Gewissensschacher, den ich im Gotteshause vor mir sehe. Der Kirche ist
das Gebet solcher Mietlinge ein Greuel. Vielleicht sollte auch ich eine
Geißel ergreifen und die Krämer hinaustreiben, die sich heut in diesem
Tempel breit machen, auf daß kein treues Herz Ärgernis nehme an ihrer
Arglist ... Doch mag mein Wort ihnen als Geißel dienen. Mag lieber das
Gotteshaus leer stehen, mich soll das nicht irren: ich will auf meinem
Haupte den Leib und das Blut meines Herrn in die Wüste tragen und vor
den wilden Steinen im Meßgewande singen: ›Gott, gib Dein Gericht dem
Könige und Deine Gerechtigkeit des Königs Sohne,‹ -- auf daß Rußland in
Ewigkeit erhalten bleibe, dem Du wohlgetan zu allen Zeiten!
Schlußwort: Laß, o Herr und Schöpfer, unser Land nicht zum Gespötte
der Fremden werden, um der Arglist seiner gewissenlosen und ungetreuen
Diener willen!«
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Das war der Entwurf zu einer Predigt, die Sawelij am folgenden Tage
zu halten beabsichtigte und auch wirklich vor der versammelten
Beamtenschaft hielt, -- um damit nicht nur seiner Tätigkeit als
Prediger, sondern auch seiner ganzen Amtstätigkeit ein jähes Ende zu
bereiten.
Die Intelligenz von Stargorod war der Meinung, es sei keine Predigt,
sondern ein Aufruf zur Revolution, und wenn der Propst weiterhin
so reden würde, werde sich bald kein Beamter auch nur auf der
Straße zeigen dürfen. Sogar die besten Freunde Sawelijs warfen ihm
unvorsichtige Aufhetzung der Leidenschaften des Pöbels vor. Eine
Ausnahme machten nur die beiden Fremden: Bornowolokow und Termosesow.
Sie hatten die Predigt ebenfalls angehört, aber nichts dazu gesagt und
keinerlei Verstimmung gezeigt. Im Gegenteil, als sie aus der Kirche
kamen, war Termosesow mit gefalteten Händen auf Bornowolokow zugegangen
und hatte mit freudestrahlendem Gesicht gesagt: »Herr, nun lässest du
deinen Diener in Frieden fahren.«
»Was soll das heißen?« fragte der Vorgesetzte.
»Das soll heißen, daß ich Sie verlasse. Leben Sie wohl und lassen
Sie sich's gut gehen, aber erweisen Sie mir noch einen letzten
Liebesdienst: melden Sie der Obrigkeit, der Pope, über den Sie schon
einmal berichteten, hätte heute, aller Ehrfurcht bar, die einem so
hohen Festtage geziemte, eine äußerst empörende Rede gehalten, über
welche der von Ihnen eigens dazu abdelegierte Sekretär Termosesow die
Ehre haben werde, persönlich eingehend Bericht zu erstatten.«
»Hol Sie der Teufel! Schreiben Sie's auf, ich will's unterzeichnen.«
Die Freunde wollten sich eben voneinander verabschieden, als der
Kleinbürger Danilka, bleich und entsetzt, von Wasser triefend, in
zerfetztem Hemde hineingestürzt kam, Bornowolokow zu Füßen fiel und
jammerte:
»Gnädiger Herr, schicken Sie mich fort, soweit Sie wollen, -- aber hier
kann ich nicht bleiben! Sie stehen alle am Ufer und jeder will mir in
die Fresse fahren!«
Und Danilka erzählte, man hätte schon gedroht, ihn totzuschlagen, weil
er sich über den Propst beschwert hätte, -- und zum Beweis zeigte er
sein nasses und zerrissenes Gewand; das Volk hätte ihn eben von der
Brücke in den Fluß geworfen.
»Famos! Aufruhr und Empörung!« rief Termosesow freudig und setzte,
mitten im Zimmer stehend, seine Mütze auf. »Sehn Sie, so macht man's!«
fügte er zu Bornowolokow gewandt hinzu.
Und dann reiste er ab. Unmittelbar darauf verließ auch Bornowolokow die
Stadt in entgegengesetzter Richtung, um anderweitig für Ordnung und
Gesetzlichkeit zu wirken.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Schon fing man in Stargorod an, Tuberozows Predigt zu vergessen,
als gegen Abend des dritten Tages ein Postkarren zwei eigentümliche
Gäste in die Stadt brachte: einen langen hageren Polizeiwachtmeister
und einen dicken Konsistorialbeamten, rund und schwammig, wie ein
Bauernpfannkuchen, mit einem winzigen Knöpfchen als Nase.
