Es war unerträglich heiß. Vom letzten Dorf, in dem Tuberozow

übernachtet hatte, waren es noch etwa fünfzig Werst bis zur Stadt. Der

Propst war ziemlich spät ausgefahren und hatte noch kaum die Hälfte des

Weges zurückgelegt, als die Hitze so groß wurde, daß Tuberozow seine

armen, von Schweiß und Schaum triefenden braunen Pferdchen gar nicht

mehr ansehen mochte. Er beschloß deshalb, noch einmal Halt zu machen,

um die Tiere zu füttern und sie ausruhen zu lassen. Aber keine Herberge

wollte er aufsuchen: er erinnerte sich eines wunderschönen Plätzchens

am Waldrand, der sogenannten »Zaunkönigshöhe«, dorthin zog es ihn, um

in der Kühle zu rasten.

Von dem weiten flachen Abhang, der sich hier niedersenkt, erblickt man

auf einer Entfernung von mehr als zwanzig Werst die goldenen Kuppeln

der städtischen Kirchen, während der jahrhundertealte Wald sich im

Rücken endlos hinzieht. Tiefe Stille und Ruhe herrschen hier.

Von der Glut ermattet, hatte Tuberozow eben den Wagen verlassen,

als ihn ein ungemein wohliges Gefühl übermannte. Trotz der ringsum

herrschenden Hitze strömte das dichte dunkelblaue junge Eichengehölz

eine belebende Kühle aus. An den elastischen, wie in grünes Wachs

getauchten Blättern der Jungeichen war kein Stäubchen zu entdecken.

Überall warme, weiche, beruhigende Farben. Unter den bunten krausen

Blättern des Farnkrautes guckt die leuchtendrote Wolfsbeere hervor.

Von der Sonne vergoldet, reckt sich ein trockener Haselstrauch in die

Luft, und auf dunkelbraunem Torfboden erheben sich ganze Pilzfamilien,

zwischen denen rote Steinbeeren wie Korallen glänzen.

Während Pawliukan, in Unterwäsche und Weste, die erhitzten Pferde

ausspannte und umherführte, ging der Propst ein wenig im Walde

spazieren. Er holte sich aus dem Wagen einen kleinen Teppich und trug

ihn zu einer grünen Vertiefung, aus der lärmend und schäumend eine

Quelle sprang. Hier wusch er sich mit dem frischen Wasser und streckte

sich zur Ruhe auf dem Teppich aus. Das gleichmäßige Murmeln des Baches

und die Kühle umwehten wohltuend das von der Hitze ganz benommene Haupt

des Alten, und ohne es selbst zu merken, war er wider seinen Willen

eingeschlafen. Der Schlaf war stärker, er warf ihn nieder und hielt ihn

fest. Er wollte dem Pawliukan etwas sagen, aber der Schlaf hielt ihm

mit weicher Hand den Mund zu.

Der Traumgott hatte den Propst so in seiner Gewalt, daß Pawliukan

ihn vergebens an den Schultern rüttelte, um ihn zum Essen einer

vorzüglichen Grütze aus Buchweizen und frischen Pilzen aufzufordern.

Tuberozow blinzelte nur mit den Augen: »Iß, mein Lieber, ich schlafe so

süß,« -- und lag alsbald in noch tieferem Schlummer.

So verzehrte Pawliukan sein Mittagessen allein und folgte dann dem

Beispiel seines Vorgesetzten. Auch die Pferde wurden still, ließen die

Köpfe hängen und schlummerten ein.

Ringsum schien alles in einem Zauberschlaf zu liegen. Eine so

tiefe Stille herrschte, daß ein Hase, der aus der Waldestiefe

hinausgesprungen kam und sich, leise mit dem Schnurrbart wackelnd, auf

die Hinterbeine setzte, plötzlich ganz verlegen wurde und mit weit

zurückgeworfenen Ohren eiligst wieder im Walde verschwand.

Tuberozow ertappte sich beim Erwachen dabei, daß seine Lippen mit

großer Anstrengung die Worte »guten Tag« herausbrachten -- allem

Anschein nach als Erwiderung auf einen Gruß.

