Noch war der Schläfer mit seiner letzten Fioritur nicht ganz fertig,

als die Linke der Frau Postmeisterin ihn kräftig an den Haaren emporriß

und die Rechte, nachdem sie das Messer fallen gelassen, ihm eine

schallende Ohrfeige verabfolgte.

»Mmmm ... Warum denn? Warum?« brummte der Erwachende, aber statt einer

Antwort erhielt er eine zweite Ohrfeige, dann eine dritte, eine fünfte,

zehnte, eine immer kräftiger und dröhnender als die andere.

»Au, au, au,« schrie er und versuchte vergeblich, den aus der

Finsternis auf ihn herabhagelnden Backpfeifen auszuweichen, bis diese

plötzlich durch ein weniger lautes, aber nicht minder schmerzhaftes

Zausen und Schütteln ersetzt wurden.

»Herzchen! Was tust du denn, Herzchen! Das bin ja gar nicht ich! Das

ist doch Warnawa Wasiljewitsch!« kam vom Tische her die Stimme des

aufgeschreckten Postmeisters.

Die Postmeisterin hielt verblüfft ein, ließ die Mähne Warnawas los,

schrie laut auf: »Was machst du mit mir, du Ungeheuer!« -- und stürzte

sich auf ihren Gatten.

»Ja, ja, das bin ich,« hörte Warnawa den Postmeister rufen, und ohne

etwas zu begreifen -- außer der Notwendigkeit, sich eiligst aus dem

Staube zu machen -- sprang er vom Sofa auf und rannte, wie er war, in

Unterhosen und Strümpfen, durch die glücklich gefundene Tür auf die

Straße hinaus.

Er war gründlich verdroschen worden, und als er sich das Gesicht mit

dem Ärmel wischte, bemerkte er, daß seine Nase blutete.

In demselben Augenblick ging die Tür leise auf und seine Kleider fielen

vor ihm hin. Er bückte sich, um sie aufzuheben, als eine Minute später

auch die Stiefel über den Zaun geflogen kamen.

Warnawa setzte sich auf den Boden und zog die Stiefel an, fuhr, so gut

es ging, in Hosen und Rock und trottete nach Hause.

Eine Woche darauf verließ der Lehrer Prepotenskij mit einem

Urlaubschein und einigen wenigen Spargroschen in der Tasche die Stadt.

Die Ursache dieser plötzlichen Flucht war und blieb für alle ein ewiges

Geheimnis.

Zehntes Kapitel.

An demselben Tage, wo es in Stargorod so lustig herging, spielte sich

weit draußen in dem gelben Stübchen des verbannten Propstes eine Szene

anderer Art ab. Natalia Nikolajewna bereitete sich zum Sterben.

Gewissenhaft und sparsam, wie sie war, hatte die Pröpstin während der

ganzen Zeit ihres Aufenthaltes bei ihrem gemaßregelten Gatten sich ohne

Bedienung beholfen und allerlei Arbeit auf sich genommen, an die sie

nicht gewohnt war und die ihre Kräfte weit überstieg. Als sie bei dem

letzten Fünfundzwanzigrubelschein in ihrer Schachtel angelangt war,

erschrak sie, daß sie bald ganz ohne Geld sein würde, und beschloß,

ihren Hauswirt, den Gendarm, zu bitten, ihnen die Miete zu stunden, bis

der Propst wieder begnadigt sei. Der Gendarm ging darauf ein, Natalia

Nikolajewna aber hielt das vor ihrem Gatten streng geheim und suchte

auf jede Weise das Geld beim Hauswirt abzuverdienen: sie grub mit

seiner Magd Kartoffeln, hackte Kohl und spülte ihre Wäsche selbst im

Fluß.

Jedoch das war zu viel für ihre Jahre und ihre schwache Gesundheit. Sie

erkrankte und mußte das Bett hüten.

Der Propst machte ihr Vorwürfe wegen ihrer übergroßen Sorgsamkeit.

»Du glaubst, du hilfst mir,« sagte er, »aber als ich hörte, was du

getan hast, verdoppelte das meine Qualen.«

»Vergib,« flüsterte Natalia Nikolajewna.

