der Gouvernementsstadt fuhr -- mit zwei Pferden. Eins war meines
und das andere gehörte dem Subdiakon Serioga. Wir hatten sie beide
vor einen Wagen gespannt. Serioga wollte seine Kinder aus der Stadt
abholen, und was ich da zu suchen hatte, das mag der Teufel wissen.
Ich wollte wohl ein paar gute Bekannte wiedersehen. Als wir nun vor
die Stadt kamen, sahen wir, daß die Brücke fort war und eine Fähre
die Leute hinüberschaffte. Am Ufer herrschte ein fürchterliches
Gedränge; Kopf an Kopf standen die Menschen da; im Zollhäuschen aber
hatte ein Soldat einen Branntweinausschank. Na, da die Reihe an uns
noch nicht so bald kommen konnte, gingen wir hinein und tranken ein
jeder zwei Gläschen, uns zu erwärmen. Auch hier war alles voll von
Leuten: Mönche und Fuhrleute und Soldaten und Beamte -- das sind die
allerschlimmsten -- und auch einige Amtsbrüder. Es fanden sich auch
ein paar Bekannte aus unserer Gegend, und so mußte man, anläßlich des
frohen Wiedersehens, gleich noch zwei Gläschen kippen. Ein Schreiber,
ein ungeheuer freches Maul, fing an, uns aufzuziehen. Ich sagte ihm:
›Geh hin, wo du hergekommen bist. Du gehörst nicht zu uns.‹ Darauf er:
›Ich bin ein Offizier meines Kaisers!‹ Und ich: ›Ich selbst bin so
gut wie ein Stabsoffizier, mein Bester!‹ -- ›Stabsoffizier‹, sagt er
drauf, ›ist der Pope, du bist aber sein Untergebener.‹ Da sage ich,
vor dem Throne Gottes stünde ich allerdings unter dem Popen meinem
Amte nach, in der Politik aber seien wir beide gleich. Da ging der
Streit los. Ich wurde immer hitziger, infolge der vielen Gläschen,
und rief schließlich: ›Du Tintenseele, was verstehst denn du davon?
Du kannst doch die Heilige Schrift gar nicht verstehen, denn du hast
keine Gedärme im Kopf. Sag doch mal, hat je ein Pope auf dem Zarenthron
gesessen?‹ ›Nein,‹ sagt er. ›Na also! Ein Diakon aber ist Zar gewesen
und hat die Krone auf dem Haupt getragen!‹ -- ›Wer war denn das?‹ fragt
er. ›Wann ist das gewesen?‹ -- ›Ja, wann? Ich bin kein Arithmetikus und
hab' die Jahreszahlen nicht alle im Kopf, aber nimm mal ein Buch zur
Hand und lies nach, was Grigorij Otrepiew war, bevor er als Demetrius
Zar wurde, dann wirst du sehen, was ein Diakon wert ist.‹ -- ›Nu ja,‹
sagt er, ›das war Otrepiew, aber du, du bist eben kein Otrepiew!‹ --
Besoffen, wie ich bin, platz ich auf einmal los: ›Woher kannst du denn
das wissen? Vielleicht bin ich noch viel mehr? Der sah dem Demetrius
ähnlich, und ich habe vielleicht ein Gesicht wie irgendein Franziskus
Venezianus oder ein Mahmud und werde auch König!‹ Kaum hatt' ich das
gesagt, meine Lieben, so erhebt dieser verfluchte Federfuchser ein
Geschrei, ruft Zeugen auf, bringt die Sache zu Papier. Man packte
mich, band mich, setzte mich in einen Wagen, gab mir einen Polizisten
mit und schaffte mich in die Stadt. Na und dann -- Gott schenke ihm
Gesundheit und langes Leben und nach dem Tode die ewige Seligkeit --
dem Gendarmenoberst Albert Kasimirowitsch, der damals an der Spitze
der Geheimpolizei stand! Am Morgen ließ er mich zu sich kommen, rief
seine Frau herbei und sagte: ›Da, sieh mal, Herzchen, so sieht ein
Thronprätendent aus.‹ Und dann lachte er mich noch tüchtig aus und
ließ mich laufen. ›Geh nur, Vater Mahmud,‹ sagte er, ›und in Zukunft
zähle die Gläser, die du leerst.‹ Gott schenke ihm ein langes Leben!«
wiederholte der Diakon noch einmal und hob sein Glas. »Ich will auch
heut noch auf sein Wohl trinken!«
»Da seid Ihr noch glücklich aus der Klemme gekommen,« sagte der Major
langsam.
