hier kein Mangel, bloß einen richtigen

Diakon, wie man ihn sich bei uns wünscht, habe ich noch nicht

gefunden. Alle sind sie Tenöre, die nach unsern Begriffen nur zu

Friedhofsgottesdiensten zu brauchen wären, und obgleich einige sich

sehr aufspielen, so sind sie doch an Gestalt im Vergleich zu uns gar

jämmerlich und ihr Gesang ist ein halbes Sprechen, wobei sie nicht

mal die richtige Note treffen, und die Sänger mit ihnen gar nicht

ordentlich zurechtkommen können. Ich aber, der ich mein Handwerk

kenne, mache ihre Mode nicht mit, sondern singe die Messe so, wie

ich es gewohnt bin, und, obgleich ich ein Fremder bin, hat mich die

Kaufmannschaft doch aufgefordert, beim Dankgottesdienst vor der

Markthalle mitzusingen, und ich habe dafür, außer der Renumeration

in barem Gelde, noch drei Tücher aus Seidenfoulard erhalten, wie Ihr

sie so gerne habt und welche ich Euch als Gastgeschenk mitzubringen

gedenke. Wohl bekomm's! Langeweile habe ich oft. Man bekommt hier

meistens Kaffee vorgesetzt. Wegen der weiten Entfernungen mache ich

nur wenig Besuche. Fast alle wohnen in Nebenstraßen; und da ich auf

dem Imperial fahre, komme ich in keine Nebenstraßen hinein. Doch Ihr

als Provinzler werdet das gar nicht verstehen: man sitzt wie auf einem

Hause, hoch oben auf dem Dache, und wenn man von da hinunter will, so

muß man sehr gewandt sein, um abspringen zu können. Dem weiblichen

Geschlecht ist dieses wegen seiner Kleidung überhaupt nicht gestattet.

Die Droschkenkutscher aber sind hier, wie ich bemerke, große Spötter.

Und wenn einer von uns geistlichen Personen einen mieten will und er

bietet einen niedrigen Preis, dann schreien gleich alle andern: ›Mit

dem sollt Ihr nicht fahren, Vater, der hat erst gestern einen Priester

in den Schmutz fallen lassen.‹ Deshalb lasse ich mich mit ihnen lieber

nicht ein. Unsern Warnawa habe ich einmal getroffen, sprach ihn aber

nicht. Denn wir fuhren aneinander im Imperial vorüber, und ich konnte

ihm nur von ferne drohen. Im übrigen sieht er halb krepiert aus. Was

Euer Unglück betrifft, daß Ihr noch unter dem Bann steht und nicht für

Euch in der Messe beten könnt, so grämt Euch deshalb nicht. Ich habe

das alles wohl überlegt und eingerichtet und der Allmächtige sieht

es. Seid getrost: Wenn Ihr auch für Euch selbst im Kreisstadttempel

nicht beten könnt, in der Residenz ist ein Mann, durch den steigt

das Gebet für Euch zum Himmel empor, -- aus der Kasankathedrale, wo

der Erretter des Vaterlandes, der durchlauchtigste Fürst Kutusow,

beigesetzt ist, und aus der Isaakskathedrale, die von außen ganz von

Marmor ist. Und dieser Beter in der Residenz bin ich, denn sobald ich

die große Fürbitte verlesen habe, so verkünde ich laut die Namen, die

mir vorgeschrieben sind, aber heimlich flüsternd nenne ich still für

mich auch Deinen Namen, mein Freund Vater Sawelij, und sende mein

allerheißestes Gebet für Dich zum Höchsten hinauf, und klage ihm, wie

Du vor aller Welt von Deinen Vorgesetzten gekränkt worden bist. Und ich

bitte Euch noch ganz besonders, nicht mehr an jenes Wort, Eure Tage

seien gezählt, zu denken, es nicht auszusprechen, denn das wäre für

mich und den Vater Zacharia über alle Maßen schmerzlich, und ich würde

Dich, auf Ehrenwort, nur ganz kurze Zeit überleben.«

Unterzeichnet war der Brief: »Zeitweiliger Residenzstellvertreter

des Protodiakons seiner Parochie, Diakon am Dom zu Stargorod Achilla

Desnitzyn.«

Es kam noch ein zweiter Brief von Achilla, in dem er berichtete, daß er

»durch einen glücklichen Zufall doch mit Prepotenskij zusammengekommen

sei und sich mit ihm wegen der vergangenen Dinge habe schlagen wollen;