Es waren die Sendboten, die nach Sawelijs Seele kamen: Unter ihrer
Obhut sollte der Propst in die Gouvernementsstadt gebracht werden. In
einer halben Stunde wußte es die ganze Stadt. Vor dem Hause Tuberozows
stand bald eine große Menschenmenge, und nach einer Stunde ging die Tür
des Hauses auf, aus der Vater Sawelij völlig reisefertig heraustrat.
Natalia Nikolajewna ging neben ihm, ihr Taubenköpfchen an seinen
Ellbogen drückend.
Sie hatten sich gegenseitig zu beruhigen gewußt und jetzt offenbarte
auch nicht eine Träne ihre etwaige Schwäche.
Das Volk, das auf den Propst gewartet hatte, drängte lärmend vorwärts.
Tuberozow nahm den Hut ab und verneigte sich tief nach allen Seiten.
Der Lärm verstummte; vielen traten die Tränen in die Augen und alle
bekreuzigten sich.
Der mit drei Pferden bespannte Postwagen, welcher bisher, auf Befehl
des zartfühlenden Polizeichefs, hinter dem Hause verborgen gestanden
hatte, fuhr vor.
Der Propst setzte den Fuß auf den Tritt und faßte mit der Hand die
Lehne des Wagensitzes. In diesem Augenblick griff ihn der Wachtmeister
unter den Ellbogen und der Konsistorialbeamte zog ihn an der andern
Hand empor ... Von Ekel erfaßt fuhr der Alte zusammen. Sein Kopf begann
heftig zu wackeln wie der einer Puppe, die eine Drahtfeder im Halse hat.
Natalia Nikolajewna trat neben ihren Mann, faßte seine Hand und
flüsterte: »Schone dein Leben, Liebster!«
Tuberozow sah sie an und erwiderte:
»Sei unbesorgt. Das Leben ist schon zu Ende. Jetzt beginnt das
Erdenwallen.«
Viertes Buch.
Erstes Kapitel.
»Das Leben ist zu Ende, das Erdenwallen beginnt,« hatte Tuberozow im
letzten Augenblick vor seiner Abreise gesagt. Dann war das Dreigespann
den Berg hinaufgesaust und hatte ihn den Blicken der Seinigen entzogen.
Die Leute, die ihm das Geleit gegeben, blieben noch eine Zeitlang,
bis endlich ein jeder seines Weges ging. Die Nacht brach herein, alle
Pforten und Pförtchen wurden verschlossen und verriegelt und der Mond
konnte aus seiner blauen Höhe auf dem vereinsamten Pfarrhofe nur noch
die ebenfalls vereinsamte Natalia Nikolajewna erblicken.
Sie beeilte sich nicht, ins Haus zurückzugehen, sondern saß weinend
auf der Veranda, von der ihr Mann vor kurzem heruntergestiegen war.
Schluchzend drückte sie ihren kleinen Kopf gegen das Geländer, -- ach,
sie hatte keinen Freund, keinen Tröster! Doch nein! Ein Freund war da,
ein treuer, zuverlässiger Freund ...
Plötzlich wurde das Pförtchen weit aufgerissen und vor die weinende
Alte trat der Diakon Achilla. Er war barhäuptig, in einem kurzen dicken
Leibrock und weiten Hosen und mit mehreren Säcken beladen. Hinter
sich zog er zwei Pferde, deren jedes ein großes schweres Bündel auf
dem Rücken trug. Natalia Nikolajewna sah schweigend zu, wie Achilla
die Pferde in den Hof führte, sie von ihrer Last befreite, und wieder
zum Pförtchen ging, das er mit der Energie eines sorgsamen Hausvaters
verschloß und den Schlüssel in die Tasche steckte.
»Diakon! Du kommst zu mir!« rief Natalia Nikolajewna, welche seine
Absicht begriffen hatte.