»Und ob! Ich sag's ja: der Pole ist ein guter Kerl. Der Pole liebt die
Regierung nicht, und wo es gegen sie geht, ist er immer nachsichtig.«
Gegen Mitternacht wurde die Unterhaltung der drei Einsiedler
unterbrochen; denn die Stunde war gekommen, in der auch sie sich der
Gesellschaft anschließen durften: man bat sie zu Tische.
Sechstes Kapitel.
Das Fest sollte jetzt seinen Höhepunkt erreichen.
Kaum hatten alle Platz genommen, so sprang auch schon der Hauptmann
Powerdownia wieder auf und apostrophierte die Petersburger Dame
folgendermaßen:
»Die uns gesandt ein gütiger Himmel,
Du Holde, Schöne!
Dich grüßen aus dem irdischen Gewimmel
Meiner Leier Töne!
Steig hernieder zu uns aus des Äthers Bläue
Und laß dich's nicht verdrießen
Von dieses Festes Gaben zu genießen,
Die wir dir spenden in Begeisterung und Treue!«
Die Aristokratin aus dem Geschlecht der Branntweinpächter hörte dem
Dichter mit lieblichem Erröten zu und empfing aus seinen Händen ein
Blättchen, auf dem, nicht ganz orthographisch, aber mit kunstreichen
Schnörkeln, das Gedicht verewigt war.
Die Hausfrau war entzückt, aber die Gäste waren sowohl über das
Gedicht, als auch über die Wahl des Augenblicks für seinen Vortrag sehr
verschiedener Meinung.
Doch wie dem auch sei, die ganze Gesellschaft wurde ungemein lustig,
was der Postmeisterin gar nicht recht paßte. Man redete so laut und
lebhaft durcheinander, daß es der Hausfrau unmöglich wurde, eine etwa
eintretende Pause zu benutzen, um an den verbannten Propst zu erinnern.
Die Petersburgerin schien sich übrigens sehr gut zu unterhalten. Sie
wisse gar nicht, meinte sie zur Postmeisterin, wie sie ihr danken solle
für das Vergnügen, das ihre Gäste ihr verschafft, und wenn ihr etwas
leid tue, so sei es nur der Umstand, den Diakon und den Hauptmann
Powerdownia erst so spät kennen gelernt zu haben. Als Powerdownia
dieses Urteil hörte, sprang er auf und machte der Dame eine tiefe
Verbeugung. Auch der Diakon nahm das Lob nicht gleichgültig hin: er gab
Prepotenskij einen Rippenstoß und sagte:
»Siehst du wohl, du Schafskopf, wie hoch man uns schätzt! Von dir sagt
keiner was.«
»Selber Schafskopf!« erwiderte der geärgerte Lehrer ebenso leise.
Powerdownia sann einen Augenblick nach, dann packte er den Diakon fest
am Arm, stand mit ihm zusammen auf und sagte in beider Namen:
»Wir wollen heilig dein Gedächtnis ehren,
Und sollten Jahre vorübergehen.
O lichter Geist, laß dich erflehen:
Woll unserer Bitte Erhörung gewähren!«
Hierauf setzten sie sich wieder unter donnerndem Applaus.
»Siehst du wohl? Und du weißt wieder nichts zu sagen,« wandte sich
Achilla vorwurfsvoll an den Lehrer. Powerdownia aber war schon wieder
aufgesprungen und redete die Hausfrau also an:
»Du bist genannt Matrona
Und aller Frauen Krona!
Hurra!«
»O dieser Hauptmann! Er ist die Seele der Gesellschaft,« meinte die
Postmeisterin geschmeichelt.
»Und du bringst immer noch nichts fertig,« ließ der Diakon dem Warnawa
keine Ruhe.
»Wollen wir alle Verse deklamieren!«
»Ja, alle! Der Polizeichef muß anfangen!«
»Warum nicht? Ich will's gerne versuchen!« sagte der Polizeichef. »Ganz
ungeniert: wer nichts weiß, braucht nicht mitzumachen.«
»Anfangen! Fix, Herr Rittmeister! Was soll das? Anfangen!«
Der Rittmeister Porochontzew stand auf, hob sein Glas bis zur Höhe
seines Gesichtes, sah durch den Wein gegen das Licht und fing an:
»Als der Despot entsagte seinem Thron,
Um so durch abgefeimte Lügen
Sein Opfer, Rußland, in den Schlaf zu wiegen,
Und es alsdann noch schlimmer zu bedrohn, --
Da ließ die Freiheit ihre Stimm' erschallen,
Und hätte Rußland drauf gehört,
Ihm wär' ein neuer Tag beschert,
Die Fesseln wären abgefallen.