»Was heißt: vergib? Vergib du mir,« antwortete der Propst und faßte

ihre Hand, die er leidenschaftlich küßte. »Ich habe dich mit meiner

starren Unbotmäßigkeit so weit gebracht, aber wenn du willst ... sage

nur ein Wort und ich gehe und demütige mich dir zuliebe.«

»Was fällt dir ein? Nie werde ich dieses Wort sagen! Soll ich deine

Lehrmeisterin sein, der du alles weißt und alles zum Rechten wendest?«

»Um meiner Ehre willen +muß+ ich dieses tragen, Liebste.«

»Und Gott möge dir helfen, an mich aber sollst du nicht denken.«

Der Propst küßte noch einmal die Hände seiner Frau und ging an sein

Tagewerk, Natalia Nikolajewna aber wickelte sich in ihre Decke und

schlief ein. Und da sah sie im Traum den Diakon Achilla, der zu ihr

ins Zimmer trat und sprach: »Warum betet Ihr denn nicht, daß der

Vater Sawelij sein Leid leichter trage?« -- »Wie denn?« fragt Natalia

Nikolajewna, »lehre mich, wie ich zu beten habe.« -- »Nun,« antwortet

Achilla, »Ihr sollt bloß sagen: Herr, hilf uns auf den Wegen, die du

kennst.« -- »Herr, hilf uns auf den Wegen, die du kennst,« wiederholte

Natalia Nikolajewna andächtig, und plötzlich war ihr, als nähme der

Diakon sie auf seine Arme und trüge sie in das Allerheiligste, --

der Raum war unendlich groß: Säule reihte sich an Säule, und der

Altar reckte sich bis zum Himmel empor und flammte in tausend hellen

Lichtern; hinter ihnen aber, von wo sie gekommen waren, schien alles

winzig klein, so klein, daß sie gelacht hätte, wenn es sie nicht

beunruhigt hätte, daß sie doch ein Weib sei, das Allerheiligste also

gar nicht betreten dürfe. »Bist du bei Sinnen, Diakon!« sagte sie zu

Achilla, »man wird dich deines Amtes entsetzen, wenn man erfährt, daß

du eine Frau ins Allerheiligste getragen hast.« Er aber erwiderte:

»Ihr seid keine Frau, sondern eine +Kraft+!« Und mit einem Male war

Achilla und das Allerheiligste und der Altar und die Lichter -- alles,

alles verschwunden, und Natalia Nikolajewna schlief nicht mehr, sondern

wunderte sich nur, warum alles um sie herum immer noch so klein aussah:

der Samowar da drüben war gar kein richtiger Samowar, sondern ein

Spielzeug, und die Teekanne darauf war nur eine Eierschale ...

In diesem Augenblick kam Tuberozow aus dem Kloster zurück und fing an,

freundlich zu ihr zu sprechen, sie aber wehrte mit beiden Händen ab.

»Still,« sagte sie, »still: ich muß ja bald sterben.«

Der Propst blickte sie ganz erstaunt an.

»Was fällt dir ein, Natascha? Gott behüte uns in Gnaden!«

»Nein, Liebster, ich muß sterben. Ich lebe nur noch halb.«

»Wer hat dir das gesagt?«

»Wer mir's gesagt hat? Ich sehe alles nur halb.«

Der Arzt kam, fühlte den Puls, besah die Zunge und sagte: »Nichts

Besonderes, Erkältung und Übermüdung.«

Tuberozow wollte ihm sagen, daß die Kranke alles nur halb sehe, aber er

genierte sich.

»Du hast sehr recht getan, es ihm nicht zu sagen,« meinte Natalia

Nikolajewna, als er es ihr erzählte.

»Siehst du wirklich alle Gegenstände nur halb?«

»Ja! Ist das droben am Himmel der Mond?«

»Freilich ist es der Mond, der auf uns zwei Alte durchs Fenster

herabschaut!«

»Und mir erscheint er wie ein Fischauge.«

»Das kommt dir nur so vor, Natascha.«

»Nein, es ist wirklich so, Vater Sawelij.«

Um seine Frau von ihrem Irrtum zu überzeugen, nahm Tuberozow den

verhängnisvollen Fünfundzwanzigrubelschein aus der Schachtel und zeigte

ihn ihr.

»Nun sag mal, was ist das?«

»Zwölf und ein halber Rubel,« erwiderte Natalia Nikolajewna sanft.