»Wen begrüße ich da? Wer war hier bei mir?« fragte er sich, den Schlaf

abschüttelnd. Und es wollte ihn bedünken, als hätte soeben jemand

neben ihm gestanden, kühl und still, in einem Gewande von der Farbe

einer reifenden Pflaume ... So deutlich empfand er alles, daß er

sich schnell, auf den Ellbogen gestützt, aufrichtete, aber nur den

schlafenden Pawliukan, seine braunen Pferde und den Wagen sah. Der

langen Ruhe satt, suchte das Seitenpferd sich den Halfter vom Kopfe zu

streifen. Es trat zur Seite, warf sich nieder, wälzte sich im Grase,

stand wieder auf und reckte witternd den Hals. Tuberozow war noch immer

im Halbschlaf. Das Pferd ging weiter, bückte sich nach dem dichten

Grase am Waldrand und biß die Spitze eines jungen Eichbäumchens ab.

Endlich kam es bis zu dem mit wildem Klee bewachsenen Grenzpfad und

zog die warme Luft ein. Sawelij sah immer noch vor sich hin und konnte

seinen Zustand nicht begreifen. Es war weder Schlaf noch Wachen. Die

Feuchtigkeit seines Ruheplatzes schien ihn betäubt zu haben; ihm war,

als wogten Dämpfe in seinem Kopf. Er rieb sich die Augen und blickte

in die Höhe: droben im Blauen über seinem Kopfe schwebte ein Rabe.

Oder war es ein Geier? Nein, es mußte ein Rabe sein. Er hielt sich

fester und zog weitere Kreise ... Jetzt kam es von oben herab wie

eine hingeworfene Handvoll Erbsen: ku--urlu. So schreit nur ein Rabe.

Wonach mag er spähen? Was will er? Vielleicht ist er des Kreisens müde

und möchte von dem Wasser unten trinken. Tuberozow kam eine Legende in

den Sinn, die sich auf diese Quelle bezog. Sie sollte einen wunderbaren

Ursprung haben. Das reine durchsichtige Becken der Quelle glich einer

in die Erde gegrabenen Schale von Kristall, welche einem Blitzstrahl

ihre Entstehung verdankte, der vom Himmel kam und tief in das Innere

der Erde drang. Gerade an der Stelle, wo vor sehr, sehr langer Zeit

ein vom Kampf ermatteter russischer Held hingesunken sein sollte, den

eine gewaltige Übermacht der Ungläubigen von allen Seiten umzingelte.

Rettung schien für den Ritter, der allein war, ganz unmöglich. Er

flehte zum Heilande, daß er ihn vor schimpflicher Gefangennahme

bewahre. In demselben Augenblick, so berichtet die Sage, zückte aus

völlig klarem Himmel ein Blitzstrahl nieder und sprang wieder in die

Höhe. Ein Donnerschlag folgte, so gewaltig, daß die Rosse der Tataren

in die Knie sanken und ihre Reiter abwarfen. Als sie sich erhoben, war

der Ritter verschwunden. An der Stelle aber, an welcher er sich eben

noch befunden, stieg, schäumend und wie tausend Diamanten glitzernd,

ein mächtiger Strahl kalten Quellwassers in die Höhe; in wildem Zorn

peitschte er die Wände des Erdkessels und als silbernes Bächlein floß

er weiter über die grüne Wiesenfläche.

Ein Wunder dünkt diese Quelle allen und das Volk behauptet, ihrem

Wasser sei eine Zauberkraft eigen, die selbst die Tiere und die Vögel

kennen. Alle wissen das, allen ist es bekannt, denn alle fühlen

hier die immerwährende geheimnisvolle Gegenwart des entrückten

Glaubenskämpen. Hier tut der Glaube Wunder und darum ist alles hier

so mächtig und so stark, vom Gipfel der hundertjährigen Eiche bis zum

Pilz, der sich zwischen ihren Wurzeln verbirgt. Sogar das scheinbar

ganz Abgestorbene wird hier wieder lebendig: Da steht der dünne,

vertrocknete Haselstrauch; er ist vom Blitz gestreift, aber auf der

Rinde, dicht über der Wurzel, bemerkt man, wie mit grünem Wachs

aufgestrichen, ein »Peterskreuz«, und von hier wird bald ein neues

Leben ausgehen ... Ja, die Gewitter sollen hier böse sein, heißt es.