Doch gleich dem Diebe, den der Morgen schreckt,
Hast schmählich du dich vor dem Freund versteckt!
Der rief: Der Juden Greueltaten,
Der schnöde Abfall der Uniaten,
Und alle Sünden der Sarmaten, --
Es komme alles auf mein Haupt,
Ich trag' es ohne viel Bedenken,
Könnt' ich dem Volk der Russen wieder schenken
Die Freiheit, die man ihm geraubt!
Hurra!«
»Alle tragen etwas vor, nur du nicht,« fing der Diakon, sich an
Prepotenskij wendend, wieder an.
»Nein, Freundchen, sag was du willst, -- wenn du trinkst und nichts
vorzutragen weißt, dann bist du kein Mensch, sondern bloß eine Bütte
voll Wein.«
»Laßt mich mit Eurer Bütte in Frieden! Ihr seid selbst eine!«
antwortete der Lehrer.
»Wa--a--as?!« schrie Achilla gekränkt. »Ich eine Bütte? Und das wagst
du mir ins Gesicht zu sagen! Ich eine Bütte?«
»Ja, natürlich!«
»Wa--a--as?!«
»Ihr könnt ja selber nichts vortragen!«
»Ich nichts vortragen? O du dreifacher Dummkopf! Wenn ich bloß will, so
trage ich dir so etwas vor, daß du aufspringen und mir stehend zuhören
mußt!«
»Na, versucht es doch mal!«
»Gleich werd ich's auch, damit du dich überzeugst, daß ich tatsächlich
auch den Oberkiefer bewegen kann!«
Mit diesen Worten erhob sich Achilla, sah die ganze Gesellschaft mit
weitaufgerissenen Augen an, richtete den Blick schließlich starr auf
ein Salzfaß, das in der Mitte des Tisches stand, und fing mit seinem
tiefen weichen Baß an:
»Ein geru--u--u--hig und friedli--i--i--ch Leben,
Gesu--u--undheit und Wo--o--ohlergehen ... und heilsa--a--ames
Wirken und Scha--a--a--ffen ... und Sieg über die Feinde ...«
usw. usw.
Achillas Stimme griff immer höher, Stirne, Kinnbacken, Schläfe, die
ganze obere Hälfte seines breiten Gesichtes waren mit Schweiß bedeckt
und glühten in feurigem Rot; die Augen krochen aus ihren Höhlen, auf
den Wangen und an den Mundwinkeln zeigten sich weiße Flecke, der Mund
war weit aufgerissen wie eine Trompete und mit Dröhnen und Krachen
entstieg ihm das »Heil und Segen«, das alle unbelebten Wesen im Hause
erzittern machte und die Lebendigen zwang, sich von den Plätzen zu
erheben und, ohne die erstaunten Augen von dem geöffneten Munde des
Diakons zu wenden, gleich nachdem der letzte Ton verklungen, im Chor
einzufallen: »Heil und Segen! Heil und Se--e--egen!«
Warnawa allein wollte bei seiner Beschäftigung bleiben und gemächlich
weiteressen, aber Achilla riß ihn mit Gewalt in die Höhe und sang, ihn
fest am Arm haltend: »Heil und Se--e--e--gen! Heil und Se--e--e--egen!«
Der Bürgermeister gab seinem Nachbar eine blaue Fünfrubelnote, die er
dem Diakon weitergeben sollte.
»Was heißt denn das?« fragte Achilla.
»Der ganzen Verwaltung. Sing noch ›der ganzen Verwaltung und dem
christlichen Heer‹,« bat der Bürgermeister.
Der Diakon steckte die Note in die Tasche und stimmte nochmals an:
»Und der ganzen Verwaltung und dem chri--i--istlichen Hee--e--e--ere
Heil und Se--e--e--gen!«
Hier übertraf Achilla sich selbst, und als er schloß, wagten nur noch
der Vater Zacharia, der an die Stimme des Diakons gewöhnt war, und der
Bürgermeister einzufallen: alle übrigen Gäste waren auf ihre Stühle
gesunken und hielten sich an den Lehnen, dem Tisch oder ihren Nachbarn
fest.