Tuberozow erschrak. Das war ihm unbegreiflich. Natalia Nikolajewna aber

faßte lächelnd seine Hand und flüsterte, indem sie die Augen schloß:

»Du scherzest und ich scherze auch. Ich habe wohl gesehen, daß das

unser Schein war. Aber alles sieht winzig klein aus. Doch sobald ich

die Augen zumache, seh' ich alles groß, riesengroß. Alle wachsen: du

und Nikolai Afanasjewitsch, unser Freund, und der liebe Diakon Achilla,

und Vater Zacharia ... Mir ist so wohl, so wohl, weckt mich nicht.«

Und Natalia Nikolajewna entschlief für immer.

Fünftes Buch.

Erstes Kapitel.

Nicht nur den Zwerg Nikolai Afanasjewitsch erschütterte die

schauerliche Ruhe des Gesichtsausdrucks und der wackelnde Kopf

Tuberozows, der langsam durch den tiefen Schlamm der ungepflasterten

Straßen hinter dem Sarge seiner entschlafenen Gattin herging, sondern

in dem großen und stummen Schmerz tiefangelegter Menschen liegt

unzweifelhaft eine unwiderstehliche Kraft, die von allen empfunden

wird und bei kleinen Naturen, welche gewohnt sind, ihr Weh in lauten

Seufzern und Geschrei ausströmen zu lassen, Angst und Grauen erweckt.

Das fühlte jetzt jeder, der irgend etwas mit dem verwaisten Greise

zu tun gehabt hatte, dessen treue Gefährtin dahingegangen war. Als

die Erdschollen an den Sargdeckel schlugen und der in den Bann getane

Priester sich umwandte, um von dem hohen Erdhaufen herabzusteigen,

traten alle Umstehenden zurück und gaben ihm den Weg frei, den er

nun auch ganz allein mit entblößtem Haupte durch den ganzen Friedhof

entlang schritt.

Am Tor blieb er stehen, betete vor dem Heiligenbild der Kapelle, setzte

seinen Hut auf und wandte sich noch einmal um. Erstaunt trat er zurück.

Vor ihm stand der Zwerg Nikolai Afanasjewitsch, der von der Grabstätte

an in einer Entfernung von zwei Schritt hinter ihm hergegangen war.

Etwas wie Freude zuckte über das Gesicht des Propstes. Es tat ihm

augenscheinlich wohl, seinem »alten Märchen« in einem so trüben

Augenblick zu begegnen. Er wandte sich seitwärts den schwarzen Feldern

zu, auf denen noch kümmerlich und frierend die Wintersaat sproßte, und

aus seinen Augen fiel eine schwere Träne, einsam und schnell, wie ein

Tropfen Quecksilber, und verlor sich in seinem grauen Barte, gleich

einem im Walde verirrten Waisenkind.

Der Zwerg bemerkte diese Träne. Er wußte, was sie bedeutete und schlug

still ein Kreuz. Sie machte Sawelijs vom Übermaß des Schmerzes beengte

Brust leicht. Er holte tief Atem, und als der Zwerg ihn aufforderte, in

seinen Wagen zu steigen, erwiderte er:

»Ja, Nikolascha, es ist gut, ich will mit dir fahren.«

Schweigend fuhren sie dahin, bis der Wagen vor dem Häuschen des

Gendarmen in der Klostervorstadt hielt. Tuberozow drückte dem Zwerg

stumm die Hand und ging in seine Wohnung.

Nikolai Afanasjewitsch folgte ihm nicht. Er empfand, daß Tuberozow

jetzt allein sein wollte. Erst am Abend besuchte er den Witwer, und

nachdem er eine Zeitlang dagesessen hatte, bat er um Tee unter dem

Vorwande, daß ihn friere; in Wirklichkeit wollte er Sawelij von seinem

Schmerz ablenken und das Gespräch auf den eigentlichen Zweck seines

Besuchs bringen. Der Plan gelang vollkommen, und als Tuberozow den

dampfenden Samowar hineingetragen hatte, die Tassen aus dem Schrank

holte und sich anschickte, den Tee zu bereiten, begann der Zwerg

leise zu erzählen, was sich in all der Zeit in Stargorod zugetragen.