»Ja, du leidende Mutter, ich bin gekommen, dich zu behüten.«
Sie umarmten und küßten sich, und Natalia Nikolajewna begab sich in
ihr Schlafzimmer, um dort weiter zu wachen, Achilla aber brachte seine
Pferde in die Scheune, breitete dann eine Filzdecke auf der Veranda
aus, streckte sich lang auf derselben aus und vertiefte sich in den
Anblick des Sternenhimmels. Während der ganzen Nacht schlief er nicht.
Er dachte nur daran, wie er seinem Justizminister helfen könnte. Das
war etwas anderes, als den Warnawka verprügeln! Hier war Verstand
nötig. Aber was kann der Verstand allein, wenn ihm keine äußere Gewalt
zur Seite steht? Ja, hätte man, wie es in dem Märchen erzählt wird,
einen Zaubermantel oder Siebenmeilenstiefel. Oder eine Tarnkappe! Dann
würde er gewußt haben, was er zu tun hätte! So aber, so! Der Diakon
wußte sich absolut keinen Rat, und dennoch mußte etwas unternommen
werden.
Als Achillas Gedanken beim Zaubermantel und bei der Tarnkappe angelangt
waren, da kam es dem an keinerlei sophistische Grübeleien Gewohnten
vor, als fiele eine kaum noch zu tragende, schwere Last ihm von der
Seele, er atmete auf und flog selbst auf dem Zaubermantel in die Ferne
hinaus. Unsichtbar trat er in den Siebenmeilenstiefeln und mit der
Tarnkappe zu dem einen und dem andern der hohen Würdenträger, zu
denen er ohne Zaubermittel nicht hoffen konnte zu gelangen. Er weckte
sie durch einen sanften Rippenstoß aus dem Schlaf und sagte: »Tut dem
Pfarrer Sawelij kein Leid an. Ihr werdet's sonst, wenn es zu spät ist,
zu bereuen haben.«
Als die hohen Herren die Stimme des Unsichtbaren vernahmen, warfen
sie sich unruhig auf ihrem Lager hin und her, sprangen plötzlich
auf, liefen hinaus und schrien: »Um Gottes willen, nehmt euch des
Pfarrers Sawelij an!« ... Aber das alles läßt sich in unseren Tagen
nur mit Hilfe von Siebenmeilenstiefeln und einer Tarnkappe erreichen,
und es war gut, daß Achilla rechtzeitig daran gedacht und sich damit
versehen hatte. Dank ihnen allein konnte der Diakon in seiner gelben
Nankingkutte in einen strahlenden Palast dringen, dessen Glanz ihn
so unerträglich blendete, daß er selbst nicht froh war, sich dort
hineingewagt zu haben. Die Stätte, welche er vorher besucht hatte,
hätte schließlich wohl auch genügt, aber die Siebenmeilenstiefel waren
in Schuß gekommen und hatten ihn an einen Ort gebracht, wo er infolge
der blendenden Helle kaum etwas unterscheiden konnte, so daß er Sawelij
und seine Mission am Ende ganz vergaß und nur noch dachte, wie er
wieder fortkommen könnte. Die geschwinden Stiefel aber trugen ihn immer
höher und höher hinauf, und das Zauberwort, das ihnen Halt gebieten
konnte, hatte er vergessen ...
»Ich verbrenne, bei Gott, ich verbrenne!« schrie der Diakon
und versuchte sich hinter einem vor ihm auftauchenden kleinen
Schattenfleckchen zu verbergen, -- als ihm zu seiner Verwunderung aus
diesem Fleckchen die sanfte Stimme des Zwerges Nikolai Afanasjewitsch
entgegentönte.
»Hört doch auf, Vater Diakon, im Schlaf zu schreien, daß Ihr verbrennt!
Allenfalls vor Scham müßten wir alle verbrennen!« sprach der Zwerg,
das Gesicht des Diakons durch seine kleine Gestalt vor der Sonne
schützend.
Achilla sprang auf, stürzte zur Wasserbütte und leerte zweimal
hintereinander den großen eisernen Schöpfkrug.
»Von was für einer Scham redest du da, Nikola?« fragte er, seine Locken
mit Wasser anfeuchtend.