daß die Sache aber eine ganz andere Wendung genommen habe und er sogar

in seiner Redaktion gewesen sei.« Denn Warnawa war jetzt Redakteur und

Achilla hatte verschiedene »Literaten« bei ihm getroffen und sich mit

ihm ausgesöhnt. Als Grund zu dieser Versöhnung wurde angegeben, Warnawa

(nach Achillas Behauptung) sei ein sehr unglücklicher Mensch geworden,

weil er sich kürzlich mit einer Petersburger jungen Dame verheiratet

hätte, die weit strenger wäre, als jede ältere Frau, und immer gegen

die Ehe spreche. Auch solle sie Warnawa häufig prügeln. Er wäre gar

nicht mehr so wie früher: »Er hat mir selber offen eingestanden, wenn

er nicht eine solche große Angst vor seiner Frau hätte, so würde

er in seiner Zeitung sogar für den lieben Gott eintreten; und dann

schimpft er fürchterlich auf die Frau Biziukina und insonderlich den

Herrn Termosesow, der sich anfangs hier sehr gut eingerichtet hatte

und ein hohes Gehalt bezog im Geheimdienst, indem er ehrliche Leute

auszukundschaften hatte. Aber der böse Feind verführte ihn durch seine

Habsucht: er fing an falsches Papiergeld in Umlauf zu bringen, und nun

sitzt er im Gefängnis.« Am meisten aber rühmte Achilla sich dessen, daß

er eine Theatervorstellung mit angesehen habe. »Einmal (schrieb er)

bin ich mit den Kirchensängern in bürgerlichem Gewande auf die höchste

Galerie zur Oper ›Das Leben für den Zaren‹ gegangen, und habe nachher

von dem schönen Gesang fast die ganze Nacht vor Entzücken weinen

müssen. Ein andermal bin ich dann, wiederum als Zivilist verkleidet,

hingegangen, den König Achilla selber zu sehen. Aber mit mir hatte

er auch nicht die geringste Ähnlichkeit: Es kam ein Komödiant

herausstolziert, ganz in Gold gepanzert, und klagte über seine Ferse.

Hätte man mir solch eine Montur angezogen, ich hätte es viel dröhnender

gemacht. Das andere Spiel aber ist ganz heidnisch mit einer Offenheit

bis hierher, und auf einen Witwer oder einzelnstehenden Mann wirkt das

äußerst beunruhigend.«

Und dann kam endlich noch ein dritter Brief, in dem Achilla

meldete, er käme jetzt bald zurück, und an einem trüben Herbsttag

erschien er plötzlich bei Tuberozow, strahlend, als brächte er eine

Freudenbotschaft.

Sawelij begrüßte ihn und lief sofort auf die Straße, um die

Fensterläden zu schließen, weil kein Neugieriger von der Heimkehr des

Diakons erfahren sollte.

Ihre Unterredung dauerte sehr lange. Achilla trank in der Zeit einen

ganzen Samowar leer, Vater Tuberozow aber füllte seine Tasse immer von

neuem und sagte:

»Trink nur, Lieber, trink nur noch,« -- und wenn Achilla die Tasse

geleert hatte, meinte der Propst: »Nun erzähle weiter, Freund, was hast

du noch alles gesehen und erlebt?«

Und Achilla erzählte. Gott weiß, woher er das alles hatte, -- Wichtiges

und Unwichtiges bunt durcheinander. Was aber den Vater Sawelij am

meisten wunderte, waren die vielen seltsamen Worte, die Achilla

erbarmungslos in seine Rede mengte, mochten sie passen oder nicht,

Ausdrücke, wie er sie vor seiner Petersburger Reise nicht nur nie

gebraucht, sondern wohl auch gar nicht gekannt hatte.

So fing er zum Beispiel plötzlich ganz unvermittelt an: »Denk

dir einmal, Vater Sawelij, diese Kumbination ...« (Das ›u‹ wurde

unbarmherzig scharf betont.)