Schritt für Schritt ging er vorwärts, ließ einen Tag nach dem andern

vorüberziehen, bis zu dem Augenblick, wo er hier am Teetisch saß. In

diesem Bericht war natürlich sehr viel die Rede von der Betrübnis der

Städter über das Mißgeschick des Propstes, den man so sehr vermißte und

ganz zu verlieren fürchtete.

Der Propst, der dem Zwerg anfangs ernst und ruhig, beinahe teilnahmlos

zugehört hatte, wurde aufmerksamer, als die Rede auf das Verhalten

der Gemeinde seiner Maßregelung gegenüber kam. Und als der Zwerg,

nachdem er sich erst umgesehen hatte, mit gedämpfter Stimme zu erzählen

fortfuhr, sie hätten im Namen der ganzen Gemeinde ein Gesuch aufgesetzt

und unterzeichnet, und er, Nikolai Afanasjewitsch, hätte es von Achilla

empfangen und auf seiner Brust verborgen, da zuckte die Unterlippe des

Alten krampfhaft und er sagte:

»Ein braves Volk. Ich danke.«

»Ja, es ist brav, unser Volk, sogar sehr brav, aber es weiß noch nicht

recht, wie es eine Sache anfangen soll.«

»Finsternis, Finsternis über dem Abgrund ... doch über allem schwebt

der Geist des Herrn,« sagte der Propst, seufzte tief und bat um das

Papier, von dem der Zwerg gesprochen hatte.

»Wozu braucht Ihr es denn, Vater Propst, dieses Papier?« fragte der

Zwerg schlau lächelnd. »Morgen wird es dem überreicht, an den es

gerichtet ist --«

»Gib es mir, ich will es besehen.«

Der Zwerg knöpfte seinen Rock auf, um seinen Brustbeutel herauszuholen,

schien sich aber plötzlich auf etwas zu besinnen.

»Nun, so gib doch her,« bat Sawelij.

»Aber werdet Ihr ... werdet Ihr es nicht zerreißen, Vater Propst?«

»Nein,« sagte Tuberozow fest, und als der Kleine ihm das Blatt

hinreichte, das mit winzigen und riesengroßen, deutlichen und ganz

unleserlichen Unterschriften bedeckt war, murmelte Sawelij andächtig:

»Zerreißen? Dieses kostbare Dokument zerreißen? Nein, nein! Mit ihm ins

Gefängnis; mit ihm ans Kreuz! In den Sarg sollt ihr es mir legen!«

Und zum nicht geringen Entsetzen des Zwerges rollte er das Blatt

schnell zusammen und verbarg es auf seiner Brust unter dem Leibrock.

»Aber, Vater Propst, das soll doch eingereicht werden!«

»Nein, das soll es nicht!«

Ihm das Papier jetzt fortzunehmen, war unmöglich. Man konnte sicher

sein, daß er sich eher von seinem Leben, als von diesem Blatt mit den

kostbaren Krakelfüßen seiner Gemeinde trennen würde.

Dies sah der Zwerg ein und versuchte vorsichtig, sich dem Gedankengang

Sawelijs anzupassen. Er fing an davon zu reden, wie bedeutungsvoll und

erfreulich dieses Eintreten der Gemeinde für ihren Pfarrer sei, und

wies weiter darauf hin, daß der Wille der Gemeinde für jeden Einzelnen

bindend und heilig sein müsse.

»Sie weinen und wehklagen jetzt, Vater Propst, daß sie Euch nicht mehr

sehen sollen.«

»Das ist nicht zu ändern,« sagte der Propst seufzend. »Meine Tage sind

ohnedies schon gezählt.«

»Aber ich, Vater Propst? Wie steh' ich da? Was hat die Gemeinde mir

anvertraut und womit kehr' ich zu ihr zurück?«

Tuberozow stand auf, durchschritt ein paarmal sein enges Zimmerchen,

blieb in der Ecke vor dem Heiligenbilde stehen, zog das Blatt wieder

hervor, küßte es noch einmal und reichte es dann dem Zwerg mit den

Worten:

»Du hast recht, mein lieber Freund, tu, wie die Gemeinde dir befohlen.«

Zweites Kapitel.