»Freilich, freilich, es gibt bekanntlich solche Gegenden mit

außerordentlich starker elektrischer Spannung,« dachte Tuberozow, und

es kam ihm vor, als bewegten sich die grauen Haare auf seinem Kopfe.

Kaum war er aufgestanden, so erblickte er nur wenige Schritte entfernt

ein kleines blaßgelbes Wölkchen, dessen Umrisse sich fortwährend

veränderten, während es langsam den Grenzpfad entlang kroch, auf dem

sich das freigekommene Pferd herumtrieb. Es schien direkt auf das Pferd

loszusteuern. Aber als es bis zu ihm gekommen war, fing es plötzlich

zu hüpfen an, wirbelte empor und zerflatterte, wie der Rauch aus einem

Kanonenrohr. Das Pferd schnaufte wild und stürmte, kaum den Boden

berührend, angsterfüllt vorwärts.

Tuberozow sprang hastig auf, weckte Pawliukan, half ihm auf das andere

Pferd klettern und schickte ihn dem Flüchtling nach, von dem schon jede

Spur verschwunden war.

»Beeil dich, hol es ein,« sagte Sawelij zum Subdiakon und warf einen

Blick auf seine silberne Uhr: es war etwas über drei Uhr nachmittags.

Der Alte setzte sich barhäuptig in den Schatten, gähnte und fuhr

plötzlich zusammen, da er in der Ferne ein schweres Dröhnen vernommen

zu haben glaubte.

»Was ist das? Ein Gewitter?«

Er stand wieder auf, ging an den Waldrand hinaus und sah, daß von Osten

her wirklich eine dunkle Wolke heraufzog. Das Gewitter überraschte ihn

ganz allein.

Noch ein Schlag! Das Feld wogte heftiger und kalt wehte es darüber hin.

An die schwarze Wolke, welche den Osten ganz bedeckte, rückten von

unten her kleinere Wolkenballen heran, gleichsam von ihr heraufgezogen

wie Kulissen. Ab und zu brach eine Flamme zwischen ihnen durch. So

überschaut ein Zauberkünstler, der eine schauerliche Vorstellung geben

will, mit der Laterne in der Hand, noch einmal die dunkle Bühne, bevor

er alle Lichter anzündet und den Vorhang hochzieht. Die schwarze Wolke

kroch weiter und je näher sie rückte, desto undurchdringlicher schien

sie. Vielleicht läßt der liebe Gott sie vorüberziehen? Vielleicht

entlädt sie sich irgendwo weiter draußen? Doch nein! Schon zuckt

über ihren oberen Rand leise ein feuriger Streif und Blitze flimmern

und flackern plötzlich leuchtend durch die ganze finstere Masse. Die

Sonne ist nicht mehr zu sehen: Wolken haben ihre Scheibe bedeckt,

ihre langen, degenartigen Strahlen zucken noch einmal hell auf, um

dann auch zu verschwinden. Ein Wirbelwind erhebt sich pfeifend und

dröhnend. Wie Fahnen flattern die Wolken. Über das reifende Roggenfeld

laufen weiße Flecken wild hin und her. Einer scheint unmittelbar vom

Himmel herabzufallen, ein anderer setzt sich dick und breit hin.

Plötzlich laufen beide auf einander los, fließen in eins zusammen und

verschwinden. Am Feldrain schüttelt der Wind die Ähren so seltsam,

daß man meinen könnte, es wäre nicht der Wind, sondern ein lebendes

Wesen hätte sich am Boden versteckt und treibe wütend seinen Unfug.