»Ei, wo ist unser Propst? He?«
»Der Propst, Freund Nikolaurus, ist futsch. Gestern haben sie ihn
weggeschafft.«
»Was heißt das -- ›futsch‹, mein Herr? Wir müssen ihn freibekommen!«
»Liebster, ich hab' die ganze Nacht darüber gegrübelt, aber ich kriege
nichts raus.«
»Das ist es eben. Einen Stein ins Wasser werfen kann jeder, -- aber ihn
zurückbekommen?«
Und Nikolai Afanasjewitsch wackelte auf seinen knarrenden Stiefelchen
in das Zimmer der Pröpstin, hielt sich hier einen Augenblick auf und
bat dann den Diakon, ihn zu begleiten. Beide begaben sich erst zum
Polizeichef und nachher zum Richter. Mit beiden hatte der Zwerg eine
lange Beratung, aber weder der eine noch der andere konnte ihm etwas
Tröstliches sagen.
»Das einzige, was ich tun kann,« sagte plötzlich der Richter, »ist, an
den Staatsanwalt in der Gouvernementsstadt zu schreiben. Er ist ein
Studiengenosse von mir und wird sicher gern bereit sein, irgend etwas
für den Propst zu tun.«
Der Vorschlag fand lebhaften Beifall beim Polizeichef. Nikolai
Afanasjewitsch dachte anders darüber, hielt es aber für unangebracht,
zu widersprechen.
Nun fragte sich's, wie man den Brief an seine Adresse gelangen ließ?
Die nächste Post ging erst in zwei Tagen, eine Estafette schien beiden
Beamten zu pomphaft, zudem konnte die Postmeisterin, die Freundin
Termosesows, den alle nach den von Achilla gemachten Angaben für den
eigentlichen Denunzianten hielten, diesem Ehrenmann mit derselben
Estafette Nachricht geben.
Als er von dieser Schwierigkeit vernahm, erklärte der Diakon, er würde
schon alles regeln; wenn der Brief nur fertig sei, setze er seinen Kopf
zum Pfande, daß er sich morgen in den Händen des Adressaten befinde.
Abends, als es schon dunkelte, erschien vor dem Hause des Vaters
Zacharia ein riesiger schwarzer Reiter, klopfte sacht ans Fenster und
rief den »sanften Popen« beim Namen.
Zacharia öffnete das Fenster und fragte, als er den Reiter erblickte:
»Bist du es, der da als Schreckgespenst kommt?«
»Pst ... Ruhe und Schweigen tun not!« antwortete der Reiter
geheimnisvoll und suchte sein ungeduldiges Roß durch kräftigen
Schenkeldruck ruhig zu halten.
Zacharia sah sich nach allen Seiten um -- Straße und Ufer waren
menschenleer -- und flüsterte:
»Wohin willst du und was beabsichtigst du?«
»Ich kann Euch nichts mitteilen, denn ich habe mein Wort gegeben,«
antwortete der Reiter mit derselben geheimnisvollen Miene wie vorhin.
»Ich bitte Euch nur, sucht mich morgen nicht und fragt nicht nach dem
Zweck meines Ritts ... Doch, ob ich auch mein Wort gegeben, ich will's
Euch allegorisch sagen:
Nordwärts zieht's den Kosaken hin
Und nicht nach Ruhe steht sein Sinn,
in der Mütze aber hab' ich
Ein Schreiben an den Zaren Peter
Über den Hetman, den Verräter ...
Habt Ihr verstanden?«
»Nichts hab' ich verstanden.«
»So muß es auch bei einer richtigen Allegorie sein.«
Der Reiter schlug sich mit der Faust gegen die Brust und sagte:
»Das eine sollt Ihr noch wissen, Vater Zacharia, daß der Reiter kein
Kosak ist, sondern der Diakon Achilla, und daß mein Herz die Kränkung
nicht dulden mag, mein Verstand aber kein Mittel findet, ihm zu helfen.«
Nach diesen Worten ließ der Diakon seinem Pferde die Zügel fahren,
drückte es mit den Knien zusammen und ritt nicht, sondern flog davon,
so daß seine Locken, die langen Enden und weiten Ärmel seiner Kutte,
der Schweif und die Mähne des Pferdes wild flatternd vom dunkelblauen
Hintergrund des nächtlichen Himmels abstachen.
Zweites Kapitel.
Nikolai Afanasjewitsch hatte mit Recht nicht viel von dem Brief
erwartet, mit dem der Diakon davongeritten war. Achilla blieb eine
ganze Woche fort, und als er gesenkten Hauptes auf mattem Pferde
heimkam, berichtete er, daß er mit seinem Briefe nichts ausgerichtet
habe und auch nichts habe ausrichten können.
»Warum denn das?« fragte man ihn.