Nikolai Afanasjewitsch hatte viel Mühe, um seinen Auftrag auszuführen,

aber er war ebenso unermüdlich wie geschickt. Dieser kleine Abgesandte

der großen Gemeinde kannte weder Ermattung noch Überstürzung. Wie eine

Klette hängte er sich an alle, die ihm förderlich sein konnten, und

ließ sie nicht los. Den Propst besuchte er allabendlich, doch erzählte

er ihm nichts von seinen Bemühungen, und Sawelij selbst dachte nicht

daran, ihn zu fragen. Inzwischen rückte aber die Sache so gut vorwärts,

daß am neunten Tage nach dem Tode Natalia Nikolajewnas, als der Propst

vom Friedhof gekommen war, der Zwerg zu ihm sagen konnte:

»Nun, lieber Vater Propst, macht Euch zur Heimreise fertig. Man entläßt

Euch.«

»Der Wille des Herrn sei über mir,« erwiderte Tuberozow gleichgültig.

»Man verlangt nur eines von Euch, Ihr sollt Euch schriftlich

verpflichten, dieses hinfort nicht mehr zu tun.«

»Gut; ich will's nicht mehr tun ... werde es nicht tun ... ich bin

schwach und zu nichts mehr zu brauchen.«

»Wollt Ihr Eure Unterschrift geben?«

»Ja ... ich will ... ich bin bereit.«

»Und dann bittet man noch ... Ihr sollt Euch schuldig bekennen und um

Verzeihung bitten.«

»Schuldig? Wessen beschuldigt man mich?«

»Des Übermuts. Das heißt -- sie nennen es so: Übermut.«

»Übermut? Ich war nie übermütig und habe stets auch andere, soviel ich

vermochte, davon zurückgehalten. Ich kann mich also nicht einer Sünde

schuldig bekennen, die ich nicht begangen habe.«

»Aber sie nennen es so.«

»So sage ich ihnen, daß ich mir keines Übermuts bewußt bin.«

Tuberozow blieb stehen, hob den Zeigefinger der rechten Hand in die

Höhe und rief:

»Der Prophet ward nicht übermütig genannt, da er für den Herrn eiferte.

Geh hin und sage ihnen: der Priester, den ihr in den Bann getan, läßt

euch melden, daß der Eifer des Herrn ihn getrieben, und daß er, wie er

als Eiferer geboren, so auch sterben werde. Und jetzt will ich kein

Wort von Vergebung mehr hören.«

Mit dieser kategorischen Antwort mußte der Fürsprecher sich entfernen,

und wieder lief er von Tür zu Tür, bat, flehte, drohte sogar mit dem

menschlichen und göttlichen Gericht, aber alles war vergeblich.

Der Zwerg wurde krank und mußte sich zu Bett legen; die Unmöglichkeit,

die Sache zum Austrag zu bringen, die er auf sich genommen, hatte die

Kraft und die Geduld des eigenartigen Anwalts gebrochen.

Nun tauschten die beiden Alten ihre Rollen, und wie bisher Nikolai

Afanasjewitsch den Propst täglich besucht hatte, so wanderte jetzt

Sawelij, wenn er die vorgeschriebene Menge Holz gesägt und die Vesper

im Kloster mit angehört hatte, nach dem großen Plodomasowschen Hause,

wo der Kranke in einem kleinen Hinterstübchen lag.

Der arme Zwerg tat dem Propst unsagbar leid, er fühlte alle seine

Schmerzen mit ihm und sagte seufzend:

»Das hatte noch gefehlt, daß du um meinetwillen leiden mußtest.«

»Ach, Vater Propst, was redet Ihr von mir altem Hasen? Wozu bin ich

denn überhaupt noch auf der Welt? Denkt lieber an Euch, und an ihn,

an Euren Hohepriester! Er +bittet+ Euch doch, daß Ihr Euch demütigt!

Tröstet ihn, gebt nach, bittet um Vergebung.«

»Ich kann nicht, Nikolai, ich kann nicht.«

»Demütigt Euch.«

»Ich demütige mich vor der Gewalt, aber was höher ist als die irdische

Gewalt, das hat mehr Macht über mich ... Ich stehe unter dem Gesetz.