Der Diakon war höchst befriedigt.
»Sie haben einen wunderbaren Baß,« sagte die Petersburger Dame, die
zuerst wieder zu sich gekommen war.
»Ach Gott, es war ja nicht deswegen, ich wollte nur zeigen, daß ich
kein Feigling bin und sehr gut etwas vortragen kann.«
»Schau, schau, wer ist denn hier feige?« mischte sich Zacharia ins
Gespräch.
»Vor allem Ihr selber, Vater Zacharia! Ihr könnt ja nicht mal mit den
Vorgesetzten richtig sprechen: Ihr fangt gleich an zu stottern.«
»Das ist wahr,« bestätigte Zacharia, »ich komme leicht ins Stottern,
wenn ich mit einem Vorgesetzten rede. Aber du? Du hast gar keinen
Respekt vor Höherstehenden?«
»Ich? Mir ist's ganz gleich, ob ich mit dem Bischof selber oder mit
einem einfachen Manne rede! Der Bischof sagt zu mir: ›So und so, mein
Bester,‹ -- und ich antworte ihm gerade so: ›Ganz recht, so und so,
Eure Eminenz!‹ Weiter nichts.«
»Ist das wahr, Vater Zacharia?« fragte der Arzt, der dem Diakon gern
etwas am Zeuge flicken wollte.
»Er flunkert,« sagte Benefaktow mit der größten Seelenruhe, ohne seine
sanften Augen vom Diakon zu wenden.
»Er knickt auch vor dem Bischof zusammen?«
»Allerdings.«
»Nie und nimmer! So was kommt bei mir nicht vor!« rief der Diakon,
sich in die Brust werfend. »Wie wäre das auch möglich? Wollte ich
mich um alle kümmern, ich wüßte nicht, wo ich hin sollte. Was hat
denn der Bischof so viel zu bedeuten, wenn ich jetzt Tag für Tag von
einer Person beobachtet werde, die viel mehr zu sagen hat, als so ein
Bischof!«
»Du meinst wohl mich?« sagte der Arzt.
»Wie sollte ich denn darauf kommen? Nein, dich meine ich nicht.«
»Wen denn sonst?«
»Hast du die neuesten Zeitungen gelesen?«
»Was hat denn drin gestanden?« fragte die Petersburger Dame, die sich
wie ein Kind amüsierte.
»Auf Befehl des Oberhofpredigers Baschanow ist der kaiserliche
Kirchenmusikdirektor auf Reisen geschickt worden, um in ganz Rußland
Bässe für die Hofkapelle Seiner Majestät anzuwerben. Er steht im Range
eines Generals und hat eine Unmenge Orden. Der Bischof ist nichts neben
ihm, denn bei Seiner Majestät ist ja schon der Kutscher, der auf dem
Bock sitzt, Oberst. Na, also dieser Musikmeister reist nun unerkannt,
als ganz einfacher Mann gekleidet, damit die Bässe sich in seiner
Gegenwart nicht absichtlich anstrengen, denn er will wissen, was sie
für gewöhnlich zu leisten imstande sind.«
Der Diakon wußte nicht, was er weiter sagen sollte, aber der Arzt ließ
nicht locker.
»Nun, und was weiter?«
»Was weiter? Der Herr Musikdirektor befindet sich jetzt schon vier
Wochen hier in der Stadt. Merkst du was? Ich sehe ihn jeden Sonntag in
seinem blauen Rock unter den Kleinbürgern in der Kirche stehen. Er ist
meinetwegen da, aber wie verhalte ich mich dazu? Ein anderer würde sich
rein die Beine ausreißen, um dem kaiserlichen Abgesandten zu gefallen,
würde ihn zu sich einladen, ihm Schnaps und Tee vorsetzen, -- nicht
wahr? Aber ich tue nichts dergleichen. Mag er zehnmal kaiserlicher
Musikus sein, mir ist's ganz wurst! Ich halte mich ans Gesetz. Du hast
mir nach dem Gesetz zu handeln, mein Lieber, und magst du das nicht,
dann adieu! Glückliche Heimreise!«
»Das ist natürlich alles Schwindel?« wandte sich der Arzt an Zacharia.