Der Wald ist voll Lärm. Eine Zickzacklinie flammt über dem Walde auf;

eine andere zuckt hoch über den Wipfeln, und dann wird es still ...

ganz still! ... Kein Blitz, kein Wind: alles ist wie gebannt. Das

ist die Stille vor dem Sturm: alles, was noch nicht Zeit gehabt hat,

sich vor dem Unwetter zu verstecken, sucht diesen letzten stillen

Augenblick noch auszunutzen: ein paar Bienen fliegen an Tuberozow

vorüber, es ist, als flögen sie nicht, sondern als würden sie von

einem Windstoß fortgerissen. Aus dem dunklen Gesträuch, das jetzt ganz

schwarz erscheint, hüpfen ein paar erschrockene Hasen heraus und legen

sich in eine Furche. Über das Gras, das bei der Beleuchtung grau wie

Asphalt aussieht, rollt ein silberner Knäuel und verschwindet unter

der Erde. Es war ein Igel. Alles verbirgt sich, so gut es kann. Da als

letzter stürzt sich auch der Rabe, welcher vorhin so hoch schwebte, die

Flügel hart an den Rücken gedrückt, hinab auf den Wipfel eines hohen

Eichbaums, wo man ihn jetzt schwerfällig rascheln hört.

Achtzehntes Kapitel.

Tuberozow war nicht furchtsam, aber sehr nervös, und solche Menschen

werden bei starken elektrischen Entladungen von einer unwillkürlichen

und unbezwinglichen Unruhe befallen. Diese Unruhe verspürte auch er,

als er sich umschaute und überlegte, wo er wohl am besten vor dem

Gewitter, dessen Ausbruch unmittelbar bevorstand, geschützt wäre.

Seine erste Bewegung war, nach seinem Wagen zu laufen, einzusteigen

und sich zuzudecken; aber kaum hatte er hier Platz genommen, so begann

es im Walde zu knarren und zu krachen, und der Wagen wurde hin und her

geschüttelt, wie eine Kinderwiege. Auf diesen Unterschlupf war also

kein Verlaß: der Wagen konnte sehr leicht umgeworfen werden und ihn

erdrücken.

Tuberozow sprang wieder hinaus und lief ins Kornfeld. Der Wirbelwind

packte ihn bald von vorn, bald von der Seite, zwang ihn, stehen zu

bleiben, riß ihn an den Schößen zurück, pfiff, trompetete, winselte und

brüllte ihm in die Ohren.

Tuberozow lief wieder zur Quelle. Aber in dem Kristallbecken herrschte

eine noch größere Unruhe: das Wasser brauste und kochte, und durch

die Kreise, die es bildete, schien ein in der Tiefe verborgenes Wesen

sich emporarbeiten zu wollen. Plötzlich flammte es über der dunkeln,

bleiernen Wassermasse blutigrot auf. Es war ein Blitzschlag, aber

was für ein seltsamer Schlag! Wie ein Pfeil fuhr er, in zweimaligem

Zickzack gebrochen, von oben herab, spiegelte sich im Wasser wider

und wirbelte im selben Augenblick, ebenso gezackt, wieder zum Himmel

empor, als hätten Himmel und Erde einen feurigen Gruß getauscht. Ein

knatternder Schlag folgte, als stürzten sämtliche Dachplatten von

einem Hause herab, und eine gewaltige Wolke von Wasserstaub und Schaum

sprudelte springbrunnenartig aus der Quelle empor.

Tuberozow legte die Hände vor das Gesicht, sank auf ein Knie und befahl

Seele und Leben dem Allmächtigen. Jetzt brach auf den Feldern und im

Walde eine jener Gewitterkanonaden los, welche dem Menschen seine

völlige Hilflosigkeit gegenüber den Naturgewalten so besonders klar vor

Augen führen. Blitze flammten auf. Krachend folgte Schlag auf Schlag.

Mit einem Male sah Tuberozow, wie auf den dunklen Eichenstamm vor ihm

gleich einer trüben Lampe schimmernd eine Kugel zuschwebte. Mitten im

Gezweig des Baumes leuchtete der Funke plötzlich in blendendem Lichte

auf, wuchs zu einem großen Klumpen und zerstob. Ein furchtbares Getöse

erschütterte die Luft, dem alten Manne ging der Atem aus, um seine

Finger und Zehen drehten sich glühende Ringe, der Körper reckte sich

krampfhaft empor, knickte zusammen und fiel hin ...