Sirach hat es uns zur Pflicht gemacht, für die Ehre unseres Namens

Sorge zu tragen, und der Apostel Paulus protestierte gegen die

Mißachtung seiner Bürgerrechte; ich habe nicht das Recht, mich zu

erniedrigen um einer Abbitte willen.«

Der Zwerg gab alle Hoffnung auf und begann, sich zur Heimreise

nach Stargorod zu rüsten. Sawelij widersetzte sich dem nicht; im

Gegenteil, er riet ihm selbst, schneller abzureisen und gab ihm

keinerlei Aufträge, was er daheim sagen oder antworten sollte. Bis

zum letzten Augenblick, als er den Zwerg aus der Stadt hinaus bis zum

Zollschlagbaum begleitete, bestand er auf seinem Willen und kehrte

ruhig in die Stadt und auf den Klosterhof zurück, um sein Holz zu sägen.

Der Kummer des Zwerges war grenzenlos. Er hatte ganz anders gehofft

heimzukehren, und seine Gedanken umkreisten unablässig denselben

Gegenstand. Plötzlich jedoch kam ihm Erleuchtung -- ein einfacher,

klarer, rettender, glänzender Gedanke, wie sie dem Menschen nur selten

kommen und fast immer so unverhofft, als würden sie ihm von oben

gesandt.

Etwa zehn Werst weit war der Zwerg gefahren, als er dem Kutscher

befahl, wieder nach der Stadt zurückzukehren. Sofort begab er sich

zu Sawelijs Vorgesetzten und bat flehentlich, man möge dem Propst

+befehlen+, Abbitte zu tun.

Da man des halsstarrigen alten Mannes lange überdrüssig war, erfüllte

man seinen Wunsch ohne weiteres. Er erschien daher wieder bei Tuberozow

und erklärte:

»Nun, stolzer Vater Propst, Ihr wolltet Euch nicht bestimmen lassen, --

jetzt habt Ihr's so weit gebracht, daß Ihr Euch der Strenge fügen müßt.

Ich bin beauftragt, Euch mitzuteilen, daß die Obrigkeit Euch kraft der

ihr zukommenden Gewalt befiehlt, Abbitte zu tun.«

»Wo soll ich denn den Kniefall tun: hier, oder auf dem Marktplatz, oder

in der Kirche?« fragte Tuberozow trocken. »Mir ist es gleich. Was man

mir befiehlt, muß ich tun.«

Der Zwerg antwortete, daß kein Mensch eine derartige Demütigung von ihm

verlange; er habe schriftlich Abbitte zu leisten.

Sofort setzte sich Tuberozow hin und schrieb das Gewünschte nieder. Als

Überschrift wählte er die Worte: »Befohlenes ergebenstes Gesuch.«

Der Zwerg bemerkte, daß das Wort »befohlen« hier ganz unpassend sei,

jedoch Sawelij wies ihn energisch zurück:

»Ich hoffe, man hat dich nicht noch beauftragt, mir Unterricht in der

Logik zu erteilen. Ich habe genug davon im Seminar gelernt. Du sagtest,

es würde mir befohlen, und also schreibe ich auch ›befohlenes Gesuch‹.«

Die Sache endete damit, daß man den Vater Sawelij, um ihn endlich

einmal los zu sein, ziehen ließ, weil aber sein ergebenstes Gesuch

zugleich als »befohlenes« bezeichnet worden war, so erfolgte darauf der

Bescheid, daß der Propst noch ein halbes Jahr lang keine Amtshandlungen

ausüben dürfe.

Sawelij nahm das sehr kühl auf, dankte allen, denen er Dank zu schulden

glaubte, und reiste mit dem Zwerge nach Stargorod. Die lange, qualvolle

Verbannung war vorüber.

Drittes Kapitel.

Unterwegs redeten sie nicht viel, und immer nur war es der Zwerg,

welcher anfing. Er wollte den Propst, der stumm mit den in alten

Wildlederhandschuhen über den Knien gefalteten Händen dasaß, zerstreuen

und erheitern. Nikolai Afanasjewitsch fing bald von diesem, bald von

jenem an, Tuberozow jedoch schwieg oder gab nur ganz kurze Antworten.