»Sehr einfach! Weil der Vater Sawelij selbst zu mir sagte: ›Laß ab,
mein Lieber, wir Geistlichen haben keinen, der sich unser annimmt.
Bitte alle, daß sie mir den Gefallen tun, sich nicht für mich zu
verwenden.‹«
Und der Diakon wollte darüber weiter gar nicht reden.
Viel lieber erzählte Achilla, wie er den Propst angetroffen und was
dieser in der einen Woche erlebt hatte.
»Der Bischof«, so berichtete er, »ist gar nicht so böse auf ihn, ja
eigentlich überhaupt nicht erzürnt, er hat ihn bloß aus Politik der
Marter überantwortet, um es mit der weltlichen Obrigkeit nicht zu
verderben. Deswegen allein wurde der Vater Sawelij in die Stadt geholt.
Jawohl! Und der Vater Sawelij könnte die ganze Schuld von sich abwälzen
und zu uns zurückkommen, denn der Bischof hält es insgeheim mit ihm ...
Jawohl! Gleich am nächsten Tage wurde ihm eine geheime Mitteilung vom
Bischof, daß er zum Herrn Gouverneur gehen solle und um Entschuldigung
bitten ... Jawohl! Aber der Vater Sawelij hat in seiner Hartnäckigkeit
sehr schroff darauf geantwortet: ›Ich bin mir keiner Schuld bewußt,
kann also auch nicht um Vergebung bitten!‹ Dadurch hat er nun auch den
Bischof aufgebracht. Jawohl! Aber auch jetzt war der Zorn nicht groß,
denn den Beschluß des Konsistoriums, eine Untersuchung wegen jener
Predigt einzuleiten, hat er mit einem großen blauen ~X~ durchstrichen
und alle Gemüter im stillen beruhigt, indem er den Vater Sawelij dem
niedern Klerus am Bischofshofe zuzählen ließ. Jawohl!«
»Und Vater Sawelij dient jetzt?« fragte Zacharia.
»Jawohl! Er liest die Hora und die Parömie, aber seinen Sinn ändert er
nicht, und auf die politische Frage der Eminenz: ›Worin hast du dich
vergangen?‹ -- antwortete er noch politischer, als hätte er die Frage
nicht verstanden: ›In diesem Leibrock, hohe Eminenz!‹ -- und hat sich
dadurch nur geschadet. Jawohl!«
»A--a--ach!« rief Zacharia und schüttelte verzweifelt den kleinen Kopf,
sich die Ohren mit den Händchen zuhaltend.
»Er hat sich bei einem Gendarmenwachtmeister in der Klostervorstadt ein
gelbes Stübchen für zweiundeinenhalben Silberrubel monatlich gemietet
und läuft jeden Morgen mit seinem Krug an den Fluß hinunter nach
Wasser. Aber Gesicht und Gestalt sind sehr spitz geworden, und er läßt
Euch sagen, Natalia Nikolajewna, Ihr möchtet recht bald zu ihm kommen.«
»Morgen noch reise ich hin,« antwortete die Pröpstin weinend.
»So, das wären sämtliche Neuigkeiten. Der Staatsanwalt aber, dem ich
den Brief brachte, sagte nur: ›Die ganze Sache geht mich gar nichts
an, ihr habt eure eigene Obrigkeit.‹ Er hat mir auch keinen Brief
mitgegeben, sondern nur schön grüßen lassen. Nehmen Sie also, bitte,
hiermit seinen Gruß entgegen, wenn Ihnen was dran liegt. Und noch einen
Gruß an Sie alle habe ich, vom Herrn Termosesow. Ich traf ihn in der
Stadt; er kam in einem feinen Wagen vorbeigefahren und rief, wie er
mich sah: ›Warte mal ein wenig hier vor dem Tor, Diakon, ich bring dir
gleich etwas. Eure Postmeisterin nebst Töchtern hat mir bei meiner
Abreise ihr Stammbuch aufgehalst. Ich sollte ihr da ein paar Verse
hineinschreiben. Ich hab's versehentlich mitgenommen, und nun weiß ich
nicht, wie ich's ihr zurückschicken soll. Sei so gut und nimm's mit!‹
Ich denke mir: Hol dich dieser und jener! Gib her, sag' ich, um ihn
loszuwerden. Hier ist es!«
Der Diakon holte aus der Tasche seines Leibrocks ein dünnes Büchlein
mit bunten Blättern und las vor:
»Auf das letzte Blatt Papier
Schreibe ich der Zeilen vier,
Voller Ehrfurcht, meine Damen ...