Ein Bewußtsein erfüllte ihn noch: daß alles zusammenbrach. Daß das Ende

nahe! Weiter konnte er nichts denken ... Als er zu sich kam, wußte er

nicht, wieviel Zeit seit dem Augenblick vergangen war, da der Schlag

ihn getroffen, und wie lange er bewußtlos gelegen hatte. Er hörte nur

noch ein letztes, dumpfes, langsames Rollen weit droben, -- dann trat

völlige Ruhe ein. Das Wetter zog ab. Sawelij hob den Kopf, blickte um

sich und bemerkte in seiner nächsten Nähe auf dem Boden etwas Riesiges,

Unförmiges. Es war ein Haufen Zweige, der Wipfel des gewaltigen

Eichbaums. Wie mit einem Messer war der Baum dicht über der Wurzel

abgeschnitten und lag auf der Erde. Aus seinem Gezweig, das sich mit

den Kornähren des Feldes mischte, erklang das widerliche Kreischen des

Raben, der mit dem Baum gestürzt war. Ein schwerer Ast hatte ihn an

die Erde gedrückt, und nun riß er seinen purpurroten Rachen weit auf,

zuckte in Krämpfen und schrie verzweifelt.

Angewidert durch dies Schauspiel sprang Tuberozow mit einer

Geschwindigkeit und Leichtigkeit zur Seite, als wäre er nicht siebzig

Jahre alt, sondern siebzehn.

Neunzehntes Kapitel.

Das Gewitter hatte sich ebenso schnell verzogen, wie es gekommen war.

An Stelle der schwarzen Wolke hob sich vom blauen Grunde ein rosiger

Streifen ab. Auf dem nassen Hafersack, der auf dem Bock des Wagens

lag, saßen schon fröhlich zwitschernde Spatzen und zogen frech nasse

Körner durch die Löcher der feuchten Leinewand. Der Wald wurde wieder

lebendig. Irgendwoher kam ein leises, einschmeichelndes Pfeifen, und

auf den Rain ließ sich laut girrend ein Taubenpärchen herab. Das

Weibchen streckte seinen Flügel über dem Boden aus, strich ihn mit

seinem roten Pfötchen und richtete ihn segelartig empor, um sich vor

dem Freunde zu verbergen. Der Tauber blies den Kropf auf, machte eine

tiefe Verbeugung und sagte gefühlvoll: »Nur du!« Auf diese Begrüßung

folgten Küsse, und fieberhaft bebten die Flügel im dichten Gewirr der

Wermutstauden. Das Leben nahm wieder seinen Lauf. Pferdegetrappel

ertönte in nächster Nähe: Pawliukan kam zurück. Er ritt auf dem einen

Pferde und führte das andere am Zügel.

»Nun, lebt Ihr noch, Vater!« rief er lustig, auf den Wagen zureitend

und absteigend. »Ich eilte, was ich konnte, daß Ihr nicht allein vom

Unwetter überrascht würdet, aber wie der Donner plötzlich so dreinfuhr,

da bin ich, müßt Ihr wissen, vom Pferde runter einfach platt auf den

Boden gefallen ... Und hier hat's ja den Eichbaum abgeschnitten!«

»Ja, mein Freund, das hat es. Aber laß uns nun anspannen und fahren.«

»Gott, muß das eine Gewalt gewesen sein!«

»Ja, Freund, aber fahren wir.«

»Es weht jetzt so ein frischer Wind, da wird sich's herrlich fahren.«

»Ja, herrlich, aber spann nur schnell an.«

Und Tuberozow machte sich in seiner Ungeduld selbst an die Arbeit.

In wenigen Minuten waren die im Regen gebadeten Pferde angespannt, und

der Wagen des Propstes sauste dahin, fröhlich in den zahllosen Lachen

des furchenreichen Landweges plätschernd.

Die Luft war wunderbar frisch und rein. Ein warmes Licht lag über der

Landschaft. Leichter Dampf stieg von den Feldern auf. Es roch nach

feuchten Haselzweigen. Tuberozow fühlte sich in seinem Wägelchen so

wohl wie seit langem nicht. Er zog immer wieder tief Atem und freute

sich, daß er es so leicht konnte. Er kam sich vor wie ein Adler, dem

neue Flügel gewachsen waren.