Der Kleine erzählte, wie die Gemeinde um den Propst geklagt und geweint

hätte, wie die Postmeisterin ihren Mann verprügeln wollte und statt

dessen den Lehrer verprügelt hätte, wie dieser, von der Biziukina

verfolgt, aus der Stadt geflohen sei, aber der Alte schwieg und schwieg.

Nikolai Afanasjewitsch sprach von Tuberozows Hause: es werde baufällig

und müsse repariert werden.

Seufzend meinte der Propst:

»Für mich ist das alles nur Staub, und es ekelt mich, daß ich mein Herz

daran hängen konnte.«

Der Zwerg fing von Achilla an, der immer einen Zeitvertreib zu finden

wisse: jetzt habe er z. B. ein Hündchen zu sich ins Haus genommen, das

er noch blind am Flußufer ausgesetzt gefunden, und triebe immer neuen

Spaß mit ihm.

»Mag er doch, wenn es ihm Vergnügen macht,« sagte der Propst leise.

Nikolai Afanasjewitsch fuhr lebhafter fort:

»Ja, und es passieren ganz seltsame Geschichten mit diesem Hündchen,

Vater Propst. Er hat diesen Hund, wie schon seine früheren, lachen

gelehrt, und wenn er zu ihm sagt: ›Lache, mein Hündchen‹ -- dann zeigt

es gleich die Zähnchen. Nun machte ihm aber der Gedanke Sorge, wie er

das Tierchen nennen sollte.«

»Als ob es dem Vieh nicht ganz gleichgültig sei, wie man es nennt,«

sagte der Propst scheinbar gelangweilt.

Aber der Zwerg hatte schon gemerkt, daß sein Gefährte den Geschichten

vom Diakon Achilla mehr Teilnahme entgegenbrachte als seinen sonstigen

Reden, und fuhr deshalb fort:

»Man sollte es meinen. Aber dem Vater Diakon ist es nicht gleichgültig.

Er ist nun mal so ein Charakter: hat er sich was in den Kopf gesetzt,

dann hat er auch keine Ruhe mehr bei Tag und Nacht. ›Ich habe‹, sagt

er, ›dies Hündlein bei einer besondern Gelegenheit in sehr erregter

Stimmung heimgebracht, und ich will, daß es zur Erinnerung an diesen

Tag auch einen besondern Namen habe, einen Namen, wie er sonst nicht

vorkommt.‹«

Der Propst lächelte.

»So kam Vater Achilla eines Tages zu mir nach Plodomasowo geritten,

hielt auf seinem Rosse vor meinem und meines Schwesterleins Fenstern

an und rief mit Donnerstimme: ›Nikolascha! Heda, Nikolascha!‹ Ich

dachte: ›Herrgott, was ist denn da passiert?‹ schaute zum Fenster

hinaus und fragte: ›Ist am Ende dem Vater Sawelij noch etwas Schlimmes

widerfahren, Vater Diakon?‹ -- ›Nein,‹ entgegnete er, ›nichts

dergleichen, aber ich habe ein wichtiges Anliegen an dich, Nikolascha.

Ich muß dich um Rat fragen.‹ -- ›Um was handelt sich's denn?‹ rief ich

hinunter. ›Macht schnell, wertester Herr, denn mir wird's kalt, wenn

ich so lange am offenen Fenster stehe. Ich vertrage das nicht.‹ --

›Du hast dich‹, sagte er, ›von klein auf in herrschaftlichen Häusern

umgetan und mußt alle Hundenamen wissen.‹ -- ›Da verlangt Ihr zu viel,‹

sagte ich. ›Ein jeder nennt seinen Hund so, wie's ihm paßt.‹ -- ›Na

also,‹ schrie er zurück, ›dann leg mal los!‹ -- Ich antwortete, der

Name richte sich doch meistens nach der Rasse. Die Windspiele nenne man

›Mylord‹, unsere einfachen Hunde ›Barbos‹, die englischen ›Fanny‹, die

kurländischen ›Charlotte‹ ... ›Aber‹, unterbrach mich der Vater Diakon,

›du sollst mir einen Namen nennen, der sonst nirgends vorkommt. Du mußt

einen solchen wissen!‹ ›Herrgott, wie beruhige ich den Menschen nur?‹

dachte ich.«

»Nun, und was hast du schließlich gemacht?« fragte Tuberozow neugierig.

Die Klerisei · 第 20 / 25 段