»Schwindel,« erwiderte dieser seelenruhig. »Er hat ein wenig über den
Durst getrunken, da hören wir bis morgen kein wahres Wort mehr. Er wird
jetzt ohne Ende phantasieren und großtun.«
Achilla war trotzdem gekränkt. Es schien ihm, als glaubte man jetzt
auch nicht mehr, daß er kein Feigling sei; was ihm unerträglich war.
Daher fing er wieder von seiner Tapferkeit an zu sprechen und wollte
sofort auf die schwerste Probe gestellt sein.
»Ich will allen beweisen, daß ich hier der Tapferste bin, und ich werde
es!«
»Prahlt lieber nicht damit, Vater Diakon,« sagte der Major. »Manchmal
wird auch der Tapferste von Angst gepackt, und der Feigling leistet,
was keiner von ihm erwartet hätte.«
»Da pfeif' ich drauf! Los!«
»Ja, was soll denn eigentlich losgehen? Ich will Euch lieber ein
Beispiel vorführen.«
»Auch gut! Nur immer zu!«
Siebentes Kapitel.
»Als ich aus dem Kaukasus nach Rußland zurückversetzt wurde,« fing der
Major an, »hatten wir einen Oberst, der ein urfideler Herr und ein
ausgezeichneter Soldat war. Er besaß sogar einen goldenen Ehrensäbel.
Unter ihm machte ich anno Achtundvierzig den ungarischen Feldzug mit.
In einer Nacht mußten damals Freiwillige vorgeschickt werden, als
wir gerade beim Wein saßen. Der Oberst fragte: ›Wieviel haben sich
denn gemeldet?‹ ›Hundertzehn,‹ antwortet der Adjutant. ›Oho!‹ meinte
der Oberst und legte die Karten hin, denn man hatte sich eben ans
Preferance gemacht. ›Das ist ein bißchen viel. Sind gar keine Hasenfüße
drunter?‹ -- ›Nein,‹ erwiderte der Adjutant. ›Na,‹ meint der Oberst,
›trommeln Sie mal die Kerls zusammen.‹ Das geschieht. ›Nun,‹ fängt der
Oberst an, ›machen wir mal die Probe. Wer ist der Tapferste? Wer gilt
als Obmann?‹ Man nennt ihm irgendeinen Iwanow oder Sergejew. ›Schafft
ihn mir her! Bist du der Obmann?‹ -- ›Zu Befehl, Euer Hochwohlgeboren!‹
-- ›Bist du nicht feige?‹ -- ›Nein, Euer Hochwohlgeboren!‹ -- ›Nicht
ein bißchen?‹ -- ›Ganz und gar nicht, Euer Hochwohlgeboren!‹ --
›Wirklich nicht?‹ -- ›Nein.‹ -- ›Nun, wenn du nicht feige bist, so
zupf' mich am Bart!‹ Der Soldat steht da und rührt sich nicht und
wagt's nicht. Man ruft einen zweiten, -- dieselbe Geschichte! Einen
dritten, vierten, fünften, zehnten -- keiner wagt's. Alle erwiesen sie
sich als Feiglinge.«
»Ach, hol ihn dieser und jener! Das war ein Spaß!« rief Achilla
hocherfreut. »Wenn du nicht feige bist, ei, so zupf' mich am Bart!
Ha--ha--ha! Das ist famos! Hauptmann, alter Freund, laß dich mal vom
Lehrer Warnawa am Bart zupfen!«
»Mit Vergnügen,« sagte der Hauptmann.
Prepotenskij weigerte sich, aber da fing man so bösartig über seine
Feigheit zu spotten an, daß er ja sagen mußte.
Achilla stellte einen Stuhl in die Mitte des Zimmers, der Hauptmann
Powerdownia setzte sich drauf und stemmte die Arme in die Hüften.
Um ihn herum standen der Polizeichef, Zacharia, der Bürgermeister und
der Major.
Der Lehrer pustete, krümmte und schüttelte sich, schlug bald die Augen
schüchtern nieder und riß sie bald weit auf, machte einen Schritt
vorwärts und trat wieder zurück.
»Also du bist doch ein Feigling,« sagte Achilla, »aber denke mal nach,
Schafskopf: wovor fürchtest du dich denn eigentlich? Es ist ja zum
Lachen!«
Warnawa dachte nach, wurde aber davon nur noch schwächer. Powerdownia
jedoch saß da wie ein Götzenbild, fühlte sich als »Seele der
Gesellschaft« und freute sich über die neue Überraschung, die er im
Schilde führte.