Oder:

»Wie er mir das sagte, da sah ich ihn an und antwortete: ›Nein, mein

Bester, ~je vous perdu~! Das wäre mir gerade der rechte Türlütütü!‹«

Mit welch großer Teilnahme Vater Tuberozow auch seinem Diakon zuhörte,

-- als diese und ähnliche Ausdrücke sich immer häufiger wiederholten,

runzelte er die Stirn und rief endlich ungeduldig:

»Was soll das eigentlich? Wo hast du all diese dummen Redensarten

gelernt?«

Aber der begeisterte Achilla war so eifrig dabei, dem Propst alle seine

aus der Residenz mitgebrachten Herrlichkeiten zu zeigen, daß er auch

vor den tollsten Wortbildungen nicht zurückschreckte.

»Hab' nur keine Furcht, guter Vater Sawelij, solche Worte haben nichts

zu sagen -- sie sind nicht verboten.«

»Wieso nichts zu sagen? Sie klingen häßlich.«

»Ihr seid sie nur nicht gewohnt. Mir kann man jetzt sagen, was man

will. Es ist alles Quatsch mit Sauce.«

»Schon wieder!«

»Was denn?«

»Was hast du da wieder für ein gemeines Wort gebraucht?«

»Quatsch mit Sauce!«

»Pfui!«

»Was ist denn dabei? Alle Literaten gebrauchen es.«

»Mögen sie es tun, in der Residenz sind sie eben so feine Herrschaften;

da geht's nicht ohne Sauce. Wir einfachen Leute aber haben an dem

Quatsch allein schon mehr als genug. Meinst du nicht?«

»Sehr richtig,« sagte Achilla und fügte nach einigem Nachdenken hinzu,

er fände eigentlich auch, daß Quatsch ohne Sauce viel besser klinge.

»Denkt einmal,« widerlegte er sich selbst, »wenn unsereins einen

Quatsch zum Besten gibt, dann lacht alles; aber die Leute geben gleich

auch noch eine scharfe Sauce hinzu -- zum Beispiel, es gebe keinen Gott

oder ähnliche Torheiten, so daß einem angst und bange wird, und nachher

gibt's dann allemal Zank und Streit.«

»Es muß einem dabei immer angst werden,« flüsterte Tuberozow.

»So streng darf man auch nicht sein, Vater Sawelij. Wenn sie's einem

beweisen -- wo soll man dann hin?«

»Was beweisen? Was redest du da? Was hat man dir bewiesen? Daß es

keinen Gott gibt?«

»Ja, Vater Sawelij, das hat man mir bewiesen ...«

»Was faselst du da, Achilla? Du bist doch ein ehrlicher Kerl und

Christ! Bekreuzige dich! Was hast du da gesagt?!«

»Was soll man denn machen? Ich bin ja selbst nicht froh. Aber gegen ein

Faktum kann man nicht ankämpfen.«

»Was für ein Faktum? Was hast du denn entdeckt?«

»Ach, Vater Sawelij, was soll ich Euch ärgern? Lest Ihr nur Euren

Bunian und glaubt in Eurer Einfalt, wie Ihr bisher geglaubt habt.«

»Laß du meinen Bunian in Ruh und kümmere dich nicht um meine Einfalt.

Bedenke nur, wie du dich selbst bloßstellst!«

»Was soll man machen? Es ist ein Faktum!« erwiderte Achilla seufzend.

Tuberozow stand erregt auf und verlangte, Achilla solle ihm sofort das

Faktum nennen, auf das sich sein Zweifel an der Existenz Gottes gründe.

»Dieses Faktum hüpft auf jedem Menschen herum,« antwortete der Diakon

und erklärte dann, er meine damit den Floh. Einen Floh könne jeder aus

Sägespänen hervorbringen, und also hätte auch die Welt von selbst

entstehen können.

Auf dieses naive und offenherzige Geständnis wußte Tuberozow zuerst

gar nichts zu erwidern, Achilla aber begann nun, nachdem das

Gespräch einmal diese Wendung genommen hatte, seine Petersburger

Aufklärungsideen weiter zu entwickeln.