Vor der Stadt begrüßte ihn helles Glockengeläute, das die Andächtigen

zum Vespergottesdienste rief.

Zwanzigstes Kapitel.

Der Wagen Tuberozows rollte in den Hof.

»Ach Gott, Vater Sawelij, wie hab' ich mich um dich gebangt!« schrie

Natalia Nikolajewna und stürzte ihrem Gatten entgegen. »Das furchtbare

Gewitter, -- und du warst ganz allein, mein Herz!«

»Ja, Liebste, ich war nur einen Schritt vom Tode entfernt.«

Und der Propst erzählte seiner Frau alles, was er an der Quelle erlebt

hatte, und fügte hinzu, daß er von nun an gleichsam ein zweites Leben

lebe, nicht mehr sein eigenes, sondern das eines andern. Es sei ihm

dies eine Lehre und zugleich ein Vorwurf, nie an die Vergänglichkeit

und Nichtigkeit seines kurzen Lebens gedacht zu haben.

Natalia Nikolajewna zwinkerte nur mit den Äuglein und sagte seufzend:

»Willst du jetzt nicht etwas essen?« -- Und als der Gatte daraufhin nur

verneinend den Kopf schüttelte, fragte sie, ob er Durst habe.

»Durst?« wiederholte Sawelij. »Ja, ich dürste.«

»Willst du Tee?«

Der Propst lächelte, küßte seine Frau auf den Scheitel und sagte:

»Nein, mich dürstet nach Wahrheit.«

»Ei was! Dank sei deinem Gotte! Alles, was du tust, ist gut.«

»Schon recht, schon recht, -- aber jetzt will ich mich waschen. Und du

erzählst mir indes, was sie hier mit dem Diakon anstellen.«

Und der Propst trat vor das glänzende kupferne Waschgerät und wusch

sich, und Natalia Nikolajewna berichtete ihm alles, was sie von Achilla

wußte, und zog daraus den Schluß, es werde damit nichts anderes

bezweckt, als ihm, ihrem Manne, etwas Böses anzutun.

Der Propst schwieg. Als er seine Toilette beendet hatte, nahm er Hut

und Stab und begab sich zur Kirche, wo der Vespergottesdienst bereits

begonnen hatte.

Fünf Minuten später stand er im Altarraum seitwärts vom Opfertisch am

Fenster und schrieb etwas auf ein Blatt Papier, welches er gegen das

schräge, von der untergehenden Sonne hell beleuchtete Fensterbrett

stützte. Was mag er da schreiben? Wir können es über seine Hand hinweg

ganz gut lesen. Folgendes stand auf dem an den Polizeichef Porochontzew

adressierten Blatte: »Da ich die Absicht habe, morgen anläßlich des

hohen Festtages eine feierliche Messe in der Domkirche abzuhalten,

so erachte ich es für meine Pflicht, Euer Hochwohlgeboren davon in

Kenntnis zu setzen, und knüpfe daran die ergebenste Bitte, heute noch

rechtzeitig allen Beamten davon schriftlich, gegen Empfangsbestätigung,

Mitteilung zu machen, damit dieselben in der Kirche erscheinen können.

Insonderheit bitte ich dieses denjenigen Herren Beamten zu empfehlen,

die am meisten dazu neigen, diese ihre Pflicht zu vernachlässigen, denn

ich bin entschlossen, über das schlechte Beispiel, das sie damit geben,

der Obrigkeit unverzüglich Bericht zu erstatten. Den Empfang dieses

Schreibens bitte ich Euer Hochwohlgeboren mir gütigst bestätigen zu

wollen.«

Der Propst ließ sich das Botenbuch bringen, setzte eine Nummer auf sein

Schreiben, trug es eigenhändig ins Buch ein und schickte den Glöckner

damit zu Porochontzew.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Die Nacht, welche diesem Abend im Hause Sawelijs folgte, erinnert uns

an jene, da wir den Alten über seinem Tagebuche sahen: er war ebenso

allein in seiner Stube, ging ebenso auf und ab, setzte sich ebenso hin,

schrieb und sann nach, -- aber sein Buch lag diesmal nicht vor ihm. Auf

dem Tisch, an den er immer wieder herantrat, lag ein kleines doppelt

gefaltetes Blättchen, und auf dieses Blättchen setzte er in winziger,

aber doch deutlich lesbarer Schrift folgende fragmentarische Notizen:

»Gott, gib Dein Gericht dem Könige und Deine Gerechtigkeit des Königs

Sohne.«

»Übliche Einleitung: meine gestrige Lage während des Gewitters. Der

Rabe: wie er sich vor dem Unwetter in der mächtigen Eiche verbergen

wollte und den Tod dort fand, wo er Rettung gesucht hatte.

Wie lehrreich mir das Beispiel dieses Raben scheint. Ist das Heil dort,

wo wir es wähnen, die Not dort, wo wir sie fürchten?

Unser maßloses Grübeln, das die Vernunft zu seinem Sklaven macht. Die

Gelehrsamkeit, welche die Möglichkeit einer Erkenntnis des bisher

Unfaßbaren leugnet.

Die Unvollkommenheit und die Unsicherheit unseres Wissens von der

Seele. Das mangelnde Verständnis für die Natur des Menschen und die

daraus folgende leidenschaftslose Gleichgültigkeit gegen Gut und Böse

und die falsche Beurteilung menschlicher Handlungen: Rechtfertigung

des nicht zu Rechtfertigenden und Verurteilung des Lobenswerten.

Verdient Moses, der den Ägypter schlug, vom verkehrten Standpunkt

gewisser Liberaler, die das heiße Vaterlandsgefühl verwerfen, nicht

Tadel? Verdient Judas der Verräter vom Standpunkt der ›blind im Gesetz

Ruhenden‹ nicht Lob, da er doch ›das Gesetz eingehalten‹, als er seinen

Meister verriet, den die Machthaber verfolgten? (Innozenz von Cherson

und seine Auslegung.) Auch unsere Tage sind reich an Verführung:

Vorwürfe gegen jene, die den Listen der heimlichen Feinde des Staates

nicht gleichgültig gegenüberstehen können. Der große Verlust der Sorge

um das Heil des Vaterlandes und als letztes Beispiel die Nachlässigkeit

in der Erfüllung der Gebetspflichten an den großen Festtagen des

Volkes, die zur bloßen Formalität geworden sind.

Auslegung der Worte: ›Gott, gib Dein Gericht dem Könige‹ in dem Sinne,

›daß wir ein geruhig und stilles Leben führen mögen‹ (St. Paulus).

Welchen Wert hat ein solches Leben? Beispiel: Rehabeam nach Salomo,

umringt von Freunden und Gespielen, die vor sein Antlitz treten und

ihm arglistig vorstellen, daß die Last des Volkes erleichtern eine

Erniedrigung seiner eigenen königlichen Würde bedeute, -- und wie er

infolge ihres Rates die Not Israels vergrößerte.

›Mein Vater hatte ein schweres Joch auf euch gelegt; ich aber will zu

eurer Last noch zulegen‹ (1. Kön. 11, 12). Das Unglück, das dadurch

entstand und die Teilung des Reiches.

Hieraus geht klar hervor, daß wir wünschen und beten müssen, daß das

Herz des Herrschers sich in niemandes Händen befinde, es sei denn in

den Händen Gottes.

Wir aber achten in unserer Sündhaftigkeit dieser Sorge nicht, und wenn

ich an einem solchen Tage das Gotteshaus nicht leer sehe, so weiß

ich erst gar nicht, wie ich das deuten soll! Ich suche nach Gründen

und sehe, daß sich dieses einzig durch die Angst vor meiner Drohung

erklären läßt, und daraus schließe ich, daß alle diese Beter ungetreue

und faule Knechte sind, und daß ihr Gebet kein Gebet ist, sondern ein

Schacher, ein Schacher im Tempel, angesichts dessen unser Herr und

Heiland Jesus Christus nicht nur in seinem göttlichen Geiste ergrimmte,

sondern auch eine Geißel nahm und sie aus dem Tempel vertrieb.

Die Klerisei · 第 17 / 25 段