»Du bist ein Feigling, mein Bester, ein ganz elender Feigling!«
flüsterte Achilla dem Lehrer ins Ohr.
»Das geht doch nicht, die Gäste warten,« bemerkte der Major.
Prepotenskij zeigte mit dem Finger auf den Polizeichef und sagte: »Ich
will lieber Woin Wasiljewitsch am Bart zupfen.«
»Nein, mich sollst du zupfen,« erklärte der Hauptmann mit sehr ernstem
Gesicht.
»Feigling, Feigling,« flüstert es wieder von allen Seiten. Warnawa hört
es, kalter Schweiß läuft ihm übers Gesicht, es kribbelt ihn am ganzen
Körper; die Angst packt ihn, wie eine unerträgliche, lähmende, quälende
Krankheit, sein Ausdruck bekommt etwas Starres, Schreckliches.
Achilla, der ihn genau beobachtete, hatte das zuerst bemerkt. Als
er die Augen des Lehrers aufflammen sah, gab er dem Polizeichef ein
Zeichen, etwas zur Seite zu treten, den Vater Zacharia aber nahm er
ganz einfach beim Ärmel, zog ihn zurück und sagte:
»Steht nicht so dicht bei ihm, Vater Zacharia. Seht Ihr nicht? Er
träumt!«
Warnawa tat einen Schritt vorwärts. Noch einen zweiten. Die zitternde
Hand des Feiglings gerät in Bewegung, sie hebt sich langsam, bewegt
sich vorwärts, -- aber nicht nach dem Barte des Hauptmanns, sondern
geradewegs nach dem Gesichte des Polizeichefs.
»Der Teufel mag wissen, was in dem Kerl vorgeht!« rief Achilla und
winkte dem Polizeichef noch einmal zu. Geh lieber fort, sollte das
heißen, siehst du nicht, daß der Mann von Sinnen ist?
In diesem selben Augenblick jedoch hatte Prepotenskij, die Augen
zugekniffen, ganz von ferne den Schnurrbart Powerdownias gestreift:
sofort stieß der Hauptmann ein grimmiges Knurren aus und fing dann an
laut zu bellen.
Das war dem armen Warnawa zu viel. Er schrie wild auf, stürzte sich wie
ein Panther auf den Polizeichef und schlug sinnlos um sich.
Hierauf war niemand gefaßt. Der Effekt war großartig. Die umgestürzte
Lampe, das aufflammende Petroleum, die wild flüchtenden Gäste, das
Entsetzen des Polizeichefs, das Geheul Warnawas, der in einem Winkel
sich mit wütenden Schlägen vor dem Gespenst, das ihn packen wollte, zu
schützen suchte, alles machte eine Fortsetzung des Festes unmöglich.
Die Petersburger Dame verabschiedete sich, und Prepotenskij, der alle
Ein- und Ausgänge im Hause des Postmeisters sehr gut kannte, benutzte
diesen Augenblick, um in den Korridor und ins Bureau zu schlüpfen, wo
er sich hinter einen Schrank verkroch ...
Achtes Kapitel.
Die Frau Postmeisterin hatte ihre Nachtjacke angezogen und ging erregt
in ihrem Zimmer auf und nieder. Ihre Gedanken beschäftigten sich
unablässig mit der einen Frage: Wer war an dem gräßlichen Vorfall
schuld? Wer hatte diesen Spaß angezettelt?
»Der Spaß war ja an sich nicht mal so übel,« dachte sie, »aber wer
hat den Prepotenskij eingeladen? Nein, auch das ist nicht so wichtig
... aber wer hat mich mit ihm bekannt gemacht? Wer denn anders, als
mein Herr Gemahl! Eines Tages kam er: ›Hier, bitte, stelle ich dir
Warnawa Wasiljewitsch vor!‹ Na warte nur, ich will dir den Warnawa
Wasiljewitsch schon eintränken ... Aber wo ist denn mein Mann?«
fragte sie sich und sah sich im Zimmer um. »Schläft er schon? Er kann
schlafen, nachdem so etwas geschehen! ... Nein, das geht nicht,«
erklärte die Postmeisterin kategorisch und stürzte ungeduldig in den
Saal, wo ihr Gatte zu schlafen pflegte, wenn er wegen irgendwelcher
Familienzwistigkeiten aus dem ehelichen Schlafgemach verbannt wurde.