»Wozu arbeitet der Mensch? Um des Essens willen. Er möchte satt sein

und keinen Hunger leiden. Wenn wir nicht essen müßten, würden wir

überhaupt nichts tun. Man nennt das den Kampf ums Dasein. Ohne den gäb'

es gar nichts.«

»Nun sieh mal,« sagte Tuberozow, »Gott hat das alles gar nicht nötig

gehabt und hat doch die Welt geschaffen.«

»Das ist wahr,« sagte der Diakon, »Gott hat sie geschaffen.«

»Wie kannst du ihn dann aber leugnen?«

»Ich leugne ja gar nicht,« antwortete Achilla, »ich sage nur, daß,

wenn man vom Faktum ausgeht, so kann, wie der Floh aus Sägespänen, die

Welt auch aus sich selbst heraus entstanden sein. Ihr Gott ist, heißt

es, der »Sauerstoff«. Aber der Teufel mag wissen, was das wieder für

ein Stoff ist! Und nun seht einmal: wenn Ihr das wieder von der andern

Seite betrachtet habt, versteh ich rein gar nichts mehr.«

»Wo ist denn dein Sauerstoff hergekommen?«

»Ich weiß nicht ... Lassen wir das lieber, Vater Sawelij.«

»Nein, das kann ich nicht. Es muß wieder heraus aus dir. Also sag'

einmal: wo hat er seinen Anfang, dein Sauerstoff?«

»Bei Gott, ich weiß es nicht, Vater Sawelij! Laßt es doch, Liebster!«

»Vielleicht ist dieser Sauerstoff ohne Anfang?«

»Das mag der Teufel wissen! Der soll ihn überhaupt holen!«

»Und er hat auch kein Ende?«

»Vater Sawelij! ... Was geht uns dieser verfluchte Sauerstoff an? Mag

er doch ohne Anfang und ohne Ende sein! Was kümmert's uns?«

»Begreifst du, was das heißt: ohne Anfang und ohne Ende?«

Achilla erwiderte, er begreife es, und fuhr mit lauter Stimme fort:

»Es ist ein Gott, der in der Dreifaltigkeit angebetet wird, der ewig

ist, nicht Anfang noch Ende seines Seins hat, sondern immer war, ist

und sein wird.«

»Amen,« sagte Sawelij lächelnd, und immer noch lächelnd stand er auf,

faßte freundlich Achillas Hand und sagte:

»Komm, ich will dir etwas zeigen.«

»Gerne,« erwiderte der Diakon.

Und Hand in Hand gingen sie aus dem Zimmer, durchschritten den ganzen

Hof und blieben schließlich in der Mitte des mit glänzendem frischen

Schnee bedeckten Gemüsegartens stehen. Der Alte zeigte dem Diakon das

Kreuz des Doms, wo sie so lange Zeit zusammen vor dem Altar gestanden

hatten; dann richtete er immer noch schweigend den Zeigefinger abwärts

und sagte streng:

»Falle nieder und bete!«

Achilla kniete nieder.

»Sprich: Herr, reinige mich Sünder und sei mir gnädig,« sagte Sawelij

und beugte sich selbst als erster zur Erde.

Achilla seufzte und folgte seinem Beispiel. In der feierlichen Stille

der Mitternacht, im weißen, monderhellten, einsamen Garten stand er

da und immer wieder schlug er mit der heißen Stirn gegen den kalten

Schnee, und tiefe Seufzer wechselten mit der süßen Klage des Bußgebets:

»Herr, reinige mich Sünder und sei mir gnädig« -- und dazwischen klang

die Stimme des Propstes, der die zweite Bitte sprach: »Herr, gehe nicht

ins Gericht mit deinem Knecht.« Der Prediger und der Büßer beteten

zusammen.

Wie groß war doch der Unterschied zwischen diesem Achilla und jenem,

den wir einst in der Morgenröte pfeifend auf flammendem Roß durchs

Wasser reiten sahen!

Jener Achilla war wie ein frischer Morgen nach nächtlichem Regen,

dieser flimmert wie Sonnenuntergang nach einem stürmischen Tage.