Wohl bekomm's in Teufels Namen!
Damit bezeugt er Euch seine Ehrfurcht, -- nehmt sie also hin als den
Lohn, der Euch gebührt.«
Und Achilla warf das Album mit der Ehrfurchtsbezeigung Termosesows auf
den Tisch und begab sich in den Pferdestall, um sich dort nach den
Reisestrapazen auszuschlafen.
Am Tage darauf reiste Natalia Nikolajewna zu ihrem Gatten, und der
Diakon blieb allein in dem Hause des Verbannten zurück.
Drittes Kapitel.
Ein Tag verging wie der andere. Die Stadt unterhielt sich mit
Neuigkeiten, die mit unserer Geschichte nichts zu tun haben. Tuberozow
blieb in Acht und Bann und seine Freunde schienen sich vollständig
damit beruhigt zu haben, daß »hier nichts zu machen« wäre. Die Feinde
des Propstes zeigten sich etwas besser als die Freunde: wenigstens
einige von ihnen hatten ihn nicht vergessen. Für ihn setzte sich zum
Beispiel die feine Frau Postmeisterin ein, die Termosesow die ihr
angetane schwere Beleidigung nicht vergessen konnte und noch weniger
geneigt war, der Gesellschaft ihre Schadenfreude zu verzeihen. Sie
wollte ihr vielmehr zeigen, daß sie allein feinfühliger, klüger,
weitsichtiger, ja auch ehrlicher sei, als sie alle.
Dazu bot sich ihr nun eine Gelegenheit, die sie wiederum sehr fein
und boshaft auszunutzen wußte. Sie beschloß, die Gesellschaft durch
unerhörten Glanz zu blenden und ihre Autorität in den Augen der biedern
Stargoroder auf eine bisher nie dagewesene Höhe zu heben.
Etwa sechs Werst von der Stadt entfernt hatte eine Petersburger Dame,
Frau Mordokonaki, ihren Sommeraufenthalt auf einem wunderschönen
Landgut. Der alte Mann dieser jungen und sehr hübschen Frau hatte, als
er noch Branntweinpächter war, bei einer der Postmeisterstöchter Pate
gestanden. Das schien nun der Frau Postmeisterin eine völlig genügende
Veranlassung, die junge Gattin des alten Mordokonaki zum Namenstag des
Patenkindes ihres Mannes einzuladen, und bei der Gelegenheit wollte
sie die Bitte aussprechen, die bekannte Philantropin und Freundin der
Kirche möge sich doch des verfolgten Tuberozow annehmen.
Das war nicht übel ausgedacht. Die junge und fabelhaft reiche
»Wohltäterin« hatte Einfluß in der Residenz und genoß bei den
Gewalthabern im Gouvernement hohe Achtung. Jedenfalls hätte sie, wenn
sie wollte, für den gemaßregelten Propst mehr tun können, als sonst
jemand. Ob sie es aber wollte? Darum eben sollte die ganze Gesellschaft
sie bitten.
Die Dame langweilte sich in ihrer Einsamkeit und nahm daher die
Einladung der Postmeisterin dankend an. Die giftige Frau Postmeisterin
triumphierte. Sie zweifelte nun nicht mehr, daß sie die Honoratioren
der Stadt durch ihr unerwartetes Eintreten für den alten Tuberozow
verblüffen werde, und daß infolgedessen alle sich notgedrungen ihr
anschließen würden, gleichsam als Chorus, als zweite Garnitur.
Die Postmeisterin schwelgte in solcherlei süßen Träumen, -- bis endlich
der Tag ihrer Erfüllung gekommen war.
Viertes Kapitel.
Die Hausfrau begrüßte die Gäste und war glückselig, als sie merkte, daß
keiner sich mit ernsten Gedanken trug, daß das Schicksal des verbannten
Priesters längst niemanden mehr beschäftigte.
Die Gäste waren sämtlich in fröhlichster Stimmung. Als erster erschien
der »Kreiskommandant«, Invalidenhauptmann Powerdownia, ein rothaariger
Offizier mit großen runden Augen, der sich vom Proviantschreiber
hinaufgedient hatte.