Aber zu ihrer nicht geringen Verwunderung fand die Dame ihren Gatten
hier nicht.
»Aha, er versteckt sich vor mir. Er liegt jetzt auf dem Sofa im Bureau
und schnarcht ... Ich will dich schnarchen lehren.«
Und die Frau Postmeisterin begab sich nach dem Bureau.
Ihre Vermutung war richtig: der Postmeister schlief tatsächlich im
Bureau, aber darin irrte sie, daß sie ihn auf dem Sofa zu finden
meinte. In Wirklichkeit lag er auf dem Tische. Auf dem Sofa aber
schlief Prepotenskij, der nach allem, was vorgefallen war, nicht
nach Hause zu gehen wagte, weil er fürchtete, Achilla könnte ihm an
irgendeiner Straßenecke auflauern. Deshalb hatte er den Postmeister
um Erlaubnis gebeten, seiner Sicherheit wegen im Hause übernachten
zu dürfen. Der Postmeister war um so lieber damit einverstanden, als
er die Erregung seiner Frau sehr wohl bemerkt hatte und es auch ihm
vorteilhaft erschien, unter diesen Umständen noch jemand in seiner Nähe
zu haben. Darum stellte er dem Lehrer das Sofa im Bureau zur Verfügung
und machte es sich selbst auf dem großen Tisch bequem, an dem sonst die
Briefe sortiert wurden.
Die Tür aus dem Korridor in das Bureau, in dem beide schliefen, war
geschlossen. Das brachte die energische Dame erst recht auf, denn nach
ihrem Hausgesetz durfte keine einzige Innentür ohne ihre Genehmigung
geschlossen werden, und im Bureau fühlte sie sich ebenso als Herrin,
wie in ihrem Schlafgemach!
Die Postmeisterin kochte vor Wut. Sie griff noch einmal nach der Tür,
sie ging nicht auf. Wohl knackte der Haken, aber er saß fest. Und dabei
hörte sie drinnen ganz deutlich zwei Menschen atmen. Zwei! Man male
sich das Entsetzen der Ehefrau bei dieser plötzlichen Entdeckung aus!
In ihren geheiligten Rechten als Gattin und Herrin des Hauses gekränkt,
rannte sie wieder durch den Korridor zurück, stürzte in die Küche,
geradewegs auf den Tisch los. Wühlte lange im Dunkeln in der Schublade
herum, in der es von Schwaben wimmelte, bis sie endlich gefunden hatte,
was sie brauchte: Ein Messer!
Die ungeheure Spannung, die diese Zeile entfesselt, zwingt uns, hier
haltzumachen, um dem Leser Zeit zu geben, sich auf das Fürchterliche
vorzubereiten, das nun kommen soll.
Neuntes Kapitel.
Vor Erregung am ganzen Leibe zitternd, das riesige Küchenmesser in
der Hand, den rechten Ärmel der Nachtjacke hinaufgeschoben, ging die
Postmeisterin direkt auf die Tür zum Bureau los und legte das Ohr noch
einmal an den Spalt. Es war kein Zweifel möglich: das unselige Paar
lag im süßesten Schlaf; man hörte ganz deutlich, wie das eine stärkere
Wesen tiefe Kehllaute von sich gab, während das andere, zartere, sich
auf ein ganz sanftes Pfeifen beschränkte.
Die Postmeisterin steckte das Messer in den Türspalt, schob den Haken
zurück und die leichte Tür ging mit leisem Knarren auf.
Es war noch früh am Morgen, kaum hoben sich die Fenster durch
ihr mattes Grau von der Finsternis ab, doch das geübte Auge der
Postmeisterin erkannte sowohl den Tisch mit der Postwage, als auch den
zweiten langen Tisch in der Ecke und das Sofa.
Mit der linken Hand sich an der Wand entlang tastend, bewegte sich
die zürnende Dame direkt auf das Sofa zu und erreichte ohne besondere
Schwierigkeiten den Schnarcher, der mit tief herabhängendem Kopfe ganz
am Rande lag. Er hatte nichts gehört, und als die Postmeisterin vor ihn
hintrat, schien er sogar mit ganz besonderem Eifer und Genuß in den
lieblichsten Säuseltönen zu schwelgen, als ob er ahnte, daß die Sache
bald ein Ende haben werde und daß es ihm heute nicht mehr vergönnt
sein werde, sich diesem Vergnügen hinzugeben.
So kam es denn auch.