Während Achilla betete, saß Tuberozow in seinem leichten grauen

Leibrock auf der Bank vor dem Badehause und zählte, mit dem Kopfe

wackelnd, die Verbeugungen Achillas. Als er so viele abgezählt hatte,

wie ihm nötig schien, stand er auf, faßte den Diakon an der Hand und

friedlich gingen sie wieder in das Haus zurück. Aber ehe er sich zu

Bett legte, trat der Diakon noch einmal zu Tuberozow heran und sagte:

»Wißt Ihr, Vater Propst, als ich betete ...«

»Nun?«

»Da war es mir, als ob die Erde erbebte.«

»Gesegnet sei der Herr, daß er dir ein solches Gebet gab! Geh jetzt,

leg dich nieder und schlafe in Frieden,« antwortete der Propst und

beide schliefen friedlich ein.

Aber als Achilla am nächsten Morgen erwachte, da hatte er ein Gefühl,

als wäre er aus sich selbst herausgekommen, als hätte er unversehens

etwas fortgeworfen und etwas anderes dafür gefunden. Etwas, das schwer

zu tragen war und wovon man sich doch nicht trennen konnte und nicht

wollte.

Es war der Strom des lebendigen, rettenden Glaubens, der die verwirrte,

bebende Seele überflutete.

Sie mußte krank werden und sterben, um auferstehen zu können, und diese

heilige Arbeit war in vollem Gange.

Der törichte Achilla war weise geworden, er suchte die Stille, und

eines Tages, als er sich schon etwas gefestigt fühlte, fragte er den

Propst:

»Sage mir, du gewaltiger Greis, wie soll ich mit mir zurechtkommen,

wenn Gottes Wille es so fügt, daß ich, sei's auch nur für kurze Zeit,

allein bleibe? Bisher war ich stolz auf meine Kraft, aber nun bin ich

andern Sinnes geworden und weiß, daß ich mich nicht auf sie verlassen

kann.«

»Ja, du warst groß und stark, aber auch dir naht die Stunde, da

nicht mehr du dich selbst, sondern da ein anderer dich gürten wird,«

erwiderte Sawelij.

»Aber auf meine Vernunft ist noch weniger Verlaß als auf die Kraft,

denn Ihr wißt ja, wie leicht ich irre werde.«

»Vertrau auf dein Herz, es schlägt treu und wahr.«

»Was aber soll ich sagen, wenn ich einmal Rede stehen muß? Mein Herz

ist ja stumm.«

»Lausche nur, so wirst du wohl hören, was es leise zu dir flüstert.

Aber die Flöhe, die von der schmutzigen Erde auf dich hüpfen, die

schüttle ab.«

Achilla legte die Hand aufs Herz und ging. »Wie soll das zugehen?«

dachte er, und eine unbestimmte Ahnung sagte ihm, daß er bald, sehr

bald allein sein, daß all seine Kraft ihn verlassen und »ein anderer

ihn gürten« werde.

Fünftes Kapitel.

Die dunkeln, bangen Ahnungen des Diakons gingen in Erfüllung: der

schwächliche, durch die Ereignisse hart mitgenommene alte Propst

gehörte kaum noch dieser Welt an. Er erkältete sich nachts beim Zählen

der Verbeugungen, die der Diakon auf seinen Befehl zu machen hatte,

und wurde krank. Er litt nur wenig Schmerzen, fühlte aber, daß der Tod

schon die Arme nach ihm ausstreckte.

Und nur eins tat ihm weh: daß der Bann immer noch nicht von ihm

genommen war. Achilla verstand dies sehr wohl und wußte auch, was den

Alten dabei am meisten betrübte.

Tuberozow wollte nicht als Gemaßregelter sterben. Er wollte vor den

himmlischen Richter als ein von der irdischen Gewalt Freigesprochener

treten. Er diktierte dem Diakon einen Brief, in dem er der geistlichen

Behörde von seiner Krankheit Mitteilung machte und in rührenden Worten

bat, man solle ihm die Gnade erweisen und die Frist des ihm auferlegten

Bannes verkürzen. Der Brief wurde abgesandt, blieb aber unbeantwortet.

All seine Kraft, alles, was ihm lieb und teuer war, hätte Achilla

freudig hingegeben, um diesen Schmerz von der Seele Tuberozows zu

nehmen, aber es lag nicht in seiner Macht, auch war es schon zu spät.

Der Todesengel schwebte bereits zu Häupten seines Bettes, um die

scheidende Seele zu empfangen.

Die Klerisei · 第 21 / 25 段