Die große, üppige Madame Mordokonaki überstrahlte die ganze
Gesellschaft und alles wirkte neben ihr matt und unbedeutend. Sogar
Daria Biziukina schien ganz klein geworden. Die Hausfrau floß über von
Schmeichelreden, führte dem Gast die interessantesten Leute zu und bat
den Hauptmann Powerdownia und den Lehrer Warnawa Prepotenskij, die
Dame aufs beste zu unterhalten. Leute, die sich zur Unterhaltung mit
der Petersburgerin nicht eigneten, wurden beiseite geschafft, wie der
Bürgermeister, welcher die Gewohnheit hatte, im Gespräch oftmals die
Redensart anzuwenden: »Da spuck mir einer ins Maul«, sowie ein alter
Major, der im Kaukasus gedient und die Veranlassung zur Entstehung des
schönen Vergleichs gegeben hatte: »Dumm wie ein kaukasischer Major«,
und schließlich der Diakon Achilla. Diese drei Personen waren sehr
glücklich in einer kühlen Kammer untergebracht, wo die Weine und
kalten Speisen bereitstanden. Sie waren über ihre Verbannung keineswegs
betrübt. Ganz ungeniert und in nächster Nähe der Speisen führten
sie äußerst lebhafte Gespräche und philosophierten sogar. Der Major
wollte wissen, »woher die Frechheit komme«, und erklärte sie daraus,
daß die Menschen heutzutage sehr verwöhnt seien -- was er durch eine
ganze Menge von Argumenten zu beweisen suchte. Achilla aber wollte so
viele Gründe nicht gelten lassen und sagte, die Frechheit hätte zwei
Ursachen: »den Zorn und noch häufiger den Wein.«
Der Major dachte nach und meinte dann, es gebe allerdings eine
Frechheit, die vom Wein komme.
»Glauben Sie mir, es ist so,« meinte der Diakon und leerte ein großes
Glas Likör. »Ich kann mich selbst als Beispiel anführen. Im Dusel bin
ich ein sehr netter Kerl, denn ich werde weder wild, noch habe ich böse
Gedanken; aber, meine lieben Freunde, ich prahle im Dusel nur zu gerne.
Bei Gott! Und nicht, daß ich irgendeine Absicht damit verfolge, nein,
es ist, als ob meine Natur es verlangte.«
Der Bürgermeister und der Major lachten.
»Wahrhaftig!« fuhr der Diakon fort. »Ich fange zum Beispiel an zu
erzählen, die Gemeinde habe sich an den Bischof gewandt mit der Bitte,
mich zum Pfarrer zu ordinieren, was ich selber nicht mal wünsche;
oder ein andermal behaupte ich, die Kaufmannschaft des Gouvernements
petitioniere um meine Ernennung zum Protodiakon; oder ...« Der Diakon
sah sich ängstlich um und fuhr dann im Flüstertone fort: »Einmal
platzte ich heraus, ich wäre in jungen Jahren mit der Tochter des
Konsistorialsekretärs verlobt gewesen! Also, ich sag' Ihnen, ich hätte
mich am liebsten umgebracht, als man mir später von dieser meiner
bodenlosen Frechheit erzählte.«
»Wenn der Sekretär das erfahren hätte, hätte es schlimm werden können,«
bemerkte der Major.
»Und wie schlimm! Ganz scheußlich!« bestätigte der Diakon und kippte
noch ein Gläschen.
»Na, wenn wir schon mal davon reden, will ich Ihnen noch etwas
erzählen.« Und seine Stimme noch mehr dämpfend, fuhr er fort: »Ich bin
durch diese meine Flunkerei einmal schon in eine so üble Lage gekommen,
daß ich aufs Haar einer öffentlichen Exekution unterworfen worden wäre.
Haben Sie nichts davon gehört?«
»Nein, absolut nichts.«
»Es war eine ganz böse Sache. Man hätte mich einfach henken können --
auf Grund des ersten Paragraphen im Gesetz!«
»Unmöglich!« rief der Major, ganz aufgeregt.
»Warum unmöglich? Es hätte ganz leicht geschehen können, wenn ein guter
Mensch mich nicht gerettet hätte.«
»So erzählt uns doch die Geschichte, Vater Diakon!«
»Ja, sofort, ich will nur noch erst ein Schnäpschen nehmen.«
Achilla leerte noch ein Gläschen und begann den Bericht über sein
Verbrechen gegen den ersten Gesetzesparagraphen.
Fünftes Kapitel.